Mit ‘Zach Galifianakis’ getaggte Beiträge


Teil drei der HANGOVER-Reihe wirkt nach dem sehr auf Nummer Sicher gedrehten zweiten Teil ganz so, als wolle sich jemand für die mangelnde Risikobereitschaft entschuldigen. War der Vorgänger dem ersten Teil nahezu bis in Detail nachempfunden, macht der Abschluss der Trilogie nun bewusst alles anders: Es gibt keinen drogeninduzierten Rausch mit folgendem Blackout und Hangover in exotischer Kulisse, keine verzweifelte, von bitterer Selbsterkenntnis gesäumte Spurensuche mehr, auch keine Bildershow zum Abschluss (wohl aber einen Gag, der einen möglichen vierten Teil anteasert, mit dem dann alles wieder von vorn beginnen könnte). Stattdessen werden einige lose Plotfäden aufgegriffen bzw. eher nachträglich erdichtet, um sie für den Abschluss der Trilogie aufgreifen zu können. Im Zentrum von THE HANGOVER PART III steht Alan, in der Darstellung durch Zach Galifianakis auch in den vorangegangenen Teilen der heimliche Star, für den der Rest des Wolfpack samt angeschlossener Familie eine Intervention einberuft. Alan soll sich in psychiatrische Behandlung begeben und er willigt tatsächlich ein. Doch auf der Fahrt zu seinem Kurort werden die Freunde vom Gangsterboss Marshall (John Goodman) überfallen: Er erklärt ihnen, dass es auch ihr Treiben gewesen sei, dass ihn um insgesamt 21 Millionen Dollar in Gold gebracht habe, die sich nun in Chows Händen befinden, dem es in der Zwischenzeit wiederum gelungen ist, sich aus seinem thailändischen Gefängnis zu befreien. Das Wolfpack wird beauftragt, die 21 Millionen Dollar zurückzuholen, doch dazu benötigen sie Chows Hilfe. Und dem chinesischen Großmaul ist einfach nicht zu trauen.

„The epic finale to THE HANGOVER trilogy“ versprach die oben abgebildete Ankündigung im Vorfeld – und damit auch etwas, womit wahrscheinlich keiner der Zuschauer der ersten beiden Teile überhaupt gerechnet hatte. Zwar bauten die ersten beiden Teile rein chronologisch aufeinander auf, doch mutete das erste Sequel eher wie eine Wiederholung des Erfolgsrezeptes an als wie der zweite Akt einer Trilogie. Niemand hätte sich gewundert, wenn auch Teil drei das bewährte Rezept noch einmal neu aufgekocht hätte, vielleicht mit ein Paar kosmetischen Änderungen, die nach THE HANGOVER PART II angebracht schienen. Wo Teil 2 also etwas zu risikoarm war, hat Teil 3 im Gegenzug abseits der Hauptfiguren und dem Verweis auf vergangene Plotelemente kaum noch etwas mit der Grundidee der Vorgänger zu tun,  entwickelt sich stattdessen zu einer Art Heist Movie, dessen zentrale Verfolgung des amoklaufenden Chow die Helden zurück nach Las Vegas führt und für sie Züge einer Konfrontationstherapie annimmt, von der vor allem Alan profitiert. Was dann das Happy End der Serie ist.

