Mit ‘Woody Harrelson’ getaggte Beiträge

Als ich damals die Pressevorführung von NO COUNTRY FOR OLD MEN verließ, war ich sprachlos. Es lag auch daran, dass mich das Ende des Films völlig auf dem falschen Fuß erwischt hatte, aber relativ schnell wurde meine Desorientierung von der Gewissheit abgelöst, etwas Großem beigewohnt zu haben. Eine Einschätzung, die ich später in die Behauptung kleidete, bei NO COUNTRY FOR OLD MEN handle es sich um den besten amerikanischen Film seit Peckinpahs BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA. Wobei „Amerikanischer Film“ hier nicht nur als Eingrenzung des Produktionslandes verstanden werden muss, sondern vor allem als Aussage darüber, in welchen kulturellen und motivischen Kontext  sich NO COUNTRY FOR OLD MEN eingliedert. Die mittlerweile dritte Sichtung hat daran nichts geändert, mich vielmehr darin bestätigt, dass ich mich für mein damaliges, ziemlich vollmundiges Urteil nicht schämen und es schon gar nicht revidieren muss. NO COUNTRY FOR OLD MEN ist ein Meisterwerk, für mich der (vorläufige) Gipfelpunkt des Coen’schen Schaffens, der logische Endpunkt einer über 20 Jahre währenden Entwicklung, eine thematisch, atmosphärisch und philosophisch konsequente Fortsetzung von FARGO und THE MAN WHO WASN’T THERE.

In allen drei Filmen geht es darum, wie ganz normale Männer, die vom Schicksal nicht unbedingt begünstigt, aber ganz sicher auch nicht bestraft wurden, zu Kriminellen werden und damit alles aufs Spiel setzen, was sie haben. Mit ihrer im vollen Bewusstsein getroffenen Entscheidung riskieren sie nicht nur leichtfertig, fahrlässig und in maßloser Selbstüberschätzung das Leben von Menschen, die ihnen nahestehen, sie tun noch etwas anderes, weitreichenderes: Sie verlassen in gewisser Weise die menschliche Gesellschaft, der sie zuvor noch angehörten, drehen ihr den Rücken zu und leiten damit sowohl ihr eigenes Ende wie auch den totalen Zusammenbruch aller Humanität und Kausalität ein. Alle drei Filme handeln von Kriminalfällen, aber mehr als um Krimis oder Thriller handelt es sich im weitesten Sinne um Horrorfilme, in denen es um den Abstieg in den Schlund, um den Verlust von Menschlichkeit und Spiritualität geht.

Gegenüber den diesen vorangegangenen Titeln oder auch den „Zwischenwerken“ THE BIG LEBOWSKI und O BROTHER, WHERE ART THOU? geht dies in NO COUNTRY FOR OLD MEN einher mit einem auffallenden Verzicht auf den skurrilen, mal tiefschwarzen, mal eher cartoonesken Humor, mit einer Reduzierung des Tempos und der zunehmenden Schweigsamkeit bzw. Einsilbigkeit der Protagonisten. Aus NO COUNTRY FOR OLD MEN scheint sogar der Erzähler getilgt zu sein, der Film steht still, unverrückbar und massiv im Raum wie der schwarze Monolith in Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY. Tommy Lee Jones fungiert als Gesetzeshüter Ed Tom Bell ähnlich wie Sam Elliott in THE BIG LEBOWSKI als Anker für den Zuschauer, aber nie wendet er sich direkt an ihn, nie hat man das Gefühl, Bell wisse, dass ihm jemand zusieht und dies „seine“ Geschichte ist. Während Sam Elliotts Cowboy ein klassischer auktorialer, allwissender Erzähler ist, der den Dude besser kannte als der sich selbst (obwohl er ihm im Film nur ganz kurz begegnet),endet NO COUNTRY FOR OLD MEN mit dem am Tisch sitzenden Bell, der seiner Frau einen Traum erzählt und sich fragt, was er bedeuten soll.

