Mit ‘Winona Ryder’ getaggte Beiträge

600full-great-balls-of-fire!-posterGREAT BALLS OF FIRE! ist natürlich das perfekte companion piece zum sechs Jahre zuvor entstandenen BREATHLESS (dazwischen drehte Jim McBride THE BIG EASY, ebenfalls mit Dennis Quaid in der Hauptrolle): Nicht nur, weil ersterer nach einem Song von Jerry Lee Lewis benannt ist, sondern weil die Protagonisten beider Filme Seelenverwandte sind. Beide sind sie weniger Gefangene als Könige ihrer eigenen Welt und beide müssen irgendwann erstaunt bemerken, dass die Grenzen zur Realität leider durchlässig sind. Beide scheren sich nicht um die Meinung Außenstehender, beide folgen nur ihrem eigenen Wertekompass, beide verweigern sich dem Versuch der Assimilation. Nach den Regeln der Gesellschaft sind beide Verlierer, aber nach ihren eigenen Maßstäben triumphieren sie. Und als Zuschauer ist man geneigt, ihnen Recht zu geben.

Jerry Lee Lewis ergatterte 1956 einen Plattenvertrag bei Sun Records, dem legendären Studio in Memphis, bei dem auch Elvis‘ Karriere begann, und erwarb sich in den Folgejahren mit Hits wie „Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On“, „Great Balls of Fire“, „Breathless“ und „High School Confidential“ sowie seiner wilden Bühnenshow den Spitznamen „The Killer“. Seine unverblümt sexuellen Lyrics führten zu zahlreichen Radioboykotten, die seinen Charterfolg jedoch nicht bremsen konnten, und zu Auseinandersetzungen mit seinem Cousin Jimmy Lee Swaggart, einem berühmten amerikanischen Prediger. „Rock’n’Roll’s first great wild man“, wie Jerry Lee Lewis genannt wurde, war mit 22 auf dem besten Weg, Elvis vom Thron zu stoßen, als er sich fatalerweise dazu entschied, seine 13-jährige Cousine Myra zu ehelichen. Ein englischer Journalist enthüllte den Skandal während einer England-Tournee und leitete damit Lewis‘ Absturz ein. Erst in den späten Sechzigerjahren gelang es ihm, mit dem musikalischen Wandel von Rock’n’Roll zu Country an seine alten Erfolge anzuknüpfen.

Man ist zunächst versucht, GREAT BALLS OF FIRE! als „Biopic“ zu bezeichnen, aber diese Einschätzung trifft den Kern nicht ganz. McBrides Film konzentriert sich nämlich ausschließlich auf die Zeit von 1956, dem Jahr von Lewis‘ (Dennis Quaid) erstem Erfolg, bis 1958, als seine Karriere nach der Hochzeit mit Myra (Winona Ryder) zusammenbricht. Der Film endet mit einer Szene in der Kirche von Jimmy Lee Swaggart (Alec Baldwin), der seinen Cousin dazu auffordert, sich vom Rock’n’Roll, der „Teufelsmusik“, loszusagen und sich zu Gott zu bekennen, um zu verhindern, dass er in die Hölle fahre. „Well, if I’m going to hell“, antwortet Jerry Lee, während er die Kirche verlässt, „I’m going there playing the piano.“ Die abschließende, in die Credits übergehende Darbietung von „The Wild One“ in einem vollgepackten, winzigen Club, dessen Besucher gemeinsam mit dem Star völlig ausrasten, lässt sich chronologisch nicht mehr einordnen. Man sieht seinen Bassisten J. W. Brown (John Doe) – Myras Vater – auf der Bühne, der in einer vorangegangenen Szene eigentlich das Handtuch geschmissen hatte. (Der Song stammt zwar von 1958, wurde aber erst 1974 von Lewis veröffentlicht.) Kurz bevor die Credits rollen, gibt es noch eine Einblendung: „Jerry Lee Lewis is playing his heart out somewhere in America tonight“. GREAT BALLS OF FIRE! endet mithin auf einer Note der suspendierten, ewigen Gegenwart des Vergangenen. Für seinen Protagonisten spielt es keine Rolle, ob er an der Spitze der Charts steht oder nicht: In seinem Selbstverständnis ist er immer noch der Superstar, der sein Publikum zum Ausrasten bringt, ist es immer noch 1957. Jerry Lee Lewis wird ewig leben.

