Mit ‘Komödie’ getaggte Beiträge

Nur wenige Profiwrestler haben es geschafft, so berühmt zu werden wie Hulk Hogan und vor allem auch über ihre aktive Laufbahn einen gewissen Status zu wahren. Seinen ersten Profikampf trug er 1977 aus, in den Achtzigerjahren war er eine Art Popstar, wie auch sein Auftritt in ROCKY III belegt, noch in den Neunzigern zog seine „Hulkamania!“-Tour die Massen an – und nebenbei versuchte er es auch noch mit einer Filmkarriere. Die kam trotz einiger Versuche nie so richtig aus den Pötten, da hat Dwayne Johnson dann doch einige Nasenlängen Vorsprung, aber dafür erlangte Hogan zweifelhafte Popularität mit seiner Reality Soap und zählt zu jener Sorte Celebritys, die nie weit von einem Mikrofon der Regenbogenpresse entfernt sind.

MR. NANNY ist Hogans dritter eigener Spielfilm nach NO HOLDS BARRED und SUBURBAN COMMANDO und er knüpft konzeptionell ziemlich deutlich an Schwarzeneggers erfolgreichen KINDERGARTEN COP an. Wenn man sich nichts Witzigeres vorstellen kann als einen Hünen, der auf zu kleinen Stühlen sitzt, von Kindern gedemütigt wird oder mit Tütü herumläuft, muss man MR. NANNY in der Tat wenigstens einmal gesehen haben. Wenn man lediglich ein Herz für die bescheuerten Auswüchse der Popkultur hat, aber natürlich auch. MR. NANNY ist erstaunlicherweise gar nicht so scheiße, wie man sich das vorstellt, ein paar der Gags funktionieren sogar und zwar nicht trotz, sondern wegen Hogan, aber am Ende ist das ganze Dingen dann doch eher Durchschnitt.

Hogan ist Sean Armstrong, ein ehemaliger Catcher, der immer in Geldnöten ist und zudem ein solch gutes Herz hat, dass er seinem alten Manager Burt (Sherman Hemsley) immer aus der Patsche hilft, wenn der in Nöten ist – also ständig. Aktuell benötigt der Erfinder Alex Mason (Austin Pendleton) Hilfe: Ein Schurke namens Thanatos (David Johanson) hat es auf einen wertvollen Mikrochip abgesehen und der alleinerziehende Mason fürchtet um die Sicherheit seiner Kinder Alex (Robert Hy Gorman) und Kate (Madeline Zima), also engagiert er Armstrong als Bodyguard und Babysitter. Doch der tut sich schwer mit den beiden Satansbraten, denen ein Erziehungsberechtigter fehlt, der ihnen Grenzen aufzeigt.

Hogan bekommt im Verlauf des Films Bowlingkugeln auf den Kopf und Duschköpfe in die Fresse. Er stolpert über Drähte, stürzt Treppen hinab, wird im Fitnessraum gequält, unter Strom gesetzt und in einen Pool voller roter Farbe gestürzt. Mehr als einmal ist er kurz davor, alles hinzuschmeißen, doch er erlebt seinen Durchbruch, als er den Kiddies einmal zeigt, wer der Herr im Hause ist: Was sie von ihrem Daddy, der aus Angst vor Ablehnung immer lieb ist und „Ja“ und „Amen“ sagt, einfach nicht gewöhnt sind. Ab diesem Zeitpunkt entspinnt sich eine wunderbare Freundschaft, Armstrong tanzt im rosafarbenen Ballettanzug durchs Haus und trinkt mit abgespreiztem kleinen Finger Tee aus den winzigen Tassen von Kates Puppenstube. Der Schurke Thanatos hat eine verchromte Schädelplatte, klagt ständig über Migräne und zu seinen henchmen gehört ein Kraftprotz der deutsche Ein-Wort-Befehle bellt. MR. NANNY fängt richtig gut an und ich erwartete insgeheim schon ein kleines Highlight der Gaga-Komödie, doch dann nimmt der egale und austauschbare Plot immer mehr Raum ein und der Film versandet etwas in der Normalität der Familienkomödie. Hogan ist mit seiner Dreiviertelglatze, der buttergelben Mähne und dem Mongolenschnäuz eine Augenweide, wenn er mit den Augen rollt, bewusstlos umfällt oder mit elektrifizierter Haarpracht herumläuft, aber eher trist, wenn er die abgegriffene Botschaft des Films – etwa: „Kinder brauchen Liebe, aber auch eine Autoritätsperson“ – verkörpern muss. Wer will sowas sehen? Gibt es wirklich Menschen da draußen, die in einer Hulk-Hogan-Komödie nach Erziehungstipps suchen? Und vor allem: Solche Tipps? Ich hatte gehofft, ich könne durch die Sichtung meinen Leg Drop, Hogans berüchtigten Finishing Move, verbessern und diese Kunst an meine Kinder weitergeben, aber das war wohl nichts. Ich baue auf SANTA WITH MUSCLES, den ich als nächstes schauen werde.

