Mit ‘Komödie’ getaggte Beiträge

Die Mitglieder der Räuberbande aus dem ersten Teil (darunter Georg Thomalla, Paul Esser, Curt Bois und die immergeile Hanne Wieder) werden vom aufgebrachten Lynchmob im Keller des Wirtshauses eingemauert. Ein gutes Jahrhundert später befreit ein Bagger ihre Geister aus ihrem Grab und sie erinnern sich an das Schloss des Grafen Sandau. Dessen Bewohner Charlotte (Liselotte Pulver), Onkel Ernst August (Ernst Waldow) und Tante Yvonne (Elsa Wagner) haben wegen akuter Geldsorgen den Pfandleiher im Nacken. Martin Hartog (Heinz Baumann), Sohn eines Unternehmers (Herbert Hübner) schleicht sich ein, um heimlich den Wert des Gemäuers zu eruieren, der Staatsbeamte von Teckel (Hubert von Meyerinck) kündigt den Besuch des Prinzen Kalaka (Hans Clarin) an, der in der Gegend einen Staudamm bauen will. Unterdessen freundet sich Charlotte mit den Gespenstern an …

Mit den Gespenstern kommt auch das Sequel zum großen Erfolgsfilm in der Moderne an: Kurt Hoffmanns „Grusical“ ist ein wildes Potpourri aus schlüpfrigen Witzen, Spezialeffekten, Gesangseinlagen, Selbstreferenzen und Seitenhieben gegen Kapitalisten, Altnazis und Beamte. Der Plot um den Kampf der braven Familie gegen die Enteignung – einer der Standards des deutschen Lustspiels – ist nur Vorwand und kann den Eklektizismus des Films kaum bremsen. Wer das Gütesiegel „deutscher Unterhaltungsfilm“ mit stilistischer Behäbigkeit und Spießigkeit verbindet, der wird im SPUKSCHLOSS sein blaues Wunder erleben. Der Ideenreichtum und auch der Mut Hoffmanns sind beachtlich. Subversiv ist sein Film sicherlich nicht, das wäre dann doch etwas zu viel des Guten, aber er nutzt die Freiheit, die er dank des Erfolgs des Vorgängers genoss, um die Grenzen dessen, was in einem Familienfilm möglich ist, ein ganzes Stück zu verschieben.

Das beginnt schon mit der Titlesequenz, in der die Namen der Mitwirkenden gesungen werden, setzt sich bei den herrlichen Effektszenen um die Geister fort und endet bei vollkommen abseitigen Sequenzen wie dem Besuch auf Prinz Kalakas Yacht an der Côte Azur: Da liegen englische Gesellschaftsdamen gelangweilt in der Sonne und singen einen Song, der klingt wie von einem endlos bekifften DJ runtergepitchte Las-Vegas-Loungemusik. Ein Richter mit Schmiss im Gesicht bekräftigt mit einem strengen Hammerschlag seine Aussage, in Deutschland gebe es keine Gespenster, wodurch der steinerne Bundesadler hinter ihm bröckelt und den Blick auf ein Hakenkreuz freigibt. Der Film endet damit, dass die Gespenster im Auftrag der NASA zum Mond geschickt werden und sich ein Wettrennen mit der Raumfähre der Russen liefern. Selbst typischere Einlagen wie Hans Clarins Darstellung eines persischen Fantasieprinzen komplett mit Kauderwelschsprache („Mistikack!“) transzendiert den gewohnten Rassismus, der sich in solchen Figuren niederschlägt, wenn er plötzlich anfängt Kölsch zu sprechen, weil er mal einen Kölner Lehrer hatte. Und in einer späten Gruselszene, in der die Geister all ihr Spuktalent aufbieten, um Martin von ihrer Existenz zu überzeugen, musste ich dann sogar mal ganz kurz an Mario Bava denken, so wunderbar bunt und fantasievoll ist das. Es ließe sich hier mit Leichtigkeit noch mehr aufzählen, allein die frechen Schlüpfrigkeiten um Hanne Wieders nymphomane Geisterdame wären einen Absatz wert und Hubert von Meyerinck gibt auch mal wieder alles, aber dann wäre der Text hier ewig lang und es gäbe keinen Grund mehr, sich den Film anzusehen.

