Mit ‘Wolf Roth’ getaggte Beiträge

Episode 237: Nachtgebete (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Ulrike Berger (Monika Baumgartner), Angestellte im Nachtclub der Ganoven Cottbus (Robert Jarczyk) und Sacko (Hanno Pöschl), wird ermordet, weil sie „auspacken“ will. Vorher benennt sie den Kunsthistoriker Dr. Roth (Gerd Anthoff) als leiblichen Vater ihrer jugendlichen Tochter Marianne (Joschka Lämmert). Roth ist erstaunt: Zwar hat er die Berger bei einem Kuraufenthalt kennengelernt und sich mit ihr angeregt unterhalten, aber sonst war da nichts. Bei einem Treffen mit Marianne erlebt er, wie Cottbus und sein Schläger versuchen, das Mädchen aus der Wohnung zu prügeln. Er schaltet die Polizei ein und nimmt die Vormundschaft an. Doch damit zieht er den Zorn der Verbrecher auf sich …

So langsam erinnern die Serie und Derricks Funktion darin an den Michael-Landon-Heuler EIN ENGEL AUF ERDEN. Und zur angemessenen Bewertung müsste ich eigentlich ein neues Kriterium einführen: Als Krimiepisode versagt NACHTGEBETE auf ganzer Linie, es gibt auch keine inszenatorischen oder schauspielerischen Glanzlichter oder Kunststückchen zu bestaunen, stattdessen regiert die zu dieser Zeit typische Biederkeit. Dennoch geht von der Folge eine enorme Faszination aus: Es ist schon erstaunlich, auf welche dramaturgischen Irrwege sich Reinecker begibt, um seine Weltanschauung und Moralphilosophie unters Volk zu bringen. Er diagnostiziert einen Zustand allgemeiner „Gleichgültigkeit“ gegenüber dem nächsten, der sich dem Drehbuch zufolge auch in der Weigerung des Dr. Roth widerspiegelt, die Vaterschaft für ein ihm völlig unbekanntes Mädchen von einer flüchtigen Bekanntschaft unterjubeln zu lassen. Aber er wird von Engel Derrick ja dann doch auf den Pfad der Tugend geführt: In einer nur als bizarr zu bezeichnenden Wendung, nimmt der Historiker (der noch mit seine Mama zusammenwohnt) Marianne bei sich auf wie ein Heiliger, führt sie in sein Haus und konstatiert: „Hier wohnst du jetzt.“ Warum? Weil das langweilige Spießerleben zwischen ledergebundenen Wälzern die Nachtclubangestellte – wer bezahlt eigentlich deren Kur? – so nachhaltig beeindruckt hat, dass sie es als Zukunft für ihre Tochter herbeivisioniert, wissend, dass sie bald den ihren letzten Atem aushauchen wird. Die letzten fünf Minuten, in denen Dr. Roth und seine Familie im dunklen Haus das Auftauchen der Killer erwarten, sind sogar ganz spannend, beim Rest kann man nur den Kopf schütteln. Dafür gibt es aber eine der überzeugenderen Disco-Szenen in der an solchen nicht gerade reichen Serie und Hanno Pöschl, der mit weiß geschminktem Gesicht und rotem Pagen-Jackett Frauen versteigert.

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Episode 238: Abendessen mit Bruno (Alfred Weidemann, Deutschland 1994)

Die Unternehmer Mandy (Wolf Roth) und Martin Sasse (Sebastian Koch) haben ein Problem: Sie werden von ihrem Angestellten Simon (Thomas Schücke) erpresst: Dafür, dass er ihnen belastendes Material überlässt, will er Teilhaberschaft im Unternehmen. Es kommt zur Auseinandersetzung, bei der Sasse den Emporkömmling erschlägt. Den Mord schieben die Sasses – der Vater (Ernst Jacobi) und Martins Schwester Ingrid (Sosa Macdonald) – ihrem geistig behinderten Bruder Bruno (Phillip Moog) in die Schuhe. Derrick glaubt aber nicht an dessen Schuld und entlässt den jungen Mann zurück in die Obhut der Verräter …

Nach dem KAFFEE MIT BEATE nun also das ABENDESSEN MIT BRUNO. Mehr als an den Whodunit aus den Siebzigerjahren erinnert die Folge aber an eine andere und Reinecker macht sich noch nicht einmal die Mühe, das Vorbild zu Verschleiern: Einen geistig Behinderten namens Bruno gab es bereits schon einmal bei DERRICK und auch damals wollte dessen feine Familie ihm den Mord des Bruders in die Schuhe schieben, weil er sich nicht wehren konnte: Die Rede ist von ANSCHLAG AUF BRUNO von 1979, in der Dieter Schidor die Rolle des wehrlosen Tropfes übernahm. Wer DERRICK seit den Anfängen verfolgt, weiß bereits, dass die Serie in der Darstellung von psychischen Erkrankungen die Grenze zur Fantasy mitunter lustvoll überschreitet. Das ist auch hier so: Moog, der seine Popperfrisur gegen einen einem Behinderten offensichtlich angemesseneren Dreidollarhaarschnitt, die Barbour-Jacke gegen einen beigefarbenen Opablouson eingetauscht hat, interpretiert den Bruno als dumpf ins Leere starrenden, schweigenden Forrest Gump mit Teddybär. Seine Erkrankung bestehe darin, erklärt der Arzt (der ihn aus seiner Obhut entlässt, weil er seine Klinik schließen will, um sich anderen Dingen zu widmen!), dass Bruno „alles auf einmal“ wisse und verstehe. Möglicherweise sei er damit ja sogar gesünder als die vermeintlich „Normalen“. Der Kniff Derricks, den vermeintlichen Mörder zu entlassen, um so den Druck auf die von Schuldgefühlen geplagten Sasses zu erhöhen, ist ebenfalls alt: Das gab es schon einmal in der KOMMISSAR-Episode DREI BRÜDER von 1974. Weil Reinecker damals aber noch Krimis schrieb statt moralphilosophisch verquaste Kammerspiele, wurde die Kapitulation der Täter da glaubwürdig herbeigeführt. Hier verliert der Mörder schon am ersten Abend beim Anblick seines Bruders die Nerven und versteigt sich in eine peinliche Zornrede. Wie schon oben konstatiert: Als Krimi zum Vergessen, als Blick in die Reinecker’sche Gedankenwelt faszinierend.

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Episode 239: Katze ohne Ohren (Horst Tappert, Deutschland 1995)

Als Karina (Svenja Pages), die Freundin des Drogenhändlers Manfred Mauser (Peter Kremer) im Fernsehen ein Interview mit dem Physiker Kostiz (Karlheinz Hackt) hört, in dem dieser die Jugend dazu ermahnt, die drängenden Aufgaben zur Verbesserung der Erde anzugehen, verlässt sie ihren Partner. Wenig später wird er in seiner Tiefgarage erschossen.

Der Titel klingt wie ein frühes Draft einer Til-Schweiger-Erfolgskomödie, bezieht sich aber auf den Vortrag des Wissenschaftlers: In Südafrika habe er eine Frau gesehen, die eine Katze fütterte, der das Ozonloch die Ohren „weggebrannt“ habe. Das Bild hat den Mann so erschüttert, dass er darüber seinen Wissenschaftlerjob an den Nagel gehängt hat, um nun als Mahner und Aufrütteln durch Fernsehshows, Schulen und andere Einrichtungen zu tingeln und die Jugend an ihre große Verantwortung zu erinnern. Die Episode dieser Tage zu schauen, sorgt für ein interessantes Déjà-vu und erinnert zum einen daran, dass die letzten rund 25 Jahre in Sachen Klima- und Umweltpolitik leider ziemlich verschlafen wurden, zum anderen, dass man von Reinecker in dieser Phase seines Schaffens offensichtlich keine spannenden Fernsehkrimis mehr erwarten darf. Die Figur des Wissenschaftlers kann man vielleicht als Alter ego des Autors verstehen, der seine Tätigkeit als Erfinder von Kriminalfällen niedergelegt hat, um seine Zuschauer über den Status quo der Welt und des menschlichen Daseins zu ermahnen. So ehrlich das auch gemeint sein mag: KATZE OHNE OHREN steht sich bei seinem Anliegen mit ihrer bisweilen bizarren Weltfremdheit mehr als einmal selbst auf den Füßen. Da ist zum einen der Drogendealer Kremer, der freudestrahlend vom Treffen mit den „großen Bossen“ kommt und seiner Freundin mitteilt, dass sie ihm nun alle Münchener Schulen überlassen haben, aber in seiner Wohnung abgepacktes Heroin rumliegen hat und zum Verkauf schon einmal abgerissene Junkies wie Andreas Klausen (Robinson Reichel) bei sich begrüßt. Dann ist da der Wissenschaftler, der mit seiner Karriereentscheidung beruflichen Selbstmord begeht. Warum es der Betreiber einer Drogenklinik für eine gute Idee hält, einen Weltverbesserer vor Junkies darüber schwadronieren zu lassen, dass sie vor der Wirklichkeit wegrennen, anstatt die Welt zu retten, sei dahingestellt. Sehr rührend fand ich die Idee, dass Kostiz seine Vorträge auf Kassetten aufnimmt und dann kostenlos an seine Zuhörer verteilt. Das Geschäftsmodell scheint mir nicht wirklich durchdacht. Aber was weiß ich schon.

