Mit ‘Zombies’ getaggte Beiträge

the-chilling-poster-202x300Oh Gott, was für ein unansehnlicher Käse. Erwartet hatte ich popcornigen, effektlastigen Plastikhorrror wie er in den Achtzigern populär war, bekommen habe ich kreuzlangweiligen Billigschlock, bei dem eigentlich gar nichts funktioniert.

Dabei geht es mit der ellenlangen Laufschrift zu Beginn, die den Zuschauer auf den neuesten Stand bringt hinsichtlich der Möglichkeit, sich einfrieren zu lassen, und dann die zwingende Frage stellt, ob diese Errungenschaft der Wissenschaft ein Segen oder nicht doch eher ein Werk des Teufels sei, immerhin noch putzig los. Man ahnt schon: Von jemandem, der in diesen Kategorien denkt, sollte man nicht allzu viel erwarten. Und so kommt es dann auch.

THE CHILLING ist streng genommen nichts anderes als ein Zombiefilm und eine freche Kopie von Dan O’Bannons THE RETURN OF THE LIVING DEAD noch dazu. Dr. Miller (Troy Donahue) ist der Kopf hinter Universal Cryogenics, einer Firma, die Menschen auf Wunsch hin einfriert. In Wahrheit ist die ganze Unternehmung aber nur Tarnung für einen florierenden Organhandel. Eines Nachts schlägt der Blitz in das Lagerhaus mit den Cryo-Tanks ein, woraufhin  die Eingefrorenen wieder auferstehen. Metzelmurks und Ende.

Man merkt von Anfang an, dass THE CHILLING eiligst runtergekurbelt wurde und der Aufhänger nur zur Vortäuschung einer gewissen Tagesaktualität diente. Dass Promis sich einfrieren lassen wollen oder dies schon getan haben, ging damals durch die Presse und der Film macht dann auch mit den Namen Disney, Roosevelt und Michael Jackson auf. Danach regiert jedoch die totale Beliebigkeit: Das Drehbuch hat es noch nicht einmal hinbekommen, eine echte Hauptfigur zu entwerfen. Linda Blair tritt auf als Assistentin von Dr. Miller, die sich der Wünsche des Klienten Davenport (Jack De Rieux) annimmt, der kurz hintereinander seine Frau und dann seinen verbrecherischen Sohn auf Eis legen lässt. Zwischen beiden entspinnt sich eine sehr halbherzige, sehr unglaubwürdige und vor allem sehr überflüssige Liebesgeschichte und der Film wendet sich der Arbeit zweier Nachtwächter zu, von denen einer von Dan Haggerty gespielt wird. Die beiden langweilen sich, müssen dann mit einem Stromausfall klarkommen und sich schließlich der Tiefkühlzombies annehmen, die aussehen wie grüne Gummimenschen. Das läuft dann so ab, dass da ewig lang im Dunkeln rumgekraucht und Spannung vorgegaukelt wird, wo einfach nur völlige Inkompetenz vorherrscht. Am Ende latscht dann noch ein Zombie mit Rauschebart durchs Bild, im Hintergrund sieht man einen Cryo-Tank mit der Aufschrift „A. Khomeini“. Und ein Sequel wird natürlich auch angeteasert, das dann aber glücklicherweise nicht mehr realisiert wurde.

Nee, hier geht gar nix, bei allem Wohlwollen. Auf die Geschichte wurden wohl maximal fünf Minuten verwendet, THE CHILLING ist dazu noch grausam unansehnlich, die Effekte beschissen, Spannung oder gar Schauder sucht mag ganz vergeblich. Dieser ganze Cryo-Kram hätte ja durchaus Stoff für einen Horrorfilm hergegeben, aber der Schrecken, aus dem Tiefkühlschlaf aufzuwachen und festzstellen, dass nichts mehr so ist wie vorher, hätte definitiv intelligentere Menschen gebraucht als die beiden Filmemacher, deren Regiekarriere nach diesem Rohrkrepierer wenig überraschend schon wieder vorbei war.

