Mit ‘Zombies’ getaggte Beiträge

SHOCK WAVES schiebe ich nun schon seit ziemlich genau zwei Jahrzehnten vor mir her. Grund für die Zurückhaltung waren die doch eher verhaltenen Rezensionen, die den Film stets als eher ereignisarm und für einen Zombiefilm vor allem unblutig bewerteten. Vor allem letzteres war gerade in meiner Jugend noch ein schwer wiegender Makel und im Grunde genommen Ausschlusskriterium. Heute ist das zum Glück anders und da schätze ich an Wiederhorns Film vor allem dieses Understatement, die irgendwie unfreundliche, albtraumhafte, nicht richtig greifbare Atmosphäre, die sein SHOCK WAVES verströmt, und die manch Unbedarfter, dessen Antennen nicht richtig justiert sind, als „Langeweile“ und „Blutarmut“ bezeichnen mag.

Heute werden Nazis im Film ja regelmäßig grotesk überzeichnet und so sehr die realen Vorbilder dies mit ihrer bizarren, Science-Fiction- und Okkultismus-Ansätze verbindenden Philosophie von Menschenzucht und Selektion, den SM-Uniformen und der Vorliebe für schnarrenden Akzent und markige Sprüche auch nahelegen mögen, der Horror, den sie mehr als ein Jahrzehnt lang in Europa verbreiteten, tritt hinter solchem Firlefanz dann doch immer wieder in den Hintergrund. Filme wie der nervige DØD SNØ oder IRON SKY (lieber schneide ich mir was ab, als den zu gucken) benutzen Nazis als popkulturelle Ikonen, die ein diffuses Gemisch unterschiedlicher Signale aussenden: irgendwie komische Typen, mit einem gewissen Stilbewusstsein und einem Hang zu Perversion, One-Liner und creative killings ausgestattet, eine ideale Kombination für die Gorebauern-Schlachtplatte. In SHOCK WAVES kommen die Nazis hingegen deutlich abstrakter, enigmatischer daher: Ja, sie tragen Uniformen, sind allesamt platinblond, gehen ihrem Mordhandwerk mit schweigsamer Effizienz nach und sind das Ergebnis von makabren Experimenten, aber als Witzfiguren taugen sie überhaupt nicht.

Das muss eine Gruppe Schiffbrüchiger erfahren, die auf einer anscheinend verlassenen Insel landen. Ein alter deutscher SS-Mann (Peter Cushing), der einzige Bewohner, klärt sie dort darüber auf, dass die Gewässer um die Insel von dem von ihm im Zweiten Weltkrieg befehligten „Toten Corps“ heimgesucht werden, einer Nazi-Spezialeinheit, die zum Überleben unter Wasser speziell für den U-Boot-Krieg modifiziert wurden. Diese Unterwasser-Nazis, mittlerweile zombifiziert, freuen sich über die neuen Opfer, die sie nun nacheinander zu sich ins nasse Grab zerren. Das ist eine zugegebenermaßen schwer schluckbare Prämisse, die aber genau deshalb funktioniert, weil Wiederhorn sich gar nicht lang damit aufhält, sie weiter zu erklären und vergeblich glaubhaft zu machen. Richtig unheimlich sind die Nazis nicht, dazu ist das Bild ihrer aus dem Wasser auftauchenden Blondschöpfe dann doch etwas zu grell, aber es ist eben die Unterkühltheit und Distanziertheit, mit der sie inszeniert werden, die SHOCK WAVES ausmacht. Die Erlebnisse der Schiffbrüchigen werden als Erinnerung der einzigen Überlebenden in Rückblende erzählt und das legt von Anfang an einen eisigen Schleier über den Film. Die Musik von Richard Einhorn, die ich hier mal vorsichtig als „europäisch“ bezeichnen würde, trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass SHOCK WAVES entgegen seines Comic-Plakats und der nach Slapstick-Humor schreienden Grundidee tatsächlich sehr unfreundlich, ungemütlich und irreal rüberkommt. Kein vergessenes Meisterwerk, dafür ist er in seiner ganzen Plotabwicklung dann doch zu stromlinienförmig, aber ein hübscher kleiner Querschläger, der mehr mit den italienischen Karibikfilmen von Joe D’Amato gemein hat als mit dem typisch US-amerikanischen Scareflick für die Halloween Season.

