Mit ‘Komödie’ getaggte Beiträge

Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.

 

Advertisements

In einer überaus produktiven, erfolg- und einflussreichen Phase seines Schaffens drehte Ford auch TOBACCO ROAD, die Filmadaption eines überaus beliebten Broadway-Stücks, das wiederum auf einem hochgelobten Roman basierte. Das Unterfangen war nicht ohne Risiko: Die Vorlage von Erskine Caldwell galt seinerzeit als „schmutzig“ und anstößig, musste schon für die Bühnenumsetzung einiger Spitzen bereinigt und für die große Leinwand dann noch einmal kräftig überarbeitet werden. John Ford machte aus Caldwells Roman, einer desillusionierten, bitteren Bestandsaufnahme der USA in der Depression, in dem eine verarmte Familie ihre Töchter verhökert und die fromme Nachbarsfrau prostituiert, um ein paar Dollar für das benötigte Saatgut zu verdienen, zur überdrehten Komödie, die ihre durchaus vorhandenen Widerhaken hinter einer Fassade burlesker Heiterkeit verbirgt. Ford gelang mit TOBACCO ROAD ein weiterer Hit, der außerdem gute Kritiken einheimste, aber nach Masterpieces wie STAGECOACH, DRUMS ALONG THE MOHAWK, YOUNG MR. LINCOLN, THE GRAPES OF WRATH und THE LONG VOYAGE HOME lässt er seinen Urheber zum ersten Mal nach Jahren wieder wie einen Normalsterblichen erscheinen, der auch mal eine weniger gute Idee hat – so sehe ich das zumindest nach Erstsichtung.

Thematisch liegen TOBACCO ROAD und THE GRAPES OF WRATH eng beieinander: Beide spielen in der Zeit der Depression, beide handeln von einer Familie, die ihre Folgen mit voller Wucht zu spüren bekommt. Doch anders als die Joads in THE GRAPES OF WRATH, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Reise nach Westen antreten, halten die Lesters ihrer Heimat die Treue und sehen zu, wie alles um sie herum stirbt. Das fruchtbare Land, an dem sich Baumwollplantagen und Felder aneinanderreihten, ist verdorrt, die stolzen Herrenhäuser sind Ruinen, und die verbliebenen Bewohner, denen es einst sehr gut ging, zeigen längst ebenfalls die Zeichen des Verfalls. Familie Lester, angeführt vom zauseligen Jeeter (Charley Grapewin), haust in einer maroden Holzhütte auf einem schlammigen Acker, die jüngste Tochter haben sie an den weinerlichen Lov (Ward Bond) verheiratet, dem sie längst abgehauen ist. Kein Problem, sie haben ja noch die schöne Ellie May (Gene Tierney), die zwar keine Hasenscharte hat wie in der Vorlage, deren Sexiness aber mit geistiger Minderbemitteltheit einhergeht – sie spricht im ganzen Film kein einziges Wort, wälzt sich dafür aber lasziv im Schlamm. Der älteste Sohn, Dude Lester (William Tracy), ist ein großmäuliger Schwachkopf mit Zahnlücke und Kreischstimme, der später die deutlich ältere Nachbarin Bessie (Marjorie Rambeau) heiratet, um dann den zur Hochzeit neu gekauften Wagen innerhalb von 24 Stunden zu Schrott zu fahren. Jeder würde hier jeden verhökern und verraten, um an ein paar Dollars zu kommen, eine Tatsache, die seltsamerweise verbindenden Charakter hat. Dass der freundliche Captain Tim (Dana Andrews) am Ende das zum Erhalt der Farm dringend benötigte Geld zur Verfügung stellt, ist ein Happy End ohne Überzeugung: Die Tobacco Road ist für den Untergang bestimmt, aber die Lesters haben sich mit der deprimierenden Situation ganz gut arrangiert. Im Schlamm sind sie zu Hause.