geisterstadt-deWas soll man zu diesem Wunderwerk noch sagen? Die Sternstunde von Fulcis Splatter-Ära ist ein einziger Rausch, der auf der großen Leinwand seine ganze transzendierende Kraft entfaltet. Mittlerweile muss man den Film ja glücklicherweise auch nicht mehr vor solchen Leuten in Schutz nehmen, die den Gore zwar total knorke finden, aber ansonsten der Meinung sind, dass „die Story voll unlogisch“ sei. Genau darum geht es schließlich: In L’ALDILA bricht die Logik des Albtraums in die uns bekannte Welt ein und zersetzt sie, bis nichts mehr übrig ist. Die Apokalypse besteht nicht aus einer Atombombenexplosion und nuklearer Verseuchung, auch nicht aus einer tödlichen Epidemie, sie ist der Zusammenbruch aller Logik, der Gesetze von Zeit und Raum. Tote erwachen plötzlich zu neuem Leben, Menschen, die nicht existieren dürften, existieren, Baupläne verschwinden von den Buchseiten, auf denen sie gedruckt waren, eine Bibliothek wird von einer Tarantelplage heimgesucht, eine Kellertür führt in ein altes Gemälde, das die Hölle als endlose Staubwüste darstellt.

In meinem aus dem Stegreif improvisierten kleinen Einführungsvortrag schlug ich daher auch vor, dass man L’ALDILA doch am besten als metaphysischen Endzeitfilm, anstatt als Zombiefilm verstehen sollte. Wie wenig Fulci sich tatsächlich für den Romero’schen Zombiemythos interessiert (auch schon in seinem PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI), wurde mir dann aber auch erst während des Films richtig klar. Romero modernisierte ja den klassischen, dem Voodoo-Glauben entstammenden Zombiemythos, indem er die lebenden Toten zum Gleichnis für die vom Kapitalismus geknechteten Massen uminterpretierte, die sich erheben, um aufzubegehren. Dafür kreierte er auch eine Art „Regelwerk“, wie man es auch aus den Vampirfilmen kennt: Woher der erste Zombie kommt, bleibt zwar unklar, doch sein Biss infiziert seine Opfer, die wenig später selbst zu stumpf umherirrenden Menschenfressern werden und nur durch einen Kopfschuss erlöst werden können. Charakteristisch für diese sozialkritischen Zombiefilme ist die seuchenartige Streuung der Infektionen und die betonte Sachlichkeit der Darstellung, die jedes übersinnliche Element tilgt. Das Auftreten der Zombies ist vorhersagbar, genauso wie ihr Verhalten und die Folgen ihrer Bisse. Der einzige Zombiefilm Fulcis, für den das gilt, ist ZOMBI 2 (der lediglich wieder ein bisschen Voodoo-Folklore beimengt), aber sowohl PAURA als auch L’ALDILA setzen die Zombies eigentlich eher ein wie Geister, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen und keinerlei Naturgesetzen unterworfen zu sein scheinen. Manchmal stehen sie auch einfach nur drohend herum, einen Impuls, unbedingt Menschenfleisch verspeisen zu wollen, lassen sie nicht erkennen. Was sie als einziges mit den Romero-Zombies verbindet, ist ihre Zeichenhaftigkeit: Sie sind gewissermaßen die Sendboten des Untergangs, die manifesten Anzeichen dafür, dass das Ende bevorsteht. Aber dieses Ende lässt sich bei Fulci eben nicht dystopisch deuten. Es gibt keine „Aussage“, die man aus L’ALDILA bergen könnte, er ist ein rein ästhetisches Statement. Und was für ein meisterliches! Schade, dass es so lange gedauert hat, bis das verstanden wurde und die einzige Zuwendung, die seine Splatter-Epen lange Zeit erfuhren, jene von sensationslüsternen Videokindern, kunstfeindlichen Beamten und verkniffenen Sittenwächtern war. Was für ein Glück, dass diese dunkle Zeit zu Ende ist.