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Episode 240: Anruf aus Wien (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Babette (Sibylle Widauer), die Tochter des geschiedenen Ehepaars Bach (Peter Fricke & Jutta Kammann), wird entführt, die Entführer fordern eine Million DM. Panisch vor Sorge willigt Bach ein, ergreift bei der Lösegeldübergabe schließlich zur Waffe und erschießt den Boten. Bevor Derrick und Klein Bach festnehmen können, müssen sie aber erst noch eine Möglichkeit finden, Zeit zu gewinnen und die Entführer aus der Reserve zu locken. Sie holen Charlotte (Veronika Fitz), die Ehefrau des Toten, in ihr Boot und fordern sie auf, den Partnern ihres Mannes zu erzählen, er sei nach Wien gereits, um mit ihr dort ein neues Leben anzufangen, und sie erwarte seine telefonischen Instruktionen. Sie macht bei dem Spiel mit – aber wohl vor allem, weil sie im Schock glaubt, ihr Mann sei wirklich nach Wien gereist …

Die letzten Folgen waren ja schon viel, viel besser als das, was Reiencker uns sonst so im Jahr 1994 aufgetischt hatte, doch ANRUF AUS WIEN kommt einem Quantensprung gleich. Nicht nur, dass dem Mann nach gut drei jahrzehnten Fließbandkrimiarbeit noch einmal etwas Neues eingefallen ist: Die Folge ist tatsächlich sauspannend. Zunächst mal geht das alles sehr normal los: Es wird ein etwas zu harmonisches Papa-Tochter-Idyll gezeichnet und die Mama als Buhmann aufgebaut. Fricke zieht dann seine Masche durch und wird immer erratischer und panischer, während seine Ex-Gattin bemüht ist, die Nerven zu behalten. Richtig interessant wird das alles, als Derrick hinzustößt und seinen raffinierten Plan ausheckt. Reinecker zieht die Spannung hier sehr geschickt aus dem nicht zuletzt von Harry geschürten Zweifel, dass Charlotte begreift, was auf dem Spiel steht und mitspielt. Veronika Fitz ist toll als völlig abgeschaltete Gattin, die nach dem Schock der Todesnachricht in einen Zustand der Trance gerät und kurzzeitig Trost in dem von Derrick inszenierten Spiel findet. Aber der Zustand ist natürlich immens fragil: Bei jedem Anruf der Ganoven bei ihr erwartet man, dass sie aus ihrem Trancezustand aufwacht, sich verrät, die Täuschung auffliegen lässt und so den Tod des Mädchens verursacht. Clever gescriptet, gut umgesetzt, toll.

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Episode 241: Ein Mord, zweiter Teil (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Der Gefängnispsychologe Dr. Grossler (Stefan Wigger) sucht Derrick auf: Rudolf Kollau (Wolf Roth), den Derrick vor sieben Jahren wegen des Mordes am Geliebten seiner Ehefrau Agnes (Gudrun Landgrebe) festgenommen hatte, steht kurz vor seiner Entlassung wegen guter Führung. Doch Grossler glaubt nicht an den trügerischen Frieden: Für ihn ist Kollau der „absolute Verbrecher“ und nur darauf aus, sich an seiner Ex-Gattin zu rächen, die mittlerweile mit dem biederen Beamten Arno (Edwin Noel) verheiratet ist und in dem Haus wohnt, das Kollau noch zur Hälfte gehört. Tatsächlich bittet er Agnes, seine Bücher bei ihr im Keller unterstellen zu dürfen, bis er eine Bleibe gefunden hat, doch dann steht er wieder vor ihrer Tür, bezieht erst einen Kellerraum und beginnt von dort aus seinen Keil zwischen die Eheleute zu treiben. Derrick sind die Hände gebunden. Was hat Kollau vor?

Reinecker klaut wieder beim Besten: sich selbst. In DER UNTERMIETER war es Peter Kuiper, der sich nach der Haftentlassung in der Wohnung seiner mittlerweile wieder verheirateten Ex-Freundin breitmachte und dabei unter anderem deren Untermieter drangsalierte. Hier wie dort wird Derrick von einem befreundeten Beamten auf den Schurken aufmerksam gemacht, ist der Neue an der Seite der Verflossenen vom Typus des Reinecker’schen Waschlappens. Den wesentlichen Unterschied markiert hier die Besetzung der Schurkenrolle, denn der großartige Wolf Roth legt seinen Eindringling nicht wie Kuiper als zudringlichen, bullyhaft-einschüchternden Gewaltmenschen an, sondern als intelligenten, äußerlich betont kontrollierten, innerlich aber brodelnden Psychoterroristen, dessen immenses Drohpotenzial fast auschließlich zwischen den mit einem süffisanten Lächeln ausgesprochenen Zeilen liegt. Und der Roth hat Freude an dieser Rolle, uiuiui. Er ist ja fast immer super, aber hier ist nahezu jeder seiner Auftritte zum Niederknien. Wenn er seine schlotternde Ex beim Frühstück mit dem Gatten stört und scheißfreundlich nach einem Kaffee fragt oder immer wieder fallen lässt, dass das Haus, das sie bewohnen, ja zur Hälfte ihm gehöre, spürt man den ganzen über die Jahre aufgestauten Zorn und die Freude, die ihm das Wissen verschafft, dass schon seine bloße Anwesenheit die beiden verrückt macht. Mit Derrick liefert er sich hingegen scharfe Wortgefechte, in denen er seine Verachtung für den Beamten nicht zurückhält: Derrick, sonst nie um eine schlagfertige, altersweise Antwort verlegen, wird hier auffällig wortkarg. Wenn es etwas zu meckern gibt – neben der Tatsache, dass die Episode ein Dreiviertelremake ist -, dann ist es wahrscheinlich das Ende. Die Idee ist zwar gut, aber trotzdem fühlt es sich ein bisschen wie ein Letdown an. Egal, Wolf Roth rockt!

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Episode 242: Teestunde mit einer Mörderin? (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Der attraktive Roland Ortner (Thomas Kretschmann) ist auf dem Weg zu seiner attraktiven Geliebten Isabel (Christina Plate), die pikanterweise die Pflegerin von Rolands schwerkranker, schwerreicher, aber deutlich älterer Ehefrau Agnes (Ursula Lingen) ist. Bei seiner Ankunft ist Isabel tot, erschossen, und für Roland kann es keinen Zweifel geben, wer als einziger als Mörder in Frage kommt: seine Ehefrau, die ihm die Affäre einst zugestanden hatte, weil sie spürte, dass sie ihrem jungen Ehemann nicht mehr bieten konnte, was er brauchte.

Das ist eine reine Schauspielfolge, in der vor allem Ursula Lingen viel Raum erhält, um ihre würdevolle Grande Dame zu geben. Sie verfügt über große Präsenz, macht den Schmerz ihres Charakters greifbar, der spürt, dass seine grenzen- aber eben auch körperlose Liebe nicht mehr in gleichem Maße erwidert wird und deren Rettungsanker letztlich zur totalen Entzweiung führt. Thomas Kretschmann, Anfang 30 erst, aber bereits mit einigen nennenswerten Produktionen im Rücken, funktioniert gut als ihr deutlich weniger in sich ruhender, vor Lebenslust vibrierender Ehemann, der sich nach eigenem Bekunden von ihr hat kaufen lassen. Das wird leider zu wenig ergründet: Man erhält einen kurzen Einblick in ihre gemeinsame Vergangenheit, aber man erfährt nie, was der junge Mann an der Frau, die seine Großmutter sein könnte, fand. Die ganze Beziehung wird nicht richtig glaubwürdig, auch wenn sich die beiden Darsteller alle Mühe geben. Hinzu kommt der wenig spektakuläre Verlauf: Man weiß schnell, wer der Mörder ist und eine richtige Überraschung bleibt aus. Trotzdem: gehobener Durchschnitt, wie ich ihn mir gefallen lasse.

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Episode 243: Ein Mord und lauter nette Leute (Theodor Grädler, Deutschland 1995)

Die Geschäftsleute Kelpe (Sky DuMont), Bienert (Klausjürgen Wussow) sowie dessen Sohn Hans (Christoph Eichhorn) finden das Callgirl Ruth tot in ihrem Appartement. Alle drei Männer hatten eine Beziehung mit der Frau, zahlten ihr die Miete und ermöglichten ihr auch, ihre Schwester Lona (Julia Dahmen) auf ein Internat zu schicken. Derrick holt das junge Mädchen nach München und berichtet ihr, wer ihre Schwester war. Lona möchte unbedingt die Liebhaber Ruths kennenlernen und dabei helfen, den Mörder zu finden.

Das ist natürlich etwas, was Reinecker nicht versteht: Wie eine Frau sich mehreren Männern gleichzeitig darbieten kann, wie diese Männer sie auch noch untereinander teilen – und wie sogar deren Ehefrauen und Geliebte damit einverstanden sind, weil diese Ruth so ein wunderbarer Mensch war. Und weil er das nicht versteht – was ja vor allem sein Problem ist -, müssen diese Männer und Frauen ölig-verschlagene Schmierlappen sein, denen die falsche Betroffenheit nur so aus jeder Pore tropft – und eine(r) von ihnen natürlich ein Mörder, bei dem es mit der Polyamorie dann doch nicht so weit her war. Was grundsätzlich trotzdem ein Superansatz für 60 Minuten stimmungsvolle Unterhaltung wäre, wenn Reinecker nicht viel zu viel Gewicht auf die Trauerbewältigung der hübschen, aber langweiligen Lona legen würde. Sky DuMont spielt seine Masche runter, Klausjürgen Wussows onkelige Schmierigkeit wird vollkommen verschenkt. Gut, dass Christine Buchegger noch da ist, die Kelpes Sekretärin und Geliebte mit der devoten Strenge einer zärtlichen Domina versieht.