TOBACCO ROAD ist turbulent und laut, fast schon als Comic zu bezeichnen und nur schwer zugänglich – auch wenn Ford seinen Film selbst als Spektakel fürs Herz bezeichnete. Wir erkennen Jeeter als Mann mit gutem Herz, aber für die Zivilisation ist er dennoch verloren, zusammen mit seiner ganzen Familie. Sein zahnloses Geplapper, die lautstarken, mitunter handgreiflichen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, die Verblendung, mit der er geschlagen ist: Auch geistig lebt dieser Mann bereits in einer anderen Welt, und was innerhalb des Films als lustig erscheint, würde man im wahren Leben nicht unbedingt komisch finden. Ford versagt den Lesters weder Mitleid noch grundsätzliche Sympathie, denn sie sind letztlich Opfer einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung, aber von der Romantisierung ihrer Armut ist er weit entfernt. Nichts am Leben der Lesters ist erstrebenswert oder satisfaktionsfähig und wenn man weniger zurückhaltend ist, könnte man auch sagen, dass Ford den Windschatten, den ihm diese armen Tröpfe bieten, ausgiebig dazu nutzt, mit einigen gemeinhin als amerikanisch geltenden Werten abzurechnen. Vor allem die unreflektierte Religiosität wird von ihm mit Hohn und Spott überzogen: Wann immer Bessie und Dude wegen ihrer illegitimen Ehe – Dude ist noch minderjährig – Ärger zu bekommen drohen, retten sich die beiden damit, dass sie ein Kirchenlied anstimmen. Und der Rausch, in den der Besitz eines Autos, die verarmten Proleten versetzt, ist schon ein Vorbote dessen, was in den kommenden Jahrzehnten noch folgen sollten.

Das Herz von TOBACCO ROAD sitzt definitiv am rechten Fleck, aber ich empfand ihn doch als eher anstrengend: Es gibt keinerlei Fluchtmöglichkeit vor dem Irrsinn und speziell William Tracys Darstellung des Dude Lester überscheitet eigentlich die Grenze des Zumutbaren. Der Film ist schon ein ziemlich gemeiner Bastard, wie er vorgaukelt, das alles sei irrsinnig komisch und dabei einen ungeschönten Blick in den Abgrund wirft – und damit erschreckend modern.

Intellektueller Pop-Nerd (Joseph Gordon-Levitt) verliebt sich in Manic Pixie Dreamgirl (Zooey Deschanel), die Beziehung platzt nach einigen Minikrisen, er verzweifelt, sie heiratet einen anderen, und am Ende macht er nach einem überraschenden Wiedersehen mit ihr und einem klärenden Gespräch seinen Frieden – und verliebt sich neu.

Man muss es (500) DAYS OF SUMMER zugute halten, dass er seine Geschichte einer gescheiterten Liebe nicht mit Blütenhonig zukleistert, auch wenn sein Pärchen natürlich zum Anbeißen schnuckelig ist. Aber eigentlich ist die Art von Beziehung, die er zeigt – hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt -, tatsächlich eher schmerzhaft. Auch wenn Webb zusammen mit seinem Protagonisten am Schluss die Kurve Richtung Happy End bekommt, bleibt doch ein Gefühl der Ernüchterung und Niederlage. In Liebesdingen lässt sich manches gar nicht erklären – oder aber auf die denkbar brutalste Art und Weise: Die Gefühle reichen manchmal nicht aus, so einfach ist das. Und so grausam, wenn man derjenige ist, der vor Liebe zu zerfließen droht und nur gegen eine Wand prallt.

Der damals herausgestellte „Clou“ des Films, neben der kulleräugigen Zooey mit ihren dark bangs, bringt eigentlich kaum Mehrwert, ist lediglich ein erzählerisches Gimmick: Webb erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern springt innerhalb des Zeitraums von 500 Tagen hin und her, vor und zurück. Hin und wieder ermöglicht ihm das, unverbundene Ereignisse kontrastierend oder erklärend gegenüberzustellen, aber im Großen und Ganzen funktioniert (500) DAYS OF SUMMER wie jede Romanze – mit dem einzigen, aber nun auch nicht gerade spektakulären Unterschied, dass der Zuschauer gleich zu Beginn über den traurigen Ausgang des Films in Kenntnis gesetzt wird. Auch der Authentizitätsgewinn, der durch eine solch episodische Erzählhaltung vermutlich angestrebt wird, hält sich in Grenzen: Immer, wenn es dramaturgisch erforderlich wird, greift das Drehbuch dann doch auf die gut abgehangenen Klischees zurück, etwa wenn Protagonist Tom nach einem flammenden, sich selbst und seine Weltsicht offenbarenden Monolog im Teammeeting seinen Job hinschmeißt.

