Mit ‘William Kaufman’ getaggte Beiträge

Prag: Der Profikiller Ray Carver (Cuba Gooding jr.) wird von der Mafiaorganisation der Suverovs engagiert, die konkurrierenden Crime-Family der Tavanians auszulöschen. Den entscheidenden Anschlag überleben aber einige der Zielpersonen und wollen nun Rache üben. Die Suverovs rüsten infolgedessen auf, indem sie den berüchtigten Aleksey Andreev (Dolph Lundgren), genannt „der Wolf“, auf ihre Gegner ansetzen. Und zu diesen gehört seit seinem Versagen auch Ray, der außerdem um Karmaausgleich bemüht ist …

Nach seinem THE HIT LIST, der weniger durch Authentizität und Rohheit, sondern mit einer geschliffenen, konstruierten Storyline auffiel, kehrt Regisseur Kaufman mit ONE IN THE CHAMBER wieder zur No-Nonsense-Action zurück, die weniger mit originellen Ideen aufwartet, als vielmehr mit äußerst konsequenter Aufbereitung des Altbekannten. Unterstrichen wird dies durch den Schauplatz des Films: ONE IN THE CHAMBER reiht sich nahtlos in die immer länger werdende Liste der Ostblock-Actioner ein, sodass sich der Vergleich mit Filmen wie ASSASSINATION GAMES, BORN TO RAISE HELL oder DIRECT CONTACT geradezu aufdrängt. Wie diese zeichnet sich Kaufmans Film durch seine skrupellosen russischen Schurkenfiguren aus, deren Vulgarismus und Brutalität nicht zuletzt in ihrem Akzent Ausdruck findet, durch die zwischen barockem Pomp und ruinösem Verfall befindlichen Settings und die Betonung eines brutalen, völlig aus den Fugen geratenen Kapitalismus, in dem das Verbrechen einen fruchtbaren Nährboden gefunden hat. Wo anders als hier könnte ein Killer zu dem Schluss kommen, dass es an der Zeit ist, Abbitte zu leisten?

Dieser Aspekt des Films ist zwischen etlichen dynamisch inszenierten Actionszenen der einzige erzählerische Kniff, der einzige ornamentale Schlenker im unaufhaltsamen Geradeaus, den sich Kaufman erlaubt: Und er bleibt dabei gnadenlos unterentwickelt. Auch die Reue des Killers ist nur noch ein Zitat, bloße Konvention, die gar nicht mehr mit Leben gefüllt wird. Dazu passt auch, dass es den Killer, dem ein geradezu mythischer Ruf vorauseilt, schon in THE PRODIGY gab und Goodings Carver als Vorstufe zu seinem Charakter aus THE HIT LIST gesehen werden kann.) Aber in der tristen Welt von ONE IN THE CHAMBER erscheint es wie ein unerklärliches Rätsel, dass ein Killer der Frau nachstellt, die er einst zur Halbwaise gemacht hat, um seine Fehler wiederguzumachen. Da drängt sich ein anderer Film in den Film, einer, in dem für solche Sentimentalitäten tatsächlich Platz ist, in einen, der weiß, dass das es sowas nur im Kino gibt. Gleiches gilt für den Noir-inspirierten Voice-over Rays: Hier wird versucht, etwas festzuhalten, was längst entglitten ist. Der, der die konfligierenden Qualitäten des Films in sich vereint, ist Dolph Lundgren als Andreev, ein wandelnder Cartoon, der trotzdem glaubwürdig ist. Im kecken Leinenhut, in grelle Hawaiihemden und kleinbootgroße Designerschuhe gekleidet, walzt er durch den Film, seinen Beruf gleichermaßen mit Freude und Humor wie großer Effizienz und Sachlichkeit ausführend. Er ist eine Figur, die im kommerziellen Idealfall ein Spin-off inspirierte, ein buchstäblicher Farbtupfer im allumfassenden Grau. Und Lundgren spielt diese Figur mit großer Energie und sichtbarem Spaß. Die Rolle, die ihm eigentlich Stallone für THE EXPENDABLES auf den hünenhaften Leib schreiben wollte, hat er von Kaufman bekommen.

Obwohl ONE IN THE CHAMBER hinischtlich seiner Inszenierung wie aus einem Guss ist, meisterlich in der Gestaltung der Actionszenen und der Schauspielerführung und darüber hinaus immens kurzweilig, bin ich doch ein bisschen enttäuscht. Anstatt seinen eigenen, in THE PRODIGY und SINNERS & SAINTS etablierten Stil weiterzverfolgen und auszuarbeiten, wirken seine beiden letzten Filme auf mich eher unpersönlich, so als hätte er in seinem Vorhaben der Formalisierung ein Stück seiner Identität verloren. Ich bin trotzdem gespannt, wie es mit ihm weitergeht, denn eine gewichtige Stimme im Bereich des DTV-Actioners ist er immer noch.