DAS SPUKSCHLOSS IM SPESSART ist vielleicht 10 bis 15 Minuten zu lang un am Ende zerfasert er ganz gewaltig: Man merkt ihm deutlich an, dass sein Ausgangspunkt nicht wie beim Vorgänger eine literarische Vorlage oder auch nur ein sorgfältig konstruiertes Drehbuch war, sondern das Bedürfnis, dem großen Erfolg noch einen draufzusetzen. Da unterscheidet er sich kaum von der „Schneller, höher, weiter“-Strategie zeitgenössischer Sequels. Aber wo die oft seelenlos und steril rüberkommen, lebt Hoffmanns Film von seinem unermüdlichen Tempo, seinem Ideenreichtum, seinem Witz und der schieren Freude, die er vermittelt: Das ist mehr als genug, über die vollen 97 Minuten dann aber auch etwas ermüdend. Egal: Unvoreingenommene Filmseher werden überrascht sein, was in einem vermeintlich bräsigen deutschen Crowdpleaser anno 1960 so alles möglich war, und Menschen mit Vorurteilen absolvieren hiermit ihre erste Therapiestunde. Toll.

Im Spessart gehen die Räuber um und Bürger, die den Wald durchreisen müssen, schlottern vor Angst. Die Kutsche des Barons Sperling (Günter Lüders), der mit seiner zukünftige Gattin, der Comtessa Franziska von Sandau (Lieselotte Pulver), unterwegs ist, gerät in einer Falle der Weggelager, was die Reisegesellschaft zur Einkehr in ein einsames Wirtshaus zwingt, wo sie schon von den Räubern erwartet werden: Die wollen die Comtessa entführen und ein saftiges Lösegeld von ihrem Vater, Graf Sandau (Herbert Hübner), erpressen. Der ebenfall im Wirtshaus wohnende Jüngling Felix (Helmut Lohner) springt ein, verkleidet sich als Comtessa und ermöglicht Franziska so die Flucht. Weil ihr Vater ihr die Auszahlung des Lösegelds aber verweigert, kehrt die burschikose junge Frau in Männerkleidung zurück und dient sich dem Räuberhautmann (Carlos Thompson) als Bandenmitglied an …

Kurt Hoffmanns Verfilmung eines Stoffes von Wilhelm Hauff ist ein Klassiker des deutschen Unterhaltungsfilms, der zwar alle Charakteristika zeigt, die man ihm auch ohne erweiterte Kenntnisse zuschreiben würde, aber auch gute 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch ein zauberhaftes Stück Kino – vorausgesetzt, man hat in seinem Herzen einen Platz für solch gänzlich unsubversiven, massentauglichen Eskapismus reserviert. Der farbenfrohen Umsetzung Hoffmanns, dem spritzigen Spiel der Darsteller, den tollen Settings und dem herrlich knarzigen Sujet konnte ich mich gestern nur schwer entziehen; auch wenn es für meinen Geschmack noch mehr Räuber und weniger romantisch-keimfreies Liebesgesäusel zwischen Franziska und dem braven Räuberhauptmann hätte geben dürfen. DAS WIRTSHAUS IM SPESSART läuft nach seinem stimmungsvoll-räuberpistoligen Anfang im dunklen, Tann und dem kellerartigen Wirtshaus, in dem dicken Runken Brot, Wurst und Wein in Zinnkrügen kredenzt werden, auf den Klassiker des deutschen Lustspiels hinaus: die Verwechslung von Männern und Frauen. Die Glaubwürdigkeit des Ganzen sollte man besser nicht zu streng hinterfragen: Wie ein zartes Geschöpf wie Lieselotte Pulver da von einem guten Dutzend schmutzdurchwirkter Räuber für einen Mann gehalten werden kann, bleibt ein Rätsel, das dem Vergnügen allerdings keinen Abbruch tut. Mehr, als sich bloß auf die Tatsache zu verlassen, dass Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidung der Gipfel der Witzischkeit sind, etabliert das Drehbuch nämlich einen immensen Drive durch gelungenen Sprach- und Wortwitz, erfindet zudem gerade aufseiten der vermeintlich Guten herrlich blasierte Karikaturen des Großbürgertums. Den Vogel schießt beinahe erwartungsgemäß Hubert von Meyerinck als Polizeimajor ab, der jeden seiner gebellten Befehle mit einem „zackzack!“ zu schließen pflegt, aber die anderen Figuren müssen nicht weit zurückstehen. Sehr schön etwa, wie dem Grafen Sandau passend zum tragischen Verlust seines schönen Geldes „Schwarzwurzeln mit trüber Soße“ angeboten werden.