le-notti-eroticheWie gut, dass ich diesen Film erst heute, im Trenchcoat-kompatiblen Alter, und nicht damals, während meiner jugendlichen Sturm- und -Drangphase der Splatterfilm-Leidenschaft gesehen habe. Ich hätte seine somnambule, sonnendurchflutete Langsamkeit, seinen wie Luftfeuchtigkeit träge im Raum hängenden Hauch von Plot, der sich verflüchtigt, nachdem er einem nur sanft den Schritt befeuchtet hat, nicht zu schätzen gewusst. Stattdessen hätte ich mich gewiss königlich gelangweilt und mich über die miserablen Make-up-Effekte geärgert, bei denen Meister Schmalhans Küchenmeister war. Ich hätte Joe D’Amato, wie es heute immer noch vielerorts üblich ist, als Dilettanten beschimpft und des frechen Etikettenschwindels bezichtigt. Und den hart und pochend hervorstechenden, dann wieder warme und feuchte Geborgenheit bietenden Verlockungen der Hardcore-Fassung hätte ich mich schon gleich aus Prinzip verschlossen. Ignoranz, das Privileg der Jugend.

Vom lieben Christoph Draxtra von den Eskalierenden Träumen habe ich mir erklären lassen, das LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI (deutscher Titel: IN DER GEWALT DER ZOMBIES) zu D’Amatos „dominikanischem Zyklus“ zu zählen ist, einer Gruppe von ca. vier, fünf Filmen (zu denen auch der tolle PAPAYA DEI CARAIBI gehört), die der Meister Ende der Siebziger/Anfang der Achtzigerjahre in der dominikanischen Republik, wahrscheinlich wenigstens teilweise back-to-back gedreht hat. Sofern ich das nach zwei gesehenen Teilen behaupten kann, zeichnen sich diese Filme durch ein sommerliches Urlaubsflair, Improvisation, Langsamkeit und Leere, viel spontan anmutenden Sex und ein sehr entspanntes Verhältnis zu „Handlung“ oder „Dramaturgie“ aus. In beiden Fällen dient die Genrefilmschablone lediglich dazu, den Film in Gang zu schieben, einen Startpunkt zu haben, von dem aus man den losen Lauf der Dinge mal hierhin mal dorthin mäandern lassen kann. Die Darsteller genießen, wahrscheinlich ebenso wie die Crew, Sonne, Meer und die makellose Haut der einheimischen Schönen, die bescheidenen Erfordernisse der Regie und die Beglückungen des trägen Müßiggangs fließen untrennbar ineinander, befruchten sich in einem ausdauernden, zärtlichen Gangbang ständig gegenseitig. LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI dürfte der mit Abstand entspannteste und gleichgültigste Zombiefilm aller Zeiten sein, und wenn D’Amato am Ende noch einmal ein bisschen auf die Tube drückt, um die Illusion eines Horrorfilms aufrechtzuerhalten, dann möchte man ihm aus halb liegender Position und mit dem Cuba LIbre in der Hand zurufen: „Mach dich mal locker, Joe! Komm her, setz dich rüber zu uns in den Sand. Wir haben doch Zeit. Und die Laura möchte gern fummeln!“

Ich bin gegen Ende ein bisschen weggeschlummert und wenn ich wieder zu mir gekommen bin, habe ich festgestellt, eigentlich nix verpasst zu haben. Es liegt etwas unheimlich Anheimelndes, Vertrauenerweckendes in diesem Film. Man kann gut bei ihm einschlafen und muss sich nicht fürchten, völlig desorientiert aufzuwachen oder gar von fiesen Geräuschen aufgeschreckt zu werden. Man kann Urlaub machen mit LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI. Und wenn man die Zombies nicht ärgert, dann lassen sie einen auch in Ruhe.

