Mit ‘Drogen’ getaggte Beiträge

Das Postermotiv illustriert das ungewöhnliche ästhetische wie inhaltliche Konzept annähernd perfekt: Mit einem frühlingshaften Blumenkranz gekrönt, der doch Ausdruck von Lebensfreude und Energie sein sollte, zeigt Protagonistin Dani (Florence Pugh) eine verzerrte Grimasse der Angst, Blut rinnt von ihrer Schläfe hinab. MIDSOMMAR konfrontiert seine US-amerikanische Hauptfiguren mit einer schwedischen Paganisten-Sekte, die in Eintracht und Harmonie leben, die Touristen aber trotzdem bis ins Mark erschrecken.

Der Prolog des Films bildet auch farblich den Kontrapunkt zu der sonnigen Utopie, die möglicherweise ein Albtraum ist: In einer winterlichen nordamerikanischen Stadt bewahrheiten sich Danis allerschlimmste Befürchtungen, als die bipolare Schwester nicht nur sich umbringt, sondern die Eltern gleich mit in den Tod reißt. Danis Freund, der wankelmütige Christian (Jack Reynor), der eigentlich schon mit der Trennung liebäugelt, wird angesichts der Tragödie weich, schließlich kann er seine Freundin in dieser emotional fordernden Situation nicht hängen lassen. Doch die Beziehung existiert zumindest für ihn nur noch auf dem Papier, was sich auch zeigt, als Dani durch Zufall erfährt, dass er mit seinen Studienkumpels für mehrere Wochen zu den Feierlichkeiten der Sommersonnenwende nach Schweden fahren will, in die Heimat des Kommilitonen Pelle (Vilhelm Blomgren), der zu Hause in einer Art Kommune aufwuchs. Sehr zur Begeisterung der Kumpels lässt sich Christian breitschlagen, Dani mitzunehmen. In Schweden offenbart sich dann nicht nur, dass es für das Paar keine gemeinsame Zukunft gibt, sondern auch, dass sich hinter Pelles Kommune eine heidnische Sekte verbirgt, die ihre Ältesten in den Freitod treibt, damit sie als Junge wiedergeboren werden, ihre Propheten aus erzwungener Inzest gewinnt und jeden, der ihr Geheimnis verraten will, umbringt.

MIDSOMMAR orientiert sich thematisch, aber auch dramaturgisch natürlich an Robin Hardys meisterlichem THE WICKER MAN, den er aber noch vertieft. Er teilt mit dem britischen Klassiker die Konfrontation eines Außenseiters mit einem paganistischen Kult sowie den langsamen Wandel von neugierigem Interesse seiner Hauptfiguren über ihre zunehmenende Irritation bis hin zum totalen Entsetzen. Was ihn von Hardys Film unterscheidet, ist zunächst die Charakterisierung seiner Protagonisten: War Edward Woodwards Polizeibeamter Neil Howle im Klassiker noch ein ziemlich unsympathischer, von seiner Autorität und der Unumstößlichkeit seiner puritanischen Ansichten absolut überzeugter Spießer, begegnen die Studenten den schwedischen Paganisten zuerst mit Offenheit und ehrlichem (mitunter wissenschaftlich begründetem) Interesse. Doch dieses Interesse bröckelt, als die Studenten mit den blutigen Seiten des Naturglaubens konfrontiert werden: Dass Menschen ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, um als kosmische Energie in der Gemeinschaft aufzugehen, ist für sie einfach nicht nachvollziehbar. Mit der Aufgeschlossenheit ist es danach vorbei und auch die Gastgeber bemerken, dass die Besucher möglicherweise zum Problem werden könnten, woraufhin sie sehr unfreundlich entsorgt werden; bis auf die zunehmend isolierte Dani, die zur Maikönigin avanciert und damit ins Zentrum der Festivitäten der Sommersonnenwende rückt. Zum Finale vollzieht sie die Trennung vom egoistischen Christian: Er wird in ein Bärenfell genäht und mit anderen Opfern rituell verbrannt.

Der Schrecken von MIDSOMMAR liegt keinesfalls in der sozialistischen Ideologie der Paganisten, von denen jeder einzelne sich damit zufrieden gibt, ein vergängliches und ersetzbares Mitglied der Gemeinschaft zu sein, die über jedem singulären Interesse steht. Er entsteht erst in der Konfrontation der Sekte mit den „fremden“ Protagonisten, für die sich das zunächst charmant-volksfesthafte Leben in der Kommune mit dem Freitod der Alten als barbarisch und vorzivilisatorisch entpuppt. Die Frage, die sich stellt: Ist es das wirklich oder ist es nicht einfach nur anders? Die schwedischen Paganisten scheinen glücklich, zufrieden. Es gibt keine Streitigkeiten, keine Missgunst unter ihnen. Die mütterliche Siv (Gunnel Fred) versucht verzweifelt, die Amerikaner zu beschwichtigen, die außer sich sind, nachdem sie dem rituellen Selbstmord der beiden Alten beiwohnen mussten: Es sei ein Freudentag, denn jeder sehne den Tag herbei, an dem er sich für die Gemeinschaft opfern dürfe. Man ist geneigt, ihr zu glauben. Auf der Gegenseite die Protagonistin: Dani, die von einer familiären Tragödie und einem Selbstmord, der eben nichts Befreiendes hatte, zerrissen wird. Christian, ihr Partner, der sich nicht für, aber auch nicht konsequent gegen sie entscheiden mag. Mark (Will Poulter), der typische Stoner, der immer nur Sex im Kopf hat, aber völlig verklemmt agiert. Der akademische Konkurrenzkampf zwischen Josh (William Jackson Harper) und Christian, die nicht miteinander, sondern ausschließlich gegeneinander kämpfen können, weil es ihnen um die Selbstbehauptung geht. MIDSOMMAR lässt nur wenig Zweifel, wer das „bessere“ Leben führt – auch wenn sich das mitunter auf bizarre Überzeugungen gründet, die sich mit unseren christlich geprägten westlichen Werten nur schwer vereinbaren lassen.

Dass Aster keinen klassischen Horrorfilm gedreht hat – der der ebenfalls tolle HEREDITARY zweifellos noch war -, zeigt sich aber nicht nur daran, dass es hier eigentlich keinen Bösewicht gibt: Der Film verzichtet bis auf den bereits erwähnten Prolog auch auf die dunkle Bildsprache sowie weitestgehend auf die grotesken Schocks und Schreckensbilder, die charakteristisch sind für das Genre, stattdessen tauchen Aster und Kameramann Pawel Pogorzelski MIDSOMMAR in sonnendurchflutete, helle Bilder voller Klarheit, die unterstützt werden von wunderbar subtilen CGI, wie etwa dem stetigen Wogen der Wälder, die die Kommune der Paganisten umgeben. MIDSOMMAR bezieht seinen Schrecken nicht aus der Konfrontation mit einem Anderen, das „uns“ an den Kragen will. Wer der „Andere“ ist liegt immer im Auge des Betrachters – und manchmal sind es unsere eigenen vermeintlich zivilisierten Werte und Überzeugungen, die uns eigentlich krank machen.

 

EDIT: Da ich den Text ca. eine Woche nach der Filmsichtung gesehen habe, sind mir ein paar wichtiges Aspekte der Handlung entfallen, die einigen der oben gemachten Punkte widersprechen: Der Konflikt entsteht nicht erst daraus, dass die Amerikaner vom Selbstmordritual schockiert sind. Vielmehr sind sie mit dem Hintergedanken eingeladen worden, einen bedeutenden Platz als Menschenopfer bei den finalen Festivitäten einzunehmen. Die schwedischen Paganisten sind demnach nicht irgendwelche Unbescholtenen, die nur ihre Kommune verteidigen. Trotzdem glaube ich, dass mein Text da oben im Wesentlichen gerecht wird.

