Mit ‘Will Tremper’ getaggte Beiträge

Die Geschichte von PLAYGIRL, oder BERLIN IST EINE SÜNDE WERT, wie er ursprünglich heißen sollte, Trempers viertem und vorletztem Spielfilm, seinem letzten in Deutschland, beginnt schon während der Dreharbeiten zu DIE ENDLOSE NACHT: Schon da tauchte die Renzi, die damals noch Evelyn Renziehausen hieß, am Set auf und bat um die Möglichkeit, in seinem Film mitzuspielen. Tremper bot ihr an, im Bildhintergrund ihren Freund zu küssen, vergaß sie jedoch über der Arbeit und vertrieb die schon damals über ein, ähem, „gesundes“ Selbstbewusstsein verfügende Frau, die wutentbrannt über diese Schmach den Drehort verließ. Laut Trempers Buch „Große Klappe“ soll sie auf der Party, auf der sie nach ihrer Flucht landete, geschwängert worden sein: Anouschka Renzi wäre demnach das Ergebnis eines gescheiterten Filmengagements.

Nach dem Ende der Dreharbeiten, DIE ENDLOSE NACHT lief mittlerweile im Kino, begegnete Tremper der Renzi erneut. Sie war schwanger und gab ihm offen die Schuld daran – schließlich wäre nichts passiert, hätte er sie damals nicht vergessen –, war aber immer noch erpicht darauf, als Schauspielerin Karriere zu machen. Ihrer Schönheit und ihrem forschen, frechen Auftreten erlegen, plante Tremper sogleich einen Film mit dem Titel „Das Ärgernis“, der von der ungewollten Schwangerschaft einer jungen, hübschen Frau handeln sollte. Doch auch dieser Film scheiterte noch in der Planungsphase am Eigensinn der Renzi, die sich damals schon für einen Superstar hielt, der genau das zustand, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte: Sie hatte sich gegen eine Vertragsklausel widersetzt, die ihr verbat, über den Film zu reden oder gar eigenmächtige Promotermine wahrzunehmen. Tremper, wissend, dass er sie an der kurzen Leine halten musste, um nicht völlig die Kontrolle über sie zu verlieren, blieb konsequent und ließ „Das Ärgernis“ kurzerhand platzen. Es bedurfte einer dritten Begegnung der beiden, um der Renzi mit PLAYGIRL, ihrem Spielfilmdebüt, zu einer kurzen Weltkarriere – ihr Eigensinn und ihre Unfähigkeit zur Diplomatie verhinderten einen anhaltenden Erfolg – und ihrer 13 Jahre dauernden Ehe mit Paul Hubschmid zu verhelfen.

Bildschirmfoto 2014-02-22 um 12.02.46Angeblich meldete sich Eva Renzi via Telefon bei Tremper, um ihm von ihrem Entschluss zu berichten, nach New York zu gehen und es am Broadway zu versuchen. Immer noch begeistert von ihrer Art und von ihrer umwerfenden Schönheit sowieso, „überredete“ er sie schließlich zu einem erneuten Anlauf. Flugs improvisierte Tremper eine Prämisse für den Film – eine  gebürtige Berlinerin, ein Starlet, das den Männern gewohnheitsmäßig die Köpfe verdreht, Alexandra Borowski, kehrt als Erwachsene in die deutsche Metropole zurück und versucht dort ihren Weg zu gehen, wobei natürlich diverse Männergeschichten nicht fehlen dürfen. Es war kaum mehr als ein leichter Story-Überwurf für seinen weiblichen Star, der Tremper mit PLAYGIRL eine Bühne bereitete, auf der sie ihre Persönlichkeit ungehindert entfalten durfte. Das tat sie dann auch, allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen. Als sie an einem wichtige Drehtag einfach nicht erschien, unauffindbar blieb und alle in Sorge versetzte, nur um dann doch noch aufzutauchen und sich damit zu entschuldigen, dass sie lieber einen Fototermin wahrgenommen hatte, hätte Tremper sie nach eigener Beschreibung beinahe mit einem Stuhl erschlagen. Das Verhältnis der beiden erholte sich nicht mehr davon, Tremper gab Regieanweisungen nur noch über einen Dritten an sie weiter und kurbelte den Film danach mehr oder weniger leidenschaftslos herunter:

