Mit ‘Komödie’ getaggte Beiträge

Der internationale Verleihtitel FINAL JUSTICE klingt nach generischer Neunzigerjahre-DTV-Actiongülle (die Übersetzung des Originaltitels THUNDERBOLT VANGUARD hingegen wie ein Schwulenporno um Sprengstoffexperten), dabei ist Parkman Wongs Film mit Danny Lee und dem gerade 26-jährige Stephen Chow hochkarätig besetzt. Beide spielen, ganz nach der damals populären Buddyfilm-Formel, zwei ungleiche Partner im Kampf gegen eine Verbrecherbande: Lee ist Sergeant Cheung, tough bis zur Karikatur, auf Regeln pfeifend und immer mit seinem Motorrad unterwegs, Chow der Kleinkriminelle Ah Wai, der sich mit den bösen Buben eigelassen hat und von Cheung nun zur Mithilfe verdonnert wird.

Komödiantische Elemente überwiegen, die Action wird eher sparsam eingesetzt (dann aber mit ein paar schönen Einschüssen), vor allem, wenn man sie mit den Filmen der großen Actionspezialisten Hongkogs vergleicht,etwa mit denen von John Woo, in dessen Meisterwerk DIE XUE SHUANG XIONG Lee nur wenige Jahre später in einer deutlich ernteren, gewichtigeren Rolle zu sehen war, oder bedenkt, dass mit Chow ein Darsteller zur Verfügung stand, der für seine große Martial-Arts-Artistik bekannt ist: Er darf von diesem beachtlichen Talent überhaupt nichts zeigen, muss stattdessen den gutmütigen Taugenichts spielen, der vom adrenalinsüchtigen Cheung von einer brenzligen Situation in die nächste getrieben wird.

Das ist leider eher langweilig, weil PIK LIK SIN FUNG strikt nach Formel abläuft und das einzige, was aufmerken lässt, Danny Lees bescheuerter Cop und diverse bizarre Modererscheinungen sind. Manchmal habe ich den Eindruck, die Achtziger waren in Hongkong am achtzigerigsten: Danny Lee trägt eine unfassbar Deppenfrisur zur Schaue, die ihn aussehen lässt wie Moe von den Drei Stooges, er wohnt in einer Garage, trägt ständig Lederjacke und Sonnenbrille, hat einen frivolen Zigarettenspender und liegt, wie könnte das anders sein, im Clinch mit dem geleckten Vorgesetzten. Chows Ah Wai hingegen ist eher so der verspielte modebewusste, was man an seinem Jeansblouson sieht, auf dessen Rücken bunte Knöpfe eine „Fuck“ formen. Später trägt er dann eine Jacke, an deren Revers zwei anthropomorphe Plüschherzen gepinnt sind – einer der idiotischeren „Trends“ eines an solchen nicht armen Jahrzehnts. Viel mehr ist leider nicht hängen geblieben.

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Die Achtzigerjahre gelten gemeinhin als ein oberflächliches Jahrzehnt, indem der stumpfe Materialismus grassierte und sich die Welt voller Begeisterung auf die neuen technischen Errungenschaften stürzte, ohne jedoch so recht zu wissen, was sie mit ihnen anfangen sollte. Wie nahezu jedes Jahrzehnt werden auch die Achtzigerjahre oder zumindest bestimmte Aspekte von ihnen fetischisiert oder nostalgisch verklärt (auch von mir, der in diesem Jahrzehnt sozialisiert wurde und damals begann, sich für Musik und Filme zu interessieren), aber grundsätzlich haben sie keinen guten Ruf: Sie sind der Inbegriff von seelenlosem Plastikkommerz, leerem Exzess (verkörpert durch das High von Kokain, der damaligen Modedroge der Reichen und Schönen) und Profitstreben. Wie das aber mit solchen pauschalen Zuschreibungen so ist: Es muss eine Menge ausgeblendet werden, um sie aufrechterhalten zu können. Wie etwa erklärt man sich, dass ein Film wie DESPERATELY SEEKING SUSAN, Musterbeispiel einer Mainstream-Komödie und darüber hinaus mit der damaligen Pop-Ikone Madonna besetzt, von dem Gefühl der Leere handelt, dass blinder Karrierismus hinterlässt? Susan Seidelmans Film erinnert nicht nur in dieser Hinsicht an Komödie wie Scorseses AFTER HOURS, John Landis‘ INTO THE NIGHT oder Jonathan Demmes SOMETHING WILD: „Typische“ Filme ihres Jahrzehnt, die die Bedingungen ihres Seins aber gleichzeitig kritisch reflektierten.

