Mit ‘Wolfgang Becker’ getaggte Beiträge

1Episode 18: Dr. Meinhardts trauriges Ende (Michael Verhoeven, Deutschland 1970)

Dr. Meinhardt wird morgens tot auf der Terrasse vor seinem Haus aufgefunden: Man hat ihn offensichtlich aus dem Fenster des ersten Stockes gestoßen. Die Haushälterin Frau Wienand (Luise Ullrich) berichtet von einem Treffen des Toten mit seinen Freunden am Vorabend, Dr. Bibeina (Richard Münch) und Dr. Crantz (Karl John). Doch im Wohnzimmer Meinhardts findet Kommissar Keller Spuren einer weiteren Person, einer Frau …

Vielleicht mussten die Produzenten ihr Publikum nach drei surrealen Brynych-Folgen mit etwas deutscher Krimiklassik versöhnen. Michael Verhoeven, damals gerade knapp über 30, inszeniert eher unauffällig, Herbert Reinecker reaktiviert sogar den schon für ad acta gelegten Brauch der finalen Verdächtigenversammlung und der Keller’schen Poirot-Annäherung. Dass das Ende von Meinhardt besonders „traurig“ ist, wie es der Titel besagt, macht vor allem der schwermütige Score klar, ansonsten erfährt man aufgrund der Strategie Reineckers, mit dem Leichenfund zu beginnen, nur aus zweiter Hand über ihn. So bleibt alles auf Distanz, die Episode fliegt so vorbei. Die schönste Szene zeigt Keller an seinem Hochzeitstag mit seiner Gattin in einem feinen Restaurant, wo er beim Essen einfach nicht aufhören kann, an seinen Fall zu denken. Natürlich kommt ihm genau dort die entscheidende Idee und seine Ehefrau trägt es mit Fassung und Humor. Es steckt auch wieder einmal etwas Generationenkonflikt im Drehbuch, aber echte Wirkung hat das bei mir nicht erzielt. Vielleicht war ich auch zu müde.

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4Episode 19: In letzter Minute (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Nach sechs Jahren Haft wegen Totschlags wird Kossitz (Heinz Reincke) auf freien Fuß gesetzt. Kommissar Keller und seine Männer sind sofort in Hab-Acht-Stellung, denn bei seiner Verurteilung hatte Kossitz seinen besten Freund Limpert (Peter Eschberg) und seine Gattin Erna (Maria Sebaldt), die ihn verraten hatten, bedroht. Zwar ist Limpert längst mit Hilde (Gisela Uhlen), der Ex-Frau des damaligen Opfers zusammen, doch der Zorn scheint noch nicht verflogen. Keller vermutet, dass der Grund für den Rachedurst ein ganz anderer ist: Vielleicht war Kossitz gar nicht der Täter …

An das etwas behäbige Tempo vorangegangener Episoden erinnert hier eigentlich nur noch der Titel: „In letzter Minute“ würde heute, in unserer beschleunigten Welt garantiert „In letzter Sekunde“ heißen. Sonst tritt Becker aber ziemlich auf die Tube und nähert sich dem ungefähr zur selben Zeit aufkeimenden deutschen Sleaze von Olsen und Kollegen an, an den ja auch Heinz Reincke erinnert, der hier mal nicht die gutmütige Frohnatur spielt, aber mit dazu beiträgt, dass diese Episode als alkoholreichste in die Geschichte einging. Vertraut man dem Eintrag bei Wikipedia werden insgesamt 27 Drinks gekippt, so viel wie später nie wieder. Passend dazu zoomt und schaukelt die Kamera in den Szenen im Club der Ganoven, in dem ein Lester Wilson nebst schwofenden Tänzerinnen auftritt, wie auf hoher See. Zum Ausgleich für diesen Exzess stirbt dann immerhin mal keiner. Auch das Script ist sehr geschickt, verbindet die Frage nach dem wahren Täter mit dem nervösen Warten aller darauf, dass Kossitz zuschlägt. Das summiert sich am Ende zu einem weiteren Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

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Episode 20: Messer im Rücken (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Ein Taxifahrer sammelt einen an der Straße stehenden Mann auf. Nur wenige Sekunden später stirbt er auf der Rückbank an den Folgen eines Messerstichs. Der Tote erweist sich als Geschäftsmann Traufer, dessen Ehefrau Maria (Christiane Krüger) ein Verhältnis mit dem Halbstarken Ingo (Jörg Pleva) hatte, Sohn des Säufers Hugo Blasek (Helmut Käutner), der über der Kneipe wohnt, vor der Traufer den tödlichen Messerstich erlitten haben muss. Traufers Schwager Gernot (Herbert Bötticher) und seine Gattin Margareta (Ursula Lingen) waren nur wenig begeistert von der Beziehung Marias …

Dass Wolfgang Staudte die Episode inszenierte, weckt Hoffnungen, die die Folge nicht ganz einzulösen vermag. Unmittelbar nach „In letzter Minute“ wirkt sie doppelt so behäbig wie sie eigentlich ist, die jugendlichen Halbstarken, die ein paarmal ins Bild gerückt werden, will Staudte ganz offenkundig nicht als Sündenböcke verbraten, wie es das Drehbuch von Reinecker wohl im Sinn hatte. So entspinnt sich ein leidlich interessanter Fall, wie er nach 19 Episoden bereits zum Standard gehört. Herausragend ist lediglich die Figur des Hugo Blasek, von Staudtes Regiekollegen Käutner mit wunderbarer Lakonie, Zurückhaltung und schlurfiger Gemütlichkeit verkörpert, die die Figur vom Klischee zum lebendigen Original macht.

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6Episode 21: … wie die Wölfe (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Eine alte Frau, Bewohnerin eines heruntergekommenen Mehrparteienhauses, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass sie kurz zuvor 3.000 DM beim Lotto gewonnen hatte, und ihre Mitbewohner allesamt in mehr oder weniger akuter Geldnot stecken. Erster Verdächtiger ist der Alkoholiker Gassner, bei dem ein 500-Mark-Schein aus dem Besitz der alten Dame gefunden wird. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Keller und seiner Männer den schicksalhaften Abend für ihn nach …

Staudtes zweite KOMMISSAR-Episode ist die schon bei „Messer im Rücken“ erhoffte Meisterleistung: Das Szenario ist dem aus Haugks meisterlicher Folge „Das Ungeheuer“ nicht unähnlich. Hier wie dort haben es Keller und sein Ermittler mit einem gesellschaftlichen Mikrokosmos zu tun, der sich ihnen in all seiner spießigen Hässlichkeit darbietet. Alle trachteten sie der alten Frau nach dem Geld, versuchten es ihr bei jeder Gelegenheit abzuluchsen. Besonders schlimm ist Frau Beilke (Grete Mosheim), die idealtypisch die neugierige, verleumderische Nachbarin verkörpert und nie weit von Keller entfernt ist, um ihm ihre Beobachtungen und Vermutungen brühwarm mitzuteilen – und natürlich bloß keinen Ermittlungsfortschritt zu verpassen. Tappert ist fantastisch in einer Rolle, die seinem wenige Jahre später erschaffenen eiskalten Derrick diametral entgegengesetzt ist: Gassner ist ein unsicherer, jämmerlicher, aber auch hoffnungslos harmloser Verlierer, der in seiner ganzen Jämmerlichkeit zum großen Helfer der Wahrheit wird. Das hat schon fast psychoanalytische Qualitäten wie sich Keller seiner annimmt und ihm dabei hilft, den Schleier des Suffs abzuwerfen und endlich klar zu sehen.

Staudte inszeniert sehr effektiv: Es hilft immens, dass die Episode die Räumlichkeiten des Mietshauses fast gar nicht verlässt und annähernd in Echtzeit erzählt ist. Toll!

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Episode 22: Tod eines Klavierspielers (Michael Kehlmann, Deutschland 1970)

Eine Standardfolge, die ich nicht besonders interessant fand. Nur Günther Ungeheuer als Berufskrimineller ist wie fast immer toll.

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7Episode 23: Tödlicher Irrtum (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Ein Mörder beichtet einem Pfarrer einen Mord. Doch Frau Dönhoff (Agnes Fink), sein angebliches Opfer, ist noch am Leben. Als ihrer Haushelferin tot in einem Zimmer aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder einer Verwechslung erlegen ist – und möglicherweise erneut zuschlagen wird. Er muss zudem aus dem Haus der Dönhoff kommen, die gleich mehrere Männer zur Untermiete wohnen hat …

Die Idee ist ganz hübsch und die Szenen um den Pfarrer beschwören den Charme der im vorangegangenen Jahrzehnt so erfolgreich gelaufenen Wallace-Filme. Ansonsten gefällt vor allem die Besetzung: Anton Diffring gibt den eitlen Roland Sauter, der die Dönhoff zugunsten einer jüngeren Frau hat sitzen lassen, Georg Konrad den mürrischen Heider, Ullrich Haupt Döhoffs Ex-Gatten Benno, der nicht damit einverstanden ist, wie sie ihren leiblichen Sohn (Thomas Astan) behandelt. Es ist eines dieser klassischen Whodunit-Szenarien, das hier aber etwas interessanter ist als sonst, weil die Ermittlungsarbeit in nicht unbeträchtlicher Weise daraus besteht, auf eine zweiten Versuch des Mörders zu warten.

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8Episode 24: Eine Kugel für den Kommissar (Erik Ode, Deutschland 1970)

Auf Kommissar Keller wird geschossen, direkt vor seinem Haus. Es ist nur ein Streifschuss, aber ein kurz darauf eingehender Anruf des Täters macht klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Während sich Grabert, Heines und Klein in der Münchener Kneipenszene umhören, begibt sich auch Kellers Ehefrau auf Tätersuche. Der Spitzel Diebach (Harald Juhnke) nimmt sich ihrer an …

Die von Ode höchstselbst inszenierte Episode ist eine schöne Mischung aus allem, was die Serie bis zu diesem Zeitpunkt in ihren besten Momenten auszeichnete. Da ist die mild-chauvinistische Kumpelei zwischen Keller und seinen „Söhnen“, die sich nach dem Attentat bei ihm sogleich bei ihm einquartieren, mit ihm Schnäpschen trinken und so gar keinen beamtischen Eindruck machen, die großzügig-milddtätige Herablassung Kellers gegenüber seinem Eheweib, die psychotronischen Elemente, wie etwa eine Billardkeilerei zwischen Grabert und dem verdächtigen Rosser (Klaus Löwitsch) oder die „Milieustudie“ mit dem verängstigten Diebach und ein durchaus angenehmer Humor, der natürlich Platz lässt für herrlich angegraute Dialoge über „brandneue Aufnahmen“ und „heiße Nummern“. Die Handlungsstruktur der Folge ist hingegen eher ungewöhnlich mit seinen zwei nebeneinander herlaufenden Strängen und hätte so richtig wegweisend sein können, hätte man die sich anbietende Gefahrenssituation für Kellers Gattin auf die Spitze getrieben. Stattdessen geht alles überaus glücklich und ohne echte Bedrohung für sie aus. Das Finale ist dann aber dennoch erstaunlich zupackend und beinahe noiresk. Insgesamt eine starke Folge, die ich Ode so gewiss nicht zugetraut hätte.