Aber auch die eher aktionsbetonten Elemente stimmen: Vom Treiben im Räuberlager hätte ich, wie gesagt, gern mehr gesehen. DAS WIRTSHAUS IM SPESSART haut in der Zeichnung der Halunken in eine ganz ähnliche Kerbe wie „Robin Hood“, lässt sie gegenüber den geldgeilen Fatzkes aus der Oberschicht als ehrliche Träumer erscheinen, die vom Glück eben nicht begünstigt wurden. Das kulminiert in der Figur des Räuberhauptmanns, der nur durch einen dummen Zufall an seinen Posten kam und eigentlich selbst aus gutem Hause stammt, was dann auch die letzten Hindernisse auf dem Weg in Franziskas Herz beiseite räumt. Tja und wenn das alles noch nicht reicht, dann darf man sich über die Besetzung freuen, die neben den schon Genannten auch noch Hans Clarin, Ralf Wolter, Rudolf Vogel und Wolfgang Neuss auffährt. Perfekt für den Sonntagnachmittag.

Ich habe es geschafft: Ich habe die Saat des Spencer&Hill-Fantums erfolgreich an meine siebenjährige Tochter Selma weitergegeben. Am noch nicht ganz vergangenen Osterwochenende habe ich mit ihr einen Spencer&Hill-Marathon gemacht, bei dem IO STO CON GLI IPPOPOTAMI, NON C’É DUE SENZA QUATTRO, PARI E DISPARI, CHI TROVA UN AMICO TROVA EN TRESORO, NATI CON LA CAMICIA, PORGI L’ALTRA GUANCIA und eben dieser hier über den Bildschirm flimmerten (PARI E DISPARI und IO STO … feierten in den letzten beiden Stunden die Wiederholung, während ich hier protokolliere). Vor ein paar Jahren habe ich über alle Filme des Duos geschrieben, das waren damals schon Texte, die auf einer bis in meine Kindheit zurückreichende Liebe mit etlichen Sichtungen ihrer Filme fußten, weshalb ich an dieser Stelle davon absehe, alle noch einmal abzuhandeln. Nur für SUPERPIEDI mache ich eine Ausnahme, weil es der einzige Film ist, mit dem ich beim letzten Mal nicht warm geworden bin. Und die Gründe, die ich in meinem Text dafür anführte, kann ich nach erneuter Sichtung nicht nachvollziehen. Ich fand den Film einfach total super, eine Mischung aus allem, was die Spencer&Hill-Filme an mein Herz schweißt, verbunden mit einem Ansatz, der sich aus meiner Sicht von ihren anderen Filmen deutlich abhebt.

Der Anfang ist gleichermaßen eine Hommage an die berühmte Bohnen-Szene aus … CONTINUAVANO CHIAMARLO TRINITÀ wie eine wunderbare Einleitung in die bunte Episodenhaftigkeit des Films: Auf einem Hafengelände treffen erst Bud Spencers Wilbur Walsh, danach Terence Hills Matt Kirby („genannt ,der Kürbis‘) auf eine Gruppe von Schlägertypen, die sich später als Gangster herausstellen, und rechnen mit ihnen ab. In der Folge dieser beiden Zwischenfälle begegnet Kirby dann einem freundlichen Chinesen wie auch Walsh, mit dem er einen Überfall begehen will: Wie immer stecken die beiden in akuten Geldnöten. Anstatt jedoch in einem Geschäft einzubrechen, landen die beiden im Rekrutierungsbüro der Polizei, und wie es die Logik des Films verlangt, gelingt es ihnen nicht nur nicht, sich vor der Verpflichtung zu drücken, sondern auch, durch die Prüfung zu rasseln. Es folgen die Späße, die man erwarten darf, aber auch die Rückkehr zu den Gangstern aus der Auftaktszene …

SUPERPIEDI wurde amerikanisch koproduziert und erweist seine Referenz nicht nur dem Copfilm, sondern auch den Slapstick-Komödien einer zu jenem Zeitpunkt schon längst vergangenen Ära. Man schaue sich nur das gemeinsame Werk von Jerry Lewis und Dean Martin an, die auch diverse Genres und Motive infiltrierten und sich zu eigen machten. Etwas ganz ähnliches passiert in diesem Film, der schon nach kurzer Zeit jeden roten Faden zu verlieren scheint, nur um dann wie durch ein Wunder zu ihm zurückzufinden. Das ist dem Willen des Drehbuchs geschuldet, aber auch dem Glücksrittertum seiner Helden, die zum Ziel gelangen, weil sie sich treiben und die Dinge geschehen lassen. Spencer & Hill sind Clowns oder auch Kinder, die die Welt nicht nach ihrem Willen formen, sondern die Welt kommen lassen und dann schauen, was passiert. Die Haltung, mit der sie sich in jede Situation einfinden, die das Schicksal für sie bereithält, muss man fast schon als buddhistisch bezeichnen; oder eben auch als amerikanisch: Der große Reichtum, das Abenteuer, die flotte Biene, die herrliche Keilerei können schon hinter der nächsten Ecke lauern, man muss sich nur darauf einlassen und die Gelegenheit wahrnehmen. Das treibt die beiden nicht unbedingt an, dafür sind sie zu faul, aber es lässt sie zuversichtlich nach vorn schauen. Auch, wenn die beiden am Ende ihrer Filme meist wieder bei Null sind. Also quasi vom Tellerwäscher zum Millionär zum Tellerwäscher.