Wie immer ziehen solche betont stylischen, quirky RomComs neben der Verehrung durch die sich am besten repräsentiert fühlende Generation auch einigen Hass auf sich: Auch an (500) DAYS OF SUMMER kann man ganz sicher einiges sehr nervtötend finden: Zooey Deschanels ach so unangepasste Summer etwa, ihre Wohnung mit den supersüßen Dekoideen, die ausgedehnte Sequenz mit dem romantischen Shopping-Bummel im Ikea, Toms Vorliebe für coolen britischen Eighties-Pop, den er auf T-Shirts spazieren trägt, oder natürlich seine weise kleine Schwester Rachel (Chloë Grace Moretz), die so tolle Ratschläge für ihn hat, obwohl sie erst 12 ist. Aber ich bin (500) DAYS OF SUMMER im Großen und Ganzen dann doch eher wohlgesonnen: Ganz so fürchterlich selbstverliebt/selbstmitledig wie der entsetzliche GARDEN STATE ist er eben doch nicht, und eigentlich kann ich an seiner Haltung zum Thema „Liebe“, „Beziehung“ und „Verliebtsein“ auch nichts Falsches finden. Das Problem, das all diese Filme haben, ist dann auch nichts so sehr, dass sie falsch liegen, sondern eher, dass sie eine Lebenserfahrung zur großen Erkenntnis stilisieren, die eigentlich jeder irgendwann einmal macht.

 

Es wird wahrscheinlich nicht Siebzigerer als hier (vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich CAN’T STOP THE MUSIC schon gesehen habe): Ein lausiges Basketballteam avanciert unter der Führung einer Astrologin und eines kleinen Jungen zur Sportsensation und zum Meister – natürlich nicht, ohne auf ein scheußliches Glitzertrikot umzusteigen, den Hallenboden mit einem psychedelischen Fischmotiv zu verschandeln und mit einem Heißluftballon zu Discomusik zum Endspiel zu gleiten. So ganz habe ich nicht verstanden, was das soll.

Das Team der Pittsburgh Pythons erlebt auf dem Basketball Court ein Debakel nach dem nächsten. Die Spieler sind hoffnungslos zerstritten, bekämpfen sich mehr gegenseitig, als dass sie es dem Gegner schwermachen. Trainer und Manager sind ratlos und werden schließlich gemeinsam mit den Problemspielern entlassen, um dem Plan des Balljungen Tyrone (James Bond III) zu folgen: Er rekrutiert die Astrologin Mona Mondieu (Stockard Channing) und formt mit ihr ein Team aus Spielern, die wie der Star Moses Guthrie (Julius Erving) ausschließlich dem Tierkreiszeichen „Fische“ angehören. Die Bande von vermeintlichen Versagern – u. a. der Sitzriese Setshot (Jack Kehoe), der Indianer Winston Running Hawk (Branscombe Richmond), der Stumme Bullet (Malek Abdul-Mansour), der Pfarrer Grady Jackosn (Meadowlark Lemon) und das Zwillingspaar Benny und Kenny Rae (Dwayne & Darryl Mooney) – brennt vom Start weg eine absolutes Feuerwerk ab und schafft es bis zum Endspiel: Bei dem plötzlich aber die Astrologin Mona abwesend ist …