Die Veränderungen tun einerseits gut, weil ein erneutes Aufkochen des zweifachen Erfolgsrezepts zwangsläufig auch einen erneuten Qualitätseinbruch mit deutlichen Ermüdungserscheinungen bedeutet hätte, andererseits fühlt sich THE HANGOVER 3 durch den völligen Verzicht auf den zentralen Witz, der die HANGOVER-Serie erst zur HANGOVER-Serie machte, auch etwas beliebig an. Die Story selbst rechtfertigt für sich genommen kaum das Interesse und dass wir ihr dennoch gern folgen, liegt einzig und allein darin begründet, dass wir die Charaktere aus den Vorgängern in unser Herz geschlossen haben. Bevor sich das alles zu negativ anhört, sei gesagt, dass Phillips Inszenierung ordentlich Tempo macht, und die zahllosen turbulenten Einfälle und haarsträubenden Gags dann auch wieder ganz dem Geist der Vorläufer entsprechen. Dass sich der dritte Teil verstärkt Alan und Chow zuwendet, macht Sinn, denn beide sind natürlich die schrillsten Figuren der Reihe und damit ideal für den Over-the-Top-Charakter der ganzen Unternehmung. Wenn zum großen Finale noch einmal einige Locations des ersten Teils angesteuert werden, Alan gar seine große Liebe (Melissa McCarthy) finden darf und somit endlich die Stabilität findet, die er vorher vermissen ließ, entspricht das dem humanistischen Gestus, der schon die Vorgänger über den bloßen Klamauk hob. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Phillips hier etwas zu Ende brachte, was erst seine Produzenten und der bahnbrechende Erfolg überhaupt zu einer „Sache“ gemacht hatten. Der Film riecht ein wenig nach Kompromiss, nach großer Anstrengung und „Augen zu und durch“  und er täuscht darüber hinweg, indem er retroaktiv eine große, „epische“ Geschichte „dahinter“ konstruiert, die eigentlich niemand wirklich brauchte und die mehr als nur etwas forciert wirkt. Trotzdem: mit kleineren Abstrichen gut.

 

THE HANGOVER war im Jahre des Herrn 2009 ein Riesenerfolg, schloss in den Jahrescharts mit einem Einspielergebnis von über 277 Millionen US-Dollar auf Platz sechs ab – kein Wunder, dass die Fortsetzung nicht lang auf sich warten ließ. Ob man hinter der Tatsache, dass Phillips das Erfolgsrezept für Teil 2 einfach noch einmal verwendete, Faulheit, Ideenarmut, Zynismus oder vielmehr punkerhafte Fuck-you-Attitüde vermutet, bleibt jedem selbst überlassen: Fakt ist, dass THE HANGOVER PART II logischerweise ohne den Überraschungseffekt des Vorgängers auskommen muss, mithin zwangsläufig schwächer ist, aber dafür alles noch eine Nummer größer und wilder macht und sich darüber hinaus zu Recht auf seine clevere Prämisse und seine Charaktere verlassen kann, die auch beim Aufguss noch ausreichend interessant sind.

Diesmal geht es also nach Thailand zu Stus (Ed Helms) Hochzeit, nicht zum Junggesellenabschied – auf den verzichtet Stu nach den Erlebnissen des ersten Teils dankend und überaus nachvollziehbar. Weil aber auch der instabile Alan (Zach Galifianakis) wieder mit dabei ist, kommt es zum erneuten Blackout: Die drei Kumpels wachen völlig zerstört in einem schäbigen Hotelzimmer in Bangkok auf, ihr Begleiter, Stus jugendlicher Schwager Teddy (Mason Lee), ist verschwunden, nur ein abgetrennter Finger ist von ihm übrig. Die Hatz durch die thailändische Metropole führt das „Wolf Pack“ erneut mit dem chinesischen Kriminellen Chow (Ken Jong) zusammen und enttarnt den so auf Besserung bedachten Stu wieder einmal als von dunklen Obsessionen getriebenes Tier.

