Mit ‘Zack Snyder’ getaggte Beiträge

batmanvsupermanMarvel vs. DC: Das ist heute vielleicht noch mehr eine Glaubensfrage als damals, als es nur die Heftchen mit den bunten Bildern zu kaufen gab. DC hatte die Nase lange Zeit vorn, mit Batman und Superman zwei Charaktere vorzuweisen, die bereits in den amerikanischen Mythenschatz eingegangen waren. Marvels aufgekaufter Captain America war dagegen von Anfang an nur ein Westentaschen-Superman, Spiderman zwar immens populär, aber eben doch nur eine Variation der DC’schen Pionierarbeit. Nur mit den Filmen da will es bei DC nicht so recht klappen, zumindest, wenn man den Nerds und Geeks glaubt, die sich schon längst für das MCU, das „Marvel Cinematic Universe“, entschieden haben, das seit 2008 mit durchschnittlich ein bis drei Filmen pro Jahre fleißig weitergestrickt wird und das jetzt schon bis ins Jahr 2038 vorausgeplant ist. Dabei standen die Sterne für DC eigentlich immer günstig: Der erste Superman-Zyklus und die Burton-Batmans sorgten zu einer Zeit für Aufsehen, als Marvelhelden noch in superbilligen TV-Produktionen herumhampeln mussten bzw. verzweifelt den Sprung auf die Leinwand versuchten. Eine Wende kündigte sich erst um die Jahrtausendwende an, als X-MEN und vor allem SPIDERMAN die Marvel-Offensive einläuteten. Selbst als Marvel mit IRON MAN den echten Startschuss für ihr MCU gaben, hatte DC noch die Nolan-Batmans vorzuweisen, von denen der zweite, THE DARK KNIGHT zu ungeahnter Euphorie führte. Mit THE DARK KNIGHT RISES wurden dann die kritischen Stimmen zu einer Zeit laut, als Marvel in den nächsten Gang schaltete: Während man sich hier über gutgelauntes Popcornkino mit bunten Bildchen freute, wurde da die umfassende Düsternis und „grittiness“ beklagt. Alles aus war dann, als Snyder seinen Superman in MAN OF STEEL ganz Metropolis in Schutt und Asche legen ließ. Ein Affront, der die Weichen für den Backlash stellte, der mit dem Release von BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE über DC hereinbrach. Man konnte offensichtlich nichts richtig machen.

Dabei machen DC zum Auftakt sogar den Kotau vor den Fanboys: Hatte MAN OF STEEL noch die Möglichkeit gelassen, dass bei Supermans Kampf gegen den bösen General Zod nur leere Wolkenkratzer zerstört worden waren (Outlaw Vern hat einen wie ich finde sehr klugen Text zum angeblichen Skandal des Films geschrieben), bestätigt BVS die Interpretation der Zuschauer und lässt Superman (Henry Cavill) infolgedessen eine Art Sündenfall erleben. Die Menschen wenden sich von ihm ab, weil sie erkennen, dass er eine Bedrohung für sie darstellen könnte, Politiker überlegen, wie sie fortan mit ihm umgehen sollen. Und im unweit von Metropolis gelegenen Gotham City hat es einer schon immer gewusst: Bruce Wayne aka Batman (Ben Affleck), für den Superman auch nur ein weiterer Verbrecher ist, dem es das Handwerk zu legen gilt. Gleichzeitig macht sich Superschurke Lex Luthor (Jesse Eisenberg) daran, die Macht zu übernehmen. Der Hass Batmans auf Superman ist seine wichtigste Waffe – und natürlich der Riesenmutant Doomsday, den er aus einer Kreuzung des toten General Zod und seiner eigenen DNA erschafft …