BOOTLEGGERS törnt mich oberflächlich gleich in mehrfacher Hinsicht an: Es handelt sich, wie der Titel schon sagt, um einen Film, der in der Schwarzbrenner-Branche spielt, mit viel Dreißigerjahre-Zeit- und Südstaaten-Lokalkolorit. Da fiedelt und zirpt die Hillbilly-Musik auf dem Soundtrack, Latzhosen sind der heißeste Scheiß, Charaktere hören auf Namen wie „Othar“, „Rufus“, „Silas“, „Homer“ oder „Sally Fannie“, verständigen sich in breitestem, murmelmundigem drawl und saufen Selbstgebrannten aus Einmachgläsern. Mein kleines Glück ist da schon fast vollkommen und nun spielt mit Paul Koslo auch noch einer meiner absolut liebsten Seventies-Charakterdarsteller eine Hauptrolle: Heaven is a place on earth. Ich kann Charles B. Pierce kaum böse darüber sein, dass BOOTLEGGERS die hohen Erwartungen an ein solches Werk nicht erfüllt, im Gegenteil. Ich freue mich über die Existenz dieses Filmes und darüber, ihn wenigstens einmal gesehen zu haben.

BOOTLEGGERS erzählt vom Schwarzbrenner-Geschäft von Othar Pruitt (Paul Koslo) und seinem Freund Dewey Crenshaw (Dennis Fimple): Othar stammt aus einem Bootlegger-Clan, dem schon der Großvater (Slim Pickens) angehörte, und erlebte als Junge mit, wie der Vater (Steve Pruitt) von der verfeindeten Konkurrenz der Woodalls erschossen wurde. In der Gegenwart zieht er erneut den Zorn der Woodalls auf sich, als er diese durch einen Großauftrag ausbootet, und muss sich im finalen Showdown mit Feuergewalt gegen sie behaupten. Bis dahin verliebt er sich in Sally Fannie (Jaclyn Smith), treibt Schabernack mit seinem besten Kumpel und wird vom Sheriff verknackt.

Charles B. Pierce – zuletzt hier mit seinem True-Crime-Film THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN vertreten – erzählt seine Geschichte als episodische Aneinanderreihung von meist beschwingten Ankedoten, die nur über eine geringe dramaturgische Bindung zueinander verfügen. Auch wenn der zentrale Konflikt früh etabliert wird, spielt er über weite Strecken des mit ca. 115 Minuten recht ausuferndern Films keine Rolle. BOOTLEGGERS „langweilig“ zu nennen, wäre angesichts seines Tempos und seiner generellen Gefälligkeit ungerecht, aber ein bisschen ziellos ist er schon: Man fragt sich, was das alles soll und warum das, was da doch von Anfang an im Hintergrund mitläuft, nicht schon früher zum Tragen kommt. Der Showdown bestätigt einen in diesen Fragen, denn nach dem gemütlichen Plätschern der vorangegangenen 90 Minuten entwickelt BOOTLEGGERS am Ende den Sog, den man sich schon früher gewünscht hätte. Wahrscheinlich hatte Pierce einfach etwas anderes im Sinn als einen harten Crime-Reißer: Aber für die große Epik oder den bunten Bilderbogen, die er möglicherweise stattdessen anpeilte, fehlt ihm der schöpferische Feinschliff. So wirkt BOOTLEGGERS ein bisschen wie der Zusammenschnitt einer beliebten Fernsehserie, dem die klare Linie fehlt. Es ist nicht weiter schlimm: Kurzweil ist garantiert, zumal das spätere Kamera-As Tak Fujimoto das Geschehen in fantastischen Bildern einfriert, die immer wieder für Aha-Effekte sorgen und BOOTLEGGERS über den faden Exploitation-Durchschnitt heben.