Roberta (Rosanna Arquette) ist mit Gary (Mark Blum) verheiratet, einem langweiligen, selbstverliebten Badewannen- und Whirlpool-Verkäufer. Ihre Beziehung ist nonexistent, ohne Aufregung oder Leidenschaft. Wie anders doch Susan (Madonna) und Jim (Robert Joy) sind, deren aufregende Liebebeziehung Roberta in den Kleinanzeigen verfolgt: Mittels dieser Anzeigen, die immer mit der Phrase „Desperately seeking Susan“ beginnen, suchen und finden sie sich, während sie quer durch die USA reisen. Roberta will wissen, wer diese beiden Liebhaber sind und begibt sich zum Ort ihres nächsten Zusammentreffens. Vor allem Susan, eine selbstbewusste, unkonventionelle und extravagante Person, weckt ihr Interesse. Was beide Frauen nicht wissen: Im Gepäck von Susan befinden sich zwei wertvolle Ohrringe, die Beute aus einem Raub, die ein Killer (Will Patton) zurückholen soll. Schließlich kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung: Roberta erleidet einen Gedächtnisverlust und denkt, sie sei Susan. Jims Freund Dez (Aidan Quinn) nimmt sich ihrer an, während Gary seine verschollene Gattin sucht …

DESPERATELY SEEKING SUSAN punktete damals zuerst natürlich mit der Besetzung des aufsteigenden Popstars Madonna, deren persönlicher Style unzählige Imitatoren und die Mode beeinflusste. Etliche Teens dürften Siedelmans Film damals ausschließlich wegen der Sängerin besucht haben (deren Soundtrack-Song „Into the Groove“ ich immer noch für einen ihrer besten halte), aber anders als das typische Popstar-Vehikel hat DESPERATELY SEEKING SUSAN weitaus mehr zu bieten als einen berühmten Namen. Wie in den weiter oben genannten Titeln begleitet der Zuschauer die Protagonistin auf einer Reise in eine unbekannte Welt, ein Aspekt der dadurch verstärkt wird, dass sie sich an nichts erinnern kann, noch nicht einmal an ihre eigene Identität. So landet sie dann in einer heruntergekommenen Sideshow, die von John Turturro geleitet wird, und in der sie einem drittklassigen Zauberer assistieren muss. Am Fenster gegenüber von Dez‘ cooler Loft-Wohnung (die damals irgendwie jeder Filmcharakter hatte) spielt John Lurie Saxophon und Punkrocker Richard Hell verkauft Jimi Hendrix‘ Jacke in einer Second-Hand-Boutique. Edward Lachmans Kamera fängt viel New Yorker Lokalkolorit ein und taucht vor allem die Nachtszenen gern in verruchtes grünes oder rotes Neonlicht. DESPERATELY SEEKING SUSAN hat viel Style: Das kann man über viele der heutigen Komödien nicht unbedingt sagen.

„Style“ ist natürlich auch das Stichwort, um auf Madonna zu sprechen zu kommen: Seit Beginn ihrer Schauspielkarriere hält sich das Urteil, sie sei furchtbar, habe kein Talent. Eine zumindest insofern absurde Unterstellung, als die Dame seit nunmehr rund 35 Jahren eine Rolle spielt, und zwar so überzeugend, dass sie immer noch zu den größten Stars überhaupt zählt. Es ist nicht das Schauspielen an sich, sondern die anderen Charaktere, mit denen sie sich schwer tut. In DESPERATELY SEEKING SUSAN brilliert sie, weil sie sich selbst spielen darf. Ihre Susan trägt in ihrer Hutschachtel coole Outfits vom Trödelladen mit sich herum, anstatt einem langweiligen Job nachzugehen, reist sie durchs Land, pennt mal hier, mal da, Männer, die sie aufreißt, lässt sie am nächsten Tag einfach zurück. Das Leben um sie herum quittiert mit diesen unverschämt gelangweilten, arroganten, herablassenden Blick. Dass die biedere Roberta von ihr fasziniert ist, ist sofort nachvollziehbar, wie es für den Zuschauer aber auch klar wird, dass sie da einer Projektion nachrennt. Wenn man genauer hinschaut, ist diese Susan nämlich nicht besonders sympathisch: Sie ist egozentrisch, oberflächlich und macht es sich ziemlich einfach. Im Grunde genommen lebt sie auf Kosten anderer, nämlich der Menschen, deren Couchen sie immer wieder in Anspruch nimmt, weil ihr jeder Ehrgeiz, Disziplin und damit auch die eigene Bude fehlt. Madonna für diese Rolle auszuwählen, war nicht nur aus marketingtechnischer Sicht ein Coup: Sie bringt die Larger-than-Life-Aura mit, die der Film unbedingt braucht, um die Arroganz dieser Figur attraktiv statt abstoßend zu machen.

Nicht unbedingt gebraucht hätte es den Thriller-Subplot: Will Patton taucht immer mal wieder auf, um daran zu erinnern, dass es ja auch noch um zwei geklaute Ohrringe geht. Der zwangsläufige Showdown ist unspektakulär und überflüssig, man merkt dieser ganzen Geschichte an, dass es sich dabei lediglich um eine drehbuchtechnische Notwendigkeit handelte. DESPERATELY SEEKING SUSAN ist, da muss man nicht lang rumlavieren, ein Mainstreamfilm, der gängige Klischees und Formeln nutzt und lediglich die kleinen Details variiert. Aber diese Details sind eben sehr stimmig: ob das nun Garys idiotischer Werbespot ist, Laurie Metcalfs intrigante Schwägerin, der großartige Steven Wright als ihr Love Interest, Giancarlo Espositos Straßenhändler oder das Jackie-Chan-Mural in Dez‘ Wohnung. Der Film vibriert vor Leben und macht sofort Lust darauf, sich in einen Flieger nach New York zu setzen und sich dort ins Getümmel zu schmeißen. Bis einem dann einfällt, dass es da heute, im dritten Jahrzehnt nach den Achtzigern, noch viel, viel plastikmäßiger und oberflächlicher aussieht, als wir es dem armen Jahrzehnt vorwerfen.