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Die bis heute lebendige deutsche Fernsehkrimi-Tradition begann nicht erst mit DER KOMMISSAR. Schon vorher hatte es verschiedene Formate gegeben, von denen die von Jürgen Roland und Wolfgang Menger erdachte Serie STAHLNETZ möglicherweise die bekannteste war. Und Erik Ode, der in DER KOMMISSAR den Titelhelden Keller spielte, war zuvor schon einige Male in DAS KRIMINALMUSEUM zu sehen gewesen, der ersten vom ZDF produzierten Krimiserie. Wohl aber begann mit DER KOMMISSAR die Tradition der starken Ermittlerfiguren und, wenn man den TV-Historikern glauben mag, der Psychologisierung. Keller folgten der ebenfalls von Herbert Reinecker erdachte Stephan Derrick, Erwin Köster und seine Nachfolger in DER ALTE, aber auch die ARD-Produktion TATORT mit ihren wechselnden Ermittlern sowie Dutzende weiterer Kriminalbeamten und Detektive mit ihren Formaten, aber nur wenige von ihnen brannten sich als Figur so stark ein ins kollektive deutsche Gedächtnis wie Odes Keller, der Übervater der deutschen Nachkriegsgeneration, der Gerechtigkeit brachte, aber immer auch Verständnis für die Umstände, die ganz normale Menschen zu Mördern machte.

Während Stephan Derrick fünf Jahre später wie ein vom Staat geschickter Racheengel mit unnachgiebigem Ehrgeiz und dem Furor des Gerechten über die kleinen Sünder kam, da interpretierte Ode seinen Keller als freundlich-salomonischen Hirten, der dafür sorgte, dass seiner Herde kein Schaden wiederfuhr. Mit seinen Assistenten Grabert (Günther Schramm), Heines (Reinhard Glemnitz) und Klein (Fritz Wepper) verband ihn eine ebenson väterliche Beziehung, die Gattin, die ihm in einigen frühen Folgen Medizin ans Krankenbett brachte, das Essen zubereitete und ihm ein offenes Ohr schenkte, konnte bald weichen, weil dieser Keller sein Privatleben für die Bundesrepubik geopfert hatte und in seinem nach Linoleum duftenden Büro alles hatte, was er brauchte. Sein Berufsalltag mit den folgsam-fleißigen Assistenten erinnert ein bisschen an die frauenlose Heiterkeit der Cartwrights auf der Ponderosa. Man lacht gemeinsam, erfreut sich an der eigenen Gerissenheit, sagt zu Tabak und Alkohol niemals nein, weil das der Treibstoff ist, der nimmermüde Staatsdiener am Laufen hält. Frauen wie die alte Vorzimmerdame Rehbein (Helma Seitz) sind entweder zum Kaffeekochen da oder, im Falle der Polizistin Helga Lauer (Emely Reuer) bloßes Eye Candy für den Zuschauer, damit der nicht am Testosteronüberschuss verendet.

Die ersten Folgen – die meisten der in diesem Text enthaltenen – folgen einer zunächst fest gefügten Struktur. Die Episoden beginnen mit dem Fund einer Leiche. Danach fangen die Ermittlungen von Keller und seinen Männern an, die das Feld der Verdächtigen sondieren, bevor am Ende alle in einem Raum versammelt werden, in dem Keller im Stile alter Meisterdetektive den Mörder enttarnt. Der Ton ist heiterer und ausgelassener als bei DERRICK, weniger schadenfoh und zynisch, und das Schwarzweiß der Serie auch sonst programmatisch: Gut und Böse sind ziemlich klar auseinanderzuhalten, während es bei DERRICK in unzähligen Schattierungen von Braun, Beige, Grau und Grün ineinanderfließt.

Episode 01: Toter Herr im Regen (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Ein wohlhabender Mann wird tot im Rinnstein einer schlechten Münchener Gegend aufgefunden. Bei den Ermittlungen finden Keller und Co. hinaus, dass es um Dr. Steiner handelt, einen Mann, der bei seinen erwachsenen Kindern verhasst ist und seiner Geliebten immer wieder mit sadistischen Streichen zusetzte. Im Haus, vor dem er ermordet wurde, lebt ein Teenagermädchen, mit der er seine Partnerin betrog. Eines von vielen Beispielen für Reineckers Drehbücher um hassenswerte Vaterfiguren. Eine Tradition, die im KOMMISSAR und auch in DERRICK weiterleben wird.

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Episode 02: Das Messer im Geldschrank (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Die Putzfrau findet beim Saubermachen in einem Nachtclub ein totes Animiermädchen. Wer war ihr Mörder? Der Clubbesitzer Brandic (Lukas Ammann), der nur am Geld interessiert ist, sein gutaussehender, aber vorbestrafter Bruder Juri (Michael Maien), der Kellner Sommer (Wolfgang Völz), der sich mit seinem kargen Gehalt einen teuren Sportwagen leisten kann, der mysteriöse Pianist Benitz (Herbert Bötticher) oder die Mitbewohnerin und Kollegin des Opfers, die blonde Schöne Marion (Ann Smyrner)? Höhepunkt der Episode ist ein Spaziergang Kellers mit der jungen Blondine, der in den frühen Morgenstunden bei einem Schnäpschen in ihrem Appartement endet. Kellers melancholischer Blick scheint die romantischen Möglichkeiten, die sich bieten, zu spiegeln, aber natürlich bleibt er standhaft. Und scharfsinnig.

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Episode 03: Ratten der Großstadt (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Der Wirt einer Pinte am Großmarkt wird tot aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählt die Bande um Krass (Horst Frank): Der Säufer Bender (Gerd Baltus), Palle (Fred Haltiner), Krüger (Klaus Schwarzkopf) und der etwas irre Mozart (Werner Pochath) gingen in der Bierschwemme ein und aus. Grabert wird als Ex-Knacki in der Gang eingeschleust, um etwas herauszufinden. Irgendwann redet Bender und belastet Mozart. Doch Keller glaubt nicht an die Schuld des armen Tropfs. Baltus ist grandios als versoffener Asi Bender, Pochath brilliert in einer seiner vielen Außenseiterrollen. Wie ein Kind stolziert er in Badehose durch das Wasser der Isar, seine Kumpels wie ein Kind den Papa immer wieder um Aufmerksamkeit anbettelnd.

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Episode 04: Die Tote im Dornbusch (Georg Tressler, Deutschland 1969)

Diesmal führen die Mordermittlungen Keller und Co. in eine Raststätte: Die Gattin des Besitzers Panofsky (Paul Albert Krumm) wurde tot aufgefunden, an der Autobahn entsorgt von dem Lkw-Fahrer Wiegand (Arthur Brauss). Die Tote war nach etlichen Zeugenaussagen von loser Moral und unterhielt vor den Augen ihres Mannes zahllose Liebschaften. War es Mord aus Eifersucht? Lust und offen ausgelebte Sexualität sind Mysterien, die Keller und seine Männer, aber auch die gesamte deutsche Gesellschaft noch nicht wirklich verstehen. Es brodelt unter der Oberfläche, die mit der Extraportion Bleiche und Stärke blütenweiß und faltenfrei gehalten wird wie ein Leichentuch.

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Episode 05: Ein Mädchen meldet sich nicht mehr (Theodor Grädler, Deutschland 1969)

Es verschlägt Keller und Assistenten ins Studentenumfeld und die Drogenszene. Die Tote verkehrte in einschlägigen Lokalen – u. a. im Etablissment von Proschitz (Günther Ungeheuer) – und wollte ihren Freund Tanieff (Peter Chatel) vom Marihuana wegbringen, dem dieser rettungslos verfallen war. Die Episode ist ein einziges Absurdion, von Kellers Aussage „Die Intoxikation ist unverkennbar!“, als er einem Marihuana-„Süchtigen“ in die Augen schaut, über die Frage, ob Tanieff sein „Marichuana“ trinke oder esse, bis hin zur Vorführung eines Joints: einer kleinen Zigarette mit einer weißen Kapsel drin. Wer kifft, der ist nicht mehr zurechnungsfähig, ein armer Tropf, der orientierungslos in der Welt herumirrt, bösen Drogenhändlern für immer ausgeliefert. Und „Reefers“ (was ein bisschen wie „Reval“ klingt) kauft man natürlich auf dem Klo vom dubiosen Rudolf Schündler. Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Hatte Reneicker wirklich keine Ahnung oder wollte er sein Publikum trollen? Besonders komisch ist die Merkbefreitheit der Tugendwächter, die über den Drogenabgrund schwadronieren, aber in einer Tour Cognac und Bier in sich hineinschütten und in einem Büro hocken, dessen Luft man schneiden kann.

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Episode 06: Die Pistole im Park (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Auf dem ausladenden Grundstück des reichen Geschäftsmannes Wegener (Peter van Eyck) wird dessen junger Gärtner erschossen – kurz nachdem jemand versucht hat, Wegener zu erpressen. Alle verhalten sich überaus merkwürdig, nicht zuletzt die Sekretärin Wegeners, die attraktive Hannelore Krems (Marianne Koch). Nur die Küchenfrau Frau Hicks (Rose Reneé Roth) zeigt so etwas wie ein Gewissen und vertraut sich Heines an, der für die Ermittlung in der Villa bleibt. Eine eher unaufregende Episode, aber die Koch ist supersexy und van Eyck thront mit gewohnt preußischer Souveränität über allem.

