Mit ‘Wolfgang Kieling’ getaggte Beiträge

$T2eC16ZHJF0E9nmFSs4-BQNQ4NBnnw~~60_57Mit POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE gelang Jürgen Roland so etwas wie die Wiedergeburt des St.-Pauli-Films. Das Subgenre war seit den Tagen von Hans Albers etwas in Vergessenheit geraten, sollte das deutsche Kino und sein Publikum dank Rolands Geniestreich aber nun für die nächsten ca. zehn Jahre mit seiner bunten Mischung aus Sex, Crime, Komödie und Tragödie  weiter in Bann schlagen. Es folgten neben Rolands eigenen Beiträgen – DIE ENGEL VON ST. PAULI und JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT – vor allem die Filme von Rolf Olsen – WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN, DER ARZT VON ST. PAULI, AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS, DAS STUNDENHOTEL VON ST. PAULI, DER PFARRER VON ST. PAULI, KÄPT’N RAUBEIN AUS ST. PAULI – sowie weitere, von denen hier exemplarisch nur Staudtes FLUCHTWEG ST. PAULI, Bénazérafs ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN oder Alfred Weidenmanns UNTER DEN DÄCHERN VON ST. PAULI genannt seien. Alle gehen sie auf POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE zurück, der aber nicht nur als St.-Pauli-Film überzeugt, sondern als Meisterstück des deutschen Crime- und Polizeifilms angesehen werden muss.

Jürgen Rolands Fähigkeit, Inspirationen aus der Realität in griffige Filmbilder und -handlungen zu übersetzen und die Sprache der „einfachen Leute“ einzufangen sowie seine Kenntnis des Kiezes und des Polizeidienstes sind in POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE ebenso augenfällig wie seine Filmbildung, die wesentlich amerikanisch geprägt ist. Wenn er den Voice-over-Kommentator schon zu Beginn vorausschicken lässt, dass der eben eingeführte Protagonist, Hauptwachtmeister Glantz (Wolfgang Kieling), am Ende des kommenden Tages tot sein wird, liefert er nicht nur den äußeren Rahmen für seine kolportagehaft erzählte Geschichte, er holt auch den Zuschauer mit ins Boot, der den Fortgang des Unausweichlichen nun gebannt verfolgt. Glantz hatte vor einigen Jahren den Berufsverbrecher Bruno Kapp (Günther Ungeheuer) ins Gefängnis gebracht, der nun kurz vor der Entlassung steht. Dessen naive Lebensgefährtin, die Arbeiterin Margot (Hannelore Schroth) warnt Glantz, dass Bruno ihn umbringen wolle, doch der vertraut auf die Intelligenz des Ganoven: Schließlich war Bruno damals schuldig gewesen, warum sollte er sich also rächen? Roland verfolgt in der verbleibenden Spielzeit den fiesen Bruno, der mit dem jungen Manfred (Jürgen Draeger) den nächsten Coup plant und dazu die ahnungslose, gutmütige Margot für seine Zwecke missbraucht. Indessen gehen Glantz und sein Kollege Schriever (Günther Neutze) ihrer Arbeit nach. Sie machen ihre Kontrollgänge über die Reeperbahn oder fertigen die „Kunden“ ab, die in die Davidswache kommen: Meist sind es Freier, die sich geprellt fühlen und für die nötige Komik sorgen. Besonders toll ist der Auftritt von Hanns Lothar als betrunkener Geschäftsmann, der sein Taxi nicht bezahlen kann und nun äußerst indigniert immer wieder betont, aus welch feinem Hause er komme. „Wir haben Hühnerbraten gegessen. MIt Spargel. Da können sie mal sehen, was für ein Mensch ich bin.“ Göttlich! Sehr schön ist auch eine Szene mit dem jungen Ernst H. Hilbich, dessen Charakter in einem Amüsierbetrieb nach Strich und Faden ausgenommen wurde und nun vor dem strengen Richter (Dieter Borsche) aussagen muss. Aber es ist ungerecht, einzelne Episoden herauszupicken, weil eigentlich jede Szene für sich ein kleines Wunder ist.