Das Poster mit dem Star Spangled Banner, dem furchtsam/hoffnungsvoll in die Ferne blickenden Pärchen von Papa und Töchterlein nebst bärtigem Schuft im Funkenregen sowie der Frage „How far would you go to protect your home?“ lässt Schlimmes befürchten, das sich dann zum Glück aber nicht bewahrheitet. HOMEFRONT ist ein angenehm bodenständiger Actioner, wie er heute, wenn überhaupt, eigentlich direkt auf Heimkino-Medien veröffentlicht oder gestreamt wird, und das Poster verrät die Ratlosigkeit, die die Marketingabteilung angesichts dieses aus der Zeit gefallenen Films ergriff. Wie zum Teufel sollte man das Ding bewerben, um Menschen dazu zu motivieren, an der Kasse ein Ticket zu lösen und zwar in solcher Menge, dass nicht nur die Produktionskosten von 22 Millionen wieder reinkämen, sondern auch noch ein schöner Gewinn? Also entschied man sich für die Patriotennummer, auch wenn der Film mit der suggerierten Bedrohung für die USA of A rein gar nichts zu tun hat.

HOMEFRONT, dessen Drehbuch von keinem Geringeren als Sylvester Stallone geschrieben und ursprünglich als RAMBO-Sequel erdacht worden war, beginnt wieder einmal mit Statham in Langhaarperücke – wie auch schon HUMMINGBIRD – als Mitglied einer Rockergang, die fett im Meth-Geschäft steckt. Doch natürlich ist er in Wahrheit ein Undercover-Cop und am Ende des actionreichen Prologs erschießt er den Sohn des Anführers Danny T (Chuck Zito), der daraufhin in den Bau wandert. Schnitt in die Gegenwart, in der Phil Broker, wie er nun heißt, irgendwo in Louisiana lebt und sich dort mit seinem neunjährigen Töchterchen Maddy (Izabela Vidovic) vom Tod der Ehefrau/Mutter erholt. Der Plot kommt in Gang, als Maddy einem Bully mit vom Papa erlerntem Kampfwissen die Fresse poliert und damit den Zorn der Eltern des Bullys (Kate Bosworth & Marcus Hester), eines fiesen Redneck-Pärchens, auf sich und den hinzugezogenen, eigenbrötlerischen Papa zieht. Zur Sippe der beiden gehört auch „Gator“ (James Franco), ein lokaler Krimineller mit Ambitionen im Meth-Business, der sich für sie der Sache annimmt und dabei Einblick in Brokers Vergangenheit erhält. Er kontaktiert den einsitzenden Danny T, der seine Killer zu Broker nach Hause schickt …

Ein bisschen STONE COLD, ein bisschen Redneck-und-Hillbilly-Action im Stile von WALKING TALL, ein bisschen herzige Papa-und-Tochter-Dynamik und erstklassige Production Values sind die Zutaten, die HOMEFRONT für mich zu einer kleinen, feinen und vor allem unerwarteten Überraschung machten. Die Regie übernahm Gary Fleder, der vor rund 20 Jahren kurzzeitig mal als hoffnungsvolles Talent galt, als er erst den Tarantino-Klon THINGS TO DO IN DENVER WHEN YOU’RE DEAD inszenierte und kurz darauf den prestigeträchtigen KISS THE GIRLS. Mit der ganz großen Hollywood-Karriere wurde es nichts, der Mann arbeitet heute überwiegend fürs Fernsehen, aber für einen Timewaster wie HOMEFRONT, der keine inszenatorische Inspiration benötigt, sondern in erster Linie professionelles Management und sauberes Handwerk, ist er der richtige Mann. Auch die Action – eigentlich nicht seine Spezialität – kommt fett, zupackend und physisch (die Cinematography stammt von Theo van de Sande, der u. a. für BLADE oder THE MARINE sowie für etliche Adam-Sandler-Filme verantwortlich zeichnet). Er lichtet die Bayous Louisiana, die maroden Kleinstädte und Werkstätten sowie die schillernde Metropole New Orleans in tollen Bildern ab und rennt damit bei mir, der ich ein Faible für Südstaatenromantik habe, offene Türen ein. In der größten Actionsequenz, dem Überfall der Killer auf Brokers Haus, kommt richtig Stimmung auf, wenn der Held die Bösewichter beherzt mit der Pumpgun umnietet, dass sie meterweit fliegen, Arme und Beine bricht oder mit dem Messer Hauptschlagadern durchtrennt. Man erkennt in der Zeichnung Brokers und in der Anbahnung des Konfliktes tatsächlich Stallones Handschrift wieder – der Loner mit dem guten Herzen und der gewalttätigen Vergangenheit, der in der Emigration auf dem Land einfach nur in Ruhe gelassen werden will, aber immer wieder Ärger bekommt, ist ja eine Persona, die Stallone in seiner langen Karriere immer wieder verkörperte – und kann HOMEFRONT zudem deutlich als Vorstufe des aktuellen RAMBO: LAST BLOOD betrachten, in dem der Elitesoldat ja auch sein Heim vor anrückenden Drogengangstern verteidigen muss.

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i ist die Besetzung des Films: Statham ist kein Stallone und hat das Manko, dass er nicht genug Pizazz mitbringt, um die sagen wir mal „durchschnittlichen“ Filme, in denen er meist mitspielt, aufzuwerten, aber als Papa, der keinen Ärger will, aber ihn magisch anzuziehen scheint, ist er super. Als Schurke gibt James Franco eine überzeugende Darbietung, auch wenn er leider keinen großen Schlussfight bekommt und eher durch feige Gemeinheiten und miese Pläne auffällt. Aber er trägt seinen Teil dazu bei, dass ich bei der Sichtung regelmäßig die Faust in der Tasche ballen musste. Winona Ryder, einst Schwarm und Muse der Generation X, bevor ein Ladendiebstahl-Skandal die Karriere versaute, spielt die von Gator manipulierte Biker-Braut und wertet eine Rolle auf, die sonst eher zum Wegwerfen-Part hätte geraten können. Das gleiche gilt für Clancy Brown, der den besorgten Sheriff spielt. Der eigentliche Hingucker ist aber Kate Bosworth als drogenabhängige Redneck-Mama, einen Part, in den sie sich offensichtlich mit methodacterischer Verve stürzte, und in dem sie – abgemagert, verhärmt, biestig – kaum wiederzukennen ist. Die Darstellerin sollte eigentlich mit ihrem Part als Lois Lane in Singers missratenem SUPERMAN RETURNS zur attraktiven Leading Lady aufsteigen, aber ihre Leistung kam leider nicht gut an und sie „verschwand“ in der Folge in kleineren, weniger populären Filmen. Hier jedenfalls holt sie das Optimum aus ihrer Nebenrolle heraus, der Stallones Drehbuch einen schönen Arc verlieh. Ihr merkt schon: Mir hat HOMEFRONT besser gefallen, als ich es verargumentieren kann. In Stathams durchwachsener Filmografie definitiv ein Gewinner.

 

 

SPRING BREAKERS ist einer der besten Filme des nicht mehr ganz so jungen Jahrtausends, ein Meisterwerk, das gleichermaßen berauschend, erschreckend, betörend und witzig war. Den Regisseur Harmony Korine stellt das natürlich vor das nicht unerhebliche Problem, nachlegen zu müssen. THE BEACH BUM, der Nachfolger des Aufregers von 2012, lässt das Dilemma seines Urhebers deutlich erkennen: Bildlich-visuell sowie in der Thematisierung von Hedonismus, Drogen und Exzess lehnt er sich an SPRING BREAKERS an, doch er wirkt flüchtiger, leichter, improvisierter und spielerischer als der Vorgänger, wabert wie Marihuanadämpfe zum Himmel, wo er sich schließlich verliert, wie Korine selbst ihn beschreibt. Harte tonale Brüche entsprechen den beunruhigenden Störsignalen, die sich in jeden guten Rausch mischen. Der Film hat seine Momente, ist wunderschön anzusehen, aber richtig rund ist er nicht.