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Der erste RESIDENT EVIL wurde damals nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen, von der Kritik sowieso nicht, das war eh nicht zu erwarten gewesen, aber auch nicht von den Fans des Videospiels, für die der Film wohl in erster Linie gemacht worden war. Die Folgeteile hatten danach noch mit dem Stigma der trashigen Serienware zu kämpfen, sodass vielen Menschen entging, dass das Franchise mit RESIDENT EVIL: EXTINCTION, RESIDENT EVIL: AFTERLIFE, mit Abstrichen auch RESIDENT EVIL: RETRIBUTION Zauberwerke des Genrekinos hervorbrachte, Filme, die mindestens einfalls- und erfindungsreich, visuell bisweilen brillant waren, in ihren besten Momenten die Frage aufwarfen, ob das das jetzt wirklich noch klassisches Erzählkino ist oder nicht doch schon Avantgarde. Paul W. S. Anderson, von vielen verlacht, erwies sich als großer Stilist und Bilderstürmer der Exploitation, der unbesungene Klassiker schuf, während Wichtigtuer wie Nolan für ihre aufgeblasenen Langweiler vom Feuilleton emphatisch beklatscht wurden. Meine Vorfreude vor dem zumindest dem Titel nach letzten Teil der Serie war demnach groß, die Ernüchterung kaum zu beschreiben. Wahrscheinlich musste es so kommen.

Die erwähnte überbordende Kreativität, mit der Anderson das Franchise zu einer wahren Wundertüte an grandiosen Bilder, irrwitzig komponierten Set-Pieces und dekonstruktivistischen Erzählideen verwandelt hatte, ist nun leider dahin. Wo vorher jedes Bild eine Offenbarung war, herrscht nun monochrome Langeweile und leerer Bombast, der meist auch noch ziemlich hässlich aussieht. Und anstatt komplett freizudrehen, wie das zuvor der Fall gewesen war, lässt sich Anderson von einem Drehbuch einschnüren, das einzig dem Zweck verpflichtet scheint, eine überkomplizierte Geschichte zu Ende zu erzählen, die doch eigentlich eh nie wirklich von Interesse war. Die Story hatte nie mehr geliefert, als das Setting, das man in alle Richtungen erkunden konnte, hier wird so getan, als habe man tatsächlich sechs Teile durchgehalten, um zu erleben, wie die Welt vom T-Virus befreit wird. Die letzten 30 Minuten sind eine mit expositionellem Dialog und unangemessenem Pathos überfrachtete Tortur, die noch dadurch ad absurdum geführt wird, dass dann mit der letzten Dialogzeile doch wieder das Hintertürchen für eine Fortsetzung aufgestoßen wird.

Auch visuell ist THE FINAL CHAPTER eine einzige Enttäuschung: Der ganze Film ist grau und hässlich, die Actionsequenzen sind einfallslos und vom Schnitt grotesk zerhackt. Selbst Milla Jovovich, Andersons Muse, der er mit den vorangegangenen Filmen ein Denkmal gesetzt und die es ihm mit endlos coolen Performances gedankt hatte, wirkt hier müde und gelangweilt, turnt unelegant durch die wie auf Autopilot inszenierten Fights. Hatte Anderson sich zuvor mit jedem Film etwas neues einfallen lassen, immer höhere Metaebenen erklommen, entwickelt er sich hier meilenweit zurück und legt einen Film vor, der unangenehm an billige DTV-Rip-offs aus den späten Neunzigern erinnert. Ich hoffe, dass er die Freude und Ernergie wiederfindet, die man seinen besten Filmen stets angemerkt hat, anstatt sich widerwillig Projekten zu widmen, mit denen er offensichtlich „fertig“ ist, denen er nichts mehr zu geben hat. Mit RESIDENT EVIL. THE FINAL CHAPTER hat er niemandem einen Gefallen getan, am wenigsten sich selbst.