Allan Campbell (Cole Hauser) hatte einen Scheißtag: Die fest eingeplante Beförderung ging an seinen schleimigen Kollegen, zu Hause erwischt er seine Frau (Ginny Weirick) mit seinem besten Freund im Bett und außerdem plagen ihn Schulden bei einem lokalen Gangster. Als er abends in der Bar die Bekanntschaft von Jonas (Cuba Gooding jr.) macht, will er einfach nur reden. Doch der Fremde gesteht ihm nach einiger Zeit, dass er ein Profikiller ist und überredet Allan fünf „Ziele“ auf eine Serviette zu schreiben. Der glaubt an einen Spaß und schreibt die Namen all jener auf, die für seine missliche Lage verantwortlich sind. Doch am nächsten Tag erfährt er, dass sein Chef ermordet wurde …

Nach dem düsteren Copfilm SINNERS & SAINTS, der sich ästhetisch etwas an der Authentizität der Fernsehserie THE SHIELD orientierte, versucht sich Kaufman mit THE HIT LIST erfolgreich an einem Was-wäre-wenn-Szenario, das in seiner Grundkonstellation ein bisschen an Hitchcocks STRANGER ON A TRAIN erinnert. Der Ottonormalverbraucher Allan, ein „Opfertyp“, wird endlich mal beim Wort genommen, obwohl er das gar nicht will, und sieht sich plötzlich im Mittelpunkt eines Kampfes um Leben und Tod. Aber natürlich wächst er an dieser Aufgabe: Er wird von dem Killer mit dem Gottkomplex dazu gezwungen, endlich einmal die Initiative zu ergreifen und zu handeln. Natürlich geschieht das nicht aus reiner Nächstenliebe: Der Profikiller hat Allan die Erfüllung einer ganz besonderen Rolle in seinem Leben zugedacht. Was im schlechtesten Fall eine leblos-überkonstruierte Posse hätte werden können, die sich selbst für cleverer hält als sie tatsächlich ist, gerät dank Kaufmans trockener Inszenierung, aber auch aufgrund der beiden gut aufgelegten Hauptdarsteller zu einem glaubwürdigen und lebendigen Thriller. Der ehemalige Oscar-Preisträger Gooding hat natürlich die attraktivere Rolle, aber es ist Hauser, der als sympathischer Prügelknabe die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sein Allan wirkt einfach echt und das wirkt sich positiv auf den ganzen Film aus, genauso wie die knackig-kurze Laufzeit von 80 Minuten: Kaufman verkneift sich jeden überflüssigen Schnörkel und bringt THE HIT LIST zum Ende, bevor sich Abnutzungserscheinungen einstellen könnten. Mir hat dieser Film zwar nicht ganz so gut gefallen wie seine beiden Vorgänger, aber das ist wohl eher Neigungssache. Mit diesem Film beweist Kaufman, dass er auch größere, prestigeträchtigere Filme inszenieren kann und etabliert sich endgültig als Spezialist für modernes, aber geschichts- und traditionsbewusstes Actionkino. Nice!

Detective Sean Riley (Johnny Strong), Beamter des New Orleans Police Departments, ist nach dem Tod seines Kindes, der Trennung von seiner Ehefrau und dem gewaltsamen Tod seines Partners (Kim Coates) innerlich ausgebrannt. Seine  oft überharten Aktionen bringen ihm Probleme mit der Dienstaufsicht ein, die auch sein verständnisvoller Vorgesetzter (Tom Berenger) nicht mehr länger für ihn lösen kann. Als jedoch eine Reihe brutaler Hinrichtungen das Morddezernat beschäftigt, wird Riley hinzugezogen, um dem zuständigen Detective Will Ganz (Kevin Philips) zu helfen. Die Ermittlungen führen die beiden auf die Spur einer Gruppe hochspezialisierter Ex-Soldaten. Und irgendwie ist auch ein alter Freund von Riley, der Loser Colin (Sean Patrick Flanery), involviert …