Und dann ist da noch Paul Koslo: Ich finde ihn auch hier, in seiner einzigen Hauptrolle, einfach großartig und halte es für einen mittelschweren Skandal, dass er nicht längst Objekt liebevoller Fanwürdigungen und fanatischer Verkultung geworden ist. Gerade hier in Deutschland, wo er das Licht der Welt erblickte. Wie viele geliebte Kultklassiker hat er mit seiner Präsenz geadelt, ohne dass man ihn wirklich wahrgenommen hätte? VANISHING POINT, THE OMEGA MAN, WELCOME HOME, SOLDIER BOYS, JOE KIDD, LOLLY-MADONNA XXX, CLEOPATRA JONES, THE STONE KILLER, THE LAUGHING POLICEMAN, MR. MAJESTYK, FREEBIE AND THE BEAN, THE DROWNING POOL: Es sind schon Schauspieler für deutlich weniger abgefeiert worden. Noch lebt er, also haut rein!

Ein Fest! Hinter dem grausam generischen deutschen Titel VIER SCHRÄGE VÖGEL verbirgt sich eine wunderbare, dazu sehr originelle und herrlich trockene Gaunerkomödie mit fantastisch aufgelegten Darstellern und einer ultrapräzisen Regie, die man von Yates nach BULLITT erwarten konnte. Für den Regisseur stellte THE HOT ROCK eine Rückkehr zum Sujet von ROBBERY dar, dem britischen Film, dem er sein US-Debüt verdankte. Er ließ den nicht minder brillanten, aber tonal völlig anders gelagerten THE FRIENDS OF EDDIE COYLE folgen.

Kaum aus dem Knast, wird der Berufsverbrecher Dortmunder (Robert Redford) von seinem Schwager und ehemaligem Partner Kelp (George Segal) abgeholt – in einem geklauten Auto natürlich. Eigentlich will sich Dormunder fortan als Klempner verdingen, aber das Angebot Kelps bei einem neuen Ding mitzumachen, kann er dann doch nicht abschlagen: Für den afrikanischen Politiker Amusa (Moses Gunn) sollen sie einen in seinem Heimatland ideologisch aufgeladenen Diamanten aus dem Brooklyn Museum entwenden. Der Raub gelingt nur halb: Zwar können Dortmunder, Kelp und ihr Fahrer Murch (Ron Leibman) entkommen, aber ihr Partner Greenberg (Paul Sand) wird festgesetzt und ist dazu gezwungen, den eben entwendeten Edelstein zu schlucken. Es steht also die Aufgabe an, ihn aus dem Gefängnis zu befreien, um an die Beute zu kommen …

Der Film bringt zwei eigentlich unvereinbare Aspekte des Heist- und Gangsterfilm auf geniale Art zusammen: das eiskalte Profitum und die Freude über wie eine geölte Maschine ablaufende Pläne einerseits, die Unzuverlässigkeit des Menschen und die damit einhergehende schicksalhafte Verkettung von Pannen andererseits. Für ersteres ist vor allem Robert Redford zuständig: Es werden gemessen an seinem einstigen Status ja nur selten Hohelieder auf ihn angestimmt, sein gutes Aussehen wird immer ein wenig gegen ihn verwendet, als hätte er dafür etwas gekonnt, aber den coolen, intelligenten und abgebrühten badass hatte er mindestens genauso gut drauf wie seine damaligen Konkurrenten McQueen, Eastwood und Bronson. Er verkauft seinen Monolog zu Beginn des Films, wenn er seinem etwas gutgläubigen Schwager innerhalb weniger genau auf den Punkt formulierter Sätze den gesamten Coup darlegt, sodass der kaum mitkommt, wie der Profi, den er da spielt, und bleibt auch sonst der ruhende Pol, der die dringend benötigte Erdung für den Film bedeutet. Seine Coolness strahlt auch auf die anderen ab: Man könnte das Drehbuch von THE HOT ROCK, der die Protagonisten zu immer neuen Coups zwingt, als albern bezeichnen und sich leicht eine Slapstickvariante im Stile von Kramers IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD vorstellen: Aber der Film wird bei aller Komik nie völlig absurd, sondern bleibt tonal immer der Realität verpflichtet. Es ist denkbar, dass alles genauso passiert und die „vier schrägen Vögel“ sind echten Berufsverbrechern wahrscheinlich ähnlicher als die eiskalten Supertypen, die einem sonst in Filmen vorgesetzt werden. Klar, man hat es hier mit einer ziemlich skurrilen Häufung von Pannen zu tun, aber jede für sich scheint durchaus glaubwürdig; wie auch die Tatsache, dass die Kumpels immer wieder durchkommen. Die Staatsbeamten sind schließlich auch nur Menschen.