Was POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE (aber auch ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN, for that matter) den späteren St.-Pauli-Filmen voraus hat, ist diese umwerfende Schwarzweiß-Fotografie (hier von Kameramann Günther Haase). Sie verleiht dem Film eine Noir-artige Schicksalsschwere einerseits, eine gewisse Trockenheit andererseits. Wo später bei Olsen Sleaze und Kintopp regieren (was freilich auch eine Schau ist), ist Roland eher daran gelegen, ein deutsches Äquivalent zum amerikanischen Copfilm oder zur Schwarzen Serie hinzulegen. Die einleitende schriftliche Erinnerung, dass sich POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE an wahren Begebenheiten orientiert, und der auktoriale Voice-over-Kommentar, der das Ende des Films bereits vorwegnimmt (das dann trotzdem ganz anders aussieht, als man es erwartet), verleihen dem Film Dringlichkeit und Authentizität. Man ist hautnah dabei, wie das Schicksal zuschlägt, und staunt nur über die Haken, die es schlägt. Wie Roland (nach einem Drehbuch des großen Wolfgang Menge) die vielen handelnden Personen hier miteinander verbindet und bei größter erzählerischer Lockerheit dennoch höchst stringent auf sein Ende zuläuft, ist nicht weniger als meisterhaft. Glantz und Margot werden einem noch lange im Gedächtnis bleiben. POLZEIREVIER DAVIDSWACHE ist ein moderner Klassiker, der den Vergleich mit den großen deutschen Meisterwerken nicht zu scheuen braucht. Und genau genommen auch nicht mit den viel gerühmten französischen oder amerikanischen Genrevertretern. Ein wunderbarer Film, voller Leben und Geheimnisse, fantastisch gespielt und traumhaft anzuschauen. Dazu noch urdeutsch, aber eben kein Stück spießig.

Als die Angehörigen den Sarg des verstorbenen Sir Oliver Ramsey aus der Kirche tragen, ertönt urplötzlich ein schallendes Lachen. Der Bruder des Verstorbenen, Sir Cecil (Wolfgang Kieling), eh schon ein überaus nervöser, labiler Zeitgenosse, glaubt sofort daran, dass Sir Oliver von den Toten auferstanden ist. Als nur wenig später eine Gestalt mit Totenkopfgesicht gesehen und eine weitere Leiche – ermordet durch ein seltenes Gift – gefunden wird, ist Cecil felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei seinem Bruder um einen Zombie handelt. Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) greift mit seinem Vorgesetzten, Sir Arthur (Hubert von Meyerinck), ein. Und die Journalistin Peggy Ward (Siw Mattson) weicht ihnen nicht von der Seite.
 
In meinem Eintrag zu DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE erwähnte ich bereits den Rummelplatz-Charme, der vor allem die späten, farbigen Wallaces der Rialto in Beschlag nimmt. IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fungiert zur Bestätigung meiner Behauptung als Paradebeispiel: Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie die Gestalt des „Unheimlichen“, eines Menschen mit einer klobigen Totenkopfmaske, schwarzem Hut, Mantel und Zottelperücke, von dem man immer mal wieder ein lautes, mit Echo belegtes Lachen vernimmt, nach der dritten Kurve der Geisterbahn mit glühbirnigem Blick und Kreischgeräusch aus einer Nische hüpft. Die Verkleidungen der Edgar-Wallace-Täter, zu Beginn noch recht weltlich – dem FROSCH MIT DER MASKE etwa reichte noch eine schnöde Taucherbrille, um zum Schreckgespenst für brave Bürger zu werden -, klar dem Zwecke der Tarnung verpflichtet, alte Sagengestalten höchstens als Vorbild aufgreifend, um vom meist durch und durch profanen Tatmotiv abzulenken (siehe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE), wurden in den letzten Jahren der Serie immer absurder, unpraktischer und unverkennbar zum Selbstzweck. DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE sollte mit seinem knöchellangen roten Gewand und der hohen Zipfelmütze besser nicht in Kämpfe oder gar Verfolgungsjagden verwickelt werden, DER BUCKLIGE VON SOHO bekommt gar einen unpraktischen Plastikbuckel aufs Kreuz geschnallt, dessen Zweck einzig in seinem Schauwert besteht, innerhalb der Handlung aber völlig sinnlos ist. Nun also der Unheimliche, der die Opfer in Vohrers zwölftem Wallace-Film mit einem putzigen Skorpionring umbringt, bevor sie angesichts seiner Karnevalskostümierung einem Lachanfall erliegen.
 
