Mit ‘Zero Mostel’ getaggte Beiträge

Ein Fest! Hinter dem grausam generischen deutschen Titel VIER SCHRÄGE VÖGEL verbirgt sich eine wunderbare, dazu sehr originelle und herrlich trockene Gaunerkomödie mit fantastisch aufgelegten Darstellern und einer ultrapräzisen Regie, die man von Yates nach BULLITT erwarten konnte. Für den Regisseur stellte THE HOT ROCK eine Rückkehr zum Sujet von ROBBERY dar, dem britischen Film, dem er sein US-Debüt verdankte. Er ließ den nicht minder brillanten, aber tonal völlig anders gelagerten THE FRIENDS OF EDDIE COYLE folgen.

Kaum aus dem Knast, wird der Berufsverbrecher Dortmunder (Robert Redford) von seinem Schwager und ehemaligem Partner Kelp (George Segal) abgeholt – in einem geklauten Auto natürlich. Eigentlich will sich Dormunder fortan als Klempner verdingen, aber das Angebot Kelps bei einem neuen Ding mitzumachen, kann er dann doch nicht abschlagen: Für den afrikanischen Politiker Amusa (Moses Gunn) sollen sie einen in seinem Heimatland ideologisch aufgeladenen Diamanten aus dem Brooklyn Museum entwenden. Der Raub gelingt nur halb: Zwar können Dortmunder, Kelp und ihr Fahrer Murch (Ron Leibman) entkommen, aber ihr Partner Greenberg (Paul Sand) wird festgesetzt und ist dazu gezwungen, den eben entwendeten Edelstein zu schlucken. Es steht also die Aufgabe an, ihn aus dem Gefängnis zu befreien, um an die Beute zu kommen …

Der Film bringt zwei eigentlich unvereinbare Aspekte des Heist- und Gangsterfilm auf geniale Art zusammen: das eiskalte Profitum und die Freude über wie eine geölte Maschine ablaufende Pläne einerseits, die Unzuverlässigkeit des Menschen und die damit einhergehende schicksalhafte Verkettung von Pannen andererseits. Für ersteres ist vor allem Robert Redford zuständig: Es werden gemessen an seinem einstigen Status ja nur selten Hohelieder auf ihn angestimmt, sein gutes Aussehen wird immer ein wenig gegen ihn verwendet, als hätte er dafür etwas gekonnt, aber den coolen, intelligenten und abgebrühten badass hatte er mindestens genauso gut drauf wie seine damaligen Konkurrenten McQueen, Eastwood und Bronson. Er verkauft seinen Monolog zu Beginn des Films, wenn er seinem etwas gutgläubigen Schwager innerhalb weniger genau auf den Punkt formulierter Sätze den gesamten Coup darlegt, sodass der kaum mitkommt, wie der Profi, den er da spielt, und bleibt auch sonst der ruhende Pol, der die dringend benötigte Erdung für den Film bedeutet. Seine Coolness strahlt auch auf die anderen ab: Man könnte das Drehbuch von THE HOT ROCK, der die Protagonisten zu immer neuen Coups zwingt, als albern bezeichnen und sich leicht eine Slapstickvariante im Stile von Kramers IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD vorstellen: Aber der Film wird bei aller Komik nie völlig absurd, sondern bleibt tonal immer der Realität verpflichtet. Es ist denkbar, dass alles genauso passiert und die „vier schrägen Vögel“ sind echten Berufsverbrechern wahrscheinlich ähnlicher als die eiskalten Supertypen, die einem sonst in Filmen vorgesetzt werden. Klar, man hat es hier mit einer ziemlich skurrilen Häufung von Pannen zu tun, aber jede für sich scheint durchaus glaubwürdig; wie auch die Tatsache, dass die Kumpels immer wieder durchkommen. Die Staatsbeamten sind schließlich auch nur Menschen.

Diese Konstellation aus sympathischen, galubwürdigen Charakteren und einem cleveren, pointierten Drehbuch allein macht THE HOT ROCK schon zu einem Vergnügen, aber Yates gelingen dann auch immer wieder kleinere Kniffe, die ihm auch noch den letzten Kick geben: Wer sich auch schon immer gefragt hat, warum Todesdrohungen in Filmen immer wieder Wirkung zeigen, warum die so in die Ecke Gedrängten nie deren tatsächliche Umsetzung infrage stellen, auch wenn es doch durchaus Anlass dazu gibt, der findet hier eine Szene, die genau dies aufgreift. „You don’t have it in you“, sagt der betrügerische Anwalt Abe Greenberg (Zero Mostel) nur, die Drohungen der Helden damit ins Leere laufen lassend. Und er hat Recht, was auch der sonst so coole Dortmunder einfach eingestehen muss, als er sich niedergeschlagen abwendet. Wie sich die Szene im weiteren Verlauf dann abspielt, möchte ich nicht vorwegnehmen, aber es folgt einer der Momente, die den Film für mich auszeichnen: Immer, wenn man denkt, THE HOT ROCK sei am Gipfel angelangt oder habe den Bogen gar überspannt, überrascht er einen aufs Neue. Der komische Höhepunkt ist sicher die Inszenierung eines Riots in einem kleinen Polizeirevier, die den befehlshabenden Beamten zu patriotischen Reden veranlasst. „I’m not gonna be the first police officer to lose his precinct!“ Und wenn am Ende auch noch eine Hypnotiseurin sowie die Zauberformel „Afghanistan, Bananistan“ ins Spiel kommen, kann Yates längst einen echten Kantersieg verzeichnen. Super!

