Mit ‘Drogen’ getaggte Beiträge

Dieser Film mit dem verheißungsvollen internationalen Verleihtitel CANNIBAL MERCENARY ist schierer Exzess in allen Belangen. Er beginnt mit einer Schrifteinblendung, die verkündet, das Folgende seien die Erinnerungen eines Mannes, der den Krieg nicht vergessen könne. Man sieht diesen Mann dann auch gleich auf seiner Pritsche liegen, mit leerem Blick gegen die Decke starren, an der ein Ventilator kreist. Schon nach wenigen Sekunden ist klar: An großen Vorbildern mangelt es nicht, hier wird nicht einfach nur für knackig-kurzweilige Action-Unterhaltung gesorgt, nein, hier wird ein Statement gemacht und gnadenlos nach Hause gehämmert. Zwischen dem Bedürfnis einerseits mit beiden Fäusten ordentlich auf die Kacke zu hauen, andererseits aber auch ein niederschmetterndes Drama über die Conditio humana zu drehen, hat der Regisseur zwar mehr als einmal den Überblick verloren, aber wer will es ihm verdenken? 104 Minuten dauert dieser Hobel, die Orientierung hatte ich aber schon nach fünf verloren: Ein Voice-over vertont die Erinnerungsfetzen des Protagonisten (Alan English), der wohl eine an Polio erkrankte Tochter hat, die man dann auch in einer Rückblende zu Gesicht bekommt. Für den weiteren Verlauf von EMPLOY FOR DIE spielt das keine weitere Rolle: Nur die erste zahlreicher verwirrender Finten oder aber übrig gebliebener Reste eines ursprünglich mal geplanten Filmes. Der Held nimmt dann eine Mission an, die schließlich die eigentliche Handlung ausmacht, aber was nun eigentlich Gegenwart und Vergangenheit bzw. Erinnerung ist, muss man eher durch Ausschlussverfahren erörtern, als dass die Inszenierung dies wirklich klar macht. Dass meine Version nicht nur eine grauenhafte englische Synchro aufweist, sondern auch krasse Farb- und Qualitätswechsel, macht es nicht eben leichter herauszufinden, was Hong Lu Wong sich bei all dem wohl gedacht hat.

Fakt ist aber, dass er ein Vertreter des „Mehr ist mehr“ ist: Nach der kurzen Exposition wird da gute 90 Minuten durch den Busch gekraucht und ein Massaker nach dem anderen veranstaltet. Ständig gibt es irgendwelche kleinen Konflikte, die dann sehr unvermittelt enden, nur um dem nächsten Platz zu machen, Figuren, die aufwändig eingeführt werden, nur um dann auf eine Art und Weise abserviert werden, die in keinem Verhältnis zum zuvor um sie veranstalteten Brimborium steht. Das Drehbuch ist bis zur Unterkante Oberlippe so vollgestopft, dass sich schnell Abstumpfung breit macht und auch inszenatorisch kennt Wong kein Halten: Da hagelt es Leoneske Close-up-Schnittgewitter, die einfach nicht enden wollen, und wenn EMPLOY FOR DIE dann endlich zum Ende kommt, wird auch das noch einmal gnadenlos ausgewalzt. Passend dazu taumelt der Film auch in seinen Gewaltdarstellungen von einer Geschmacksverirrung zur nächsten. Seinen Höhepunkt findet er in einer Szene, in der einer der Söldner vom Schurken, einem vietnamesischen Drogenbaron, und seinen Schergen bis zum Hals vergraben wird: Der Bösewicht hämmert ihm ein Messer in die Schädeldecke und lässt seine kannibalistischen Horden dann das herausquellende Hirn fressen. Dazu dröhnt der planlos zusammengeklaute Soundtrack, auf dem unter anderem Goblins Totentanz aus DAWN OF THE DEAD einen Gastauftritt feiert, ohne jede Modulation beständig auf oberstem Erregungsniveau und raubt einem den letzten Nerv, der aufgrund der ständigen Hektik eh schon arg strapaziert ist.