Diese Konstellation aus sympathischen, galubwürdigen Charakteren und einem cleveren, pointierten Drehbuch allein macht THE HOT ROCK schon zu einem Vergnügen, aber Yates gelingen dann auch immer wieder kleinere Kniffe, die ihm auch noch den letzten Kick geben: Wer sich auch schon immer gefragt hat, warum Todesdrohungen in Filmen immer wieder Wirkung zeigen, warum die so in die Ecke Gedrängten nie deren tatsächliche Umsetzung infrage stellen, auch wenn es doch durchaus Anlass dazu gibt, der findet hier eine Szene, die genau dies aufgreift. „You don’t have it in you“, sagt der betrügerische Anwalt Abe Greenberg (Zero Mostel) nur, die Drohungen der Helden damit ins Leere laufen lassend. Und er hat Recht, was auch der sonst so coole Dortmunder einfach eingestehen muss, als er sich niedergeschlagen abwendet. Wie sich die Szene im weiteren Verlauf dann abspielt, möchte ich nicht vorwegnehmen, aber es folgt einer der Momente, die den Film für mich auszeichnen: Immer, wenn man denkt, THE HOT ROCK sei am Gipfel angelangt oder habe den Bogen gar überspannt, überrascht er einen aufs Neue. Der komische Höhepunkt ist sicher die Inszenierung eines Riots in einem kleinen Polizeirevier, die den befehlshabenden Beamten zu patriotischen Reden veranlasst. „I’m not gonna be the first police officer to lose his precinct!“ Und wenn am Ende auch noch eine Hypnotiseurin sowie die Zauberformel „Afghanistan, Bananistan“ ins Spiel kommen, kann Yates längst einen echten Kantersieg verzeichnen. Super!

 

Vielleicht ist es nur ein oberflächlicher Eindruck, der einer genaueren Betrachtung nicht standhielte: Im aktuellen Hollywood-Film spielen Menschen, die außerhalb der großen Metropolen leben, eigentlich keine Rolle mehr, außer in diversen Subgenres, in die sie gewissermaßen ausgegrenzt wurden. Der Trend geht natürlich mit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einher: Dass die Bewohner der maroden Industriestädte im Mittelwesten so begeistert für Trump stimmten, hatte gewiss nichts damit zu tun, dass sie sich auf der Kinoleinwand unterrepräsentiert sehen, aber ihre Situation hat dieselben Ursachen. Jack Starretts THE GRAVY TRAIN (auch bekannt als THE DION BROTHERS) ist heute nahezu völlig vergessen, ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber er ist ein schönes Beispiel für die tragikomischen Loserdramen um Landeier, die den tristen Verhältnisse zu entkommen versuchen, die sich noch in den Siebzigerjahren regelmäßig der Bevölkerung zwischen New York, Los Angeles und Chicago annahmen. Es ist ein toller Film und mir ist es völlig schleierhaft, warum er nicht häufiger Erwähnung findet. Das trüffelsuchende Cineastenschwein frohlockt natürlich: Immer wieder schön, wenn man etwas entdecken kann, was sonst unter dem Radar durchfliegt.

THE GRAVY TRAIN handelt von den beiden Brüdern Calvin (Stacy Keach) und Rut Dion (Frederic Forrest). Sie fristen ihr Dasein mit dreckigen Jobs in einem Kaff in West Virginia, das keinerlei Perspektive bietet. Bis Calvin eines Tages mit dem Plan um die Ecke kommt, das „beste Seafood-Restaurant in DC“ zu eröffnen. Das Geld dafür, das muss er gar nicht erst lang erklären, soll ihr Anteil an einem Überfall auf einen Geldtransporter bringen. Der Überfall verläuft trotz haarsträubend amateurhafter Ausführung erfolgreich, doch dann warten die Brüder vergeblich auf ihr Geld: Ihr Auftraggeber Tony (Barry Primus) hat sie nicht nur hintergangen, sondern ihnen auch noch die Polizei auf den Hals gehetzt. Es beginnt die Suche nach dem Verräter und dem Geld …

