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Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Menschen (außer der schweigenden Mehrheit natürlich, die tatsächlich ihren Obolus an den Kassen entrichtet, sich aber nie wirklich positiv zu den Filmen geäußert hat), die Michael Boys TRANSFORMERSFranchise mit einem gewissen Wohlwollen und Sympathie gegenübersteht. Ja, der Schnitt macht es nahezu unmöglich, sie sich wirklich anzusehen, Bays Militarismus ist anstrengend bis problematisch und ohne Frage sind die Filme um fucking Spielzeugroboter gnadenlos überfrachtet, aber dann sind diese außerirdischen Riesenroboter, die sich in Autos, Lkw, Flugzeuge und Hubschrauber verwandeln, auch wieder prädestiniert dazu, in megalomanischen Eventfilmen auf die Leinwand gehievt zu werden. Und wenn es einen Mann gibt, der absurde Ideen in noch absurdere Filme überträgt, ist es Michael Bay (wobei Emmerich ganz sicher auch einen guten TRANSFORMERS-Film in sich trägt). BUMBLEBEE ist dennoch ein Schritt, der nach all der Verachtung und Häme, die Boys TRANSFORMERS-Reihe einstecken musste, logisch und folgerichtig erscheint. Christina Dodson warf für ihr Script allen überflüssigen Ballast über Bord und konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche. Und vor allem schuf sie die Grundlage für einen Film, der erst in zweiter Linie den ihren Kinderschuhen längst entwachsenen Fans von einst gewidmet ist, sondern zuerst den Kindern und Jugendlichen von heute. BUMBLEBEE ist ein Kinderfilm, der Jugendschützern und Pädagogen zwar nicht durchgehend munden dürfte, aber über weite Strecken deutlich einfacher und herzlicher als seine Vorgänger daherkommt.

Wie es sich für einen Film gehört, der auf Actionfiguren und einer Trickfilmreihe aus den Achtzigern fußt, orientiert sich BUMBLEBEE an den auf Teenies abzielenden Erfolgsfilmen dieser Zeit: Im Mittelpunkt steht die Freundschaft der Außenseiterin Charlie (Hailee Steinfeld) mit dem coolen Roboter, der ihr hilft, ihren Platz im Leben zu finden, während sie sich wiederum seiner annimmt – und dabei in ein ziemlich explosives Abenteuer gerät. Der titelgebende Roboter ist auf der Flucht vor den bösen Decepticons, die seinen Heimatplaneten verwüstet haben, auf der Erde gelandet und hat schnell noch die Form eines sonnengelben VW Käfers angenommen, bevor seine Akkus den Geist aufgaben. So findet die begeisterte Autoschrauberin Charlie den Wagen auf einem Schrottplatz und verliebt sich sofort in ihn. Die Begeisterung für Autos hat sie von ihrem verstorbenen Vater, über dessen Tod sie nie hinweggekommen ist, während ihre Mutter bereits wieder einen neuen Lover hat und an der schlechten Laune der Jüngsten verzweifelt. Als sich Bumblebee zu erkennen gibt, weicht der anfängliche Schreck bald der Faszination und dann einer Freundschaft, die schließlich durch das Militär und dann die herannahenden Decepticons gefährdet wird.

Ich habe BUMBLEBEE in erster Linie für meine Kids geschaut: Mein fünfjähriger Sohn findet – wie könnte es anders sein? – die Transformers cool und meine neunjährige Tochter mag Filme mit weiblichen Helden. Bei beiden ist der Film voll eingeschlagen: Der eine freute sich über geile Roboteraction mit vielen Explosionen, die andere über einen niedlichen Metallfreund und eine toughe Identifikationsfigur. Wenn ich ehrlich bin, hat mir BUMBLEBEE aber ebenfalls gut gefallen: Eine grundsätzliche Zuneigung zu den Plastikspielzeugen kann ich nicht leugnen, obwohl oder vielleicht auch weil ich nie selbst im Besitz der Figuren war, und dass ich den bisherigen Filmen aufgeschlossen gegenüberstehe, habe ich ja oben schon erklärt. Das Rezept, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die weltumspannende Apokalypse mit kriegerischen Auseinandersetzung und zugehörigen Zerstörungsorgien samt Ausflügen auf fremde Planeten und Boys mythologischen Zierrat zugunsten eines griffigeren, kleineren, intimeren Konfliktes zu verwerfen, geht voll auf: Travis Knight hat einen bunten, amüsanten Abenteuerfilm gedreht, der erzählerisch zwar lediglich Altbekanntes aufwärmt, aber dabei immerhin schön bunt und temporeich daherkommt. Natürlich muss man (muss man?) über manche Aspekte hinwegsehen: Der bei Bay überbordende Militarismus ist hier zwar gedrosselt, gehört zum Franchise aber nunmal dazu. Die Chuzpe, das Hohelied von Individualismus und Selbstbestimmung in einem Film anzustimmen, der nicht erst in zweiter Linie dazu gedacht ist, Spielzeug zu verkaufen, kann man auch als dreist oder gar ekelhaft bezeichnen. Dass Heldin Charlie in jeder Szene ein neues hippes Band-T-Shirt trägt, ist in erster Linie ein Marketingschachzug und erst in zweiter der Charakterzeichnung geschuldet. (Wie Morrissey die prominente Platzierung der Smiths auf dem Soundrack mit seinem Gewissen vereinbart, ist ebenfalls eine interessante Frage.) Ich ziehe es in diesem Falle aber einfach vor, mich darüber zu freuen, hier unter anderem Songs von The Smiths, Duran Duran, Oingo Boingo, The Cars oder Wang Chung zu hören zu bekommen, eines der deutlichen Zugeständnisse an die Kinder von damals. Schön fand ich auch den Verzicht auf eine klischierte Liebesbeziehung: Zwar wird Charlie ein männlicher Verehrer an die Seite geschrieben, aber als der am Ende im vermeintlich romantischen Schlussbild ihre Hand ergreift, zieht diese zurück und grinst ihn an: „So wit sind wir noch nicht.“ Ich würde das Seherlebnis am Ende so zusammenfassen: BUMBLEBEE ist ziemlich sicher der sympathischste Film, den man aus dem Franchise herauspressen konnte.