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Episode 07: Keiner hörte den Schuss (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Das Opfer ist diesmal ein Mann, der Rohdiamanten für den Juwelier de Croy (Wolf Rilla) transportieren sollte. Seine Ehefrau, das Modell Eva Kersky (Erika Pluhar) ist erstaunlich ungerührt ob der Todesnachricht. Was den Vater des Toten, den im Rollstuhl sitzenden Ernst Fritz Fürbringer, der die Schwiegertochter über alles hasst, überhaupt nicht wundert. Ist sie die Mörderin? Aber auch andere bieten sich als Tatverdächtige an, etwa der Vorbestrafte Blago (Michael Hinz), der von den Diamanten wusste. Highlight ist die bizarre Modenschau eines schwulen Designers, bei der auch Amanda Lear als Model mitwirkt. Und Erika Pluhar ist unfassbar sexy. Wie sie am Schluss nach der Enttarnung des Mörders kommentarlos  abzieht und die feine Patriarchengesellschaft keines Blickes mehr würdigt, ist unfassbar cool. Das muss sogar Keller würdigen, der liebe Onkel.

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Episode 08: Der Tod fährt 1. Klasse (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Zum ersten Mal wird das Konzept gewandelt. Die Jagd nach einem Frauenmörder, der immer freitags im Zug von Dortmund nach München zuschlägt, gestaltet sich im Showdown überaus fiebrig. Grabert, Heines und Klein kämpfen an der Front, mit der langbeinigen Kollegin Lauer als Köder für die Bestie, aber es ist Keller, der die Identität des Killers aus der Distanz enttarnt. Beste Folge bis hierhin, mit toller Kameraarbeit im klaustrophobischen Finale, in dem geschickt mit Unschärfen gespielt wird. Und es gibt wieder einmal eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung. Deutschland nach dem Krieg. Die Papas kannten sich mit dem Vertuschen von dunklen Geheimnissen gut aus, die Söhne waren nur noch angeekelt.

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Episode 09: Geld von toten Kassierern (Georg Tressler, Deutschland 1969)

Bei einem Banküberfall wird der Direktor erschossen. Der Verdacht fällt sofort auf Kranz (Siegfried Lowitz), den Keller einst in den Bau brachte. Der ist erbost: Nie hatte er jemanden umgebracht. Die nächsten Banküberfälle folgen, immer auf Geldinstitute, die auf Kranz‘ einstiger Wunschliste standen. Wie schon in der DERRICK-Folge „Stiftungsfest“ beeindruckt Lowitz mit Berliner Schnauze als ehrenhafter Bankräuber. Die Szenen in seiner heruntergekommenen Wohnung, in der er seiner Minirock-tragenden Tochter Moralpredigten hält, bleiben im Gedächtnis, der Fall selbst ist nicht ganz so spannend.

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Episode 10: Schrei vor dem Fenster (Dietrich Haugk, Deutschland 1969)

Der Ehemann der Schauspielerin Irene Pauli (Maria Schell) wird erschossen aufgefunden. Der Hausmeister sieht noch den Sohn Berthold mit einer Waffe in der Hand wegrennen. Es entbrennt eine Jagd auf den Flüchtigen Mordverdächtigen, während die Pauli Keller und seine Männer verzweifelt von der Unschuld ihres Jungen überzeugen will. Für den Toten – einen Tyrann, den offensichtlich jeder hasste – interessiert sich hingegen kaum jemand. Das kennt man inzwischen. Die Folge, die in einer einzigen Nacht spielt und mit einer tollen handgehaltenen Einstellung beginnt, ist trotzdem eine der stärksten der ersten 10.

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Episode 042: Abendfrieden (Helmut Ashley, 1978)

Nach Episode 033, „Offene Rechnung“ verschlägt es Derrick und Klein für ihre Ermittlungen erneut in ein Seniorenheim. Der Großneffe einer Bewohnerin ist vor einer Weinstube überfahren worden, nachdem er von einem unbekannten Anrufer dort hinbestellt wurde. Eigentlich wollte er seiner Großtante die Nachricht einer Erbschaft überbringen, doch die beiden resoluten Heimleiterinnen, Helene (Inge Birkmann) und Margarete Schübel (Alice Treff) hatten ihn auf merkwürdige Art und Weise abgewimmelt. Das Aufeinandertreffen des Mannes mit den beiden Damen ist das Highlight dieser Episode, könnte fast aus einem Pete-Walker- oder einem französischen Horrorfilm der Siebzigerjahre stammen. Man weiß, dass die beiden Frauen ein Geheimnis haben, dass sich hinter ihrem freundlichen Tantenlächeln ein dunkles Geheimnis verbirgt sowie die grimme Entschlossenheit, dieses Geheimnis um jeden Preis zu wahren. Und so ist es ja dann auch. Die Auflösung ist nicht übermäßig überraschend, aber insofern interessant, dass hier zwei separate Fälle schicksalhaft zusammentreffen. Dem Sujet angemessen eher bedächtig erzählt, aber recht atmosphärisch: Zum Finale gibt es ein schwer melancholisches Violinenkonzert einer vornehm blassen Schönheit (Dietlinde Turban), während Derrick im Nebenraum wie einst Hercule Poirot die Verdächtigen versammelt.

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Bildschirmfoto 2015-04-03 um 15.54.55Episode 043: Ein Hinterhalt (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Auf einer Landstraße verunglückt ein Autofahrer, weil jemand einen Baumstamm auf die Fahrbahn gezerrt hat. Da der Wagen der Ärztin Dr. Schwenn (Ruth Leuwerik) gehörte, vermuten Derrick und Klein, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Mordanschlag handelt und die Frau immer noch in Lebensgefahr schwebt. Der Kriminalfall gestaltet sich eher als dröge, doch was diese Episode Vohrers über den Durchschnitt hebt, sind die Figuren der Ärztin Schwenn und ihres Neffen Bruno (Hans Georg Panczak). Sie ist eine irgendwie freudlose Person, nicht offen unsympathisch, aber auf so eine seriöse Art und Weise nondeskript, das niemand sie leiden mag, was ihre neutrale Haltung nur noch weiter bestärkt. Auch ihr Neffe macht keinen Hehl daraus, dass er nicht viel von ihr hält, sich nach eigener Aussage nichts in ihm gerührt hätte, wäre sie bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Die Dialoge zwischen diesen beiden sind Dreh- und Angelpunkt der Folge, weil Vohrer die Spannung vor allem aus der Frage bezieht, ob Bruno der Attentäter war und ob er einen zweiten Versuch unternehmen wird. Auch die Ärztin wird ob seiner offen zur Schau gestellten Härte immer ängstlicher, seine Schadenfreude, seine sonst immer so sichere Tante nun zittern zu sehen, treibt ihn noch mehr an. Am Ende kommt alles ganz anders und „Ein Hinterhalt“ endet mit einer menschlichen Geste, die man in dieser Gefrierschrank-Episode ebenso wenig erwartet hat, wie Hansi „Pepe Nietnagel“ Kraus als bayerischen Bauernsohn mit Seppelhut und Schnurrbart.

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Episode 044: Steins Tochter (Wolfgang Becker, Deutschland 1978)

Eine eher unaufregende Episode, aber mit einer tolle Szene zu Beginn, die hängenbleibt. Wenn Cosima Stein (Katerina Jacob, später als Assistentin des „Bullen von Tölz“ zu TV-Prominenz gelangt) zu den Klängen der Santa-Esmeralda-Version des Klassikers „Don’t let me be misunderstood“ aus dem Sportwagen ihres Freundes springt, um im Münchener Nachtlicht zu tanzen, ist das einer der Momente, für die man diese deutschen Siebzigerjahre-Krimis ins Herz geschlossen hat. Auch danach wird es eigentlich immer toll, wenn Cosimas blasses, tränenüberströmtes Gesicht ins Bild gerückt wird, sie apathisch zwischen ihren Singles auf dem Boden ihres Schülerinnen-Zimmers hockt. Demgegenüber sind die Szenen um ihren Verehrer Betzky (Markus Boysen) ein bisschen anstrengend, weil der Schauspieler und Reineckers gewohnt gespreizte Dialoge keine so gute Mischung ergeben. Und Cosimas Papa, der Lehrer Stein (Thomas Holtzmann) ist einer dieser Hardcore-Spießer, die sogar töten würden, um ihre Brut vor dem Absturz ins moralische Verderben zu schützen. Die winterliche Atmosphäre ist ganz hübsch, aber sonst gibt es hier einfach zu wenig, was das Interesse wirklich wachhielte. Außer Cosimas Tanz natürlich.

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Episode 45: Klavierkonzert (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Eine lustige Koinzidenz: In der zuletzt gesehenen DER KOMMISSAR-Episode „Keiner hörte den Schuss“ (Regie: Wolfgang Becker) spielte Peter Fricke den Mörder. Hier nun ist er der, den alle für den Mörder halten – und halten sollen. Er spielt den berühmten Pianisten Robert van Doom (großartiger Name!), der in einer Ehe mit der älteren Luisa van Doom (Maria Schell) gefangen ist, die ihm die Karriere mit ihrem Geld überhaupt erst ermöglichte. Jeder weiß, dass Robert eine junge Tänzerin (Iris Berben) als Geliebte hat und seine Ehe mehr als zerrüttet ist: Er will sich scheiden lassen, sie ihn nicht freigeben, schließlich hat sie in ihn „investiert“. Als die Haushälterin der van Dooms während eines von Roberts Konzerten erschossen wird – in einer offensichtlichen Verwechslung, denn es sollte Luisa treffen -, deutet alles darauf hin, dass der Musiker der Auftraggeber ist. Vor allem Luisa ist davon überzeugt und fest dazu entschlossen, ihn fertigzumachen …