Die Seriösität und der (relative) Ernst, mit dem die Wallace-Filme bis auf einige wenige Ausnahmen noch bis Mitter der Sechzigerjahre inszeniert wurden, sind in IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fast vollständig getilgt. Die Geschichte um den vermeintlichen Rächer aus dem Jenseits setzt sich aus den sattsam bekannten Zutaten zusammen – die Adelsfamilie mit dem dunklen Geheimnis, die Dutzenden von Opfern und Verdächtigen, der skurrile Modus operandi des Mörders, das Zusammenspiel von Ermittler und Vorgesetztem, die Verortung des Geschehens in mondänen Adelssitzen und nebligen Wäldern -, die mittlerweile aber ohne echte Überzeugungskraft miteinander vermischt werden. Der Effekt ist Vohrer alles, weshalb der Plot mehr und mehr hinter die grellbunte Ausstattung und Bildkomposition zurücktritt. Am schönsten zeichnet sich dieser Drang zum Plakativen in der Figur des Steinmetzes Ramiro (Peter Mosbacher) ab. Bei seinem ersten Auftritt weiß man nicht, was einen mehr irritiert: dass er mit seinem unverkennbar grünen Teint aussieht wie der unglaubliche Hulk in der beliebten TV-Serie oder dass niemand im Film über seinen ungesunden Hautton irritiert zu sein scheint. Erst in seiner letzten Szene wird sie überhaupt einmal angesprochen, bekommt man eine Erklärung für sie (zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits an meinem Verstand oder zumindest an der Farbechtheit der DVD gezweifelt) und sie ist von beeindruckender Einfalt: Ramiro leidet an einer seltenen Krankheit, die seine Haut verfärbt. Doch dass niemand sich gewundert hat, liegt vor allem daran, dass er sich als Kreole getarnt hat, deren Haut nun einmal „olivgrün“ sei. Hier hatte man sich beim Make-up wohl von der im angelsächsischen Raum gebräuchlichen Verwendung des Wortes „olive“ zur Beschreibung eines bestimmten Hauttons allzu sehr hinreißen lassen. Ob die Zuschauer von IM BANNE DES UNHEIMLICHEN damals wirklich glaubten, dass irgendwo auf der Erde Menschen mit grüner Haut herumlaufen? Man wünscht es sich fast, denn mich riss jeder Auftritt des armen Tropfs immer vollkommen aus dem Film heraus.   
 