Nein, gemessen an Wilders zahlreichen  Großtaten ist BUDDY, BUDDY kein guter Film. Aber weil es eben ein Wilder ist, ist er dennoch amüsant geraten. Das Remake von Édouard Molinaros L’EMMERDEUR von 1973 lässt Walter Matthau als Auftragsmörder Trabucco auf den suizidalen Fernsehzensoren Victor Clooney (Jack Lemmon) treffen. Trabucco will von seinem Hotelzimmer aus den Kronzeugen in einem Mafiaprozess erschießen, doch dabei kommt ihm immer wieder der nebenan wohnende Clooney in die Quere, der seine Ehefrau (Paula Prentiss) an den Sexguru Dr. Zuckerbrot (Klaus Kinski) verloren hat und sich deshalb umbringen will. Die Versuche Trabuccos, den Störenfried loszuwerden scheitern und am Ende benötigt er sogar die Hilfe der bürgerlichen Nervensäge.

BUDDY, BUDDY hat eine schön lakonische Performance von Matthau, einen gewohnt nervösen Lemmon und einen herrlichen Kinski aufzubieten, dazu eine sonnige kalifornische Atmosphäre, aber der Erfolg des Ganzen wird durch eine eher hemdsärmelige Dramaturgie sabotiert und ihm fehlt etwas, was Wilders Komödien sonst immer auszeichnete: Tempo und Timing. Seinen Witz bezieht BUDDY, BUDDY zumindest auf dem Papier eigentlich daraus, dass ein hoffnungsloser Verlierer einen eiskalten Profi an den Rand des Wahnsinns treibt, bis letzterer auf ersteren sogar angewiesen ist. Aber genau hier versagt Wilder: Ihm fehlt der lange Atem und auch die Finesse, um Trabucco langsam, aber unaufhörlich in den Wahnsinn zu treiben. Vielleicht ist die Entscheidung, mit Matthau und Lemmon ein Traumpaar der US-Komödie für BUDDY, BUDDY wiederzuvereinen, mitursächlich für das Scheitern des Films: Ihr Mit- und Gegeneinander ist schon zu eingeschliffen, als dass es noch echte, ursprüngliche Emotionen evozieren würde. Matthau wirkt als Trabucco weniger genervt von Clooney, als einfach nur müde. Auch der Subplot um Dr. Zuckerbrot zeigt diese Probleme: Wilder steuert im Konflikt zwischen Clooney und dem exzentrischen Wissenschaftler auf einen großen Höhepunkt zu, nur um Kinski dann kurz vorher höchst unspektakulär aus dem Film zu nehmen. Der geht einfach!

Natürlich ist Wilder einfach zu gut, als dass hier nicht auch der ein oder andere Lacher abfiele. Die meisten gehen auf das Konto von Lemmon, der sich als moralistischer Spießer über Nippel zur Primetime ereifert und die Patienten in Zuckerbrots Sexklinik als „Perverse“ beschimpft. Kinskis Performance beweist, dass an ihm ein grandioser Komiker verloren gegangen ist, dessen Potenzial in dieser Richtung leider unentdeckt blieb. In einer Nebenrolle punktet zudem Dana Elcar als wichtigtuerischer Captain Hubris (!). Matthau hingegen agiert eine Nummer zu routiniert für diesen Film: Er agiert so abgebrüht, dass ihn dieser Clooney eigentlich kaum wirklich aus der Ruhe bringt, was aber Dreh- und Angelpunkt des Plots ist. Und Paula Prentiss ist als Clooneys Ex-Frau, die seinen Ehering zu einem Penisanhänger für den neuen Lover hat umformen lassen, seltsam übersteuert. Dass die beiden 12 Jahre miteinander verbracht haben sollen, nimmt man beiden einfach nicht ab.