zombie_flesh_eaters_2ZOMBI 3 ist ein stinkender Haufen madenverseuchten Unrats und der mit Abstand schlechteste in Fulcis über 50 Titel umfassender Filmografie. Wenigstens darüber gibt es keine Diskussion, denn ansonsten ranken sich Kontroversen um diesen Film. Wahrscheinlich in der Hoffnung, wenigstens noch einmal großen Reibach machen, erklärte Fulci sich auf Anfrage von Produzent Franco Gaudenzi bereit, auf den Philippinen ein Sequel zu seinem eigenen, zehn Jahre zuvor entstandenen ZOMBI 2 zu inszenieren. Doch vor Ort ging es mit dem Gesundheitszustand des seit seiner Hepatitis-Infektion höchst labilen Regisseurs schnell bergab und er musste schließlich die Heimreise antreten. Bruno Mattei, der im Jahr zuvor mit Gaudenzi vor Ort bereits DOUBLE TARGET, ROBOWAR – ROBOT DA GUERRA und COP GAME gedreht hatte, sprang ein und „beendete“ den Film auf seine ihm eigene unnachahmliche Art (Gaudenzi und Mattei blieben sich auch danach treu: In einer aus Stahl geschmiedeten Ehe machten sie zusammen noch TRAPPOLA DIABOLICA, den unfassbaren TERMINATOR II, NATO PER COMBATTERE und DESIDERI). Fulci war ob des Resultats schockiert und versuchte verzweifelt, jeden Hinweis auf seine Beteiligung an dem Film zu tilgen, was ihm aber leider misslang. Mattei hingegen behauptete, nur ca. 40 % von ZOMBI 3 inszeniert zu haben. Es gibt eigentlich keinen Grund, ihm nicht zu glauben: In Matteis Filmografie tummelt sich so viel ehrfurchtgebietender Schrott, da hätte eine weitere Ranzgurke kaum einen Unterschied gemacht. Warum sollte er ausgerechnet die Urheberschaft für ZOMBI 3 leugnen, wenn er auch kein Problem damit hatte, für all die anderen Zelluloidmonstren mit seinem bürgerlichen Namen geradezustehen? Der immer noch klangvolle Name „Fulci“ aber versprach eine Aufmerksamkeit, die Mattei allerhöchstens geschmacksverwirrte Pennbrüder und syphilitische Prostituierte, denen er noch Geld schuldete, entgegenbrachten.

Tatsächlich trägt ZOMBI 3 alle „Markenzeichen“ eines Mattei-Films aus jener Epoche: Er wurde, wie schon erwähnt, auf den Philippinen gedreht und von Partner in Crime Claudio Fragasso geschrieben, verfügt über einen Synthiescore (hier von Stefano Mainetti) sowie Zombies, die mal traurig herumschlurfen, dann wieder rennen und springen und darüber hinaus aussehen, als hätte man ihnen Scheiße ins Gesicht geschmiert, sterile Labor- und Bürosettings, hirnrissige Einfälle in Reihe und eine Darstellerriege, die Mattei in dieser Zeit wahrscheinlich auch aufs Klo folgte. Massimo Vanni, Ottaviano Dell’Acqua und Mike Monty sind mit von der Partie, der obligatorische Auftritt von Luciano Pigozzi fiel der gnadenvollen Schere zum Opfer. Auf der anderen Seite ist da nichts, was man guten Gewissens Fulci zuschreiben könnte, selbst wenn man einräumt, dass der Ende der Achtzigerjahre nicht mehr im Vollbesitz seiner kreativen Kräfte und außerdem gesundheitlich angeschlagen war. ZOMBI 3 lässt jede Atmosphäre, jeden visuellen Stil, jedes inszenatorische Feingefühl, jeden Anflug von Spannung vermissen und präsentiert sich als durch und durch minderbemittelte Anhäufung von Ideen, die man bei vollem Verstand verworfen hätte.