So wie Richard Gere BREATHLESS seinen unauslöschlichen Stempel aufdrückte, so prägt Dennis Quaid GREAT BALLS OF FIRE! Er interpretiert den „Killer“ als eitlen, geckenhaften, Bubblegum kauenden Pfau, der von seiner Einmaligkeit felsenfest überzeugt ist und in seiner ganz eigenen Welt zu leben scheint. Als Mensch offenbart er sich nie, auch nicht in seiner Beziehung zu Myra, im Vordergrund steht immer nur eine undurchdringliche Fassade der Arroganz und Selbstverliebtheit. Er wirkt ein bisschen wie ein trotziges Kind, das ganz ohne die erzieherische Hand der Eltern aufgewachsen ist und daher eine sehr eigene Vorstellung von Richtig und Falsch erlangt hat. Nie kommt er auf die Idee, dass es keine allzu gute Idee sein könnte, seine 13-jährige Cousine zu heiraten, es ist für ihn nichts moralisch Anrüchiges daran. McBride akzentuiert, wie in BREATHLESS auch, die der Figur inhärente Komik: Jerry Lee Lewis ist ein wandelnder Cartoon, mit dem die Welt um ihn herum mehr als nur leicht überfordert ist. Die unerhörte Liebesgeschichte zwischen ihm und Myra wird durch diese comicartige Verzerrung überhaupt erst goutierbar. Wenn Jerry nach Hause kommt und seine Gattin heulend auf dem Boden der neu angeschafften, pastellfarbenen aber bereits vollkommen verwüsteten Traumküche vorfindet, sie ihm gegenüber verzweifelt schluchzt, dass sie doch erst 13 und noch keine Hausfrau sei, ist das umwerfend komisch, obwohl es eigentlich gar nicht zum Lachen ist. Als Familienvater ist mir erst bei dieser Sichtung klar geworden, was da eigentlich vor sich geht. Wie sich Myras Eltern fühlen müssen, als sie ihr Kind in die Obhut dieses Irren geben, um das Geschäft nicht zu gefährden, wie schmerzhaft es für ihren Vater sein muss, Jerry Abend für Abend „Whole lotta shakin‘ goin‘ on“ mit dem Wissen zu hören, dass er danach zu seiner minderjährigen Tochter ins Bett hüpft. Soweit wir das anhand des Films beurteilen können, liebt Jerry sie tatsächlich, aber wirklich zu begreifen ist diese Beziehung nicht. Der Zuschauer muss einfach glauben, dass sich hier tatsächlich zwei Menschen gefunden haben, deren Beziehung es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und McBride gelingt das Kunststück, dass man das glauben möchte. GREAT BALLS OF FIRE! ist zweierlei: Er zeichnet das Porträt eines Mannes, der sich durch gesellschaftliche Konventionen nicht beugen ließ und damit als Inbegriff des Rockers gelten darf. Und er ist eine bittere Komödie über die seltsamen Irrwege der Liebe und die amerikanische Bigotterie.