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Episode 244: Kostloffs Thema (Dietrich Haugk, Deutschland 1995)

Der selbsternannte Theaterinhaber, Schauspiellehrer, Stückeschreiber, Regisseur und Philosoph Kostloff (Gert Anthoff) führt die Polizei zur Leiche eines seiner „Schüler“ in einem Steinbruch, nachdem er ihn als vermisst melden wollte. In den Steinbruch schickte er seine Eleven, um ihre Stimme zu schulen. Derrick und Klein ist er damit sofort verdächtig: Und tatsächlich tut der selbstverliebte, von sich selbst überzeugte Sohn einer schwerreichen Mutter (Maria Becker) nichts, um diesen Verdacht zu zerstreuen. Im Gegenteil: Mit seinen seltsamen Theorien darüber, dass jeder Mensch ein Opfer sei und töte, was er liebe, liefert er sich gewissermaßen auf dem Präsentierteller. Nur Beweise gibt es nicht. Also liefert ihm Derrick einen Undercover-Beamten (Nikolaus Gröbe) als neuen „Schüler“ …

Das ist schwierig. Auf der Habenseite hat die Episode ein paar interessante formale Kniffe vorzuweisen, die ich in diesem Stadium von an Leichenstarre erinnernder Routine, in den die Serie zumindest inszenatorisch eingetreten ist, schon nicht mehr erwartet habe. Da dröhnt ein theatralischer Score über die rauschhaft-beknackten Monologe von Kostloff, gibt es eine mit Handkamera inszenierten Film-in-Film, wird das Finale im Steinbruch mit harten Schnitten zum Videoclip. Putzig ist wieder einmal Reineckers unverhohlen zur Schau getragene Verachtung für all diese Kunstfuzzis mit ihren überkandidelten Konzepten und Ideen: Wie schafft man es unter diesen Voraussetzungen, über 30 Jahre lang am Fließband Drehbücher zu schreiben, ohne sich selbst zu hassen? Das macht Spaß, das gefällt. Weniger sicher bin ich mir bei Gert Anthoff, der in der Serie sonst meist den Typus des bürgerlichen Waschlappens verkörpert, der mal positiver, mal negativer angelegt ist, und hier von der Leine gelassen wird. Er dreht ziemlich auf als Kostloff, stolziert wie ein Pfau in einer unglaublichen Hausjacke herum, trinkt Likör mit abgespreiztem Finger, schwadroniert, redet sich in Rage, zitiert Wilde, wedelt affektiert mit den Händen herum und umgarnt am Schluss den neuen Schüler in deutlich homoerotischer Intention. (Da fiel mir nach rund vier, fünf Jahren Derrick und 244 absolvierten Folgen zum ersten Mal auf, wie abwesend das Thema Homosexualität in der ganzen Serie ist.) Das finde ich prinzipiell gut, aber zum einen nehme ich Anthoff die Rolle einfach nicht ab, zum anderen ist dieser Kostloff als Figur – oder so, wie Anthoff ihn anlegt, viel zu comichaft für die Serie. Bei allem, was es zu kritisieren gibt, eins kann man KOSTLOFFS THEMA Nicht vorwerfen: dass die Episode langweilig oder routiniert wäre. Das gibt bei der Erstsichtung einen Bonus.

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Episode 245: Derricks toter Freund (Theodor Grädler, Deutschland 1995)

Arno Beckmann (Walter Renneisen), ein ehemaliger Kleinkrimineller, wird durch die Tür seiner Wohnung erschossen. Das Appartement hatte ihm die wohlhabende Martha Hauser (Christiane Hörbiger) zur Verfügung gestellt, eine platonische Freundin des Opfers. Wie Derrick herausfindet, hatte der auf Anraten seines Zellenkameraden, des Heiratsschwindlers Leo Körner (Jürgen Schmidt), Frauen angeschrieben, um an Geld zu kommen, das ihm aufgrund fehlender Ausbildung und mangelnden Selbstbewusstseins fehlte. Beckmann machte mit seiner Hilflosigkeit, aber auch mit seiner Offenheit nicht nur Eindruck auf Martha, sondern auch auf deren verheiratete Tochter Helga (Roswitha Schreiner) und ihre Freundin Ilse (Gertrud Jesserer). Alle drei Frauen hatte von ihren Männern nicht mehr viel Zuneigung zu erwarten.

Die irreführend betitelte Episode – Derrick kannte Beckmann gar nicht, fühlt sich ihm dann aber durch die Berichte der Frauen verbunden, eben als sei er ein Freund – macht aus dem traurigen Tropf das männliche Gegenstück zu all den unschuldigen weiblichen Zauberwesen, die vor allem in den Siebzigern regelmäßig die Köpfe alternder Männer in DER KOMMISSAR und DERRICK verdrehten. Beckmann ist in der Interpretation von Renneisen ein bemitleidenswerter Trottel, eine Art treudoofer Straßenhund, den man adoptiert, um ihn gesund zu pflegen, aber seine Unbedarftheit und Wärme öffnet ihm den Weg in die Herzen der Damen, die von ihren patriarchischen Männern keine Liebe mehr erfahren. DERRICKS TOTER FREUND passt zu Reineckers Altersthema der zunehmenden Vereinsamung, das im Zentrum dieser späten Jahrgänge steht, aber die Folge scheitert an Renneisen. Dass wohlhabende Frauen ihn als Sozialexperiment adoptieren, mag ja noch angehen, doch dass sich Roswitha Schreiner in diesen linkischen Hampelmann verliebt, sich auch eine körperliche Beziehung zur platonischen wünscht, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Renneisen overactet gnadenlos und was liebenswert und unvoreingenommen wirken soll, wirkt tölpelhaft und peinlich. Es liegt an Traugott Buhre, der Marthas autoritären Gatten spielt, dass das Konstrukt halbwegs funktioniert. Wenn es Renneisen schon nicht gelingt, seinen Beckmann zur überirdischen Sympathiefigur zu machen, so schafft Buhre es, allen Hass auf sich zu ziehen. So ist die Episode kein Totalreinfall – und als faszinierender Blick ins vernebelte Oberstübchen von Sozialmärchenonkel Reinecker eh faszinierend.

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Episode 246: Eines Mannes Herz (Alfred Weidenmann, Deutschland 1945)

Der Geschäftsmann Ludwig Dalinger (Walter Schmidinger) sucht die Familie um Dr. Kirchheimer (Ralf Schermuly) auf: Die Tochter des Hauses war vor zwei Jahren spurlos verschwunden und Dalinger zeigt große Anteilnahme an ihrem Schicksal. Wenig später wirft er sich vor einen fahrenden Zug und in seinem Abschiedsbrief, der den Kirchheimers zugeht, erklärt er ihnen, dass er das Herz ihrer Tochter in der Brust trage. Der Mann hatte nach dem Engagement seines Geschäftspartners Bertram (Wolf Roth) ein neues Herz erhalten, für das offensichtlich ein junger Mensch sterben musste …

Kein echter Kriminalfall, weil der Mord an der Verschwundenen nicht geklärt wird, aber eine ziemlich faszinierende und spannende Geschichte. Im Unterschied zu vielen anderen von Reineckers offen „humanistischen“ Folgen, ist EINES MANNES HERZ ausnahmsweise mal nicht gnadenlos verlabert und moralinsauer, sondern tatsächlich involvierend und bewegend. Das Schicksal sowohl der Kirchheimers als auch Dalingers lässt nicht kalt, wird durch die Leistungen der Darsteller nachvollziehbar und greifbar. Und der Verzicht auf einen Schurken, der alles Übel dieser Welt verkörpern muss, tut der Sache gut. Bertram, der der Anforderung an einen Bösewicht noch am ehesten entspricht, ist eigentlich auch ein armes Schwein, das nicht wusste, dass seine Bemühungen, das Leben seines Freundes zu retten, zum Tod eines anderen führen würden. Das Schlussbild, das ihn zeigt, wie er mit einem Phantombild des vermeintlichen Mörders die Gäste eines Münchener Nachtclubs anspricht – zuvor hatten wir erfahren, dass er sein Geschäft aufegegeben habe und nicht mehr erreichbar sei – ist gleichermaßen tragisch wie bewegend und eine schöne Abwechslung zum sonst vorherrschenden Reinecker’schen Pessimismus.

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Episode 247: Dein Bruder, der Mörder (Hans-Jürgen Tögel, Deutschland 1995)

Musterknabe Randolf Basler (Holger Handtke) hat Scheiße gebaut: In seinem Bett liegt eine tote Prostituierte. Seine patente Löwenmutter (Eva Kotthaus) will die Zukunft des Sohnes um jeden Preis retten, also überredet sie dessen Bruder Hubert (Peter von Strombeck), die Leiche mit ihr gemeinsam wegzuschaffen. Anstatt sie aber einfach irgendwo abzuladen, legt Hubert sie sorgfältig vor ihrer Haustür ab und sucht gleich am nächsten Tag die Familie der Toten auf. Dabei erfährt er, dass sie eine von den Großeltern unerwünschte Tochter hinterlässt, um die sich nun Vera (Carin C. Tietze), die Schwestern der Toten, kümmern muss. Hubert bietet ihr seine Hilfe an und zieht so die Aufmerksamkeit Derricks auf sich, der großes Interesse an dem Mann zeigt, weil er spürt, dass er mit dem Mord zu tun hat. Das gefällt Randolf natürlich überhaupt nicht …

Die Episode passt zu Reineckers humanistischer Mission. In Folge um Folge proklamiert er die Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen als das Übel unserer Zeit, das sich in DEIN BRUDER, DER MÖRDER wieder einmal darin niederschlägt, dass Mutter und Sohn für sich entscheiden, dass seine Zukunft wichtiger ist als die Gerechtigkeit, eine Prostituierte letztlich niemand vermisst und seine Tat am Ende nur ein Unglück war, für das man ihm die Zukunft nicht versauen sollte. Mitgefühl: Fehlanzeige. Hubert, als „Versager“ apostrophiert, kann und will da nicht mitgehen: Er spürt eine Verantwortung für die Tote und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Die Sympathien sind klar verteilt, auch weil Holger Handtke und Eva Kotthaus in ihren Rollen nahezu ohne positive Eigenschaften auskommen dürfen. Man kann kaum etwas gegen die Konstruktion der Episode sagen, die wieder ein bisschen an die Anfangstage der Serie erinnert, aber ohne den Furor auskommen muss, den Derrick damals noch an den Tag legte. Reineckers Hauptaugenmerk liegt auch nicht mehr bei den Schurken und ihrer Überführung durch den Kriminalbeamten, sondern beim Altruismus des Bruders. Weil seine Wohltätigkeit aber weniger aus einem Schuldgefühl hervorgeht, sondern beinahe instinktiv aus ihm kommt, und wir als Zuschauer bemerken, in welche Gefahr er sich damit begibt, ist die Folge dann doch recht spannend.