Es ist nicht nur keine Welt für alte Männer, die die Coens zeigen: Niemand ist wirklich glücklich im Sinne von erfüllt, all treiben mehr oder minder ahnungslos durch Zeit und Raum, je weniger sie verstehen und mitbekommen, umso besser ergeht es ihnen. Aber das friedlich-rechtschaffene Passivdasein ist kein Garant für den Frieden, denn der Tod kann zu jeder Sekunde zuschlagen und er braucht dafür keinen Grund. Es ist wie der alte Ellis sagt: „This country’s hard on people. You can’t stop what’s coming. It ain’t all waiting on you. That’s vanity.“ Das Ende kommt in Gestalt des Killers Anton Chigurh (Javier Bardem), der die Frage von Leben und Tod von einem Münzwurf abhängig macht, einfach so, weil ihm danach ist. Er ist kein Sadist, kein Psychopath, der sich an der Furcht seiner Opfer ergötzt: Ob er jemanden lebendig oder tot zurücklässt, ist ihm völlig gleichgültig. Leben oder Tod, es ist eins. Diese Haltung – sie wirkt aufgrund der Distanz des Blicks zunächst zynisch, aber es geht den Coens nicht darum, dem Leben seinen Wert abzusprechen oder dem Menschen insgesamt ein schlechtes Zeugnis auszustellen, im Gegenteil – schlägt sich in der gesamten Gestaltung des Films nieder: Bildsprache, Settings, Musik, Schnitt, wie auch im gesamten Handlungsverlauf. Die Weite und Kargheit des Landes, die gnadenlos herunterbrennende Sonne steht den Charakteren schnonungslos gegenüber, die Farben sind ausgeblichen und flach, Roger Deakins fängt die Menschen oft als kleine Punkte in breiten Totalen ein, Carter Burwells Score atmet bestenfalls leise im Hintergrund. Der Schnitt schlägt einem mehr als einmal mit der flachen Hand ins Gesicht, schert sich nicht darum, den Rhythmus verlässlich aufrecht zu halten. Viel wurde über Billy Wilders berühmten Schnitt in DOUBLE INDEMNITY geschrieben, das filmische Äquivalent zu Theodor Fontanes sprechender Auslassung bei der Schlittenfahrt in „Effi Briest“: Die Schwarzblende der Coens, die hier aus einem lebenden Menschen eine Leiche macht, mag schöpferisch kein ganz so großer Wurf mehr sein, aber ihre Wirkung ist verheerend, der Gipfel eines Filmes, der keiner von außen auferlegten erzählerischen Moral, nur noch der seiner Welt folgt.

Und diese Welt nimmt ja noch nicht einmal Rücksicht auf den Tod selbst, der da kurz vor Schluss aus dem toten Winkel des Bildkaders auf die Hörner genommen wird. Man kann sich auf nichts verlassen, muss jederzeit mit allem rechnen, denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf unsere Vorstellung einer runden Dramaturgie. In NO COUNTRY FOR OLD MEN wird viel und effektvoll geblutet und gestorben, aber auffallend viele Menschen erwischt es, wenn die Kamera nicht da ist. Llewelyn Moss (Josh Brolin) und seine Schwiegermutter (Beth Grant) sterben in einer Pause, bei Moss‘ Ehefrau Carla Jean (Kelly Macdonald) können wir nur Mutmaßungen anstehen. Andere wissen gar nicht, was da auf sie zukommt, sie werden von hinten überfallen oder haben keine Ahnung, dass sie ihrem Mörder gegenüberstehen, wieder anderen wird die Chance genommen, sich zu wehren. Chigurh tritt ihnen gegenüber, sie wissen, dass das Spiel aus ist, aber sie müssen erst noch darauf warten, dass er es beendet. Man kann Wells (Woody Harrelson) dabei zusehen wie die Erkenntnis sich ganz langsam in seinem Gesicht abzeichnet, wie er sich damit abfindet, dass sein Leben hier und jetzt an diesem Ort zu Ende ist.