Als bizarre Kuriosität ist EMPLOY FOR DIE durchaus sehenswert: einer jener ultrabilligen Namsploitationer aus Asien, bei denen man nicht genau weiß, ob das jetzt nun totaler Ramsch oder nicht doch Avantgarde ist. Der Name Thomas Tang huscht durch die Credits und lässt Kenner schon erahnen, was ihnen da bevorsteht. Erratischer und konfuser als hier geht es eigentlich nicht mehr. Ein Fazit fällt schwer: Wirklich anschauen im Sinne von aktiv rezipieren kann man sich das Teil eigentlich nicht, zumindest nicht in der mir vorliegenden Fassung, aber das Chaos hinterlässt schon einen bleibenden Eindruck. Vielleicht ist es sogar genial, einen Film über den Wahnsinn des Krieges so zu realisieren: Es gibt keinerlei Form, EMPLOY FOR DIE durchläuft in jeder Sekunde seiner 104 Minuten einen eigenen Zerfallsprozess.

Meinen letzten Text über Fulcis Film einen „Verriss“ zu nennen, wäre zu viel gesagt; Fakt ist aber, dass ich mit LUCA IL CONTRABBANDIERE damals überhaupt nicht warm geworden bin. Ganz anders gestern, als ich ihn in deutscher Version als DAS SYNDIKAT DES GRAUENS auf großer Leinwand erleben durfte. Was für ein Brett!

Die Diskrepanz zwischen dieser und der vergangenen Sichtung beweist mir mal wieder, dass ich italienische Filme nicht vorschnell aburteilen sollte, wenn ich diese nur mit englischer Synchro genossen habe. Viele der Vorwürfe, die ich beim letzten Mal gegen LUCA IL CONTRABBANDIERE erhob, lassen sich meines Erachtens nur auf die Leb- und Variantenlosigkeit zurückführen, die englische Synchros fast immer „auszeichnet“. Dass einem die Figuren fremd blieben, kann ich nach der gestrigen Sichtung jedenfalls nicht mehr behaupten. Und Sprüche wie „Das ist Ursel aus Frankfurt, sie ist deutsch bis aufs Knochenmark“ knallen einfach wie Peitschenhiebe. Dazu kommt noch, dass Fulcis Inszenierung wirklich erst auf der Leinwand ihre volle Wirkung entfaltet. LUCA IL CONTRABANDDIERE hat einen etwas unscheinbaren Look, der Film ist trüb und farbarm, psychedelische Effektsequenzen wie in seinen Horrorfilmen darf man natürlich auch nicht erwarten, trotzdem ist er eine Augenweide. Die Kamera schwebt immer wieder sanft um die Figuren herum, oft blendet Gegenlicht und belegt das Geschehen kurz mit einem unwirklichen Schleier. Eine frühe Discosequenz, die komplett im Stroboskopgewitter spielt, dürfte für mich ewig weitergehen und Fabio Testi liefert unter der Anleitung Fulcis eine seiner besten Leistungen ab.

Dann ist da natürlich die Gewalt. Die Bunsenbrennerszene brennt sich wahrlich ins Gedächtnis, Dutzende explodierender Köpfe, Brustkörbe und Bäuche lassen einem die Kinnlade herunterklappen. Richtig harter Tobak ist aber eindie ausgedehnte Vergewaltigungssequenz, die im Kinosessel zur wahren Zerreißprobe wird. Die sich zur Kakophonie steigernden Schreie des Opfers und Lucas hilfloser Blick am anderen Ende des Telefons: Das vergisst man nie wieder. Lassen sich viele der in den Siebzigerjahren in Italien entstandene Gangster- und Polizeifilme als chauvinistischer Unfug mit Partycharakter titulieren, wirft LUCA IL CONTRABBANDIERE einen besonders desillusionierten Blick auf das finstere Treiben der Mafia. Lucio Fulci ist eh nicht als großer Spaßvogel bekannt, dieser Film darf als einer seiner trostlosesten angesehen werden.

Ich bin froh, den Film noch einmal in dieser Form gesehen und hier außerdem die Gelegenheit zu haben, vergangene Fehler wiedergutzumachen. LUCA IL CONTRABBANDIERE ist einer von Fulcis besten Filmen.

die-jungen-tiger-von-hongkong„Dieser Film ist hart.“ Das sind die ersten Worte in DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG, gesprochen von einem Voice-over-Kommentator im typischen Duktus der ungefähr zur selben Zeit populären Report-Filme, an deren Erfolg Regisseur Hofbauer ja auch maßgeblich beteiligt war. Es gehe um die orientierungslose Jugend, die Abgründe, in die sie in dieser Orientierungslosigkeit schlittert und natürlich basiere der Film auf „wahren Begebenheiten“, die conditio sine qua non des deutschen Sleazefilms jener Tage.