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Episode 248: Die Ungerührtheit der Mörder (Helmuth Ashley, Deutschland 1995)

Professor Weiland (Wolf Roth), Lehrer einer Abiturklasse, ist fasziniert vom Mord und was er in unserem Gehirn anstellt. Für einen Aufsatz lädt er den soeben aus der 15-jährigen Haft entlassenen Frauenmörder Ali Klais (Michael Mendl) in die Schule ein, damit seine Schüler ihm Fragen stellen können. Die Begegnung mit dem ungerührten Mann hinterlässt einen starken Eindruck bei den jungen Leuten und sie suchen ihn nach Schulschluss in der Kneipe auf, in der er kellnert. Auch an der Polizeipsychologin Sophie Lauer (Marion Kracht), die als junges Mädchen Opfer einer Vergewaltigung war, gehen die Worte Klais‘ nicht spurlos vorbei. Als Klais erschossen wird, befürchtet Derrick das Schlimmste …

Im Zentrum der Episode steht ein interessantes Spannungsverhältnis, das auf Erzählebene aber leider nicht wirklich zufriedenstellend eingebunden wird: Mir ging als Betrachter das Messer in der Tasche auf angesichts der Selbstgerechtigkeit, mit der Weiland den völlig verstörten, intellektuell deutlich unterlegenen Mörder vorführt und die Schüler dann mit ihrem begrenzten Weltbild auf ihn einprügeln lässt, und auch Derrick und Klein sind zu Recht angewidert von dem Schauspiel. Zum Teil wird der moralische Furor der Schüler aber durch die angebliche „Ungerührtheit“ Klais‘ gerechtfertigt: Er zeigt weder Reue noch ist er überhaupt in der Lage, seine Tat annähernd zu reflektieren. Dem Drehbuch nach zu urteilen, soll das tatsächlich auf seine Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leben schließen lassen, auch wenn eine andere Erklärung angesichts der Situation, in der er sich befindet, ja viel naheliegender scheint: Nach 15 Jahren Haft eben erst auf freiem Fuß (er wird von Weiland am Knast abgeholt und direkt in die Schule gebracht) sieht er sich als „Ausstellungsstück“ einem Tribunal gegenüber, das von dem völlig unvorbereiteten Mann nicht nur Auskunft über längst vergangene Gefühle und Gedanken, sondern sogar eine Art erneutes Schuldgeständnis einfordert. Dass die Jugendlichen mit der Situation ebenso überfordert sind wie er, ist verständlich (passenderweise erklärt ihnen der von der Begegnung mit dem Mörder geradezu berauschte Lehrer, was sie zu denken und am besten auch zu schreiben haben), aber dass eine Polizeipsychologin nicht in der Lage ist, einen Schritt zurückzutreten und ihre eigenen Befindlichkeiten außen vor zu lassen, disqualifiziert sie eigentlich für ihren Beruf. Abgesehen von der interessanten Ausgangssituation gibt die Folge leider sonst nicht viel her. Aber sie ist auch kein Schuss in den Ofen.

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Episode 249: Herr Widanje träumt schlecht (Alfred Weidenmann, Deutschland 1995)

Herr Widanje (Henry van Lyck) wird vor seinem Haus erschossen. Der Mann pflegte einen ausgeprägten Vergwaltigungs-Fetisch, den er auch vor seiner Gattin (Eleonore Weisgerber) nicht verheimlichte und den er dann auch aktiv auslebte. Kergal (Edwin Noel), Vater der jungen Dina (Julia Brendler), die Widanje zum Opfer fiel, zog die Anzeige zurück, weil der Unternehmer ihm im Gegenzug einen Arbeitsplatz in seiner Firma anbot. Zu den Verdächtigen gehören außerdem Agnes Voss (Gudrun Landgrebe), die Therapeutin von Widanjes Gattin, sowie der junge Staatsanwalt Dahlau (Philipp Moog), der ein Foto von Dina auf dem Schreibtisch stehen hat, um das ungesühnte Verbrechen nicht zu vergessen …

Ich habe mich noch nicht so recht zu einer echten Einschätzung dieser Episode durchringen können, die einige interessante Elemente und Details aufweist – hier wären einmal die schwarzweißen Behandlungsvideos zu nennen, die Dr. Voss Derrick von ihren Patienten vorführt – und damit überrascht, dass der Mord am Ende nicht aufgeklärt werden kann. Das Problem ist, dass sie keinen echten Drive entwickelt. Nicht dass, die Serie zu diesem Zeitpunkt sonst ein Ausbund an Spannung und Intensität wäre, aber Weidenmann gelingt es einfach nicht, die verschiedenen Ansätze hier unter einen Hut zu bringen und seine Story so geradlinig zu entwickeln wie das nötig wäre. Am Ende macht sie einen etwas überladenen, ungeordneten Eindruck und sie steht sich dabei selbst im Weg. Was schade ist, denn eigentlich hat die Prämisse großes Potenzial, das man aber nur hier und da aufblitzen sieht.

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Episode 250: Mitternachtssolo (Helmuth Ashley, Deutschland 1995)

Arthur Bolz (Edgar Walther), der Inhaber eines Nachtclubs, wird von seinem Geschäftsführer Prasko (Winfried Glatzeder) erschossen, als er ihn der Unterschlagung von Geldern bezichtigt. Bevor Prasko und seine Mitarbeiter die Leiche fortschaffen können, werden sie vom Nachtwächter Randel (Udo Samel) erwischt. Der sieht seine große Chance: Doch er will kein Geld für sein Schweigen, sondern Praskos Ehefrau Inge (Susanne Uhlen) …

Die Standard-Ausgangssituation nimmt mit Randels Forderung leider keine Wendung ins Bizarre, sondern in ein wenig überzeugendes Melodram: Natürlich verliebt sich Inge, deren Ehemann ein absolutes Arschloch ist, in den biederen Nachtwächter, weil der echtes Interesse an ihr zeigt. Ein Happy End darf es aber nicht geben, weil sich Inge wie einst Winnetou in einen auf Old Shatterhand Randel abgefeuerten Schuss wirft. Derrick guckt drein, als wollte er sagen: „Kinders, was macht ihr immer nur für Sachen.“ Glatzeder ist gut als schwitzender Schurke, aber die Episode ist nicht mehr als unterer Durchschnitt.

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Episode 251: Die zweite Kugel (Horst Tappert, Deutschland 1996)

Johannes Kahlert (Dirk Galuba) erpresst Schutzgeld von italienischen Gastronomen. Veronese (Peter Bertram) weigert sich zu zahlen, also schickt Kahlert seinen Laufburschen Valentino (Götz Hellriegel), um ihn einzuschüchtern. Der nimmt seinen Freund mit, Kahlerts Sohn Konrad (Oliver Hasenfratz). Im Gasthaus des Opfers kommt es allerdings zu einem Schusswechsel, bei dem Konrad durch eine Kugel am Arm verwundet wird und Veronese daraufhin erschießt. Weil er medizinische Versorgung benötigt, aber nicht riskieren kann, dass die Schusswunde der Polizei gemeldet wird, wendet er sich an den Priester Figges (Philipp Moog), um vor diesem die Beichte abzulegen und somit auf das Beichtgeheimnis bauen zu können. Tatsächlich erklärt sich der Pfarrer bereit, einen Arzt (Lambert Hamel) zu organisieren, der dichthält. Derrick kommt der Sache schnell auf die Spur, aber er möchte den Täter identifizieren, ohne den Pfarrer zum Verletzen des Beichtgeheimnisses zu zwingen.

Vielleicht ist diese Folge die ultimative Neunziger-DERRICK-Episode: Philipp Moog spielt einen Pfarrer und Derrick agiert als Hebamme der Wahrheit mit Respekt vor einem heiligen Gelübde. Erzählt wird in getragenem Tempo, alle Schauspieler sind mit großem Ernst bei der Sache, der sich in einer respektvollen Behutsamkeit niederschlägt, so als hätten sie Angst, Reineckers fragile Prosa könne sonst zerbrechen. Selbst Galuba, sonst der verlässliche Mann fürs Grobe, reißt sich sichtlich am Riemen: Anstatt seinem dämlichen Sohn gründlich den Arsch zu versohlen, schluckt er den Ärger herunter. Heraus fällt allerdings eine Actionszene, wahrscheinlich eine von insgesamt drei überzeugenden in 30 Jahren DERRICK: Aus einem fahrenden Auto wird mit einer Maschinenpistole auf den holzhackenden Pfarrer geschossen (Moog im weißen Shirt und Latzhose vorm Holzstapel), der sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringt. Hatte Tappert als Vorbereitung etwa John Woo studiert?

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Episode 252: EInen schönen Tag noch, Mörder (Alfred Weidenmann, Deutschland 1996)

Der Buchhalter Dannhof (Gerd Burkard) kommt mit schlechten Nachrichten auf die Großbaustelle seines Chefs, des Bauunternehmers Kottler (Volker Lechtenbrink): Dessen Geschäft steht kurz vor dem Konkurs, das Überleben hängt von frisierten Zahlen ab, die Dannhof aber nicht liefern will. Kottler nimmt den Buchhalter mit auf einen kleinen Spaziergang und stößt ihn dann in die Baugrube. Rudolf (Stefan Kolosko), Sohn des Kranführers Alex Hasinger (Stefan WIgger), hat wie sein Vater alles gesehen, doch der Ältere zwingt den Jungen zur Falschaussage: Alles sei ein Unfall gewesen, Kottler habe versucht, den stürzenden Dannhof festzuhalten. Dannhofs Kinder, Albert (Philipp Brammer) und Erika (Natali Seelig), sind am Boden zerstört. Aber Derrick gibt nicht auf und bringt Kottler dazu, die Kinder des Toten auf einen großen Empfang einzuladen.

Volker Lechtenbrink ist gut, Philipp Brammer nervt und Reinecker war beim Verfassen des Scripts wohl nicht durchgehend im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Im Streitgespräch mit Dannhof, bei dem auch Kottlers engste Mitarbeiter anwesend sind, gesteht der Unternehmer, dass er „derzeit schwach“ sei, aber diese Schwäche garantiert nicht zeigen werde: Was damit, dass er es ausgesprochen hat, ja irgendwie hinfällig ist. Viel Zeit wird darauf verwendet, das Leid des trantütigen Geschwisterpärchens einzufangen: Vor allem diese Erika ist grauenvoll, sagt in der ganzen Episode kein Wort, guckt lediglich deprimiert aus der Wäsche und lässt sich von ihrem Bruder in den Arm nehmen. Was soll das?

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Episode 218: Ein sehr trauriger Vorgang (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Der schüchterne, zurückhaltende Horst (Holger Handtke) wird von seiner Clique mit ins Bordell genommen und dort unter großem Buhei entjungfert. Beim anschließenden Umtrunk macht sich Anführer Albert (Werner Hochholdinger) einen Spaß daraus, Inge (Dorothee Hartinger), die insgeheim für Horst schwärmt, anzurufen und ihr die Neuigkeiten brühwarm zu erzählen. Wenig später klingelt es an der Tür: Albert geht hinunter, um zu öffnen und wird von einer unbekannten Person erschossen.