THE GRAVY TRAIN vereint auf sehr gekonnte Art und Weise Elemente des damals reüssierenden harten Crime- und Copfilms (Clint Eastwood wird einmal explizit erwähnt), des tragischen Sozialdramas wie es vom New Hollywood häufiger aufgegriffen worden war und der munteren Fish-out-of-Water Komödie. Keach und Forrest sind toll als naive hicks, die völlig verblendet ins große Abenteuer stürzen. Keach übernimmt den Part des selbstbewussten, „weltgewandten“ Anführers, Forrest ist der leicht zu begeisternde, etwas einfältige Trottel, der seinem Bruder überall hin folgen würde. Schon die Idee Calvins, ein feines Restaurant eröffnen zu wollen, ist absurd und fehlgeleitet, was sich bestätigt, als er dann das entwirft, was er für eine geeignete Speisekarte eines solchen Etablissements hält: sein Highlight ist mit Käse überbackener Aal. Später im Film gibt es eine Szene, in der die beiden Brüder ein Nobelrestaurant entern, Fritten zu ihren Gourmetgerichten und natürlich den teuerstes Wein bestellen, den es gibt. Als Zuschauer weiß man schnell, dass das alles nicht gut ausgehen kann, aber man fiebert mit den beiden mit, die grundsätzlich keine schlechten Kerle sind und eine Chance verdient haben. Der Film verliert seinen munteren Ton auch dann noch nicht, als der erste ihrer Partner sein Leben lässt, genauso wenig wie den Dions klar wird, dass sie sich auf etwas eingelassen haben, das eine Nummer zu groß für sie ist. Zu erfüllt sind sie von ihrem Wunsch, den amerikanischen Traum zu leben und eine Fahrt auf dem „gravy train“ zu buchen, der sie an lästiger Arbeit vorbei geradewegs zum Reichtum führen soll.

Der Film mündet dann in ein wirklich wahnsinniges Finale, das die selbstmörderischen Tendenzen der Brüder gnadenlos offenlegt. Die Jagd auf ihren Anteil führt sie in ein Gebäude, das gerade abgerissen wird. Während sie also Tony und seinem Killer hinterherhetzen, bricht um sie herum förmlich die Welt zusammen. Wände werden von einer Abrissbirne weggerissen, mehr als einmal bricht den Charakteren sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weg und gähnende Abgründe tun sich plötzlich unter ihnen auf. Das ganze natürlich ohne die visuellen Effekte realisiert, die das, was einem da ein ums andere Mal die Luft wegbleiben lässt, heute vollkommen gefahrlos ermöglichen würden. Anstatt ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu erkennen, dass sie ihr Leben riskieren, denken die Dions nur an die Kohle – mit den erwartbaren Konsequenzen für einen von ihnen. Auch der gravy train kann von den Schienen abkommen, wenn man die Kontrolle über ihn verliert.

Jack Starrett ist kein besungener Name, auch wenn der Mann ein paar schöne Sachen gemacht hat: die Blaxploitation-Klassiker SLAUGHTER oder CLEOPATRA JONES wären zu nennen oder das putzige Okkultismus-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL. Einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte hat er auf jeden Fall als das einzige Todesopfer in Ted Kotcheffs Klassiker FIRST BLOOD. Er ist auch hier in einer kleinen Rolle zu sehen, ganz am Anfang in einer Fernsehsendung, die sich Rut ansieht, spricht er als „gentleman rancher“ vom „gravy train“ und davon, dass das Geld in den USA buchstäblich auf der Straße liege. Ich könnte mir vorstellen, dass THE GRAVY TRAIN sein bester Film ist. Haltet Ausschau danach!

 

Trotz vieler positiver Reaktionen von Bekannten, die ich für verlässlich halte, war ich skeptisch: Der Trailer von SWISS ARMY MAN sah zugegebenermaßen toll aus und entlockte mir das ein oder andere Lachen, aber den Verdacht, dass sich der Film als gimmickiges Novelty-Vehikel mit nur beschränkter Halbwertzeit entpuppen würde, konnte er nicht völlig entkräften. Daniel Radcliffe als Leiche mit Superfähigkeiten, mit denen ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sich am Leben erhält: Das roch nach einem auf Spielfilmlänge gestreckten Sketch. Und wahrscheinlich ist das auch der Ursprung von SWISS ARMY MAN: Im Bonusmaterial gestehen die Regisseure, dass ihr Film mit der Idee einer furzenden Leiche begann. Ihnen ist dann zum Glück noch etwas mehr eingefallen, aber grundsätzlich ist das eine treffende Beschreibung des Inhalts: Es geht um die Freundschaft eines Schiffbrüchigen mit einer furzenden Leiche, die ihm das Leben rettet. Das Schöne an SWISS ARMY MAN ist, dass der Film als auf diesem Gag basierender skurriler Bilderbogen funktioniert, aber dass man auch mehr in ihm sehen kann, ohne dass er darüber seinen infantilen Witz verlieren würde. Die Befürchtung, dass die beiden Daniels einen hoffnungslos ephemeren FIlm gedreht haben, erweist sich als unbegründet: Nicht weil SWISS ARMY MAN irrsinnig bedeutungsvoll wäre, sondern weil seine Leichtigkeit eine seiner großen Stärken ist.