So bleibt am Ende ein, wie gesagt unterhaltsamer, hier und da durchaus komischer Film, der aber viel, viel mehr Potenzial gehabt hätte und insgesamt unüberlegt und provisorisch wirkt. Vielleicht hatte Wilder einfach keine rechte Lust mehr.

Der Zahnarzt Julian Winston (Walter Matthau) gaukelt seiner viele Jahre jüngeren Geliebten Toni (Goldie Hawn) vor, verheiratet zu sein, um sich nicht an sie binden zu müssen. Ein Selbstmordversuch Tonis bringt einen Sinneswandel und weitere Komplikationen, denn das Versprechen Julians, sich scheiden zu lassen, reicht ihr nicht. Sie will seine Ehefrau kennen lernen. Dem Zahnarzt gelingt es, seine Praxisassistentin Stephanie Dickinson (Ingrid Bergman) dazu zu überreden, sich vor Toni als seine Gattin auszugeben …

Nach dem Erfolg seiner Theateradaption von THE ODD COUPLE kehrte Regisseur Gene Saks mit einer weiteren Verfilmung eines erfolgreichen Broadway-Stücks zurück. CACTUS FLOWER handelt von der Doofheit der Männer in Beziehungsdingen, von der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit, die Männer mit jüngeren Geliebten normal findet, Frauen, die sich mit jungen Männern umgeben, aber als unpassend, von der Liebe zwischen Gleichaltrigen und natürlich vom Aufblühen einer vermeintlich alten Jungfer, eben der Kaktusblüte. Wie schon beim Vorgänger ist CACTUS FLOWER stark dialoglastig und im Wesentlichen auf zwei, drei Handlungsorte reduziert. Die drei Hauptdarsteller füllen ihre stark klischierten Rollen mit Leben, allerdings ohne den Stoff dabei in der Form aufzuwerten, wie das dem Traumpaar Matthau/Lemmon gelang. Das größte Problem von CACTUS FLOWER ist wohl, dass er sehr vorhersehbar ist und in seiner Charakterzeichnung eigentlich genauso vorurteilsbehaftet, wie er das selbst kritisiert. Matthau gibt den egoistischen Deppen, den seine Manipulationen einholen, Hawn das kuhäugige Naivchen, dqw ohne es mitzubekommen die Pläne ihres Geliebten durchkreuzt (und am Ende ziemlich unsanft abserviert wird), die Bergman die etwas strenge, aber patente Singledame, die im Zuge der sich vollziehenden Turbulenzen aufblüht und allein deshalb die Richtige für ihren Chef ist, weil sie mit ihm das Alter teilt. Die Sympathien gehören ihr, aber ihre finale Verbindung mit dem Protagonisten ist eher das Ergebnis schöpferischen Willens, als dass sie sich wirklich aus den Charakteren ergibt. Was sie an Winston findet, bleibt unklar, ebenso wie seine Beweggründe, Toni den Laufpass zu geben.

Trotzdem fallen ein paar hübsche Szenen und Dialoge ab. Am besten gefallen hat mir der Lokalkolorit des Manhattan der späten Sechziger, als sich sogar die Spießer in hippiesken Clubs wiederfanden und dort zusammen mit den cool cats eine flotte Sohle aufs Parkett legten. Toll ist auch Jack Weston als Patient Winstons, der sich von diesem als Dickinsons neuer Geliebter anheuern lässt und seiner eigentlichen Herzdame, einem dümmlichen Hippiemädchen, weismacht, er sei CIA-Agent. Insgesamt ein netter Film, der seine Momente, aber eben auch dieselben Probleme hat wie THE ODD COUPLE: Ich mag diese verlaberten, auf den Punkt gescripteten Boulevard-Komödien und ihre Filmadaptionen einfach nicht besonders. Auch hier habe ich mir immer wieder gewünscht, die Charaktere mögen doch mal ihre Klappe halten und den Film sich entfalten lassen.