THE HANGOVER PART II führt für eigentlich jedes Detail des Vorgängers eine Entsprechung ein: Statt drogenversetzter Drinks gibt es mit Drogen versetzte Marshmallows. Statt Doug verschwindet Teddy, der keine Matratze, sondern einen Finger als Hinweis hinterlässt. Stu fehlt kein Zahn, dafür hat er nun ein Gesichtstattoo. Die Rolle des Babys übernimmt ein Äffchen, die des gestohlenen Polizeiautos ein entführter buddhistischer Mönch. Der geehelichten Stripperin entspricht hier ein Transsexueller, mit dem Stu eine Nummer geschoben hat, und dem Stand-off mit Chow und seinen henchmen steht ein Stand-off mit dem Interpol-Mann Kingsley (Paul Giamatti) gegenüber, der das Wolf-Pack missbraucht, um Chow dingfest zu machen. Dafür müssen die Kumpels keine 80.000 Dollar aufbringen, sondern einen Zettel mit einem Code in ihren Besitz bringen. Der missglückten Rettungsaktion folgt wie in Teil eins der kleinlaute Anruf bei der wartenden Familie und selbst ornamentale Elemente wie das Ständchen am Piano, mit dem Stu im ersten Teil in einer Pause das Geschehen kommentierte, werden im Sequel wiederholt – hier singt er ein Lied, während er auf einer Akustikklampfe spielt. Im großen Finale muss die heimliche Hauptfigur sich nicht der dominanten Freundin stellen und ihr den Laufpass geben, sondern seinem herablassenden Schwiegervater beweisen, dass er keineswegs ein Waschlappen, sondern ein echter Kerl ist, der sich nicht länger herumschubsen lässt. Schließlich darf sogar Mike Tyson einen Auftritt absolvieren und wie gehabt endet das Ganze mit einem Blick auf die während der rauschenden Nacht entstandenen Fotos, die danach für immer gelöscht werden. Sogar das über dem ersten Teil stehende Motto „What happens in Vegas, stays in Vegas“ findet sein Echo in der wiederholt fallenden, aber weniger gut zitierbaren Aussage, dass Bangkok jemanden „gekriegt habe“.

Man entnimmt dieser Aufzählung schon, dass sich Philipps und seine beiden Co-Autoren nicht unbedingt ein Bein ausgerissen haben, sondern vielmehr nach dem Motto  „Don’t fix ist it isn’t broken“ verfahren sind. Ganz falsch liegen sie damit nicht: Die Geschichte um drei Typen, die schmerzhaft erfahren müssen, was für ein Chaos sie im Rausch angerichtet haben, funktioniert auch ein zweites Mal noch ganz gut – zumal das exotische Setting für zusätzliche Schauwerte und noch mehr Fallhöhe sorgt. Überhaupt muss man sagen, dass die HANGOVER-Reihe visuell aus dem Einerlei der meist doch eher einfach gehalten US-Komödien positiv heraussticht: Die beunruhigenden Unterströmungen der Story um drei „brave“ Männer, die keine Grenzen mehr kennen, wenn man sie einmal von der Kette lässt, spiegelt sich auch in der optischen Gestaltung, die Bangkok abwechselnd zum schillernden Sündenbabel, dann wieder zur postapokalyptischen Einöde verzeichnet. Begrüßenswert ist die Entscheidung, dem Chinesen Chow diesmal eine etwas größere Rolle zu geben: Eine Gelegenheit, die Ken Jong für eine komplett freidrehende Performance nutzt, die nur noch von Tyson Darbietung des Murray-Head-Gassenhauers „One Night in Bangkok“ getoppt wird. Tyson ist ja eh sowas wie der Schutzpatron dieser ersten beiden Filme: Er ist nicht nur deshalb am Start, weil er ein Promi mit Gesichtstattoo ist, sondern weil er eine Art Seelenverwandten der Protagonisten darstellt. Ein Mann, dessen Karriere gesäumt ist von idiotischen, impulsiv getroffenen Entscheidungen, die ihm aber kein Stück peinlich zu sein scheinen.

Ich fand THE HANGOVER PART II fast zwangsläufig eine Nummer schlechter als den ersten Teil, aber eine Sache gelingt ihm noch besser als diesem: Wenn Stu mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er Sex mit einem Mann hatte, reagiert er nach dem Gesetz der Gay Panic mit dem obligatorischen Brechreiz. Doch dann erklärt ihm sein One-Night-Stand, dass sie gleichzeitig gekommen seien, dass er vor Glück geweint habe. Diese Aussage benutzt Phillips keineswegs dazu, die Demütigung für Stu noch größer zu machen, sondern im Gegenteil dazu, ihn liebevoll zu besänftigen, seine vermeintliche Schmach zu verringern: Stu hat Seiten, die nur zum Vorschein kommen, wenn er völlig frei ist von den gesellschaftlichen Zwängen, die ihn sonst gefangen halten – und er ist tatsächlich glücklich, wenn er sie zeigen kann. Diese Haltung macht die HANGOVER-Reihe sehr ungewöhnlich und liebenswert – und sie ist darin absolut untypisch für eine „Männerkomödie“.