Das Leben ist grausam, aber natürlich gibt es das Potenzial für die Schönheit. Man schaue sich die Ruhe und Vertrautheit der Ehe von Bell und seiner Frau (Tess Harper) an. Nicht immer haben wir Einfluss darauf, was passiert, aber wir tragen mit unseren Entscheidungen zum Verlauf bei. Moss trifft eine Entscheidung, das Geld an sich zu nehmen, dann die, an den Ort des Diebstahls zurückzukehren. Wells trifft die Entscheidung, Chigurh erneut gegenüberzutreten, nachdem er einmal die Erfahrung gemacht hat und mit dem Leben davon kam. NO COUNTRY FOR OLD MEN ist tief existenzialistisch: Man muss sich der Absrdität des Lebens stellen, um es bewältigen zu können, man muss die Rückschläge nehmen. Der Versuch ihnen auszuweichen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, zieht unweigerlich Konsequenzen nach sich. Das muss man wissen. Moss wählt seinen Weg. Andere haben einfach nur das Pech, in seine und Chigurhs Geschichte hineinzustolpern. Ich glaube, die gaze Wahrheit liegt in dem Rätsel von Bells Schlussmonolog: Sein toter Vater reitet in einer eisigen, dunklen, schneeverwehten Nacht an ihm vorbei. Er trägt eine Fackel, wird ein Feuer machen und auf seinen Sohn warten, irgendwo da draußen. Zumindest ist es das, was Bell glaubt. Wir kennen den Weg nicht, den wir gehen, wir wissen nicht, was auf uns wartet. Wir können nur darauf hoffen, dass es unserer ist.

 

 

 

 

 

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220px-wildcats_movieposterMolly McGrath (Goldie Hawn) ist ein Football-Buff, aber niemand will ihr die Chance geben, ein Team zu coachen – weil sie eine Frau ist. Um sie von ihren Trainerplänen endgültig abzubringen, organisiert ihr Chauvi-Kollege Dan (Bruce McGill) eine Stelle als Coach einer als hoffnungslos geltenden Mannschaft aus Straßenkids (darunter Woody Harrelson und Wesley Snipes). Molly muss sich den Respekt der Jungs erst erkämpfen, doch dann führt sie das Team mit ihrem Fachwissen von einem Sieg zum nächsten. Alles könnte so schön sein, doch dann kommt ihr ihr Ex-Mann (James Keach) in die Quere. Den neuen Umgang seiner Ex-Frau sieht er als Gefahr für seine Töchter und beginnt einen Sorgerechtsstreit …

Michael Ritchie ist einer der großen Unerfüllten des amerikanischen Kinos. In den Siebzigern galt er mit seinem Debüt DOWNHILL RACER; dem nachfolgenden Hardboiled-Klassiker PRIME CUTS sowie Filmen wie THE CANDIDATE oder SMILE als ein vielversprechender Filmemacher. Der große kommerzielle Wurf von THE BAD NEWS BEARS machte dem ironischerweise ein Ende. Ritchie drehte zwar noch einige erfolgreiche, aber auch eher harmlose Komödien, mit denen er keinen großen Respekt mehr einfahren konnte. Der bizarre THE ISLAND war noch einmal sehr toll und ich persönlich liebe FLETCH über alles, aber ansonsten trat Ritchie als Filmemacher eher in den Hintergrund. WILDCATS ist nach dem Burt-Reynolds- und Kris-Kristofferson-Vehikel SEMI-TOUGH sein zweiter Footballfilm und durchaus eine nette Sache. Die Geschichte hat man in ähnlicher Form schon zigmal  vorgesetzt bekommen, nichts ist wirklich neu oder besonders herausragend, aber der Film wirkt ehrlich und dankenswerterweise nicht zu lieblich. Das mag auch an den wirklich tollen Bildern der eher heruntergekommenen Seiten von Chicago liegen: Speziell der Football-Platz der Wildcats, unmittelbar vor einer alten industriellen Backsteinruine gelegen, ist ein tolles Setting, das Kameramann Donal E. Thorin sehr schön einfängt.

Ein positives Wörtchen darf man auch über die Thematisierung von Sexismus in der Berufswelt im Allgemeinen und in einem angeblichen „Männersport“ im Besonderen verlieren, zumal Ritchies Happy-End nicht vorsieht, dass Mama ihre Karriere zugunsten der Kinder aufgibt. Das ist ja leider längst noch nicht selbstverständlich und hier auch deshalb so angenehm, weil WILDCATS sich dafür nicht selbsgerecht auf die Schulter klopft, sondern einfach jenen gesunden Menschenverstand beweist, der leider weniger verbreitet ist, als man annehmen sollte. Was gibt es sonst noch zu sagen? Der Titelsong stammt von LL Cool J („Football“), der in einer kurzen Szene auch selbst zu sehen ist. Und während der Schlusscredits dürfen die Hauptdarsteller ihre eigene Version des Stückes zum Besten geben, eine Idee, die Richard Linklater dieses Jahr in EVERYBODY WANTS SOME!! aufgriff.