1985 konnte Jackie Chan, gerade 31, bereits auf eine über 15 Jahre dauernde Filmkarriere zurückblicken – seinen ersten Filmauftritt hatte er sogar schon 1962 absolviert, im zarten Alter von acht -, und war in seiner Heimat ein großer Star. Seine Prominenz hatte sich bis in die USA herumgesprochen, wo drei Projekte seine internationale Eignung austesten sollten: Der erste, THE BIG BRAWL, eine Koproduktion, floppte gewaltig, trotz der Regie von Robert Clouse, der wegen ENTER THE DRAGON als Go-to-Guy für Martial-Arts-Filme galt, der zweite, Hal Needhams THE CANNONBALL RUN, war zwar erfolgreicher, aber auch nicht dazu geeignet, den quirligen Chinesen zum Publikumsmagneten zu machen. Der dritte schließlich, James Glickenhaus‘ Versuch eines Crossover-Actioners namens THE PROTECTOR, war ebenfalls eine kommerzielle Enttäuschung, in die Chan allerdings große Erwartungen gesteckt hatte. Der Misserfolg wurmte den ehrgeizigen Chan, der darauf erpicht war, sich als moderner Actionstar neu zu erfinden. Seinen Status hatte er sich mit klassischen Kung-Fu-Filmen erarbeitet, die meist in der Vergangenheit angesiedelt waren, nun wollte er den Sprung in die Gegenwart schaffen. Mit POLICE STORY gelang Chan nicht nur das, er landete im Jahr vor Woos A BETTER TOMORROW auch einen Riesenhit, der den bevorstehenden Paradigmenwechsel vorwegnahm und Maßstäbe hinsichtlich der Actioninszenierung setzte.

POLICE STORY ist immer noch ein Film, der einen den Atem anhalten lässt, weil er auf den Punkt Richtung Non-Stop-Entertainment geschliffen wurde. Die Geschichte ist denkbar einfach, das Drehbuch entfaltet sie in einer ökonomischen Aneinanderreihung von Fights, Verfolgungsjagden und Slapstick-Szenen, ohne jemals eine Pause einzulegen. Ob man den Humor des Films mag – einige geschmacklose Rape-Jokes und eine eher fragwürdige Haltung gegenüber den weiblichen Charakteren des Films gehören dazu -, sei dahingestellt, bewundern muss man die Energie, mit der das alles auf die Leinwand gebracht wird. Es wird immer noch einer draufgesetzt, auch wenn man das nicht mehr für möglich hält. Die berühmte Auftaktsequenz mit der Zerstörung einer ganzen shantytown und der sich anschließenden Verfolgungsjagd gehört zu den besten Actionsequenzen überhaupt, der Showdown in einem mit vielen Glasflächen ausgestatteten Einkaufszentrum zeigt die Luzidität, mit der Chan Fights choreografierte und ablichten ließ. Dass die Inszenierung beinahe schmucklos wirkt, in ihrem Bemühen, dem Zuschauer möglichst gute Übersichtlichkeit und räumliche Klarheit zu bieten, ist eines der großen Missverständnisse, die hinter der heute immer noch handelsüblichen Zerhackung und Verzerrung durch Schnitt und visuelle Effekte verbergen. (David  Bordwell hat mal einen schönen Text über die Actioninszenierung Chans in diesem Film geschrieben.) Von wegen schmucklos: POLICE STORY entwickelt eine Power und Dynamik, die unnachahmlich ist, da schmerzt jeder Hieb noch mehr, jede Glasscheibe kracht lauter als die zuvor. Über die lebensmüden Stunts brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Unter den Einträgen in Chans telefonbuchdicke Krankenakte fanden sich nach POLICE STORY unter anderem schwere Verbrennungen und ein ausgerenktes Becken. Man ächzt, wenn Menschen hier aus dem Fenster krachen, durch Glasscheiben fliegen oder unsanft aufschlagen.