 

Mein Urteil nach der Erstsichtung von THE HANGOVER vor knapp zehn Jahren war zwar positiv, meinem damals entstandenen Text merkt man aber an, dass der Film keine große Leidenschaft entfacht hatte. Ich wusste nicht so richtig, was ich mit dem Teil anfangen sollte, sein Witz hatte bei mir nicht gezündet. Die Sequels, die dann 2011 und 2013 entstanden, habe ich mir dann demzufolge gar nicht erst angeschaut. Erst das Wiedersehen mit OLD SCHOOL, einem anderen Phillips-Film, den ich vorher „nur“ gut gefunden hatte, war jetzt ausschlaggebend dafür, auch THE HANGOVER nochmal eine Chance zu geben. Und was soll ich sagen: Die Sichtung geriet zum Triumphzug, der Film ist das totale Meisterwerk.

Ich habe bei dieser Sichtung auch verstanden, warum ich beim ersten Mal Schwierigkeiten mit ihm hatte. Ich schrieb damals, dass der eigentliche Witz des Films, die zentrale Ellipse, um deren Rekonstruktion es dann für die Protagonisten geht, mich auch um das gebracht hatte, was ich eigentlich lieber gesehen hätte: die Party und den Exzess, die dann zum titelgebenden Hangover und dem partiellen Gedächtnisverlust der Protagonisten führen. Partyfilme üben seit je her großen Reiz auf mich aus: Ich mag nicht nur, dass die besten von ihnen in der Lage sind, einem das Gefühl zu vermitteln, mitgefeiert zu haben, sondern auch den Aspekt von Freund- und Gemeinschaft, der bei allen diesen Filmen eine wichtige Rolle spielt. Die Prämisse von THE HANGOVER bot die Möglichkeit, diesen Charakteren durch die Nacht zu folgen, durch die verschiedenen Etablissements, in denen sie dann wiederum verschiedenen Nebenfiguren begegnet wären, die für kurze Zeit eine gewisse Bedeutung erhalten hätten. Vielleicht hätten sich ihre Wege zwischendurch getrennt, nur um sich dann später wieder zu kreuzen. THE HANGOVER wäre auch ein Film über eine rauschende Nacht gewesen – und ich liebe Filme, die in einer Nacht spielen, einem den Eindruck von Echtzeit vermitteln. THE HANGOVER lässt diese Möglichkeit aus. Er verweigert sie dem Betrachter mit Absicht. Er wartet noch nicht einmal mit einer verschworenen Gemeinschaft alter Freunde auf: Die vier Hauptfiguren – der wölfische Lehrer Phil (Bradley Cooper), der etwas biedere Zahnarzt Stu (Ed Helms), der angehende Ehemann Doug (Justin Bartha) und der unreife Psychotiker Alan (Zach Galifianakis) – sind nur noch lose miteinander verbändelt, zum Teil bereits auf dem Wege der Entfremdung, Alan ist als Dougs Schwager in spe, der um des Familienfriedens willen mitgenommen wird, nur geduldet. Das Miteinander ist geprägt durch kaum noch unterschwellig zu nennende innere Spannungen, die sich in „kumpelhaften“ Beleidigungen und Demütigungen niederschlägt. Zum Blackout kommt es dann auch nicht, weil die vier so wahnsinnig viel Spaß miteinander haben: Alan mischt ihnen heimlich Ecstasypillen in den Drink, die sich dann als Roofies entpuppen (der Dealer hatte sich im Beutel vergriffen). Nach dem Erwachen ist die teure Suite des Caesar’s Palace in Las Vegas, in der sie sich eingemietet haben, vollkommen verwüstet, Stu fehlt ein Zahn, im Badezimmer lauert ein Tiger, ein mutterloses Baby liegt im begehbaren Kleiderschrank und Doug ist spurlos verschwunden. Die Suche nach ihm gerät zur detektivischen Ermittlungsarbeit, bei der die drei Partybiester die Ereignisse des vorigen Abends Stück für Stück rekonstruieren müssen, um den Junggesellen rechtzeitig zu seiner Hochzeit nach Hause bringen zu können. Auf dem Weg dahin sind sie auch gezwungen, sich mit ihren verborgenen Obsessionen auseinanderzusetzen. Am Ende sind sie geläutert – und zu jener verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die sie am Anfang nicht waren.