res10Trotz seiner leicht überdurchschnittlichen IMDb-Bewertung gilt ALIEN: RESURRECTION vielen Genrefilm-Freunden geradezu als Inbegriff für das unerklärliche, bizarre Totalversagen eines einst unfehlbar scheinenden Erfolgsfranchises. Polemiken gegen das Sequel sind ein liebevoll gepflegter Standard von Nerd-Websites, seine Schlechtigkeit ein unstrittiges Faktum, das dort ähnlich vehement verkündet wird wie der Hass auf die STAR WARS-Prequels. Konnten die Fanboys Finchers ALIEN 3 irgendwie noch verzeihen, weil sie dessen schwierige Produktionsgeschichte kannten und das (zusammengestutzte) Endergebnis außerdem immer noch amerikanisch genug war, um es ohne Verdauungsprobleme wegkonsumieren zu können, reizte Jeunet offensichtlich einen bloßliegenden Nerv. Dabei könnte man doch meinen, dass gerade das von vornherein offenkundiger Bestandteil des Deals war: Für ein stromlinienförmiges, wie eine gut geölte Maschine laufendes Entertainment-Vehikel war der Franzose gewiss nicht engagiert worden. Viel eher erwartete man sich doch wohl jene ausstatterische und visuelle Opulenz, schrägen Humor sowie märchenhafte Stimmung gepaart mit postmoderner Findigkeit, die wesentliche Merkmale von DELICATESSEN und LA CITÉ DES ENFANTS PERDUS gewesen waren. Und genau diese Qualitäten weist ALIEN: RESURRECTION dann auch auf – womit er erwartungsgemäß aus dem bis dahin vergleichsweise homogenen Korpus der Reihe herausfällt. Die Frage ist: Ist das wirklich ein Mangel? Und wenn ja: Wird er durch die von Jeunet neu ins Spiel gebrachten Impulse aufgewogen?

ALIEN: RESURRECTION setzt die Geschichte um die überaus aggressive Rasse Außerirdischer sowie die Bemühungen der Menschen, sie für militärische Zwecke nutzbar zu machen, durchaus sinnvoll fort, legt nach Finchers ätherisch-transzendentalem dritten Teil hinsichtlich der aus Scotts Original bekannten, grafischen Sexualisierung wieder eine deutliche Schippe drauf. Jeunet entfaltet eine fast erotisch zu nennende Zeigelust an deformiertem Fleisch, schwelgt in Aufnahmen verwachsener Leiber und mutierter Mensch-Alien-Halbwesen in großen Glasbehältern, macht die vormals eierlegende Alien-Königin zur Lebengebärenden und erfindet auf dem Höhepunkt des Films einen schockierenden Alien-Hybriden, aus dessen menschenähnlichem Totenschädel zwei dunkle, traurige Augen glotzen und das sogar in der Lage ist, sich sprachlich zu artikulieren. (Viele fanden dieses neue Monster eher lächerlich, aber bei mir hat es ein breites Spektrum an Emotionen von Ekel bis Mitleid ausgelöst.) In diesen Momenten gelingt es Jeunet, den ganzen Wahnsinn hinter den menschlichen Zuchtversuchen herauszuschälen, gleichzeitig die evolutionäre Flexibilität seiner Titelkreaturen und das Thema der Reihe – die unauflösliche Verstrickung des Menschen mit der fremden Rasse – auf die Spitze zu treiben. Leider funktionieren viele andere Elemente des Films weniger gut. So geht der bis zu diesem Zeitpunkt noch vorherrschende Realismus der Reihe fast vollends verloren und macht der comicartigen Stilisierung Platz. Die Charaktere – allen voran die geklonte Ripley mit ihrem überlegenen Superbitch-Smile – sind alle vollkommen over the top und man wähnt sich plötzlich in einem ganz anderen filmischen Universum. Auch der krude Humor wirkt fehl am Platze, weil er den Bestrebungen zuwiderläuft, den Zuschauer bei der Gurgel zu packen. ALIEN: RESURRECTION ist über weite Strecken weder besonders spannend noch erschreckend und die Aliens selbst mutieren fast ein wenig zu Witzfiguren. Von ihrer einstigen biologischen Überlegenheit jedenfalls ist nicht mehr viel übrig. Die Actionsequenzen sind Kind ihrer Zeit und gar nicht gut gealtert: Man sieht noch den damaligen Woo- und Hongkong-Einfluss, für dessen überzeugende Umsetzung Jeunet jedoch das kinetische Gespür abgeht. Und die meisten Computerffekte sind ebenfalls reichlich angestaubt.