Die Kritik, mit der Snyders Film vom Start weg überzogen wurde, war harsch – und lässt sich kein Stück mit meiner Sichtungserfahrung in Übereinstimmung bringen. Was daran liegen mag, dass ich den gut 30 Minuten längeren Extended Cut gesehen habe: den Vorwurf, der Film sei unzusammenhängend und konfus, den man überall hörte, kann ich BVS beim besten Willen nicht machen, im Gegenteil. Gerade wenn man, wie ich, an Marvelfilmen wie AVENGERS: AGE OF ULTRON beklagt, dass sie wie Collagen aus unfertigen und übereilten Storyfragmenten anmuten, sich mehr darauf konzentrieren, die nächsten drei Filme anzustoßen, als ihre eigene Geschichte zu erzählen, muss einem BVS wie eine Wohltat vorkommen. Der Konflikt zwischen Batman und Superman, der den ethischen Konflikt zwischen übergeordneter, universeller und individueller Moral widerspiegelt, bildet das klare dramaturgische Zentrum, um das sich die eher sparsamen Subplots herumgruppieren. Snyder baut seine Geschichte sehr geduldig auf, anstatt bloß kurze Episödchen aneinanderzureihen und irgendwann den Überblick zu verlieren. Lediglich das beim MCU abgeschaute Anteasern der nun wohl in den Startlöchern stehenden Wonder-Woman- und Justice-League-Filme lenkt etwas ab und steht unverbunden mit dem Rest herum, stört aber auch nicht übermäßig. Was man wohl lieben oder hassen kann, sind das Pathos und die Ernsthaftigkeit, mit der das Ganze umgesetzt wird. Auch ich habe schon mal behauptet, die Marvelfilme böten zu wenig Fun: So gesehen müsste ich BVS eigentlich hassen. Der Unterschied liegt wohl darin, dass Batman und Superman als Figuren einfach um ein Vielfaches interessanter und allgemeingültiger sind als Iron Man, Thor, Captain America oder Ant-Man (Hulk lasse ich mal außen vor, aber mit dem weiß Marvel ja offensichtlich auch nichts mehr anzufangen) und es demzufolge überhaupt als lohnenswertes Unterfangen ist, einen „ernsten“ Film um sie zu stricken.

Das scheint aber nicht mehr besonders gefragt zu sein: Spaßig soll es sein, möglichst wenig nachhaltig, gut wegzukonsumieren. Da kann einem BVS schon mal den Abend verderben mit seiner brüterischen, dunklen, deprimierenden Ader. Auch wenn Snyder den Bogen im ausufernden Finale mal wieder überspannt, kann ich mit seiner Interpretation der Comics mehr anfangen als mit diesen komplett leeren Marvel-Spektakeln, in denen sich ein Dutzend bunt kostümierter Figuren um einen Stein balgen, dessen Bedeutung erst im übernächsten Film geklärt werden wird. Ich fühle mich von BVS einfach als erwachsener Filmzuschauer ernst genommen, während ich mich bei Marvel auf die Rolle des Konsumenten reduziert fühle. Ich glaube, dahinter verbergen sich grundsätzlich andere Ansprüche an oder Konzepte von Unterhaltung. Als ein Makel von BVS wurde angeführt, wie der Streit zwischen Superman und Batman schließlich aufgelöst wird: Batman verschont den geschlagen am Boden liegenden Helden, als er erfährt, dass dessen Mutter auch auf den Namen Martha hört. M. E. wird hier von den Kritikern etwas Grundsätzliches nicht verstanden, nämlich dass Kunst (und vor allem Superheldencomics for chrissakes!) mit Verdichtungen arbeitet. Das sind keine echten, voll durchpsychologisierten Individuen, denen wir da zusehen. Es geht auch nicht wirklich um die zufällig Namensgleichheit, sondern darum, dass Batman erkennt, dass das zu vernichtende Alien wie er EINE MUTTER HAT, mithin „Mensch“ ist. Es ist vielleicht nicht die eleganteste Auflösung für den Konflikt, aber es ist weit von jener Lächerlichkeit entfernt, die mancher darin ausgemacht zu haben glaubt. Aber gut, bei Marvel kommt so etwas natürlich nicht vor, weil die Messlatte da von Anfang an sehr viel tiefer liegt. Wenn man die Sichtweise erfolgreich etabliert hat, dass sowieso alles nur ein buntes Späßchen ist, das man nicht zu ernst nehmen sollte, können auch solche Ausrutscher nicht passieren.