Eine impertinente Episode, die wieder einmal vom haarsträubenden Moralismus Reineckers zeugt. Ich spoilere gnadenlos: Als Mörder entpuppt sich Frau Hohner (Christiane Hörbiger), die Lehrerin der Jungs und von Inge, die damit die „Verführung“ des so reinen, unschuldigen Horst durch die Rowdies um Albert bestrafen will. Zwar entgeht sie ihrer Strafe nicht, aber Reineckers Sympathien liegen schon eindeutig bei ihr. Mit dem Besuch im Puff ist der erste Schritt ins Höllenfeuer gemacht, der in seiner Langweiligkeit doch so schützenswerte Horst ist mit der gemachten Erfahrung gewissermaßen dem Untergang geweiht, zumindest aber einfach nicht mehr derselbe. Das ist einfach hoffnungslos albern, verkennt biologische Realitäten und wird noch zusätzlich dadurch befeuert, dass Freund Albert wirklich ein saumäßig unsympathisches Arschloch ist. Diese Gemengelage macht „Ein sehr trauriger Vorgang“ als Kuriosum sehenswert, aber leider fehlt der Inszenierung jeder Hang zum Sleaze, der ein ähnliches Szenario in den Siebzigern noch zum Schenkelklopfer erster Güte gemacht hätte. Das Ding ist einfach nur kreuzbieder.

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Episode 219: Mann im Regen (Alfred Weidemann, Deutschland 1993)

Ilse Lohmann (Claudia Lössl), die als Dienstmädchen im Haus der wohlhabenden Brüder Luis (Hans Georg Panczak) und Hans (Burkhard Heyl) arbeitet, wird morgens tot in ihrem Bett aufgefunden, ihr Körper zeigt Spuren von sexuellem Missbrauch. Pikanterweise hatte sie mit beiden Brüdern ein sadomasochistisches Verhältnis. Der werte Papa (Hans Korte) verschafft ihnen jedoch ein Alibi, indem er angibt, sie seien zur Tatzeit bei ihm gewesen. In die Ermittlungen schaltet sich Robert Lohmann (Ulrich Matthes) ein, der Bruder der Toten. Er ist in psychiatrischer Behandlung und scheint verwirrt.

Ein Reinecker’sches Psychodrama, dessen titelgebendes Bild (das auch die Schlusscredits noch einmal unterlegt) sehr reizvoll ist, das aber etwas an seiner Ziellosigkeit krankt. Lohmann ist ein in sich gekehrter Träumer und was das eigentlich für eine Disposition sein soll, die er da mit sich herumschleppt, wird nie so ganz klar. Trotzdem eine der besseren Episoden aus dieser insgesamt eher problematischen Phase, mit einem sympathisch aufspielenden Matthes. Und Hans Korte ist eh immer super.

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Episode 220: Langsamer Walzer (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Inge (Jennifer Kitsch), die im Wäschesalon von Kubik (Gerd Baltus) arbeitet, nimmt abends entgegen allen Warnungen die Abkürzung durch den Park – und kommt nie zu Hause an. Neben ihrer Leiche sitzt ein Hund, die Polizei findet außerdem einen Walkman, auf dem eine Kassette einen langsamen Walzer spielt. War Kubik der Täter, der ein Auge auf Inge geworfen hatte und zudem von seiner bettlägerigen Gattin (Hannelore Hoher) gepiesackt wird?

Die Szenen, in denen Derrick und Harry hochkonzentriert der Musik aus dem Walkman lauschen, sind alles: Nicht nur weil fraglich ist, was sie aus dem fürchterlich synthetischen Stück Musik eigentlich herauszuhören hoffen, sondern auch, weil Regisseur Ashley offensichtlich nicht wusste, dass man für einen Walkman einen Kopfhörer benötigt. Das passt zu einer Folge, der ich gern das Prädikat „verstrahlt“ geben würde, wenn die Inszenierung nicht so furchtbar bieder und eigenschaftslos wäre. Nicht auszudenken, wäre „Langsamer Walzer“ in den Siebziger- oder Achtzigerjahren entstanden, denn eigentlich ist hier alles drin: Der dunkle, gefährliche Park, durch den Mädchen des nachts nicht mehr gehen sollten, der geile alte Tropf, der jungen Mädchen nachstelzt, die boshafte Ehefrau (Hannelore Hoger), die ihn aus dem Bett herumkommandiert und eifersüchtig ist auf die jungen Dinger. In den letzten zehn Minuten wird dann auch noch Peter Fricke als Psychiater ausgegraben, der herausgefunden hat, dass grauenhafte Synthieklassik einen beruhigenden Effekt auf Psychopathen hat. Und Christian Berkel spielt das Versuchskaninchen in seinem Beweisvideo! Hier ist genug Stoff für drei Folgen drin – und selbst, wenn sie den Nineties-Muff nicht ganz abschütteln kann, sticht sie doch heraus.

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Episode 221: Geschlossene Wände (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Irene Solm (Constanze Engelbrecht), Ex-Supermodel und ehemaliges Objekt der Begierde der Regenbogenpresse, wird nach einem Selbstmordversuch sowie mehrmonatigem Alkohol- und Drogenentzug aus einer Heilanstalt verlassen und sucht ihren Lover, den Schauspieler Gaston Riemann (Hanns Zischler) auf. Doch der hat längst eine Neue und setzt die ausgebrannte Schönheit mitleidlos vor die Tür. Eingefangen wird das Spektakel vom Klatschreporter Rob SImon (Heiner Lauterbach), der Riemann danach in seinem Blatt an den moralischen Pranger stellt. Das Ergebnis folgt auf dem Fuße: Riemann wird vor den Augen von Irene in der Tiefgarage erschossen.

Reinecker polemisiert mal wieder gegen die sogenannte High Society und vor allem die Showbiz-Szene, deren eitlen Selbstdarsteller ihm alle suspekt sind, weil sie zarte Geschöpfe wie Irene ins Verderben stürzen. Die bildschöne Engelbrecht bekommt leider nicht viel zu tun, außer lebensmüde aus dem ungeschminkten Gesicht zu gucken. Am Ende darf Derrick dem Klatschreporter – in dessen Redaktionsbüro ein Poster von Jason Donovan hängt – die Moral von der Geschicht ins Mikro diktieren. Könnte lustig sein, wenn die Folge etwas mehr Drive hätte. So bleibt nur der furchtbare Song im Ohr, der in dem reichlich tristen Szeneclub immer gespielt wurde, wenn „sie“ den Laden betrat. Dann hätte ich mich allerdings auch in den Suizid gesoffen.

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Episode 222: Nach acht langen Jahren (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Ein italienischer Gastwirt wird von einem Mafiakiller erschossen, nachdem seine Ehefrau (Cornelia Froboess) den Schutzgeldkassierer wenige Tage zuvor rausgeschmissen hatte. Hinter dem Mord steckt Andreas Heine (Michael Gwisdek), Deutscher im Dienste der Mafia, der nach dem Vorfall sofort aus Rom nach München geschickt wird, um die Sache gemeinsam mit Zensky (Werner Pochath) zu regeln. Vor Ort nimmt er auch Kontakt mit seiner Ehefrau (Rosel Zech) und seinen beiden Kindern auf, die er vor acht Jahren hatte sitzen lassen.

Das muss man sich mal vorstellen: La Famiglia entsendet wegen Cornelia Froboess‘ Aufmüpfigkeit einen Mann aus Rom! Diese völlig absurde Prämisse gibt einigen Aufschluss über die Irrwege, auf denen sich Reineckers Geist damals befunden haben muss. Auch diese Episode ist wieder sehr somnambul und träge, kaum einer verhält sich auch nur halbwegs menschlich – mit Ausnahme des aalglatten Heine, der aber trotzdem erst am Ende aus der Haut fährt, als ihm Harry auf Geheiß Derricks die Handschellen anlegt. Peter Bertram gibt mal wieder einen Italiener mit Klischeeakzent – ob er sich damals Hoffnung machte, den „Isch ‚abe gar kein Auto“-Spot zu bekommen?

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Episode 223: Die Lebensgefährtin (Günter Gräwert, Deutschland 1993)

Hilde Lussek (Krista Bosch) kommt vom Einkaufen nach Hause und findet ihren Lebensgefährten Walter Scholz (Udo Vioff) tot auf: Die beiden standen nur wenige Wochen vor ihrer Hochzeit. Hildes Freundin Vera (Jutta Kammann) macht die schockierte Frau darauf aufmerksam, dass sie mit völlig leeren Händen dastehen wird, sofern Walter sie nicht in seinem Testament benannt hat, doch alles, was die beiden finden, ist ein Säckchen mit wertvollen Juwelen, die Hilde der Freundin zum Schutz anvertraut. Wenig später gesteht der Arzt ihr, dass ihr Partner Opfer eines Mordes geworden ist, und. verständigt die Polizei. Kurz nach Derrick treffen auch Walters Bruder Egon (Christoph Bantzer) und dessen Sohn Udo (Philipp Moog) ein, die als Erben schon mit den Hufen scharren.

Erbschaften und die Streitigkeiten darum bieten Reinecker einen trefflichen Boden für seine Polemisierungen gegen bürgerliche Heuchelei, Verlogenheit und Gier. Im vorliegenden Fall geben Bantzer und der ewig schmierige Moog besonders ekelhafte Beispiele ab: Der Verwandte, der sie zu Lebzeiten nicht ausstehen konnte und sie hochkant rauswarf, ist noch nicht kalt, da gieren sie schon nach seinem Vermögen und ziehen über dessen Lebensgefährtin her, die durch keinerlei amtliche Papiere legitimiert ist. Derrick bleibt cool wie eine Hundeschnauze und lässt sich nicht beirren. Letztlich schaden sich die beiden nur selbst, denn sie drängen sich als Tatverdächtige natürlich geradezu auf. „Die Lebensgefährtin“ ist nicht gerade spannend, weil eigentlich von Anfang an kaum ein Zweifel daran besteht, wer hinter dem Mord steckt, aber sie funktioniert, weil Reinecker weiß, wie er die Affekte bedient. DERRICK-Regulars wie Christian Merkel und Christine Wodetzky mischen auch noch mit.