Ich hatte mich tatsächlich gefreut auf diesen Film, den ich zum letzten Mal vor rund 20 Jahren gesehen und zwar als bescheuert, aber immerhin lustig und unterhaltsam in Erinnerung hatte. Boy, was I ever wrong! Es ist schon ein Kunststück einen Film hinzubiegen, der bei größtmöglicher Aufregung und Hysterie so dermaßen steif, leblos und langweilig rüberkommt. Inhaltlich wird lediglich die Prämisse von Matteis VIRUS neu aufgekocht, aber das apokalyptische Flair, das man diesem noch zugutehalten kann, will hier zu keiner Sekunde aufkommen, stattdessen wird man durch eine nicht enden wollende Abfolge dusseliger Episoden gejagt, die jeder Mindestanforderung an inhaltliche Logik ihre vollmundige Absage erteilt. Stimmung kommt eigentlich nur bei den Auftritten von Mike Monty auf, der mal wieder den militärischen Hardliner gibt (ich vermute, er hat damals direkt neben dem Telefon und in Uniform geschlafen): Wie er dem besorgten Wissenschaftler da beharrlich und in undiplomatischer Härte widerspricht, ohne auch nur ein einziges Argument vorzubringen, auch für ein Kind als vollkommen logisch erkennbare Schlussfolgerungen des armen, ob dieser Renitenz völlig verzweifelten Mannes barsch als „Science Fiction“ abwatscht und dann, grinsend wie ein frecher Schulbub, der seinem Mitschüler das Pausenbrot gezockt hat, den Atomschlag anordnet, das hat schon was und gern hätte man mehr davon gesehen. Dummerweise ist Mattei mehr an seinen spannungsarmen Action- und Splatterszenen gelegen, die im einen Fall krachend scheitern, weil sie total beliebig sind, im anderen einfach nur ermüden. Ein aus dem Kühlschrank fliegender Zombiekopf und die Spontangeburt eines gefräßigen Zombieblags bleiben im Gedächtnis, das war’s. Und der Versuch, am Ende an die humanistische Note von Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD oder die pessimistische Zukunftsperspektive von DAWN OF THE DEAD anzuknüpfen, mutet ob der zuvor anderthalb Stunden zur Schau gestellten Unfähigkeit schlicht kackendreist an. Mattei eben, und zwar durch und durch.

nacht_der_reitenden_leichen_dieIch schätze mich überaus glücklich, über diesen Film nicht lachen zu müssen, mich ganz seiner schaurigen Gothic-Horror-Atmosphäre hingeben zu können, die vom Setting und den Titelhelden ausgeht, dem Zauber seiner eigenständigen, traumgleichen Inszenierung zu erliegen – und ihn nicht nur wunderschön, sondern auch höchst originell und, ja, sogar ziemlich schaurig zu finden. Dass de Ossorios Film so heute wahrscheinlich nicht mehr denkbar wäre, zeigte sich gestern bei der Aufführung im Rahmen des Mondo Bizarr Double Features in Düsseldorf: Die Langsamkeit des Films in seinen Gruselszenen, das knochige Schlurfen der untoten Templer, die ausgedehnten Zeitlupen und die ausgestellte Hilflosigkeit der menschlichen Protagonisten, die diesem schleichenden Grauen hilflos-hysterisch gegenüberstehen, sorgten unter den Zuschauern für einiges (allerdings wohlwollendes) Gelächter. Die Transferleistung, die dafür nötig ist, die reitenden Leichen wirklich als tödliche Bedrohung zu akzeptieren, ist in Zeiten immer kürzer werdender Einstellungen, sogenannter Schnittgewitter und rennender Zombies anscheinend nicht mehr von allen ohne Weiteres zu erbringen. Dabei macht de Ossosrio es meines Erachtens sehr gut klar, dass man mit Eintritt in die Klosterruine, in der die reitenden Leichen ihren ewigen Schlafplatz haben, auch in eine andere Realität eintritt, eine, die ihren eigenen physikalischen Gesetzen gehorcht, nämlich denen der Hausherren. Das Schaurige an LA NOCHE DEL TERROR CIEGO ist ja gerade, dass es vor den Tempelrittern kein Entrinnen gibt, obwohl sie sich doch bloß im Schneckentempo vorwärts bewegen – ein klassisches Albtraummotiv. Und natürlich, dass man dann von ihren modrigen Knochenkiefern ausgesaugt wird. Man kann de Ossorios kreative Leistung eigentlich kaum genug loben: Mit den reitenden Leichen erdachte er einen wunderschönen, ganz eigenen Horrormythos, der von Kopisten bis heute gänzlich unangetastet blieb. Sie sind ein Teil der Horrorfilmgeschichte, der ausschließlich ihm gehört.