„Seil“, wie PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI unter deutschen Fulci-Fans in Abkürzung seines kongenialen deutschen Verleihtitels gern genannt wird, war von seinen Splatterepen immer der, den ich am wenigsten mochte. Das änderte sich erst bei der (jetzt auch schon wieder gut zehn Jahre zurückliegenden) letzten Sichtung, in der er mich in seiner ganzen surrealen, akausalen Schönheit offenbarte. In meinem Text zu L’ALDILA schrieb ich im vergangenen Jahr, dass es sich bei diesem eigentlich eher um einen Endzeitfilm as um einen klassischen Zombiefilm handelte, weil die Zombies eher als geisterhafte Sendboten der Apokalypse auftreten denn als hungrige Menschenfresser. Auf PAURA trifft das auch zu; genau genommen sind sich die beiden Filme so ähnlich, dass man L’ALDILA fast als Remake bezeichnen könnte: Er ist etwas ausgefeilter, seine Set Pieces sind spektakulärer, die Effektszenen breiter, zahlreicher und garstiger, die Bilder prächtiger, aber die „Story“, sofern man von einer solchen sprechen mag, ist nahezu identisch. Hier wie dort geht es um den Zusammenbruch der Welt, wie wir sie kennen: Gräber öffnen sich, Tote wandeln plötzlich durch die Straßen, geisterhafte Wesen materialisieren sich aus dem Nichts und verschwinden genauso spurlos wieder. Ein Mann und eine Frau stellen sich dem Spuk, doch am Ende können auch sie nichts ausrichten: Das Bild zersplittert, die Wirklichkeit zerbricht, zurück bleibt bodenlose Schwärze.

Der größte Unterschied zwischen beiden Filmen ist das Tempo: PAURA lässt sich viel Zeit und springt zwischen verschiedenen Charakteren hin und her, die zunächst nicht viel miteinander zu tun haben: Da ist das Medium Mary (Catriona MacColl), die eine Vision vom Unheilsort hat, daraufhin in einen kataleptischen Zustand verfällt und lebendig begraben wird, sowie der Reporter Peter (Christopher George), der in ihrem geheimnisvollen Todesfall recherchiert, sie gerade noch aus ihrer misslichen Lage retten kann und sich gemeinsam mit ihr auf den Weg in die dem Untergang geweihte Stadt Dunwich begibt. In Dunwich selbst rätseln der Psychotherapeut Gerry (Carlo Di Mejo), seine Patientin Sandra (Janet Agren), der Mechaniker Mr. Ross (Venantino Venantini) sowie diverse andere über die seltsamen Vorgänge, während der derangiert wirkende Bob (John Morghen) orientierungslos durch die Straßen stapft. Ich habe PAURA diesmal leider als etwas träge und umständlich empfunden: Fulci versucht eine Atmosphäre des drohenden Unheils aufzubauen, aber er tritt dabei  über weite Strecken auf der Stelle, weil es bis kurz vor Schluss keine richtige Zuspitzung der Ereignisse gibt. Vielleicht war meine Ungeduld aber auch ein Resultat der Verbindung aus Müdigkeit und der wie immer eher zweckdienlichen englischen Synchronisation, die nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Dennoch hat PAURA natürlich wunderschöne Ideen, wie gewohnt einen fantastischen Score von Fabio Frizzi und es gelingt Fulci auch durchaus, dieser verquere Stimmung zu erzeugen, die den Bezug auf Lovecraft rechtfertigt.