„Cash rules everything around me“, rappte der Wu-Tang Clan vor nunmehr 26 Jahren. Seit damals hat sich die Situation noch verschärft: Es wird immer schwieriger, ein gutes, finanziell abgesichertes Leben zu führen. Jobs, die einem bis vor einigen Jahrzehnten noch ein solches ermöglichten, werfen heute nicht mehr genug ab oder sind ganz verschwunden. Der Mittelstand erodiert, die viel beschworene Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter. Es sind heute Menschen von realer Armut bedroht, die diese Option nie für möglich gehalten hätten. Und weil die berühmte „ehrliche Arbeit“ heute längst kein Garant mehr für eine entsprechend „ehrliche Bezahlung“ ist, werden die Menschen einfallsreich. Ein ganzer Zweig der Unterhaltungsindustrie baut seit einigen Jahren auf der Gewissheit auf, dass Menschen für Geld fast alles tun. Sie sind bereit ihre Würde zu verkaufen und alle ihre Prinzipien über Bord zu werfen, wenn das Geldbündel, das man ihnen unter die Nase hält, nur dick genug ist. Schwarze Komödien haben sich schon immer mit der Frage beschäftigt, inwiefern Geld – oder nur die Aussicht darauf – den Charakter verdirbt, bereits im Film Noir führt Gier fast immer ins Verderben. CHEAP THRILLS hat so gesehen klare Vorbilder. Was ihn von diesen abhebt, ist die Direktheit, mit der er sein Thema angeht.

Craig Daniels (Pat Healy), Ehemann, frisch gebackener Vater und erfolgloser Schriftsteller, verdient sein Geld als Kfz-Mechaniker. Schon morgens flattert ein Räumungsbescheid ins Haus, später erhält er die Kündigung. Um seinen Kummer zu ertränken, geht er in eine Bar – und trifft dort seinen alten Schulfreund Vince (Ethan Embry), der sein Geld als Schuldeneintreiber verdient und Craig zum Bleiben überredet. Wenig später machen beide Bekanntschaft mit Colin (David Koechner) und seiner deutlich jüngeren Gattin Violet (Sara Paxton): Colin scheint keine Geldsorgen zu haben, denn er schmeißt mit Scheinen nur so um sich, und fordert die beiden Fremden immer wieder zu kleinen Wetten heraus. Was harmlos und mit kleinen Beträgen beginnt, artet in Colins Luxusvilla schließlich völlig aus.

CHEAP THRILLS hat eine einfache Prämisse, die E. L. Katz mit äußerster Konsequenz und ohne auch nur einmal vom Weg abzuweichen zu ihrem kompromisslosen Ende führt. Das zeigt sich auch in seiner Reduktion auf einen vierköpfigen Personenkreis und zwei begrenzte Settings: Der Film erinnert wahlweise an eine bissige Episode aus TWILIGHT ZONE oder auch an einen besonders üblen Scherz aus „Verstehen Sie Spaß?“ Im Mittelpunkt steht die Frage, wie weit seine beiden gebeutelten Protagonisten für Geld zu gehen bereit sind, und Colin und Violet treten in diesem Spiel als sadistisch-zynisches Moderations-/Verführerpaar dazu an, ihr miserables (aber realistisches) Menschenbild zu bestätigen, indem sie ihre beiden Opfer Schritt für Schritt weiter vor sich hertreiben, die Verlockung und die damit verbundenen Herausforderungen kontinuierlich steigern. Zu Beginn geht es noch darum, einen Schnaps schneller zu trinken als der Gegner, einer Stripperin einen Klaps auf den Po zu geben oder möglichst lange die Luft anzuhalten, aber mit steigenden Geldbeträgen wachsen auch die Anforderungen: Irgendwann steht dann etwa die Frage im Raum, wer sich den kleinen Finger abhacken würde – und was ihm diese Selbstverstümmelung wert ist. Aber auch das ist noch nicht das Ende.

Im Zuge dieser immer weiter vorangetriebenen Steigerung geht es logischerweise nicht nur um die jeweils eigenen Schmerzgrenzen: Colin und Violet spielen ihr Spielchen ganz bewusst mit zwei Kandidaten, deren Rivalität anwächst, je höher die Geldbeträge werden. Gewinnen kann schließlich immer nur einer und zum Sieg führen zwei Wege: „Besser“ bzw. „mutiger“ oder „skrupelloser“ zu sein als der andere – oder diesen daran zu hindern, seine eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Als Vince sich bereiterklärt, sich für 25.000 Dollar den kleinen Finger abzuhacken, wird er von Craig unterboten. Seine kritische wirtschaftliche Lage verschafft ihm gegenüber dem alten Freund einen deutlichen Vorteil: Kaum hat er den ersten Schritt gemacht, das erste Prinzip gebrochen, gerät er in einen wahren Rausch. Sein Kumpel kann da schnell nicht mehr mithalten und der körperlich vermeintlich unterlegene Intellektuelle verwandelt sich in einen diabolisch grinsenden Derwisch, der sich von allen zivilisatorischen Zwängen komplett freimacht.