SURFER, DUDE passt eigentlich nicht in das von mir für diese Reihe vorgegebene RomCom-Schema. Zwar gibt es eine Liebesgeschichte, die hat aber lediglich Subplot-Charakter. Es geht um den Surfer Steve Addington (Matthew McConaughey), der eines Tages von einer Tour nach Hause kommt, und von seinem Manager Jack Mayweather (Woody Harrelson) erfährt, dass er vollkommen pleite ist. Steve, oder „Add“, wie er von allen genannt wird, interessiert das nicht weiter: Solange er seine Wellen und einen Joint hat, ist er glücklich. Und wer wollte es ihm angesichts der Bikini-Schönheiten, die ihn an den Traumstränden der Welt umgarnen, verdenken? Das Angebot des ehemaligen Surfers Eddie Zarno (Jeffrey Nordling), eines schmierigen Typen ohne Skrupel, an einer von ihm produzierten Reality-Show teilzunehmen, schlägt Add daher ohne lange nachzudenken aus. Doch als plötzlich die Wellen an der kalifornischen Küste ausbleiben, stürzt er in eine tiefe Sinnkrise …

„Das Gegenteil von ,gut‘ ist ,gut gemeint'“: So ließe sich SURFER, DUDE treffend zusammenfassen. Der von seinem Star mitproduzierte Film versucht zum einen, vom Cool der Surferszene zu profitieren, weckt mit seinen Slackerfiguren, die sich ständig mit „dude“ anreden, vom Highwerden und der perfekten Welle schwadronieren, Erinnerungen an das Subgenre der Kifferkomödie, mit esoterischer Freiheitsrhetorik zudem an POINT BREAK, übt sich zum anderen aber auch an „deeper“ Medienkritik mit Elementen des Charakter- und Selbstfindungsdramas. Das alles scheitert leider an der plumpen Holzschnittartigkeit des Entwurfs und so verreckt SURFER, DUDE irgendwo im trostlosen Niemandsland zwischen unwitziger Komödie und zahnloser Satire. Wenn die Alternative zum nonkonformen (eigentlich: umproduktiven) Rumhängen ohne Plan und Richtung das Verkaufen der eigenen Seele an ein diabolisch grinsendes Arschloch ist, ist es ziemlich leicht, für ersteres zu votieren und dafür einzutreten. Grautöne kennt der Film gar nicht, sein Perspektive ist genauso beschränkt wie die seines Protagonisten. Um Adds Dilemma aufzulösen, zaubert das Drehbuch in den letzten zehn Minuten den Deus ex Machina hervor, den reichen Papa von Adds neuem Schwarm, der Journalistin Danni (Alexie Gilmore), der den fiesen Zarno schwupddiwupp rausschmeißt, Add mit Superduper-Vertrag ohne Haken ausstattet und ihn lächelnd mit der Tochter ziehen lässt. Wenn es im echten Leben doch auch nur so wäre. Dass SURFER, DUDE ziemlich dumm ist, wäre indes noch zu verkraften. Was hätte nicht alles ich für eine mit McConaughey und Harrelson besetzte Surferkomödie im Stile der FratPack-Filme gegeben! Leider ist Bindlers Film aber nicht nur aggressiv unkomisch und mit seinem körnig-trüben Digivideo-Look völlig entgegen seinem Sujet auch überaus freudlos anzuschauen, er ist vor allem quälend langweilig – und das bei einer Laufzeit von gerade einmal 82 Minuten. Das ist schon fast eine Kunst: Einen Film über einen kindgebliebenen, attraktiven Surferstar an der Küste Kaliforniens zu drehen, der ganz ohne „Charme“ und Witz auskommt.

Ich habe mich während der Betrachtung gefragt, was schlimmer ist: ein hodenzerquetschender, seelentötendes Machwerk wie THE WEDDING PLANNER oder aber ein „gut gemeinter“, aber eben ohne jede Inspiration, Verstand und Gespür für Dramaturgie hingegurkter Film wie SURFER, DUDE? Sollte mich tatsächlich ein schlechter Mensch vor die Wahl stellen, würde ich mir tatsächlich lieber noch einmal den Schmachtfetzen mit J-Lo anschauen. So mies ist SURFER, DUDE. Finger weg.