ALIEN: RESURRECTION ist ohne Zweifel der bis dahin schwächste, unrundeste Beitrag zur Reihe und man fährt wahrscheinlich gut damit, ihn nicht so sehr als echte Fortsetzung zu betrachten, sondern als eine Art Spin-off, als Abzweigung vom eigentlichen Hauptstrang, als What-if-Szenario, das sich mit der Frage beschäftigt, was wäre, wenn man die Titelkreaturen aus ihrem unterkühlten Body-Horror-Setting in ein Comic-Universum transplantierte. Jeunets Film verfügt über einen sehr eigenen Charme, traut sich Dinge, mit denen wohl nur ein Europäer davon kommen konnte und lässt nebenbei das Bedürfnis nach einem ALIEN-Film von David Cronenberg ca. 1988 in ungeahnte Höhen schnellen. Vielleicht muss man ihn als den Schraubenschlüssel betrachten, den jemand mit Wucht ins bis dahin gut, vielleicht sogar zu rund laufende Räderwerk gepfeffert hat, bevor es nur noch seelenlose Klonen ausspucken konnte. ALIEN: RESURRECTION sabotierte das Franchise zu einem Zeitpunkt, als es langweilig zu werden drohte, mit seinen kruden Einfällen und lieferte so den willkommenen Anlass für eine Auszeit. Dass seitdem fast 20 Jahre vergangen sind, legt nahe, dass man mit den biomechanischen Außerirdischen nicht mehr allzu viel anzufangen wusste. Es ist fast unmöglich, an Jeunets Film anzuschließen. Das ist eine sehr respektable Leistung, wie ich finde. Mission accomplished.

 

Dass sich Adam Sandler früher oder später an einem Film von Frank Capra versuchen würde, lag auf der Hand. Mit MR. DEEDS war es dann soweit. Sandler hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein ganz ähnliches Feld bestellt wie der große Humanist des klassischen Hollywood, sich dabei lediglich einiger „Errungenschaften“ der Gegenwart bedient. Während Capras Helden das Musterbild bürgerlicher Tugend verkörperten, lagen Sandlers Figuren  stets im Clinch mit ihren antisozialen Dämonen: Sie sträubten sich dagegen, der Kindheit vollständig zu entwachsen, Wutausbrüche und Aggressionen suchten sie immer wieder heim und stempelten den liebevollen Gemeinschaftsmenschen zum Außenseiter. Im Grunde ihres Herzens sind sie gute Menschen, sozial eingestellt, stets solidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft verbunden und immer darauf bedacht, sich positiv einzubringen. Die Welt, in der Sandlers Figuren sich bewegen, ist nur auf den ersten Blick identisch mit dem „realen“ Amerika. Vielmehr – und hier besteht eine weitere deutliche Verbindung zu Capra – handelt es sich bei ihr um einen idealisierten Ort, eine Parallelwelt, in der Sandler das, was in der Wirklichkeit im Argen liegt, mit seinem Humor und seinem Optimismus geraderücken kann. Ein utopischer Kern schlummert in seinen Filmen.

Als der Gründer und Besitzer eines Medienimperiums stirbt, machen sich seine beiden Vertreter Chuck Cedar (Peter Gallagher) und Cecil Anderson (Erick Avari) auf die Suche nach dem rechtmäßigen Erben. Sie finden ihn in einem kleinen Städtchen in New Hampshire: Dort führt Longfellow Deeds (Adam Sandler) eine Pizzeria, träumt davon eines seiner Gedichte an eine Grußkartenfirma zu verkaufen und ist bei jung und alt für seine Hilfsbereitschaft und seinen Humor beliebt. In New York konfrontieren sie ihn mit seinem neuen Reichtum seinem Unternehmen, das sie ihm zum „Schnäppchenpreis abluchsen wollen, weil sie eigene böse Pläne verfolgen. Das arglose Landei gerät natürlich sofort in den Fokus der Medien: Die Journalistin Babe Bennett (Winona Ryder) wird auf ihn angesetzt, um heimlich eine Exklusivstory aus ihm herauszupressen. Natürlich kommt die Liebe dazwischen …