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Episode 224: Die seltsame Sache Liebe (Theodor Grädler, Deutschland 1993)

Ein junges Mädchen wird tot zwischen den Gleisen des Güterbahnhofs gefunden. Derrick und Harry sehen sofort, dass die Leiche dort nur abgelegt wurde. Es handelte sich um die Freundin des jungen Ulrich (Holger Handtke), den die Nachricht von ihrem Tod völlig aus der Bahn wirft. Sie arbeitete als Kellnerin in der Kneipe von Arnold (Claus Biederstaedt) und Helene Soske (Diana Körner) und war auch am Abend ihres Todes dort. In die Ermittlungen mischt sich der Alkoholiker Seidel (Wolf Roth), ein ehemaliger Kollege Derricks, der dringend eine Beschäftigung braucht, um sein Leben zu meistern.

Reinecker im pseudophilosophischen Schnarchmodus: Wieder einmal zeichnet er das weibliche Opfer als unschuldige Männerbeglückerin und die Liebe zwischen ihr und dem kreuzlangweiligen Ulrich als paradiesischen Zustand des sich gegenseitigen Anstrahlens. Ersteres steht natürlich im Konflikt zu Letzterem und deshalb gibt’s auch wieder ein paar alte Männer, die an einem dreißig Jahre jüngeren Mädel rumschrauben und am Ende doof aus der Wäsche gucken. „Die seltsame Sache Liebe“ ist wie so viele Episoden aus dieser Phase langsam und schnarchig, sodass auch die Reinecker’schen Geschmacksverwirrungen nicht wirklich zum Zuge kommen. Da können noch nicht einmal Biederstaedt und der wie immer großartige Roth das Steuer herumreißen.

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Episode 225: Zwei Tage, zwei Nächte (Zbynek Brynych, Deutschland 1993)

Kronau (Peter Ehrlich) findet durch einen Zufall heraus, dass sein Sohn Achim (Jacques Breuer) sein Geld als Drogendealer verdient und spült dessen Vorrat im Wert von 100.000 DM kurzerhand im Klo herunter. Der Sohn ist verzweifelt, denn nun steht er bei seinen Auftraggebern mit diesem Betrag in der Kreide. Anstatt ihm das Geld zu geben, fordert der Vater Achim auf, die Gauner mit der Tatsache zu konfrontieren und ihnen mit der Polizei zu drohen, um sie in Schach zu halten. Von der Unterredung kehrt Achim nicht zurück, wird erschossen in einer Unterführung gefunden. Der Vater bringt sich um und hinterlässt Tochter Sabine (Katharina Schubert), die nun mit Derricks Hilfe die Mörder des Bruders dingfest machen will.

Dass Ehrlich und Breuer schon nach kurzer Zeit „ausfallen“, ist ein Wermutstropfen, denn die beiden sind immer eine Schau. Die Episode krankt aber auch daran, dass die Täter keinerlei Rolle spielen, erst in der letzte Szene überhaupt in Erscheinung treten. „Zwei Tage, zwei Nächte“ bleibt dem Melodram verpflichtet, begibt sich dafür zwar in den sündigen Unterbauch Münchens – eine Pinte namens „Blue Movie“, in der Walter Renneisen den Zapfhahn bedien und die Junkies zugedröhnt an die Decke starren, während die Flipperautomaten klappern und DERRICK-Veteranin Ute Willing sich einen Schuss in die Wade setzt -, aber wir befinden uns eben in den Neunzigern und da ist alles mit diesem pastoralen Schmelz der Seriosität überzogen. Man merkt, das Brynych versucht, eine gewisse avantgardistische Artifizialität in seine Bildkompositionen zu bringen, aber der aalglatte Fernsehlook lässt alles billig, aseptisch und geleckt aussehen. Vielleicht müsste ich mich von meinen Erwartungen und Vorprägungen freimachen, um die eigenen Reize des Nineties-DERRICKs schätzen zu können, aber noch gelingt mir das nicht. Das Highlight für mich war das Tourposter von Nuclear Assault featuring Depressive Age, das in der Pinte an der Wand hängt.

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Episode 226: Nachtvorstellung (Helmuth Ashley, Deutschland 1993)

Drei Schüler (Oliver Hasenfratz, Nikolaus Gröbe und Philipp Brammer) besuchen die Nachtvorstellung eines Actionreißers im Kino, von der sie sich etwas mehr als nur einen Film versprechen. Sie behalten Recht: Während des Showdowns wird der Kartenverkäufer mitten im Saal unbemerkt vom Publikum erschossen. Derrick findet heraus, dass er mit Drogen handelte – und unter anderem für den Rückfall einer Mitschülerin der drei Jungs verantwortlich war.

Mal wieder eine Anti-Drogen- und Selbstjustizepisode – diesmal mit dem heutigen Rosamunde-Pilcher-Schwarm Francis Fulton-Smith als trauerndem Ex-Dealer und Christoph Bantzer als verständnisvollem Lehrer. Es gibt jede Menge steifer Dialoge, in denen den jugendlichen Zuschauern (hahaha!) erklärt wird, dass Drogen nur was für Feiglinge sind, die mit dem Leben nicht klarkommen (natürlich von Leuten, die das gar nicht beurteilen können), und Derrick beschwört mit starrem Blick das Leid des weiblichen Opfers, das bei seinem Besuch in der Entzugsklinik geschrieen habe „wie ein Tier“. Am besten gefallen haben mir aber die Angriffe auf das zeitgenössische Kino, in dem angeblich nur noch stumpf rumgeballert wird, darüber sind sich sowohl die Schüler als auch Harry einig, der Cineast. Über die Leinwand flimmert dazu etwas, was wie ein zweitklassiger französischer Actionfilm von 1984 aussieht, während im Foyer Poster von solchen Gewaltreißern wie SOMMERSBY und FOREVER YOUNG aushängen. Es ist eine verrückte Welt, dieses München anno ’93. Man muss wahrscheinlich dabeigewesen sein.

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Episode 227: Ein Objekt der Begierde (Zbynek Brynych, Deutschland 1993)

Karoline Hecht (Jeannine Burch) ist der Typ Frau, auf den Männer bei DERRICK immer gleich reagieren: Sie verlieben sich Hals über Kopf, benehmen sich daraufhin wie Fünftklässler mit Samenstau und werden zum Würger, wenn sich die ach so offenherzige, lebensfrohe und aufreizende Damen ihren Avance entzieht. Womit auch der Plot dieser Episode hinreichend skizziert wäre. In dem Mietshaus, in dem sie Nachhilfe vom Studenten Bleiweg (René Heinersdorff) erhält, wohnen gleich haufenweise Verehrer: der trottelige Ratinger (Hans Georg Panczak), der ölige Fotograf Tuball (Sky Dumont), der gescheiterte Schauspieler und Alkoholiker Kowalski (Stefan Wigger) sowie die Ehemänner Soost (Michael Mendl) und Kieler (Ralf Schermuly), die mit ihren Weibern nicht mehr glücklich sind. Eines abends liegt das Mädchen erwürgt im Treppenhaus und die ganze Baggage stürzt sich auf den armen Kowalski …

Das Schauspielerensemble reißt es raus, auch wenn Brynych Wigger nicht vom Overacten abhalten kann. Die Serie ist in dieser Zeit gleichermaßen betulich wie theatralisch, im Aufbau mutet das alles ein bisschen nach Provinztheater an, von der eigenen Bedeutungsschwere überzeugt, in der Unbeholfenheit aber oftmals unfreiwillig komisch. Das beginnt schon bei der Eröffnungsszene, die die ewig feixende Karoline zeigt, wie sie zu laut aufgedrehtem Eurodance im Cabrio durch München heizt, während die Passanten nur Kopfschütteln für sie übrig haben oder ihr gar den Vogel zeigen. Das Frauenbild der Serie, das habe ich ja schon mehrfach angedeutet, ist höchst faszinierend: Auf der einen Seite sind es meist die Männer, die die Kontrolle verlieren, aber die Opfer machen es ihnen auch geradezu unverschämt einfach. Nicht nur, dass sie bereits ersticken, wenn man sie zwei Sekunden lang am Hals berührt: Wie diese Karoline mit ihren lustigen Grübchen hier herumscharwenzelt, die peinlichen Ranwanzereien der älteren Herren für lediglich höfliche Harmlosigkeiten ohne Hintergedanken hält, ist schon sehr beachtlich. Und Tappert, als Derrick einst von gerechtem Furor, Hass für die Verlogenheit und boshafte Schadenfreude angetrieben, schlafwandelt müde durch die gut ausgeleuchteten Settings wie ein Priester, dem man Baldriantropfen in die Oblaten gemischt hat. Nach 227 Folgen der Dummheit und Niedertracht hat er alle Hoffnung längst fahren lassen.

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Episode 228: Das Thema (Alfred Weidenmann Deutschland 1994)

Der Student Werner Godel (Jochen Horst) bessert seine Kasse auf, indem er geklaute Autos für seinen Freund Ralf (Richy Müller) ins Ausland fährt. Bei einer Unternehmung gibt es Komplikationen, die dazu führen, dass Ralf einen Mann erschießt. Zur selben Zeit erhält Werner Besuch von seiner älteren Schwester Monika (Irene Clarin), einer Fotografin, die ihn zu ihrem nächsten Kunstprojekt machen will. Sie bemerkt, dass ihn etwas belastet und bedrängt ihn, sich mitzuteilen.

Es macht derzeit nicht mehr so richtig viel Sinn, die Episoden detailliert zu beschreiben. Manche sind schrecklich, manche lassen Ansätze erkennen, aus denen man zehn oder zwanzig Jahre zuvor noch etwas gemacht hätte, aber die meisten von ihnen sind wie diese hier einfach völlig egal, ohne jede Idee oder innere Spannung. Als das Bild am Ende einfriert und der bekannte Schriftzug eingeblendet wurde, war ich sehr verblüfft: Das war es schon? Dazu passt dann Irene Clarin, eine Schauspielerin, der ich nichts Böses will, die aber die ganze bräsige Mittelmäßigkeit verkörpert, die die Serie nun schon seit einiger Zeit fest umklammert hält.