Aber ich mag auch die schon angesprochenen Slapstick-Szenen, weil sie ganz genau dasselbe Genie zeigen. Ein Beispiel ist die Sequenz im Apartement der weiblichen Protagonistin Selina (Brigitte Lin). Sie ist die Freundin des festgenommenden Crimelords Chu Tao (Chor Yuen) und soll gegen ihn vor Gericht aussagen. Entgegen den Beteuerungen der Polizei, dass sie in Gefahr schwebe und sich beschützen lassen solle, verweigert sie die Zusammenarbeit. Ka Kui (Jackie Chan) soll sie heimlich bewachen und sie außerdem dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. Dazu wird ein als Killer verkleideter Kollege in die Wohnung der Frau geschickt, um ihr mächtig Angst zu machen. (Diese Idee spiegelt das durchaus problematische Verständnis von Recht wider, das in dem Film zum Ausdruck kommt.) Der Plan geht so lange auf, bis der vermeintliche Killer niedergeschlagen wird: Ka Kui muss vermeiden, dass sein Plan auffliegt und benutzt den leblosen Körper des Partners nun wie eine Puppe, um den Eindruck zu erwecken, er sei noch bei vollem Bewusstsein. Das Ganze endet schließlich damit, dass Selina flieht, woraufhin auf der Straße eine spektakuläre Keilerei mit den heraneilenden Killern Chu Taos entbrennt. Nahtlos gelingt der Übergang von einer Slapstick-Szene hin zur Action. Wobei eher klar wird, wie eng beides zusammenhängt: Die Körperbeherrschung, die in der Telefonsequenz zum Ausdruck kommt, in der Chan mit mehreren Telefonhörern jongliert, ist dieselbe, die er in die Waagschale wirft, wenn er sich vom Dach eines mehrstöckigen Wohnhauses in einen Swimming Pool stürzt. POLICE STORY ist reine Kinetik, Actionkino in Perfektion.

Ich habe an dieser Stelle schon häufiger das Loblied auf den unvergleichlichen Zbynek Brynych gesungen, der in Deutschland vor allem mit seinen drei vier brillanten DER KOMMISSAR-Episoden sowie zahlreichen DERRICK-Folgen assoziiert wird. Seine drei deutschen Kinoproduktionen, die er allesamt 1970 realisierte – OH HAPPY DAY, ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN und eben DIE WEIBCHEN – floppten leider und fast möchte man anfügen: wenig verwunderlich, hatte man hierzulande doch immer ein untrügliches Talent, ware Größe nicht zu erkennen. DIE WEIBCHEN ist die letzte seiner drei deutschen Kinoproduktionen und unverkennbar Brynych. Was ironischerweise gleichzeitig impliziert, dass er natürlich ganz anders ist als die beiden vorangegangenen Werke. DIE WEIBCHEN ist, wenn man so will, ein Horror-, ja sogar ein Kannibalenfilm, verbindet Elemente von THE STEPFORD WIVES, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD, SHOCK CORRIDOR und anderen, pulpigeren Werken zu einem psychedelischen Trip, der an zeitgenössische Pop-Art ebenso erinnert wie an die tschechische New Wave und natürlich an die großen, schrundigen Grindhouse-Reißer der Siebziger, die um ähnliche Themenkomplexe kreisten und dabei Männer und Frauen gegeneinander aufhetzten.

Eve (Uschi Glas), Chefsekretärin, kommt auf Anraten ihrer Ärztin nach Bad Marein, einem Kurort für Frauen, wo sie sich in Obhut von Dr. Barbara (Gisela Fischer) erholen soll. Vor Ort wird sie von einer Clique anderer Patientinnen aufgenommen, unter ihnen Astrid (Françoise Fabian) und Olga (Judy Winter). Nach einer ausgelassenen Feier, bei der drei mit ihrem Auto im Ort gestrandete Männer in die Gruppe eingeführt werden, findet Eve einen von ihnen ermordet vor. Und am nächsten Tag gibt es ein großes, blutiges Filetstück zum Frühstück. Eve sucht den Kommissar des Ortes (Hans Korte) auf, aber der hat für ihre Verdächtigungen nur Spott übrig …