Das Problem von DC ist mithin Folgendes: Snyder (und vor ihm Nolan) haben etwas riskiert, haben Filme gemacht, an denen man sich reiben und die man auch richtig kacke finden kann. Marvel macht Filme, die allen gefallen sollen und sind damit bisher recht erfolgreich (was man anerkennen muss). Aber für die Filmkultur finde ich es trotzdem traurig, dass harmloser Bullshit wie die AVENGERS-Filme oder ein GUARDIANS OF THE GALAXY abgefeiert werden wie die Neuerfindung von geschnittenem Brot, während man sich über MAN OF STEEL oder BVS das Maul zerreißt, weil die Filme es wagen, einen eigenen Stil und eigene Ideen zu etablieren, vielleicht sogar mal von der Vorlage abzuweichen. Aber gut, so richtig wundern muss einen das in unserer Zeit ja nicht mehr.

 

 

300-movie-posterZehn Jahre ist es jetzt schon wieder her, da war Snyders 300 der Film, den man sehen musste, wenn man mitreden wollte. Ich weiß noch, wie mich der Trailer damals angefixt, die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte. Im Netz diskutierte man sich bereits die Köpfe heiß, ob dieser Film nicht Kriegstreiberei und Interventionspolitik glorifiziere, gar eine faschistoide Gesinnung erkennen lasse. Als ich damals aus dem Kino kam, fühlte ich mich aber nicht provoziert, sondern lediglich massiv enttäuscht, und zwar nicht, weil ich einsehen musste, dass die Kritiker Recht gehabt hatten, sondern weil ich 300 wider Erwarten vor allem sehr, sehr langweilig fand. Ich kann das heute durchaus noch nachvollziehen: Snyders Filme haben generell immer etwas Niederdrückendes, und das Staunen über die atemberaubenden Bildwelten, die er entwirft, trägt selten über die volle Laufzeit, irgendwann fühlt man sich erschöpft, ermüdet von diesem Gestaltungswillen, der jede Spontaneität im Keim erstickt.So bin ich auch heute noch der Meinung, dass seine Adaption der Graphic Novel von Frank Miller mit 120 Minuten Laufzeit ein gutes Stück zu lang geraten ist.

Aber 300 ist trotzdem ein ziemlich faszinierender Film, visuell sowieso, aber gerade auch, wenn man die Diskussion, die er damals entfachte, bei der heutigen Sichtung mitberücksichtigt. Klar, Miller wird eher nicht als großer Liberaler in die Geschichte eingehen, er fetischisiert den Krieg und die gestählten Körper der Spartaner, das Gerede von Ehre, Opferbereitschaft, Unbeugsamkeit und vom „beautiful death“, den zu sterben sich lohne, und weckt damit reichlich ungute Assoziationen; aber genauso wie man dem Film oben genannte „faschistoide Gesinnung“ unterstellen könnte, eignet er sich dazu, genau das Gegenteil in ihm zu erkennen. Die kriegslüsternen Spartaner um König Leonidas (Gerard Butler) sind nicht gerade Sympathiebolzen in ihrer Todessehnsucht und ihrem lebensfeindlichen Reinerhaltungsgedanken (die bunt gemischten Perserhorden sind ein richtiger Karneval dagegen), und mehr als einmal stellt man sich als Zuschauer, angeregt durch Snyders Inszenierung, die Frage, ob eine Kapitulation vor den Persern denn wirklich so schlimm wäre und ob eine „Freiheit, für die man Hunderte von Menschenleben opfern muss, und eine Zivilisation, die auf Drill, Folter und Abhärtung basiert, überhaupt erhaltenswert sind.