E. L. Katz holt alles raus aus seinem Stoff: CHEAP THRILLS setzt sich mit der Flexibilität individueller Moralvorstellungen auseinander, mit den Machtverhältnissen im Kapitalismus, mit männlichem Omnipotenzwahn, der Korrumpierbarkeit der Intellektuellen und der Frage, was eigentlich hinter unserer zivilisierten Fassade lauert. Das Script von David Chirchirillo und Trent Haaga nimmt sich zunächst Zeit, seine Figuren und die Situation langsam aufzubauen, zieht die Schraubzwinge ganz ruhig und kontinuierlich an und lässt das Spielchen erst ganz zum Schluss eskalieren. Pat Healy ist super als langweiliger, braver straight man, der zum Monster wird, kaum dass die Ketten einmal abgestriffen sind, Ethan Embly überzeugt als handfester Kerl, der plötzlich an ungeahnte Grenzen stößt. David Koechner hat Spaß an seiner Rolle als Mephistopheles, aber er begeht nicht den Fehler, zu überreizen. Überhaupt  hat es mir überragend gut gefallen, dass CHEAP THRILLS nicht dem Irrglauben erliegt, am Ende noch einen Twist, eine Überraschung oder auch nur eine Motivation hinter dem Treiben von Colin und Violet auspacken zu müssen. Ich war der festen Überzeugung, dass sich das Ganze irgendwann als Streich à la THE GAME entpuppt, aber nichts dergleichen passiert. Auch wird einem die Moral von der Geschicht nicht noch einmal griffig dargeboten, vielmehr endet der Film wortlos mit einem Bild, dass das ganze Drama des Films und die Abgefucktheit der menschlichen Rasse auf den Punkt bringt. Es gibt eigentlich nur eines, was ich an CHEAP THRILLS auszusetzen habe: Das Verspeisen eines Hundes wird grob überschätzt. Den Nachbarn ins Haus scheißen, die Gattin eines anderen ficken, während der wichsend zusieht, sich den Finger abhacken: Alles kein Problem, aber das große Schlottern kriegen, wenn gegrillter Hund auf dem Teller liegt: Keine Ahnung, was die Amis für Probleme haben.

 

 

 

 

 

 

ANT-MAN stellte zusammen mit GUARDIANS OF THE GALAXY einen Außenseiter im Rahmen des MCU dar. Nicht nur, dass er sich mit seinem Helden einer Figur der zweiten oder sogar dritten Reihe widmete (Hank Pym/Ant-Man gehörte zwar zur Erstbesetzung der Avengers, spielte in den Comics aber über viele Jahre keinerlei Rolle), er wartete auch nicht mit dem Ernst, der Epik oder dem Heldenpathos der Filme seiner berühmteren Kollegen auf, sondern bemühte die Form einer mit Elementen des Science-Fiction-Films der Fünfzigerjahre gespickten Außenseiterkomödie. Aufregung gab es, als der beliebte Regisseur Edgar Wright, der auch das Drehbuch geschrieben hatte, während der Dreharbeiten hinwarf, frustriert von der Einmischung der Produzenten, und an den weitestgehend unbekannten Peyton Reed übergab. Der Wechsel auf den Regiestuhl tat dem Erfolg aber keinen Abbruch: Marvel konnte offensichtlich nichts falsch machen.

ANT-MAN AND THE WASP schließt inhaltlich an CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR an und ihm kommt die angesichts seiner konzeptionellen Leichtfüßigkeit etwas überraschende Rolle zu, zusammen mit CAPTAIN MARVEL das Feld für den großen AVENGERS: ENDGAME zu bereiten. Letztlich – und hier komme ich zum ersten und auch letzten Mal in diesem Text zur Kritik am MCU – beschränkt sich diese Funktion auf die berühmte Post-Credit-Szene, ansonsten könnte ANT-MAN AND THE WASP auch ganz für sich allein stehen. Und das ist auch ganz gut so, denn er profitiert erheblich davon, dass er sich eine Ecke weniger Ernst nimmt als seine großen Kollegen und die Stärken Rudds, die nun einmal nicht in der Ausübung von Martial-Arts-Fights, in seiner Furchtlosigkeit bei diversen Stunts oder im Schwingen wortreicher Ansprachen liegt, sondern in seinem charmanten Durchschnittlichkeit und der Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, ohne dabei zur Witzfigur zu geraten. Die Handlung von ANT-MAN AND THE WASP passt wieder einmal auf einen Bierdeckel: Scott Lang hilft Hank Pym (Michael Douglas) und dessen Tochter Hope (Evangeline Lilly) dabei, Ehefrau respektive Mutter Janet (Michelle Pfeiffer) aus der Quantensphäre zurückzuholen, in der sie vor Jahrzehnten bei einer Mission verloren ging. Das Vorhaben wird durch das Eingreifen des kriminellen Sonny Burch (Walton Goggins) sowie das FBI erschwert, das Scott seit seinem Einsatz in CIVIL WAR unter Hausarrest gestellt hat. Die Action-Set-Pieces sind recht ökonomisch über den Film verteilt, stattdessen konzentriert ich Reed auf humorige Verwicklungen, bei denen besonders Sidekick Michael Peña hervorsticht. Der war schon im Vorgänger der heimliche Star und hat auch hier wieder die meisten Lacher auf seiner Seite. Sein beste Szene aus dem Vorgänger, in dem er als aufgeregter Voice-over-Erzähler eine Sequenz quasi synchronisieren durfte, wird hier noch einmal wiederholt und dabei sogar noch getoppt. Es ist nur eine von vielen guten Ideen, die hier einfach mit dem nötigen Händchen umgesetzt werden.

Wenn es mal turbulent wird, kommen dem Film die vielen Möglichkeiten, die die Vergrößerung bzw. Verkleinerung bei der Choreografie bieten, sehr zugute. Da werden diesmal Ameisen auf Hundeformat vergrößert, kommen in einer Verfolgungsjagd Miniautos zum Einsatz, die andere Fahrzeuge „wegboxen“, indem sie plötzlich auf Normalgröße geschaltet werden, gibt es einen Ant-Man-Anzug mit Fehlfunktion sowie ein Haus, das als Trolley mitgeführt werden kann. Im Finale schlägt der Film die Brücke um Kaiju Eiga, ein Laptop verwandelt sich für die verkleinerten Protagonisten in ein Drive-in-Kino (das natürlich den Ameisenfilmklassiker THEM! zeigt) und die Schlusscredits erwärmen das Herz mit ihren Spielzeugnachstellungen der spektakulärsten Szenen des Films. Man kann ANT-MAN AND THE WASP ganz gewiss vorwerfen, nur wenig mehr als kurzweilige Zerstreuung zu bieten, die kaum Langzeitwirkung entfaltet, aber mir gefällt das zumindest für eine Sichtung sehr gut. Wo der „Hauptstrang“ des MCU für mich oft daran krankt, sich und seine Geschichten viel zu Ernst zu nehmen, kommt Reeds Film den Wurzeln des zugrundeliegenden Printmediums im unschuldigen Pulp sehr viel näher. Ich mag das.