Nachdem er mit seiner Arbeit als Editor maßgeblich zum Erfolg von Norman Jewisons THE THOMAS CROWN AFFAIR und IN THE HEAT OF THE NIGHT beigetragen hatte, bekam Hal Ashby von seinem Mentor die Gelegenheit zum Regiedebüt: THE LANDLORD ist eine Komödie um Rassenbeziehungen (und nebenbei um Generationen- und Klassenkonflikte) im New York der späten Sechzigerjahre und erinnert in seiner Grundkonstellation ein wenig an Mike Nichols THE GRADUATE. Ashbys großartiger Output in den Siebzigerjahren wird im Gegensatz zu diesem aber leider nicht annähernd genug besungen: THE LANDLORD ist der nahezu vergessene Startschuss einer großen Karriere und unbedingt sehenswert.

Elgar Enders (Beau Bridges) ist 29, lebt aber immer noch im vornehmen Long-Island-Haus seiner wohlhabenden, konservativen Eltern (Lee Grant und Walter Brooke). Um endlich rauszukommen, gegen die Wertvorstellungen seiner Erzeuger zu rebellieren und sich seine ersten chops als Investor zu verdienen, kauft er ein heruntergekommenes Mietshaus in einem der schwarzen Viertel von Brooklyn. Doch seine Pläne, die Mieter rauszuschmeißen und das Haus für seine eigenen Zwecke herauszuputzen, scheitern kläglich: Er ist einfach zu nett und lässt sich von den Bewohnern, vor allem der patenten Marge (Pearl Bailey) und der attraktiven Fanny (Diana Sands) um den Finger wickeln. Seine Familie ist entsetzt vom Flirt des Sohnes mit den Afroamerikanern, der in einer Beziehung zur Tänzerin Lanie (Marki Bey) und einer Affäre mit der verheirateten Fanny kulminiert …

Die Mode hat sich verändert, das Viertel in dem Ashby seinen Film damals drehte, ist heute längst gentrifiziert, doch im Kern ist THE LANDLORD heute immer noch aktuell: Zwischen Vorurteilen und white guilt hin und hergerissen, begibt sich Elgar auf „Entdeckungstour“, entwickelt sich bereitwillig zu einer Art Hausmeister und Helfer für die Bewohner seines Hauses und macht es sich zur Aufgabe, für die Verständigung zwischen den weitestgehend scharf getrennten Rassen einzutreten. Am Ende hat er mehr Schaden angerichtet als Gutes getan und er kehrt dem Haus den Rücken zu, um sein eigenes Leben zu leben: gemeinsam mit der „halbweißen“ Lanie und dem Kind, das er mit Fanny hinter dem Rücken ihres aggressiven Gatten Copee (Louis Gossett jr.) gezeugt hat. Vielleicht wird die nächste Generation klüger sein.

Ashbys Film behandelt das schwierige Thema mit großer Sensibilität, bewegt sich leichtfüßig über ein mit Fettnäpfchen reich bestelltes Terrain. THE LANDLORD ist ebenso bitter wie komisch – vor allem, wenn er sich Elgars Familie zuwendet, einer grotesken Karikatur repblikanisch-neureichen WASP-Entitlements -, verfügt über geschliffen scharfe Dialoge und kommt ganz ohne die ach so lustigen Schwarzenklischees aus, die schon so manches ehrenwerte Projekt zu diesem problematischen Thema gnadenlos sabotiert haben. Ashby macht auch nicht den Fehler seines Protagonisten, nämlich sich zu sehr auf die Seite der „anderen“ zu schlagen: Seine Perspektive ist klar, aber er wahrt die Distanz, die die Grundvoraussetzung für ein Mindestmaß an Objektivität darstellt. Lediglich die Momente, in denen Elgar die vierte Wand durchbricht und sich direkt ans Publikum wendet, wirken etwas aufgesetzt. Sie verorten THE LANDLORD ganz klar in seiner Zeit und bringen den Film nicht wirlich weiter. Aber Ashby setzt sie so sparsam ein, dass sie nicht wirklich negativ zu Buche schlagen.

