Mit ‘Komödie’ getaggte Beiträge

Von den drei zuletzt gesehenen Rock-Hudson-Vehikeln ist das hier wahrscheinlich nicht das beste, aber dafür ganz sicher das witzigste. Nach drei italienischen Produktionen und einem britischen Film mit Sean Connery kehrte „Lollo“ nach Hollywood zurück, um erneut mit ihrem Co-Star aus COME SEPTEMBER zusammenzuarbeiten. Wie in diesem spielt sie – logisch – eine temperamentvolle Italienerin, die mit dem amerikanischen Beau in einer hitzigen Liebesbeziehung steckt. Der Zuschauer weiß ungefähr, was er zu erwarten hat, aber unter der Regie von Melvin Frank ist das alles eine Nummer absurder und comichafter als sonst. Und das ist dann auch der Schlüssel zum Erfolg, denn STRANGE BEDFELLOWS läuft gegen Ende völlig aus dem Ruder.

Hudson ist Curtis Harrison, erfolgreicher Vertreter eines großen amerikanischen Ölkonzerns, und seit sieben Jahren von seiner Frau, der italienischen Künstlerin Toni (Gina Lollobrigida) getrennt. Beide hatten sich einst Hals über Kopf ineinander verliebt, übereilt das Ja-Wort gegeben und dann festgestellt, dass sie einfach nicht zueinander passen: Er ein eher konservativ geprägter Kapitalist, sie eine voller Ideale steckende Aktivistin. Zu Beginn des Films treffen sich beide wieder und sofort sprühen die verloschen geglaubten Funken. Aber auch die alten Konflikte sind noch da. Toni engagiert sich im „Antiamerikanischen Bund“ und neuestes Ziel der Aktivisten ist eine Zensurmaßnahme: Die Statue eines italienischen Bildhauers wurde bei einer Ausstellung zensiert und aus Protest will Toni als Lady Godiva auf einem Pferd eine offizielle Veranstaltung sprengen. Pikantes Detail: Auf der Veranstaltung wird auch Curtis‘ Chef zugegen sein. Er will seinen besten Angestellten befördern, doch dazu muss dessen Privatleben völlig untadelig sein …

Man kann anhand der etwas umständlichen Inhaltsangabe schon erahnen, welche Wirrnisse STRANGE BEDFELLOWS erdichtet, um zu Lachern zu kommen. Und das ist erst der Anfang, denn nach bester Verwechslungskomödien-Strategie zieht jede Wendung eine wahre Kettenreaktion an unerwarteten Überraschungen nach sich, die die Protagonisten – allen voran den armen Curtis – vor neue Herausforderungen stellen. Auch wenn das mit dem „echten Leben“ alles rein gar nichts mehr zu tun hat, so trifft Frank doch meistens ins Schwarze – richtig daneben schießt er nie. Ja, aus heutiger Perspektive kann man es schon ein bisschen seltsam finden, wie die Männer da mit vereinten Kräften manipulieren und lügen, um sich die Zuneigung einer Frau zu sichern – und wie weit sie dafür gehen. Richtig nett ist das nicht, was Curtis mit Tina anstellt, auch wenn ihre blöden Aktivisten-Freunde durchaus eine Abreibung vertragen können. „Sexismus“ ist ein großes Wort, das ich hier nicht ganz passend finde, aber man merkt schon, in welcher Zeit der Film entstand. Unter den Mitgliedern von Tonis Verein befindet sich auch eine deutlich als unattraktive Schreckschraube gezeichnete Frauenrechtlerin und es ist ein Running Gag des Films, dass Curtis ihr immer wieder unabsichtlich zu nahe tritt, sodass sie sich von ihm belästigt fühlt: In einer aktuellen Komödie fände ich einen solchen Gag deutlich weniger verzeihlich als hier, wo man einfach merkt, dass da noch ein ganz anderes Rollenverständnis vorherrschte. Im Wesentlichen geht es hier aber genau um die Kluft zwischen diesen neuen gesellschaftlichen Strömungen und den Männern, die am Alten festhalten. Und da erfährt Curtis am Ende ja durchaus eine Läuterung, als er das Engagement seiner Frau vor Gericht verteidigt, obwohl er damit seine Karriere aufs Spiel setzt.