Nach dem ultradüsteren, hyperbrutalen THE PRODIGY legt Kaufman mit SINNERS AND SAINTS einen größeren, höher budgetierten und inszenatorisch vielseitigeren und ausgewogeneren Polizeifilm vor, ohne mit diesem jedoch auch nur einen Deut von der mit dem Vorgänger eingeschlagenen Linie abzuweichen. Das Post-Katrina-New-Orleans liefert den angemessen tristen, desillusionierten und deprimierten Background für Kaufmans tristen, desillusionierten und deprimierten Copfilm, der als einzige Hoffnung anbietet, dass der ganze Wahnsinn auf den Straßen irgendeinem göttlichen Plan folgen könnte, aber eher nahelegt, dass wir alle verloren sind und uns nur unsere religiösen Wunschträume und Erlösungsfantasien bleiben. Der Look des Films ist dabei keineswegs betont dreckig und dunkel, lediglich roh, ungeschliffen und mit dem Auge des nüchtern-resignierten Kriegsberichterstatters eingefangen. Hier, wo Armut und Verzweiflung regieren, wird schnell geschossen und ebenso schnell gestorben und nicht immer sind diese Tode die Sache wert. Die zu Tode gefolterten Opfer, die Riley und Ganz auffinden, haben sich nichts zu Schulden kommen lassen: ihr einziger Fehler war die Bekanntschaft mit dem Mann, dem die Bösewichte um jeden Preis ans Leder wollen. Es sterben überwiegend die Falschen in der Welt von SINNERS AND SAINTS. Und Riley steht kurz davor, an diesem unerträglichen Missstand zu zerbrechen.

Das Casting des Films hat an seinem Erfolg mindestens ebenso großen Anteil wie die No-Nonsense-Shootouts und knochenbrechenden Fights, die Kaufman mit dem ungeschminkten Realismus etwa der Fernsehserie THE SHIELD inszeniert. Und im Zentrum des Ganzen thront Hauptdarsteller Johnny Strong (Nebendarsteller etwa aus THE FAST AND THE FURIOUS), der die Klischeefigur des ausgebrannten Cops, der am Rande der Legalität kämpft, mit neuem Leben füllt und damit Kaufmans kongenialer Gehilfe wird. Riley ist eben nicht der mürrische Loner, dem die Feinheiten sozialer Interaktion völlig abhanden gekommen sind und der jedes aufkeimende Gefühl hinter einer unüberwindlichen Mauer aus Schweigen und Härte verbirgt. Er ist durchaus ein angenehmer, sympathischer und humorvoller Zeitgenosse, wie man sieht, als er von Ganz zum Abendessen eingeladen wird. Das Problem ist, dass es in seinem Leben nicht mehr viel Anlass für Freude gibt. Er hat den Glauben an das Gute und daran, dass es Bestand haben kann, völlig verloren. Seine Trauer – vor allem jene über dne Verlust seines kleinen Sohnes – ist greifbar, macht ihn zu einer idealen Identifikationsfigur und bestimmt den Film mehr als seine Gewaltausbrüche.

Meine Liebelingsszene kommt gegen Ende von SINNERS AND SAINT: Riley ist von den henchmen des Schurken in seiner Wohnung gestellt und zusammengeschlagen worden. Einer von ihnen (MMA-Star Bas Rutten) beginnt nun, Riley über den Todeskampf seines Sohnes auszufragen, um ihn zu quälen: „Did he cry a lot?“ Natürlich markiert diese Demütigung den Wendepunkt, an dem Riley vom geprügelten Hund, der die Unausweichlichkeit seiner Niederlage akzeptiert hat, zum Phönix wird, der seinen eben noch triumphierenden Rivalen beibringt, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Er dreht den Spieß um: Ja, sein Sohn habe geweint. Aber niemals habe er um sein Leben gebettelt und gejammert wie ihr toter Kamerad, bevor Riley ihn schließlich weggeballert habe. Es ist einer jener Momente, für die man das Genre als Actionfan liebt: emotional, pointiert, dramatisch – und so badass wie es das echte Leben niemals sein kann. Kaufman holt alles aus dieser Szene heraus: Sein ganzer Film ist geil, aber das ist sein orgiastischer Höhepunkt, auf den Punkt perfekt inszeniert. Auch das Ende ist wunderbar: Riley bringt Ganz‘ kleiner Tochter ein Geburtstagsgeschenk, lehnt die Einladung seines Partners und dessen Gattin, zu bleiben, aber dankend ab. Er habe noch etwas Wichtiges zu tun, etwas, das nicht warten könne. Er setzt sich in sein Auto und fährt los. An seinem Ziel angekommen, steigt er langsam, aber im Bewusstsein, dies endlich hinter sich bringen zu müssen, aus. Dann schreitet er durch die Eingangspforte der Kirche. Ende. Perfektion.