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Episode 229: Nachts, als sie nach Hause lief (Helmuth Ashley, Deutschland 1994)

Der Buchhändler Jakob Meissner (Karlheinz Hackl) und seine Gattin Doris (Krista Posch) führen eine seltsame Beziehung: Er liebt sie abgöttisch und sie scheint auch ihn zu lieben, dennoch zieht es sie Abend für Abend raus in die Nachtclubs, wo sie sich anderen Männern an den Hals wirft, nur um dann zu Jakob zurückzukehren. Helene (Christine Buchegger), Jakobs Schwester, ist die Ehe ein Dorn im Auge, weil sie den Bruder enteiere, zum Gespött der Stadt mache und ihren guten Familiennamen in den Schmutz ziehe: Sie will, dass er sich von Doris trennt. Doch das ist nicht mehr nötig, als sie auf dem Heimweg von einer ihrer nächtlichen Exkursionen erschossen wird.

Dank des kruden Frauenbildes, das hier mal wieder abgefeiert wird, allerdings ohne dabei vollends in die Scheiße zu greifen, markiert Ashleys Episode einen kleinen Lichtblick. Krista Posch interpretiert die „lebenslustige“, „vergnügungssüchtige“ Frau (der Begriff „nymphoman“ wird erstaunlicherweise nicht benutzt) als Melancholikerin mit abrupten Stimmungsschwankungen. Einmal hat sie sich eigentlich mit ihrem Mann zum Italiener verabredet, da hört er während des Umziehens das schwermütige Trompetenstück, das sie immer dann auflegt, wenn sie einmal wieder das Bedürfnis überkommt, sich ins Nachtleben zu stürzen. Enttäuscht nimmt er sofort die Krawatte weder ab und storniert ohne jede weitere Absprache mit ihr die Reservierung. Die Szenen mit ihr im Nachtklub sind einigermaßen absurd, weil sie eher wie eine haltlose Schnapsdrossel agiert als wie eine heiße Verführerin, aber Hans Peter Hallwachs zeigt sich trotzdem beeindruckt. Die eigentlichen Schurken sind aber wieder mal Christine Buchegger mit einem weiteren ihrer eiskalten Erfolgsweiber und der gefällige Trottel Hans Georg Panczak, der von Derrick und dem traurigen Willi Berger mit einem echt doofen Trick hereingelegt wird, während Harry Nürnberg unsicher macht (von dem man aber leider nichts sieht).

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Episode 230: Das Plädoyer (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Als Lakonda (Klaus Herm), der vor Jahren seine untreue Ehefrau mit 40 Messerstichen ermordete, aus der Haft entlassen wird, sucht er sofort den Staatsanwalt Kolbe (Lambert Hamel) auf, der damals für seine Verurteilung verantwortlich war. Das Plädoyer, das dieser damals gesprochen und den Angeklagten darin der Gefühllosigkeit bezichtigt hatte, hat Lakonda niemals vergessen können. Er sinnt auf Rache, will, dass Kolbe nachvollziehen kann, wie er sich fühlte, als er zum Messer griff. Seine Rache zielt auf Kolbes Gattin Ingeborg (Sona MacDonald) ab …

Mit „Schubachs Rückkehr“ hatte Reinecker eine ganz ähnliche Geschichte schon einmal erzählt – allerdings deutlich besser. Trotzdem liegt „Das Plädoyer“ anno 1994 leicht über dem traurigen Durchschnitt, was wie meist in dieser Phase an der Besetzung liegt: Klaus Herm, sonst auf die Vollversager am Rande der Episoden abonniert, die beklagenswerten Hausmeister, neugierigen Nachbarn oder heuchlerischen Zeugen, darf hier mit dem Supernamen „Lakonda“ ausgestattet einen brutalen Mörder spielen, ohne die ihm eigene, gruselige Mittelmäßigkeit dafür abzulegen. Hamel ist ebenfalls gut als selbstverliebter Popanz, der sich auch nach 15 Jahren noch einen auf sein mit literarischer Ambition entworfenes Plädoyer abwedelt und sich gegenüber seiner zarten Gattin aufspielt. Ideal besetzt ist auch Philipp Moog, der in dieser Phase in gefühlt jeder zweiten Folge mitspielt: Als vermeintlich mitfühlender Charmeur und Frauenretter hat er eine kleine Seagal-Einlage, als er gleich drei Hools verjagt, und damit – sowie mit seiner armseligen CD-Sammlung und seinem Popperscheitel – das Herz von Ingeborg erobert. Leider ist das alles schrecklich unpointiert und sobald Derrick auftritt, fühlt man sich wieder wie beim Priesterseminar.

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Episode 231: Ein sehr ehrenwerter Herr (Zbynek Brynych, Deutschland 1994)

Nachdem Rosy (Monika Baumgartner) und Marta (Juliane Rautenberg), zwei Prostituierte, übel verdroschen wurden, wird ihr Zuhälter Albert Kallus (Hanno Pöschl) in seinem Wagen erschossen. Derricks Verdacht konzentriert sich auf Rosy, den Heilsarmee-Trompeter Buschler (Edwin Noël), der mit Rosy befreundet ist, sowie den Psychologen Fasold (Walter Schmidinger), der immer wieder Prostituierte bei sich aufnimmt und sie aus dem Milieu wegzuholen versucht.

Brynych war in den Siebzigern für einige der allerbesten DERRICK-Folgen verantwortlich. Man sieht immer noch Spuren des Stils, der seine Arbeiten 20 Jahre zuvor unverwechselbar machte: seine bewusst artifiziellen Bildkompositionen, seine überdrehte Melodramatik. Aber im Rahmen dieser plastikhaften, bräsigen Neunzigerjahrehaftigkeit und Reineckers pastoraler Schwafelei verlieren sie all ihre Energie. In „Ein sehr ehrenwerter Herr“ steckt eine gute Episode und mit Hanno Pöschl ist ein Akteur am Start, der mit einem guten Drehbuch ausgestattet in der Lage wäre, einigen Staub aufzuwirbeln, aber es fehlt einfach der Drive und Absonderlichkeiten wie der verfettete Loddel mit Pfedeschwanz, der in der zweiten Hälfte in Kallus‘ Fußstapfen tritt, ohne auch nur eine Zeile Dialog zu erhalten, wirken eher hilflos als inspiriert. Dazu kommt die rätselhafte Juliane Rautenberg, ein echtes DERRICK-Enigma, die ihren letzten Serienauftritt ebenfalls wortlos, dafür aber mit entrücktem Lächeln versieht. Ich gebe trotz aller Vorbehalte drei Sterne, weil man hier wenigstens ein paarmal kräftig mit dem Kopf schütteln kann.

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Episode 232: Eine Endstation (Alfred Weidenmann, Deutschland 1994)

Totgesagte leben länger – manchmal zur Enttäuschung der nächsten Verwandten. So ist es mit dem Unternehmer Robert Schreiber (Will Quadflieg). Nach einem schweren Unfall, der ihm eigentlich das Leben hätte kosten sollen, kommt er wieder auf die Beine. Doch seine Kinder – Sohn Konrad (Gerd Baltus) und Tochter Anna (Sissy Höfferer) und ihre Ehepartner Vera (Christiane Krüger) und Erich (Reinhard Glemnitz) – haben sich in der Zwischenzeit sein Haus und sein Vermögen unter den Nagel gerissen und schieben ihn in ein Altenheim ab. Der Mann bricht den Kontakt zu seinen Kindern daraufhin ab. Kurz darauf wird der Pförtner der Firma Schreiber erschossen, als er den Wagen von Konrad vorfahren soll. Der Sohn ist sich sicher, dass der Mordanschlag ihm galt und vom Vater ausgeübt wurde, aber der hat ein Alibi.War es vielleicht seine treue, langjährige Sekretärin Sänger (Hannelore Hoger)?

Auf der Habenseite stehen eine Geschichte, die nicht schon tausendmal erzählt wurde, Quadflieg, der seine Rolle mit viel Gravitas versieht und eine Besetzung, die viele bekannte DERRICK-Gesichter vereint. Baltus ist mal wieder das rückgratlose Weichei, Glemnitz weckt Erinnerungen an selige KOMMISSAR-Zeiten und mit Manfred Steffen ist außerdem einer meistbeschäftigten Synchron- und Hörspielsprecher am Start. (Krüger und Höfferer sind allerdings einfach nur mit dabei und haben nicht viel zu tun.) Als Kritikpunkt muss man wieder einmal Reineckers Bräsigkeit anführen: Wie so oft in den Neunzigerjahren interessiert er sich weniger für den Krimiplot und Derricks Ermittlungsarbeit als vielmehr für bedeutungsschwere Monologe und Exkursionen in die Moralphilosophie, die allerdings nur selten so tiefschürfend sind wie er das wohl meinte. Wieder einmal geht es um einen Menschen, der mit der „Moral“ abgeschlossen hat, am „Nullpunkt“ angekommen ist, wie es in einer älteren Episode mal hieß. Das könnte theoretisch schockierend sein, aber in Reineckers behäbiger Prosa und vor dem Hintergrund einer schmucklos-melodramatischen Inszenierung mutet es vor allem überkandidelt und theoretisch an. Trotzdem über dem Durchschnitt.

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Episode 233: Darf ich Ihnen meinen Mörder vorstellen? (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Bei einem Klavierkonzert macht Derrick die Bekanntschaft mit dem Geschäftsmann Sauters (Stephan Orlac), der sich sehr für den Job des Kriminaloberinspektors interessiert und ihn schließlich zu sich nach Hause einlädt, um ihm bei dieser Gelegenheit seinen Mörder vorzustellen, wie er kryptisch verspricht. Dieser Mörder in spe ist Ulrich Kemp (Peter Kremer), Sauters‘ Geschäftspartner, Liebhaber seiner Gattin (Eleonore Weisgerber) und Mitbewohner seines Hauses. Vor Jahren bewahrte Sauters Kemp vor dem Selbstmord, gab ihm einen Job und drehte sein ganzes Leben um: Allerdings nicht aus Menschenfreude, sondern eher als perfides Sozialexperiment. Nun erwartet er, von ihm umgebracht zu werden. Und so kommt es dann auch. Aber ist Kemp wirklich der Täter?