Fazit: Eine kurzweilige, höchst amüsante Komödie, die nicht ganz den Stil und die Klasse der Komödienhighlights aus dieser Zeit hat – aber immer noch genug davon, um eine Empfehlung wert zu sein. Viele Eindrücke vom Londo der swingin‘ sixties und einen Gastauftritt des unvergleichlichen Terry-Thomas gibt es als Bonus.

 

Advertisements

Feelgod-Komödien mir Rock Hudson, die zweite, diesmal noch verstärkt um das unvergleichliche Urlaubsflair dass das italienische Küstensetting mit sich bringt. Und natürlich Gina Lollobrigida, die neben der kurvenreichen Figur auch noch das feurige Temperament ihr eigen nennt (oder es zumindest für die Leinwand perfekt vorzutäuschen weiß), von dem Mulligans vergnügliche Komödie wesentlich profitiert.

Rock Hudson ist wieder einmal in seiner Paraderolle des gutsitutierten amerikanischen Geschäftsmanns zu sehen, dessen Charme alle Frauen erlegen sind. In diesem Fall hat es die Italienierin Lisa (Gina Lollobrigida) getroffen: Einmal im Jahr – immer dann, wenn ihr „Robertino“, wie sie Robert L. Talbot zu nennen pflegt, auf Geschäftsreisen in Italien weilt – ist sie seine Geliebte, liegt er ihr zu Füßen und trägt er sie auf Händen. Doch sie will mehr als einen Mann für ein paar Wochen, also plant sie die Hochzeit mit einem seriösen Briten. Bis der jährliche Anruf von Robert bei ihr eingeht: Der Zukünftige bekommt eine Abfuhr und wieder einmal beschließen die Liebenden sich in Roberts Anwesen für einen amourösen Urlaub zu treffen. Diesmal kommt ihren Plänen aber etwas in die Quere: Roberts Hausdiener Maurice (Walter Slezak) verwandelt das Haus während der Abwesenheit des Meisters nämlich in ein Luxushotel um, dessen Gäste er nun nicht mehr rechtzeitig vor der Ankunft der beiden Turteltauben loswird. Es handelt sich um einen Haufen vergnügungssüchtiger Teens …

Es ist interessant sich vorzustellen, wie COME SEPTEMBER heute wohl ausfiele. Es handelt sich nämlich um einen Film, der seinen Witz zu einem ganz erheblichen Teil daraus bezieht, dass seine beiden attraktiven Protagonisten am Bumsen gehindert werden: eine Cockblock-Comedy also. Es wird nie so richtig explizit gemacht, schließlich befinden wir uns im Jahr 1961, aber es ist dennoch ganz klar. Und es ist wahnsinnig putzig, wie wenig eigentlich nötig ist, um die beiden von ihren Plänen abzuhalten. Die bloße Anwesenheit anderer Gäste macht es den beiden unmöglich, auch nur im selben Zimmer zu nächtigen. Man ahnt, was heute für Geschütze aufgefahren werden müssten und wie häufig die Dialoge die schmerzenden Testikel des männlichen Protagonisten umkreisten. Aber um solcherlei Unrat soll es jetzt und hier nicht gehen, denn Robert Mulligan wusste diese durch und durch menschlichen Probleme auf eine Art und Weise zu behandeln, die man nur als „sophisticated“ bezeichnen kann. Was man jetzt nicht unbedingt mit anspruchsvoll verwechseln sollte, ganz im Gegenteil, aber COME SEPTEMBER ist in seiner alles erfassenden Leichtgkeit einfach beeindruckend.

Diese seine herausragendste Eigenschaft ist aber schon fast wieder ein Problem, denn richtig viel bleibt nicht hängen von ihm und im letzten Drittel, in dem die erwartbaren Konflikte auf ebenso erwartbare Art und Weise gelöst werden, geht ihm auch ein bisschen die Puste aus. Richtig herauststechend ist vielleicht noch am ehesten die Szene, in der Robert die vor spätpubertärem Omnipotenzwahn überlaufenden American boys um das britische Rock’n’Roll-Sternchen Bobby Darin gepflegt unter den Tisch säuft, triumphierend zu seiner Lisa zurückkehr, die er nun endlich für sich hat … und dann besoffen zusammenbricht. Aber dieser Mangel an einzelnen Highlights ist auch nicht so richtig entscheidend, weil COME SEPTEMBER einfach so gut reinläuft wie ein fruchtiger Cocktail auf dem Liegestuhl am Pool in der strahlenden Sonne. Es ist eine große Kunst, diese Leichtigkeit auf die Leinwand zu bringen, wahrscheinlich ganz besonders in so einer prestigeträchtigen Produktion. Rock Hudson tut, was er immer tut und ist famos darin, Gina Lollobrigida sieht fantastisch aus und ist besonders gut, wenn die aufbrausende Italienerin durchbricht. Die wunderbare Urlaubskulisse trägt viel zum Vergnügen bei. Es ist tatsächlich so: Diese Form des Entertainments hat Hollywood leider komplett verlernt.