Als Fazit lässt sich sagen, dass IM BANNE DES UNHEIMLICHEN genauso gut oder schlecht wie seine unmittelbaren Vorläufer sind: Es ist reine Geschmacks- und Veranlagungsfrage, ob man den Mummenschanz der späten Wallaces als deutsche Variante des US-amerikanischen Exploitationkinos zu würdigen weiß oder schlicht für albern und wertlos hält. Vohrer weiß natürlich wie knarziger Kintopp funktioniert, somit gibt es handwerklich nichts an seinen Filmen auszusetzen, sehen sie stets fantastisch aus, aber auch er kann sich nicht ganz über die zunehmend einfallsloser werdenden Drehbücher hinwegsetzen. Mir hat IM BANNE DES UNHEIMLICHEN als Vertreter eines marginalsierten deutschen Bizarro-Kinos wieder etwas besser gefallen als DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE, auch weil mit Wolfgang Kieling ein Schauspieler bereitsteht, den ich immer gern sehe. Keiner gibt dieses stets vor dem Kollaps oder dem Sturz in den Wahnsinn stehende Nervenbündel mit den rotgeäderten Augen so gut wie er. Vermissen muss man hingegen Siegfried Schürenberg, der von Hubert von Meyerinck zwar mit viel Elan vertreten wird, aber eben unersetzlich ist. Er pausierte noch für zwei weitere Filme und kam dann 1971 für DIE TOTE AUS DER THEMSE noch einmal aus der Pension zurück.  
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Joachim Fuchsberger (11.), Pinkas Braun, Ilse Pagé, Eva Ebner (4.), Siegfried Rauch, Hubert von Meyerinck, Otto Stern, Ewa Strömberg, Thomas Danneberg (2.), Michael Miller (1.) Regie: Alfred Vohrer (12.), Drehbuch: Ladislas Fodor (1.), Musik: Peter Thomas (16.), Kamera: Karl Löb (12.), Schnitt: Jutta Hering (9.), Produktion: Horst Wendlandt (23.), Fritz Klotsch (5.).
Schauplatz: Das Schloss der Familie Ramsey und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel, und in London.
Titel: Der „Unheimliche“ ist der masikierte Mörder – eine vermeintlich lebendige Leiche.
Protagonisten: Fuchsberger tritt erneut als Inspektor Higgins auf. Statt des pensionierten Sir John bringt er diesmal Sir Arthur mit. Higgins zur Seite steht die Journalistin Peggy Ward.
Schurke: Der maskierte Unbekannte übt die Morde aus, um sich für ein vergangenes Verbrechen zu rächen.
Gewalt: Die Mordwaffe ist ein Ring mit einem vergifteten Stachel, außerdem Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.

Im Zuge meines entflammten Interesses am deutschen Film (vor allem der Zeit zwischen 1930 und 1980) ist es fast unumgänglich, dass ich mich auch den großen Krimiserien widme, die ab den 1960er-Jahren produziert wurden. Viele Regisseure, die sich zuvor mit Kinofilmen einen Namen gemacht hatten, fanden nach der Einführung des Fernsehens dort ein neues Auskommen. Und die berühmteste all dieser Fernsehserien ist DERRICK, mit insgesamt 281 Episoden in 24 Jahren wahrscheinlich die weltweit erfolgreichste und langlebigste Serie überhaupt. Natürlich habe ich als Kind auch die ein oder andere Folge gesehen: Das Fernsehprogramm bestand aus drei Sendern mit übersichtlichem Angebot und DERRICK gehörte zu den Heiligtümern deutscher Abendunterhaltung. Richtig gemocht habe ich sie damals nicht: Wenn ich mal davon absehe, dass ich mit Krimis eh nicht so viel anfangen konnte, fand ich den Polizisten Stephan Derrick immer eher unangenehm mit seiner dunkelbraun getönten Sonnebrille, den aufgequollenen Tränensäcken, der kehligen Stimme und den stets braun-grauen Anzügen und Mänteln. Ich konnte das damals natürlich noch nicht so benennen, aber DERRICKS titelgebender Protagonist – und mit ihm die Serie – verkörperte die deutsche Spießigkeit in Reinkultur. Die Episoden rochen immer irgendwie nach kaltem Zigarrettenrauch, nach abgestandenem Bier, nach Staub, den Linoleumböden in deutschen Amtsstuben und nach Bohnerwachs und waren damit entschieden unsexy. Als dieses Jahr die Nazivergangenheit Tapperts ans Licht kam, da schloss sich im Grunde genommen der Kreis: Denn auch wenn Stephan Derrick als Kriminalbeamter das Gesetzt vertrat, so haftete ihm immer etwas entschieden Furchteinflößendes an. In einer der ersten vier Episoden sagt er zu seinem Partner einmal, dass es ihm unangenehm sei, das Gesetz zu vertreten, weil ihm das zu abstrakt erschiene. Und tatsächlich wirkt dieser Derrick meist nicht wie ein Mensch, ein Individuum mit Privatleben, Familie und Vergangenheit, sondern wie eine entindividualisierte Staatskraft, eine Art Robocop ohne Metallteile. Dieser Derrick begibt sich abends nicht nach Hause, er wird in seinem Büro von Technikern runtergefahren und für den Einsatz am nächsten Tag gewartet und neu aufgeladen. Was interessant ist an dieser Assoziation und an der Spießer-Unterstellung: In den ersten vier Episoden räumt dieser Derrick gerade mit jenem deutschen Spießertum auf, das er doch selbst zu vertreten scheint. Er bekommt es eben nicht mit den Außenseitern und Extremfällen der Gesellschaft zu tun, sondern gewissermaßen mit der frappierenden Banalität des Bösen, dem Biedermann mit der Leiche im Keller. Auch wenn DERRICK zu Beginn/Mitte der Siebziger seine Premiere erlebte: Man kann kaum anders, als zumindest die ersten Folgen als Kommentar zu einer immer noch nicht verarbeiteten deutschen Vergangenheit begreifen.