Auch der Blick auf die Stabsliste lohnt sich: Das auf einem Roman von Kristin Hunter basierende Drehbuch stammt von Bill Gunn. Der Afroamerikaner absolvierte im selben Jahr sein Regiedebüt mit STOP!, das aber in den Giftschränken von Warner landete, weil die statt des erwarteten Blaxploiters ein ernstes Drama bekommen hatten. Später drehte er noch den Horrorfilm GANJA & HESS, dem ebenfalls böse mitgespielt wurde, bevor er voreinigen Jahren rekonstruiert wurde. Er verstarb wie Ashby zu früh, Ende der Achtzigerjahre, mit noch nicht einmal 60 Jahren. Ansonsten dominieren hier die Frauen: Allen voran natürlich die großartige Lee Grant als nervöse, neurotische, aber nicht gänzlich unsympathische Mutter, die in einer wunderbaren Szene von der resoluten Marge mit billigem Schaumwein betrunken gemacht wird. Apropos Marge: Ihr verleiht Sängerin Pearl Bailey unbeschreibliche Präsenz – sie war nach THE LANDLORD nur noch selten auf der Leinwand zu sehen. Diana Sands ist perfekt als exotisches, aber immer authentisch wirkendes Objekt der Begierde Fanny, zerrissen zwischen der Sympathie für den naiven Elgar und der Liebe zum seelisch zerrütteten Copee. Sands verstarb nur drei Jahre später mit 39 Jahren. Marki Bey hat nicht die interessanteste Rolle des Films abbekommen, aber ihr zurückgenommenes Spiel hilft, dass ein absurder Side Gag wie der Kostümball-Auftritt von Elgars Schwager in Blackface erst so richtig schmerzhaft wird. Beau Bridges erfüllt die Aufgabe, liebenswerte Projektionsfigur zu sein mit Bravour, spannender ist aber was Louis Gosset jr. mit seiner Nebenrolle macht: gerade auch vor dem Hintergrund seines späteren Rollenprofils. Große Freude hatte ich auch mit dem mir bis dahin unbekannten Walter Brooke: Man sieht förmlich, wie er die sprichwörtliche Angst vorm schwarzen Mann hinter seinen Wutausbrüchen zu verbergen sucht. Zu guter letzt sei noch erwähnt, dass THE LANDLORD auch visuell herausragend ist, gerade für New-York-Freunde. Keine Überraschung, wenn man weiß, dass mit Cinematographer Gordon Willis der Mann hinter der Kamera stand, der wenige Jahre später dazu beitrug KLUTE, THE GODFATHER oder MANHATTAN zu unvergesslichen Meisterwerken zu machen.

Schade, dass es für einen solchen Film nur zur On-Demand-DVD aus Übersee reicht.

Man kennt das zu Genüge: Regisseure, die in ihrer Spätphase nur noch ein Schatten ihrer selbst sind, statt der bahnbrechenden, mutigen oder wütenden Wachrüttler ihrer frühen Jahre saturierte Langweiler drehen und es immer schwieriger machen, sie in guter Erinnerung zu behalten. Umso wertvoller ist ein Film wie ALL THE MARBLES: Robert Aldrich drehte ihn mit 62 Jahren als seinen letzten, 29. Film (er starb knapp zwei Jahre später). Nun hätten natürlich eh nur die wenigsten ein solches Zauberwerk hinbekommen, aber seine Karriere auf diesem Niveau nach drei Jahrzehnten im Business abzuschließen, ist schon eine ganz besondere Leistung. Die, es muss ja eigentlich gar nicht noch erwähnt werden, natürlich nicht angemessen gewürdigt wurde. Der Film ist in der Warner Archive Collection erschienen und darf weitestgehend als „vergessen“ bezeichnet werden. Zu Unrecht, aber das sollte nach diesem Auftakt schon klar sein.

ALL THE MARBLES erzählt von einer Reise, einem Traum und einer Freundschaft: Harry Sears (Peter Falk) ist der Manager der „California Dolls“ Iris (Vicki Frederick) und Molly (Laurene Landon), eines Wrestling-Duos, das vom großen Titel träumt, sich dafür aber mit halbseidenen Agenten, schmierigen Etablissements, verbissenen Gegnerinnen und einem generell wenig ansprechenden Leben im Auto herumschlagen muss. Die Frage, ob es das alles wert ist, ober der erträumte Titel – von dem man ja nicht weiß, ob man überhaupt die Chance bekommt, ihn zu sich holen – all die Schmerzen, Demütigungen und Entbehrungen aufwiegt, stellt sich an jeder Ecke. Aber zum Aufgeben ist es schon längst zu spät.

Der Vergleich zu Avildsens ROCKY drängt sich auf: Beide Filme handeln von Underdogs. beide zeigen eine Welt fernab des Glamours, beide spielen nicht in den glitzernden Metropolen, sondern in der tristen Realität qualmender Fabrikschornsteine, heruntergekommener Backsteinbauten, mieser Kaffs und eines Winters, der alles noch ein bisschen trostloser erscheinen lässt. In ALL THE MARBLES kommt außerdem hinzu, dass seine drei Protagonisten noch nicht einmal ein ganz gleeich wie bescheidenes zu Hause haben, sondern mit dem Auto von einem ranzigen Motel zum nächsten tingeln, immer auf der Suche nach einem Gig, der ihnen die nächste Mahlzeit beschert. Beide Filme enden mit einem Triumph und teilen somit auch den märchenhaften Charakter, aber während Stallones Drehbuch ihn als ein hoffnungslosen Romantiker bloßstellt, ist Aldrich ein Realist. Rocky hat sich am Ende des ersten Films aus der Unbekanntheit und der Armut buchstäblich freigeboxt, den Ruhm erreicht, den er immer wollte. Auf sportlicher Ebene gelingt das auch den „California Dolls“, aber es bleibt dann doch die berechtigte Frage, ob sich für sie so viel ändern wird. Frauencatchen ist nicht Herrenboxen und immer schwingt die Tatsache mit, dass diese Mädels nie nur nach ihren Leistungen berurteilt werden: Immer wird es den meist männlichen Zuschauern auch darum zu gehen, ihre sexuelle Schaulust zu befriedigen.