Ein sehr tolles Element, das mir vorher noch nie so aufgefallen ist, ist die Präsenz von Christopher George: Sein Peter ist der personifizierte Optimismus, den kein Wässerchen trüben kann, und er trägt bis spät im Film ein breites, freundliches Lächeln spazieren, bei dem man nicht so recht weiß, ob es sein Charakter ist oder ob George die Pläne Fulcis sabotieren wollte, so wie es Warbeck in L’ALDILA machte, als er eine Pistole durch den Lauf mit Patronen füllte. Auf jeden Fall macht seine Weigerung, auch angesichts noch so deutlicher Zeichen des drohenden Niedergangs die gute Laune und Hoffnung zu verlieren, ihn nicht nur sympathisch, sondern PAURA auch doppelt tragisch. Seine Unverdrossenheit bekommt etwas Verzweifeltes, Sinnloses, weil die positive Energie, die er verströmt, nichts ändern kann und am Ende unweigerlich enttäuscht werden muss. Aber vielleicht ist er doch der große Gewinner: Während alle mit Leichenbittermiene feststellen, dass alles, woran sie geglaubt haben, zu Staub zerfällt und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, scheint Peter zu ahnen, dass es für den Menschen keine Gewissheit gibt, alles auf Sand gebaut ist und jederzeit von den Gezeiten des Seins fortgerissen werden kann. Er wird nicht Gefahr laufen, der Barbarei anheim zu fallen wie Mr. Ross, der für den Irrsinn, der sich seines Heimatorts bemächtigt, einen Schudigen braucht und sich als Sündenbock den verwirrten Bob ausguckt. Den Drillbohrermord stellte Fulci als „Kritik am Faschismus“ hin, wofür er hier und da verlacht wurde. Ganz Unrecht hatte er damit aber nicht. Und wie könnte ein Film, in dem es um den Zusammenbruch aller Vernunft geht, nicht gegen den Faschismus Stellung beziehen? Die Häme der Kritiker scheint hier einzig und allein einem spießigen Ressentiment gegen den Horrorfilm zu entspringen, dem es anscheinend nicht gestattet ist, zu gesellschaftlichen Missständen Stellung zu beziehen.

 

Auch bei der elfunddrölfzigsten Sichtung immer noch ein Fest: Lucio Fulcis frech und überaus selbstbewusst als Sequel von Romeros Megahit DAWN OF THE DEAD ausgegebener ZOMBI 2. Der Film, mit dem alles begann. Der Lucio Fulcis Wiedergeburt als „Zombie-Opa“ nach stagnierender Karriere als Regisseur von Komödien, Italowestern, Historien-, Gangsterfilmen und Gialli bedeutete und ihn gleichzeitig bis an sein trauriges Ende stigmatisierte. Der Dutzenden von italienischen Regisseuren eine neue, lukrative Richtung aufzeigte. Der eine wahre Flutwelle von Nachahmern aus Südeuropa nach sich zog, die in Deutschland auf besonders großes Interesse der Autoritäten stieß. Und natürlich: Ein Riesenerfolg, nicht zuletzt hier bei uns. Mehr als eineinhalb Millionen Menschn lösten in Deutschland eine Kinokarte für Fulcis Zombiespektakel, das reichte immerhin für Platz 18 in den Kinocharts des Jahres ’79, noch vor Filmen wie DRIVER, THE WARRIORS oder JAWS II. Heutzutage kann man das kaum noch glauben. Man kann die kulturelle und filmhistorische Bedeutung von ZOMBI 2 eigentlich kaum überbewerten.

Und das Schöne: Aus all den Zombiefilmen, die er zusammen mit Romeros großem Vorbild bis heute inspirierte, ragt er motivisch weit heraus. Romero hatte den Zombiemythos ja komplett neu erfunden, ihn von seinen karibischen Ursprüngen vollständig entkoppelt und die Gestalt des Untoten so überhaupt erst in diesem Maße verwertbar gemacht. Der Zombiefilm, wie wir ihn heute kennen, wäre ohne NIGHT OF THE LIVING DEAD überhaupt nicht möglich gewesen. (Wie relevant das Thema zuvor war, sieht man an der Handvoll von Filmen, die sich nach WHITE ZOMBIE von 1932 bis 1969 damit beschäftigt hatten.) Und Fulci? Der nimmt ein Stichwort von DAWN OF THE DEAD-Protagonist Peter und führt uns zurück zu den Ursprüngen des Zombiemythos: nach Matul, auf die „Schreckensinsel der Zombies“, wo sich der versoffene Doktor Menard (Richard Johnson) mit dem Phänomen wiederauferstandener Toter herumschlagen muss und zwei New Yorker – Ann Bowles (Tisa Farrow) und der Journalist Peter West (Ian McCulloch) – sich auf Spurensuche begeben, nachdem in New York das führerlose Boot von Anns Vater mit einem fetten Zombie an Bord angespült worden war.