„Klavierkonzert“ ist thematisch wieder überaus typisch: Es geht um die Dekadenz des Großbürgertums einerseits, um dessen Unfähigkeit, emotional-menschliche Probleme anders zu lösen als durch das Ausspielen von Macht andererseit. Helmuth Ashley, dem Sleaze nicht abhold, suhlt sich in einer Inszenierung, die die barocken Geschmacklosigkeiten und die Kälte eines leeren Wohlstands mit Genuss in den Fokus rückt. Das Haus der van Dooms ist ein Albtraum aus tannengrünen Tapeten, schweren Samtvorhängen und gebrauchsfeindlichen Antiquitäten. Der Pianist selbst ist ein zitternder Feigling, seine Frau – die Mutter der Nation, Maria Schell – ein herrisches Biest, alle Freunde und Verwandte sehen entweder tatenlos zu, versuchen den Konflikt aus eigenem Interesse kleinzuhalten oder befeuern ihn noch. Sky DuMont gibt den wunderbar blasierten Assistenten von van Dooms Agent Ostrow (Eric Pohlmann), Jutta Speidel die hilfsbereite Nichte der toten Haushelferin. Ashley gelingt das Kunststück, dass man fast jeden mal für den potenziellen Täter hält und eigentlich alle Personen gleichermaßen widerlich findet. Und irgendwie findet er dann auch noch die Gelegenheit, Derrick und Klein in einer McDonalds-Filiale einen Hamburger mampfen zu lassen.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was diese deutschen Krimiserien auszeichnet, woher die Faszination kommt, die sie auf mich (und andere) heute ausüben. Für einen Spätgeborenen wie mich steckt natürlich nicht zuletzt der Reiz dahinter, in eine bundesrepublikanische Realität blicken zu können, die ich nur noch am Rande mitbekommen habe (1978 war ich zwei Jahre alt). Mit dem Abstand der Jahrzehnte zeigt sich einem da eine Welt, die seit dem zweiten Weltkrieg zwar zwei bis drei volle Jahrzehnte hinter sich gebracht, die Spätfolgen aber keinesfalls verarbeitet hat. Es zeigt sich da eine Welt, wo fast jeder eine Leiche im Keller hat – oder aber durch den geringsten Anstoß überaus bereitwillig zum Mörder wird. Und wo es immer wieder die Väter sind, die Unheil über ihre Kinder, Ehefrauen, Familien bringen. Da ist es durchaus als programmatisch zu verstehen, dass im Zentrum sowohl von DER KOMMISSAR als auch von DERRICK Väterfiguren ohne Familien stehen. (Interessant, wie bei beiden Figuren zu Beginn versucht wurde, sie durch Ehefrau und Geliebte zu vermenschlichen, die Idee bei beiden aber schnell wieder verworfen wird.) Sowohl Kommissar Keller als auch Oberinspsektor Derrick sind in allererster Instanz Staatsdiener, verbürokratisiertes Über-Ich gewissermaßen. Es fällt schwer, hier kein künstlerisches Programm zu vermuten: Vielleicht der Versuch einer verspäteten Wiedergutmachung des Autors, der als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Waffen-SS gedient hatte? Who knows.

Mal sehen, ob ich hier demnächst auch noch was über DER KOMMISSAR zum Besten geben werde. Gerade in Verbindung mit weiteren DERRICK-Sichtungen könnte das sehr interessant und aufschlussreich sein.

Ein weißer Bungalow im vornehmen München, vor der Tür parkt eine blaue Corvette, im grünen Garten blitzt leuchtend blau ein Swimming Pool. Drinnen leben Angela (Ruth-Maria Kubitschek), wohlhabende Unternehmerin und Firmeninhaberin, und ihr Ehemann Jan (Harald Leipnitz), ihr Geschäftsführer und an der kurzen Leine geführtes, allerdings nicht mehr ganz so knackfrisches Boy Toy: Das schöne Leben in der Bayernmetropole fordert seinen Tribut. Das Haus ist mit protzigem Prunk, geschmacklosen Buddhastatuen und anderem Tand vollgestellt, den man anhäuft, wenn man nicht mehr weiß, wofür man seine Kohle ausgeben soll. Angela trägt wallende Gewänder mit psychedelischen Dekoren und macht sich ihr Kristallglas an der gut sortierten Hausbar halbvoll mit Whiskey, wird den berühmten Schwips, der solch mondänen Damen immer einen Hauch von Verrucht- und Verkommenheit verleiht, gar nicht mehr los, trägt ihn aber mit Würde. Jan hat dicke Koteletten und ein verlebtes Gesicht, der nicht mehr zu verleugnende Bauchansatz hindert ihn nicht daran, die Hemden bis zum Nabel aufzuknöpfen, und auf der Fahrt in dem schicken Sportwagen durch München lässt er sich von seiner leicht bekleideten Geliebten, der dümmlich-püppchenhaften Gina (Véronique Vendell) so unverhohlen am Schwanz herumfummeln, dass er den ein oder anderen Unfall verursacht. Den guten Ehemann spielt er Angela noch nicht einmal mehr vor. Warum auch? Die Gattin lässt ja keinen Zweifel daran, dass sie ebenfalls nur an seinem Körper interessiert ist, weil sie weiß, dass er zu sehr an ihrem Geld hängt, als dass er sie und das Leben, das ihm ihr Vermögen ermöglicht, aufgeben würde. Die beiden sind die bittere Karikatur eines Ehepaares, das sich so weit auseinandergelebt hat, dass es nicht einmal mehr für Hass reicht. Sie schießen unentwegt kleine Giftpfeile aufeinander ab, weil sie ja irgendeine Form der Kommunikation pflegen müssen, wenn sie schon zusammen unter einem Dach wohnen. Das alles verfängt längst nicht mehr. Alkohol, Geld und folgenloser Sex haben einen dichten Nebelschleier um die beiden gelegt, der alles dämpft, was vom anderen auf sie eindringt. Es könnte eigentlich ewig so weitergehen – und das wäre auch ein toller Film geworden –, aber Jan fasst dann doch den Plan, seine Gattin umzubringen, mithilfe seiner Freundin, die sich vor Zeugen als Angela ausgibt, ihren Selbstmord vorzutäuschen und so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber weil ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER ein Film vom erfahrenen Krimi-Regisseur Wolfgang Becker ist, geht alles schief, was nur schiefgehen kann.

Man könnte sich ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER gut als DERRICK-Episode vorstellen. Die Beziehung der zwei bzw. drei Protagonisten, der Mordplan und die Ausführung desselben, die unerwartete Panne, die sich weiter anhäufenden Komplikationen, das beharrliche Nachhaken eines strengen, gewissenhaften, asketisch wirkenden Kommissars (Friedrich Joloff), die wachsende Panik der heißen Täter, die sich immer tiefer in Widersprüche verstricken: Die Struktur des Films nimmt den Standardverlauf der 1974 gestarteten Erfolgsserie und deren Handlungsort München deutlich vorweg, bleibt mit dem Fokus aber die ganze Zeit auf dem Täterpärchen, statt sich irgendwann ganz dem Ermittlerteam zuzuwenden. Auch das Sujet, die Atmosphäre neureicher Dekadenz, großbürgerlicher Langeweile, selbstverliebter Schickeria und schnapsgetränkter Selbstkasteiung und das sensationslüsterne Wühlen Beckers in den verschlackten Seelenabgründen des Ehepaars erinnern an die Krimiserie, deren Titelfigur sich mit unerschütterlicher Geduld am Großbürgertum abarbeitete. Verstärkt wird der ätzende Humor Beckers, seine Verachtung für die beiden Manipulatoren, die glauben, sich alles kaufen zu können, durch die Tatsache, dass der zunehmend verzweifelter agierende Jan eigentlich gar nichts getan hat: Nun sieht es so aus, als würde er für ein Verbrechen bestraft, dass er gar nicht begangen hat, während er mit dem planmäßig ausgeführten Mord wahrscheinlich davongekommen wäre (als Todesschütze hat er freilich und vorbeugend seine willige Gina auserkoren, das feige Dreckschwein). Das passt auch gut zur Schlusspointe, die an die fiesen Moralkeulen erinnert, mit denen die TALES FROM THE CRYPT-Episoden zu enden pflegen und ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER in ein ganz anderes Fimuniversum überführt.

ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER war am letzten Kongresstag noch einmal ein echter Höhepunkt, ein wunderbares Beispiel dafür, was für Schätze deutscher Psychotronik in den Archiven dem unweigerlichen Vergessen entgegenschimmeln. Der von Wolf C. Hartwig produzierte Film sah toll aus (einen Kameramann kennt die IMDb leider nicht), verfügte über einen beschwingten Score von Martin Böttcher, ein wunderbares, mit tollen Details und bissigen Dialogen vollgestopftes, wendungsreiches Drehbuch, die hüpfenden Brüste von Veronique Vendell und natürlich das fantastische Hauptdarstellerpaar. Ruth-Maria Kubitschek, mittlerweile längst in den ungnädigen Armen des Altersirrsinns versunken, brilliert als manipulative Männermörderin mit Whiskyatem, Harald Leipnitz, gibt eine dunkle, heruntergekommene Variation der Sunnyboys, mit denen er ein knappes Jahrzehnt zuvor berühmt wurde. Mit seiner Boxernase hatte er zugegeben schon immer das Potenzial zum Schurken (siehe DER ÖLPRINZ), doch erst hier kann er es dank einer vom ausufernden Lebenwandel gezeichneten Figur zu voller Wirkung entfalten. Super, wie er gegenüber seinem dümmlichen Betthäschen immer mehr die Fassung verliert, langsam die Erkenntnis einsinkt, dass es eine ziemliche Schnapsidee war, ausgerechnet diese Frau zu seiner Komplizin in einem Mordkomplott zu machen. Und Ellen Umlauf, humoristische Nebendarstellerin in zahllosen deutschen Filmen der Sechziger- und Siebzigerjahre setzt als erpresserische Althure ein wirkungsvolles i-Tüpfelchen. Toller Film, der zudem Lust auf eine Hausbar macht.

1944: Im Pazifik kreuzende deutsche Piraten überfallen einen US-amerikanischen Stützpunkt und entführen die Tochter (Gisella Arden) eines ranghohen Offiziers. Fälschlicherweise vermutet man die Besatzung der „Albatros“, eines deutschen Hilfskreuzers, hinter der Tat und beginnt mit der Jagd auf sie. Deren Kapitän ahnt von nichts, als er drei Männer – Leutnant Hannes Carstens (Joachim Hansen), den Funker Kuddel Lehmann (Harald Juhnke) und Walter Pitters (Horst Niendorf) – auf eine idyllische kleine Insel schickt, um dort Vorräte einzukaufen. Während die drei mit den eingeborenen Schönheiten auf Tuchfühlung gehen und von den mysteriösen „Tiepolos“ erfahren, Dämonen, die angeblich auf dem Berg im Zentrum des Archipels hausen und Opfergaben von den Bewohnern einfordern, muss die „Albatros“ den Anker lichten, um die amerikanischen Verfolger abzuschütteln. Derweil finden Hannes, Kuddel und Walter heraus, dass hinter dem Dämonenspuk die deutschen Schmuggler stecken, die vom Inselbewohner Brodersen (Horst Frank) angeführt werden …

Ein buntes, gutgelauntes, nicht zu aufregendes Abenteuerfilmchen aus einer anderen Zeit, inszeniert von Wolfgang Becker, der später auch ein paar feine DERRICK-Episoden vorlegte. DIE LETZTEN DREI DER ALBATROS bringt garantiert niemanden um den Schlaf: Der Plot wird so schnell abgespult, das jeder Konflikt schon wieder vorbei ist, bevor so etwas wie Spannung hätte aufkommen können. Ein bisschen schade, weil der Film handwerklich sehr ordentlich ist und auch mit Schauwerten nicht geizt. Wolf C. Hartwig drehte auf und um die Philippinen, deren tropische Schönheit den attraktiven Hintergrund liefert. So kann man schon den Eindruck bekommen, dass die Geschichte um die drei tapferen deutschen Recken, die mit der Schmugglerbande aufräumen und die Ehre der deutschen Marine zumindest teilweise retten, nur den Vorwand für einen ausgedehnten Urlaub in der Südsee darstellte. Zugegebenermaßen gibt es Schlimmeres, wenngleich DIE LETZTEN DREI DER ALBATROS heute wohl vor allem als Beispiel für eine seltsame deutsche Geschichtsvergessenheit in den Sechzigerjahren herhalten mag.