Ich kenne Capras Original MR. DEEDS GOES TO TOWN nicht, aber das Studium der Wikipedia-Inhaltsangabe zeigt, dass Sandlers Film dem Vorbild bis hin zu den Namen der einzelnen Figuren treu bleibt. Zwar dürfen Sandlerismen wie sein etwas ruppiger Humor oder seine aggressiven Ausbrüche nicht fehlen, doch das ändert nichts daran, dass es in MR. DEEDS vor allem um den Kontrast zwischen „ländlicher“, Einfachheit, Reinheit des Herzens und Ehrlichkeit auf der einen und „städtischer“ Geldgier, Korruption, Egoismus und Dekadenz auf der anderen geht. Chuck Cedar will das Unternehmen, das Tausenden von Menschen Arbeit gibt, auflösen, um sich und den Aktionären einen riesigen Gewinn zu bescheren. Gleichzeitig muss die abgezocke Journalistin lernen, dass es falsch ist, Menschen für die eigene Sachen zu benutzen und zu betrügen. Es sind die erwähnten, von Longfellow Deeds verkörperten Werte, die die vom rechten Weg abgekommenen von der Falschheit ihres Handelns überzeugt.

So gut diese Geschichte zu Sandler auch passt: MR. DEEDS findet nicht ganz zu seiner Linie. Der oben genannte Kontrast wirkt dahingestellt, wird nicht wirklich herausgearbeitet, weder der Strang um das Wirtschaftsunternehmen noch die Liebesgeschichte kommen über sattsam bekannte Klischees hinaus. So bietet der Film zwar für 90 Minuten herzliche Unterhaltung – zudem mit einem famos aufgelegten John Turturro in der Rolle von Deeds‘ spanischem Butler, dessen „sneakiness“ zum gelungenen running gag avanciert (und wieder einmal mit Steve Buscemi) –, bleibt aber trotzdem weit hinter den Möglichkeiten, die die Verbindung von Sandler und Capra verspricht, zurück.

Nach dem Abtritt der Startänzerin des New Yorker Balletts sucht der Regisseur Thomas Leroy (Vincent Cassel) eine Hauptdarstellerin für seine neuartige Interpretation von Tschaikowskis „Schwanensee“. Die neurotische Nina Sayers (Natalie Portman), die immer noch mit ihrer wachsamen Mutter (Barbara Hershey) zusammenlebt, macht sich Hoffnungen, scheitert jedoch immer wieder an der Rolle des schwarzen Schwans. Zu kontrolliert, zu wenig verführerisch sei ihre Darbietung, kritisiert Thomas und fordert von ihr loszulassen, sich zu verlieren. Dabei hilft ihr schließlich die Mittänzerin Lily (Mila Kunis): Doch je mehr sich Nina von ihren Zwängen befreit, umso mehr driftet sie in Wahnvorstellungen ab …

Hmmm. Wie schon bei Aronofskys THE WRESTLER fühle ich mich auch nach BLACK SWAN reichlich underwhelmed. Von den vielen euphorischen Kritiken, die einen visionären und verstörenden Film beschrieben, habe ich mich nach der Erfahrung von THE WRESTLER gar nicht zu sehr beeindrucken lassen, zumal es in meinem weiteren Bekanntenkreis auch einige weniger begeisterte Reaktionen gab, aber die Einfalt, mit der die Geschichte der verhärmten Balletttänzerin Nina Sayers teilweise dargeboten wird, hat mich dann doch ziemlich überrascht. Aronofskys Film handelt von dem Konflikt zwischen dem, was Nietzsche als das apollinische und das dionysische Prinzip identifiziert hat: Nina ist fast ausschließlich Geist, Ratio und Kontrolle, um die Rolle des schwarzen Schwans meistern zu können, muss sie aber genau das Gegenteil werden, nämlich Körper, Wahn und Rausch. Etwas, das ihr nahezu unmöglich ist, weil sie ihren Körper doch mit Skepsis, wenn nicht sogar mit Abscheu betrachtet. Die Selbstaufgabe, die dazu nötig ist, diese Barriere zu überwinden, zerstört Nina letzten Endes vollständig. Sie muss sterben, damit der schwarze Schwan lebendig werden, sie als Tänzerin triumphieren kann.