Komödien mit Rock Hudson und Doris Day: In meiner Kindheit ein Fixpunkt im spärlich besetzten öffentlich-rechtlichen Filmprogramm, der Familienabende vor dem Fernseher prägte. Noch heute verkörpern diese Filme für mich zum einen die (frühen) Sechzigerjahre als bonbonbunte Verlängerung der Fifties und das, was manche Leute „feelood movies“ nennen, aber damit meist die falschen Filme bezeichnen. LOVER COME BACK ist einer der Klassiker der beiden, wunderbar leicht, mit tollen Performances und göttlichem Set Design – und Betrachtungen zu den Themen Karriere und Geschlecht, die einen abwechselnd mit ihre Progressivität überraschen, dann wieder ein nachsichtiges Augenrollen evozieren. Was das Vergnügen eher noch steigert und über die dramaturgische Beliebigkeit hinwegsehen lässt, der Manns Film im letzten Drittel anheimfällt.

Jerry Webster (Rock Hudson) ist erfolgreich in der Werbebranche unterwegs: Um Deals an Land zu ziehen, öffnet er schon einmal die Trickkiste, führt seine Klienten in zwielichtige Amüsierbetriebe, füllt sie ab und organisiert wilde Parties für sie. Der zugeknöpften Carol Templeton (Doris Day), die für die Konkurrenzagentur arbeitet, sind solche Manöver zuwider. Sie sagt Webster den Kampf an, doch dann verliebt sie sich in ihn – ohne ihr Wissen. Er gibt sich ihr gegenüber als Wissenschaftler aus, der für Webster ein neues Konsumprodukt erfinden soll. Und genau an diesem Produkt hat sich auch der jüngste Streit zwischen Templeton un Webster entzündet …

LOVER COME BACK ist eines der zahllosen Beispiele für jene turbulenten Verwechslungskomödien, auf die sich Hollywood einst so gut verstand. Die müde Inhaltsangabe kann das Vergnügen, das es bereitet, dem Film bei der Entfaltung seines Plots zuzuchauen, nur sehr unzureichend wiedergeben. Hudson und Day sind in ihren jeweiligen Paraderollen zu sehen – und dabei so überzeugend, dass man sich den Film kaum mit anderen Darstellern ausmalen kann. Hudson gibt den charmanten, von sich selbst überzeugten und erfolgreichen Junggesellen, dem die Frauen zu Füßen liegen und der diese Tatsache weidlich für sich zu nutzen weiß. Die Day ist das etwas prüde Mauerblümchen, der die Spielverderbermentalität selbst ein wenig auf die Nerven geht. LOVER COME BACK macht sich über beide lustig, auch wenn er sich mit dem Zuschauer insgeheim einig ist, dass es vor allem die Day ist, die einer dringenden Läuterung bedarf. Der Film stammt eben unverkennbar aus einer Zeit, in der der Grundstein für die bevorstehende Frauenbewegung und die fortschreitende Emanzipation gelegt wurden, der diese Frauen, die meinen, jetzt auch noch Karriere mache zu müssen, aber doch auch ein wenig putzig findet. Es ist schon auch ein wenig symptomatisch, dass Hudsons Webster gegenüber Days Templeton im Vorteil ist, sein Spiel mit ihr treibt und es sichtlich genießt, den Zeitpunkt, an dem er sie aufklärt, herasuzuzögern. Die Auflösung kann fast erwartunsggemäß nicht ganz mithalten, aber bis dahin gibt es dafür Tony Randall als neurotischen Vorgesetzten Websters („Krank seid ihr, KRANK!“ knallt er einem völlig ahnungslosen Pärchen im Vorbeigehen an den Kopf) sowie den Besuch von Templeton und Webster in einem Stripclub zu sehen in dem das „ID Girl“ Sigrid Freud auftritt. Der grausige Anzug, mit dem Webster zum ersten Date aufläuft ist ebenfalls ein Highlight. Und dass diese Bonbons, die für 10 Cent einen gepflegten Alkoholrausch erzeugen, noch niemand erfunden hat, ist ein echter Skandal!