Die deutschen Filme, die sich in den Fünfzigerjahren mit dem Zweiten Weltkrieg befassten, waren ideologisch auch durchaus kritikwürdig, strickten sie doch noch eifrig an dem Bild einer verführten Nation, indem sie meist einen redlichen Helden in den Mittelpunkt stellten, der gegen das böse System aber nichts ausrichten konnte (siehe etwa Alfred Weidenmanns CANARIS, um nur ein besonders eklatantes Beispiel zu nennen). Auch der Holocaust wurde in diesen Filmen stets geflissentlich übergangen. Aber immerhin ließen sie keinen Zweifel daran, dass es die Deutschen waren, von denen das Unheil ausging, wenn sie das auch noch nicht in vollem Umfang zu reflektieren in der Lage waren. In DIE LETZTEN DREI DER ALBATROS ist der Zweite Weltkrieg weit, weit weg, ein Gefecht, das im Pazifik eher an einen etwas aus dem Ruder gelaufenen Sandkastenstreit erinnert. Da können dann ein paar unrasierte Halunken durch ein im Kontext der Kriegshandlungen doch eher lapidares Verbrechen die „Ehre“ der feinen deutschen Marine beschmutzen, was die so gar nicht auf sich sitzen lassen mag. Die Besatzung des titelgebenden Schiffes hingegen ist ein Haufen gut gelaunter Kerle, deren Involvierung in die kriegerischen Vorgänge nur auf dem Papier zu bestehen scheint. Ihr untadeliger Charakter steht zu keiner Sekunde infrage. Aus heutiger Sicht kann man hingegen ein unwillkürliches Verziehen des Gesichts kaum unterdrücken, wenn die „letzten Drei“ die Inselbewohner ganz selbstverständlich und so, als sei es das Normalste von der Welt, als „Kanaken“ bezeichnen und auch der Film das keineswegs problematisch findet. Das Bild, das da vom Südseevölkchen gezeichnet wird ist durch und durch exotistisch, rassistisch und sexistisch: Die gutgelaunten Männer und Frauen mit ihren bunten Röcken und Blumen im Haar reden in einer Kauderwelsch-Fantasiesprach, bemühen auch schon mal das allseits beliebte Tarzan-Deutsch und sin d abergläubisch bis zur Beschränktheit. Die durch die Bank bildschönen Frauen scheinen ihr ganzes Leben nur auf die Ankunft eines blonden Ritters aus Germanien gewartet zu haben, so schnell hängen sie an der Schulter der Männer, und die freuen sich wiederum, dass sie ihre neuen Bräute nicht verstehen. Der Funker Kuddel bleibt am Ende dann auch lieber da, anstatt sich in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu begeben, was eine Schmach für jeden deutschen Soldaten darstellt. Das alles ist höchst anstößig, umso mehr, als DIE LETZTEN DREI DER ALBATROS ja so sehr bemüht darum ist, lediglich harmlosen Eskapismus zu bieten. Andererseits hätte mich Beckers Film ohne diese Entgleisungen wahrscheinlich einfach komplett kalt gelassen. Er sieht, wie erwähnt, schön aus, ist routiniert gemacht und überrascht im Showdown dann auch mit einiger unerwarteter Action, aber ein Muss ist er ganz bestimmt nicht. Am beeindruckendsten fand ich Horst Niendorfs schwarzen Naturhaarpullover, den er unter seinem speckigen Unterhemd trägt …

Episode 031: Hals in der Schlinge (Alfred Vohrer, 1977)

Die erwachsenen Geschwister Heli (Helga Anders) und Ingo (Willi Kowalj) erleben eine böse Überraschung, als sie eines Abends nach Hause kommen: Ihr Vater hat sich auf dem Dachboden erhängt. Auch wenn alles auf einen Suizid hindeutet, ist Helga davon überzeugt, dass es sich nur um Mord handeln kann, und bittet Derrick, entsprechende Ermittlungen aufzunehmen. Der Oberinspektor ist beeindruckt von der Beharrlichkeit der jungen Frau und stößt schon bald auf erste Widersprüchlichkeiten: Niemand im Bekanntenkreis des Toten will irgendwelche Anzeichen einer Depression bemerkt haben, das Seil wurde mit einem professionellen Seemannsknoten geknüpft, die geschäftlichen Probleme, die vom engen Mitarbeiter Ludemann (Peter Fleischmann) als möglicher Grund für die Verzweiflungstat angeführt werden, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so schwerwiegend. Und dann gibt es da jemanden, dem der Tod des Geschäftsmannes sehr gelegen kommt: Der kurz vor dem Konkurs stehende Bauunternehmer Kless (Günter Strack) war nämlich auf ein Baugrundstück angewiesen, das ihm der Tote partout nicht verkaufen wollte …

Nachdem die vorangegangenen Episoden den Rahmen des Formats gehörig erweiterten und die Konventionen bis zum Zerreißen ausdehnten, ist Vohrers „Hals in der Schlinge“ mal wieder „nur“ gutes Krimientertainment. Dennoch ist die Episode über dem Seriendurchschnitt anzusiedeln: Zum einen gefällt die Prämisse mit der sich auch von der Faktenlage nicht einschüchtern lassenden Tochter, die den alten Hasen überzeugt. Es entsteht eine interessante Beziehung zwischen Derrick und Heli, die aufgrund des 50-Minuten-Rahmens zwar nicht tiefer erforscht wird, aber gerade durch diese Vagheit besticht. Sie regt die Fantasie an, lädt dazu ein, sie selbst weiterzuspinnen, vielleicht zu einer Film-Noir-artigen Liebesgeschichte zwischen dem desillusionierten Bullen und der selbstbewussten, rund 20 Jahre jüngeren Frau. Es ist spannend, Derrick dabei zuzusehen, wie er beginnt an sich selbst zu zweifeln, den eigenen Professionalismus zu hinterfragen. In seinem Zweifel schwingt ja implizit das Wissen mit, bei zahlreichen Fällen zuvor möglicherweise nicht hartnäckig genug gewesen zu sein, nicht genug gebohrt, sich zu sehr auf das Vordergründige verlassen zu haben. Ja, „Hals in der Schlinge“ begeistert, weil es eine echte Derrick-Episode ist, eine Episode, die den Titelhelden schärfer konturiert, ihm mehr Platz einräumt, ihn als Charakter greifbarer macht und noch einmal die Essenz der Show herausarbeitet. Angestachelt von Heli, entwickelt Derrick einen neuen, heißen Furor gegen die Arrivierten, die Bonzen mit ihren Villen, die sich auf der Jagd nach immer mehr Geld und bei der Erfüllung ihres bedingungslosen Wunschs nach eigenem Vorwärtskommen ganz selbstverständlich über das Leben anderer hinwegsetzen und dabei noch nicht einmal Reue empfinden, Schuldbewusstsein entwickeln. Derrick ist wütend, er ist sehr wütend in dieser Episode und noch weniger als sonst macht er gegenüber den ätzenden Kapitalisten einen Hehl daraus, dass er sie verachtet. Das ist einfach großartig anzusehen.

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Bildschirmfoto 2014-01-29 um 21.37.35Episode 032: Eine Nacht im Oktober (Wolfgang Becker, 1977) 

Der Handelsvertreter Steinbrink (Traugott Buhre) kehrt auf einer seiner Touren in einer Diskothek ein: Er ist auf der Suche nach einem jungen Mädchen, mit dem er die Nacht verbringen kann. Es gelingt ihm, die hübsche Rosy (Iris Berben) dazu zu überreden, zu ihm ins Auto zu steigen. Wenig später liegt sie mit mehreren Messerstichen ermordet vor dem Eingang zum Haus ihres Arbeitgebers, des Anwalts Dr. Lechner (Bernhard Wicki). Derrick und Klein können den verdächtigen Steinbrink anhand von Zeugenbeschreibungen festnehmen, doch der Mann schwört, das Mädchen lebend aus dem Auto gelassen zu haben. Auffallend ist das Engagement von Dr. Lechner: Der scheut keine Mühen, um angebliche Beweise für die Schuld Steinbrinks heranzuschaffen. Die Ermittlungen nehmen eine Wendung, als Derrick erfährt, dass Lechner eine von seiner Gattin (Ella Büchi) geduldete Liebesbeziehung zu Rosy unterhielt. Und auch Lechners Mutter (Brigitte Horney) scheint etwas zu verschweigen …

Wolfgang Becker inszenierte mit dieser Episode einen echten „Sleeper“ oder auch einen „Grower“, wie man in polyglotten Kreisen vielleicht sagen würde: „Eine Nacht im Oktober“ scheint zunächst relativ konventionell zu verlaufen – eine ganz gewöhnliche Serienfolge eben. Selbst die obligatorisch „überraschende“ Wendung der Ereignisse folgt auf den ersten Blick nur der dramaturgischen Konvention. Doch dann entfaltet sich ganz unterschwellig eine Dimension des moralischen Verfalls, dessen Ausmaße auf den ersten Blick kaum zu erfassen sind. Der letzte Ton der bekannten Titelmelodie ist längst verklungen, da wirkt „Eine Nacht im Oktober“ immer noch nach. Man muss ein wenig Geduld haben mit dieser sehr „hecklastigen“ Folge: Schon nach 20 Minuten fragte ich mich konsterniert, was da eigentlich noch kommen sollte. Mit Steinbrink ist der vermeintliche Mörder schneller als erwartet gefasst, trägt mit seinem unerträglichen verbalen Rumlavieren nicht gerade dazu bei, den berechtigten Verdacht zu entkräften. Wenn dann Lechner auf den Plan tritt, wird Steinbrink vom Drehbuch fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, und das Spiel um die Überführung des Mörders geht von vorn los. Doch plötzlich verändert sich der Blick: Die Bilder werden künstlicher, ausdrucksstärker, bilden nicht mehr bloß Faktisches ab, sondern zeigen gerade das eigentlich Unsichtbare. Mit Lechners Mutter, von Brigitte Horney mit der ihr eigenen eisig-aristokratischen Autorität interpretiert, tritt eine Figur auf, die wie ein Blitz in den behäbigen Fernsehkrimi einschlägt. Plötzlich zerreißt der Dunst und sie kommt wieder zum Vorschein, die feine Gesellschaft, die unter ihrer auf Hochglanz polierten Fassade bis ins Mark verrottet ist. Autor Herbert Reinecker, um Kritik an der hohen deutschen Bürgerlichkeit bisher eh nicht verlegen, zeichnet eine besonders verschlagene Familienbande, die jedem Gothic-Horrorfilm zur Ehre gereichte. Doch natürlich sind diese feinen Herren und Damen viel zu schlau, als dass sie sich die Hände wirklich selbst schmutzig machten. Die Enthüllung des Mörders ist zunächst eine Enttäuschung, ein Unterlaufen der nun immens geschärften Erwartung. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen: Das bürgerliche Gebälk ist bereits so zerfressen, dass es mit einem lauten Krachen in sich zusammenstürzen und alle mitreißen wird. „Eine Nacht im Oktober“ ist dann aber schon zu Ende.