2012. Die Erde geht unter. Die Reichen und Mächtigen haben vorgesorgt und riesige Archen gebaut, auf denen die letzten Menschen einer neuen Zeitrechnung entgegensteuern werden. Und der Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) will für seine beiden Kinder, seine Ex-Frau (Amanda Peet) und auch für sich selbst einen Platz an Bord ergattern …

Roland Emmerichs liebt es, Filme über die Ohnmacht zu drehen. Das Gefühl, das den Menschen beschleicht, wenn er sich einer Sache gegenübersieht, die er als größer erkennt, als er selbst es ist, die ihn an seine Nichtigkeit erinnert und all seine bisherigen Sorgen und Wünsche als schwaches, kurzlebiges Aufflackern im unendlichen Universum erscheinen lässt, und das Kant als das „Erschaudern vor dem Erhabenen“ bezeichnete. In allen Emmerich-Filmen, in denen es um diese Ohnmacht, dieses Erschaudern geht, also sowohl in INDEPENDENCE DAY als auch in GODZILLA, THE DAY AFTER TOMORROW oder jetzt eben 2012, gibt es diesen Moment, in dem die Menschen des Unbegreiflichen, Undenkbaren gewahr und vom Status der „Krone der Schöpfung“ auf den des Staubkorns in der Unendlichkeit zurückgeworfen werden, und Emmerich inszeniert ihn fast immer gleich: Vorn im Bildvordergrund der Mensch und weit weit im Bildhintergrund eben das Erhabene, das den Menschen auf Zwergengröße schrumpft, sodass ihm nichts mehr bleibt als ehrfüchtig und mit weit aufgerissenen Augen zu erstarren. Und man ahnt, dass Emmerich seine Zuschauer in eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich weniger prekäre und endgültige Lage bringen will. 

2012 hält der Größe der Katastrophe angemessen gleich mehrere dieser Augenblicke bereit und der eine, in dem der paranoide Verschwörungstheretiker Charlie (Woody Harrelson) der Explosion des Yellowstone-Nationalparks beiwohnt und seinen Followern via Podcast mitteilt „I wish you could see what I see“, und die Kamera den Blick des Zuschauers für eine Sekunde auf das stattliche Klempnerdekolletee Charlies lenkt anstatt auf die Apokalypse im Bildhintergrund, zeugt auch von dem Humor und der Intelligenz des Schwaben, für den das Feuilleton gemeinhin nicht allzu viele Nettigkeiten bereithält. Seine Figuren seien flach, seine dramaturgischen Einfälle plump und vorhersehbar, seine Weltanschauung erzkonservativ und vielleicht sogar protofaschistisch. Diesen Vorwürfen lässt sich nur schwer widersprechen, doch sind sie meines Erachtens nicht dem Unvermögen zuzuschreiben, sondern nur logische Konsequenz von Emmerichs Themen. Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als das Fortbestehen der gesamten Menschheit, dann ist es sowieso schwer, Subtilität zu wahren, umso mehr, wenn die adäquate Ins-Bild-Setzung dieses Weltuntergangs von so großer Bedeutung ist wie bei Emmerich. Folglich gibt es in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Emmerichs Charaktere unterhalten, auch keine kleinen Probleme und auch keine Nichtigkeiten; es ist kein Platz für schmückende, aber in diesem Kontext erst recht bedeutungslose Details. Wenn also Jacksons Tochter als Bettnässerin eingeführt wird, dann nur, damit sie diese Schwäche am Ende überwinden kann. Aber immerhin: Die meisten anderen Figuren bekommen gerade so viel Zeit, um sich in dramatisch aufgeblasenen Momenten von ihren Lieben zu verabschieden. 

Emmerich beweist mit 2012 aber, dass er nicht als Hollywoods ahnungsloser Vollstreckungsgehilfe in Sachen Untergangsstimmung unterwegs ist: Er weiß sehr genau, was er da macht und welche Implikationen seine Geschichten mitbringen, dass man ihm nach so vielen Weltuntergangsszenarios eine gewisse Morbidität unterstellen muss. Der Blick auf das monumentale Massensterben in 2012 wird daher mehr als einmal ironisch gebrochen, was ihn von den wahnsinnigen Untergangspropheten, die unter anderem im Internet oder in diversen Sekten ein fruchtbares Beschäftigungsfeld gefunden haben, abhebt. Mehr als als Warnfabel, als die man den Klimakatstrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW noch bezeichnen konnte, ist 2012 ein Film über das menschliche Bedürnis nach der Apokalypse als Generator von Visionen und Träumen, die sich an diese anknüpfen. Emmerich betreibt Bildproduktion. Und darin ist er tatsächlich meisterlich.

