Mit ‘William Castle’ getaggte Beiträge

msardTatsächlich der erste Castle, den ich in diesem Blog bespreche – und meines Wissens überhaupt erst der zweite, den ich überhaupt gesehen habe. Vielleicht auch eine Lücke, die ich mal schließen sollte. Wobei mir MR. SARDONICUS gestern, im Kino bei Mondo Bizarr, zum Abschluss einer arbeitsreichen Woche ein bisschen zu gemütlich war. Während des Mittelteils bin ich dann auch sanft ins Land der Träume hinabgesunken, um pünktlich zum putzigen Finale wieder aufzuwachen. Mein grenzenloses Pflichtbewusstsein trieb mich daraufhin heute früh in den Wald, wo ich eine Kopie unter einem bemoosten Stein finden konnte: So steht einer belastbaren Besprechung doch nichts im Weg. Fakten, Fakten, Fakten und an die Leser denken: So bin ich.

Auch William Castle denkt zu Beginn des Films an sein Publikum: Im dicken Londoner Nebel wendet er sich an die Zuschauer und zitiert aus einem sehr dünnen „Wörterbuch“, was ein „Ghul“ sei. Mit MR. SARDONICUS hat diese Erläuterung aber denkbar wenig zu tun: typisch Castle’sches showboating eben. Sein Film bedient sich eher bei der seit PSYCHO auch im Horrorfilm salonfähig gewordenen Psychologie. Trotz seines bedeutungsschwangeren Geschwafels über Vampire entpuppt sich der titelgebende Schurke am Ende als traumatisierter, bemitleidenswerter Tropf, dem der Held des Films mit einer Schocktherapie auf die Sprünge hilft. Glaubt man der letzten Szene von MR. SARDONICUS, darf man eine güldene Zukunft für ihn trotzdem für höchst fraglich erachten. Im Gegenteil: Jetzt, wo er geheilt ist und ihm seine vorigen moralischen Fehltritte als solche bewusst sind, ist er eigentlich erst so richtig arm dran und sein Schicksal wenig erquicklich.

MR. SARDONICUS ist Gothic Horror Marke Castle, bedient sich in seiner Prämisse unverkennbar bei Stokers „Dracula“ und lässt den Mediziner Cargrave (der soeben die Spritze erfunden hat) nach Transsilvanien reisen, wo seine Ex-Geliebte Maude mittlerweile mit dem von der Landbevölkerung gefürchteten Baron Sardonicus (Guy Rolfe) auf dessen Schloss lebt. Sie wurde von ihrem in Geldnöten befindlichen Papa verheiratet und fühlt sich allein, zumal ihr Gatte reichlich eigenwillige Verhaltensformen zeigt. Er trägt aufgrund einer bösen Entstellung eine gruselige Maske, hält sich ein einäugiges Faktotum namens Krull (Oskar Homolka) und quält eine Bedienstete, indem er ihr Blutegel ins Gesicht setzt. Der fortschrittliche Cargrave ist entsetzt über solche auf Aberglauben basierenden Methoden und ordnet das einzige Mittel an, das in solchen Fällen von Blutegel-Missbrauch hilft: Fleischsaft! Als Mann der Aufklärung begnügt er sich nicht mit der Rolle des höflich-passiven Gastes, sondern beginnt des Nachts herumzuschleichen, nachzuforschen und generell Dinge zu tun, die man eigentlich nicht macht, wenn man irgendwo eingeladen ist, z. B. an der Gattin des Hausherrn herumzugraben. Aber es ist ja nur zu dessen Besten. Nee, is‘ klar.

Der schurkische Sardonicus ist Opfer eines Traumas, das er sich als junger Mann zuzog, als er das Grab seines verstorbenen Vaters öffnete, um ein Lotterieticket zu bergen, das der spricchwörtlich mit ins Grab genommen hatte. Der Gewinn machte ihn zwar zum reichen Mann, aber zu welchem Preis? Der Anblick des toten Papas ließ sein Gesicht zu einem grotesken Grinsen gefrieren, das auch Conrad Veidt in THE MAN WHO LAUGHS zeigte. Nun soll der englische Arzt ihn heilen, doch alle medizinischen Kniffe versagen, sodass die gute alte Psychotherapie herhalten muss. Das Castle’sche Gimmick, das Publikum mittels Pollkarten über das Schicksal Sardonicus‘ abstimmen zu lassen, ist eine schöne Ente, weil er natürlich voraussahe, dass niemand vorhatte, Gnade walten zu lassen, sodass er auch nicht erst ein alternatives Ende drehte. (Die Szene, in der Castle sich ans Publikum wendet, um das Ergebnis der Abstimmung auszuwerten, fehlt dann auch in der deutschen Fassung.) So hat der Bösewicht zwar sein Gesicht wieder, aber er ist unfähig, seinen Mund zu öffnen: Während Krull genüsslich einen Muffin mampft,schmiert Sardonicus sich hilflos ein Hähnchenbein durchs Gesicht und guckt zum Finale unglücklich in die Kamera. That’s all folks!