Fulcis Verdienst ist es, einerseits die Atmosphäre schwüler Bedrohung aus Jacques Tourneurs Gruselklassiker I WALKED WITH A ZOMBIE eingefangen, sie andererseits mit den detailfreudigen Zerlegearbeiten des modernen Zombiefilms kombiniert und dann eine eine direkte Verbindung zwischen den beiden geschaffen zu haben. Am Ende, wenn Ann und Peter zurück nach New York schippern, hören sie im Radio, das die Stadt in der Folge des Bootsfundes am Anfang des Films von Zombies überrannt wird. Bilder zeigen die Untoten, wie sie langsam über die Brooklyn Bridge in Richtung der berühmten Skyline wanken, damit genau jenen apokalyptischen Ton treffend, den Romero mit DAWN OF THE DEAD etablierte. Bis dahin ist ZOMBI 2 eine klassische Geisterbahnnummer, die man fast rührend nennen müsste, wenn einen die ruppigen Effekte von Gianetto de Rossi nicht immer aufschrecken würden. In meinem Kopf geht Fulcis Film eine traute Verbindung mit einem der Horror-Hörspiele ein, die damals wahlweise mit neonroten oder -grünen Covern von Europa erschienen. Matul ist ein geheimnisvolles Eiland, auf dem die wenigen noch lebenden Menschen noch nicht bemerkt haben, dass ihre Heimat von jenseitigen Kräften annektiert wurde, sich genau hier das Tor zur Hölle geöffnet hat, um ihre Diener loszuschicken, die Welt zu erobern. Den ganzen Film über herrscht diese eigenartige Stimmung, eine Art Ruhe vor dem Sturm. Mir ist gestern aufgefallen, wie handlungsarm ZOMBI 2 eigentlich ist: Nach erledigter Exposition besteht der ganze Film eigentlich nur noch aus seinen diversen Set Pieces: Zombie vs. Hai, Olga Karlatos und der Splitter, Conquistadorenfriedhof. Dazwischen guckt Dr. Menard trübsinnig aus der Wäsche und verscharrt Tote in der Hoffnung, dass sie nicht wiederkommen.

In Fulcis Zombie-Oeuvre ist ZOMBI 2 wahrscheinlich der straighteste, aber so viel unterscheidet ihn gar nicht von den surrealen Meisterwerken PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VOVENTI und L’ALDILA. Auch hier wird nichts erklärt, vollzieht sich das Unerklärliche einfach mit erschreckender Banalität, dass der Zuschauer gezwungen wird mitzuerleben wie in einem Traum, in dem er weder die Augen schließen noch sich abwenden kann. Die Kamera agiert seltsam ungerührt von allem, nimmt das alle mit beinahe kindlichem Staunen auf, auch Fulci kommentiert nichts, lässt das alles so stehen. Und Fabio Frizzis Score simuliert sowohl das Klopfen von innen gegen den Sargdeckel wie auch den Trauermarsch für die Menschheit. So geisterbahnknarzig und schwül ZOMBI 2 auch ist, es ist irgendwie auch ein sehr kalter, trauriger, hoffnungsloser Film, in dem keiner noch irgendeine Macht über die Dinge hat. Der Niedergang ist vorgezeichnet, die Zeichen unübersehbar, die Konsequenz unausweichlich. So finster wie bei Fulci war das Ende noch nicht einmal bei Romero.