semi-pro (kent alterman, usa 2008)

Veröffentlicht: September 1, 2008 in Film
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Der alternde Basketballspieler Jackie Moon (Will Ferrell) war einmal ein großer Star, der mit dem Song „Love me sexy“ sogar den Sprung in die Charts schaffte. In der Arbeiterstadt Flint, Michigan, ist er immer noch ein Held, auch wenn sich für seine Manschaft, die Flint Tropics, für die er als Besitzer, Manager, promoter, Trainer und Spieler tätig ist, kaum noch jemand interessiert. Und nun steht sein Lebenswerk vor einem unrühmlichen Ende: Die Liga soll aufgelöst, die vier besten Teams in die größere NBA verschoben werden. Für die Tropics beginnt damit ein erbitterter Kampf um die Punkte …

SEMI-PRO krankt an einer Tatsache: Nämlich der, dass er unverkennbar als Vehikel für seinen Hauptdarsteller konzipiert wurde. Will Ferrell ist wohl einer der beliebtesten wie auch erfolgreichsten amerikanischen Komödianten, doch auch einem ausgewiesenen Fan wie mir entgeht kaum, dass seine Masche in SEMI-PRO (und auch schon in BLADES OF GLORY) mittlerweile ziemliche Abnutzungserscheinungen aufweist. Dies ist wohl auch den Machern nicht entgangen, denn mehr als in anderen Ferrell-Komödien bemühte man sich gleichzeitig um glaubwürdige Nebencharaktere und einen ebensolchen Plot. Die Story um die Gurkentruppe aus Flint erinnert natürlich an zahllose Sportfilme, besonders aber an George Roy Hills sozialkritischen SLAPSHOT. Es ist vor allem eine sich rapide verändernde Geschäftswelt, die das Ende der Tropics herbeiführt.  Das Engagement auf dem Platz reicht nicht mehr aus, Sport soll auch Show sein. Moon hat dies verinnerlicht, lockt die Gäste mit Showeinlagen, Stunts und Bärenkämpfen in die Sporthalle, bleibt dabei aber stets der unbeholfene Provinzclown. Bitterkeit und Zynismus wie im großen Vorbild bleiben zwar aus, trotzdem ist Alterman eine schöne Underdog-Geschichte gelungen, die trotz ihrer Situierung im Jahr 1976 kaum Zweifel an ihrer Aktualität lässt, aber ohne ihren eigentlichen Star vielleicht sogar noch besser geworden wäre. Woody Harrelson gibt als Ex-Champion Ed Monix eine echte Glanzvorstellung ab, die belegt, dass er in Hollywood absolut unterbeschäftigt wird, und auch Andre Benjamin (Andre 3000 von OutCast) weiß zu gefallen. Damit mich niemand falsch versteht: Will Ferrell ist nach wie vor lustig, seine Kapriolen gefallen mir immer noch und SEMI-PR ist wahrlich kein schlechter Film. Nur ist seine Rezeptur nicht ganz gelungen: Ferrells groteske Humoreinlagen und das Drama um den vom Pleitegeier verfolgen Club passen einfach nicht zusammen, hebeln sich gegenseitig aus.

Acolytes (Australien 2008)
Regie: Jon Hewitt

Ein paar hastig hinuntergestürzte Biere und ein deftiges Schnitzel waren Schuld, dass ich bei ACOLYTES nach 20 Minuten vom Schlaf übermannt wurde. Verpasst habe ich einen Thriller, der vor allem visuell herausragend komponiert ist. Und mehr kann ich auch schon gar nicht mehr sagen.

Vikaren (Dänemark 2007)
Regie: Ole Bornedal

Aus Bornedals zweitem Festivalfilm wurde ich von der „Hyäne“ vertrieben: Einem der vielen ausgesprochen liebenswerten Festivalbesucher, die auch noch den letzten Kalauer mit einem kreischenden, übermotivierten Lachen würdigen, dass stets auch zu sagen scheint: „Schaut her, ICH habe den Witz verstanden und amüsiere mir den Arsch ab!“ Unerträglich. Nach 30 Minuten war VIKAREN damit für mich beendet. Danke, Hyäne!