In Erinnerung bleiben wird 300 fraglos für den Aufwand, der betrieben wurde, die Panels von Millers Vorlage nahezu originalgetreu in Filmbilder zu übersetzen. Ästhetisch ist Snyders Film auch zehn Jahre später noch immens eindrucksvoll, auch wenn nicht zuletzt der Regisseur selbst diesen Stil im Anschluss weiter verfeinert hat. Die sepia-goldene Farbgebung, aus der allein die roten Umhänge der Spartaner hervorstechen, sowie das göttliche Licht, das alles zu illuminieren scheint, betonen den mythologischen Charakter der Geschichte um die todesmutige Schlacht Weniger gegen eine Übermacht, legen gewissermaßen den Nebel der Jahrhunderte über die Bilder, zur gleichen Zeit aber auch ihre krasse Körperlichkeit bloß. 300 ist gleichermaßen anziehend und verführerisch wie abstoßend in seiner Ästhetisierung von Gewalt und Tod, er fühlt sich in seinen besten Momenten tatsächlich an wie vom Geist des antiken Spartas beatmet (zumindest des Spartas, das er da selbst zeichnet): monolithisch, schroff und grausam, aber von der luziden Klarheit schneidender Schmerzen. Die Szenen um die daheimgebliebene Königin Gorgo (Lena Headey) und den schmierigen Verräter Theron (Dominic West) tragen zwar in ihrer Klischiertheit dazu bei, dass man sich als Zuschauer nicht ganz fremd fühlt in dieser fremden Welt, aber mindern damit auch den Impact, den 300 gerade in seiner frontalen Attitüde entfalten könnte. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der archaische Blut- und Schlachtenrausch, in den man da gestürzt wird, ist für zivilisierte Gemüter sowieso schon schwer genug zu verarbeiten.

 

 

Der Begriff „Sucker Punch“ ist leider nicht wirklich übersetzbar: Er bezeichnet den gefürchteten Schlag auf den Solar Plexus, der den Empfänger sofort wehrlos auf die Knie zwingt. In Zack Snyders SUCKER PUNCH wird dieser Schlag nicht ausgeteilt: Jedenfalls nicht so prominent, dass man den Film zwingend nach ihm benennen müsste. Aber luftraubend ist er dennoch, vor allem für männliche Zuschauer, denn die werden hier ebenso bedient, wie sie für ihren Voyeurismus sofort eine heftige Abreibung bekommen. Zack Snyder begibt sich mit dieser Strategie auf extrem dünnes Eis: Aber er gewinnt letzten Endes damit und erweist sich als einer der wenigen wirklich mutigen neuen Filmemacher, die derzeit in Hollywood tätig sind. SUCKER PUNCH ist immens streitbar – und von welchem der zeitgenössischen Blockbuster kann man das wirklich noch behaupten?

Man kann SUCKER PUNCH in das Genre der sogenannten Mindfuck-Filme einordnen, denn seine Handlung vollzieht sich auf mehreren ineinandergeschachtelten Meta-Ebenen und über weite Strecken in der Fantasie der Protagonistin. Bei dieser handelt es sich um Babydoll (Emily Browning), ein Mädchen, das dem Missbrauch der Schwester durch den Stiefvater nicht tatenlos zusehen wollte, schließlich aber an seiner Stelle als vermeintliche Mörderin in einer dubiosen Heilanstalt landet, wo sie sofort für eine Lobotomie einplant wird. Der zweite Akt des Films beginnt just in dem Moment, in dem ihr ein langer Metallstift ins Hirn geschlagen werden soll: Plötzlich verwandelt sich die Anstalt in ein Bordell, in dem die Patientinnen in burlesken Tanznummern vor schmierigen reichen Männern auftreten und sich ihnen andienen. Geleitet wird der Betrieb von Blue Jones (Oscar Isaac) und seiner Gespielin Dr. Vera Gorski (Carla Gugino), die den Mädchen Tanzunterricht gibt. Babydoll erweist sich schnell als gute Schülerin und wird demzufolge für den Gangster „High Roller“ (Jon Hamm) vorgesehen, dessen Ankunft in wenigen Tagen erwartet wird. Doch immer, wenn Babydoll tanzt, versinkt sie in einer Traumwelt, in der sie verschlüsselte Hinweise erhält, wie sie ihrem Schicksal entrinnen kann. Zusammen mit ihren Mitinsassinnen – Sweet Pea (Abbie Cornish), Blondie (Vanessa Hudgens), Rocket (Jena Malone) und Amber (Jamie Chung) – plant sie den Ausbruch aus der Anstalt …