Wenn sein Film bisweilen Lacher provoziert, geht das meist auf das Konto des Drehbuchs, das Plausibilität nicht als höchste Priorität einstuft – Virginia (María Elena Arpón), die sich in aller Seelenruhe einen Schlafplatz in dem finsteren Gemäuer einrichtet, dürfte keine Entsprechung unter lebenden Menschen finden –, der Schauspieler, allesamt Meister des iberischen Overemotings, und natürlich der deutschen Synchro. Die Antwort der tapferen Betty (Lone Fleming) auf die Frage, wo denn der Standort ihrer Schaufensterpuppen-Fabrik sei, ist für mich bis heute ein Meisterstück deutscher Nachvertonungskunst: „Am Friedhof hinter der alten Pestkirche“. Sie sagt das wirklich ohne jede Einsicht in die Absurdität dieser Antwort. Diese Fabrik wird dann auch Schauplatz einer besonders gruseligen Szene, wenn nämlich die von den Toten auferstandene Virginia wie eine belebte Puppe zwischen den ganzen tot ins Nichts glotzenden Holzkörpern hinter Bettys Mitarbeiterin Maria (Maria Silva) herstakst (dieser Zombie-Aspekt wird in den Sequels verworfen, wenn ich mich recht erinnere). In dem Setting hätte sich wohl auch Frank Zito sehr wohlgefühlt: Es ist eine ausdrückliche Stärke von LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, dass er seine bizarren Einfälle mit bisweilen frappierender Nüchternheit und beinahe dokumentarischer Geduld einfängt. Während die Titlesequenz von einem Score untermalt wird, der sonore Mönchsgesänge mit noisigem Quasi-Industrial verbindet – zu haarsträubendem Effekt zudem –, verstummt die Musik in einigen der gruseligsten Szenen gänzlich und nur noch das Schlurfen der Tempelritter und das panische Schreien ihrer Opfer ist zu hören. Nein, es ist gewiss kein großer Stilist an de Ossorio verloren gegangen, aber er weiß seine limitierten Fähigkeiten hier zu seinem absoluten Vorteil zu nutzen. Ich weiß nicht, ob ein „besserer“ Regisseur aus dem Stoff unbedingt auch einen besseren Film gemacht hätte. Ich liebe LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, halte ihn für einen sehr beachtlichen und noch dazu höchst eigenständigen Beitrag des europäischen Horrorkinos. Mal sehen, ob ich die Sequels jetzt noch nachschiebe. Ist eigentlich mal wieder an der Zeit.

Das vorläufige Ende von Romeros Zombie-Zyklus stellt nach dem katastrophalen DIARY OF THE DEAD fast zwangsläufig wieder eine deutliche Verbesserung dar, kommt im direkten Vergleich mit Meisterwerken wie NIGHT OF THE LIVING DEAD, DAWN OF THE DEAD, DAY OF THE DEAD oder selbst LAND OF THE DEAD aber dennoch einer herben Ernüchterung gleich. Nicht nur, dass SURVIVAL OF THE DEAD seinen Vorgängern inhaltlich kaum noch etwas hinzuzufügen hat, er sieht dabei auch so gnadenlos billig aus, dass es wehtut. Der Look des Films ist farbarm, matschig und lieblos, und wüsste man nicht, es hier mit einem Film von Romero zu tun zu haben, man könnte vermuten, es handele sich bei SURVIVAL um einen der zahlreichen Quasi-Amateur-Splatterfilme, die vor allem in den Neunzigerjahren den Markt fluteten. Mit seinen grauenhaften, peinlich plakativ eingesetzten CGI-Effekten schrammt der Film zudem mehrfach haarscharf an der tumben Splatterkomödie vorbei. Klar, Humor war vor allem in DAWN OF THE DEAD schon ein wichtiges Stilmittel gewesen, aber wenn hier ein Zombie mit einer Gabel samt aufgespießter Bratwurst gekillt wird, wird eine Niveaugrenze unterschritten, die bis einschließlich LAND stets gewahrt geblieben war.