Es ist angesichts dieser Tatsache erstaunlich, dass Aldrichs Film niemals auch nur ansatzweise zynisch oder exploitativ wird – und das, obwohl er sich während des 15-minütigen Showdowns keineswegs in Zurückhaltung übt. Der Titelgewinn der beiden Protagonistinnen ist der kathartische Höhepunkt des Films, aber was mehr noch im Gedächtnis bleibt, ist der Rapport zwischen Sears, Iris und Molly. Wie sie sich lieben, streiten, sich immer wieder aufraffen und über alle Hindernisse und Durststrecken hinweg zusammenbleiben ist nicht bloß eine dramaturgische Behauptung, man fühlt die Verbindung, die sie haben. Falk ist brillant und beweist wieder einmal, wie sträflich untergenutzt er war: Er ist wie gemacht für seinen zwar mit allen Abwassern gewaschenen Manager, der außerdem Seelsorger, Trainer, Liebhaber, Vater, Geschäftsmann, Psychologe und Chauffeur zugleich sein muss, gegenüber seinen beiden Klientinnen zudem noch das Problem hat, dass er ja absolut auf sie angewiesen ist. Seinem New Yorker Akzent und seinen Geschichten könnte ich stundenlang zuhören. Wunderbar seine Erklärung, woher er all die Zitate und Lebensweisheiten herhabe: Sein Vater, ein Einwanderer, habe immer Clifford Odets und Will Rogers gelesen, um Englisch zu lernen. Die Zusammenführung des gebildeten Bühnenschriftstellers Odets und der Lebensweisheit einer „Stimme des Volkes“ wie Rogers ist nicht nur die Essenz von Sears, sondern auch der Schlüssel zum Verständnis von Aldrich, der immer beides war: Künstler und Populist. Leider gibt es Filmemacher, die beides in dieser Qualität beherrschen, heute in den USA nicht mehr oder zumindest kaum noch.

Aldrich, dessen Werkschau ich mit diesem Eintrag ich heute beende, war ein Wanderer zwischen den Welten, ein komplexer Regisseur, der immer noch sträflich unterbewertet ist. Nominell der Generation von Opas – oder zumindest Papas – Kino angehörend, mit dem die Movie Brats in den späten Sechzigern aufräumten und das New Hollywood begründeten, erweist er sich mit einem Film wie ALL THE MARBLES als einer der radikalsten Vertreter von dessen Ideen, derer sich Hollywood im Jahr 1981, als sein letzter Film sang und klanglos unterging, längst wieder verabschiedet hatte. Immer noch haftet ihm das Etikett des „Männerfilmers“ an, das er sich mit Filmen wie VERA CRUZ, THE DIRTY DOZEN, FLIGHT OF THE PHOENIX, ATTACK!, EMPEROR OF THE NORTH und THE LONGEST YARD erwborben hatte – durchaus verdient, aber ihn darauf zu reduzieren oder gar ihn als „Macho“ zu beschreiben, wird der Vielseitigkeit seines Werkes kaum gerecht. Aldrich wusste von den Traumata, die oft hinter den „starken Männern“ standen, widmete sich zu einer Zeit dem kindlichen Missbrauch, als die Prügelstrafe noch ein anerkanntes erzieherisches Mittel war, legte die Abgründe einer Kultur der Stärke und der Gewalt immer wieder und dann mit THE CHOIRBOYS besonders furios und gnadenlos offen und hatte immer wieder auch starke Frauenfiguren in seinen Filmen. ALL THE MARBLES ist insofern ein schöner Abschluss: Hier haben die Frauen die Muckis und sie kehren nach getaner Arbeit zum Mann zurück, der ihre Wunden versorgt und sie wieder aufrichtet.

In meinem Eintrag zu THE CHOIRBOYS hatte ich es schon angedeutet: THE FRISCO KID war der Grund, warum ich meine Aldrich-Retro damals abgebrochen habe – zwei Filme vor Schluss. Ich hatte einfach kein allzu großes Interesse an einer Komödie, die in Deutschland mit dem alle Hoffnungen zerstörenden Titel EIN RABBI IM WLDEN WESTEN gestraft war. Der Film, den ich bei diesem Titel vor meinem geistigen Auge hatte, sah einfach furchtbar aus. Die nun endlich nachgeholte Sichtung ist dann aber mal wieder eine Beweis dafür, dass man sich nicht von seinen Vorurteilen leiten sollte: THE FRISCO KID ist ein wunderhübscher kleiner Film, der im Gesamtwerk des Meisters zwar keinen der ganz vorderen Plätze einnimmt, aber gut dazu geeignet ist, seine große Vielseitigkeit zu bestätigen – und das Klischee des Macho-Zynikers zu zerstreuen, das sich immer noch recht hartnäckig hält.