Der FBI-Beamte Craig McCall (E. Roger Michell) ist auf das verschlafene Kaff Mena, Arkansas aufmerksam geworden, weil sich in den dortigen Banken ungewöhnlich große Geldmengen anhäufen. Bei seinem Besuch in dem Nest, das lediglich aus einer einzigen Straße besteht, eröffnet sich ihm ein merkwürdiger Anblick: Gleich mehrere brandneu errichtete Geldinstitute stehen dort nebeneinander und teure Autos fahren an ihm vorbei. Man darf annehmen, dass der Agent schon viel gesehen hat, aber auch das kann nicht verhindern, dass ihm die Kinnlade runterklappt. Die Szene findet sich ungefähr zur Hälfte von Doug Limans AMERICAN MADE, der die wahre Geschichte des ehemaligen TWA-Piloten Barry Seal erzählt, der erst zum Spion des CIA und dann zum Drogendealer für das kolumbianische Kartell avancierte und außerdem eine wichtige Rolle in der Contra-Affäre spielte, bevor er von Pablo Escobar Killern umgebracht wurde, und zeigt auf wunderbar  nachdrückliche Art und Weise, welche unerwarteten, mitunter kuriosen Folgen die auf globaler Ebene vollzogenen Winkelzügen der Geheimdienste auf der Mikroebene nach sich ziehen.

Barry Seal (Tom Cruise) ist einer der jüngsten Piloten der TWA-Geschichte, ein Naturtalent, noch dazu ausgestattet mit gutem Aussehen und einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein. Sein Pilotengehalt bessert er sich mit dem Schmuggel kubanischer Zigarren auf, auf den er eines Tages in einer Flughafenbar von einem Herrn namens Schafer (Domhnall Gleeson) angesprochen wird. Der Mann ist vom CIA und er macht Seal zum Spion: Ausgestattet mit einem topmodernen zweimotorigen Flugzeug liefert Barry dem CIA in der Folge Überwachungsaufnahmen von Militärstützpunkten in Mittel- und Südamerika und betätigt sich als Bote für den panamaischen General Noriega. Bei einem Aufenthalt in Kolumbien wird er von drei „Geschäftsleuten“ namens Ochoa (Alejandro Edda), Escobar (Mauricio Media) und Rangel (Benito Martinez) kontaktiert: Die Herren, die in den nächsten Jahren als Medellin-Kartell von sich Reden machen werden, beauftragen den Piloten, für sie Drogen in die USA zu fliegen. Die Aussicht auf 2.000 Dollar pro Kilo überzeugt den Amerikaner mit der flexiblen Moral. Doch sein Nebenverdienst bleibt nicht unbemerkt. Er flieht vor der Polizei in seinem Heimatstaat Louisiana auf Geheiß Schafers nach Arkansas, wo man ihm ein 5.000 Hektar großes Grundstück samt eigenem Flugplatz zur Verfügung stellt. Während sich das Bargeld in seinem Haus türmt, gibt es den nächsten Auftrag für ihn: Weil Reagan die Contra-Rebellen in Nicaragua in ihrem Kampf gegen die Sandinistas unterstützen will, erhält Seal die Aufgabe, Waffen nach Mittelamerika zu liefern. Vor Ort stellen sich die Contras aber als nur mäßig interessiert am Widerstandskampf heraus. Viel mehr reizt sie das Geld, das sie mit kolumbianischen Drogen verdienen können, die ihnen Escobar und Co. im Tausch für die Waffen anbieten. Vollends absurd wird Seals Mission, als er die Contras zu Ausbildungszwecken nach Arkansas bringen muss: Die Freiheit des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten vor Augen, nehmen sie in Scharen Reißaus. Derweil hat Seal immer größere Probleme, sein illegales Treiben vor den Behörden geheim zu halten.

AMERICAN MADE erzählt eine unglaubliche Geschichte in einem halsbrecherischen Tempo, streckt die Paranoia-Sequenz aus Scorseses GOODFELLAS gewissermaßen auf Spielfilmlänge und bildet eine Art Gegenstück zu De Palmas SCARFACE. Wie Tony Montana steigt auch Barry Seal im Verlauf seiner Doppelagentenkarriere in absurde Höhen auf, aus denen er irgendwann zwangsläufig abstürzen muss. Der Unterschied: Während der fiktive kubanische Drogenzar Montana seinen Untergang wie ein antiker griechischer Held selbst herbeiführt, wird Seal Opfer eines schmutzigen Spiels, in dem er letztlich nur eine austauschbare Spielfigur ist. Der Geheimdienst steht ihm genau so lange zur Seite, wie er die dunklen Machenschaften, in die er verstrickt ist, noch decken kann. Anders als die unterkühlten Politik- und Spionagethriller der Siebzigerjahre, in denen abgezockte Profis ihr Handwerk unbemerkt von der „normalen“ Welt verrichten und die in den Schaltzentralen der Macht ausgeklügelten Pläne mit eiskalter Präzision ausführen, zeichnet AMERICAN MADE ein reichlich chaotisches Bild von den Geheimdiensten: Da handeln mit großer Machtfülle ausgestattete Beamten aus dem Bauch heraus auf eigene Faust, gibt es keinerlei Kontrollinstanzen, die die Arbeit der eingesetzten Kräfte auch nur ansatzweise überwachen würden, werden Maßnahmen ergriffen, ohne diese auch nur im geringsten kritisch zu hinterfragen. Wenn alles in Rauch aufgeht, sucht man das Heil in der Flucht, verbrennt alle Beweise und stellt sich dumm. AMERICAN MADE ist wahnsinnig komisch in der Protokollierung all dieser haarsträubenden Fehleinschätzungen, die sich zu einer Kettenreaktion potenzieren, deren Ende niemand mehr absehen kann: Die oben beschriebene Szene kulminiert etwa im Bild eines in Tarnkleidung gewandeten Contras, der sich auf der Hauptstraße des Südstaatennests, in dem er auffällt wie ein Eskimo am Äquator, an einem Zeitungsautomaten zu schaffen macht. Wenn man sich genau überlegt, dass AMERICAN MADE auf Tatsachen beruht (die für den Film natürlich etwas gebeugt wurden), vergeht einem das Lachen aber: Ziemlich gruselig, sich vorzustellen, dass tatsächlich so gearbeitet wurde und immer noch wird.