 

 

 

bugBUG wurde produziert vom großen Showman William Castle – letzter Akt eines ereignisreichen Lebens – und handelt deshalb auch nicht von irgendwelchen Käfern, sondern – wie es der deutsche Titel in einem typischen Fall von Spielverderberei vorwegnimmt – von Feuerkäfern, also von kleinen Krabblern, die in der Lage sind Büsche und Haare, aber auch Autos und Häuser in Brand zu setzen. Schön bescheuert, aber jetzt kommt die große Überraschung: Diese Idee wird nämlich nicht etwa für einen absurden Tierhorror-/Katastrophenfilm-Quatsch ausgeschlachtet, sondern von Regisseur Jeannot Szwarc als ernstes Wissenschaftlerdrama mit deutlichen Ambitionen Richtung Psychogramm inszeniert. Das ist an sich schon wieder so kurios, dass man BUG dafür lieben muss, auch wenn der Film selbst einem leider nicht allzu viele Gründe dafür liefert.

Nach einem Erdbeben bricht in einer Kleinstadt in der Wüste eine tiefe Erdspalte auf, die eine bislang unbekannte Käferart zu Tage fördert. Die äußerlich an Schaben erinnernden Käfer sind größer, schwerer und kräftiger als vergleichbare Insekten, komplett regungslos und verfügen außerdem über die Fähigkeit, Feuer zu machen. Der Lehrer und Wissenschaftler James Parmiter (Bradford Dillman) untersucht die Tiere und findet heraus, dass die Atmosphäre an der Erdoberfläche tödlich für sie ist. Es gelingt ihm, ein Exemplar in einer Druckkammer am Leben zu halten und daraus eine neue Käfergattung zu züchten, die mit ihm in einer Art telepathischen Beziehung steht …

BUG beginnt zunächst typisch für einen Tierhorrorfilm der Siebziger, eines Subgenres, das in enger Verbindung zum zur selben Zeit reüssierenden Katastrophenfilm steht. Nach dem initialen Erdbeben werden die seltsamen Käfer entdeckt, die auch sogleich die ersten Toten fordern, woraufhin der Protagonist eingeschaltet wird. Der Weg scheint vorgezeichnet: Die Käfer bedrohen Stadt und Bevölkerung, bis dem Helden endlich einfällt, wie man die Krabbeltiere beseitigen kann. Doch es kommt alles ganz anders. Eine echte Bedrohung geht von den Tieren nie aus, außer Parmiter und einigen wenigen anderen Nebenfiguren bekommt gar niemand überhaupt mit, was da draußen vor den Toren der Stadt kreucht und fleucht. BUG entwickelt sich vielmehr zum Kammerspiel, folgt den Forschungen Parmiters, der selbst nie in Gefahr ist, aber sich in eine echte Besessenheit hineinsteigert, nachdem seine Frau den Tierchen zum Opfer fällt. Von diesem Moment an steht die zerrüttete Psyche Parmiters im Mittelpunkt, der für seine Züchtung zum Alphakäfer avanciert, dem die Insekten in der bizarrsten Szene des Films Liebesbotschaften an die Wand schreiben. Natürlich fällt er am Ende genau dieser Besessenheit zum Opfer: Er stürzt in die Erdspalte, aus der die Feuerkäfer einst nach oben gekrabbelt waren und die sich nun wieder schließt.

Der Mut von Jeannot Szwarc, diesen Stoff so zu inszenieren, wie er das getan hat, muss bewundert werden. Statt auf Knalleffekte und kreischende Feuerkäfer-Opfer setzt er auf Suspense und eine düstere, unangenehme Atmosphäre, die nicht zuletzt das Resultat von Charles Fox‘ Elektronikscore ist, der etwas an die Geräuschkulisse in Computerzentralen preisgünstiger Science-Fiction-Filme erinnert: Es fiebt, tütet, klimpert und klackert, dass einem dabei ganz schwurbelig wird. Parmiters geistiger Verfall wird einigermaßen glaubwürdig herausgearbeitet und wenn er am Ende sieht, wie sich seine Schöpfung aus den Tiefen der Erde erhebt, könnte das auch seinem Wahn entspringen. Als Psychothriller ist BUG also um Längen effektiver als als Horrorfilm. Das ändert aber leider nichts daran, dass die Prämisse und ihre Umsetzung hochgradig albern sind und der Film darüber nie so ganz hinwegzutäuschen vermag. Wenn Menschen angesichts einiger verienzelt herumsitzender Käfer in panische Schreiattacken ausbrechen oder ganz einfach unfähig sind, sich die Biester vom Körper zu wischen, sich stattdessen lieber verbrennen lassen, dann überträgt sich der „Schrecken“ einfach nicht auf den Betrachter. Und je länger der Film dauert, je klarer es wird, dass es nicht zur großen Käferapokalypse kommen wird, umso mehr fragt man sich auch, was das Ganze eigentlich soll. Um bei Parmiters Niedergang wirklich mitgehen zu können, müsste man sich mehr für sein Forschungsobjekt interessieren. Aber das sind einfach ein paar dämliche Schaben, deren Faszinationspotenzial sich dem Nicht-Käferenthusiasten nicht wirklich erschließen mag.

In der Theorie finde ich BUG also total super, praktisch habe ich mich während der 95 Minuten aber überwiegend königlich gelangweilt.