Snyder entfaltet diese Prämisse – von einer Handlung im traditionellen Sinne kann man genauso wenig sprechen wie von psychologisch ausgereiften Charakteren – in bombastischen Actiontableaus: Um ihre Freiheit zu erlangen, müssen die Mädchen vier Gegenstände erobern und das tun sie in gewaltigen Fantasiewelten, die ihre triste „Realität“ überlagern. Sie kämpfen dabei gegen riesenhafte Samurai, auf einem Steampunk-Schlachtfeld, gegen eine Armee von Orks und einen Drachen sowie gegen Roboter an Bord eines rasenden Zuges. Diese Tableaus sind pures Eye Candy, mit bombastischen Effekten, einer sich völlig entfesselt bewegenden Kamera und dem effektvollen, übergangslosen Switchen der Geschwindigkeit veredelt, profitieren dabei immens von Snyders Sinn für räumliche Dimensionen. Die Übersichtlichkeit bleibt stets gewahrt, und das Ergebnis ist von atemberaubender Dynamik. Der Vorwurf, bloße Augenwischerei zu betreiben, der die Veröffentlichung von SUCKER PUNCH begleitete, war angesichts des Missverhältnisses von dem, was der Durchschnittszuschauer „Inhalt“ nennt, und der äußeren Form des Films vorauszusehen. Dabei ist Snyder ein ziemlich treffendes Statement zur Rolle der Frau im „Mainstreamkino“ gelungen und dass er dieses nicht in das Gewand langweiligen Messagekinos verpackt hat, sondern in dieses avantgardistische Fetischprodukt, ist ihm hoch anzurechnen.

SUCKER PUNCH verschreibt sich einerseits jener Form von quasifeministischem Empowerment, das etwa Roger Cormans Women-in-Prison-Filme THE BIG BIRD CAGE, THE BIG DOLL HOUSE oder natürlich CAGED HEAT auszeichnete: Seine Männerfiguren sind allesamt schmierige Schurken, die ihre Frauen in demütigenden Missbrauchsverhältnissen einsperren. Es geht für die Protagonistinnen demzufolge nicht bloß um die Flucht aus einem Gefängnis, sondern um das Zurückerlangen ihrer weiblichen Autonomie generell. Der ganze Film ist reine Fluchtphantasie und da der Weg nach draußen zunächst verbaut ist, führt er konsequent nach innen. Wie am Ende klar wird, spielt sich sein Plot in jenen Sekundenbruchteilen ab, in denen Babydoll den Schlag erwartet, der ihren Willen für immer brechen soll. Unschwer lässt sich der Eingriff als Vergewaltigung interpretieren, und Babydolls Fantasie als letzter noch greifender Schutzmechanismus. Das Problem, mit dem die oben genannten Empowerment-Exploiter immer zu kämpfen hatten, nämlich als Männerfilme ein Männerpublikum und dessen Fantasien zu bedienen, seine Protagonistinnen selbst im Moment ihres Triumphes über das Patriarchat also noch zu objektivieren und letztlich nur umso fester in dessen Ketten zu schlagen, adressiert Snyder ganz explizit. Es gibt für Babydoll, Sweet Pea, Rocket, Blondie und Amber keinen Ausweg aus der Fetischisierung und sie unterwerfen sich diesem Diktat. Es ist der Kompromiss, den sie machen müssen, um wenigstens ein Mindestmaß an Freiheit zu erlangen. (Auf dem Soundtrack drücken weibliche Musikerinnen von Männern geschriebenen Songs ihren Stempel auf.) Die Aporie wird von Snyder bis zum Ende nicht aufgelöst, vielmehr lässt er sie bestehen und findet genau zwischen den beiden unvereinbaren Polen den Raum, in dem er seinen Film ansiedelt. Das letzte Wort des Films richtet sich direkt an den Zuschauer: Er ist es, der den Unterschied macht.

