Mit ‘Wim Wender’ getaggte Beiträge

Zu Beginn fliegt ein Satellit durchs Weltall. Ein Sprecher (Laurence Fishburne), der sich als Blind Willie Johnson vorstellt, berichtet, dass dieser Satellit zahlreiche kulturelle Artefakte enthalte, die eventuellen außerirdischen Findern einen Eindruck davon vermitteln sollen, wer der Mensch ist. Nicht ohne Stolz verkündet die Stimme, dass auch einer seiner Songs ausgewählt worden sei, die Menschheit zu repräsentieren. Der Song heißt „Dark is the Night“.

Im zweiten Teil der Dokuserie THE BLUES widmet sich Wim Wenders drei Bluesmusikern, von denen er im Falle von Blind Willie Johnson und Skip James in nachgestellten und „auf alt“ getrimmten Spielfilmszenen, im Falle J. B. Lenoirs mithilfe ausfindig gemachter privater Filmaufnahmen erzählt. Doch schon diese Kurzzusammenfassung muss eigentlich relativiert werden: Von Blind Willie Johnson erfährt man nur wenig; deutlich weniger jedenfalls als von den beiden anderen Musikern. Er fungiert in erster Linie als Erzähler, der dank seiner Funktion als durchs Weltall reisender Botschafter der Menschheit beispielhaft für die Spiritualität, Zeitlosigkeit und Ursprünglichkeit des Blues steht, der – so suggeriert ja der Titel von Wenders Film – direkten Einblick in die Seele des Menschen ermögliche. So weit, so konstruiert.

So interessant und in Zeiten vollkommen durchprofessionalisierter Musikerbiografien geradezu abenteuerlich fremdartig die Geschichte eines Skip James auch anmutet – der überirdisch talentierte Schnapsbrenner spielte 1931 eine einzige Platte ein, für die er außer Spesen nie einen Pfennig Geld sah und tauchte daraufhin enttäuscht ab, nur um 30 Jahre später wie aus dem Nichts bei einem Bluesfestival wieder aufzutauchen und die Massen zu elektrisieren, als wäre er nie weg gewesen -, so schön Wenders sein nachgestelltes Filmmaterial auch aussehen lässt, so richtig zwingend ist das nicht. Ähnlich verhält es sich mit dem Abschnitt zu J. B. Lenoir: Zwar ist es ebenso spannend wie rührend den Musiker im naiv-amateurhaften Material eines Studentenpärchens zu sehen, das sich mit dem Musiker angefreundet hatte und ihn ohne den geringsten Anflug auch nur gespielter Professionalität in einer karg eingerichteten Wohnung interviewte, in der vergeblichen Hoffnung, das schwedische Fernsehen zu einer Ausstrahlung dieses Materials zu bringen, um den außergewöhnlichen Songwriter einer größeren Hörerschaft bekannt zu machen, doch verhindetr nicht, dass THE SOUL OF A MAN in seiner Gesamtkonzeption ziellos wirkt. Die drei Musiker haben nichts miteinander zu tun, die jeweiligen Abschnitte differieren nicht nur formal, sondern auch inhaltlich, wirken wie unter enormem Zeitdruck zusammengeklebt und mit Mühe auf einen halbwegs glaubhaften Nenner gebracht. Auf Spielfilmlänge kommt THE SOUL OF A MAN durch zahlreiche Ausschnitte, die zeitgenössische Musiker bei der Interpretation von Songs der behandelten Bluesmusiker zeigen. Dies soll wohl die in Wenders‘ Film mitschwingende Behauptung von deren „Zeitlosigkeit“ untermauern, doch das dies vor allem dadurch gelingt, dass sich fast alle der gezeigten Künstler mit ihren Coverversionen lächerlich machen, kann kaum im Sinne des Erfinders gewesen sein. Nichts gegen Beck, Nick Cave, Lou Reed, Vernon Reid oder The Jon Spencer Blues Explosion oder all die anderen, die ich zum Teil durchaus schätze, aber hier beweisen sie nur, dass sie vom gecoverten Material besser die Finger gelassen hätten.

Mein Text ist insofern ein wenig ungerecht, als THE SOUL OF A MAN durchaus unterhaltsam, hier und da informativ und interessant wie auch berührend ist. Aber wie schon Scorseses Einstieg in die Serie gelingt es ihm nicht zu verbergen, dass hier mit ganz heißer Nadel gestrickt wurde. Wäre nicht der wirklich fantastische Score – sprich: die Musik von Skip James, Lenoir und Johnson -, es gäbe keinen Grund, sich diesen Film anzusehen. Schade.