Dass man von Brynych keinen straighten Kannibalen-Schocker erwarten sollte, dürfte den meisten, die diesen Text lesen, schon klar sein: Vielmehr weitet der Tscheche seine Geschichte zur gar nicht so bösen, vielmehr sogar sehr liebenswerten und verständigen Satire über das Geschlechterchaos aus, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren über die westliche Welt fegte. In DIE WEIBCHEN jedenfalls schlagen die Frauen, die viel zu lang unter der Fuchtel der Männer standen, mit einem Lächeln und einem im wahrsten Sinne des Wortes hungrigen Körper zurück, dass den Männern nicht viel mehr bleibt als ein notgeiles Lächeln. Der Film kulminiert in einer dann doch überraschend garstigen Kreissägenszene, bevor Eves Wille schließlich gebrochen, sie in den Kreis der Männermörderinnen eingemeindet wird. Der Ton oszilliert zwischen Fleisch-Thriller, ausgelassenem Beatfilm, greller Gesellschaftskomödie, dystopischem (oder doch utopischem?) Sex-Märchen, verspielt-ironischer Agit-Prop und immer wieder auch Elementen, bei denen man ein wenig das Gefühl hat, Brynych nehme das deutsche Filmgeschehen aufs Korn. Wie schnarchig und verquast etwas Waldleitners Simmel-Verfilmungen sind, wird in diesem ebenfalls von ihm produzierten Werk eben deshalb so augenfällig, weil sich zum Teil die selben Darsteller tummeln, die hier aber ganz von der Kette gelassen werden. Ein schmierbäuchiger Hüne mit Narbengesicht, Sonnenbrille und Krallenhand lässt Adi Berbers Fettsäcke aus den Wallace-Filmen wie tumbe Witzfiguren erscheinen. Und „uns Uschi“ zeigt uns hier, wo sie nicht dazu gezwungen wird, ein freches Powerfräulein zu spielen, plötzlich welche beachtlichen Qualitäten ihr makelloses Püppchengesicht als angrundtiefe Projektionsfläche mitbringt. Am schönsten ist DIE WEIBCHEN, wenn er sich in seinen orgiastischen Set Pieces verliert, etwa in einer Swimming-Pool-Sequenz gegen Ende, wenn alle Frauen nach dem Verlassen des Schwimmbeckens durch blutrotes Licht gleiten. (Apropos „Swimming Pool“: Bin ich der einzige, der in dieser Szene an Cronenbergs SHIVERS denken musste?) Toll ist auch eine mit der Subjektiven eingefangene Szene, in der die Frauen den vierschrötigen Gärtner zum Schweinchen-in-der-Mitte herausfordern. Oder die Frauen sich in einer THE WICKER MAN vorwegnehmenden Szene ihrer BHs entledigen und sie ins Feuer werfen. Oder wenn Hans Korte als Kommissar glucksend Schnapsfläschchen in sich hineingießt. Oder, oder, oder.

Ihr seht, DIE WEIBCHEN ist Film als Fest der Eindrücke, aber auch weit davon entfernt, bloß selbstverliebter Bilderreigen zu sein. Brynych inszeniert mit der Gewissheit, dass das Leben zu kurz ist und Film zu reich, um für eine schnöde Vision oder langweilige Kohärenz vergeudet zu werden, trotzdem bleibt er immer zielstrebig und auf den Punkt. DIE WEIBCHEN ist alles auf einmal, aber wie durch ein Wunder trotzdem von allem genau so viel, dass man gern noch ein bisschen mehr hätte, nie zu viel oder zu wenig. Um im Bild zu bleiben: Der Appetit ist geweckt, die Sättigung hat noch ein bisschen Zeit.

Wer die Blu-ray von Bildstörung noch nicht hat, sollte – wie könnte es anders sein? – schleunigst zugreifen und einen der aufregendsten Filmemacher, die je in Deutschland arbeiteten, auf dem besten deutschen Filmlabel entdecken, das ihm eine Veröffentlichung spendiert hat, die ihm zu jener Ehre gereicht, die seinen Filmen zu Lebzeiten leider verwehrt geblieben ist.

IDIOCRACY ist eine ganz klassische Dystopie im Gewand einer Komödie: Er zeichnet eine Zukunft, die als eine überzeichnete Version unserer Gegenwart verstanden werden muss und zielt damit auf einen Bewusstwerdungsprozess ab: „Guck mal, das ist bei uns ja auch schon so!“ oder ähnliche Reaktionen sind das anvisierte Ziel und nicht etwa eine Überraschung. Dass Mike Judges Film in dem knappen Jahrzehnt seit Erscheinen aber noch einmal deutlich näher an unsere Wirklichkeit herangerückt ist als er das damals schon war, darf einen durchaus erschrecken.