Eine der größten dichterischen Freiheiten, die sich der Film nimmt, ist die Zeichnung seines Protagonisten: Der echte Barry Seal war klein und übergewichtig, keinesfalls das smarte Sexsymbol, das Cruise verkörpert, darüber hinaus ohne jede Reue für seine Taten. Aber die Besetzung mit dem wahrscheinlich größten lebenden Filmstar ist natürlich goldrichtig: Cruises Seal ist kein Schurke, sondern ein verdammt gutaussehender, talentierter und charmanter Schelm, der die sich ihm bietende Chance nicht zuletzt deshalb ergreift, weil es geradezu absurd wäre, sich dieses einem Groschenroman entsprungene Abenteuer entgehen zu lassen. Und so rast Seal im Adrenalinrausch mit einem ungläubig-geflashten Dauergrinsen durch den Film, er kann einfach nicht fassen, was ihm da in den Schoß gefallen ist. Und wer wollte ihm das verübeln?

AMERICAN MADE ist großartig, intelligent, witzig, spannend, actionreich, toll gespielt, voller Überraschungen und Steigerungen und immer wieder gesprenkelt mit historischen TV-Aufnahmen, etwa von Ronald Reagan, die in diesem Kontext betrachtet geradezu absurd anmuten. Tom Cruise – für mich eh ein Gigant – beweist mal wieder, dass er der wahrscheinlich größte Schauspieler seiner Generation ist und jeden Film, in dem er mitwirkt, schon mit seiner bloßen Präsenz aufwertet. Von seinem nahezu unfehlbaren Gespür für spannende Stoffe mal ganz zu schweigen. Dann ist da dieser geile Polaroid-Look, der gleichermaßen übersättigt wie vergilbt wirkt und eine schöne Abwechslung von der entweder ganz monochromen, oft flachen oder aber comichaft übersteigerten Farbpalette gegenwärtiger Produktionen darstellt. Für mich ein Highlight meines persönlichen Filmjahres 2019 und ganz sicher einer der besten US-Filme der letzten Dekade.

 

Der deutsche Film ist spießig und langweilig. Deutsches Kino ist entweder Beziehungskomödie oder Problemfilm. Früher gab es in Deutschland nur Heimat- und Schlagerfilme, Winnetou oder Edgar Wallace. Der deutsche Film war erst durch die Bemühungen des Neuen deutschen Films in den Siebzigerjahren wieder ernstzunehmen (aber die damals entstandene Filme will man heute eigentlich auch nicht mehr sehen). Wenn deutsche Filme kommerziell erfolgreich waren, waren (sind) sie meistens Schrott.

Ich habe hier schon einige Mal versucht, diese Vorurteile zu entkräften. Die Freunde vom Hofbauer Kommando tun dies noch viel länger und in der Öffentlichkeit schlägt etwa Filmliebhaber und Kinofan Dominik Graf die Schlacht – von der breiten Masse ebenso erwartbar wie bedauerlicherweise natürlich weitestgehend ungehört. Es ist fraglich, ob sich an dem miserablen Ruf, den der deutsche Film im eigenen Land genießt, irgendwann mal etwas ändern wird. International ist er ja längst bedeutungslos, darüber sollten vereinzelte Oscar-Nominierungen unddie ohne Zweifel begabten Regisseure und Regisseurinnen, die es ja gibt, nicht hinwegtäuschen. Und wenn man sich anschaut, wie mit dem eigenen Filmerbe umgegangen wird, muss man sich keine Illusionen machen. Aber das hätte so alles nicht kommen müssen.

Dieser Tage ist DIE TOTE VON BEVERLY HILLS auf DVD veröffentlicht worden. Ein Film, der nicht nur völlig vergessen und lange Zeit nicht verfügbar war, sondern der auch mal weder von einem Paralleluniversum träumen lässt, in dem alles anders gelaufen ist. In dem all diese vergessenen und vernachlässigten Preziosen vom Feuilleton verdientermaßen gepriesen und die Kinosäle in Folge von den Zuschauermassen gestürmt worden wären. In dem ihr Erfolg zu einer Renaissance eines gleichermaßen kommerziell erfolgreichen wie künstlerisch anspruchsvollen deutschen Films geführt hätte. In dem DIE TOTE VON BEVERLY HILLS zu einem geliebten und respektierten Klassiker gereift wäre, der noch heute regelmäßige TV-Ausstrahlungen erführe und längst in einer edlen Bluray-Edition vorläge – und eben nicht via DVD bei einem Kleinstlabel erscheinen müsste, in kleiner Auflage für eine überschaubare Zahl von Menschen, die denselben Traum träumen wie ich hier. (Womit ich selbstverständlich nichts gegen die erstklassige Arbeit der Leute von M Square Classics gesagt haben möchte: Die DVD gehört in jeden Schrank.)