Die Story, die wieder einmal darum kreist, wie es nicht so sehr die Zombies, sondern vor allem die Menschen selbst sind, die ihren eigenen Untergang besiegeln, indem sie es nicht schaffen, zusammenzuarbeiten und ihre Animositäten zu begraben, ist mittlerweile reichlich abgedroschen, präsentiert einen alternden Filmemacher auf Autopilot, der von seiner eigenen Kreation gelangweilt scheint, aber weiß, dass er von ihr als einziges noch profitieren kann. Irgendwo tief drinnen in SURVIVAL OF THE DEAD steckt eine ganz hübsche Idee, generell ist es nicht verkehrt, dass Romero sich entschieden hat, zur Intimität von NIGHT zurückzukehren, aber am Ende ist der ganze Film kaum mehr als ein unnötiger Wurmfortsatz, dessen Verlust niemand wirklich bedauern würde. Nachdem zuvor immer mal wieder die Rede von der Flucht auf eine Insel war, macht SURVIVAL OF THE DEAD damit ernst, verlegt die Handlung auf Plum Island, ein kleines Eiland vor der US-amerikanischen Ostküste, wo die Clans der O’Flynns und der Muldoons seit Jahrhunderten verfehdet sind. Während das aktuelle Oberhaupt der Muldoons (Richard Fitzpatrick) der Meinung ist, man müsse die Zombies am Leben halten, um eine Heilung zu finden, richtet O’Flynn (Kenneth Welsh) gnadenlos alles hin, was schon untot ist oder es werden könnte. In diesen Konflikt platzt der marodierende Sarge (Alex van Sprang, der mit seinen Leuten einen Ort sucht, an dem man leben kann, ohne täglich mit dem Tod rechnen zu müssen. Plum Island scheint ein idealer Ort, aber seine Bewohner sind in ihrer idiotischen Feindschaft erpicht darauf, auch ihn zur Hölle zu machen. Und das tun sie dann auch, damit am Schluss das mittlerweile gewohnte Massaker stattfinden kann und der Protagonist zu neuen Ufern aufbrechen muss.

SURVIVAL OF THE DEAD erinnert mit seinen erbitterten Feinden, die gar nicht mehr genau wissen, warum sie sich eigentlich hassen, etwas an das amerikanischste aller Filmgenres, den Western, kehrt somit zum Kern der US-amerikanischen Faszination mit Waffen und Gewalt zurück. Romero findet durchaus einige schöne Bilder: Die zombifizierte Tochter O’Flynns, die auf ihrem schwarzen Pferd ziellos über die Insel galoppiert, die von Muldoon in ihrer alten Tätigkeit gefangenen Zombies (ein ehemaliger Briefträger, fristet sein Dasein damit, immer und immer wieder ein und denselben Brief in einen Briefkasten zu werfen), abschließend das Bild der nun selbst zu Untoten gewordenen Erzfeinde, die auch in diese Zustand nichts anderes als den gegenseitigen Hass aufeinander kennen. Aber insgesamt ist SURVIVAL OF THE DEAD von alten Glanzzeiten weit entfernt und das einzige, das wirklich noch für ihn einnimmt, sind Nachsicht und Nostalgie. Es gibt ganz gewiss Hunderte von deutlich mieseren Zombiefilmen, aber für den Begründer und Meister des Genres liegt die Messlatte dann doch etwas höher. Ich kann mit SURVIVAL OF THE DEAD einigermaßen leben, begrüße seine Existenz allein schon deshalb, weil DIARY damit nicht den tragischen Endpunkt des Zyklus bildet, frage mich aber dennoch, was nach LAND OF THE DEAD eigentlich schief gelaufen ist.

Mit LAND OF THE DEAD erwies sich George A. Romero im Alter von 65 Jahren als scharfer Kapitalismuskritiker, der sich seinen Biss trotz dritter Zähne bewahrt hatte, und schaffte das Wunder, auch nach 20 Jahren an die hohe Qualität seiner legendären Zombietrilogie anknüpfen zu können. Mit DIARY OF THE DEAD versetzte er jenen seiner Zuschauer, die nun verständlicherweise glaubten, Romero könne mit „seinen“ Zombies einfach nichts falsch machen, einen herben Dämpfer. Teil 5 des Zyklus, im Stile der seit dem Erfolg von THE BLAIR WITCH PROJECT reüssierenden Found-Footage-Filme inszeniert, zeigt einen Filmemacher, der mit seinem Thema – irgendwas mit Medien – hoffnungslos überfordert ist und leider auch als Erzähler auf ganzer Linie versagt. DIARY OF THE DEAD beginnt schwach und von da an geht es 90 Minuten lang abwärts.

