6. mondo bizarr weekender: macho man (alexander titus benda, deutschland 1985)

Veröffentlicht: Februar 8, 2020 in Film
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Ich muss an dieser Stelle ja eigentlich nicht mehr viel über MACHO MAN sagen. Der Film genießt nicht nur in seiner Heimatstadt Nürnberg – wo er Jahr für Jahr im Open-Air-Kino aufgeführt wird und für eine volle Hütte sorgt – Kultstatus, sondern längst bei Freunden des abseitigen Films in ganz Deutschland. Wenn man will, kann man MACHO MAN, den man noch vor 20 Jahren mit viel Glück von den Grabbeltischen der Videotheken bergen musste, heute als Bootleg-DVD kaufen und vor zwei Jahren erschien sogar eine Fortsetzung. Der Platz in den Geschichtsbüchern ist MACHO MAN sicher, wenn auch nicht so, wie sich seine Hauptfiguren das vielleicht gedacht hatten. Mit einem bundesdeutschen Actionfilm hätte Regisseur Benda anno 1985, als der Film seinen deutschen Kinostart (!) erlebte, echte Pionierarbeit leisten können, doch leider scheiterte das Unterfangen an Inkompetenz und Eitelkeit. So ist MACHO MAN vor allem das Zeugnis einer – allerdings ziemlich tristen – Wahnvorstellung und der ehrfurchtgebietenden Mode der damaligen Zeit. Aber was für eines!

Die Lehre, die man aus MACHO MAN ziehen muss, ist entgegen den Intentionen des Drehbuchs nicht so sehr, dass ein gut trainierter Körper einen gesunden Geist beherbergt oder es tapferer junger Männer bedarf, um der Probleme unserer Zeit Herr zu werden, sondern dass Eitelkeit ein sehr, sehr schlechter Ratgeber ist, wenn man einen Film dreht. Weller und Althof nutzen die sich ihnen gebotene Gelegenheit, um sich in die Brust zu werfen und kommen dabei wahlweise rüber wie ein zugekokster Kleinwüchsiger, der seine Minderwertigkeitskomplexe hinter absurden Klamotten versteckt (Weller) oder wie der sportliche Zwilling von Spongebobs Kumpel Patrick (Althof). Ich mache den beiden keinen Vorwurf: Natürlich fanden sie es geil, die harten Kerls in einem harten Actioner zu geben und nebenbei auch noch an Bea Fiedler respektiv Jacqueline Elber rumschrauben zu dürfen, natürlich ergriffen sie die sich bietende Gelegenheit und natürlich hatten sie keine Ahnung, dass sie dabei nicht wie die obercoolen Dudes, sondern wie zwei peinliche Trottel rüberkommen mussten. Der Film profitiert immens von der Unbedarftheit seiner Hauptdarsteller, ihrer Bereitschaft, sich ins Zeug zu legen und mitzumachen bei der infantilen Zelebrierung eines Männerbildes, das in dieser reinen, unverschnittenen Form wohl nur unter besonders minderbemittelten Türstehern zu finden ist.