Michael Pfleghars Debüt-Kinofilm (er war bereits seit Mitte der Fünfzigerjahre fleißig für Fernsehen tätig gewesen) ist nicht nur ein kreativer Springbrunnen, sondern auch das Ergebnis eines unternehmerischen wie filmkünstlerischen Wagemuts, der heute nahezu völlig ausgestorben ist: Die Adaption eines Romans von Curt Goetz, den dieser während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil geschrieben hatte, wurde ohne jede Drehgenehmigung im Guerilla-Verfahren in Los Angeles und Las Vegas gedreht, weil das Budget ansonsten explodiert wäre. DIE TOTE VON BEVERLY HILLS profitiert immens von der Eile, die wahrscheinlich geboten war, und der damit einhergehenden Notwendigkeit für Improvisation. Der ganze Film wirkt aber niemals gehetzt, sondern im Gegenteil wunderbar entspannt, geradezu wie lässig aus dem Ärmel geschüttelt – nicht unbedingt eine Eigenschaft, die einem zum Schlagwort „deutscher Film“ als erstes einfällt. Aber da sieht man mal wieder, was „deutscher Film“ eben auch ist bzw. sein kann bzw. sein konnte: eine frech-frivole Krimi- und ja, auch Beziehungskomödie mit selbstreflexiv-avantgardistischen Untertönen, die das Bedürfnis nach kurzweiliger Zerstreuung eines Massenpublikums ebenso bediente wie den Cinephilen, der sich fragen mochte, ob so jemand wie Godard wohl auch zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen leben könnte.

DIE TOTE VON BEVERLY HILLS erzählt von den Ermittlungen in einem Mordfall, mehr aber noch von der Geschichte des Opfers: Der etwas versnobte C. G. (Klausjürgen Wussow) entdeckt in den Hollywood Hills die Leiche der jungen Lu Sostlov (Heidelinde Weis) und meldet seinen Fund bei der Polizei. Der Detektiv Ben (Wolfgang Neuss), der aus einem Rohbau heraus arbeitet, nimmt C. G. an seine Seite und gibt ihm das Tagebuch der Toten, das Aufschluss über ihre Vergangenheit gibt. Lu war noch minderjährig und hatte offensichtlich Spaß daran, Männern den Kopf zu verdrehen: Wahrscheinlich ist der Mörder unter ihren Liebhabern zu suchen. Und einer von denen war C. G.: Die Beweislast ist geradezu erdrückend, aber Detektiv Ben hat keine Eile.

Pfleghar springt zwischen der in Schwarzweiß gehaltenen filmischen Gegenwart, die sich mit den Ermittlungen von Ben und C. G. auseinandersetzt, und den Rückblenden in Lus ebenso bunte und ereignisreiche wie frivole Vergangenheit hin und her. Ob DIE TOTE VON BEVERLY HILLS tatsächlich der erste deutsche Film war, der dieses Spiel mit den Formaten wagte, wie Hauptdarstellerin Heidelinde Weis im Bonusmaterial behauptet, weiß ich nicht, aber es scheint nicht unwahrscheinlich. Noch beeindruckender als dieser Wechsel ist in jedem Fall der Stil- und Gestaltungswille der hier zum Ausdruck kommt. Da gibt es einen Lohengrin-Darsteller (Peter Schütte), der seinen Flügelhelm auch privat trägt; einen Sheriff, der immer mit dem Pferd angeritten kommt; ein ungleiches Tennis-Match zwischen den Geschlechtern; eine archäologische Ausgrabung in der Wüste von Nevada; eine Cocktailparty, bei der die Drinks von den voll bekleideten Gästen im Wasser eingenommen werden; einen Untersuchungsrichter (Horst Frank), der aus unerwiderter Liebe zum gescheiterten Künstler wird; eine Las-Vegas-Nummer mit den Kessler-Zwillingen und einem Bodybuilder, schließlich den alles wissenden Ben, den fleischgewordenen Verkünder des Plottwists. Aber alles wird überstrahlt von der wunderschönen Heidelinde Weis, die hier fast als rechtmäßige deutschsprachige Erbin Elizabeth Taylors durchgeht, von einem atemberaubenden Kostüm ins nächste hüpft und als „unschuldiges“ Mädchen genauso verführerisch aussieht wie als vornehme Society-Dame. Sie ist gewissermaßen das Sahnehäubchen auf diesem visuellen Augenschmaus, der seine Unverkrampftheit eben nicht nur der Tatsache verdankt, dass er sich seines Themas ohne jede Prüderie annimmt, in der Darstellung weiblicher Autonomie seiner Zeit vielmehr weit voraus ist, sondern auch, weil er sich nicht groß um seine Rezeption zu scheren scheint. DIE TOTE VON BEVERLY HILLS ist der Film eines Regisseurs, der in jeder Sekunde bei seinem Werk war, offensichtlich geradezu berauscht von der Idee eines Films, der in keinerlei kommerzielle oder gesellschaftspolitische Zwänge eingebunden ist. Dass das Ergebnis trotzdem geradezu unverschämt unterhaltsam, witzig und geistreich geworden ist, spricht sehr für Pfleghar.

 

Ein wiederkehrendes Thema meiner Texte in diesem Blog ist das unabsichtliche Einschlafen während meiner Filmsichtungen. Das passiert in den letzten Jahren immer häufiger, wobei ich differenzieren muss zwischen Filmen, die ich gern sehen würde, aber bei denen mich die Müdigkeit übermannt, und solchen, die ich mehr oder weniger in dem Wissen einwerfe, dass ich sie eh nicht durchhalten werde und zum Einschlafen einlege. ROADIE, der schon seit Jahren ungesehen bei mir im Schrank rumsteht, gehört eher zur letzteren Kategorie und hält wahrscheinlich den Rekord für die meisten schlafbedingten Abbrüche und Neuanfänge. Ich habe nicht mitgezählt, aber ich versuche seit einem guten Monat, diesen Film zu schauen, wieder und wieder. Ich habe den Film bestimmt fünfmal an ein und derselben Stelle wieder aufgenommen, weil ich bereits zehn Minuten später bereits eingepennt war. Zum Zeitpunkt, zu dem diese ersten Zeilen geschrieben wurden, hatte ich es immerhin bis ungefähr zur Mitte und zum Auftritt von Debbie Harry geschafft. Erstaunlich daran ist, dass mir das den Film nicht komplett verleidet hat. Heute morgen habe ich das Langzeitprojekt dann endlich erfolgreich beenden können.