Angeblich genießt der Film einen kleinen Kultstatus aufgrund seines Disco-Soundtracks und der Tatsache, dass diverse damalige Basketballprofis – u. a. der Hauptdarsteller Julius Erving und Kareem Abdul-Jabbar – sowie lokalen Fernseh- und Politikgrößen zu sehen sind (Ken Foree übrigens auch). Wem das nicht ausreicht, der kann sich noch am Zeit- und Lokalkolorit sowie am reinen Kuriositätenfaktor erfreuen. Ich will dem Film eine gewisse muntere Kurzweil gar nicht absprechen, aber wirklich berührt oder gar mitgerissen hat mich das alles nicht. Worin genau der Geniestreich eines Teams aus Fischen nun genau besteht, dafür kann und will der Film keine Antwort liefern: Wir müssen ihm einfach glauben, dass die Pisces aufgrund dieser Tatsache nahezu unschlagbar sind. Zugegeben: Es wäre wahrscheinlich zwecklos, eine solch hirnrissige Idee irgendwie unterfüttern zu wollen, aber so wirkt das alles völlig willkürlich, zumal die tatsächlichen Fähigkeiten der Spieler nach ihrer Vereinigung als Team gar keine Rolle mehr spielen. Auch die Durchsetzung der absurden Idee, die ja noch dazu von einem kleinen Jungen kommt, verläuft problemlos. Überhaupt ist auffällig, dass der ganze Film nach seinem Auftakt bis zum großen Finale völlig ohne Konflikt auskommt. Noch nicht einmal das zum Schreien hässliche Trikot stößt auf Kritik, sondern darf sich ungeteilter Begeisterung gewiss sein. Diese Harmonie, der Glaube, dass so ein bisschen Spiritualität uns alle weiterbringt, ist wahrscheinlich neben Look und Feel und Sound das, was den Film am deutlichsten in seiner Zeit verortet. Faszinierend ist das schon irgendwie. Aber vielleicht ist „suspekt“ der bessere Begriff dafür.

 

Erstaunlich, wie aktuell ausgerechnet diese Teeniekomödie aus den Achtzigern – nicht unbedingt ein Genre, das für fortschrittliche Ideen bekannt ist – über 30 Jahre nach ihrer Entstehung anmutet. Die hübsche Terri (Joyce Hyser) hat alles: einen anbetungswürdigen Freund mit tollem Sportwagen (Leigh INFERNO McCloskey), einen heißen body und jede Menge Verehrer. Doch ihrem echten Traum macht ihr Lehrer einen Strich durch die Rechnung: Ihr Zeitungsartikel, von dem sie sich einen Praktikumsplatz bei der lokalen Zeitung versprochen hat, findet seine Zustimmung nicht, stattdessen wählt er drei Jungs aus. Ihren Ärger versucht er damit abzubügeln, dass sie ja als hübsches Mädchen auch Model werden könne. Terri ist empört und schmiedet einen Plan. Sie wird als Junge Terry erneut an dem Wettbewerb teilnehmen. Im Außenseiter Rick (Clayton Rohner) findet sie einen Freund – in den sie sich dann allerdings verliebt …

JUST ONE OF THE GUYS ist leider nicht in den Kanon der Teeniekomödien eingegangen, die Menschen in meinem Alter heute mit seligen Erinnerungen verbinden. Für den ganz großen Hit fehlte zunächst einmal die Kinoauswertung, denn Gottliebs Film wurde unter dem Titel LASS MICH MAL RAN! – ALS JUNGE IST SIE SPITZE gleich auf Video verwertet. Vermutlich traute man dem Braten hierzulande nicht: keine großen Stars (obwohl die Besetzung sehr charmant ist), kein Hitsoundtrack, keine ikonischen Szenen, Bilder und Momente, in denen der Eighties-Zeitgeist und das Lebensgefühl der damaligen Jugend zu perfekten Momentaufnahmen kristallisierten. Tatsächlich wirkt JUST ONE OF THE GUYS gerade in jenen Szenen, in denen er versucht, den Vorbildern nachzueifern, bemüht und steif. Die beiden geeks, die in Außerirdischensprache quaken (einer davon Arye Gros), der Nerd, der ständig ein neues Reptil mit sich führt: Das ist ganz putzig, aber eben auch etwas gewollt. Der Film hat solche Zoten eigentlich gar nicht nötig, weil er den zentralen Konflikt sehr glaubhaft und mit viel Gefühl inszeniert und sich dabei auf sympathische Figuren verlassen kann. Terri ist keine hübsche, aber stinklangweilige Prinzessin, ihr Rick kein schleimiger Prince Charming und sogar die sonst oft kreuzpeinliche Geschlechterwandlung funktioniert hier sehr gut. Für die meisten Gags sorgt Billy Jayne als Terris notgeiler, pubertierender Bruder, der sich auf der Jagd nach willigen Mädchen für nichts zu schade ist („horny will kick embarassment’s ass every time“) und mit seinen herrlichen One-linern fast schon den Philosophenstatus von Bill Murrays groundskeeper Carl aus CADDYSHACK oder Clint Howards Eaglebauer aus ROCK’N’ROLL HIGH SCHOOL heranreicht. Am schönsten ist sicherlich die Szene, in der er seiner Schwester die verschiedenen Arten beibringt, wie man sich gepflegt am Sack kratzt.