So grobschlächtig MACHO MAN auch ist – Drogen böse, René geil, Peter geil, Sport geil, Brüste geil, Klamotten geil -, so sehr ist es doch ein Film, bei dem es sich lohnt, auf die kleinen Details zu schauen: Darauf etwa, wie Dr. Fischer das Medikament für die Mittelohrentzündung seiner Patientin direkt aus der mit bunten Arzneipäckchen vollgestopften Schrankwand seines Behandlungszimmers nimmt und ihr in die Hand drückt. Wie er den verletzten Andreas (Peter Althof) danach von Sanitätern auf einen Schemel setzen lässt und als erstes den Reflexhammer rausholt. Auf den Deppen-Apostroph auf dem Schild des Gebrauchtwagenhändlers, der, man ahnt es bereits, „Auto’s“ verkauft. Auf das selbstgemalte Ankündigungsplakat für den Freundschaftskampf zwischen Dany (René Weller) und Andreas. Auf die Korea-Flagge über Andreas‘ Bett und das Glas Schwartau-Marmelade auf Danys Frühstückstisch. Auf die geilen „Grafittis“, die die Wände der Wohnung der Drogendealer zieren (Totenkopf, Sex Pistols, Herz mit Pfeil, Penis, „Gift“). Bemerkenswert sind unerklärliche Handlungsdetails wie die drogentote Schwester Sandras (Bea Fiedler), die diese schon wenige Minuten später vollkommen vergessen hat, um mit Andreas und Dr. Fischer zu einem Boxkampf von Dany zu gehen. Oder die Tatsache, dass zum Personal Training in Andreas‘ offensichtlich bundesweit bekannter Karateschule die persönliche Abholung am Flughafen, die anschließende Stadtrundfahrt vorbei an Nürnbergs Sehenswürdigkeiten und die körperliche Zuwendung des Lehrers gehört. Wunderbar außerdem der obligatorische Uhrenvergleich der Helden, bevor diese die komplett holzvertäfelte Stammkneipe der Drogenhändler stürmen. Meine liebste Dialogzeile hat die Arzthelferin Sandra, die auf die Frage Andreas‘, warum sie sich einen Boxkampf ansehe, antwortet: „Man muss doch wissen, was alles passieren kann, und warum.“ Ansonsten besteht ein Großteil der verbalen Austäusche aus der gegenseitigen Versicherung, wie geil der jeweilige Gegenüber doch ist. Die sportlichen Leistungen, die zur Schau gestellt werden, rufen geradezu lüstern klingende Bewunderung hervor: Jimmy, der Dunkelhäutige mit den hässlichen Füßen, ist in den „langsamen Techniken“ einmalig (nein, dabei geht es nicht um Sex), die Breakdancer haben eine „unglaubliche Körperbeherrschung“, Boxweltmeister Dany ist ein Wahnsinnsboxer (der allerdings eine unangenehme Affinität für angeberische Kirmesboxertricks hat) und Andreas ein „Pfundskerl“. Als solcher hat er natürlich einen ihm treu ergebenen Lakaien namens Markus (Michael Messing), der für ihn die Drecksarbeit erledigt und auch schon einmal vorgeschickt wird, um Botschaften zu überbringen, für die sich der Chef selbst zu schade ist.

Am Ende ist MACHO MAN aber natürlich auch der Film, der dem Begriff der Ballonseide eine ganz neue Bedeutung verleiht. Weller, ein ohne Zweifel gut durchtrainierter, aber doch eher schmächtiger Typ, stakst hier in Klamotten herum, die ihn aussehen lassen wie eine transsexuelle Prostituierte: Stiefeletten mit Absatz, um die geringe Körpergröße zu kaschieren, enge, arschbetonte Jeans, dazu auf Hüfte geschnittene, aufgepumpte Blousons. Oder, wenn es in die Disco geht, der metallic-taubengraue Overall im Michelin-Männchen-Style (gibt es auch in Zitronengelb, fürs Schlussbild). Nicht ohne ist auch die zeitlos schöne Kombi aus eng geschnittener Wildlederjacke mit überdimensionalem Pelzkragen und weißem Seidenschal. Die Frauen geben sich alle Mühe, da mitzuhalten, haben aber erwartungsgemäß keine Chance. Bea kommt René mit ihrem goldenen Glitzerabendkleid, mit dem sie die wenig bevölkerte Tanzfläche des „Superfly“ entert und sich dort wiegt und windet, als tanze sie im Spotlight des Studio 54, immerhin recht nahe, Althof und Messing sind mit Leder in verschiedensten Kombinationen mal besser (Althof), mal schlechter (Messing) beraten.

Ich könnte hier jetzt noch eine Weile so weitermachen, aber am Ende ersetzt das die eigene Sichtung natürlich nicht. MACHO MAN ist ein Monument des schlechten Geschmacks und der Verblendung, ein einzigartiger Actionbaddie und natürlich ein eminent bedeutender Beitrag zur deutschen Filmgeschichte. Fahrt im Sommer nach Nürnberg, macht euch ein paar schöne, von köstlichen Landbieren und fränkischer Küche bereicherte Tage, und schaut den Film vor einem euphorisierten Publikum im Freilichtkino. Danach könnt ihr dann beruhigt sterben.

 

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