Die seltsame Mischung aus Charakterporträt und Stonerkomödie handelt von Moondog (Matthew McConaughey), einem einst erfolgreichen Dichter, der es seit einigen Jahren vorzieht, sich in einem Stadium andauernder Berauschtheit an der Promenade von Key West entlangtreiben zu lassen. Seinen Lebensstil ermöglicht ihm die wohlhabende Gattin Minnie (Isla Fisher), die sich in ihrer Miami-Luxusvilla mit dem Rap-Superstar Lingerie (Snob Doch) vergnügt, ihren Mann aber freudig empfängt, wann immer er sich blicken lässt. Als Minnie nach der Hochzeit der gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) verunglückt, wird Moondogs Erbe eingefroren, bis dieser ein neues Buch veröffentlich hat. Die Aussicht auf Armut schockt den Lebenskünstler aber nur kurzfristig: Seine anschließende Odyssee führt ihn unter anderem in eine Entzugsklinik, wo er Bekanntschaft mit dem Party-Tier Flicker (Zac Efron) macht, und anschließend auf das Boot des Delfin-Tour-Veranstalters Captain Wack (Martin Lawrence).

THE BEACH BUM ist mehr oder weniger eine One-Man-Show für McConaughey, die mit kleinen Gastauftritten garniert wird. Sein Moondog könnte ein Alter ego seines Wooderson aus DAZED AND CONFUSED sein, der ja nur der erste Anlauf für die breit grinsenden, dauerbekifften Hängertypen war, die zur Spezialität des Texaners avanciert sind, etwa im  furchtbar missratenen SURFER DUDE, der wiederum als eine Art Vorstudie zu Korines Film betrachtet werden kann. In schlabberigen Urlaubsklamotten und stets ausgestattet mit einer Bauchtasche und einer Dose Bier, schlendert Moondog ziellos herum, von einer Pinte zur nächsten, weil man ihn kennt und auch irgendwie liebt, selbst wenn er sich nur so lange für seine Mitmenschen interessiert, wie sie ihm Freude bereiten. Er kifft und säuft, rezitiert seine alten Gedichte, reißt Frauen auf, die von seiner zurückgelehnten Art magisch angezogen werden und hämmert dann und wann auf seiner Schreibmaschine herum. Man kann sich vorstellen, mit diesem Typen einen Abend lang Spaß zu haben, aber irgendwie wirken sein Egoismus und seine Eindimensionalität schon beim Zuschauen anstrengend. Man fragt sich, was mit diesem Typen passiert ist, der doch einst ein angesehener Autor war, aber Korine interessiert sich nicht für seinen Hintergrund. In den Episoden um Flicker, Captain Wack und einen blinden jamaikanischen Flugzeugpiloten (Donovan St. V. Williams) sowie in den kurzen Treffen mit dem Literaturagenten Lewis (Jonah Hill) und Lingerie erinnert THE BEACH BUM dann sogar an die sketchartigen, improvisierten Komödien eines Will Ferrell oder Ben Stiller, manche Gags – ein Haiangriff auf Captain Wack, der die Tiere mit Delfinen verwechselt, Lingeries magische Marihuana-Staude – sind ganz in einer Comicwelt angesiedelt, andere Entgleisungen – die Attacke auf eine alte Dame im Rollstuhl, der Überfall auf einen behinderten Mann – reißen hart aus der allgemeinen Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung. Es wird nie ganz klar, wie Korine eigentlich zu seinem Protagonisten steht: Mal scheint er ihn zu bewundern, dann wird aber wieder klar, dass er ihn für ein verantwortungsloses Arschloch hält. Auch wie es sich mit seiner „genialen“ Lyrik verhält, bleibt ein Rätsel: Alle Figuren sind sich einig, dass Moondog ein Poet von Weltrang ist, aber wenn er seine Gedichte vorträgt, sind sie nicht viel mehr als bekifftes gibberish voller wohlklingender Worte und klischeehafter Huldigungen an den Sternenhimmel, die Sonne, die Schönheit der Frau und seinen Penis. Das alles scheint letztlich egal, weil Moondog mit sich im Reinen ist. Aber kann das wirklich der Maßstab sein?

Ich fand THE BEACH BUM bei der ersten Sichtung faszinierend und witzig, bei der zweiten relativierte sich das aber bereits. Es fällt einfach schwer, sich zu diesen Gestalten in Beziehung zu setzen, bei denen man nie so genau weiß, ob sie nun echte Charaktere sein sollen oder doch nur Gags (die im Falle von Fron und Lawrence aber zugegebenermaßen ziemlich gut sind). McConaughey äußerte sich in einer im Bonusmaterial festgehaltenen Drehpause dahingehend, dass er sich nicht wundern würde, wenn sich die vermeintliche Komödie am Ende als Horrorfilm entpuppte: Was Korines Unberechenbarkeit beschreiben sollte, offenbart sich als geradezu prophetische Einschätzung: THE BEACH BUM ist mit dem Gestus einer Liebeserklärung an ein unkonventionelles Original gedreht, und er hält diesen Ton auch dann noch, wenn sich dieses als rücksichtsloses Monster entpuppt, das Menschen beleidigt, bestiehlt, angreift oder ihnen lachend dabei zusieht, wie sie sich ins Unglück stürzen. Aber das ist weniger verstörend als vielmehr verwirrend: THE BEACH BUM wirkt wie Impro-Theater mit einigen herausragenden und einigen schwächeren Momenten, die sich einfach nicht schlüssig zusammenfügen wollen. Ich denke, man sollte ihn genau so betrachten: als Fingerübung, als Zwischenspiel vor dem nächsten großen Film, den Korine hoffentlich als nächstes machen und in dem er zur Stärke von SPRING BREAKERS zurückfinden wird.

 

 

 

Jean-Claude Van Damme fühlt sich in den Sad-Sack-Rollen, die ihm nun seit rund zehn Jahren immer wieder zugetragen werden, offenkundig so wohl wie in einem schlabberigen Jogginganzug, der mindestens genauso viele Knitterfalten hat wie sein Gesicht. In WE DIE YOUNG spielt er Daniel, einen kriegsversehrten Veteranen des Afghanistan-Feldzuges, der sich als Kfz-Mechaniker verdingt, bei einer Bombenexplosion seine Stimme verlor und außerdem eine Lungenverletzung erlitt, die ihn zur regelmäßigen Einnahme harter Schmerzmittel zwingt, die er dem jungen Lucas (Elija Rodriguez) abkauft. Lucas wiederum ist einer der Kuriere der elsalvadorianischen Gang, die die Vorstadtstraßen Washingtons beherrscht und ein blutiges Regiment führt. An der Spitze der Gang steht Rincon (David Castañeda), ein gesichtstätowierter Melancholiker, mit dem man keinen Streit haben möchte. Als Lucas‘ kleiner Bruder in die Gang aufgenommen werden soll, beschließt der Junge, dass es Zeit für den Ausstieg ist, was Rincon naturgemäß gar nicht gefällt. Es kommt zur Hetzjagd auf den Jungen, bei der ihm Daniel schließlich mit all seiner Erfahrung zur Seite steht.

WE DIE YOUNG scheitert ein wenig an seinen hohen Ambitionen. Regisseur und Drehbuchautor Lior Geller, dessen Debüt-Kurzfilm ROADS den Rekord als meistausgezeichneter Studentenfilm hält, wollte viel mehr schaffen als „nur“ einen Actionfilm. Sein Vorbild dürfte John Singletons BOYZ N THE HOOD gewesen sein, denn wie dieser wirft Geller mit WE DIE YOUNG einen Blick auf die amerikanische Realität des Gangwesens, erzählt eine bewegende Coming-of-Age-Geschichte um den Ausstieg eines Jungen aus dem Sumpf, der ihn umklammert, gibt einen Kommentar zu den außenpolitischen Unternehmungen Amerikas ab, das er mit Elementen des Heimkehrerfilms verbindet, und verpackt das alles in einen innerhalb weniger Stunden spielenden Reißer mit zahlreichen Gewaltszenen, Schießereien und Verfolgungsjagden. Der Versuch ist aller Ehren wert und WE DIE YOUNG hebt sich vom typischen, gleichförmigen DTV-Klopper durchaus wohltuend ab, aber am Ende ist das Stück, das Geller von der Wurst abbeißt, dann doch einfach zu groß.