Werner Pochath ist Walter, ein junger Mann, der noch keine Lust hat, aufs Erwachsen- und Vernüntigsein, der aufs Establishment scheißt, wie er selbst sagt, und schonmal Freunde zum Russisch-Roulette-Spiel nötigt. Mit seiner Clique hängt er im „Schocker-Club“ in Hongkong rum, heckt krumme Dinger und gefährliche Streiche aus. Zur Gang gehört auch Carl van Dreegen (Jochen Busse), Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns, der nebenbei einen Mädchenhandelring organisiert und dem die Schocker-Gang, ohne es zu wissen, in die Quere kommt. Zwischen den Fronten agiert der schlagkräftige Testpilot Burt (Robert Woods), der auf der Suche nach seiner Frau ist, die ebenfalls von Dreegen in die Hände fiel …

Ach, was hätte das für ein Kracher werden können. Der Auftakt ist schön, vor allem wenn Pochath mit seiner unglaublichen Frisur auftritt und den dicken Max markiert. Leider hält die Freude aber nicht lang vor, denn recht schnell versandet DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG in der totalen Beliebigkeit austauschbarer Keilereien, Verfolgungsjagden und Tanzszenen. Hofbauer, der sich eigentlich wie kein zweiter darauf verstand, auf die Tube zu drücken und sich inszenatorisch von den ihm als Vorlage dienenden Pro-forma-Drehbüchern zu emanzipieren, kämpft auf verlorenem Posten oder hatte einfach keinen Bock. Er reiht sich mit seinem Film ein in die eh nicht so pralle Tradition der Wolf C. Hartwig’schen „Hongkong-Reißer“, die allesamt kaum über biederen Durchschnitt hinwegkamen, egal ob sie nun DAS MÄDCHEN VON HONGKONG, HEISSER HAFEN HONGKONG, EIN SARG AUS HONGKONG oder WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG hießen. Hier ist die Enttäuschung angesichts der erhöhten Erwartungshaltung aber deutlich größer. Es fehlen einfach die absurden Details, die Over-the-Topness, die DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG zur Sleazegranate gebraucht hätte. Der Film sitzt zwischen den Stühlen, liebäugelt einerseits mit praller Exploitation, steht aber mit einem Fuß noch in der staubigen Abenteuerfilm-Tradition der Sechziger und sich somit ständig selbst im Weg. Der Handlungsverlauf ist unnötig kompliziert, Robert Woods als kerniger Held einfach langweilig, die coolen Kids vom Schockerclub verschwinden in der zweiten Hälfte fast völlig von der Bildfläche und einen richtig fiesen Schurken vermisst man genauso wie den feisten Exzess. Selbst Hongkong gibt als Kulisse seltsamerweise nichts her. Aber vielleicht wäre ich auch weniger enttäuscht, wenn die Filmjuwelen-DVD nicht mal wieder ein besonders trauriges Exemplar für einen lieblos hingerotzten Release wäre. Wenn nicht mal die Farben reinknallen …

fliegenden-feuerstuehleMit BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER und Godfrey Hos NINJA THUNDERBOLT haben sich bislang zwei Vertreter des chaotischen und eher preiswerten, um nicht zu sagen „billigen“, Hongkong-Kinos auf die vorderen Plätze meiner bisherigen Jahresliste gekämpft. Die Hoffnung, dass DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE an deren Verstrahltheit würde anknüpfen können, zerschlug sich leider jedoch recht schnell: Stanley Wing Sius Film ist zwar ähnlich entfesselt und wahnsinnig in seiner Aneinanderreihung konfuser Actionszenen, ähnlich mutig und unverdrossen dabei, trotz widrigster budgetärer Bedingungen auf dicke Hose zu machen, aber leider nicht ganz so finessenreich wie die genannten Filme. Seine endlosen Fights zeichnen sich neben der wuseligen Geschäftigkeit eines Ameisenhaufens vor allem durch eine Brachialität aus, die sich mangels entsprechender Resultate aber selbst ad absurdum führt: Ob sich die Kontrahenten mit bloßen Fäusten oder Eisenstangen die Fressen polieren, es macht nicht wirklich einen Unterschied. Ich fand DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE über die volle Distanz dann auch eher ermüdend als wirklich anregend.