 

 

Episode 001: Waldweg (Dietrich Haugk, Deutschland 1974)

Oberinspektor Derrick (Horst Tappert) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper) werden an ein Mädcheninternat im Münchener Umland beordert. Dort sind binnen kürzester Zeit zwei Mädchen auf ihrem abendlichen Weg vom Bahnhof zur Schule von einem unbekannten Täter ermordet worden. Der erste Verdacht fällt auf den jungen Lehrer Dackmann (Herbert Bötticher), der einen sehr lockeren, vielleicht zu lockeren Umgang mit den Schülerinnen pflegt. Doch noch verdächtiger erscheint Derrick der zurückhaltende Herr Manger (Wolfgang Kieling), der mit seiner alten Mutter zusammenlebt. Weil Derrick jedoch keine echten Beweise für seinen Verdacht hat, setzt er einen Köder aus …

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Episode 002: Johanna ( Leopold Lindberg, Deutschland 1974)

Alfred Balke (Helmut Lohner) ermordet seine wohlhabende, rund 20 Jahre ältere Gattin Martha (Lilli Palmer), um mit der Erbschaft und seiner jüngeren Geliebten durchzubrennen. Obwohl Balke als einziger Verdächtiger zunehmend nervöser und erratischer wird, kann ihm Derrick nichts nachweisen: Balke hat ein wasserdichtes Alibi. Weil Derrick jedoch ahnt, dass nur er als Täter infrage kommen kann, bringt er Johanna (Lilli Palmer), die Schwester der Verstorbenen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dazu, ihren Schwager zu konfrontieren …

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Episode 003: Stiftungsfest (Helmut Käutner, Deutschland 1974)


Ein Gesangsverein aus Augsburg feiert sein rauschendes Stiftungsfest in einem Münchener Wirtshaus. Alle sind ausgelassen, es wird kräftig getrunken und vor allem der Vereinsvorsitzende August Bark (Siegfried Lowitz) agiert wie entfesselt. Als er Irene (Andrea Rau), die Geliebte seines Sohnes, die schon auf der Tanzfläche äußerst offenherzig getanzt und damit seine Aufmerksamkeit erregt hatte, nackt in ihrem Zimmer trifft, kann er sich nicht mehr halten. Doch dann klopft sein Sohn Helmut (Bruno Dietrich) an die Tür, Bark gerät in Panik und die Situation außer Kontrolle: Irene stürzt unglücklich und bricht sich das Genick. Bark kann unerkannt entkommen, Helmut findet nur noch die Leiche seiner Freundin. Als wenig später Oberinspektor Derrick eintrifft, ist nur eines klar: Der Täter muss sich noch unter den Gästen des Hauses befinden …