Am Anfang fahren ein paar aus leeren Flaschen und Getränkepackungen gebastelte Bötchen auf dem offenen Meer an der Kamera vorbei. Die kontinuierlich komplexer werdenden Konstruktionen machen die Botschaft, die auf eines von ihnen gekritzelt ist, beinahe redundant: „Ich langweile mich“, steht darauf. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der auf einer einsamen Insel gestrandet um sein Überleben ringt. Aber sie ist charakteristisch für die in SWISS ARMY MAN zum Ausdruck kommende lakonische Sicht auf das Leben – und das erste Anzeichen dafür, dass das, was der Zuschauer im Folgenden sieht, nicht immer das ist, was tatsächlich passiert. Zunächst aber ist der Verfasser der Botschaften, ein junger Mann namens Hank (Paul Dano), tatsächlich ein moderner Robinson Crusoe, der seinen Freitag just in dem Moment trifft, in dem er sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will: Plötzlich liegt da der Körper eines Mannes (Daniel Radcliffe) in der Brandung, der sich bei näherer Begutachtung als tot herausstellt. Die Enttäuschung weicht bald der amüsierten Verwunderung, als dem leblosen Körper heftige Blähungen entweichen. Und die nutzt Hank schließlich als eine Art Außenbordmotor: Auf dem Körper des Toten rast er über das Meer und landet schließlich an einer nicht mehr ganz so öd aussehenden Küste. Plötzlich scheint die Möglichkeit der Rettung nah. Und mit der Leiche, die sich bald als „Manny“ vorstellt, gar nicht mehr so tot ist und zahlreiche weitere nützliche Fähigkeiten zeigt, ist die ganze Situation viel leichter zu ertragen.

SWISS ARMY MAN ist die Geschichte einer sprichwörtlich wunderbaren Freundschaft. Hank überwindet die Einsamkeit, indem er eine Persönlichkeit für den Toten erfindet, mit ihm Gespräche führt und sich gemeinsam Freizeitbetätigungen ausdenkt. Am Ende erweist sich vor allem Hank als nicht ganz der, der er zu sein vorgab: Hinter seinem traurigen, aber auch etwas ausdruckslosen Gesicht verbirgt sich ein Drama, das der Film aber nie vollständig aufdeckt. Vieles, was im Film eine prominente Rolle spielt, scheint seinem Wahn zu entspringen, aber es wird keine saubere Grenze gezogen. SWISS ARMY MAN lässt sich nicht lückenlos auflösen wie ein raffiniertes Puzzlespiel. Und das ist gut so, weil der Film nicht zuletzt von der Fähigkeit des Menschen handelt, sich zu wundern, zu staunen, Schönheit zu finden im Banalen und Alltäglichen. In seinen besten Szenen erinnert SWISS ARMY MAN an die Filme von Spike Jonze, an den DIY-Charme, den sie gleichermaßen feiern, wie sie von ihm beatmet sind. In einer ausgedehnten Sequenz baut Hank seinem toten Freund einen Bus aus Ästen und Müllteilen, um die tägliche Begegnung mit einem hübschen, unbekannten Mädchen nachzustellen. Er bastelt sogar eine am Fenster entlanglaufende Spule mit Fotos, mit der er die Fahrt simuliert und dem Freund so zeigt, wie schön es ist, einfach nur auf die vorbeiziehende Welt zu schauen. Oder er stellt mithilfe von Stockpuppen und einer vom Feuerschein beleuchteten Plane berühmte Kinofilme für ihn nach. Das Titelthema von JURASSIC PARK wird intoniert und es ist ganz klar: Wenn man diesen Film nicht gesehen hat, hat man eigentlich nicht gelebt. Natürlich lernt Hank auch selbst etwas im Austausch mit der Leiche: Zum Beispiel, dass es gut ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen nicht beherrschen zu lassen. Ein ihm am Ende entfleuchender Furz ist der große Durchbruch, den er wie einen großen Triumph feiern darf. Das ist gnadenlos albern, aber – und das ist doch eine ziemliche Leistung – auch einfach sehr schön.