EDIT: Kurzer Nachtrag: Das Herz des Films schien mir bei dieser Sichtung Auretta Gay als Susan Barrett. Ihre Badeanzug-Szene ist der eine D’Amatoeske Kariberotikmoment, ihr Blick, als ein frisch auferstandener Zombie ihr den Kehlkopf wegbeißt, der blanke Unglauben, den ZOMBI 2 im Wesentlichen zum Thema hat. Und ihr Ende, wenn sie als Wiedergängerin mit leerem Blick vor ihrem von der Erscheinung ins Mark getroffenen Geliebten Brian (Al Cliver) steht, ein Augenblick tiefer Romantik, der bei Fulci natürlich in der blutigen Enttäuschung enden muss.

the-chilling-poster-202x300Oh Gott, was für ein unansehnlicher Käse. Erwartet hatte ich popcornigen, effektlastigen Plastikhorrror wie er in den Achtzigern populär war, bekommen habe ich kreuzlangweiligen Billigschlock, bei dem eigentlich gar nichts funktioniert.

Dabei geht es mit der ellenlangen Laufschrift zu Beginn, die den Zuschauer auf den neuesten Stand bringt hinsichtlich der Möglichkeit, sich einfrieren zu lassen, und dann die zwingende Frage stellt, ob diese Errungenschaft der Wissenschaft ein Segen oder nicht doch eher ein Werk des Teufels sei, immerhin noch putzig los. Man ahnt schon: Von jemandem, der in diesen Kategorien denkt, sollte man nicht allzu viel erwarten. Und so kommt es dann auch.

THE CHILLING ist streng genommen nichts anderes als ein Zombiefilm und eine freche Kopie von Dan O’Bannons THE RETURN OF THE LIVING DEAD noch dazu. Dr. Miller (Troy Donahue) ist der Kopf hinter Universal Cryogenics, einer Firma, die Menschen auf Wunsch hin einfriert. In Wahrheit ist die ganze Unternehmung aber nur Tarnung für einen florierenden Organhandel. Eines Nachts schlägt der Blitz in das Lagerhaus mit den Cryo-Tanks ein, woraufhin  die Eingefrorenen wieder auferstehen. Metzelmurks und Ende.

Man merkt von Anfang an, dass THE CHILLING eiligst runtergekurbelt wurde und der Aufhänger nur zur Vortäuschung einer gewissen Tagesaktualität diente. Dass Promis sich einfrieren lassen wollen oder dies schon getan haben, ging damals durch die Presse und der Film macht dann auch mit den Namen Disney, Roosevelt und Michael Jackson auf. Danach regiert jedoch die totale Beliebigkeit: Das Drehbuch hat es noch nicht einmal hinbekommen, eine echte Hauptfigur zu entwerfen. Linda Blair tritt auf als Assistentin von Dr. Miller, die sich der Wünsche des Klienten Davenport (Jack De Rieux) annimmt, der kurz hintereinander seine Frau und dann seinen verbrecherischen Sohn auf Eis legen lässt. Zwischen beiden entspinnt sich eine sehr halbherzige, sehr unglaubwürdige und vor allem sehr überflüssige Liebesgeschichte und der Film wendet sich der Arbeit zweier Nachtwächter zu, von denen einer von Dan Haggerty gespielt wird. Die beiden langweilen sich, müssen dann mit einem Stromausfall klarkommen und sich schließlich der Tiefkühlzombies annehmen, die aussehen wie grüne Gummimenschen. Das läuft dann so ab, dass da ewig lang im Dunkeln rumgekraucht und Spannung vorgegaukelt wird, wo einfach nur völlige Inkompetenz vorherrscht. Am Ende latscht dann noch ein Zombie mit Rauschebart durchs Bild, im Hintergrund sieht man einen Cryo-Tank mit der Aufschrift „A. Khomeini“. Und ein Sequel wird natürlich auch angeteasert, das dann aber glücklicherweise nicht mehr realisiert wurde.