 

 

Der legendäre Bourbon Club auf dem Sunset Strip steht vor dem Aus: Die Betreiber Dennis Dupree (Alec Baldwin) und Loy (Russell Brand) haben zwar den Spirit, aber nicht unbedingt das wirtschatliche Geschick. Dazu kommt die Kampagne der Politikergattin Patricia Whitmore (Catherine Zeta-Jones), der der Tempel der Ausschweifung ein Dorn im Auge ist und die sich einen sauberen Sunset Strip wünscht, während ihr Gatte (Bryan Cranston) sich mit seiner Sekretärin in SM-Spielchen auslebt. Wie sich später herausstellt, ist Whitmores eigentlicher Beweggrund Rache: Der Rockstar Stacee Jaxx (Tom Cruise) ließ das ehemalige Groupie einst fallen wie eine heiße Kartoffel.

Es war eigentlich zu erwarten, dass ROCK OF AGES hinsichtlich seiner Pro-Fun-Anti-Gentrifzierungs-Message ein Wolf im Schafspelz ist. Denn das Bild von Rock’n’Roll-Exzess, das er zeichnet, ist ebenso glattgebügelt wie der von AOR-Schmalz durchsetzte, musicalesk aufbereitete Hardrock-Soundtrack: Julianne Hough und Diego Boneta, die nominellen Hauptdarsteller, sehen aus, als seien sie geradewegs dem Disney-Club entsprungen, die Partys im Bourbon-Club sind zwar wild, aber immer harmlos, ziehen noch nicht einmal einen Kater nach sich, der Sex ist PG-13 und Tom Cruise, der als ausgewaschener Rockstar eine Läuterung erfahren darf, natürlich viel zu sehr auf Wahrung seines Images bedacht, als dass er seine Karikatur jemals wirklich dahin gehen ließe, wo es weh tut. Seine Darbietung macht Spaß, aber es handelt sich um eine jener Gimmick-Rollen, die seine Filmografie jenseits der großen Starvehikel seit MAGNOLIA durchsetzen und die man mittlerweile wunderbar einsortieren kann. Wer sehen will, wie jämmerlich Rocker im Suff sind, muss weiterhin zu Penelope Spheeris THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION PART 2: THE METAL YEARS greifen. Diese Tendenz zieht sich durch den ganzen Film: Wenn Sherries (Julianne Hough) Träume von der großen Sangeskarriere sie auch ins Rotlichtmilieu führen, so landet sie doch wenigstens im Luxus-Etablissement der divenhaften Justice (Mary J. Blige), wo sie zwar an der Stange tanzen, aber sich nicht ausziehen muss. Dass ihr Love Interest, der aufstrebende Musiker Drew (Diego Boneta) vom dubiosen Agenten (Paul Giamatti) in eine Boyband und lachhafte Klamotten gesteckt wird, spielt der Film jedenfalls als die deutlich größere Demütigung aus.

So sehr man dem Film diese Tendenzen vorwerfen kann und muss, sie kommen alles andere als überraschend – und ändern auch nichts daran, dass die ganze Angelegenheit durchaus amüsant (wenn auch gut 20 Minuten zulang) ist, wenn man mit der Musik etwas anfangen kann. Und dass ich einer der wenigen lebenden Apologeten des als solchem verunglimpften „Hair Metals“ bin, muss ich wahrscheinlich nicht sagen. Es geht hier ja nicht darum, eine Szene authentisch abzubilden, ROCK OF AGES ist kein Period Piece und schon gar kein Dokumentarfilm – die Songs decken das ganze Jahrzehnt ab, reichen von ca. 1981 (Foreigners „Juke Box Hero“ und Journeys „Don’t stop believing“) bis 1989 (Warrants „Heaven“). Auch wenn er von sich behauptet, in den Achtzigerjahren, dem „goldenen Zeitalter der Rockmusik“ (waren das nicht die Siebziger?) zu spielen und einige Aspekte des Films dies unterstreichen, sind sein Look und Feel ohne Zweifel gegenwärtig. Kein Wunder: ROCK OF AGES ist ganz und gar der Nostalgie verpflichtet, also nicht so sehr der Zeit, in der er angeblich spielt, sondern der idealisierten Erinnerung an diese Zeit. Der Märchenplot tut sein Übriges. Die Zuschauer, die in ihrer Jugend Alben von Def Leppard kauften und zu Poisons „Nothin‘ but a good time“ feierten, sind heute in den Vierzigern und Fünfzigern und führen vermutlich ein ruhiges Familienleben. L.A. und den Strip haben die wenigsten von ihnen in dieser Zeit erlebt, und selbst wenn, liegt diese Zeit mittlerweile 30 Jahre in der Vergangenheit. Hardrock und Glam Metal sind tot, führen in den USA vielleicht auf Classic-Rock-Radiostationen noch ein zombiehaftes Dasein, wo sie mit AOR und Seventies-Rock vermischt werden.