Ich hatte es eigentlich nicht mehr erwartet, noch einmal eine Episode zu Gesicht zu bekommen, die tatsächlich etwas Neues bietet – und das auch noch auf ansprechendem Niveau. Der Gag besteht hier darin, dass der Mord gewissermaßen von seinem Opfer geplant wird und zwar auf eine Art und Weise, dass der Verdacht zwangsläufig auf jemanden fällt, der eigentlich unschuldig ist. Da weht ein Hauch von Dostojewski durchs Reinecker’sche Drehbuch und Stephan Orlac – Papa Wichert von nebenan – hat sichtlich Spaß diesen begnadeten Misanthropen zum Leben zu erwecken. Zum Ende wird es dann noch einmal richtig tragisch und die Schlusseinstellung zeigt einen Derrick mit zwar bekanntem Gesichtsausdruck, doch die Empfindung, die dahinter liegt, ist neu. Nicht neu ist hingegen, dass der arme Harry hier mal wieder den besonders begriffsstutzigen Stichwortgeber mimen muss, der als Identifikationsfigur für die weniger intelligenten Zuschauer dient, denen Derrick dann alles noch einmal in Ruhe erklärt.

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Episode 234: Gib dem Mörder nicht die Hand (Theodor Grädler, Deutschland 1994)

Gerhard Schumann (Wolf Roth), Mitglied der Hongkonger Triaden, kehrt nach jahrelanger Abwesenheit für Geschäfte nach München zurück. Bald erfährt sein ehemaliger Freund, der alkoholkranke, arbeitslose Ex-Journalist Demmer (Hans-Peter Hallwachs), von dem Besuch. In der Hoffnung auf einen journalistischen Coup und den damit verbundenen Geldsegen konfrontiert er Schumann, als der seine Familie (u. a. Till Topf, Stefan Wigger, Klaus Behrendt und Liane Hielscher) besucht, und erpresst ihn schließlich. Das lässt sich Schumann natürlich nicht gefallen – er bringt Demmler kaltblütig um und seine Familie dazu, ihm ein Alibi zu geben.

Die Idee mit dem deutschen Mitglied des internationalen organisierten Verbrechens hat Reinecker schon einmal in „Nach acht langen Jahren“ (siehe oben) verbraten. Dank Wolf Roth ist dieses „Reboot“ aber deutlich interessanter und spannender. Wobei man „spannender“ in Anführungszeichen denken muss, denn eigentlich steht hier kaum etwas auf dem Spiel: Der Zuschauer weiß von Anfang an, dass Schumann ein Arschloch ist. Er weiß auch, dass er Demmer umbringen wird, als dieser zum ersten Mal auftritt. Wer mehr als eine Episode DERRICK verfolgt hat, weiß natürlich auch, dass Schumanns Sippe schön stillhalten wird, genauso wie dass am Ende Derrick obsiegt. Aber Wolf Roth macht eben den Unterschied: Den arroganten, sich selbst für einen über den Dingen stehenden Supermacker haltenden Snob hat er so gut drauf wie kaum ein anderer und sein giftig geführter Dialog mit dem Kriminaloberinspektor ist mal wieder vom Allerfeinsten. Am schönsten ist es, wie Derrick es genießt, diesen Typen mit seinen impertinenten Fragen auf die Palme zu bringen. Mein Lieblingsmoment ist wie Derrick, gar nicht beeindruckt von der Schumann’schen Aufschneiderei, den Namen der chinesischen Metropole ausspricht, um seinen Gegenüber zu ärgern: „HOngg-KOngg“. Der Clash dieser beiden Heavyweights fällt noch umso beeindruckender aus, als solche Langweiler wie Till Topf oder Irene Clarin sich daneben ausnehmen wie die Ersatzbesetzung eines Schultheaterstücks. Trotzdem hat die Episode eigentlich nur einen echten Fehler: Dass sich irgendjemand wirklich freuen könnte, einen so knallharten Egoisten und Angeber wie Schumann wiederzusehen, scheint reichlich unwahrscheinlich.

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Episode 235: Gesicht hinter der Scheibe (Dietrich Haugk, Deutschland 1994)

Ein rätselhafter Anruf geht in einer Polizeiwache ein: Der Anrufer fordert den Polizisten auf, einen gewissen Herrn Zeller zu kontaktieren, damit der wiederum in seiner Firma nach seiner Tochter schaue. Der Unternehmer (Klausjürgen Wussow) tut wie ihm geheißen und findet seine Tochter Monika (Muriel Baumeister) tot vor. Ihr Verlobter Arno Beckmann (Jacques Breuer zeigt sich nur wenig schockiert: Er inkriminiert den Filmstudenten Adrian Scholl (Philipp Moog), der mit Monika ein Filmprojekt hatte. Es stellt sich heraus, dass Monika sich sehr einsam fühlte und unter anderem von Kubanke (Winfried Glatzeder), einem Geschäftspartner des Vaters, sexuell missbraucht wurde …

Wieder einmal beschäftigt sich Reinecker mit dem Schicksal einer Frau, die für die ach so gemeine, verlogene Welt da draußen einfach zu gut ist und daran schließlich zugrunde geht. Muriel Baumeister – die ich total fürchterlich finde, was mir irgendwie leid tut – gibt das kulleräugige Zauberwesen, das beim menschgewordenen Popperscheitel Moog offene Türen einrennt. Das Material, das man von dessen Projekt zu sehen bekommt, ist grauenvoll amateurhaft, dazu gleichermaßen prätentiös wie planlos und sollte jeden verantwortungsbewussten Dozenten eigentlich dazu veranlassen, ihm eine andere Karriere nahezulegen – oder ihn mit einem zünftigen Arschtritt aus der Universität hinauszubefördern. In einer Vorlesung gibt es Ausschnitte aus einer frühen Regiearbeit von Bernd Eichinger zu sehen, in denen der Professor EInflüsse des klassischen amerikanischen Kinos erkennt. Klausjürgen Wussow steht in seinem Wohnzimmer und dirigiert zu Klassi von der Schallplatte. Die Rückblenden, die Kubankes Missbrauch an Monika zeigen, sind sehr artifiziell, in Zeitlupe gehalten und erinnern etwas an italienische Giallos. Evelyn Opela ist mal wieder umwerfend als verzweifelte Mutter der Toten, die gestehen muss, dass sie ihr Kind nicht kannte. Der Kriminalfall ist wie so oft in jener Zeit uninteressant, aber die Episode hat was.

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Episode 236: Der Schlüssel (Zbynek Brynych, Deutschland 1994)

Der Geschäftsmann Howald (Sky Dumont), der seine Gattin Susanne (Sunnyi Melles) mit seiner Sekretärin (Gundis Zambó) betrügt, wird nachts vor seinem Haus erschossen. Derrick findet schnell heraus, dass es sich um das Werk eines Auftragsmörders handelt, der schon mehrfach in München zugeschlagen hat. Er vermutet, dass Susanne den Mord an ihrem Gatten in Auftrag gegeben hat.

Alles aus! „Der Schlüssel“ ist endlich mal wieder Brynych vom Allerfeinsten, was bedeutet, dass sich die Merkwürdigkeiten die Klinke in die Hand geben. Das Drehbuch von Reinecker ist Quatsch mit Soße, aber Brynych schert sich nicht weiter darum und dreht alle Regler nach rechts. Nur Tappert schnallt nichts und ereifert sich angesichts des anno 1994 nun keinesfalls neuen Phänomens käuflicher Morde, als stehe der Untergang des Abendlandes nun aber wirklich kurz bevor. Er agiert ein bisschen wie die ahnungslosen Plastikgesichter in STARSHIP TROOPERS, die ja auch dachten, sie machen bei einem geilen Kriegsfilm mit, während sich Verhoeven einen Spaß mit ihnen erlaubte. Ihm gegenüber agiert die elfenhaft-elfenbeinerne Sunnyi Melles, als sei sie auf einem ganz seltsamen Trip, zwischen hypernervös-hysterisch und entrückt-ekstatisch. Es ist eine Performance, die sicher nicht im herkömlichen Sinne als „gut“ zu bezeichnen ist, aber viel zu dieser traumgleichen Atmosphäre beiträgt. Wenn jemals eine DERRICK-Episode in einer surrealen Parallelwelt angesiedelt war, dann diese. Pierre Franckh, Schutzpatron der DERRICK-Jammerlappen, spielt einen Undercover-Cop, Holger Petzold den Wirt in einem Nachtklub, in dem fünf Tänzer sich in ihrer Performance nicht von der laufenden Musik beschränken lassen und Frank Duval, Komponist zahlreicher DERRICK-Songs, den gedungenen Mörder. Sein mit Inbrunst am Klavier vorgetragenes Schlaflied, das in einer Variation auch als Titelsong fungiert, schlägt dem Fass den Boden aus. Während er totalen Nonsens mit der Stimme eines rituellen Beschwörers von sich gibt, bricht ihm der Schweiß aus und am Ende muss ihn seine Muse wieder aufrichten, wel er sich so verausgabt hat. Das ist alles nicht zu fassen. Ich bin unendlich dankbar für „Der Schlüssel“, denn nach Dutzenden von Folgen immergleicher Tranigkeit kommt sie einer auf Drogen durchgefeierten Nacht gleich.

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Episode 236: Das Floß (Helmuth Ashley, Deutschland 1994)

Elvira Nolte (Sona MacDonald) findet ihren Ehemann Hans (Will Danin) tot zu Hause vor. Geschockt oder gar traurig ist sie nicht: Ihr Gatte hatte regelmäßig Frauenbesuch, veranstaltete mit seinem Freund Wexler (Manfred Zapatka) Sexparties, zu der er die knackige Anna Bender (Christina Plate) einludt, die ihm deren Vater (Hermann Lause) verhökerte, um sich die Kasse aufzubessern. Wer war der Täter? War es die gedemütigte Ehefrau? Der emaskulierte Wexler? Anna selbst, ihr Freund Uli (Oliver Hasenfratz) oder doch Annas verständnisvoller Lehrer Borchert (Edwin Noel)?

Nach einmal Semi- und einmal Totalwahnsinn sind wir mit „Das Floß“ wieder zurück in der tristen DERRICK-Wirklichkeit des Jahres 1994. Reinecker bemüht sich noch nicht einmal, Interesse an seinem Kriminalfall vorzugaukeln, stattdessen konstruiert er mit den braven, unschuldigen „Teenies“ – die Plate war bereits 29 – und den korrupten Bürgerlichen mal wieder ein Gegensatzpaar, das keinerlei gesellschaftliche Wahrheiten mehr offenlegt, sondern nur noch Auskunft über den Grad der Verstaubtheit seines Oberstübchens gibt. Die Auflösung gleicht einer Unverschämtheit, das einzige, was die Folge rettet, sind die Brüste der Hauptdarstellerin.

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