„[…] nun fehlte nur noch der Schluß. Meine Leidenschaft für die Renzi aber war inzwischen auf Null gesunken. Ich saß mit meiner Cutterin Ursula Wöhrle bei Geyer im Schneideraum und mußte mich täglich fragen lassen: Wie endet das Ganze? Um hilflos immer wieder zu antworten: Ach, irgendwie, ist doch scheißegal. Wahrscheinlich heiratet der Leipnitz sie, und sie kriegen Kinder. So what? […] Das Ergebnis wirkte, in der Tat, wie ein Eimer Wasser ins Gesicht der Zuschauer, die sich anderthalb Stunden lang an einem relativ originellen Film erfreut hatten. Die Kritiker, die durch die Bank Gefallen an PLAYGIRL gefunden hatten, wurden ohne Ausnahme wütend über diesen Schluss. Aber mir war das zu diesem Zeitpunkt wirklich ,scheißegal‘. Die Luft war raus aus dem Unternehmen Eva Renzi. Ich war ja nicht angewiesen darauf, daß ich Filme machte.“

Dieser Haltung, die am Ende verantwortlich dafür war, dass PLAYGIRL die Kritiker verärgerte, verdankte der Film aber auch erst jene Frische und Unbekümmertheit, die ihn auszeichnen und ihm auch heute noch jenen Charme und jene Atmosphäre verleihen, die ihn einzigartig machen. Tremper verfolgt wie schon bei DIE ENDLOSE NACHT keinen strikten Plan, er entwirft lediglich Situationen für seine Darsteller, gibt ihnen Stichworte, um dann zu schauen, was passiert, sich überraschen zu lassen. Viele Szenen werden auf dem Fleck improvisiert und gewinnen dadurch eine Lebendigkeit, die ein ausgefeiltes Drehbuch nicht ersetzen kann. Dann immer wieder brillante Dialogeinfälle: Die Szene, in der Alexandra Borowski (Eva Renzi) den 20 Jahre älteren Unternehmer Joachim Steigenwald (Paul Hubschmid) – als sein Büro diente das von Axel Springer – auf den Krieg und „diesen Hitler“ anspricht, zwei Dinge, die für sie so fremd sind wie Märchen, für ihn aber ein Stück lebendige Vergangenheit bedeuten, sagt mehr darüber aus, wie es in Deutschland, vor allem im geteilten Berlin der ersten Nachkriegsjahrzehnte, gewesen sein muss, als Dutzende von pädagogisch wertvollen Dokumentationen. Ein kurzer Auftritt von Paul Kuhn am Klavier, einen verschlafenen Blues improvisierend, kristallisiert jenen Schwebezustand zwischen Müdigkeit und Euphorie nach einer tollen Nacht, Dutzende interessanter Figuren streifen durch den Film, wecken kurz unsere Aufmerksamkeit und verlassen uns dann wieder, wenden sich ihrem Leben jenseits der Kamera zu, ohne noch weitere Gedanken an uns zu verschwenden.Bildschirmfoto 2014-02-21 um 23.25.48Und dann immer wieder Eva Renzi: Die verzaubert die Kamera, spielt ihr Spiel mit ihr, wird von ihr zärtlich und bewundernd umschmeichelt, umgarnt und angeflirtet, genießt es im Gegenzug, den männlichen Zuschauer anzumachen, zu teasen, wie sie das wahrscheinlich mit Tremper, Leipnitz und Hubschmid tat. Sie zeigt ihre Reize, ohne sich aufzudrängen, bewahrt ihr Mysterium und eine gewisse Unnahbarkeit. Sie macht wahrscheinlich 75 % des Films aus, bringt jene Unbekümmertheit mit, die wohl nur ein Amateur besitzt, jemand, der keinerlei Wissen über Schauspielerei mitbringt, aber trotzdem ganz genau weiß, wie er sich vor der Kamera bewegen muss. Aber ein Film, der sich ganz seiner Hauptdarstellerin ausliefert, sie gerade in ihrer Impulsivität und Spontaneität bestärkt und sie möglichst wenig einengt, macht sich eben auch entscheidend von ihr abhängig: PLAYGIRL mäandert zwischendurch ziellos umher, auf der Suche nach dem Leben. Er ist Ebbe und Flut, hat die Aufmerksamkeit des Zuschauers mal ganz fest in der Hand, nur um sie dann wieder loszulassen. Und man spürt, wie ihm (und Tremper) gegen Ende die Geduld und die Puste ausgeht, den Launen der Renzi weiter zu folgen. Sie ist ein Playgirl: Ganz Ich, und alles um sie herum ist für sie immer nur im Bezug auf ihr eigenes Selbst interessant. PLAYGIRL kulminiert dann auch in einem Solotanz: Die Renzi allein auf der Bühne einer menschenleeren Halle, völlig aufgelöst und verloren in der Musik, Leipnitz und Hubschmidt auf der Balustrade, das Objekt ihrer beider Begierde gleichermaßen bewundernd wie resigniert beobachtend: Sie werden sie niemals ganz besitzen.