Das zeigt sich gut an der Rolle Van Dammes, dessen Darbietung als traumatisierter, körperlich behinderter Veteran umso bemerkenswerter ist, als die Figur über eine Ansammlung vager Klischees kaum hinauskommt. Es fehlen jegliche spezifische Details, die diesen Daniel zu einem dreidimensionalen, lebendigen Charakter machen würden. Das zeigt sich besonders deutlich am Schluss, wenn das „Rätsel“ um die Ursache seines Traumas aufgelöst wird, das bis zu diesem Zeitpunkt in Form von nicht weiter identifizierbaren Rückblickfetzen angedeutet wurde: Es zeigt sich, dass Daniel in Afghanistan aus Versehen ein Kind erschossen hatte und über dem Schock schließlich in die Explosion geraten war, die ihm die Stimme kostete. So wie der Film das präsentiert, wirkt das aber nicht wie eine echte Erfahrung, sondern lediglich wie ein Platzhalter, den man vergessen hat, mit Leben zu füllen. Das große Finale, ein Shootout, in den die Polizei die Gangmitglieder verwickelt, koinzidiert mit der Hochzeitsfeier von Rincons Schwester, die natürlich eine tödliche Kugel abbekommen muss, zum einen,um Rincon zu bestrafen, zum anderen, um seinen Zorn auf Lucas noch einmal zu vergrößern. Auch das ist sofort als Drehbuchkniff zu enttarnen, der umso billiger ist, als die Schwester nie wirklich Gestalt annehmen darf, nur als vage Manifestierung von Rincons Bruderliebe existiert. Stark ist WE DIE YOUNG hingegen in der Skizzierung seines Schauplatzes und des Milieus, in dem er spielt. Hätte sich Lior Geller ganz auf den „Arbeitsalltag“ des Drogenkuriers Lucas konzentriert, der mit seinem Fahrrad verschiedene Kunden ansteuert und im Dienste seines Chefs Aufträge ausführt, wäre sicher mehr dabei herausgekommen. So wird WE DIE YOUNG gegen Ende immer zerfahrener und das zum Dabeibleiben nötige emotionale Investment wird durch allzu viele oberflächliche Klischees verhindert. Für Van-Damme-Fans ist der Film aber trotzdem sehenswert und als schlecht würde ich ihn auch nicht bezeichnen.

Billy Dee Williams ist Nick Allen, ein nicht näher spezifizierter Agent im Staatsdienst, dessen 15-jährige Tochter an einer Dosis Heroin verreckt. Allen findet schnell den verantwortlichen Dealer und schlägt ihm die Fresse blutig, doch dessen Jammern, er sei doch nur ein einfacher „worker“ leitet einen Erkenntnisprozess bei dem verzweifelten Vater ein: Wenn er wirklich etwas ändern will, dann muss er die bestrafen, die am Anfang des Wertschöpfungsprozesses stehen: eine neunköpfige Gruppe von feinen Herrschaften im fernen Marseille. Allen stellt ein Team von alten, in Ungnade gefallenen Kollegen und Leuten, die selbst ihre Erfahrungen mit dem Drogengeschäft gemacht haben, zusammen, mit denen er den titelgebenden „Hit“ plant. Ihm dicht auf den Fersen sein Vorgesetzter und dessen Bluthunde, die den abtrünnigen Staatsbediensteten in seine Schranken weisen wollen.

Die Anwesenheit von Williams und Pryor schürt in Zusammenhang mit dem Produktionsjahr zunächst Erwartungen auf einen Blaxploiter mit tief bis zu den Knien hängenden Eiern und swagger for days, aber Furies HIT! ist eher ein Verwandter jener eiskalten, furztrockenen Männerfilme und Agententhriller, wie sie damals regelmäßig von Filmemachern wie Don Siegel, Sam Peckinpah, John Flynn oder auch Michael Winner kamen. Im Vergleich zu den beiden erstgenannten ist HIT! sogar noch eine ganze Spur eisiger: Das Handeln von Allen wird ohne jede Romantik oder Nostalgie für einen aussterbenden Typus Mann betrachtet, lediglich mit sachlich-kühler Distanz. Dazu passt auch, dass keinerlei Bemühungen unternommen werden, dem Zuschauer irgendwie entgegen zu kommen. Ich lehne mich jetzt mal so weit aus dem Fenster und behaupte, dass in HIT! keine einzige Zeile expositorischer Dialog gesprochen wird. Nichts wird erklärt, kein Wort vergeudet: Dass die Tote Allens Tochter ist, macht nur der Schnitt klar. Man erfährt nie, welches Amt Allen genau bekleidet. Wenn er jemanden trifft, den er kennt, begrüßt er den nicht erst mit vollem Namen und Berufsbezeichnung und er erklärt auch nie, was genau er eigentlich vorhat. Als er die Leute aufsucht, die später sein Team bilden sollen, weiß man weder, wer die sind noch, was er von ihnen will. Auch die französischen Drogenhändler bleiben komplett namenlos. Man hinkt dem Geschehen immer hinterher, wie die Beamten, die Allens Plan vereiteln wollen, und man muss höllisch aufpassen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Der Verlauf des Films bleibt über weite Strecken unvorhersehbar, nicht, weil er wirklich so anders verliefe als andere, ähnlich gelagerte Filme, sondern weil das Drehbuch so überaus sparsam mit seinen Informationen ist. Im Umkehrschluss wird der Protagonist so mit einer immensen Coolness und Souveränität ausgestattet, die keine markigen One-liner oder sonstige Mätzchen braucht. Allen ist der einzige im Film, der zu jeder Zeit weiß, was Phase ist, und der so in alle Ruhe seinen Plan durchzieht. Und Furie, der damals schon gute 15 Jahre im Geschäft war und dabei mit Superstars wie Marlon Brando, Michael Caine, Diana Ross, Robert Redford und Frank Sinatra zusammengearbeitet hatte, zeigt, warum er als ein vergessener Meister betrachtet werden darf: Ein Film wie HIT! bedarf zum Funktionieren absoluter Selbstsicherheit und einer klaren Vision und Furie lässt zu keiner Sekunde die Zügel schleifen.

Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es dann aber doch: die obligatorische Trainingssequenz. Mit seinem Team zieht sich Allen in ein winterlich-ausgestorbenes Nest an einem See zurück, wo er jeden einzelnen in seiner Aufgabe unterweist. Es ist ein Standard des Commando- oder auch des Heistfilms: Die Mitglieder verzweifeln an ihren unterschiedlichen Aufgaben, es gibt vielleicht eine (zwischenmenschliche) Krise, die das Team zwingt, näher zusammenzurücken, bis schließlich jeder seinen Platz einnehmen und gut vorbereitet in die Schlacht ziehen kann. Das ist auch bei HIT! so, doch zum einen unterscheiden sich diese Aufgaben kaum voneinander, zum anderen wirkt das Training gemessen an dem, was sie später leisten müssen, geradezu läppisch. Die Drogenabhängige Sherry (Gwen Welles) wird einen der Drogenhändler in einem Restaurant mit Wein vergiften und dann fliehen müssen (wie es die Strategie des Films ist, weiß man das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht): Ihr Training sieht so aus, dass sie eine Flasche Wein öffnet und dann ca. 15 Meter weit zur Tür hinaus rennt, während Allen mit der Stoppuhr daneben sitzt und sie dazu antreibt, schneller zu sein. Das große Drama besteht darin, dass sie aufgrund des High-Heels-Zwangs zu langsam ist und an Allens Unnachgiebigkeit verzweifelt. Das wirkt einfach albern und viel zu unspezifisch. Pryors Willie muss einer Yacht hinterhertauchen und den Schurken dann aus dem Wasser mit einer Harpune erschießen. In seinem Training besteht die größte Hürde aber darin, seinen Taucheranzug schnell genug wieder auszuziehen. Das ist einfallslos, unspezifisch und und fügt dem Film nicht nur keine Dramatik hinzu, es lässt die ganze Unternehmung amateurhaft wirken. Hier wäre mit Leichtigkeit mehr drin gewesen. 