 

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Eigentlich sollte hier der Text zu Ritts SOUNDER stehen, doch die Qualität der mir zur Verfügung stehenden NL-DVD hat mich zum sofortigen Abschalten gezwungen: Von einer miserablen, unscharfen und farbarmen VHS-Kopie gezogen, die den Film von 2,35:1 auf 4:3 beschneidet, stellt diese DVD einer der größten Frechheiten dar, die ich auf diesem Bereich je zu Gesicht bekommen habe. Eine neue adäquate Scheibe ist bereits bestellt, ich gelobe den Film in Kürze nachzureichen und beende meine kleine Ritt-Retrospektive jetzt vorläufig mit einem meiner Lieblingsfilme, dem in meinem Geburtsjahr gedrehten THE FRONT.

New York in den frühen Fünfzigerjahren: Howard Prince (Woody Allen) ist ein sympathischer kleiner Versager, der seine liebe Mühe hat, seinen Lebensunterhalt mit einem Job als Kassierer und Gelegenheits-Buchmacher zu besteiten. Als sein Freund, der Fernsehautor Alfred Miller (Michael Murphy), ihm erzählt, dass er auf der Schwarzen Liste stehe, auf der alle vermeintlichen Sympathisanten des Kommunismus landen, und mithin keine Arbeit mehr finde, bietet Howard ihm sofort an, für ihn als „Front“ zu fungieren: Er reicht fortan die Bücher Alfreds ein, tritt dem Produzenten gegenüber als deren Autor auf und kassiert als Belohnung einen Anteil am Honorar. Als neue Autorenhoffnung gefeiert und berauscht vom plötzlichen Wohlstand, will Howard mehr und bietet seine Tätigkeit so auch anderen Autoren an. Aber die Kommunistenhetze macht auch vor ihm nicht halt und so interessiert sich bald auch das HUAC für ihn …

Zwischen THE GREAT WHITE HOPE und THE FRONT muss irgendetwas passiert sein mit Ritt. War ersterer noch geprägt von einer untröstlichen Enttäuschung und von Wut über die Menschheit, die mit ihrem Neid, ihrer Dummheit und Niedertracht immer wieder ihre besten Vertreter auf ihr kümmerliches Niveau herunterzieht, und so kaum zu ertragen, erzählt Ritt seine Geschichte in THE FRONT mit der Lockerheit, der Souveränität und dem lachenden Auge eines Mannes, dem die Zeit Recht gegeben hat: Ritt selbst war 1951 auf der Schwarzen Liste gelandet und mit ihm einige weitere Mitglieder der Stabliste von THE FRONT, die nun verspätete Gelegenheit haben, ihren Kommentar zu den Ereignissen abzugeben. Und sie tun das zwar mit sichtbarer Genugtuung, aber ohne jede Verbitterung.

Die bizarren Argumentationsstrategien der Kommunistenhasser, ihre Verleumdungswut und der vorauseilende Gehorsam der Fernsehleute, die sich unhinterfragt diktieren lassen, wen sie einstellen dürfen und wen nicht, erinnern an die Albtraum-Bürokratien Franz Kafkas, werden aber durch den common sense Howards, der es gar nicht fassen kann, dass das alles wahr sein soll, geschickt ausbalanciert, sodass THE FRONT nie zu sehr in Richtung Groteske abgleitet.  Einen großen Anteil daran, dass diese Tragikomödie auch in ihren traurigen und erschütternden Momenten – wie Ritt und sein Kameramann Michael Chapman den Selbstmord des Schauspielers Hecky Browns (Zero Mostel) einfangen, macht einfach nur sprachlos – niemals wirklich deprimierend wird, hat Woody Allen, der dem Film mit seinem breiten Brooklyn-Akzent und seinem jüdischen Humor seinen Stempel aufdrückt und ihn fast in einen Woody-Allen-Film verwandelt. Er ist perfekt als naiver Humanist wider Willen: Seine klimaktische Weigerung, seinen toten Freund, eben besagtem Hecky Brown, vor dem Untersuchungsausschuss des HUAC als Kommunisten zu diffamieren, erfolgt eben nicht im vollen Bewusstsein der historischen Tragweite, wird nicht, wie so oft in solchen Filmen, als heldischer Akt des Patriotismus gefeiert. Howard tut ganz einfach das, was ihm seine Prinzipien befehlen, unter Inkaufnahme aller daraus folgender Konsequenzen. Wenn er erkennt, dass er den Ausschuss nicht wie geplant durch rhetorische Volten an der Nase herumführen kann, sondern ihm tatsächlich nur die Wahl zwischen dem Verrat und der Selbstopferung bleibt, der er um jeden Preis entgehen wollte, und er sichtlich darunter leidet, dass ersteres einfach keine Option für ihn ist, erreicht der Film eine fast kantische Dimension: Es ist nicht weniger als Howards Pflicht, sich gegen das System zu stellen.

Die Aussage, mit der er seine Kooperation verweigert, gehörte in einer gerechten Welt zu den berühmten Filmzitaten, die selbst der zitieren kann, der den zugehörigen Film nie gesehen hat, und beendet THE FRONT, eines der großen humanistischen Meisterwerke des Kinos, mit angemessenem Knalleffekt. Leider ist er nur wenigen bekannt, in Deutschland (wo er einst als DER STROHMANN erschien) überhaupt nicht erhältlich und selbst in den USA mittlerweile out of print. Eine Schande, wenn ihr mich fragt.