Schon OLD SCHOOL hatte seine Untiefen, die durch die insgesamt sehr wohlwollende, überzeichnete Darstellung seiner Hautfiguren – wie hier Männer, die sich mit dem Erwachsenwerden und den Anforderungen der „Reife“ schwertun – aber noch verdeckt wurden. In THE HANGOVER kommt kaum ein Gag ohne Preis, eigentlich zeichnet Phillips ein Horrorszenario, legt das (selbst)zerstörerische Potenzial seiner männlichen Protagonisten gnadenlos bloß und wirft die Frage auf, was mit „uns Männern“ eigentlich falsch ist. Schon das Ritual des Junggesellenabschieds, dem die Begleiter deutlich mehr entgegenfiebern als der Junggeselle selbst, stellt eine Lizenz zum unverhohlenen Regress dar und man fragt sich unweigerlich: Warum überhaupt heiraten, wenn man sich doch viel lieber wie eine enthemmte Wildsau ohne jeden Sinn für Verantwortung benehmen will? Der Eindruck, dass die Beteiligten sich von den Anforderungen des langweiligen Alltags mit Karriere und Familie heftigst eingeschnürt fühlen, bewahrheitet sich dann, als die Drogen ins Spiel kommen und alle Hemmungen gnadenlos fallen: Am deutlichsten zeigt sich das an Stu, dem vermeintlich vernünftigsten der vier: Er heiratet im Vollrausch gleich eine Stripperin (Heather Graham) und zieht sich selbst einen Zahn, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Wahnsinn, den die Kumpels auf ihrer Reise durch Las Vegas entfacht haben, ist so allumfassend, dass sie sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, absolute Monster zu sein. Mehr noch: Sie stellen fest, dieses Potenzial wirklich in sich zu tragen. Las Vegas gerät zum Vorort der Hölle, der die niedersten Instinkte in ihnen anspricht und hervorkitzelt. Der Spruch „What happens in Vegas, stays in Vegas“, auf den sie sich zu Beginn ihrer Odyssee einschwören, erhält noch eine dunklere, beinahe apokalyptische Bedeutung: Vielleicht wäre es besser, wenn diese Irren gleich hier blieben, zwischen all den Verdammten und Gestrandeten, die in diesem an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnernden Labyrinth ihren eigenen Trieben nachgehen, bis sie ausgezehrt im Wüstensand verenden.

Das Schöne an THE HANGOVER und seinen Sequels, aber auch von OLD SCHOOL ist, dass er weder bei der langweiligen Erkenntnis stehenbleibt, dass Männer eine „dunkle Seite“ haben, noch als einfache Lösung vorschlägt, dass wir unsere Begierden entsagen sollten, vielmehr strebt er eine Synthese an. Erst durch den Druck gesellschaftlicher Zwänge können auch unsere Obsessionen überhaupt erst so monströs anwachsen. Wenn wir der Wildsau nur ein wenig mehr Freiraum gäben oder uns auch nur eingeständen, dass es sie gibt, müsste sie beim Junggesellenabschied nicht so gnadenlos mit uns durchgehen.