Ich bin nicht gerade ein intimer Kenner von Rudolphs Werk, habe vor bestimmt 20 Jahren mal seinen Aliens-infizieren-Kühe-Wissenschaftsschocker ENDANGERED SPECIES gesehen und kann sonst nicht viel zu ihm sagen, aber beim Blick auf seine Filmografie scheint ROADIE schon ein Außenseiter zu sein: Es handelt sich um eine schrille, überdrehte, comicartige, bisweilen satirische im Musikbusiness angesiedelte Komödie mit vielen Gastauftritten, die man zur leichteren Orientierung durchaus mit John Landis‘ BLUES BROTHERS bezeichnen könnte (die Blues Brothers haben auch einen kleinen Cameo-Auftritt, der aber nicht von John Belushi und Dan Aykroyd, sondern von zwei Lookalikes absolviert wird). Der Titelcharakter ist Meat Loafs liebenswert-einfacher Redneck und Lkw-Fahrer Travis Redfish, der durch Zufall zum Roadie wird und sich in das minderjährige Groupie Lola Bouillabaisse (Kaki PORKY’S Hunter) verliebt, die es sich wiederum in den Kopf gesetzt hat, von Alice Cooper entjungfert zu werden und den dicken Träumer damit fürchterlich verprellt. Am Ende kriegen sich die beiden dann aber doch, denn wie Cheap Trick im Quasi-Titelsong singen „Everything will work out if you let it“, aber dann kommt ihnen ein UFO in die Quere, das die Hilfe des Roadies braucht, um weiterfliege zu können.

ROADIE springt von der einfach strukturierten, aber ziemlich seltsamen Hillbilly-Welt Travis‘ geradewegs in den Wirbel des L.A.-Showbiz mit seinen Cokeheads, größenwahnsinnigen Promotern, verpeilten Hängern, sensiblen Stars und coolen Profis und macht seinen unwahrscheinlichen Protagonisten, ein Kleinkind im Körper eines Bären, zu einer Art unterbelichtetem, aber überirdisch begabtem Messias der Bühnentechnik. Der Film beginnt im texanischen Hinterland, wo Travis mit seinem Schrotthändler-Papa Corpus Redfish (Art Carney) und seiner an Popeyes Olive Oil erinnernden Schwester Alice Poo (Rhonda Bates) das mit unzähligen Röhrenfernsehern und anderem Elektroschrott vollgestellte Haus der Familie Sawyer aus Tobe Hopes THE TEXAS CHAINSAW MASSCARE bewohnt (noch eine Parallele zum Klassiker: Gürteltiere). Travis ist ein gutmütiger Simpleton, der einen Cowboyhut trägt, zu Countrymusic das Bein schwingt, mit Kumpel B. B. Muldoon (Gailard Sartain) im Biertruck herumfährt und von der Welt da draußen noch nicht viel mitbekommen hat. Das ändert sich, als er Lola und sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Sein technisches Genie kommt dem Konzertpromoter Mohammed Johnson (Don Cornelius) gerade recht und so rettet Travis zum Beispiel mit Kuhdung den Tag, als Konservative einem Festival den Strom abdrehen. ROADIE strickt an dem beliebten Mythos, dass es die Leute im Hintergrund sind, die den Rockzirkus eigentlich am Laufen halten, Groupies wie Lola, die sich als „spark plug“ bezeichnet, die mit dem Rock’n’Roll die „greatest energy in the world“ entfesseln, oder eben Roadies wie Travis, die die technischen Mittel bereitstellen und letzten Endes die Grundlage für die Rock-Poeten schaffen, denen die Herzen so oder so zufliegen.

ROADIE ist all over the place, aber er wird eben auch von dieser Energie, die er besingt, zusammengehalten. Auf dem Soundtrack geht alles drunter und drüber, stehen New-Wave-Acts wie Blondie (die dann aber „RIng of Fire“ intoniert) oder Pat Benatar neben mal mehr, mal weniger schnarchigen Country-Acts wie Hank Williams jr., Asleep at the Wheel oder Eddie Rabbit, dem Quasi-Punk Alice Cooper – der den Karriereknick schon hinter sich hatte, aber noch kurz vor dem Totalabsturz stand -, den Classic-Rockern von Cheap Trick und einer Legende wie Roy Orbison, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert. Zu dem Tohuwabohu aus Verfolgungsjagden, Musiknummern, hirnrissigen Dialogen, einer Szene, in der Waschmittel mit Kokain mit den erwartbaren Folgen verwechselt wird, und anderem Quatsch passt auch das Finale mit dem UFO, das man nicht zu Gesicht bekommt, weil es zuvor bei einer Panne zerstört wurde. Die größte Entdeckung ist die Soul Train-Ikone Don Cornelius, die großes Vergnügen mit seinem an Don King angelehnten Zampano hat: „I’m gonna rape you career!“ Auch Alice Cooper, der so gar nicht dem Bild des unchristlichen, unmoralischen Punks entspricht, das Lola sich von ihm gemacht hat, nutzt seine paar Minuten Screentime für eine Darbietung, die deshalb denkwürdig ist, weil sie kaum richtig auffällt. Das passt: ROADIE nicht wirklich gut, aber er ist auf durchaus interessante und nicht unsympathische Art und Weise anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, wie Lola und Travis.