Bildschirmfoto 2014-02-22 um 12.12.57

DIE ENDLOSE NACHT, der zweite Film von Will Tremper, dessen Laufbahn in den letzten Kriegsjahren als Fotograf und Journalist in Berlin begonnen hatte, ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall. Wie ein Fotograf, dessen Erfolg wesentlich davon abhängt, ob es ihm gelingt, diesen einen Moment zu antizipieren, den mit seiner Kamera festzuhalten lohnt, hat Tremper als Regisseur mit jeder intuitiv getroffenen Regieentscheidung das richtige Näschen bewiesen. DIE ENDLOSE NACHT zeichnet sich nicht durch einen geniale Idee aus – man müsste richtigerweise sogar sagen, dass der Schlüssel zu seinem Erfolg der Verzicht auf ein vorbelastendes und einengendes Konzept war –, sondern durch eine unbeschreiblich dichte Atmosphäre, das Gefühl für den Moment, den Blick für das kleine, aber bedeutsame Detail, den Mut, die Dinge laufen, den Augenblick atmen, sich entwickeln zu lassen. Immer nachts drehte Tremper in der Abflughalle des Flughafens Tempelhof, versammelte Freunde und Bekannte um sich, brachte zufällig Vorbeikommende dazu, spontan mitzumachen (so landete etwa Mario Adorf für ein paar Sekunden im Film und in den Credits), und überlegte sich von einer Sekunde auf die nächste, was sie für ihn spielen sollten. Ein Drehbuch gab es nicht, nur einen losen Plan und ein Team, das die Bereitschaft zeigte, die Ideen ihres Regisseurs in die Tat umzusetzen. Das Faszinierende an DIE ENDLOSE NACHT: So sehr der Film von dieser Spontaneität profitiert – über die Darbietung von Hannelore Elsner schreibt Tremper in seinem Buch „Große Klappe“ etwa, sie habe stets „genau auf der Grenze zwischen ,Was tue ich eigentlich hier?‘ und ,Mal sehen, was das wird!'“ gespielt, man merkt ihm zu keiner Sekunde an, dass er quasi on the spot improvisiert wurde, keiner der Betiligten zu Beginn einer Szene wirklich wusste, wie sie enden würde. Das verleiht dem Film seinen enormen Realismus, der wiederum wie das Ergebnis akribischer Planung anmutet.