Nee, hier geht gar nix, bei allem Wohlwollen. Auf die Geschichte wurden wohl maximal fünf Minuten verwendet, THE CHILLING ist dazu noch grausam unansehnlich, die Effekte beschissen, Spannung oder gar Schauder sucht mag ganz vergeblich. Dieser ganze Cryo-Kram hätte ja durchaus Stoff für einen Horrorfilm hergegeben, aber der Schrecken, aus dem Tiefkühlschlaf aufzuwachen und festzstellen, dass nichts mehr so ist wie vorher, hätte definitiv intelligentere Menschen gebraucht als die beiden Filmemacher, deren Regiekarriere nach diesem Rohrkrepierer wenig überraschend schon wieder vorbei war.

geisterstadt-deWas soll man zu diesem Wunderwerk noch sagen? Die Sternstunde von Fulcis Splatter-Ära ist ein einziger Rausch, der auf der großen Leinwand seine ganze transzendierende Kraft entfaltet. Mittlerweile muss man den Film ja glücklicherweise auch nicht mehr vor solchen Leuten in Schutz nehmen, die den Gore zwar total knorke finden, aber ansonsten der Meinung sind, dass „die Story voll unlogisch“ sei. Genau darum geht es schließlich: In L’ALDILA bricht die Logik des Albtraums in die uns bekannte Welt ein und zersetzt sie, bis nichts mehr übrig ist. Die Apokalypse besteht nicht aus einer Atombombenexplosion und nuklearer Verseuchung, auch nicht aus einer tödlichen Epidemie, sie ist der Zusammenbruch aller Logik, der Gesetze von Zeit und Raum. Tote erwachen plötzlich zu neuem Leben, Menschen, die nicht existieren dürften, existieren, Baupläne verschwinden von den Buchseiten, auf denen sie gedruckt waren, eine Bibliothek wird von einer Tarantelplage heimgesucht, eine Kellertür führt in ein altes Gemälde, das die Hölle als endlose Staubwüste darstellt.

In meinem aus dem Stegreif improvisierten kleinen Einführungsvortrag schlug ich daher auch vor, dass man L’ALDILA doch am besten als metaphysischen Endzeitfilm, anstatt als Zombiefilm verstehen sollte. Wie wenig Fulci sich tatsächlich für den Romero’schen Zombiemythos interessiert (auch schon in seinem PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI), wurde mir dann aber auch erst während des Films richtig klar. Romero modernisierte ja den klassischen, dem Voodoo-Glauben entstammenden Zombiemythos, indem er die lebenden Toten zum Gleichnis für die vom Kapitalismus geknechteten Massen uminterpretierte, die sich erheben, um aufzubegehren. Dafür kreierte er auch eine Art „Regelwerk“, wie man es auch aus den Vampirfilmen kennt: Woher der erste Zombie kommt, bleibt zwar unklar, doch sein Biss infiziert seine Opfer, die wenig später selbst zu stumpf umherirrenden Menschenfressern werden und nur durch einen Kopfschuss erlöst werden können. Charakteristisch für diese sozialkritischen Zombiefilme ist die seuchenartige Streuung der Infektionen und die betonte Sachlichkeit der Darstellung, die jedes übersinnliche Element tilgt. Das Auftreten der Zombies ist vorhersagbar, genauso wie ihr Verhalten und die Folgen ihrer Bisse. Der einzige Zombiefilm Fulcis, für den das gilt, ist ZOMBI 2 (der lediglich wieder ein bisschen Voodoo-Folklore beimengt), aber sowohl PAURA als auch L’ALDILA setzen die Zombies eigentlich eher ein wie Geister, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen und keinerlei Naturgesetzen unterworfen zu sein scheinen. Manchmal stehen sie auch einfach nur drohend herum, einen Impuls, unbedingt Menschenfleisch verspeisen zu wollen, lassen sie nicht erkennen. Was sie als einziges mit den Romero-Zombies verbindet, ist ihre Zeichenhaftigkeit: Sie sind gewissermaßen die Sendboten des Untergangs, die manifesten Anzeichen dafür, dass das Ende bevorsteht. Aber dieses Ende lässt sich bei Fulci eben nicht dystopisch deuten. Es gibt keine „Aussage“, die man aus L’ALDILA bergen könnte, er ist ein rein ästhetisches Statement. Und was für ein meisterliches! Schade, dass es so lange gedauert hat, bis das verstanden wurde und die einzige Zuwendung, die seine Splatter-Epen lange Zeit erfuhren, jene von sensationslüsternen Videokindern, kunstfeindlichen Beamten und verkniffenen Sittenwächtern war. Was für ein Glück, dass diese dunkle Zeit zu Ende ist.