Wertung: *****/*****

Episode 004: Mitternachtsbus (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Als Erich Holler (Hartmut Becker) von Helga (Christiane Schröder), einer Kellnerin im Gasthof seines Vaters Oskar (Werner Kreindl), erfährt, dass sie von ihm schwanger ist und das Kind nicht abtreiben will, da bringt er sie kurzerhand um. Der Vater ist nur darauf bedacht, seinen Sohn aus der Schusslinie zu bringen, und bietet dem ermittelnden Oberinspektor Derrick sofort den schwachsinnigen Bruno (Lambert Hamel) als Täter an. Der geistig Zurückgebliebene kann sich eh nicht wehren, ist ungemein kräftig und zudem weiß jeder, dass er an Helga einen Narren gefressen hatte und ihr nachzustellen pflegte. Doch Derrick ist das zu einfach, also erhöht er mithilfe der Kellnerin Frau Jahn (Bruni Löbel) den Druck auf den Vater …

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Die vier Episoden, mit denen Oberinspektor Derrick im Jahr 1974 seine lange Karriere als Fernsehkriminalist begann, sind erstaunlich homogen. Das betrifft längst nicht nur die Handlungsstruktur, die später modifiziert wurde – jede Episode beginnt mit dem Verbrechen, der Täter ist dem Zuschauer stets bekannt, Derrick tritt nach ca. einem Drittel der einstündigen Laufzeit auf und muss dann den Fall lösen –, sondern auch den Inhalt: In allen vier Fällen ist der Täter kein abgezockter Killer, sondern ein „heißgelaufener“ Biedermann, der zunehmend in Panik gerät. In allen vier Fällen ahnt Derrick, wer der Täter ist, bevor er einen stichhaltigen Beweis in der Hand hält. In allen vier Fällen drängt er den Täter durch rhetorische Kniffe und Psychospielchen in die Enge und lässt ihn sich selbst verraten. Und in drei der vier Fälle sind es dem Täter nahestehende Personen, die ihn schützen und sein Lügengebilde aufrechterhalten. Der mahnende Charakter, die Crime-does-not-pay-Strategie, die Kriminalfilme fast immer zumindest unterschwellig bedienen, wird in DERRICK durch diese Ausrichtung besonders hervorgehoben. Die Identifikation des Zuschauers findet weniger über die Figur des Ermittlers Derrick statt, als über die Täter, die allesamt der Mitte der Bevölkerung entspringen, von ihren Taten genauso schockiert zu sein scheinen wie der Zuschauer und gegen das kriminalistische Genie Derricks von Beginn an auf verlorenem Posten stehen. DERRICK suggeriert die Ohnmacht des Einzelnen vor der Staatsmacht, verdeutlicht, dass es keinen Zweck hat, sich zu verstellen: Wenn wir schon keine Indizien hinterlassen haben, die uns verraten, so tut dies garantiert unser schlechtes Gewissen, das Profis wie Derrick auf Meilen gegen den Wind riechen. Dass es in erster Linie Derricks untrügliche Menschenkenntnis ist, die ihn auf die Siegesstraße bringt, unterstreicht noch den beinahe alttestamentarischen Unterton der Serie: Derrick steigt wie ein allwissender Engel zu uns herab, um das Tohuwabohu, das die Menschen in ihrer Fehlbarkeit angerichtet haben, wieder geradezubiegen. Fast hat man am Ende jeder Episode den Eindruck, die Täter seien ihm dankbar dafür, dass er ihnen mit dem Geständnis wie ein Beichtvater auch die erdrückende Last der Schuld abgenommen hat. Und wenn man sich anschaut, wer diese Täter sind, wie sie leben, was sie umgibt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Deutschland selbst ist, das sie die Grenze überschreiten lässt. Man schaue sich nur an, zu welch düsterem Ort Theodor Grädler einen ganz normalen deutschen Gasthof verzerrt. Hier kann gar nichts anderes gedeihen als die Schuld. Aber dass es ausgerechnet ein Ex-Nazi ist, der sich dieser deutschen Kollektivschuld stellt, das ist schon bemerkenswert und verleiht der sowieso schon reichlich tristen Serie rückblickend noch eine Extradosis Abgründigkeit.