Man könnte sagen, dass Tremper den Kern seiner Geschichte, wenn man sie denn so nennen will, zum bestimmenden Paradigma seiner Erzählung macht: Es geht um die Verwischung der Grenze zwischen Zufall und Schicksal, um die Gleichzeitigkeit des Banalen und des Bedeutungsvollen, das Ineinanderfließen der beiden. Angesiedelt an einem Nicht-Ort, der Abflughalle eines Flughafens, der eine Art Limbo darstellt, in dieser endlosen Nacht mehr noch als sowieso schon, weil alle, die sich dort aufhalten müssen, zum ungewissen Warten auf das Ende des Nebels verdammt sind, der allen Flugverkehr auf unbestimmte Zeit zum Erliegen gebracht hat. Der Ort hat für sich genommen keinerlei Bedeutung, weil er nur einen Knotenpunkt markiert: Er ist nur in Bezug auf seine Funktion, Menschen von A nach B zu bringen, wichtig. Und an diesem Nicht-Ort finden sich verschiedenste Menschen auch in einem existenziellen Dazwischen, vor die Frage gestellt, wie es von hier aus weitergehen soll. Da ist der Unternehmer Spitz (Harad Leipnitz), der auf die Ankunft eines Geschäftspartners wartet, dessen Geld allein ihn vor dem Gefängnis bewahren kann, und seine Freundin Lisa (Karin Hübner), die er als „Incentive“ einzusetzen gedenkt; eine Frau (Louise Martini), die im Begriff ist, mit ihrem italienischen Lover (Narziss Sokatscheff) durchzubrennen, bevor dann ihr Gatte (Werner Peters) mit den gemeinsamen Kindern im Schlepptau auftaucht; ein Starlet (Hannelore Elsner), das ohne einen Pfennig Geld gestrandet ist und nun verzweifelt nach einem Mann sucht, der sie aushält; ein alternder Theaterschauspieler (Fritz Rémond), der durch die Verspätung des Fliegers nach Hannover vor dem Karriereaus steht; ein Handwerker, der die unerwartete freie Zeit dazu nutzt, seine Geliebte aufzusuchen, bevor ihm einfällt, dass seine Ehefrau es ihm gleichtun könnte; schließlich ein Geschäftsmann (Bruce Low), der sich in eine Schalterangestellte (Alexandra Stewart) verliebt und sie davon zu überzeugen versucht, mit ihm zu kommen. Ihre Wege – und die einiger weiterer Figuren – kreuzen sich, sie beeinflussen sich mal mehr, mal weniger, bevor sie sich wieder trennen und ihren Weg allein weiterverfolgen. Für manchen trägt der Ausgang dieser Nacht schicksalhafte Züge, für andere ist es nur eine weitere von vielen Nächten. Manche Geschichten sind dramatisch, andere beinahe banal, bei manchen hängt die Bewertung von der Perspektive ab. Es ist nicht zuletzt der Ort, die beinahe sakrale Atmosphäre, die in dieser riesigen Halle hängt und Menschen zusammenführt, die sich sonst nie begegnet wären, die den einzelnen Episoden ihre Bedeutung verleiht.

Bildschirmfoto 2014-02-09 um 00.35.33

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens wurden DIE ENDLOSE NACHT und Will Tremper als die Hoffnung des deutschen Kinos gefeiert, als Versprechen eines neuen, echten, relevanten deutschen Films. Er wurde mit Preisen überhäuft, erhielt den Preis der deutschen Filmkritik und das Filmband in Silber. Harald Leipnitz wurde ebenso ausgezeichnet wie Walter Buschhoff, Komponist Peter Thomas und Kameramann Hans Jura (der zuerst der Meinung war, man könne aufgrund der Lichtverhältnisse in Tempelhof unmöglich in CinemaScope drehen). Nur das Publikum wollte diese Euphorie nicht teilen und verhinderte letztlich, dass der Film die Erwartungen seiner Fürsprecher erfüllen konnte. Tremper, ein eher rastloser Charakter, drehte im weiteren Verlauf der Sechzigerjahre noch einige Filme mit (in seiner Film-Autobiografie gut nachvollziehbarem) stetig nachlassendem Interesse und wandte sich dann schließlich wieder der Schreiberei zu. DIE ENDLOSE NACHT, ein außergewöhnlicher deutscher Film, der im Idealfall vielleicht eine Art deutscher Nouvelle Vague hätte lostreten können, geriet mit seinem Schöpfer in Vergessenheit und wurde erst vor zwei Jahren wiederentdeckt. Er bietet seinem Betrachter nicht nur ausgesucht schöne Bilder nächtlicher Melancholie, sondern darüber hinaus ein absolut magisches, sinnliches Erlebnis, dessen Wirkung sich einfach nicht adäquat in Worte kleiden lässt. Schon jetzt ganz sicher einer der Höhepunkte meines Filmjahres.