Der „Schwanensee“ liefert mit seiner Geschichte einer unschuldigen Schwanenkönigin und ihrer dunklen Widersacherin eine geeignete Basis, um den philosophischen Essay über den Gegensatz von Körper und Geist und die Frage, inwiefern man ein anderer werden und dabei trotzdem seine Identität wahren kann, in Bilder zu kleiden – und das Ballett ein passendes Sujet, das selbst im Spannungsfeld zwischen den Extremen von Kontrolle und Freiheit, Disziplin und Inspiration existiert. Aber Aronofsky geht es gar nicht um den Ballettbetrieb. Er interessiert ihn nur insoweit, als er eine Bildwelt bereitstellt, die zu seinem Thema passt. Trotzdem war ich erstaunt, wie klischeehaft und oberflächlich das alles ist. Die ganze Geschichte ist nur auf den Zusammenbruch Ninas hinkonstruiert, ohne sich dabei allzu lang mit Plausibilität aufzuhalten.

Die Klischees sind zahlreich: Nina ist magersüchtig und hat Angst vor ihrer eigenen Körperlichkeit, Sexualität ist für sie lediglich eine Quelle der Scham, etwas über das sie nicht nachdenken kann, ohne zu erröten oder sich unwohl zu fühlen. Ihre Mutter ist eine Kontrollfanatikerin, die ihre Tochter benutzt, um die eigene gescheiterte Karriere zu kompensieren: eine Karriere, die natürlich durch die Schwangerschaft mit Nina beendet wurde. Sie mahnt Nina zur Disziplin, steht wie ein Wärter bereit, wenn ihre Tochter mal zu spät nach Hause kommt, belohnt sie bei Erfolgen mit einer Sahnetorte und ist beleidigt, wenn sie darauf keinen Appetit hat. Regisseur Thomas ist einer jener Künstler, die Menschlichkeit bedingungslos der eigenen Vision und dem Erfolg unterordnen: Schonungslos knallt er der zerbrechlichen Tänzerin seine Meinung an den Kopf, steckt ihr auch schon mal die Zunge in den Hals, um sie aus der Reserve zu locken. Er weiß ganz genau, was er will, aber seine Entscheidung, die neurotische Nina entgegen seiner richtigen Einschätzung ihrer Fähigkeiten in der Doppelrolle zu besetzen, ergibt nur vor dem Hintergrund seines diabolischen Bedürfnisses, Menschen wie Schachfiguren zu benutzen, einen Sinn, widerspricht sowohl seinem künstlerischen Instinkt als auch seinem Wissen um die kommerzielle Bedeutung seines Stücks für das Haus, für das er arbeitet. Und die tätowierte Lily fungiert als Verführerin und Versucherin für Nina, nimmt sie mit in Bars, verkuppelt sie mit Jungs, bietet ihr Drogen an und erregt schließlich amouröse Gefühle in der verwirrten jungen Frau. Dabei bleibt einerseits unklar, was die ungezwungene Lily überhaupt an der verschlossenen und steifen Nina interessiert, wirkt es andererseits wenig glaubwürdig, dass Lily es mit ihrem Lebenswandel an die Spitze des Balletts geschafft hat. Jedes einzelne dieser Klischees ist verschmerzbar: Aber in der Anhäufung muss man den Drehbuchautoren eine gewisse Faulheit bescheinigen, die Probleme, die ihnen ihre Geschichte stellte, auf kreative Art und Weise lösen zu wollen.