THE FRISCO KID ist eine Mischung aus Schelmenkomödie, Road Movie und Schöpfungsmythos: Aldrich erzählt die Geschichte des kleinen, verträumten polnischen Rabbis Avram Belinski (Gene Wilder), der nach Amerika geschickt wird, um dort eine Gemeinde zu übernehmen und nebenbei eine Frau zu heiraten. Doch vorher muss er einmal das gesamte Land durchqueren, von dem er rein gar nichts weiß. Natürlich fällt er gleich zu Beginn drei Halunken zum Opfer, die ihn ausrauben. Dann nimmt sich der Ganove Tommy (Harrison Ford) des Greenhorns an und gibt ihm Geleitschutz. Doch der vermeintlich wehrlose Rabbi weiß sich durchaus zu behaupten und so gelingt es dem ungleichen Paar Schneestürmen, Indianern und Banditen zu trotzen …

THE FRISCO KID ist zu allererst mal eins: unendlich liebenswert und süß. Die Gutmütigkeit und Unverdrossenheit Belinskis überwindet die hartnäckigsten Barrikaden, vereint unvereinbare Gegensätze, versöhnt unterschiedlichste Kulturen, erobert die Herzen all derer, die ihm begegnen und ist damit eine Art idealisierter Vater der Idee, auf der die USA einst gegründet wurden. Dabei verkommt der Film unter Aldrichs Regie aber weder zur klebrigen Schmonzette noch zum pathetisch-patriotischen Erbauungsfilm, vielmehr bewahrt er sich seine gewisse Verschrobenheit und den Off.Beat-Charakter. Wer angesichts des Titels eine typische Fish-out-of-water-Komödie mit ethnischem Humor erwartet hat, sieht sich positiv überrascht. Zwar gibt es einige Gags in diese Richtung, aber insgesamt bleibt das alles sehr dezent – Wilders Belinski ist keine Lachfigur, im Gegenteil. Wenn er auch mit einem mordgierigen Lynchmob im Nacken am Prinzip des Sabbath festhält und sich weigert aufs Pferd zu steigen, ist das natürlich zunächst mal eine lustige Idee, aber noch mehr ein Plädoyer für Prinzipientreue, für das Festhalten an Werten, die man für sich als richtig erkannt hat. Wunderschön auch die Begegnung des Juden mit einem Indianerstamm, denen er dann sogleich einen traditionellen Tanz beibringt. Diese Sequenz hat mich tatsächlich fast zu Tränen gerührt: Was in den Händen eines anderen Regisseurs zu grellem Slapstick geronnen wäre, wirkt trotz des märchenhaften Charakters von THE FRISCO KID geradezu authentisch. Nach jahrzehntelanger Darstellung von Indianern als bemalten Wilden scheint die Vorstellung zunächst seltsam, aber warum sollten sie denn eigentlich nicht mit einem Rabbi tanzen? Die ganze Szene ist eine Befreiung: Hier werden zementierte, schmerzhafte Klischees mit Freude zertrümmert.

THE FRISCO KID ist ein kleiner Film, aber was Aldrich mit ihm macht, ist alles andere als das. Ihm ist ein positives, hoffnungsvoll stimmendes Werk gelungen, ein Film, der uns daran erinnert, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt, die nicht überwunden werden können. Es bedarf dafür keiner Waffen und auch keines genialen diplomatischen Plans, lediglich etwas Mutes und der Bereitschaft, die Waffen als erster zu Boden zu legen. Wir brauchen solche Filme heute mehr denn je.

Mit THE CHOIRBOYS greife ich den vor einigen Jahren fallen gelassenen Faden meiner Robert-Aldrich-Werkschau wieder auf. Damals konnte ich dieses Films nicht habhaft werden und auf den nachfolgenden THE FRISCO KID hatte ich nicht so richtig Lust. Nun habe ich THE CHOIRBOYS endlich aufgetrieben und kann das Projekt zu seinem würdigen Ende bringen.