Transsiberian (Großbritannien/Deutschland/Spanien/Litauen 2008)
Regie: Brad Anderson

Das Ehepaar Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) reist nach karitativer Mission in China mit der transsibirischen Eisenbahn nach Moskau. An Bord lernen sie ein anderes Pärchen kennen, den undurchsichtigen Carlos (Eduardo Noriega) und seine Jahre jüngere Freundin Abby (Kate Mara). Als Roy bei einem kurzen Zwischenstopp den Zug verpasst und Jessie mit Carlos allein ist, zeigt dieser dann auch sein wahres Gesicht. Und so hat Jessie wenig später nicht nur einen Mord auf dem Gewissen, sondern auch eine Ladung Heroin im Rucksack …

Enttäuschender Thriller vom MACHINIST-Regisseur Brad Anderson, von dem man sich doch ein wenig mehr erwartet hätte als das typische Braves-Ehepaar-wird-bedroht-Szenario. Das schöne Lokalkolorit wird leider für eine recht hohle Russland-Paranoia missbraucht und die Handlungsentwicklungen der zweiten Hälfte locken nun wirklich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Enttäuschend.

The Chaser (Südkorea 2008)
Regie: Na Hong-jin

Zuhälter und Ex-Polizist Joong-ho (Kim Yun-seok) ist wütend: Ein Unbekannter scheint ihm seine Mädchen zu rauben, also begibt er sich auf die Fährte des Mannes, von dem er doch nur eine Telefonnummer hat. Was Joong-ho nicht weiß: Dieser Mann ist mitnichten ein Frauenhändler, sondern der fleißige Serienmörder Young-min (Ha Jung-woo). Joong-hos Initiative trägt zur Verhaftung Young-mins bei und tatsächlich gesteht dieser bereitwillig und für alle überraschend seine Morde. Doch äußere Umstände führen bald zu seiner Freilassung: Und Joong-hos Mädchen liegt noch immer in dessen Mordverlies. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt …

THE CHASER besticht vor allem in der ersten Hälfte durch einen exzellenten und sehr geduldigen Spannungsaufbau, der nicht nur die Charaktere glaubwürdig charakterisiert, sondern auch dem Handlungsort Konturen verleiht. Leider geht der Debütfilm in der zweiten Hälfte baden, entpuppt sich gar als ausgesprochen unangenehmes, spekulatives Manipulationsvehikel. Die Drehbuchvolten scheinen keinem anderen Zweck verpflichtet als Thrill zu erzeugen, für den Regisseur Na Hong-Jin wohl auch seine Mutter verkaufen würde. Seinen geschmacklosen Höhepunkt findet THE CHASER, wenn er sein weibliches Opfer nach filmlanger Tortur erst entkommen und dann doch sterben lässt. Letztlich soll dies nur die Rachegelüste des Zuschauers steigern und die wieder einmal als inkompetent dargestellte Polizei trägt ihren zur Eskalation dieses Wunsches bei. THE CHASER verwehrt zwar letztlich sowohl seinem Protagonisten als auch dem Publikum die Triebabfuhr, kann somit einige der geäußerten Vorwürfe abfangen, muss aber doch als ärgerliche Festivalenttäuschung durchgehen. Es wird Zeit, dass Genreregisseure ihr Gewissen wieder entdecken: Der Zynismus, von dem ein Großteil der Beiträge durchzogen ist, ist nicht mehr nur ein alter Hut, er dreht auch schlechte Filme wie diesen hier, der sein Potenzial leider vollkommen verschenkt.

Fazit:

Das Festival konnte nach das Niveau des herausragend besetzten letzten Jahres erwartungsgemäß nicht mehr erreichen, dennoch muss man das Programm als zufriedenstellend bezeichnen. Die Zahl der vollkommen missratenen Rohrkrepierer hielt sich arg in Grenzen, leider fehlten aber sowohl ein wirklich herausragender Titel als auch eine große Überraschung. Auffallend: Vor allem die reinen Horrorfilme waren für die Enttäuschungen verantwortlich. Hier mein Festival im Kurzabriss:

Highlights:
LAT DEN RÄTTE KOMMA IN
JUST ANOTHER LOVE STORY
JCVD
KUNSTEN A TENKE NEGATIVT
DOWNLOADING NANCY

Enttäuschungen:
EDEN LAKE
MARTYRS
MIRRORS
TRANSSIBERIAN
THE CHASER

Hoffnungslos:
LADY BLOOD

Spaß:
JACK BROOKS: MONSTER SLAYER
MY NAME IS BRUCE
THE RAGE