le-notti-eroticheWie gut, dass ich diesen Film erst heute, im Trenchcoat-kompatiblen Alter, und nicht damals, während meiner jugendlichen Sturm- und -Drangphase der Splatterfilm-Leidenschaft gesehen habe. Ich hätte seine somnambule, sonnendurchflutete Langsamkeit, seinen wie Luftfeuchtigkeit träge im Raum hängenden Hauch von Plot, der sich verflüchtigt, nachdem er einem nur sanft den Schritt befeuchtet hat, nicht zu schätzen gewusst. Stattdessen hätte ich mich gewiss königlich gelangweilt und mich über die miserablen Make-up-Effekte geärgert, bei denen Meister Schmalhans Küchenmeister war. Ich hätte Joe D’Amato, wie es heute immer noch vielerorts üblich ist, als Dilettanten beschimpft und des frechen Etikettenschwindels bezichtigt. Und den hart und pochend hervorstechenden, dann wieder warme und feuchte Geborgenheit bietenden Verlockungen der Hardcore-Fassung hätte ich mich schon gleich aus Prinzip verschlossen. Ignoranz, das Privileg der Jugend.

Vom lieben Christoph Draxtra von den Eskalierenden Träumen habe ich mir erklären lassen, das LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI (deutscher Titel: IN DER GEWALT DER ZOMBIES) zu D’Amatos „dominikanischem Zyklus“ zu zählen ist, einer Gruppe von ca. vier, fünf Filmen (zu denen auch der tolle PAPAYA DEI CARAIBI gehört), die der Meister Ende der Siebziger/Anfang der Achtzigerjahre in der dominikanischen Republik, wahrscheinlich wenigstens teilweise back-to-back gedreht hat. Sofern ich das nach zwei gesehenen Teilen behaupten kann, zeichnen sich diese Filme durch ein sommerliches Urlaubsflair, Improvisation, Langsamkeit und Leere, viel spontan anmutenden Sex und ein sehr entspanntes Verhältnis zu „Handlung“ oder „Dramaturgie“ aus. In beiden Fällen dient die Genrefilmschablone lediglich dazu, den Film in Gang zu schieben, einen Startpunkt zu haben, von dem aus man den losen Lauf der Dinge mal hierhin mal dorthin mäandern lassen kann. Die Darsteller genießen, wahrscheinlich ebenso wie die Crew, Sonne, Meer und die makellose Haut der einheimischen Schönen, die bescheidenen Erfordernisse der Regie und die Beglückungen des trägen Müßiggangs fließen untrennbar ineinander, befruchten sich in einem ausdauernden, zärtlichen Gangbang ständig gegenseitig. LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI dürfte der mit Abstand entspannteste und gleichgültigste Zombiefilm aller Zeiten sein, und wenn D’Amato am Ende noch einmal ein bisschen auf die Tube drückt, um die Illusion eines Horrorfilms aufrechtzuerhalten, dann möchte man ihm aus halb liegender Position und mit dem Cuba LIbre in der Hand zurufen: „Mach dich mal locker, Joe! Komm her, setz dich rüber zu uns in den Sand. Wir haben doch Zeit. Und die Laura möchte gern fummeln!“

Ich bin gegen Ende ein bisschen weggeschlummert und wenn ich wieder zu mir gekommen bin, habe ich festgestellt, eigentlich nix verpasst zu haben. Es liegt etwas unheimlich Anheimelndes, Vertrauenerweckendes in diesem Film. Man kann gut bei ihm einschlafen und muss sich nicht fürchten, völlig desorientiert aufzuwachen oder gar von fiesen Geräuschen aufgeschreckt zu werden. Man kann Urlaub machen mit LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI. Und wenn man die Zombies nicht ärgert, dann lassen sie einen auch in Ruhe.