 

Man-of-steel-Kann sich noch irgendjemand wirklich an SUPERMAN RETURNS erinnern, Bryan Singers Versuch, dem wohl berühmtesten Comic-Superhelden der Welt nach fast 20 Jahren Leinwand-Abstinenz zu einem Comeback zu verhelfen? Und zwar „Erinnern“ nicht bloß im einfachsten Sinne als Wissen um seine Existenz verstanden, sondern als zurückbehaltener, halbwegs lebendiger Eindruck von Bildern und Handlung, seinem „Wesen“? Ich auch nicht.

Ich prognostiziere, dass das mit Zack Snyders Film anders sein wird. Wahrscheinlich wird auch er nichts daran ändern, dass man Superman auf ewig mit Christopher Reeve verbindet – das hat etwas mit der Zeit zu tun, in der Donners und Snyders Filme jeweils entstanden; aber doch hat Snyder es geschafft, der von vielen als überkommen empfundenen Figur neue Facetten abzugewinnen und einen sehr eigenständigen Superheldenfilm vorzulegen, etwas, das Singer eben nicht gelang. Dennoch ist MAN OF STEEL nicht rundum beglückend. Es ist wie so oft, wenn Snyder einen neuen Film vorlegt: Meist eilen ihm seine Ambitionen hoffnungslos davon, kann er mit dem Tempo, das er selbst vorgegeben hat, nicht mithalten. So verkommt auch MAN OF STEEL im letzten Drittel zur zwar durchweg beeindruckend anzusehenden, aber auch ungemein ermüdenden Materialschlacht und Dauerbalgerei. Man verzeiht ihm das, weil die erste Stunde wahrhaft zum Niederknien schön ist.

Snyders MAN OF STEEL ist ein unglaublich trauriger Film. Die Fähigkeiten des Außerirdischen Kal-El (Henry Cavill), der zunächst als einziger Überlebender seines Heimatplaneten von seinen Eltern auf die Erde geschickt wurde, machen ihn nicht zum strahlenden Helden, sondern vor allem eins: einsam. Was seine Aufgabe sein soll, warum er auf der Erde landete, das gilt es erst herausfinden. Bis dahin muss ihm klar sein, dass er von den Menschen vor allem als Gefahr empfunden werden wird. Wie ein Flüchtling zieht er durch Amerika, dazu befähigt, Großes zu tun, aber eben angeraten, es zu unterlassen. Den Tod seines Vaters (Kevin Costner) sieht er hilflos mit an: Ihn zu retten bedeutete, sein Geheimnis zu offenbaren. Snyder lädt nicht mehr nur dazu ein, die Geschichte von Superman – dieser Name wird keine einziges Mal verwendet – als Jesus-Allegorie zu lesen, er inszeniert sie ganz offensiv als solche. Als den Menschen große Gefahr durch General Zod (Michael Shannon) droht, einen Verbrecher aus Clarks Heimat, der die Erde mit seiner Hilfe in einen neuen Planeten Krypton verwandeln will, sucht Superman einen Priester auf. Er kann Zod nicht trauen, aber den Menschen bislang genauso wenig. „Sometimes you have to take a leap of faith first. The trust part comes later.“, sagt der Priester. Die mit dieser Anlage einhergehende Mythologisierung verleiht dem Film eine Epik, die im Superheldenfilm bislang ihresgleichen sucht. Seine Bilder wirken wie Heiligenbilder, wie direkt aus dem kollektiven Bewusstsein der Menschheit telegrafiert. Snyders Erzählung, die sich in der ersten Hälfte des Films als Collage aus Szenen ohne echtes Zentrum darstellt, unterstreicht diesen Charakter: Die Geschichte von Superman ist schon tausendmal erzählt worden und diese Version ist nur eine von vielen möglichen. Aber es ist die Version, die alle anderen um sich vereint. Clarks Ziehvater sagt einmal, dass die Existenz seines außerirdischen Adoptivsohns alles verändere: wie die Menschen über sich selbst und ihre Rolle im Universum nachdenken. Snyders Film ist auch deshalb so schwer und massiv, weil er sich diese Fragen selbst stellt. Seine heiße Kälte rührt von der Ungewissheit, ob wir diesen Messias wirklich verdienen.