Anstatt seinen Zyklus chronologisch fortzusetzen, wie er das bisher mit jedem neuen Teil getan hatte, springt Romero mit DIARY OF THE DEAD zum Ausbruch der Zombieseuche zurück, die er jedoch in die Gegenwart verlegt. Die erste Attacke sehen wir durch das Objektiv einer Fernsehkamera, danach wendet er sich einer Gruppe Filmstudenten zu, die bei den Dreharbeiten zu einem Mumienhorrorfilm (eine von vielen unerklärlichen Entscheidungen) von Nachrichten über die Apokalypse überrascht werden. Sie besteigen ihr Wohnmobil und begeben sich auf die Fahrt nach Hause, quer durch entvölkerte Landstriche, die Kamera, die alles für die Nachwelt festhalten soll, immer im Anschlag. Via Voice-over-Narration wird viel über die Unglaubwürdigkeit der Medien und über Manipulation schwadroniert, immer wieder erklärt, dass das neue Filmmaterial irgendwo im Netz hochgeladen werde, um dieser Manipulation etwas Wahrhaftigkeit entgegenzuhalten, aber all das wirkt wie nachträglich übergestülpt und ergibt im Kontext des Filmes keinerlei Sinn: Diese Manipulation, von der da geredet wird, findet im Film einfach nicht statt, es gibt keinerlei Beleg für die immer wieder konstatierte Unzuverlässigkeit der Bilder. Man ahnt zwar, was Romero meint, weil die Protagonisten Wirklichkeit durch das ständige „Draufhalten“ selbst konstruieren, anstatt sie nur abzubilden, aber richtig entwickelt wird das nicht. DIARY OF THE DEAD verdient sich die Bedeutungsschwere, mit der er aufgeladen ist, zu keiner Sekunde. Die Roadmovie-typische Episodenhaftigkeit, das miserable Spiel der Darsteller, ihre durch die Bank unsympathischen und schablonenhaften Protagonisten, die grauenhaft steifen Dialoge, die fehlgeleiteten Ausflüge Richtung Splatterkomödie: Das alles ergibt niemals ein homogenes Bild, außer dem eines konfusen Fehlschlags, bei dem der Regisseur schon früh die Zügel aus der Hand verloren hatte – wenn er denn überhaupt jemals wusste, was er eigentlich sagen wollte. Der Film macht den Eindruck, als wollte Romero sich an einem von ihm für irgendwie „modern“ und „innovativ“ gehaltenen Stil versuchen, ohne diesen jedoch jemals wirklich verstanden zu haben. Die Möglichkeiten der Affektsteuerung, des Spannungsaufbaus und der Überraschung, die der Found-Footage-Stil bietet und die ihn auszeichnen, werden zu keiner Sekunde auch nur annähernd ausgeschöpft, die inflationäre Erwähnung von Internet und Youtube wirkt wie das verzweifelte Buhlen um die Aufmerksamkeit der „Kids“. Als wollte Thomas Gottschalk erklären, was Hip-Hop ist. Furchtbar.

Ich habe DIARY OF THE DEAD gestern zum ersten Mal seit seinem Einsatz bei den Fantasy Filmfest Nights 2008 gesehen, wo er mir seinerzeit sogar ganz gut gefallen hatte. Ich kann mir das heute nur noch mit der damals vorherrschenden Freude darüber erklären, einen weiteren Zombiefilm aus der Romero-Schmiede auf großer Leinwand sehen zu können, mit einem Fehlen kritischer Distanz. Die Sichtung gestern hielt nicht nur eine herbe Ernüchterung bereit, sie war eine von Minute zu Minute größer werdende Qual. Es ist Romeros schlechtester Film und bisher der schlimmste, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Ein Desaster.