Was an BLACK SWAN ohne Frage begeistert, ist seine formale Gestaltung und das entbehrungsreiche Spiel Natalie Portmans. Visuell ist Aronofskys Film unheimlich reich, ohne dabei jemals überladen zu wirken. Sowohl Kameramann Libatique als auch die Effektkünstler arbeiten sehr effizient, erreichen viel mit kleinen Mitteln, anstatt den Zuschauer unter Dauerbeschuss zu nehmen und zu überwältigen. Die Transformationseffekte, denen Natalie Portman etwa unterworfen wird, sind bis zum Finale sehr subtil: Wenn man zwinkert, übersieht man sie. Mittlerweile klischierte Kameraeffekte, die Aronofksy mit REQUIEM FOR A DREAM zu etablieren noch mitgeholfen hatte, sucht man weitestgehend vergebens. Das herannahende Unheil bricht bis zum Schluss nicht deutlich hervor, stattdessen brodelt es unter der Oberfläche des Films, die nur manchmal durchlässig wird für die Signale, die andeuten, was da kommen wird. Und so sehr man auch von Beginn an weiß, wie BLACK SWAN ausgehen wird, sind es die letzten Einstellungen, die dann in einer Form überraschen und emotional einnehmen, die Aronofksy sonst leider zu selten anstrebt. Ein guter Film sicherlich. Das Meisterwerk, das so viele in ihm gesehen haben wollen, ist BLACK SWAN aber genauso wenig wie THE WRESTLER.

Veronica (Winona Ryder) ist innerlich zerrissen: Zwar gehört sie auf ihrer Highschool der populären Clique der drei Heathers (Shannen Doherty, Lisanne Falk, Kim Walker) an, die sich wie Herrenmenschen durch die heiligen Hallen bewegen und es sich zum Ziel gesetzt zu haben scheinen, alle „Minderwertigen“ öffentlich zu demütigen, doch eigentlich sind ihr nicht nur dieses Gebaren, sondern auch die drei Freundinnen zuwider. Ihre auch ob der eigenen Rückgratlosigkeit langsam anwachsenden Gewaltfantasien finden schließlich in J.D. (Christian Slater), einem mysteriöser Loner, der sich den typischen Ränkespielchen entzieht, ihren Spiegel. Veronica ist fasziniert von dessen Unangepasstheit und lässt sich von ihm zur Ermordung einer der drei Heathers manipulieren. Der Mord wird flugs als Selbstmord getarnt und die Täter sind aus dem Schneider, was in ihnen die Idee heranreifen lässt, auch andere Unsympathen ihrer Schule zu bestrafen. Doch erstens geht J.D. stets weiter, als Veronica dies will, und zweitens müssen die beiden verdutzt feststellen, dass die eigentlich so verhassten Personen nach ihrem Tod einen deutlichen Popularitätsschub erleben …  

„My teen angst bullshit’s got a body count.“ HEATHERS ist auch dann noch ein reichlich abgründig und verschroben , wenn man auch jene Vertreter des amerikanischen Highschoolfilm-Subgenres in die Betrachtung miteinbezieht, die einen durchaus kritischen Blick auf das Treiben an Schulen werfen. Die sich im Mikrokosmos Schule spiegelnden Auswüchse der auf Egoismus fußenden Erfolgsgesellschaft – die Zweiklassengesellschaft von Jocks und Nerds, von populären Schülern und verlachten Außenseitern, und die sich aus dieser Konstellation ergebenden Grabenkämpfe ums Dazugehören, Sich-Abgrenzen und -Behaupten – werden von nahezu allen dieser Filme aufgegriffen und wie erwähnt von einigen sogar entprechend kommentiert. HEATHERS geht insofern einen Schritt weiter, als er in bestem dialektischen Sinne auch die Reaktion auf diesen Zustand kritisch beleuchtet, sodass sich am Ende nicht nur die Einteilung in angesagte und unbeliebte, sondern auch die in „Schuldige“ und „Unschuldige“ in Luft auflöst. Etabliert Lehmann mit der Hauptfigur Veronica zunächst einen Charakter, der das „System“ trotz seiner Zugehörigkeit von außen zu überblicken scheint, seine Fehlerhaftigkeit und Verlogenheit erkennt und darüber reflektiert, so offenbart sich im Verlauf des Films, dass ihre Reaktion – die durch das teufllische Treiben J.D.s begünstigt wird – nicht etwa umstürzlerisch ist, also ein Anschlag auf das System von außen, sondern im Gegenteil auch nur systemerhaltend. Um dazuzugehören, etwas von der Aufmerksamkeit abzubekommen, deuten selbst ehemalige Mobbingopfer der Toten ihre Beziehung zu jenen noch positiv um, und der Lehrkörper nutzt die Gelegenheit zu heuchlerischen Andachtsveranstaltungen und der Beschwörung eines faktisch gar nicht vorhandenen Zusammenhalts. Veronica steht tatsächlich vor dem mephistophelischen Dilemma (mit umgekehrten Vorzeichen): Sie will das Gute, doch schafft nur mehr Böses.