Aber auch dieser Makel verhindert letztlich nicht, dass HIT! über seine ganze opulente Spielzeit von zwei Stunden nahezu perfekte, arschtight inszenierte und spannende Unterhaltung bietet, die einen Hollywood-Standard mit frischem Wind beatmet und im Finale dann auch ziemlich ruppig daherkommt. Ein starker Genrebeitrag, der Freunden des Seventies-Männerkinos viel Freude bereiten sollte und zudem den Bonus hat, dass sein Name noch nicht von jedem Baum gerufen wird.


Teil drei der HANGOVER-Reihe wirkt nach dem sehr auf Nummer Sicher gedrehten zweiten Teil ganz so, als wolle sich jemand für die mangelnde Risikobereitschaft entschuldigen. War der Vorgänger dem ersten Teil nahezu bis in Detail nachempfunden, macht der Abschluss der Trilogie nun bewusst alles anders: Es gibt keinen drogeninduzierten Rausch mit folgendem Blackout und Hangover in exotischer Kulisse, keine verzweifelte, von bitterer Selbsterkenntnis gesäumte Spurensuche mehr, auch keine Bildershow zum Abschluss (wohl aber einen Gag, der einen möglichen vierten Teil anteasert, mit dem dann alles wieder von vorn beginnen könnte). Stattdessen werden einige lose Plotfäden aufgegriffen bzw. eher nachträglich erdichtet, um sie für den Abschluss der Trilogie aufgreifen zu können. Im Zentrum von THE HANGOVER PART III steht Alan, in der Darstellung durch Zach Galifianakis auch in den vorangegangenen Teilen der heimliche Star, für den der Rest des Wolfpack samt angeschlossener Familie eine Intervention einberuft. Alan soll sich in psychiatrische Behandlung begeben und er willigt tatsächlich ein. Doch auf der Fahrt zu seinem Kurort werden die Freunde vom Gangsterboss Marshall (John Goodman) überfallen: Er erklärt ihnen, dass es auch ihr Treiben gewesen sei, dass ihn um insgesamt 21 Millionen Dollar in Gold gebracht habe, die sich nun in Chows Händen befinden, dem es in der Zwischenzeit wiederum gelungen ist, sich aus seinem thailändischen Gefängnis zu befreien. Das Wolfpack wird beauftragt, die 21 Millionen Dollar zurückzuholen, doch dazu benötigen sie Chows Hilfe. Und dem chinesischen Großmaul ist einfach nicht zu trauen.

„The epic finale to THE HANGOVER trilogy“ versprach die oben abgebildete Ankündigung im Vorfeld – und damit auch etwas, womit wahrscheinlich keiner der Zuschauer der ersten beiden Teile überhaupt gerechnet hatte. Zwar bauten die ersten beiden Teile rein chronologisch aufeinander auf, doch mutete das erste Sequel eher wie eine Wiederholung des Erfolgsrezeptes an als wie der zweite Akt einer Trilogie. Niemand hätte sich gewundert, wenn auch Teil drei das bewährte Rezept noch einmal neu aufgekocht hätte, vielleicht mit ein Paar kosmetischen Änderungen, die nach THE HANGOVER PART II angebracht schienen. Wo Teil 2 also etwas zu risikoarm war, hat Teil 3 im Gegenzug abseits der Hauptfiguren und dem Verweis auf vergangene Plotelemente kaum noch etwas mit der Grundidee der Vorgänger zu tun,  entwickelt sich stattdessen zu einer Art Heist Movie, dessen zentrale Verfolgung des amoklaufenden Chow die Helden zurück nach Las Vegas führt und für sie Züge einer Konfrontationstherapie annimmt, von der vor allem Alan profitiert. Was dann das Happy End der Serie ist.

Die Veränderungen tun einerseits gut, weil ein erneutes Aufkochen des zweifachen Erfolgsrezepts zwangsläufig auch einen erneuten Qualitätseinbruch mit deutlichen Ermüdungserscheinungen bedeutet hätte, andererseits fühlt sich THE HANGOVER 3 durch den völligen Verzicht auf den zentralen Witz, der die HANGOVER-Serie erst zur HANGOVER-Serie machte, auch etwas beliebig an. Die Story selbst rechtfertigt für sich genommen kaum das Interesse und dass wir ihr dennoch gern folgen, liegt einzig und allein darin begründet, dass wir die Charaktere aus den Vorgängern in unser Herz geschlossen haben. Bevor sich das alles zu negativ anhört, sei gesagt, dass Phillips Inszenierung ordentlich Tempo macht, und die zahllosen turbulenten Einfälle und haarsträubenden Gags dann auch wieder ganz dem Geist der Vorläufer entsprechen. Dass sich der dritte Teil verstärkt Alan und Chow zuwendet, macht Sinn, denn beide sind natürlich die schrillsten Figuren der Reihe und damit ideal für den Over-the-Top-Charakter der ganzen Unternehmung. Wenn zum großen Finale noch einmal einige Locations des ersten Teils angesteuert werden, Alan gar seine große Liebe (Melissa McCarthy) finden darf und somit endlich die Stabilität findet, die er vorher vermissen ließ, entspricht das dem humanistischen Gestus, der schon die Vorgänger über den bloßen Klamauk hob. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Phillips hier etwas zu Ende brachte, was erst seine Produzenten und der bahnbrechende Erfolg überhaupt zu einer „Sache“ gemacht hatten. Der Film riecht ein wenig nach Kompromiss, nach großer Anstrengung und „Augen zu und durch“  und er täuscht darüber hinweg, indem er retroaktiv eine große, „epische“ Geschichte „dahinter“ konstruiert, die eigentlich niemand wirklich brauchte und die mehr als nur etwas forciert wirkt. Trotzdem: mit kleineren Abstrichen gut.

 

THE HANGOVER war im Jahre des Herrn 2009 ein Riesenerfolg, schloss in den Jahrescharts mit einem Einspielergebnis von über 277 Millionen US-Dollar auf Platz sechs ab – kein Wunder, dass die Fortsetzung nicht lang auf sich warten ließ. Ob man hinter der Tatsache, dass Phillips das Erfolgsrezept für Teil 2 einfach noch einmal verwendete, Faulheit, Ideenarmut, Zynismus oder vielmehr punkerhafte Fuck-you-Attitüde vermutet, bleibt jedem selbst überlassen: Fakt ist, dass THE HANGOVER PART II logischerweise ohne den Überraschungseffekt des Vorgängers auskommen muss, mithin zwangsläufig schwächer ist, aber dafür alles noch eine Nummer größer und wilder macht und sich darüber hinaus zu Recht auf seine clevere Prämisse und seine Charaktere verlassen kann, die auch beim Aufguss noch ausreichend interessant sind.

Diesmal geht es also nach Thailand zu Stus (Ed Helms) Hochzeit, nicht zum Junggesellenabschied – auf den verzichtet Stu nach den Erlebnissen des ersten Teils dankend und überaus nachvollziehbar. Weil aber auch der instabile Alan (Zach Galifianakis) wieder mit dabei ist, kommt es zum erneuten Blackout: Die drei Kumpels wachen völlig zerstört in einem schäbigen Hotelzimmer in Bangkok auf, ihr Begleiter, Stus jugendlicher Schwager Teddy (Mason Lee), ist verschwunden, nur ein abgetrennter Finger ist von ihm übrig. Die Hatz durch die thailändische Metropole führt das „Wolf Pack“ erneut mit dem chinesischen Kriminellen Chow (Ken Jong) zusammen und enttarnt den so auf Besserung bedachten Stu wieder einmal als von dunklen Obsessionen getriebenes Tier.