HARD ROCK ZOMBIES ist zumindest nominell der wahrscheinlich bekannteste aus der kleinen Gruppe von Hardrock-zentrierten Horrorfilmen, die Mitte bis Ende der Achtziger auf den Markt geworfen wurden, als die heute als „Hairmetal“ verunglimpfte Musik auf dem Zenith ihrer Popularität war. Filme wie ROCK N ROLL NIGHTMARE, BLACK ROSES, SHOCK ‚EM DEAD, ROCKTOBER BLOOD oder TRICK OR TREAT fallen spontan ein, aber Shah brachte mit seinem Titel alles auf den Punkt. HARD ROCK ZOMBIES gilt als „Baddie“, also als unfreiwillig komischer Trash, aber dem würde ich nach meiner Sichtung widersprechen wollen. Krishna Shah (der sein Handwerk an der UCLA gelernt und mit SHALIMAR einige Jahre zuvor den bis dato teuersten indischen Film gedreht hatte) war keineswegs dem Irrtum erlegen, einen ernstzunehmenden Horrorfilm zu drehen, stattdessen legte er ein ziemlich freidrehende, wüste Farce mit milde satirischen Untertönen vor, an der er offenkundig ebenso viel Spaß hatte wie alle seine Schauspieler. Das ganze Ding dürfte ziemlich billig gewesen sein, weshalb man hier und da Abstriche machen muss, aber mit Kameramann Tom Richmond (u. a. Todd Solondz‘ PALINDROMES, Rob Zombies HOUSE OF 1000 CORPSES, C. M. Talkingtons LOVE AND A .45 und Roger Avarys KILLNG ZOE), Make-up-Experte John Carl Buechler und Komponist Paul Sabu waren hier durchaus Leute am Werk, die wussten, was sie taten. Das sieht und hört man durchaus – auch wenn man dafür seine Sinne im Griff haben muss, denn Shah schickt den Zuschauer mit HARD ROCK ZOMBIES auf einen wilden Ritt.

Nicht nur zelebriert er seine bescheuerte Grundidee, er hat darüber hinaus auch noch etlich weitere: Es handelt sich bei HARD ROCK ZOMBIES um eine jener Filme, die ihre Geschichte schon zur Mitte auserzählt haben, nur um dann einfach mit noch absurderem Quatsch weiterzumachen. Der Gedanke, sich um der Stringenz und Kohärenz willen auch mal von einer Idee zu trennen, war offensichtlich niemandem der Beteiligten irgendwann mal gekommen und so sind die hart rockenden Zombies nur eine der vielen Sehenswürdigkeiten, die HARD ROCK ZOMBIES zu bieten hat: Um ehrlich zu sein, sind sie sogar fast das normalste am ganzen Film, der sich um die aufstrebende Metalband „Silent Rage“ dreht, die in der Kleinstadt „Grand Guignol“ vor einem wichtigen A&R-Mann spielen soll. Dort herrscht nicht nur die Auffassung, dass Rockmusik Teufelswerk ist, das zu sündigem Verhalten führt und demnach verboten werden muss, einer der illustren Einwohner der Stadt ist außerdem niemand Geringeres als der GröFaZ Adolf Hitler, der nur darauf gewartet hat, mit seiner Ehefrau Eva (die eine Geheimidentität als Werwolf hat) und seinen diversen Schergen (zwei Lilliputaner – einer davon entstellt -, ein glatzköpfiger Killer, ein sadistischer Fotograf (?) und eine geile, langbeinige Tänzerin, die Opfer als Anhalterin einsammelt) die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nachdem die Hardrocker also von Hitlers Gehilfen umgebracht worden sind, spielt Cassie, das jugendliche Love Interest von Sänger Jesse, ein Tape mit einer alten Beschwörungsformel ab, die „Silent Rage“ zu neuem Leben verhilft. Die Hardrock-Zombies rächen sich dann zwar kurz und schmerzlos an den Nazis, doch nun hat Grand Guignol ein veritables Zombieproblem, das der Manager der Rockband mit den restlichen Überlebenden zu bekämpfen versucht.

Ich schätze, nach dieser kurzen Zusammenfassung ist jeder weitere Versuch, zu verdeutlichen, wie haarsträubend bescheuert HARD ROCK ZOMBIES ist, ziemlich überflüssig: Spätestens, wenn die Überlebenden mit den riesigen Pappkonterfeits von Jimi Hendrix, John Lennon oder Marilyn Monroe herumlaufen, weil die Zombies angeblich nichts mehr hassen als Köpfe, ist alles aus. Bezeichnend, dass Shah trotzdem noch einen draufsetzt: Die Zombies sollen durch ein Jungfrauenopfer besänftigt werden, denn beim Anblick einer solchen verwandeln sie sich in unaufhaltsame Fickmaschinen – und zwar geschlechtsübergreifend! Die schiere Menge an Blödsinn, die Shah über dem Betrachter ausgießt, ist schon bemerkenswert, dass es aber auch immer wieder Szenen und Einfälle gibt, die tatsächlich witzig sind und clever umgesetzt wurden (sowie natürlich eine deutsche Synchro, die es sich nicht nehmen lässt, ihren eigenen Senf dazuzugeben), hilft immens – und ist Ursache dafür, dass es mir schwerfällt, HARD ROCK ZOMBIES einfach als Schrott abzutun. Es gibt ziemlich am Anfang eine niedliche, geradezu herzerwärmende Montagesequenz, die die Band als Spielkinder beim Schwarwenzeln, Skaten und Tanzen durch die Stadt zeigt. Während der Zombieapokalypse kommt es zu einer wunderbaren Szene, als der Manager auf zwei Untote trifft und sich tarnt, indem er einfach ihr Verhalten nachahmt. Ein späteres Zusammentreffen mit dem mittlerweile zombefizierten A&R-Mann ist toll choreografiert: Der Manager, der nicht weiß, dass sein gegenüber ein Untoter ist, entgeht dessen ungeschickten Angriffen völlig unbewusst, indem er, vertieft in seinen Monolog, immer genau dann einen Schritt macht, wenn der Zombie gerade zuschlagen will. Und die Zeichnung der heuchlerischen amerikanischen Zivilgesellschaft, die lieber eine protofaschistische Herrschaft installiert, als ihre Kinder Rockmusik auszusetzen, ist ebenfalls sehr liebreizend und treffsicher. HARD ROCK ZOMBIES ist demnach eine bunte Wundertüte des Blödsinns, für deren Genuss man sich nicht erst eine doppelt verglaste Ironiebrille aufsetzen muss.