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Bildschirmfoto 2014-02-06 um 19.17.54Episode 033: Offene Rechnung (Alfred Vohrer, 1977)

Fünf Rentner – vier Männer, eine Frau – stehen dicht gedrängt auf einem U-Bahnsteig. Einer von ihnen ist verwundet, wird von den anderen gestützt, immer wieder zum Durchhalten ermuntert. Es dauere nicht mehr lange, versichern sie ihm, dann sind sie bei einem Arzt. Ein durchgeblutetes Tuch wird durch ein frisches ausgetauscht. Die umstehenden Passanten wenden sich angewidert ab: So alt und dann so besoffen, sagt einer, nicht ahnend, dass sich vor seinen Augen ein Drama um Leben und Tod abspielt. Nach der Bahnfahrt wird ein Taxi benötigt, doch nirgends ist eins in Sicht. Kurzentschlossen knackt einer der Männer ein Auto und alle brausen davon. An ihrem Ziel, dem Altenheim angekommen, legen sie ihren verwundeten Freund ab, schleichen sich ins Haus und alarmieren den Pförtner. Doch als der nach dem auf dem Boden liegenden Mann schaut, ist der schon tot …

Trist und herbstlich waren bisher fast alle DERRICK-Episoden: Dunkle Erdtöne dominieren meist ihre Farbpalette, thematisch drehen sie sich fast immer um das beengende Klima der Bürgerlichkeit, flankiert von konservativen Moralvorstellungen einerseits und hemmungslosem Egoismus andererseits. Im Zentrum steht oft der Konflikt zwischen den Bonzen und ihrem Streben nach Mehr und dem „kleinen Mann“, der durch und durch ersetzbar, zweitrangig ist, gnadenlos aus dem Weg zum vermeintlichen Glück geräumt wird, wenn er selbigen durch seine bloße Anwesenheit versperrt. „Offene Rechnung“ sublimiert dieses Thema, hebt es auf eine andere gesellschaftliche Ebene: Vohrer beleuchtet, wie die Alten, die nicht mehr leistungsfähig sind, aufgebraucht sozusagen, beiseite geschafft werden, wie man von ihnen erwartet, sich still und folgsam in ihr Schicksal zu fügen, das ein reines Warten auf den Tod ist. Wie man ihnen die Selbstständigkeit und Autonomie abspricht, wie man von ihnen verlangt, jedes Streben nach Glück und Erfüllung aufzugeben, sich in das ihnen zugedachte Dasein am Rande der Gesellschaft zurückzuziehen und dafür auch noch dankbar zu sein. Der Heimleiter (Alf Marholm) behandelt sie wie kleine Kinder oder sogar Haustiere, scheucht sie mit einem Händeklatschen vom Flur in ihre Zimmer, wie man das mit ungezogenen Hunden macht, und rechtfertigt sein Verhalten damit, dass es ihm doch nur darum gehe, zum reibungslosen „Ablauf“ ihrer verbleibenden Zeit beizutragen. Er sagt das, als handele es sich dabei um einen rein bürokratischen Akt, als betrachte er sie als verbrauchte Ware, die mit möglichst wenig Aufwand abgewickelt werden muss. Aber die Protagonisten dieser Episode wollen sich nicht damit abfinden, dass ihr Leben schon zu Ende sein soll und ergreifen die Initiative, machen gemeinsame Sache mit professionellen Einbrechern, stürzen sich in ein Abenteuer und bessern sich dabei ihre kärgliche Rente auf. Wenn man kein Geld hat, verkümmern die Flügel, sodass man nur noch auf der Stelle flattern kann, erklärt Berger (Rudolf Platte), der aufmüpfige Anführer der greisenhaften Outlaws. Geld lässt die Flügel wachsen, es hilft dabei, sich frei bewegen zu können. Er strahlt, während er das sagt, lebt auf, vergisst das gefängnisartige Altersheim, in dessen verwildertem Garten die Rentner ziellos umherirren wie Gespenster. Aber natürlich ist auch das nur eine Flucht, das Anprobieren eines Kostüms, das einfach nicht richtig passen will, so sehr man den Bauch auch einzieht. Es war schön, so lange wie es gedauert hat. Aber ob es den Tod ihres besten Freundes wert war? Am Ende gestehen sie in Derricks abgedunkeltem Büro ihre Schuld. Und lösen sich beinahe auf dabei, versinken mit ihren fahlen Gesichtern im Schwarz der Schatten.

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Bildschirmfoto 2014-02-07 um 18.40.53Episode 034: Tod des Wucherers (Zbynek Brynych, 1977)Bildschirmfoto 2014-02-07 um 18.54.37

Minsch (Peter Kuiper) lockt leichtgläubige Menschen via Zeitungsanzeigen mit dem Angebot günstiger Darlehen, um sie dann eiskalt mit mörderischen Zinsen abzuzocken. Klar, dass so ein Mensch Feinde hat, zumal er auch im Umgang nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse ist. Sein Buchhalter, der ängstlich-schüchterne, hypernervöse Erich Winterhammer (Gerd Baltus) muss unter seinen Launen genauso leiden wie die Auszubildende Hilde Hensch (Agnes Dünneisen), für die Winterhammer zarte Gefühle entwickelt. Als beide von Erledigungen zurück ins Büro kommen, finden sie nur noch die Leiche ihres Chefs vor, ein großer Geldbetrag wurde entwendet. Trauer über den Tod Minschs empfindet noch nicht einmal dessen Ehefrau (Ida Krottendorf), die noch am Abend seines Todes gemeinsam mit ihrer Mutter und einigen Freunden ein rauschendes, ausgelassenes Fest feiert. Derrick und Klein sind erstaunt über diese Ausgelassenheit. Während sich ihr Verdacht angesichts dieser Freude auf die Familie des Verstorbenen richtet, nimmt Winterhammer Hilde zu sich auf und kauft ihr ein Geschenk nach dem anderen …

Es ist keine allzu große Überraschung, dass die bis hierhin mit Abstand beste DERRICK-Episode auf das Konto von Zbynek Brynych geht. „Tod des Wucherers“ vereint alle Stärken seiner Regie und birst nahezu vor geballter Unfassbarkeit. In der schieren Anhäufung bizarrer Figuren, Plotentscheidungen und Bilder sprengt Brynych nicht nur den Rahmen einer Krimiserien-Episode, er macht so manchem Spielfilm Konkurrenz in Sachen Kreativität und Fantasie. Die Irritation beginnt schon mit dem brillanten, beinahe agitatorisch zu nennenden Titel: Der Begriff „Wucherer“ ruft Assoziationen zu mittelalterlichen Lynchmobs hervor, sofort sieht man karikaturesk verzerrte Gierschlünde mit scharfen Krallen und schwarz funkelnden Augen vor sich, die die armen Menschen aussaugen wie Vampire (vielleicht liegt es an mir, aber ich musste sofort an antisemitische Klischeefiguren wie Shakespeares Shylock denken). Peter Kuiper verkörpert den Wucherer dann auch mit Verve, verzeichnet ihn zur bösartigen Märchenfigur, die keinerlei Emotionen jenseits von Zorn und Schadenfreude kennt: ein Mensch, der es sich in der Niedertracht gemütlich gemacht hat. (Kuiper referenzierte seine eigene Glanzleistung ca. acht Jahre später mit der Rolle des Kredithais in OTTO – DER FILM.) Ihm gegenüber ist Winterhammer der tragische Clown, ein Mann, der zum Opfer geboren ist, ein menschgewordener Fußabtreter. Selbst Derricks Geduld wird von dessen Verpeiltheit massiv überstrapaziert, er kommt angesichts all der kleinen Pannen und Unsicherheiten gar nicht mehr aus aus dem Augenrollen raus. Doch das Erstaunen über die Irrwege der menschlichen Natur hört für die beiden Kriminalbeamten Derrick und Klein bei Winterhammer nicht auf: Im Hause Minschs begegnet ihnen das bürgerliche Grauen in Form zweier aufgetakelter Damen und ihrer illustren Gefolgschaft aus Anwälten und Ärzten. Alle vereint sie die Freude über den Tod des Halsabschneiders und sie sind sich so sicher über die Legitimität ihrer Empfindungen, dass sie auch vor der Polizei nicht hinterm Berg halten. Wir lernen: Jemand, der Menschen in die Pleite treibt, ist noch schlimmer als ein Mörder. Er ist das Niederste vom Niedersten.