Etwas weniger gut kommt William Zabka weg, der noch einmal seine Arschloch-Rolle aus THE KARATE KID wiederholen darf und vom Drehbuch tatsächlich keine einzige positive Eigenschaft abbekommen hat. Wie am Ende mit ihm abgerechnet wird, ist dann der einzige echte Wermutstropfen: Man hätte ihm eine Läuterung gewünscht oder zumindest eine Erkenntnis, die ihn vor der totalen Demütigung bewahrt, aber dazu konnte man sich dann wohl nicht mehr durchringen. Schade, denn es hätte sehr gut in diesen ansonsten sehr schönen, warmherzigen und lebensnahen Film gepasst, der allzu krasse Schwarzweißmalerei vermeidet und eigentlich allen Figuren eine Chance gibt, sich zu beweisen. Den Mangel an „ikonischen“ Bildern kann man daher durchaus positiv wenden: Alles das, was in anderen Teeniekomödien oft überzogen und plastikhaft daherkommt, wirjt in JUST ONE OF THE GUYS sehr authentisch. Das macht ihn sehenswert. Und wem das nicht reicht: TWIN PEAKS-Star Sherilyn Fenn ist in einer Nebenrolle zu sehen.

Ein weiterer Beleg für die in meinem letzten Eintrag aufgestellte These, die besten Filmerlebnisse seien immer die, in die man völlig unvorbereitet geht. RANCHO DELUXE gehört zu dem kleinen, heute weitestgehend brachliegenden Mini-Subgenre des Countryfilms, das in den Siebzigerjahren, wahrscheinlich in der Folge von Altmans NASHVILLE, reüssierte und uns unter anderem den göttlichen URBAN COWBOY bescherte. RANCHO DELUXE erschien im selben Jahr wie NASHVILLE und ist so unglaublich schräg, wie es Hollywood eigentlich nur in den Siebzigern gestattete. Die Kritik war dann auch entsprechend ratlos, u. a. Roger Ebert, der RANCHO DELUXE mit 1,5 Sternen abspeiste und fragte, was denn da wohl alles schiefgelaufen war. So kann man das natürlich sehen, allerdings entgeht einem dann ein wunderbares Filmerlebnis.

Jack McKee (Jeff Bridges) und Cecil Colson (Sam Waterston), der sich immer als „North American Indian“ vorzustellen pflegt, sind zwei liebenswerte Taugenichtse in einem Kaff in Montana, die auf das Spießerdasein mit Arbeit, Ehe und Kindern keinen Bock haben. Stattdessen treiben sie den wohlhabenden Rinderzüchter John Brown (Clifton James) mit ihrer Tätigkeit als „rustlers“ in den Wahnsinn: Sie erschießen seine Tiere, schlachten sie am Tatort und verkaufen dann das Fleisch. Sie träumen davon, sich irgendwann ihre „Rancho Deluxe“ finanzieren und zur Ruhe setzen zu können und sind auch deshalb auf gutem Weg, weil sie in Browns farmhands Burt (Richard Bright) und Curt (Harry Dean Stanton) zwei zuverlässige Informanten haben. Aber dann engagiert Brown den berühmt-berüchtigten Detektiv Henry Beige (Slim Pickens) …

Eigentlich ist das keine besonders ungewöhnliche Handlung und man kann sich gut eine stromlinienförmigere Version desselben Drehbuchs vorstellen. Die Protagonisten wären dann naive Träumer, die am Ende des Films mit der ganzen Härte der Realität konfontiert würden. In Perrys Film sieht das etwas anders aus: Ja, auch hier bekommen Jack und Cecil am Ende die Quittung für ihr illegales Treiben, aber ein echter Einschnitt in ihrem Leben ist das nicht. Sie sind in der glücklichen Lage, in allem das Positive zu sehen und so wird ihre Inhaftierung unversehens sogar zur Erfüllung ihrer Träume. Man muss das selbst sehen. Was immer wieder überrascht und aus der Bahn wirft, das sind die skurrilen Charaktere, unerwarteten Dialogverläufe und die left turns, die der Film nimmt. RANCHO DELUXE besetzt unter anderem Joseph Spinell als Vater Sam Waterstons, obwohl die beiden Schauspieler nur vier Jahre auseinanderlagen. Slim Pickens Detektiv Beige ist eine Art geriatrischer Columbo, seine Enkelin, die unschuldige, gottesfürchtige Jungfrau Laura (Charlen Dallas), hat es in Wahrheit faustdick hinter den Ohren. Elizabeth Ashley gibt Browns Ehefrau Cora als vom Farmleben gelangweilte Society-Queen, die bei den tumben Curt und Burt mit ihren Avancen leider keinen Erfolg hat.