THE HANGOVER PART II führt für eigentlich jedes Detail des Vorgängers eine Entsprechung ein: Statt drogenversetzter Drinks gibt es mit Drogen versetzte Marshmallows. Statt Doug verschwindet Teddy, der keine Matratze, sondern einen Finger als Hinweis hinterlässt. Stu fehlt kein Zahn, dafür hat er nun ein Gesichtstattoo. Die Rolle des Babys übernimmt ein Äffchen, die des gestohlenen Polizeiautos ein entführter buddhistischer Mönch. Der geehelichten Stripperin entspricht hier ein Transsexueller, mit dem Stu eine Nummer geschoben hat, und dem Stand-off mit Chow und seinen henchmen steht ein Stand-off mit dem Interpol-Mann Kingsley (Paul Giamatti) gegenüber, der das Wolf-Pack missbraucht, um Chow dingfest zu machen. Dafür müssen die Kumpels keine 80.000 Dollar aufbringen, sondern einen Zettel mit einem Code in ihren Besitz bringen. Der missglückten Rettungsaktion folgt wie in Teil eins der kleinlaute Anruf bei der wartenden Familie und selbst ornamentale Elemente wie das Ständchen am Piano, mit dem Stu im ersten Teil in einer Pause das Geschehen kommentierte, werden im Sequel wiederholt – hier singt er ein Lied, während er auf einer Akustikklampfe spielt. Im großen Finale muss die heimliche Hauptfigur sich nicht der dominanten Freundin stellen und ihr den Laufpass geben, sondern seinem herablassenden Schwiegervater beweisen, dass er keineswegs ein Waschlappen, sondern ein echter Kerl ist, der sich nicht länger herumschubsen lässt. Schließlich darf sogar Mike Tyson einen Auftritt absolvieren und wie gehabt endet das Ganze mit einem Blick auf die während der rauschenden Nacht entstandenen Fotos, die danach für immer gelöscht werden. Sogar das über dem ersten Teil stehende Motto „What happens in Vegas, stays in Vegas“ findet sein Echo in der wiederholt fallenden, aber weniger gut zitierbaren Aussage, dass Bangkok jemanden „gekriegt habe“.

Man entnimmt dieser Aufzählung schon, dass sich Philipps und seine beiden Co-Autoren nicht unbedingt ein Bein ausgerissen haben, sondern vielmehr nach dem Motto  „Don’t fix ist it isn’t broken“ verfahren sind. Ganz falsch liegen sie damit nicht: Die Geschichte um drei Typen, die schmerzhaft erfahren müssen, was für ein Chaos sie im Rausch angerichtet haben, funktioniert auch ein zweites Mal noch ganz gut – zumal das exotische Setting für zusätzliche Schauwerte und noch mehr Fallhöhe sorgt. Überhaupt muss man sagen, dass die HANGOVER-Reihe visuell aus dem Einerlei der meist doch eher einfach gehalten US-Komödien positiv heraussticht: Die beunruhigenden Unterströmungen der Story um drei „brave“ Männer, die keine Grenzen mehr kennen, wenn man sie einmal von der Kette lässt, spiegelt sich auch in der optischen Gestaltung, die Bangkok abwechselnd zum schillernden Sündenbabel, dann wieder zur postapokalyptischen Einöde verzeichnet. Begrüßenswert ist die Entscheidung, dem Chinesen Chow diesmal eine etwas größere Rolle zu geben: Eine Gelegenheit, die Ken Jong für eine komplett freidrehende Performance nutzt, die nur noch von Tyson Darbietung des Murray-Head-Gassenhauers „One Night in Bangkok“ getoppt wird. Tyson ist ja eh sowas wie der Schutzpatron dieser ersten beiden Filme: Er ist nicht nur deshalb am Start, weil er ein Promi mit Gesichtstattoo ist, sondern weil er eine Art Seelenverwandten der Protagonisten darstellt. Ein Mann, dessen Karriere gesäumt ist von idiotischen, impulsiv getroffenen Entscheidungen, die ihm aber kein Stück peinlich zu sein scheinen.

Ich fand THE HANGOVER PART II fast zwangsläufig eine Nummer schlechter als den ersten Teil, aber eine Sache gelingt ihm noch besser als diesem: Wenn Stu mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er Sex mit einem Mann hatte, reagiert er nach dem Gesetz der Gay Panic mit dem obligatorischen Brechreiz. Doch dann erklärt ihm sein One-Night-Stand, dass sie gleichzeitig gekommen seien, dass er vor Glück geweint habe. Diese Aussage benutzt Phillips keineswegs dazu, die Demütigung für Stu noch größer zu machen, sondern im Gegenteil dazu, ihn liebevoll zu besänftigen, seine vermeintliche Schmach zu verringern: Stu hat Seiten, die nur zum Vorschein kommen, wenn er völlig frei ist von den gesellschaftlichen Zwängen, die ihn sonst gefangen halten – und er ist tatsächlich glücklich, wenn er sie zeigen kann. Diese Haltung macht die HANGOVER-Reihe sehr ungewöhnlich und liebenswert – und sie ist darin absolut untypisch für eine „Männerkomödie“.

 

Mein Urteil nach der Erstsichtung von THE HANGOVER vor knapp zehn Jahren war zwar positiv, meinem damals entstandenen Text merkt man aber an, dass der Film keine große Leidenschaft entfacht hatte. Ich wusste nicht so richtig, was ich mit dem Teil anfangen sollte, sein Witz hatte bei mir nicht gezündet. Die Sequels, die dann 2011 und 2013 entstanden, habe ich mir dann demzufolge gar nicht erst angeschaut. Erst das Wiedersehen mit OLD SCHOOL, einem anderen Phillips-Film, den ich vorher „nur“ gut gefunden hatte, war jetzt ausschlaggebend dafür, auch THE HANGOVER nochmal eine Chance zu geben. Und was soll ich sagen: Die Sichtung geriet zum Triumphzug, der Film ist das totale Meisterwerk.