ROCK OF AGES gelingt es, diese Nostalgie noch einmal zu befeuern, was im Wesentlichen an den lebhaften Leistungen der Darsteller und der Ballung von bekannten Hits liegt: Höhepunkt ist ganz sicher die Sexszene zwischen Cruise und Malin Akermans Rolling-Stone-Reporterin zu Foreigners „I wanna know what love is“. Was er enttäuschenderweise versäumt – ja, was er gar nicht anstrebt -, ist es, den Wert dieser Musik hervorzuheben, zu zeigen, was vielleicht verlorenging, als sie in den frühen Neunzigern vom Alternative Rock hinweggespült wurde. Diesen nackten, harmlosen Fun, den Verzicht auf jede Prätention darf man durchaus vermissen, das damals als Posertum verlachte Aufbrezeln seiner Protagonisten kann man heute gar als progressiv und wegweisend bezeichnen. Progressiv ist ROCK OF AGES ganz und gar nicht. Wenn der eine homosexuelle Beziehung seiner beiden Rock-Machos Dennis und Lonny andeutet, ist das zwar – Baldwin und Brand sei Dank – ganz putzig, aber die dahinterstehende Gesinnung ist erstaunlich spießig: Haha, die beiden sind ja schwul! Da war das Cover von Poisons Debütalbum „Look what the cat dragged in“ mutiger.

Die Widersprüchlichkeiten des Films liegen, das muss man fairerweise einräumen, auch in der Musik und der Szene, der sie entsprang, begründet: Viele Lyrics aus der Zeit muten heute sexistisch und dumpf an, und der rebellisch-hedonistische Gestus war in Verbindung mit den schrillen Outfits irgendwann auch nur noch eine Masche, ein Marketing-Vehikel, das die großen Major Labels geschickt bedienten, so lange die Nachfrage danach herrschte. Dass der Lebensstil der größten Stars dieser Zeit nach dem AIDS-Schock ein Anachronismus war, sich altersbedingt irgendwann eh nicht länger hätte aufrechterhalten lassen, steht ebenfalls außer Frage. Aber ROCK OF AGES blendet das alles aus. Das ist wohl auch seiner Bühnenherkunft geschuldet: Das zugrundeliegende Musical sollte in erster Linie eine Party sein, den Zuschauern eine Art Throwback in die eigene Jugend samt passendem Greatest-Hits-Soundtrack liefern. Wahrscheinlich haben sich die wenigsten von ihnen darüber hinaus mit der Musik beschäftigt. Sie bekommen auch mit dem Film eine ganz gute Packung. Nothin‘ but a goood time. Ich fühle mich mit meiner Liebe zu diesem Sound nur bedingt repräsentiert.

Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.

 

In einer überaus produktiven, erfolg- und einflussreichen Phase seines Schaffens drehte Ford auch TOBACCO ROAD, die Filmadaption eines überaus beliebten Broadway-Stücks, das wiederum auf einem hochgelobten Roman basierte. Das Unterfangen war nicht ohne Risiko: Die Vorlage von Erskine Caldwell galt seinerzeit als „schmutzig“ und anstößig, musste schon für die Bühnenumsetzung einiger Spitzen bereinigt und für die große Leinwand dann noch einmal kräftig überarbeitet werden. John Ford machte aus Caldwells Roman, einer desillusionierten, bitteren Bestandsaufnahme der USA in der Depression, in dem eine verarmte Familie ihre Töchter verhökert und die fromme Nachbarsfrau prostituiert, um ein paar Dollar für das benötigte Saatgut zu verdienen, zur überdrehten Komödie, die ihre durchaus vorhandenen Widerhaken hinter einer Fassade burlesker Heiterkeit verbirgt. Ford gelang mit TOBACCO ROAD ein weiterer Hit, der außerdem gute Kritiken einheimste, aber nach Masterpieces wie STAGECOACH, DRUMS ALONG THE MOHAWK, YOUNG MR. LINCOLN, THE GRAPES OF WRATH und THE LONG VOYAGE HOME lässt er seinen Urheber zum ersten Mal nach Jahren wieder wie einen Normalsterblichen erscheinen, der auch mal eine weniger gute Idee hat – so sehe ich das zumindest nach Erstsichtung.