Was gibt es sonst? Eine Pong-Partie zwischen Jack und Curt, Sex mit Hundemaske, die Theorie, das der Pick-up-Truck für den Einwohner Montana dasselbe ist wie das Feuerwasser einst für die Indianer, einen Zuchtbullen im Hotelzimmer. RANCHO DELUXE ist ein schönes Beispiel für Subversion im Mainstreamkino: Frank Perrys Film ist ein Wolf im Schafspelz und ein Film, der sich wiederzuentdecken lohnt.

 

THE SLUGGER’S WIFE ist Hal Ashbys vorletzter Film. Beschäftigt man sich nur oberflächlich mit seiner Vor. und Entstehungsgeschichte, seiner kritischen Rezeption und dem miserablen Einspielergebnis ist es fast ein Wunder, dass Ashby – einst als Wunderkind gefeiert und mit einem unfassbaren Run in den Siebzigerjahren – danach noch einmal an einen Set gelassen wurde. (Zumindest, was das Einspielergebnis anging, dürften die Produzenten von 8 MILLION WAYS TO DIE diese Entscheidung bereut haben.)

Ashbys Komödie um den Baseballprofi Darryl Palmer (Michael O’Keefe), der sich in die Nachtclubsängerin Debby Huston (Rebecca De Mornay) verliebt, sie nach hartnäckigen Eroberungsversuchen heiratet und beflügelt von den amourösen Gefühlen zum Homerun-König der Liga avanciert, basiert auf einem Buch des Starautoren Neil Simon, der seinerseits für Broadway- und Filmklassiker wie THE ODD COUPLE, BAREFOOT IN THE PARK, SWEET CHARITY, THE HEARTBREAK KID, MURDER BY DEATH oder BILOXI BLUES verantwortlich zeichnete. Glaubt man den Berichten, war der Autor entsetzt, als er Ashbys Rohschnit der ersten 30 Minuten zu Gesicht bekam, der aus seiner Komödie ein nahezu dialogloses mood piece gemacht hatte. Es war nur der Anfang einer schwierigen Zusammenarbeit, an deren Ende der Regisseur die Brocken hinwarf. Seinem Wunsch, seinen Namen aus dem Film zu tilgen, kam Stark nicht nach. Das Ergebnis war verheerend: Die Kritik hatte kein gutes Wort für THE SLUGGER’S WIFE, das Einspielergebnis belief sich auf nicht einmal 2 Millionen Dollar, weniger als zehn Prozent seines Budgets. Der Film war kein Flop, sondern ein Desaster. Aber das war nicht allein Ashbys Schuld.