Der als idealer Durchschnittsbürger eingeführte Joe Bauers (Luke Wilson) wird aufgrund eben dieser Eigenschaft (und seiner damit einhergehenden Entbehrlichkeit) für ein Experiment verwendet, das gnadenlos schiefgeht: Er soll für ein Jahr eingefroren werden, wacht aber aufgrund einer Panne erst 500 Jahre später auf. Die USA sind vollkommen am Ende: Riesige Müllberge türmen sich auf, die Menschen artikulieren sich nur noch in rudimentären Stammelsätzen und glotzen den ganzen Tag hirnerweichende Fernsehshows. Aus Trinkspendern sprudelt „Brawndo“, eine grüne Limonade, deren Hersteller Wasser erfolgreich vom Markt verdrängt hat – was wiederum eine große Dürre nach sich gezogen hat, Supermärkte haben die Größe von Städten, durch die die Menschen wie die Zombies wanken. Der Präsident ist ein ehemaliger Catcher, der mit markigen Sprüchen auftritt und in der Gegend rumballert, und der gar nicht bemerkenswerte Bauers wird allein aufgrund der Tatsache, dass er in ganzen Sätzen spricht, als Genie angesehen, das die Welt retten soll.

Es ist natürlich die Vereidigung Trumps als Präsident der Vereinigten Staaten, die dazu geführt hat, dass vieles, was 2006 noch wie eine absurde Überspitzung bestehender Tendenzen anmuten musste, heute von den Nachrichten längst eingeholt worden ist. Ein ehemaliger Catcher als Präsident, der in Stars-and-Stripes-Montur und markigen Sprüchen vor einer grölenden Schar dumpfer Nationalisten aufmarschiert, sich mit großkalibrigen Waffen als Rächer der Enterbten inszeniert, aber leider nicht weiß, dass man Getreide mit Wasser zu versorgen hat, damit es wächst: Das ist eigentlich nur noch ein gradueller Unterschied zum großmäuligen Pleitetycoon Trump, der mit seinen größenwahnsinningen Vulgarismen Waffennarren und Rassisten in ihren Allmachtsfantasien bestätigt, Frauen an die Pussy greift, den Klimawandel verleugnet, dem Kohlebergbau gegen jede ökologische, aber eben auch ökonomische Vernunft zur Renaissance verhelfen will, sich mit Ja-Sagern und anderen Verblendeten umgibt und eigene wirtschaftliche Interessen auf geradezu perverse Art und Weise mit politischen vermischt.

Die Gags auf Kosten des sogenannten Präkariatsfernsehens, zunehmender Verblödung und der Vermengung von Kultur und Markt sind da fast schon ein bisschen billig.  IDIOCRACY ist eben auch ein „Gebrauchsfilm“ für die lustige Runde, bei der man das ein oder andere alkoholische Kaltgetränk zu sich nimmt und die besten Sprüche ins eigene Humorrepertoire aufnimmt. Er fügt sich gut ein in die komödiantische Tradition, die in den letzten 15 Jahren von Leuten wie Judd Apatow, Seth McFarlane, Adam McKay und Konsorten etabliert worden und von den Abgründen der Popkultur gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen ist. Meinen Lieblingsgag gibt es gleich zu Beginn, wenn der Initiator des Einfrierexperiments bei seinem Diavortrag berichtet, dass die weibliche Testperson ein Prostituierte aus dem Stall des Pimps „Upgrayedd“ ist – „the double d stands for a double dose of pimpin'“ – und er in Folge ein bisschen zu viel Begeisterung für die afroamerikanische Zuhälterkultur zeigt. Dieser „Upgrayedd“ tritt als handelnde Person niemals in Erscheinung, nur auf den Fotos des Vortrags, aber Rap-Enthusiasten werden ihn unschwer als Scarface identifizieren, ehemaliges Mitglied der skandalösen Geto Boys und Urgestein des Gangsta-Raps texanischen Ursprungs. Man mag es als Inkonsequenz bewerten, dass IDIOCRACY bei aller Kritik auch ein nicht geringes Maß an Sympathie für die Idioten dieser Welt aufbringt. Ich finde ja, dass ihn das eher auszeichnet als diskreditiert.