THE CHOIRBOYS gilt als einer der „misslungenen“ Filme in Aldrichs Filmografie: Bei seinem Kinoeinsatz wurde er von der Kritik zerrissen, das Publikum wollte ihr auch nicht widersprechen und zu alem Überfluss zog Joseph Wambaugh, Autor der autobiografisch angehauchten Romanvorlage und selbst Ex-Cop (auf sein Konto ging u. a. auch die Vorlage zu Fleischers THE NEW CENTURIONS) nach der Sichtung erbost seinen Namen zurück. Bis heute ist der Film nicht digital verfügbar, ein Schicksal, das noch nicht einmal Aldrichs anderen großen filmischen Stinkefinger, den ebenfalls viel gehassten THE LEGEND OF LYLAH CLARE ereilte. Und wie das mit solchen wüsten, missverstandenen, unter den Teppich gekehrten Filmen so ist: Ich mag ihn, wenngleich ich verstehe, warum ein Publikum, das Aldrich mit Hits wie THE DIRTY DOZEN assoziierte, mit ihm nicht warm wurde. THE CHOIRBOYS ist messy, außer Rand und Band wie seine Protagonisten, vulgär, handlungsarm und tonal all over the place. Ein Film kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Die „Chorknaben“, wie auch der deutsche Titel lautete, sind eine Gruppe von Streifenpolizisten in L. A.und mehr als mit der Verbrechensbekämpfung sind sie mit verständnis- und empathielosen Vorgesetzten und sich selbst beschäftigt. Sie benehmen sich beim täglichen Briefing wie Schulkinder, lassen sich nach Feierabend volllaufen, huren rum – und pflegen hinter der gut gelaunten Fassade manch schwere Neurose, die sich in der zweiten Hälfte des Films dann Bahn bricht und THE CHOIRBOYS heftig kippen lässt. Einen Vorgeschmack auf das blut- und tränenreiche Finale gibt es bereits zu Beginn, der die beiden Cops Sam Lyles (Don Stroud) und Harold Bloomguard (James Woods) in Vietnam zeigt, wo sie nur mit viel Glück dem Vietcong entkommen, weil sie sich in einem Tunnel verschanzen. Doch wie das so ist mit Traumata: Sie werden im Alltag hinter einer Fassade der Routine und des übertriebenen Selbstvertrauens mit wachsender Anstrengung verborgen, bis der Druck irgendwann zu groß wird und es heftig knallt. Man spürt, dass hinter den exzessiven Partys und dem infantilen Gehabe der Chorknaben die pure Verzweiflung steckt, eine sich als Lebensfreude tarnende Lebensmüdigkeit. Francis Tanaguchi (Clyde Kusatsu) verkleidet sich als Vampir, Dean Proust (Randy Quaid) besäuft sich bis zur Besinnungslosigkeit, Roscoe Rules (Tim McIntire) gefällt sich als rassistisches, sexistisches Arschloch, Saubermann Baxter Slate (Perry King) lässt sich von einer Domina misshandeln und Whalen (Charles Durning) hält den Job nur deshalb aus, weil er in ein paar Monaten in Ruhestand gehen wird.

Aldrich verbindet den resignierten Realismus des Siebzigerjahre-Copfilms mit dem Over-the-Top-Klamauk der KEYSTONE COPS (oder der später folgenden POLICE ACADEMY-Reihe) und sorgt mit diesem Schachzug für größte Desorientierung: Die groben Späße wirken verzweifelt, psychotisch, mit den aus dem Fernsehen entlehnten, immer wiederkehrenden Establishing Shots zeichnet er eine Welt, in der sich nichts mehr bewegt, höchstens abwärts. Die Welt von THE CHOIRBOYS ist aus den Fugen geraten, Cops benehmen sich wie Amokläufer, Verbrecher braucht es da gar nicht mehr. Der Zen-Buddhist, an dem all das abprallt, ist ausgerechnet der wie ein Penner aussehende Scuzzi (Burt Young), Chef des Sittendezernats, der stinkende, abgekaute Zigarren in seinen mit Hochprozentigem aufgebrezelten Kaffee tunkt und dem schwulen 18-jährigen Stricher mit der Empathie begegnet, die keiner mehr so recht für den anderen aufbringen kann, weil er zu sehr mit sich beschäftigt ist. Am Ende kommt es infolge des Selbstmords des gedemütigten Baxter zur Katastrophe, der Erschießung eines Unschuldigen durch den eine Panikattacke erleidenden Lyles. Der überfällige Selbsterkenntnisprozess setzt ein, doch der Obrigkeit in Form des Polizeichefs Riggs (Robert Webber) geht es nur darum, die Wahrheit zu vertuschen, auch wenn seine Leute dafür geopfert werden müssen. Es ist eine Scheißwelt, aber es gibt Hoffnung. So abgefuckt war Aldrich dann doch nicht, den Film ohne ein echtes, befreiendes Lachen zu beenden.

THE CHOIRBOYS ist kein Vergnügen. Er ist kompliziert, schmutzig und überdreht, episodisch und orientierungslos. Vieles läuft ins Leere und die erste Hälfte, einer Aneinanderreihung furchtbar alberner, dabei aber auffallend humorloser Szenen, stellt die Geduld auf eine harte Probe. Wie beim genannten THE LEGEND OF LYLAH CLARE merkt man ihm an, dass Aldrich kein Interesse daran hatte, auf sein Publikum zuzugehen. Es scheint, als hätte er die Kontrolle ganz bewusst aufgegeben, die Chorknaben das Ruder übernehmen lassen. Die Dramaturgie des Films erinnert dann auch eher an einen führerlosen Bus, der einen Abhang hinunterrast, nachdem er die Leitplanke durchbrochen hat, während seine besoffenen Passagiere den ultimativen Kick feiern, in augenrollender Todesverachtung. Der Aufprall kommt ja sowieso.