Thematisch liegen TOBACCO ROAD und THE GRAPES OF WRATH eng beieinander: Beide spielen in der Zeit der Depression, beide handeln von einer Familie, die ihre Folgen mit voller Wucht zu spüren bekommt. Doch anders als die Joads in THE GRAPES OF WRATH, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Reise nach Westen antreten, halten die Lesters ihrer Heimat die Treue und sehen zu, wie alles um sie herum stirbt. Das fruchtbare Land, an dem sich Baumwollplantagen und Felder aneinanderreihten, ist verdorrt, die stolzen Herrenhäuser sind Ruinen, und die verbliebenen Bewohner, denen es einst sehr gut ging, zeigen längst ebenfalls die Zeichen des Verfalls. Familie Lester, angeführt vom zauseligen Jeeter (Charley Grapewin), haust in einer maroden Holzhütte auf einem schlammigen Acker, die jüngste Tochter haben sie an den weinerlichen Lov (Ward Bond) verheiratet, dem sie längst abgehauen ist. Kein Problem, sie haben ja noch die schöne Ellie May (Gene Tierney), die zwar keine Hasenscharte hat wie in der Vorlage, deren Sexiness aber mit geistiger Minderbemitteltheit einhergeht – sie spricht im ganzen Film kein einziges Wort, wälzt sich dafür aber lasziv im Schlamm. Der älteste Sohn, Dude Lester (William Tracy), ist ein großmäuliger Schwachkopf mit Zahnlücke und Kreischstimme, der später die deutlich ältere Nachbarin Bessie (Marjorie Rambeau) heiratet, um dann den zur Hochzeit neu gekauften Wagen innerhalb von 24 Stunden zu Schrott zu fahren. Jeder würde hier jeden verhökern und verraten, um an ein paar Dollars zu kommen, eine Tatsache, die seltsamerweise verbindenden Charakter hat. Dass der freundliche Captain Tim (Dana Andrews) am Ende das zum Erhalt der Farm dringend benötigte Geld zur Verfügung stellt, ist ein Happy End ohne Überzeugung: Die Tobacco Road ist für den Untergang bestimmt, aber die Lesters haben sich mit der deprimierenden Situation ganz gut arrangiert. Im Schlamm sind sie zu Hause.

TOBACCO ROAD ist turbulent und laut, fast schon als Comic zu bezeichnen und nur schwer zugänglich – auch wenn Ford seinen Film selbst als Spektakel fürs Herz bezeichnete. Wir erkennen Jeeter als Mann mit gutem Herz, aber für die Zivilisation ist er dennoch verloren, zusammen mit seiner ganzen Familie. Sein zahnloses Geplapper, die lautstarken, mitunter handgreiflichen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, die Verblendung, mit der er geschlagen ist: Auch geistig lebt dieser Mann bereits in einer anderen Welt, und was innerhalb des Films als lustig erscheint, würde man im wahren Leben nicht unbedingt komisch finden. Ford versagt den Lesters weder Mitleid noch grundsätzliche Sympathie, denn sie sind letztlich Opfer einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung, aber von der Romantisierung ihrer Armut ist er weit entfernt. Nichts am Leben der Lesters ist erstrebenswert oder satisfaktionsfähig und wenn man weniger zurückhaltend ist, könnte man auch sagen, dass Ford den Windschatten, den ihm diese armen Tröpfe bieten, ausgiebig dazu nutzt, mit einigen gemeinhin als amerikanisch geltenden Werten abzurechnen. Vor allem die unreflektierte Religiosität wird von ihm mit Hohn und Spott überzogen: Wann immer Bessie und Dude wegen ihrer illegitimen Ehe – Dude ist noch minderjährig – Ärger zu bekommen drohen, retten sich die beiden damit, dass sie ein Kirchenlied anstimmen. Und der Rausch, in den der Besitz eines Autos, die verarmten Proleten versetzt, ist schon ein Vorbote dessen, was in den kommenden Jahrzehnten noch folgen sollten.