 

Die Fortsetzung des im Vorjahr von KOMMISSAR X-Regisseur Gianfranco Parolini mit seinen beiden Stars Brad Harris und Tony Kendall inszenierten I FANTASTICI 3 SUPERMEN kommt mit einer deutlich bescheideneren Besetzung wie eine Vorahnung der Komödien daher, die im Folgejahrzehnt auf dem Steifel in rauen Massen entstehen sollten. Es wird unter tatkräftiger Unterstützung der deutschen Synchro geblödelt, bis der Notarzt kommt, aber nur noch den Exitus feststellen kann. Hauptverantwortlicher für den Klamauk ist Salvatore Borghese als stummer Trottel Dick: Er äußert sich ausschließlich in einer nur rudimentär entwickelten Zeichensprache, zu der er Stammellaute von sich gibt und dafür von seinen beiden Partnern in einer Tour verhöhnt wird. Für FBI-Mann Martin (George Martin) etwa ist klar, das Dick die Sprache verlor, als er sich zum ersten Mal selbst im Spiegel sah. Der Mann, den man aus unzähligen Polizeifilmen als Nebendarsteller kennt, darf hier komödiantisches und artistisches Talent in einer Hauptrolle zeigen.

Besagter Agent Martin wird den beiden mit kugelsicheren Kostümen ausgestatteten, artistisch begabten Superverbrechern Willi (Willi Colombini) und Dick zur Seite gestellt, um mit ihrer Hilfe einen pikanten Film in seinen Besitz zu bringen, mit dem ein Politiker kompromittiert werden soll. Die Hatz führt die drei erst nach Hongkong und dann nach Tokio, wo es die üblichen Keilereien, Verfolgungsjagden, Mordanschläge, Verwicklungen und amourösen Anwandlungen mit gefährlichen Frauen gibt. Das Ganze kulminiert im Einsatz einer Verkleinerungsmaschine, mit der Dick auf Miniaturgröße geschrumpft und dann im Hauptquartier der Bösewichte eingeschleust wird. Das ist alle hoffnungslos bescheuert, aber der Eurospy-Film ist ja sowieso eine eher komische Angelegenheit, die ihre Existenzberechtigung im Wesentlichen aus der Beliebtheit der Bond-Filme bezieht. Aus der unüberbrückbaren finanziellen Kluft, die zwischen den großen Vorbildern und ihren in dieser Hinsicht oft eher minderbemittelten Nachziehern klafft, machten diese Filme oft eine Tugend, indem sie die britischen Produktionen immer wieder mit Spott überzogen: Natürlich sind es ihre Helden, die gegenüber der Doppelnull den entscheidenden Vorteil haben und zu Rate gezogen werden, wenn dieser mal wieder versagt hat.

Man sieht das Augenzwinkern, denn natürlich wussten die Macher, dass sie den Abenteuern des Briten nichts entgegenzusetzen hatten, außer einer gewissen Unverdrossenheit und der Freiheit, die damit einhergeht, dass man an der Kasse keine Abermillionen einspielen muss, um den Bilanzausgleich zu schaffen. 3 SUPERMEN A TOKIO blödelt sich mit Verve durch seine Pappkulissen im Hinterhof von Cinecittà, doch bei den Szenen auf den Straßen von Tokio gucken die ungläubigen Passanten fast genauso neugierig und ungläubig, als wenn da der echte Bond rumturnen würde. Und natürlich gibt es dann auch immer wieder diese hübsch beknackten Ideen: In einem Nachtklub verhindert ein riesiger hinter einer Wand versteckter Magnet, dass sich die Schurken mit Waffen ins Etablissement schleichen. Da werden einer Gruppe von Ganoven dann also Panzerfäuste, Maschinengewehre, Messer und, wie eine Empfangsdame fürs Protokoll zu Bericht gibt, „drei Atombomben“ abgenommen. Und weil wir uns erst im Jahr 1968 befinden, muss man sich auch um die Political Correctness keine Sorgen machen: Japaner sagen also „l“ statt „r“, werden als „Geschlitzte“ bezeichnet und servieren Hund mit Reis, das Essen mit Stäbchen ist willkommener Anlass für eine ausgedehnte Slaspstick-Nummer. Die Miniatur-Nummer ist effekttechnisch erstaunlich gut gelöst und dass für die Zwischenstufe der Rückverwandlung Kinder in die Supermänner-Kostüme schlüpfen ein putziger Einfall. Doch, doch, ich hatte meinen Spaß mit diesem Teil.