Truman (Holt Boggs) hat seit seiner Kindheit ein inniges Verhältnis zur Gewalt, das ihm schließlich einen Job als enforcer des lokalen Gangsterbosses Baker (Marc Jeffreys) eingebracht hat. Einen versuchten Drogenraub, der durch das plötzliche Eindringen eines unbekannten, maskierten Killers zum Massaker gerät, überlebt Truman als einziger. Einen Monat später taucht der Mörder, den Truman eigentlich glaubte, umgebracht zu haben, wieder auf, tötet etliche Männer Bakers und entführt dessen Neffen. Truman begibt sich auf Geheiß Bakers auf die Suche und kommt einem Phantom auf die Spur, das spezielle Pläne für ihn hat …

Spätestens seit Ivo Ritzers Artikel in der vorletzten Splatting Image ist William Kaufman auch deutschen Actionfilmbegeisterten ein Begriff. Eben ist sein neuester Film ONE IN THE CHAMBER mit Cuba Gooding jr. und Dolph Lundgren in Deutschland unter dem Titel LAST BULLET auf DVD und Bluray erschienen, was mir Anlass genug ist, mich chronologisch durch sein noch recht übersichtliches Werk zu arbeiten. THE PRODIGY ist sein Spielfilmdebüt, im weitesten Sinne ein Serienmörderfilm, aber sehr eigenwillig erzählt, unglaublich düster, brutal und roh. Ein Film, der sich anfühlt, als würde man durch zähes Pech tauchen oder auch durch Beton schwimmen, der sich mit jedem Armzug weiter verfestigt. Der Plot ist zweitrangig, es ist diese deprimierende Atmosphäre eiskalt in die Glieder dringender Hoffnungslosigkeit, die den 120-minütigen Film zu einer absolut singulären Seherfahrung macht. THE PRODIGY ist nicht im herkömmlichen Sinne spannend: Die schmale Farbpalette, die monochromes Stahlblau bzw. -grau, tiefes Schwarz und ausgewaschenes Braun favorisiert, drückt die Stimmung gewaltig, die überaus geduldige Erzählweise Kaufmans, der das Tempo seines Films auf ein unaufhaltsames Kriechen reduziert, tut ihr Übriges. Im Grunde ist die Story von THE PRODIGY der Stoff für einen Kurzfilm: Sie auf Spielfilmlänge zu dehnen, trägt entscheidend zur hypnotisch-herunterziehenden Wirkung des Films bei, lässt sich daher längst nicht bloß als Fehler eines Regiedebütanten begreifen. Die Arbeit mit bereitstehenden Klischees und Genreversatzstücken, die man eben auch aus Kurzfilmen kennt, verleiht THE PRODIGY etwas entschieden Parabelhaftes: Seine Figuren wirken eben nicht wie Menschen, sondern wie Konstrukte, die sich dessen aber noch nicht bewusst geworden sind, die immer noch glauben, ein nach ihrem Willen gestaltetes Leben zu führen, obwohl sie doch lediglich Schachfiguren auf dem Spielbrett eines übermächtigen Spielers sind (es gibt sogar eine Szene, in der Schach gespielt wird). Sie verfolgen ein Phantom, ohne zu ahnen, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Wundern sie sich denn nicht, dass jede Schönheit aus ihrer Welt herausgesogen wurde? Das Theodizee-Problem stellt sich hier nicht mehr: Gott hat sich schon vor alnger Zeit aus dieser Welt verabschiedet.

Der Film, an den THE PRODIGY mich inhaltlich am meisten erinnert hat, ist Alan Parkers ANGEL HEART. Mit ihm teilt Kaufmans Film die Dunkelheit, die Anlehnung an den Film Noir, die Suche nach dem Anderen, die doch nur zum Ich führt, die finale Selbsterkenntnis, die gleichbedeutend mit dem Abstieg in die Hölle ist. Aber während ANGEL HEART ein Film voll hitziger Leidenschaft ist, ein blut-, sperma- und alkoholgetränkter Rausch, erschreckend und dunkel zwar, aber eben auch sehr barock und ornamental, ist THE PRODIGY ausgesucht hässlich, grob, wuchtig, brachial und kantig. Kaufman gelingt es seine Stimmung totenstarrengleicher Lähmung 120 Minuten lang zu halten, ohne auch nur einmal in Versuchung zu geraten, diese bedrückende Homogenität zu durchbrechen. THE PRODIGY ist verdammt harter Stoff, kein angenehmer Film, aber ein beeindruckendes künstlerisches Statement. Die fünf Jahre Pause, die zwischen diesem und Kaufmans nächstem Film lagen, sind wahrscheinlich auf die üblichen Finanzierungsprobleme zurückzuführen, denen sich ein Low-Budget-Filmemacher zu stellen hat: Ich stelle mir aber gern vor, dass Kaufman sich nach THE PRODIGY erst einmal erholen und wieder neuen Mut schöpfen musste. Enter the Void.