Das Herz von TOBACCO ROAD sitzt definitiv am rechten Fleck, aber ich empfand ihn doch als eher anstrengend: Es gibt keinerlei Fluchtmöglichkeit vor dem Irrsinn und speziell William Tracys Darstellung des Dude Lester überscheitet eigentlich die Grenze des Zumutbaren. Der Film ist schon ein ziemlich gemeiner Bastard, wie er vorgaukelt, das alles sei irrsinnig komisch und dabei einen ungeschönten Blick in den Abgrund wirft – und damit erschreckend modern.

Intellektueller Pop-Nerd (Joseph Gordon-Levitt) verliebt sich in Manic Pixie Dreamgirl (Zooey Deschanel), die Beziehung platzt nach einigen Minikrisen, er verzweifelt, sie heiratet einen anderen, und am Ende macht er nach einem überraschenden Wiedersehen mit ihr und einem klärenden Gespräch seinen Frieden – und verliebt sich neu.

Man muss es (500) DAYS OF SUMMER zugute halten, dass er seine Geschichte einer gescheiterten Liebe nicht mit Blütenhonig zukleistert, auch wenn sein Pärchen natürlich zum Anbeißen schnuckelig ist. Aber eigentlich ist die Art von Beziehung, die er zeigt – hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt -, tatsächlich eher schmerzhaft. Auch wenn Webb zusammen mit seinem Protagonisten am Schluss die Kurve Richtung Happy End bekommt, bleibt doch ein Gefühl der Ernüchterung und Niederlage. In Liebesdingen lässt sich manches gar nicht erklären – oder aber auf die denkbar brutalste Art und Weise: Die Gefühle reichen manchmal nicht aus, so einfach ist das. Und so grausam, wenn man derjenige ist, der vor Liebe zu zerfließen droht und nur gegen eine Wand prallt.

Der damals herausgestellte „Clou“ des Films, neben der kulleräugigen Zooey mit ihren dark bangs, bringt eigentlich kaum Mehrwert, ist lediglich ein erzählerisches Gimmick: Webb erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern springt innerhalb des Zeitraums von 500 Tagen hin und her, vor und zurück. Hin und wieder ermöglicht ihm das, unverbundene Ereignisse kontrastierend oder erklärend gegenüberzustellen, aber im Großen und Ganzen funktioniert (500) DAYS OF SUMMER wie jede Romanze – mit dem einzigen, aber nun auch nicht gerade spektakulären Unterschied, dass der Zuschauer gleich zu Beginn über den traurigen Ausgang des Films in Kenntnis gesetzt wird. Auch der Authentizitätsgewinn, der durch eine solch episodische Erzählhaltung vermutlich angestrebt wird, hält sich in Grenzen: Immer, wenn es dramaturgisch erforderlich wird, greift das Drehbuch dann doch auf die gut abgehangenen Klischees zurück, etwa wenn Protagonist Tom nach einem flammenden, sich selbst und seine Weltsicht offenbarenden Monolog im Teammeeting seinen Job hinschmeißt.

Wie immer ziehen solche betont stylischen, quirky RomComs neben der Verehrung durch die sich am besten repräsentiert fühlende Generation auch einigen Hass auf sich: Auch an (500) DAYS OF SUMMER kann man ganz sicher einiges sehr nervtötend finden: Zooey Deschanels ach so unangepasste Summer etwa, ihre Wohnung mit den supersüßen Dekoideen, die ausgedehnte Sequenz mit dem romantischen Shopping-Bummel im Ikea, Toms Vorliebe für coolen britischen Eighties-Pop, den er auf T-Shirts spazieren trägt, oder natürlich seine weise kleine Schwester Rachel (Chloë Grace Moretz), die so tolle Ratschläge für ihn hat, obwohl sie erst 12 ist. Aber ich bin (500) DAYS OF SUMMER im Großen und Ganzen dann doch eher wohlgesonnen: Ganz so fürchterlich selbstverliebt/selbstmitledig wie der entsetzliche GARDEN STATE ist er eben doch nicht, und eigentlich kann ich an seiner Haltung zum Thema „Liebe“, „Beziehung“ und „Verliebtsein“ auch nichts Falsches finden. Das Problem, das all diese Filme haben, ist dann auch nichts so sehr, dass sie falsch liegen, sondern eher, dass sie eine Lebenserfahrung zur großen Erkenntnis stilisieren, die eigentlich jeder irgendwann einmal macht.