In Indien wird der altgediente Colonel Loring Leigh (C. Aubrey Smith) nach einer Verhandlung vorm Militärgericht unehrenhaft entlassen. Seinen vier Söhnen Geoffrey (Richard Greene), Wyatt (George Sanders), Christopher (David Niven) und Rodney (William Henry), die er per Telegramm aus der ganzen Welt ins britische Anwesen ruft, eröffnet er, dass er Opfer eines Komplotts geworden ist. Bevor er ihnen jedoch die Details erklären kann, wird er erschossen, sein Beweismaterial entwendet. Die vier Söhne wollen den Mörder ihres Vaters dingfest machen und seinen Ruf wiederherstellen. Sie kommen einer Verschwörung der Waffenindustrie auf die Spur …

Wow. Nach nun 31 gesehenen Ford-Filmen weiß ich mittlerweile, dass man bei ihm immer mit einer Überraschung rechnen muss, dass sich immer wieder neue Facetten seines Schaffens offenbaren, er in jedem Genre zu Großem fähig und seiner Zeit dabei oft weit voraus war (und das, obwohl seine ganz großen Meisterwerke mir ja eigentlich erst noch bevorstehen), aber einen Film wie FOUR MEN AND A PRAYER hatte ich trotzdem nicht erwartet. Nicht von ihm und eigentlich auch von keinem seiner Zeitgenossen. Selbst heute würden sich nur wenige Filmemacher innerhalb des Studiosystems solche Volten erlauben, wie sie Ford hier schlägt.

FOUR MEN AND A PRAYER beginnt verhalten mit der Gerichtsverhandlung, bei der sich die Entlassung des Colonels andeutet. Nur sein Gesichtsausdruck verrät, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind, er Opfer eines Komplotts ist, gegen das auch die beste Verteidigung machtlos sein wird. Ford erzählt, wie man das von ihm kennt, mit großer Ökonomie: Als nächstes erhalten seine vier Söhne in kurzen Szenen ihr Telegramm, lassen daraufhin alles stehen und liegen, um ihrem Vater zur Hilfe zu eilen. Der Regisseur benötigt kaum Worte, um klar zu machen, was gerade passiert, und zu verdeutlichen, welche enge Bande zwischen dem Vater und seinen Söhnen geknüpft sind. Das bewahrheitet sich im folgenden Zusammentreffen der fünf Männer, das trotz der eingehaltenen Etikette – die Söhne sprechen den Vater natürlich mit „Sir“ an – von großer, beinager greifbarer Zuneigung geprägt ist. Neben der Schauspielerleistung ist es vor allem Fords blocking dieser Szenen, mit dem es ihm gelingt, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Es sind nur wenige Minuten, die die fünf Männer zusammen haben, bevor der Vater aus dem Film scheidet, aber sie sind für das weitere Geschehen immens wichtig, weil sie seine emotionale Grundlage bilden. Und der Eindruck ist nachhaltig: Auch im weiteren Verlauf sind die Liebe, das blinde Verständnis und der unbedingte Zusammenhalt der Brüder, die angetrieben sind von dem Wunsch, den Namen ihres Vaters von der Schande des Verrats reinzuwaschen, immer greifbar.

Das ist wichtig, weil FOUR MEN AND A PRAYER nach seiner Exposition ungewöhnliche Wege geht: Nicht nur begleitet er seine Protagonisten auf der Verbrecherjagd über drei Kontinente, er verwandelt sich dabei zu einer extrem bissigen Satire mit bisweilen tiefschwarzem Humor. Den Gipfel erreicht Ford während einer längeren Sequenz im vom Bürgerkrieg gebeutelten Argentinien. Das Militär nimmt dort zuerst einen der Waffenschieber fest, um ihn höflich bis peinlich berührt zu seiner Erschießung zu führen, was der Unglücksselige hinnimmt wie eine Gehaltskürzung mit anschließender  Wurzelbehandlung. Kann man angesichts der satirischen Überspitzung noch herzhaft über die Szene lachen, vergeht es einem bei der folgenden Szene, in der dann eine Schar protestierender und unbewaffneter Zivilbürger gnadenlos umgemäht wird. Ford verlangt dem Zuschauer gerade in diesem Mittelteil einiges ab: Er geht ein hohes Tempo, der Ton schlägt binnen Sekunden von einem Extrem ins andere, so wie auf Handlungsebene das Familiäre und das Global-Politische eng miteinander verknüpft werden. David Niven erweist sich in diesem Tumult wieder einmal als brillanter Komiker, der den Clown im Anzug des weltgewandten Gentlemans, eine Figur, die ihm später zu großem Ruhm verhelfen sollte, bereits hier zur Perfektion gebracht hatte. Er hat eine unfassbare, an den Dadaismus grenzende Comedyeinlage, die ich hier nicht näher beschreiben möchte und den Film in seinem eh schon turbulenten Mittelteil nahe an die Eskalation bringt.

Ein ganz, ganz schräger, dabei immens unterhaltsamer und rasanter Film, der bei all seiner beißenden, bisweilen schmerzhaften Kritik niemals sein Herz verliert.