Bildschirmfoto 2014-02-07 um 19.51.55Bildschirmfoto 2014-02-07 um 19.59.13Das faszinierendste Enigma einer durch und durch enigmatischen Episode ist aber die Figur der Hilde Hensch. Vermutet man in ihr zu Beginn die Femme Fatale mit dem Engelsgesicht, die ihren Charme spielen lässt und im Hintergrund die Fäden zieht, scheint sie diesen Verdacht im weiteren Verlauf zu bestätigen, wenn sie sich von Winterhammer aushalten lässt, gibt sie schließlich Rätsel um Rätsel auf: Das kulminiert im Auftritt einer Rockerbande, die sie aus Winterhammers Haus „befreien“ will. Plötzlich holt das fragile Persönchen aus und verpasst dem Rockerchef eine Backpfeife, die sich gewaschen hat und ihn reichlich dumm aus der Wäsche gucken lässt. Sie landet dann zwar doch in der Gewalt der bösen Buben, wird dann aber von Derrick buchstäblich rausgehauen, in einer Szene, in der Brynych ihn wie einen deutschen Dirty Harry inszeniert. Doch auch Hilde trägt einen Schaden davon: Ihr Gesicht wird zerschnitten und ihre letzte Szene zeigt sie mit bandagiertem Antlitz, wie eines der Opfer aus George Franjus LES YEUX SANS VISAGE. Dieser Subplot hat für die Handlung kaum mehr als tangentielle Bedeutung, aber gerade das macht ihn so faszinierend: Die Figur der Hilde erschöpft sich nicht in einem narrativen Zweck, sie geht nicht auf in der Geschichte, sondern führt in ihr ein Eigenleben, das Raum für weitere, kaum weniger spannende Episoden böte. Derricks Triumph über die Rocker bleibt aber das einzige Zeichen handfester männlicher Dominanz in einer Episode, die von undurchsichtigen Frauenfiguren bestimmt wird. Gegen ihren Zorn und ihre Entschlossenheit ist selbst ein Wucherer wehrlos. Winterhammer, der Weichling, hält in seiner chaotischen Wohnung mehrere Vögel in kleinen Käfigen, und hofft nun wohl auch, die schöne Hilde bei sich einsperren zu können. Aber sie ist eben kein kleines Vögelchen, auch wenn sie ebenso zart und fragil aussieht. „Sind sie verheiratet?“, fragt Derrick ihn einmal. Winterhammer antwortet nur wenig überzeugend: „Nein, es hat nie gereicht“. „Das kann ich mir denken“, entgegnet Derrick mit kaum verhohlener Ironie. Der Inspektor ist hier vielleicht der einzige Mann, der etwas zu lachen hat und er tut es ausgiebig, scharf und voller Verachtung für all die Versager und Feiglinge, die aus ihrem Herzen einer Mördergrube gemacht haben. „Tod des Wucherers“ zeigt die Bundesrepublik durch die Brille eines humorvollen, atheistischen, antikapitalistischen Hieronymus Bosch. Man wünschte sich, deutsches Fernsehen sei heute nur noch einmal halb so wild, so geheinisvoll, so irre, so rauschhaft, so erotisch und pervers. Es gäbe keinen Grund zu klagen.

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Episode 036: Das Kuckucksei (Alfred Vohrer, 1977)

Der Transportunternehmer Eberhard Horre (Ralf Schermuly) muss am Telefon mitanhören, wie seine Gattin verstirbt. Sie kann ihm mit ihren letzten Atemzügen noch ihre Adresse mitteilen, eine ihm unbekannte Wohnung, die sie unter ihrem Mädchennamen gemietet hat. Vor Ort findet er sie mit der Polizei ermordet vor. Erste Ermittlungen ergeben, dass sie nebenbei als Prostituierte arbeitete. Horre ist fassungslos und mit ihm seine Familie, eine gruselige Ansammlung von Spießern, die keinerlei Mitgefühl mit dem Opfer zeigen, stattdessen ihrem Zorn über die über sie gebrachte „Schande“ ganz offen Luft machen. Doch für den Mord kommt niemand von ihnen in Frage. Derrick und Klein tappen im Dunkeln, bis sich ein alter Kunde der Toten meldet und berichtet, er würde erpresst werden …

Nach „Tod des Wucherers“ muss Vohrers Episode zwangsläufig abfallen. Sie begibt sich auf vertrautes Terrain, führt wieder einmal in ein zutiefst konservatives bürgerliches Milieu, dessen unmenschliche Abgebrühtheit einen zwangsläufig schaudern lässt. Jeder hier ist ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht, keiner positiven menschlichen Regung fähig. Eine Nutte in ihren Augen ein Mensch maximal dritter Klasse, des Lebens nicht wert. Die Jagd nach dem Mörder wird zweitrangig, weil eigentlich alle Verdächtigen bereuen, es nicht selbst getan zu haben. Als Kontrast zu den eiskalten Spießern – die noch einmal unangenehm und lebhaft daran erinnern, was 30, 40 Jahre zuvor in Deutschland geschehen war – fungiert der Kunde, der die Tote mit ausdrücklicher Erlaubnis seiner behinderten Frau aufsuchte. An Derricks Reaktion merkt man, wie selten ihm solche Offenheit begegnet, wie sehr die Menschen das Handeln anderer nach arbiträren moralischen Leitsätzen bewerten, anstatt die simple Frage nach dem Glück zu stellen. In einem Gespräch auf einem See geht es im Streitgespräch mit dem grausamen Spießervater erneut um die Moral. „Was ist das, ,Moral‘?“, fragt Derrick. Sie interessiert ihn nicht. Und welche Verletzung der Moral sollte überhaupt einen feigen Mord rechtfertigen? Die überraschende Auflösung zeigt wieder einmal: Nur Feiglinge morden und ihr Motiv ist nicht die Moral, sondern die eigene Schwäche. Moral ist nur die willkommene Ausrede.

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Episode 026: Das Superding (Wolfgang Becker, 1976)

Bildschirmfoto 2014-01-19 um 19.06.18Kurz nachdem Eberhard Witte (Horst Sachtleben) sich mit dem Chef einer Bank verabredet hat, um diesen über einen unmittelbar bevorstehenden Einbruch zu informieren, wird er auf offener Straße erschossen. Die Ermittlungen Derricks führen zum „Rock-Shop“, der Discothek des ehemaligen Mathematiklehrers Gerke (Horst Buchholz), dessen Befragung jedoch zunächst keine weiteren Erkenntnisse bringt. Derrick und Klein kommen nicht richtig weiter, bis sie Nachricht von der Bank erhalten: In deren Tresorraum wurde tatsächlich eingebrochen und das gesamte Geld entwendet …

Becker behandelt in seiner Episode einen geradezu klassischen Heist-Stoff, dessen bewusster Anachronismus den besonderen Reiz ausmacht. Der Regisseur geht nicht einfach unreflektiert vor, er legitimiert die auch 1976 wahrscheinlich nicht mehr ganz zeitgemäße Methode seiner Schurken durch die Figur Gerkes, der als Mastermind darauf baut, dass niemand hinter seinen genial einfachen Plan kommt. Und so graben seine Helfer wirklich einen unteriridischen Tunnel von der Disco, deren Musik den Baulärm übertönt, bis zur Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite und lassen in einer beinahe surrealen Sequenz, die wie eine Parodie auf den erst 20 Jahre später erscheinenden MISSION: IMPOSSIBLE wirkt, einen kleinwüchsigen Mann durch den Lüftungsschacht in den Tresorraum hinab. Die eigentliche Aufklärung des Mordes und die Ermittlungen Derricks interessieren Becker nur am Rande und irgendwann endet die Episode dann einfach: Derrick weiß, dass das alles etwas mit Gerke zu tun haben muss und stattet ihm einen weiteren Besuch ab, bei dem er ihm droht, alles auf den Kopf zu stellen. Gerke wiederum geht es gar nicht so sehr ums Geld: Ihn erfüllt schon das Wissen, dass sein Plan geglückt ist und dass er die Polizei an der Nase herumführen konnte, mit höchster Befriedigung. Man sieht es nicht mehr, aber es steht zu vermuten, dass Oberinspektor Derrick angesichts des hysterisch-triumphierenden Lachanfalls, dem Gerke ams Ende erliegt, das Klappmesser in der Hosentasche aufgeht. Viele schöne, zwischen staubigem Discokugel- und Spiegel-Glamour und bundesdeutscher Eichenholz-Thekenromantik oszillierender Tanzclub-Szenen runden ein mildpsychotronisches Fernsehvergnügen ab.

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Bildschirmfoto 2014-01-19 um 20.39.55Episode 027: Risiko (Franz Peter Wirth, 1976)

Die „Chloroform-Bande“ versetzt die Landstraßen um München in Aufregung: Zwei Männer und eine Frau halten LKWs unter Vorspiegelung einer Panne an, betäuben die hilfsbereiten Fahrer und klauen deren Wagen mitsamt der Ladung – bis eines Tages etwas schief läuft und ein Mann erschossen wird. Horst (Christian Reiner), einer der beiden Täter, kann den Mord nicht mit seinem Gewissen vereinbaren: Als er ankündigt, sich zu stellen, wird auch er erschossen. Als Derrick und Klein seine Mitschüler nach relevanten Hinweisen befragen, bietet Horsts bester Freund Alex (Wolfgang Müller) seine Hilfe an. Es ist für die beiden Kriminalbeamten schnell klar, dass es sich bei Horst um einen der Räuber und bei Alex um seinen Komplizen handeln muss, doch sie wollen über ihn an die Hintermänner der Tat herankommen. Und das will auch Alex …

Wie schon „Der tag nach dem Mord“ so ist auch „Risiko“ ein reiner Adoleszenz-Albtraum, den Wirth ausschließlich in den schwärzesten Farben malt. Die Freude am Risiko – Horst und Alex sind begeisterte Motorradfahrer – führt beide schnell in die Kriminalität, weil der nächstgrößere Kick benötigt wird, und von da in den Tod bzw. das Gefängnis. Nutznießer sind erwachsene Kriminelle, die sich die Einsatzbereitschaft der Jungs zunutze machen. Die Eltern, die eventuell hätten einlenken können, erreichen ihre Söhne längst nicht mehr. So schlafwandelt vor allem Alex durch die Welt, als sei er der letzte Pistolero. Doch an dem Schweiß, der ihm auf der Stirn steht, und an seinem fahrigen Verhalten erkennt man, das die Schuhe, in die er da geschlüpft ist, mehr als nur eine Nummer zu groß sind.

Was „Risiko“ so faszinierend und zu einem echten Runterzieher macht, das ist die ganz leise und verhalten mitschwingende Ahnung, dass es für Alex, Horst und ihre Freundin Brigitte auch ganz woanders hätte hingehen können. Hätte es vielleicht hätte schon gereicht, wenn sie sich zu ihren Gefühlen bekannt hätten? Die Homosexualität Alex‘ steht überdeutlich im Raum, auch wenn sie nie wirklich explizit gemacht wird. Wirth entführt für eine Stunde in eine Welt, in der alle ihr wahres Ich, ihre innersten Bedürfnisse hinter einer meterdicken Stahltür versteckt und den Schlüssel in einem eisigen Gebirgssee versenkt haben. Alles, was bleibt, ist Distanz.