Was nicht heißen soll, dass es hier nicht einiges zu entdecken, zu bestaunen und lachen gibt: Die Geschichte um ein ungleiches Brüderpaar und ihre Verwicklung ins desorganisierte Verbrechen und eine Drogengeschichte ist herrlich bescheuert und naiv, als sei das Drehbuch von Achtjährigen im Zuckerrausch geschrieben worden, die Inneneinrichtungen machten auch einem Film von Jürgen Enz alle Ehre, die Musik wurde wieder einmal aus allen Himmelrichtungen zusammengeklaut und die typischen Kapriolen solcher Hongkong-Billigaction lassen die graue Wolkendecke immer wieder aufreißen und für Sekunden die Sonne herabstrahlen. Zeit und Raum verlieren jegliche Bedeutung, wenn ein Schnitt ausreicht, um die Akteure von einer Kiesgrube in einen alten Hafen zu führen, und die Ensthaftigkeit des Ganzen wird immer wieder infrage gestellt, wenn Keilereien kurz unterbrochen werden, damit die Kämpfenden sich einen anderen attraktiven Hintergrund aussuchen können. Der absurde Höhepunkt ist gewiss der Raum, der mithilfe großzügig applizierter Tesafilmstreifen mit grünen Papierbahnen „tapeziert“ wurde, aber die gerahmte Schwarzwaldimpression in Öl und der traurige Plüschpanda, die die mit Requisiten vom Flohmarkt ausgestattete Harz-IV-Empfänger-Bude des Love Interests schmücken, sind auch nicht zu verachten. Gut möglich, dass ich DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE unter anderen Umständen richtig toll gefunden hätte; so kann ich nur sagen, dass der sehr putzig aber eben auch eher tendenzstählern ist. „Geil langweilig“, pflege ich so etwas zu bezeichnen.

baddreams_posterBAD DREAMS ist einer von zwei Filmen, über die ich mich mit Patrick Lohmeier für seinen Bahnhofskino-Podcast unterhalten habe, der nächste Woche am Freitag, 03. Juni, online geht. Weil ich dem Gespräch nicht allzu sehr vorgreifen möchte, halte ich mich an dieser Stelle etwas zurück und hoffe, dass ihr am kommenden Freitag alle einschaltet.

BAD DREAMS erschien 1988, es handelte sich um eine relative große Produktion der Fox, für die niemand Geringeres als Gale Ann Hurd verantwortlich zeichnete, und die auch in Deutschland einen Kinostart erhielt. Der vom damals gerade einmal 23 Jahre alten Debütanten Andrew Fleming inszenierte Horrorfilm ist ein relativ typisches Kind seiner Zeit und vielleicht auch deshalb etwas in Vergessenheit geraten. Er ist zwar überdurchschnittlich sauber gestaltet und gespielt, ungewöhnlich erwachsen (keine nervenden Teenies) und nimmt auch eine durchaus originelle Storywendung, aber auf dem Weg dahin integriert er Versatzstücke aus so ziemlich jedem damals erfolgreichen Genrefilm. Die augenfälligste Vergleichsgröße entbirgt sich schon im nur mäßig einfallsreichen Titel: Unter bösen Träumen litten zur selben Zeit zahlreiche Teenager sehr prominent auf der Elm Street und gerade an den zum Zeitpunkt der Entstehung von BAD DREAMS aktuellen dritten Teil der Reihe, A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: THE DREAM WARRIORS, erinnert Flemings Film massiv. Wie dort spielt sich ein Großteil der Handlung in einer psychiatrischen Anstalt und den dort abgehaltenen Gesprächsrunden einer Therapiegruppe ab, deren Mitglieder anscheinend einem untoten – und verbrannten – Bösewicht zum Opfer fallen, der auch die Träume der nach 13 Jahren aus dem Koma erwachten Cynthia (Jennifer Rubin) bevölkert. Dass die Protagonistin in einer ganz ähnlichen Rolle schon im genannten Vorbild zu sehen war, war wahrscheinlich die Parallele, die den Goodwill der Kritiker überstrapazierte. BAD DREAMS wird vielerorts als bloßes NIGHTMARE-Rip-off gehandelt; ein Vorwurf, der wie gezeigt nicht aus dem Nichts kommt, aber eben auch verkennt, dass Steven E. de Souzas Drehbuch einige interessante Volten schlägt.