Watchmen_Directors_cut_DVD[1]Und gleich die nächste handfeste Enttäuschung, die mich glauben lässt, derzeit vielleicht besser vom Filmegucken abzusehen, zumal meine Kritikpunkte sich hier kaum von jenen unterscheiden, die ich schon gegen Tarantinos Nazijägerfilm vorzubringen hatte: Der Director’s Cut von WATCHMEN ist a) zu lang und b) zu verlabert. Weil das für meine Ansprüche aber noch keinen gelungenen Text ergibt, sei noch gesagt, dass mir das erste Drittel des dreistündigen Films ausgezeichnet gefallen hat. In der Exposition gelingt Snyder nämlich all das, was im Hauptteil in die Hosen geht. Eine mit den Mitteln moderner Effekttechnik aufgebrezelte, spektakuläre Szene jagt die nächste, die von Dylans „The Times they are a-changing“ untermalte Creditsequenz, die berühmte historische Momente „verwatchmenisiert“, gehört zum besten, was ich in letzter Zeit gesehen habe, und der Film legt ein Tempo und eine Akribie vor, die mich die Zeit vollkommen vergessen ließ. Doch irgendwann kam dann der Bruch. Keine Ahnung, ob das tatsächlich am Film oder doch eher an mir lag (unmittelbar nach dem FFF war es vielleicht etwas zu viel des Guten, INGLOURIOUS BASTERDS und WATCHMEN an einem Abend schauen zu wollen), aber ich kann mich an keinen Film erinnern, der mich so abrupt verloren hat wie WATCHMEN. Irgendwann hat es mir, vollkommen unvermittelt, einfach gereicht: Mir ging das alles viel zu langsam, die Vorlagentreue empfand ich plötzlich nur noch als Belastung denn als Vorteil, an den Bildern hatte ich mich ebenfalls sattgesehen und die auf Dialoge setzende Inszenierung wirkte auf mich steif, unflexibel und irgendwie einfallslos und unbeholfen. Ich werde dem Film – wie auch Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS – auf jeden Fall noch eine zweite Chance einräumen, mich zu überzeugen. Bis dahin muss ich den Kritikern, die die Idee einer Verfilmung wegen der angeblichen Unverfilmbarkeit der Vorlage von Anfang an für eine schlechte hielten, leider Recht geben. Man hätte WATCHMEN radikal kürzen müssen, um dem Film einen Mehrwert gegenüber der Graphic Novel zu verleihen. Das wäre zwar kaum wünschenswert gewesen, aber so, in dieser Länge, in dieser Form, mit diesem Ende finde ich WATCHMEN – ich kann es nicht anders sagen – ganz schön langweilig.