Die Verbindung von Ashby und Simon war über Umwege zustande gekommen, genauer über den Produzenten Ray Stark, der ein Fan von Ashby war und ein ehemaliger Geschäftspartner von Simon, der wiederum zu Beginn der Achtziger nach einigen missratenen Projekten dringend einen Karriereschub benötigte – genauso wie Stark. Es gelang dem Produzenten jedoch weder seine erste Wahl für den Hauptdarsteller (Warren Beatty), dessen Partnerin (Darryl Hannah) noch für den Regisseur (Martin Ritt) für das Projekt zu begeistern: Beide hatten ernste Zweifel an der Qualität des Drehbuchs und so kamen O’Keefe und Ashby an Bord, der zu jener Zeit alles andere als einen guten Ruf in Hollywood hatte, als unzuverlässig, aufmüpfig und drogenabhängig galt. Es schien eine Win-win-Situation: Ashby bekam einen neuen Job, Stark und Simon einen Regisseur, den sie in der Hand hatten. Dass Ashby für den Stoff nicht der geeignete Mann war, kam anscheinend niemanden in den Sinn. Zitat von Kameramann Caleb Deschanel: „Stark hired him because he was down-and-out, and they thought they could push him around. I was too embarassed to ask Hal why the fuck he did it.“ Die Dreharbeiten wurden schnell zum Albtraum: Ashby bekam relativ früh aufgezeigt, dass er nicht als auteur, sondern lediglich als williger Handwerker angeheuert worden war, Rebecca De Mornay hatte große Schwierigkeiten mit ihrem Part, und das eh schon wenig komische Drehbuch, von Simon während seiner Scheidung verfasst, wurde nahezu täglich umgeschrieben. Hinzu kamen die privaten Probleme Ashbys, die in einer Zunahme seines Drogenkonsum resultierten. Das Scheitern war im Grunde vorprogrammiert – und überraschte niemanden der Beteiligten. Dennoch kam es beim Schnitt zur Explosion. Stark und Simon waren unzufrieden, sahen alle Verantwortung bei Ashby, obwohl der beim Dreh kaum EInfluss hatte ausüben dürfen.  Er zog schließlich die Reißleine: „I stepped out of the picture so they could continue on to meet the Xmas date. All I asked was to view the film, when they felt it was ready, to see if I wanted my name on it. They said I could look on it right away. So I looked, thought it was dreadful, and asked to have my name taken off.“ Doch ihn aus der Verantwortung zu lassen, kam für Stark und Simon offensichtlich auch nicht in Frage. Als Ashby in einer zweiten Schnittfassung die meisten Probleme des Films gelöst hatte, schien der Weg für die Veröffentlichung frei, doch wieder meldete sich Simon zu Wort und schlug vor, Ashbys Fassung von einer neu angeheuerten Kraft überarbeiten zu lassen. Ashby stieg wieder aus, diesmal endgültig, doch sein Name blieb mit dem Film verbunden und brachte ihm harsche Worte der Kritik ein. Wie viel von THE SLUGGER’S WIFE noch von ihm ist, ist ungewiss.

Angesichts dieser Genesis verwundert es tatsächlich nicht, dass THE SLUGGER’S WIFE ein furchtbar zielloser, unentschlossener, unwitziger und steifer Film geworden ist. Anders als andere Filme, die durch Zwistigkeiten am Set sabotiert wurden, ist er aber auch nicht so durch und durch chaotisch, dass daraus eine eigene Qualität entstünde. Der Film findet weder einen eigenen Rhythmus, einen durchgehaltenen Ton noch überhaupt eine Beziehung zu seinen Charakteren. Darryl Palmer wandelt sich vom trottelig-unbedarften Depp zum idiot savant zum arroganten Kotzbrocken ohne dass eine dieser Züge sich echt anfühlte, Rebecca De Mornay scheitert sowohl daran, die Anziehungskraft ihres Gegenübers zu rechtfertigen noch ihre Liebe zu ihm glaubhaft darzustellen. Vollkommen idiotische Szenen wie jene, in der Darryls verzweifelter Trainer (Martin Ritt) ein Double einstellt, das dem kurzfristig erblindeten Sportler gegenüber als seine reuige Ehefrau auftritt, ohne das dieser den Betrug bemerkt, wären auch mit meisterhafter Regie und Top-Darstellern problematisch gewesen, in der hier vorliegenden Gemengelage sind sie geradezu selbstmörderisch. Es ist einfach rätselhaft, was den Köpfen hinter dem Film vorschwebte. Für eine Komödie ist der Film einfach nicht lustig genug, für ein Drama zu albern, als Sportfilm zu langweilig, für eine Romanze zu bitter. Er beginnt als Film über einen liebenswerten Trottel, geht weiter als Eloge über die Kräfte, die die Liebe zu entfesseln imstande ist, wird dann zum Drama über das im Käfig der Ehe gefangene Singvögelchen und endet wie ein europäisches Ehedrama. Dass man mit dem Pop-Soundtrack (u. a. sind Coverversionen von „LIttle Red Corvette“, „Hungry Heart“, „Hey hey my my“ und „Summer in the City“ zu hören) auch noch die Jugend zu ködern versuchte, unterstreicht die Orientierungslosigkeit, mit der man an allen möglichen Zielgruppen vorbeischoss, mitten hinein in den Ofen, der danach für Stark, Ashby und Simon gleichermaßen aus war.