Ich habe bei dieser Sichtung auch verstanden, warum ich beim ersten Mal Schwierigkeiten mit ihm hatte. Ich schrieb damals, dass der eigentliche Witz des Films, die zentrale Ellipse, um deren Rekonstruktion es dann für die Protagonisten geht, mich auch um das gebracht hatte, was ich eigentlich lieber gesehen hätte: die Party und den Exzess, die dann zum titelgebenden Hangover und dem partiellen Gedächtnisverlust der Protagonisten führen. Partyfilme üben seit je her großen Reiz auf mich aus: Ich mag nicht nur, dass die besten von ihnen in der Lage sind, einem das Gefühl zu vermitteln, mitgefeiert zu haben, sondern auch den Aspekt von Freund- und Gemeinschaft, der bei allen diesen Filmen eine wichtige Rolle spielt. Die Prämisse von THE HANGOVER bot die Möglichkeit, diesen Charakteren durch die Nacht zu folgen, durch die verschiedenen Etablissements, in denen sie dann wiederum verschiedenen Nebenfiguren begegnet wären, die für kurze Zeit eine gewisse Bedeutung erhalten hätten. Vielleicht hätten sich ihre Wege zwischendurch getrennt, nur um sich dann später wieder zu kreuzen. THE HANGOVER wäre auch ein Film über eine rauschende Nacht gewesen – und ich liebe Filme, die in einer Nacht spielen, einem den Eindruck von Echtzeit vermitteln. THE HANGOVER lässt diese Möglichkeit aus. Er verweigert sie dem Betrachter mit Absicht. Er wartet noch nicht einmal mit einer verschworenen Gemeinschaft alter Freunde auf: Die vier Hauptfiguren – der wölfische Lehrer Phil (Bradley Cooper), der etwas biedere Zahnarzt Stu (Ed Helms), der angehende Ehemann Doug (Justin Bartha) und der unreife Psychotiker Alan (Zach Galifianakis) – sind nur noch lose miteinander verbändelt, zum Teil bereits auf dem Wege der Entfremdung, Alan ist als Dougs Schwager in spe, der um des Familienfriedens willen mitgenommen wird, nur geduldet. Das Miteinander ist geprägt durch kaum noch unterschwellig zu nennende innere Spannungen, die sich in „kumpelhaften“ Beleidigungen und Demütigungen niederschlägt. Zum Blackout kommt es dann auch nicht, weil die vier so wahnsinnig viel Spaß miteinander haben: Alan mischt ihnen heimlich Ecstasypillen in den Drink, die sich dann als Roofies entpuppen (der Dealer hatte sich im Beutel vergriffen). Nach dem Erwachen ist die teure Suite des Caesar’s Palace in Las Vegas, in der sie sich eingemietet haben, vollkommen verwüstet, Stu fehlt ein Zahn, im Badezimmer lauert ein Tiger, ein mutterloses Baby liegt im begehbaren Kleiderschrank und Doug ist spurlos verschwunden. Die Suche nach ihm gerät zur detektivischen Ermittlungsarbeit, bei der die drei Partybiester die Ereignisse des vorigen Abends Stück für Stück rekonstruieren müssen, um den Junggesellen rechtzeitig zu seiner Hochzeit nach Hause bringen zu können. Auf dem Weg dahin sind sie auch gezwungen, sich mit ihren verborgenen Obsessionen auseinanderzusetzen. Am Ende sind sie geläutert – und zu jener verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die sie am Anfang nicht waren.

Schon OLD SCHOOL hatte seine Untiefen, die durch die insgesamt sehr wohlwollende, überzeichnete Darstellung seiner Hautfiguren – wie hier Männer, die sich mit dem Erwachsenwerden und den Anforderungen der „Reife“ schwertun – aber noch verdeckt wurden. In THE HANGOVER kommt kaum ein Gag ohne Preis, eigentlich zeichnet Phillips ein Horrorszenario, legt das (selbst)zerstörerische Potenzial seiner männlichen Protagonisten gnadenlos bloß und wirft die Frage auf, was mit „uns Männern“ eigentlich falsch ist. Schon das Ritual des Junggesellenabschieds, dem die Begleiter deutlich mehr entgegenfiebern als der Junggeselle selbst, stellt eine Lizenz zum unverhohlenen Regress dar und man fragt sich unweigerlich: Warum überhaupt heiraten, wenn man sich doch viel lieber wie eine enthemmte Wildsau ohne jeden Sinn für Verantwortung benehmen will? Der Eindruck, dass die Beteiligten sich von den Anforderungen des langweiligen Alltags mit Karriere und Familie heftigst eingeschnürt fühlen, bewahrheitet sich dann, als die Drogen ins Spiel kommen und alle Hemmungen gnadenlos fallen: Am deutlichsten zeigt sich das an Stu, dem vermeintlich vernünftigsten der vier: Er heiratet im Vollrausch gleich eine Stripperin (Heather Graham) und zieht sich selbst einen Zahn, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der Wahnsinn, den die Kumpels auf ihrer Reise durch Las Vegas entfacht haben, ist so allumfassend, dass sie sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, absolute Monster zu sein. Mehr noch: Sie stellen fest, dieses Potenzial wirklich in sich zu tragen. Las Vegas gerät zum Vorort der Hölle, der die niedersten Instinkte in ihnen anspricht und hervorkitzelt. Der Spruch „What happens in Vegas, stays in Vegas“, auf den sie sich zu Beginn ihrer Odyssee einschwören, erhält noch eine dunklere, beinahe apokalyptische Bedeutung: Vielleicht wäre es besser, wenn diese Irren gleich hier blieben, zwischen all den Verdammten und Gestrandeten, die in diesem an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnernden Labyrinth ihren eigenen Trieben nachgehen, bis sie ausgezehrt im Wüstensand verenden.

Das Schöne an THE HANGOVER und seinen Sequels, aber auch von OLD SCHOOL ist, dass er weder bei der langweiligen Erkenntnis stehenbleibt, dass Männer eine „dunkle Seite“ haben, noch als einfache Lösung vorschlägt, dass wir unsere Begierden entsagen sollten, vielmehr strebt er eine Synthese an. Erst durch den Druck gesellschaftlicher Zwänge können auch unsere Obsessionen überhaupt erst so monströs anwachsen. Wenn wir der Wildsau nur ein wenig mehr Freiraum gäben oder uns auch nur eingeständen, dass es sie gibt, müsste sie beim Junggesellenabschied nicht so gnadenlos mit uns durchgehen.

 

 

 

 

Jim van Bebber, Jahrgang 1964, drehte sein Debüt DEADBEAT AT DAWN über einen Zeitraum von vier Jahren in seiner Heimatstadt Dayton, Ohio. Man muss sich das vergegenwärtigen: In einem Alter, in dem andere noch überlegen, was sie mit ihrem Leben denn überhaupt anfangen sollen, legte van Bebber einen Spielfilm vor, der zwar roh, ungeschliffen, manchmal auch noch ein wenig pubertär ist, aber dennoch zu jeder Sekunde eine ganz klare Vision und erhebliches inszenatorisches Geschick erkennen lässt – und in seiner nihilistischen Räudigkeit nahezu perfekt ist. Der Regisseur, ist nicht der einzige, der seine Karriere mit einem solchen DIY-Erfolg begann – Peter Jacksons BAD TASTE fällt unweigerlich ein -, aber DEADBEAT AT DAWN ist schon noch einmal ein besonderes Kaliber, weil van Bebber so mutig war, sein Ding ohne jeden distanzierenden oder sich selbst vor Kritik abschirmenden Humor durchzuziehen. Das ist für einen Quasi-Amateurfilm geradezu unerhört – und es funktioniert. Die Befürchtung, der Film könne ganz schlecht gealtert sein, die ich hatte, war demnach nicht nur unbegründet, tatsächlich das Gegenteil ist der Fall: DEADBEAT AT DAWN ist in den letzten 20 Jahren eigentlich nur besser geworden und war demnach ganz gewiss die Wiederentdeckung unseres kleinen Festivals. Es ist ein Film, den man ohne Probleme als verspäteten Nachfahren der abgeranzten New-York-Schocker der frühen Achtzigerjahre rezipieren darf, ein Genre, von dem zumindest ich nie genug bekomme.

van Bebber selbst spielt Goose, den jugendlichen Anführer der „Ravens“, einer Straßengang, die sich mit kleinen Raubüberfällen über Wasser hält und sich regelmäßig mit den vom psychopathischen Danny (Paul Harper) angeführten „Spyders“ herumschlägt. Goose‘ Freundin Christy (Megan Murphy) fleht ihn an, das Gangleben hinter sich zu lassen, um mit ihr ein „bürgerliches“ Dasein zu führen und kann ihn schließlich zum Ausstieg überreden. Doch während er seinen letzten Deal abschließt, wird sie von Danny und seinem Kettenhund „Bonecrusher“ (Marc Pitman) ermordet. Goose wird rückfällig und erlebt mit, wie die Ravens unter der neuen Führung von Keith (Ric Walker) mit den Spyders fusionieren. Nach einem großen gemeinsamen Raubüberfall lässt Danny alle Mitglieder der einstigen Feinde umbringen, nur Goose kann mit der Beute fliehen. Das letzte Duell steht kurz bevor …