Bis zum unerwarteten Twist kann man sich an der gediegenen Optik, der Darbietung des geliebten Schurkendarstellers Richard Lynch oder einigen blutigen Effekten erfreuen (die deutsche Fassung war/ist geschnitten) sowie die vielen bekannten Motive enttarnen. Die Sektenbackstory erinnert sowohl an die Manson-Family, der auch einige entsprechende Sixties-Songs auf dem Soundtrack Rechnung tragen, als auch an den Massenselbstmord der Mitglieder des Peoples Temple um den Sektenführer Jim Jones im Jahr 1978. Bruce Abbott ist seit RE-ANIMATOR vom Chirurgen zum Psychologen aufgestiegen, eine Szene in einem Luftschacht hat de Souza zur gleichen Zeit auch in DIE HARD untergebracht, das Zombie-Make-up von Lynch – der nach Cohens GOD TOLD ME TO zum zweiten Mal einen Sektenführer spielt – konnte man so ähnlich auch in Tony Randels HELLBOUND: HELLRAISER II bewundern, der darüber hinaus ja auch in einer „Irrenanstalt“ spielte, in der ein Oberarzt finstere Pläne verfolgte. Ein Amoklauf wird zu Sid Vicious‘ Version von Sinatras „My Way“ choreografiert, der Abschlusssong ist Guns N‘ Roses Superhit „Sweet Child O‘ Mine“. Die volle Achtzigerdröhnung also, die einen kleinen Ausflug lohnt, wenn man seine Erwartungen etwas im Zaum hält. Mehr nächste Woche.

media-title-der_n-15Im deutschsprachigen Genrekino tut sich was: Nachdem zuletzt GERMAN ANGST, ICH SEH ICH SEH, DER BUNKER und der von mir noch nicht gesehene DER SAMURAI überwiegend positive Reaktionen ernteten, setzt Akiz‘ DER NACHTMAHR die neue, begrüßenswerte Tradition fort. Seine ungewöhnliche Mischung aus Jugenddrama, Drogenfilm, Psycho- und Körperhorror überzeugt durch Zurückhaltung und Authentizität, wo sonst Moralkeule und Klischees regieren, eine herrlich desorientierende Gestaltung der Ton- und Bildebene, wunderbar „handgemachte“ Spezialeffekte und einen Gastauftritt von Sonic-Youth-Gitarristin Kim Gordon. Wer noch nicht sicher ist, ob er sich den am Donnerstag anlaufenden Film anschauen sollte, lässt sich vielleicht von meinem Review überzeugen, das soeben auf Critic.de veröffentlicht wurde. Viel Spaß!

spl-2-movie-poster-gsc-malaysiaErinnert ihr euch auch noch an den Adrenalinschub, den damals, Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre, die Erstbegegnung mit den Meisterwerken des Hongkong-chinesischen Heroic-Bloodshed-Kino verursachte? Wie die Actionszenen in den Filmen von John Woo, Tsui Hark, Ringo Lam oder anderen einen förmlich aus den Schuhen wuchteten, einem das Gefühl gaben, etwas ganz Neues zu sehen, etwas, was man in dieser Intensität noch nie zuvor gesehen hatte? An die wallenden Emotionen, die da plötzlich freigesetzt wurden, an die ungebremste Theatralik und Dramatik von Filmen wie DIP HUET SEUNG HUNG oder DIP HUET GAAI TAU, die mit dem unterkühlten Machismo des US-Actionkinos so rein gar nichts gemein hatten? An die Aufregung, die mit der plötzlichen Erkenntnis einherging, dass da draußen eine riesige Filmwelt voller unbekannter Juwelen nur darauf wartete, erkundet zu werden? An das Fieber, das einen bei der Lektüre der Asien-Rubrik der Splatting Image und anderer plötzlich aus dem Boden schießender Publikation erfasste? Wenn ja, dann habt ihr in den vergangenen 20 Jahren, als man dabei zusehen musste, wie die großen Helden des Hongkong-Kinos nach Hollywood abwanderten, um dort selten mehr als einen faden Abglanz der einstigen Großtaten zu produzieren, als der Hollywood-Bullshit im selben Maße ins Hongkong-Kino Einzug hielt wie Hollywood Wire-Fu und tänzerisch choreografierte Shoot-outs für sich entdeckte, genauso gelitten wie ich. Und irgendwann hatte man sich mit der traurigen Situation ganz einfach abgefunden. Die Dinge kommen und gehen, das ist im Filmgeschäft genauso wie überall sonst auch.