HEATHERS arbeitet mit den Versatzstücken des Genres, um sie im richtigen Moment zu großem Effekt als solche bloßzustellen und damit nicht nur den Zuschauer, sondern meist auch Veronica auf dem falschen Fuß zu erwischen. Eltern kommen für gewöhnlich schlecht weg in solchen Filmen und auch hier gibt es genug Beispiele für die Gleichgültigkeit, die die Erzieher gegenüber ihren Kindern an den Tag legen. J.D.s Vater ist ein eitler Geck, eine Karikatur vom Mann in den besten Jahren, ein rücksichtsloser Geschäftemacher, der seine Frau in den Selbstmord trieb und mit seinen ständigen Arbeitsplatzwechseln wohl mit dazu beigetragen hat, dass J.D. einfach nicht dazugehören kann, und Veronicas Eltern, deren Leben sich im Verspeisen von Pastete auf der Terrasse zu erschöpfen scheint, machen auch keinen allzu empathischen Eindruck. Doch gegen Ende sagt Veronicas Mutter etwas Erstaunliches, was man fast als „Moral von der Geschicht'“ aus dem Film filtern möchte:  „When teenagers complain that they want to be treated like human beings, it’s usually because they are being treated like human beings.“ Veronicas Sorgen, ihr Wut und ihre Angst, die sie ja selbst schon als „teenage angst bullshit“ entlarvt hat, sind eben kein pathologischer Zustand, der behandelt werden muss, sondern gehören zum Prozess des Erwachsenwerdens dazu. Die Spielchen, die sie an ihrer Schule zu spielen hat, sind eben dieselben, die auch „da draußen“ in der Erwachsenenwelt noch gespielt werden. Man kann sich darüber aufregen und darüber verzweifeln, daran ändern wird man wohl nichts. Auch dann nicht, wenn man zu drastischen Mitteln greift. Aber man kann sich dem Spiel, so weit es geht, verweigern.

Die Inszenierung von HEATHERS reflektiert diesen Erkenntnisprozess. Beginnt der Film fast wie ein beständig zwischen verführerisch und abstoßend pendelnder Traum komplett mit Weichzeichner, Weitwinkel und durch den Synthesizer gejagten Engelschören, die die Entfremdung Veronicas perfekt abbilden, wird er im mörderischen Mittelteil vom Rausch des Bonnie-und-Clyder-Spiels der beiden Protagonisten erfasst, nur um sich zum Ende hin aller auffälligen Verfremdungseffekte zu entledigen und einen ernüchterten, niedergeschlagenen  Ton anzunehmen. Das Feuerwerk aus Pointen und übersteigerten Szenen weicht einer ruhigeren Abfolge eher statischer Szenen, während Veronica sich in der Introspektion übt und eine realistische Bestandsaufnahme wagt, die ihr in der letzten Einstellung den zwar jeder Illusion entledigten, aber immerhin ungetrübten und zuversichtlichen Blick in die Zukunft erlaubt. HEATHERS ist in Deutschland nicht so bekannt, wohl auch, weil seine beiden Stars zum Zeitpunkt des Erscheinens noch keine waren ist, genießt in den USA aber hochverdienten Kultstatus und ist weitaus mehr als „nur“ eine skurrile Teeniekomödie. Auch als solche funktioniert er aber ausgezeichnet, weil die Dialoge geschliffen scharf und die Pointen abgrundtief böse sind.