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Bildschirmfoto 2014-01-20 um 17.43.17028: Pecko (Zbynek Brynych, 1976)

Der 18-jährige Pecko (Pierre Franckh) beobachtet durch Zufall den Mord an einer jungen Balletttänzerin. Doch als Derrick ihn befragt, schwört er, den Täter nicht erkannt zu haben …

Ein weiteres Meisterwerk von Brynych, der hier eine ganze Episode in jenem ruinösen Parallel-München ansiedelt, das er in „Auf eigene Faust“ nur kurz besuchte. Ist „Pecko“ ein Fiebertraum, ein düsteres Märchen oder eine Vision? Von allem steckt etwas in der Geschichte um einen hoffnungslosen, hilflosen, einsamen Träumer, der Weltmeister im Radball (!!!???) werden will, obwohl er ein miserabler Fahrradfahrer ist; der von seinem Bruder und allen anderen herumgeschubst wird und dann ausgerechnet gegenüber Derrick um seine Autonomie kämpft. Und jenseits der braunen verfallenen Mauern, die die Welt von Pecko sind, da tanzen die Mädchen der Sonne entgegen, nur um irgendwann bemerken zu müssen, dass sie von fiesen Profiteuren als Drogenkuriere missbraucht werden. Auch ihre Träume platzen wie die von Pecko, aber sie vergießen Blut dabei.

Eine Episode voller Unfassbarkeiten: Pierre Franckh als Pecko, der verhinderte Radballspieler mit dem Halstuch, dem Käppi, der abgeschnittenen Jeans und den Kniestrümpfen; Pecko, der zu Michael Holms „Tränen lügen nicht“ junge Frauen schüchtern umgarnt; Pecko, der seinen Bruder liebt, den Mörder, und mehr nur sein Fahrrad. Ein Tanzlehrer, der behauptet nur „Pferdchen“ zu trainieren. Stefan Behrens als heruntergekommener Hausmeister, der seine Aufgabe ohne Entlohnung versieht, weil er dafür gratis in einer Bruchbude leben darf. Tänzerinnen, deren Karriere am Ende ist, bevor sie begonnen hat. Die sich mit schweißnassem Gesicht leidend in die Kamera drehen, als wollten sie dem Zuschauer sagen: „Hol uns hier raus!“ Harald Juhnke als Agenturleiter. Arbeiter im Karohemd, die im Bildhintergrund vergebens auf Godot warten. Niemand, absolut niemand bemerkt hier, dass er in die Hölle eingetreten ist, dass das gar keine lebbare Welt ist, dass hier keine Träume erfüllt werden, dass das ganze Leben Stillstand im Nichts ist, Verfall. Nie war Derrick weiter weg von zu Hause als in Brynychs „Pecko“. Ein winziger Hauch Nostalgie schwingt beim heutigen Blick auf diese Folge vielleicht mit, einem Blick auf bundesrepublikanische Realität 1976, dem Jahr, in dem auch ich das Licht der Welt erblickte. Aber hier leben? Nein, danke.

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Bildschirmfoto 2014-01-22 um 19.33.19Episode 029: Der Mann aus Portofino (Dietrich Haugk, 1976)

Einem Mann namens Sieburg (Karl Renar) wird erst zur Flucht aus der Justizvollzugsanstalt verholfen, dann wird er ermordet. Derrick und Klein finden heraus, dass er wegen Autodiebstahls einsaß. Der Wagen, den er entwendete, gehörte einem gewissen Dr. Pinaldi aus dem Örtchen Portofino, der seit Monaten als verschwunden gilt. Sein letzter Aufenthaltsort war der kleine Bauernhof von Herrn Bachler (Alexander Golling)  in der Peripherie von München. Bei der Spurensuche stoßen die beiden Kriminalbeamten auf eine Mauer aus Schweigen. Doch dass der Gutsbesitzer Parenge (Kurt Meisel) vor einigen Jahren seine Frau bei einem Bootsunfall vor der Küste Portofinos verlor, lässt sie ebenso aufhorchen wie die Tatsache, dass Bacher ein Jahr lang mit Sieburg in einer Zelle des Gefängnisses Stadelheim verbrachte …

Haugks „Der Mann aus Portofino“ ist ein deutscher Giallo im Gewand eines Fernsehkrimis. Quasi  L’UOMO DI PORTOFINO, UN GIALLO TEDESCO. Warum? Die Motive hinter dem die Ermittlungen auslösenden Mordfall liegen mehrere Jahre in der Vergangenheit und werden im Laufe der Handlung über seltsam entrückte Flashbacks enthüllt. Den Schlüssel zur Lösung bildet der titelgebende Mann aus Portofino, der sich in all seinen Szenen mittels  subjektiver Kamera direkt an den Zuschauer wendet und auf Italienisch auf ihn einredet. Die sich so einstellende Entfremdung/Überforderung verbindet den Zuschauer mit den Protagonisten, die als erkennbare Fremdkörper ins tiefe Bayern – und die verborgenen Geheimnisse seiner Bewohner – eindringen. Zum ersten Mal kommen in der Serie offen komische Züge zum Tragen: Um Vertrauenshürden zu überwinden, nimmt Derrick von den durch die Bank Schnupftabak konsumierenden Urbayern eine Prise an, die ihn in heftige Niesanfälle ausbrechen lässt. Ein Running Gag, der sich durch die ganze Episode zieht und Derrick zu einem Leidensgenossen der typischen Außenseiterfiguren des Giallo macht. (Ich hatte in meinem Text zu Argentos PROFONDO ROSSO schon darauf hingewiesen, dass die Giallo-Protagonisten oft ortsunkundige Touristen sind, deren Orientierungslosigkeit und Fremdheit die genretypische Auseinandersetzung mit Wahrnehmung und Sinnestäuschung verstärkt und spiegelt.) Auch die tragisch säuselnde Gitarrenmusik, die weit davon entfernt ist, lediglich das Gezeigte auf der Tonspur zu doppeln und zu verstärken, schlägt die assoziative Brücke zum Giallo mit seiner Etablierung einer traumgleichen, oft ins Surreale kippenden Gestaltung.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die ganze dramatische Dimension von „Der Mann aus Portofino“ erfasst hatte: Zunächst scheint Haugks Episode geradezu flüchtig und leicht, ein fluffig-komischer Exkurs in der bundesrepublikanisch-bürgerlichen Tristesse, die die Serie sonst auszeichnet. Aber je länger man das Geschehen verfolgt, umso mehr vertieft es sich, entpuppt sich selbst die Komik noch als Ausdruck einer unüberwindbaren existenziellen Tragik. Am Ende haben Derrick und Klein einen Mordfall geklärt, aber „gelöst“ haben sie gar nichts. Zurück in München, wird ihnen alles vorkommen wie ein böser Traum. Und wer weiß? Vielleicht war das ja alles nicht mehr als das.

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Bildschirmfoto 2014-01-22 um 21.12.39Episode 030: Yellow He (Zbynek Brynych, 1977)

Der Beginn ist reichlich sonderbar: In einer Diskothek unterbricht der DJ sein Programm, um für eine Frau (Susanne Beck), die er „Yellow He“ nennt („He“ in dem Fall nicht wie das englische „he“ ausgesprochen, sondern wie der Ausruf des Erstaunens), den Swing-Klassiker „Bei mir bist du schoen“ aufzulegen. Yellow He beginnt unter Anfeuerung der anderen Gäste – offenbar genießt sie eine gewisse Berühmtheit – zu tanzen. Bald gesellt sich ein junger, schüchtern wirkender Mann (Martin Semmelrogge) zu ihr, sie tanzen nun gemeinsam und geben sich schließlich einen innigen Kuss, der von den Umstehenden frenetisch bejubelt wird. Schnitt: Die beiden wachen gemeinsam in ihrem Bett auf. Er erfährt zu seinem Entsetzen, dass sie noch bei ihrer Mutter wohnt, steht dann aber doch auf, um auf die Toilette zu gehen. Auf dem Weg dorthin sieht er in der Küche einen älteren Herren am Tisch sitzen, dem soeben eine riesige Schale mit Tropenfrüchten serviert wird. Als er vom Klo zurückkommt, fragt Yellow He ihn, ob er sie heiraten möchte. Er, völlig perplex, kann sein Glück kaum fassen und willigt ein. Wieder ein Schnitt. Ein Mann erfährt von einem Arzt, dass sein Vater im Sterben liegt, es gibt keine Hoffnung mehr. Er verlässt die Klinik und wird erschossen.

Zbynek Brynych hat auch schon in seinen bisherigen Beiträgen zur Serie immer wieder die Umwege, Abzweigungen und Sackgassen auf dem Weg zum Ziel gesucht, und „Yellow He“ ist in dieser Hinsicht wahrscheinlich bis zu diesem Zeitpunkt seine radikalste DERRICK-Arbeit. Es sind kaum noch zehn Minuten Spielzeit übrig, bis klar wird, wie die Geschichte um Yellow He mit dem Mordfall zusammenhängt und so schnell, wie Brynych die Episode dann abwickeln muss, ahnt man, dass ihn andere Dinge mehr interessiert haben. Schwierig zu beschreiben, was die Faszination ausmacht, die von dieser Folge ausgeht. Das Mysterium bündelt sich tatsächlich in der Figur der Frau mit dem eigenwilligen Spitznamen, über die man fast nichts erfährt, die aber dennoch alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und es sichtlich genießt, ihre erotische Kraft wirken zu lassen. Sie ist ein verlockend oszillierender Farbtupfer im bundesrepublikanischen Braungrau, das Derrick und Klein in nahezu jeder Folge durchwaten müssen („Ich bin kein moralisierender Spießer“, sagt Derrick einmal). Auch hier gibt es sie wieder, die großbürgerlichen Bonzen mit ihren geschmacklosen Villen, die feinen Ehepaare, die nur noch die Etikette zusammenhält, die lustfremden Beziehungen, die armen Unterschichten-Tropfe, die von den Begüterten schamlos ausgenutzt werden, die Söhne, die von den Eltern ohne Rücksichtnahme auf ihre eigenen Interessen auf den Karrierepfad geführt werden.

„Yellow He“ steckt voller Tragik, unausgesprochener Wünsche und zerplatzter Träume, aber nichts davon wird jemals wirklich explizit. Sehr seltsam, aber durchweg magisch.

Wertung: *****/*****