Aber gestern habe ich mir SAAT PO LONG 2 (es besteht keinerlei inhaltliche Verbindung zu Wilson Yips zehn Jahre altem Vorgänger) angeschaut und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Auf einmal war ich wieder der neugierige, offene, beeinflussbare Teenie, dem die Schädeldecke weggepustet und die ganze filmische Power direkt und ungefiltert ins Hirn gegossen wird. Der einfach nur gefesselt und mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzt und hofft, es gehe nie zu Ende. Der lacht, jauchzt, stöhnt und heult und einfach nur glücklich ist über das Spektakel vor ihm. Wasist dieser Film für ein Fest! Nach all dem nervtötenden Format-und Franchise-Scheißdreck, den man sich heute viel zu oft reinzieht und dann auch noch schönredet, weil es eben kaum noch was anderes gibt und das Leben eh schon deprimierend genug ist, zeigt einem SAAT PO LONG 2 wieder, was auch heute noch, wo man doch meint, alles schon einmal gesehen zu haben, tatsächlich noch drin ist. Dass es falsch ist, sich mit fadem, einfallslosen Durchschnitt zufriedenzugeben, dass man sich dagegen wehren sollte, von Hollywood zum bloßen Konsumenten degradiert zu werden. Dass man sich mit nicht weniger zufrieden geben sollte, als mit Filmen, die einen bei den Eiern packen und allerhöchstens mal locker lassen, damit man mal Luft holen kann. In SAAT PO LONG 2 gibt es Action, die einen mit schierer Kinetik plattwalzt, vor allem aber, weil sie an eine gnadenlose emotionale Breitseite gekoppelt ist. Oft wird in Zusammenhang mit Actionfilmen der Begriff der „Gewaltoper“ verwendet, der nur selten zutreffend ist und meist nichts anderes besagt, als dass es wenig mehr als elaboriertes Gemetzel zu sehen gibt. Bei SAAT PO LONG 2 ist das anders: Tatsächlich mutet der Film musikalisch darin an, wie er auf sich wiederholende Themen und Symmetrie setzt, sich langsam und geduldig dem totalen Crescendo entgegenschraubt, wie er die einzelnen Elemente erst langsam in Position bringt und sie dann immer schneller bewegt. Wie jedes Bild, jeder Schnitt, jede Szene keine andere Funktion hat, als den Zuschauer noch stärker zu binden, bis er für das große Finale bereit und nicht mehr in der Lage ist, sich zu entziehen.

Schon die Story-Konstruktion ist für die Ewigkeit und fordert eigentlich den Vergleich mit großen Epen wie C’ERA UNA VOLTA IL WEST oder THE DEER HUNTER heraus, mehr als mit irgendwelchen Genrekloppern. Im Zentrum stehen der kleine Gefängniswärter Chatchai (Tony Jaa), der verzweifelt auf der Suche ist nach dem Mann, der seiner Tochter  die lebensrettende Knochenmarksspende geben kann. Bei diesem Mann handelt es sich um den nichts ahnenden Chan Chi-Kit (Jing Wu), einen drogenabhängigen Undercover-Cop, der von seinem Vorgesetzten und Onkel (Simon Yam) in die Organisation von Hung Mun-Gong (Louis Koo) eingeschleust wurde, hinter dem man einen Organhändler-Ring vermutet. Der wiederum benötigt dringend ein neues Herz, doch der einzige, der als Spender in Frage kommt, ist sein eigener Bruder. Es entspinnt sich ein wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Konfliktparteien, das auch deshalb so nervenzerfetzend spannend ist, weil die Protagonisten deutlich weniger über ihre Beziehungen zueinander wissen als der Zuschauer. Jeder hat seine eigenen Ziele und Pläne, und es ist eine Freude dabei zuzusehen, wie kunstvoll und elegant Pou-soi Cheang (nach einem Drehbuch von Lai-yin Leung) alle Stränge zusammenführt, die ganze Geschichte immer wieder in perfekt getimten und brillant choreografierten Actionszenen kulminieren lässt und dabei auch noch die Muße hat, Bilder für die Ewigkeit zu malen.

Allein wie kreativ hier das sonst meist als Krückstock für denkfaule Drehbuchautoren dienende Smartphone eingesetzt wird, wäre schon einen lobende Erwähnung wert, aber man täte SAAT PO LONG 2 damit Unrecht, ihn auf solche Details zu reduzieren. Dieser Film ist nichts anderes als ein Meisterwerk und ich würde ihn sofort als ein Meilenstein des Actionkinos bezeichnen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass diese Schublade viel zu klein ist für dieses Juwel. Pou-soi Cheang hat ganz einfach einen der tollsten, bewegendsten, schönsten, rasantesten und spannendsten Filme der letzten Jahre gedreht. Und jetzt holt euch das Teil schon endlich!