Um die kleinen Anflüge von Kritik gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: Wenn ich DEADBEAT AT DAWN oben als „pubertär“ beschrieb, bezieht sich das vor allem auf das erste Drittel des Films und die Art, wie sich van Bebber dort selbst inszeniert. Goose zieht sich gleich nach dem Aufwachen eine Line, demonstriert beim Training im Park seine Nunchaku-Skills und ballert einem Feind gnadenlos die Flosse ab, hat aber eigentlich ein gutes Herz. Das weiß auch das biedere Mäuschen Christy, das trotz der absolut trostlosen Perspektive große Hoffnung in die Beziehung mit dem Asozialen setzt. Diese Konstellation wirkt auch wegen der alles überschattenden Schäbigkeit des Films etwas naiv, aber es fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht, weil van Bebber seinen etwas einfältigen Plot lediglich als Anlass für den Abstieg in die urbane Apokalypse versteht. Der auf 16mm gedrehte DEADBEAT AT DAWN verfügt nicht nur über die entsprechend ungeschminkte Optik und potthässliche Settings – heruntergekommene Wohnungen, Fabrikhallen, Kellergänge, Abrisshäuser, Hinterhöfe, miese Pinten und die typischen Straßenzüge voller Pornokinos -, er zeichnet auch ein sehr desillusionierendes Bild von urbanem Leben: Christy wird zu Beginn auf offener Straße beinahe vergewaltigt, ihre Leiche später von Goose in einer Müllpresse entsorgt. Auf die Trauer seines Sohnes über den Tod der Freundin reagiert der Vater nur mit der Frage, ob der denn wenigstens Geld für Bier habe, bevor er sich schließlich einen Schuss zwischen die Altherrenzehen setzt. Danny ist ein skrupelloser Mörder und Bonecrusher ein augenrollender Sadist, dass sich am Ende ein blutiges Gemetzel mitten in der Stadt abspielt, scheint kaum jemanden zu interessieren. Und dann ist da die Gewalt.

van Bebber nimmt keine Gefangenen und fährt ein beachtliches Arsenal knüppelharter Mark-up-Effekte auf. Das blutrote Feuerwerk aus Kopfschüssen, Stichwunden, und abgetrennten Köpfen kulminiert am Ende mit abgebissenen Fingern und einem mit bloßen Händen herausgerissenen Kehlkopf. Das alles wird ohne jeglichen „Fun“ dargeboten, fügt sich in seiner Unmittelbarkeit stattdessen ein in das Bild einer Welt, in der Menschlichkeit lange auf der Strecke geblieben ist und jeder wie ein Tier ums nackte Überleben kämpft. Auch wenn der Eindruck eines Runterziehers überwiegt: DEADBEAT AT DAWN ist mit viel Power inszeniert, einer wunderbar dynamischen Kamera und einem fast an Lebensmüdigkeit grenzenden Enthusiasmus: Einmal seilt sich van Bebber mit einem Seil an einem Parkhaus ab und ich bezweifle, dass er dafür eine Genehmigung hatte. Überhaupt schätze ich, dass mancher Passant einen Herzinfarkt erlitten haben dürfte, als er diesen irren Filmtypen bei den Dreharbeiten nichts Böses ahnend über den Weg lief. Aber auch für den gut vorbereiteten passivenr Betrachter, der es sich im Kinosessel oder auf der heimischen Couch bequem gemacht hat, ist DEADBEAT AT DAWN eine mächtige Kelle, nach der man sich exakt so fühlt, wie Goose am Ende des Filmes aussieht: Wie über heißen, rissigen Asphalt gezerrt und mit einer Eisenstange verprügelt. Was für ein Arschtritt.

 

 

Mit Staffel 2 kommt JUSTIFIED richtig ins Rollen: Das Fundament ist gelegt, die Hauptcharaktere sowie der Handlungsort sind etabliert und der Spaß kann beginnen. Infolgedessen wird die Zahl der innerhalb einzelner Folgen abgeschlossenen Fälle, die es zuvor noch häufiger gab, merklich reduziert, stattdessen spannt Schöpfer Graham Yost mit seinen Co-Autoren einen über die volle Distanz der 13 Episoden reichenden Spannungsbogen und integriert seine kleineren Storys in eine große. Boyd Crowder (Walton Goggins), in Staffel eins als Rivale des Protagonisten Raylan Givens (Timothy Olyphant) etabliert, tritt hier ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen konzentrieren sich Yost und seine Regisseure auf den Hillbilly-Clan um die Matriarchin Mags Bennett (Margo Martindale), die mit ihren Söhnen Dickie (Jeremy Davies), Coover (Brad William Henke) und Doyle (Joseph Lyle Taylor) – letzterer pikanterweise ein Diener des Gesetzes – den Marihuana-Handel in Harlan County kontrolliert. Es entspinnt sich im Folgenden nicht nur ein Streit um die Drogenvorherrschaft zwischen den Crowders und den Bennetts, die rigorose Clanleaderin stellt sich als Sprecherin ihrer Gemeinde auch noch den Bemühungen einer Bergbaufirma entgegen, den Bewohnern das Land abzukaufen. Gleichzeitig steuert sich der Streit zwischen Givens und seinem kriminellen Vater Arlo (Raymond J. Barry) auf einen neuen Eskalationspunkt zu, als dieser in die Organisation von Crowder einsteigt. Und auch Wynn Duffy (Jere Burns), ein Vertreter der „Dixie Mafia“, hat weiterhin seine Hände im schmutzigen Geschäft und versucht, für seine Vorgesetzten etwas vom Drogengeld abzugreifen, wo er nur kann.

Auch wenn JUSTIFIED über die volle Distanz der sechs Staffeln hinweg exzellentes TV-Entertainment mit engagierten Schauspielerleistungen, einem arschcoolen Helden und pointierten Dialogen darstellt: In Staffel zwei erreicht die Serie dank Margo Martindale ihren vorzeitigen Höhepunkt, schwingt sich gewissermaßen zur Backwood-Variante von Coppola THE GODFATHER-Trilogie auf. Wie bei Vito und Michael Corleone steht hinter Mags eisenhartem Geschäftsgebaren das Bewusstsein für die Pflicht als Oberhaupt ihrer Familie. Der Drogenhandel ist auch nur ein Geschäft, das geeignete Mittel zum Zweck und in den Bergen und Wäldern Kentuckys beinahe ebenso fest verwurzelt wie der Kohlebergbau und die Schnapsbrennerei. Der Bennett-Clan hat eine lange Geschichte, das Wort von Mags Gewicht unter den Einheimischen und dass sie die Ihren mit dem Mut und der Gewalt eines Bären zu verteidigen bereit ist, hat ihr viel Respekt eingebracht. Staffel zwei von JUSTIFIED gelingt es noch mehr als der vorangegangenen oder den folgenden Staffel, die sozioökonomische Grundstruktur von Harlan County bloßzulegen und die Region als lebendiges Soziotop mit einer reichen Vergangenheit darzustellen. Givens‘ Arbeit wird zusehends nicht nur dadurch erschwert, dass er sich durch das Minenfeld über Jahrzehnte gewachsener Beziehungen und Rivalitäten bewegen muss, sondern auch dadurch, dass er selbst hoffnungslos in dieses Geflecht verstrickt ist.

Die kunstvolle dramaturgische Struktur der Staffel, die über die 13 Episoden unaufhaltsam auf den finalen, blutigen Kampf zusteuert, kann man gar nicht genug loben. Diese trotz der zahlreichen handelnden Personen und ihrer kleinen Subplots bestehende Klarheit werden die beiden nächsten Staffeln, so viel vorweg, leider vermissen lassen: Im entbrennenden Krieg zwischen dem Gesetz auf der einen, den Crowders, den verbliebenen Bennetts, den verschiedenen Unterhändlern der Dixie Mafia und einem afroamerikanischen BBQ-Experten sowie den vielen interpersonellen Zwistigkeiten verliert der Zuschauer manchmal den Überblick. Spaß macht das immer noch, die emotionale Unmittelbarkeit von Staffel zwei wird aber nicht mehr erreicht.