 

 

 

 

Im 14. Wahlbezirk North Carolians schickt sich der konservative Politiker Cam Brady (Will Ferrell) mangels Konkurrenz an, zum vierten Mal wiedergewählt zu werden. Doch dann bekommt er unerwartete Konkurrenz: Weil die Gebrüder Motch (Dan Aykroyd & John Lithgow), zwei reiche Unternehmer, für ihre Geschäftspläne einen gefügigen Politiker in Nort Carolina brauchen, investieren sie ihr Geld in Marty Huggins (Zach Galifianakis). Der brave, geistig etwas minderbemittelte Sohn eines Geschäftspartners (Brian Cox) wird vom Imageberater Tim Wattler (Dylan McDermott) aufgepeppelt und macht Brady bald arge Probleme. Der Konkurrenzkampf der beiden Kandidaten nimmt bald schon bizarre Züge an. Brady und Huggins beginnen umzudenken – sehr zum Missfallen der Motch-Brüder …

Die Freude über eine neue Komödie mit Will Ferrell nach längerer Abwesenheit (die er mit einem Ein-Personen-Theaterstück zu füllen wusste, in dem er in die Rolle George W. Bushs schlüpfte) wird dadurch geschmälert, dass THE CAMPAIGN als politische Satire und liberale Kritik am kapitalistischen Wahlkampfzirkus reichlich naiv und pauschal daherkommt. Seine Kritik lässt sich am Ende auf das diffuse Gefühl reduzieren, dass „die da oben“ alle gekauft sind und ein guter Politiker doch bitte immer die Wahrheit sagen soll. Das ist ungefähr so differenziert, wie der Schmonzes, der Sido (!) in Stefan Raabs Polittalkshow triumphieren ließ, und eigentlich kaum besser als die Scheinheiligkeit, die man dem Feindbild vorwirft. So muss man den wahrscheinlich ernst gemeinten Background des Films immer ein wenig ausblenden, um gepflegt ablachen zu können – dass Roach eigentlich ausschließlich Standards des Ferrell’schen Humorschaffens bemüht, macht es nicht einfacher. Die Grundidee ist ja nicht verkehrt und wer sich bei Landis‘ TRADING PLACES bedient (der Plan der Motch-Brüder), hat zumindest schonmal Geschmack bewiesen, aber angesichts der Möglichkeiten, muss die Auflösung, bei der alle ihrer Fehler einsehen und der geläuterte korrupte Politiker dem Idealisten freiwillig das Feld überlässt, weil er von dessen moralischer Integrität beeindruckt ist, enttäuschen. Ein Moralist wie Capra (den mein Mitgucker Frank als Vergleich heranzog) kam mit seiner Botschaft unter anderem deshalb weg, weil er seine Geschichten in einem stilisierten Märchen-Amerika ansiedelte: In THE CAMPAIGN stehen der bekannte linksliberale Zynismus und der unheilbare Glaube an eine Welt, in der es nur eines Mannes bedarf, der sich nicht verbiegen lässt, auffallend unvereinbar nebeneinander.

Die Einfalt des Films tritt in einem metergroßen Plothole zutage: Warum die Motches zur Verwirklichung ihrer schmutzigen Pläne überhaupt einen neuen Kandidaten ins Rennen werfen, anstatt ihr Geld gleich auf Brady zu setzen, der doch von Anfang an als Prototyp des käuflichen, karriere- und geldgeilen Politikers gezeichnet wird, kann Roach natürlich nicht erklären. Wäre THE CAMPAIGN „nur“ eine Komödie, wäre das ja alles kein Problem, aber in einem Film, der ein politisches Gewissen vorgibt, sind solche Versäumnisse schlicht peinlich. Die argumentfreie Gesinnungshuberei lasse ich mir dann auch nur gefallen, weil niemand das vernunftunbegabte Kind im erwachsenen, notgeilen Manne so gut drauf hat wie Will Ferrell. ANCHORMAN 2 kann kommen, dann bitte wieder ohne Gesellschaftskritik.