Mit ‘Morbid Movies’ getaggte Beiträge

So ändern sich die Zeiten: Damals war D’Amatos ROSSO SANGUE für mich ein Nägelkauer erster Güte, ein Film, den ich tatsächlich saumäßig spannend fand, während mich andere D’Amatos wahrscheinlich an den Rand des Komas und darüber hinaus getrieben hätte. Heute schaut’s ein bisschen anders aus und ich empfinde seinen Versuch eines „amerikanischen“ Schockers wenn auch beileibe nicht schlecht, so doch durchaus etwas öde in seiner Geradlinigkeit, die wenig Platz lässt für das, was D’Amatos Filme sonst so auszeichnet, und einfach nicht das ist, was er so richtig gut kann.

Es gibt wieder jede Menge selbstzweckhafter Sauereien zu bewundern, wie etwa einen Bohrer oder eine Tischsäge durch einen Kopf und anders als bei ANTHROPOPHAGUS hängen Eastman die Gedärme hier nicht am Ende, sondern schon am Anfang aus der Plauze, aber eigentlich spielt D’Amato hier ein bisschen Hitchcock: Der Film bezieht seine Spannung ganz wesentlich daraus, dass da auf der einen Seite ein junges Mädchen mit einer Behinderung an sein Bett gefesselt ist, auf der anderen ein nahezu unbesiegbares, blutrünstiges Monstrum durch die Landschaft wankt (die offensichtlich in den USA liegen soll, weil alle ständig über ein gerade laufendes Football-Match reden, obwohl man doch deutlich erkennt, dass der Film in Italien gedreht wurde): Es ist klar, worauf das hinauslaufen wird und die Frage, die D’Amato dem Zuschauer aufzwängt, lautet natürlich: Wird es das arme, unglücksselige Mädchen schaffen, sich trotz seiner Behinderung aus dem Bett zu erheben, um dem Monster zu entkommen oder wird es ihm hilf- und schutzlos ausgeliefert sein?

Das ist, wie gesagt, nicht uneffektiv und wird von D’Amato auch mit jener für nervenzerrende Suspense so wichtigen Engelsgeduld und Ausdauer inszeniert, aber für mich scheitert das ganze Konstrukt ein wenig daran, dass die Figur der Mordmaschine letztlich leer bleibt und die Verbindung zu seinem Opfer niemals zwingend ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn D’Amato den Abstraktionsgrad seiner Erotikfilme erreichen würde, aber auch das ist hier nicht der Fall. Im Gegenteil bemüht er sich nach Kräften, den Eindruck klassischen Erzählkinos zu erwecken, aber ohne sich eben die Mühe gemacht zu haben, ein entsprechend konstruiertes Drehbuch mitzubringen.

Ich mag den Film nicht schlecht machen, weil ich ihn, auch wenn es diesmal nicht so richtig geklappt hat, irgendwie mag, ihn auch für einen eher ungewöhnlichen Vertreter des Italo-Horrorfilms jener Tage halte. Als letzter Film an einem durch und durch exzessiven Film- und Feierwochenende musste er auch die schwere Bürde tragen, auf einen schon reichlich vollgesogenen Schwammkopf zu treffen. Beim nächsten mal dann also als Opener.

Der berühmte „Einlauf-Porno“ vom FORCED ENTRY-Regisseur Shaun Costello wurde auch unter dem putzigen Titel SCHPRITZ veröffentlicht: Wehe, wer sich davon täuschen ließ! Wir haben es hier mit einem dreckig-versifften Roughie aus dem New York der Siebzigerjahre zu tun, einer Zeit, als die Stadt noch weit entfernt war von der gentrifizierten Glitzermetropole, vielmehr der Inbegriff des zur Implosion verdammten Molochs, in dem jede der zahlreichen, von allen normalen Menschen längst verlassenen, dunklen Gassen einen sabbernden Vergewaltiger, einen Omas abstechenden Handtaschendieb oder einen im Drogenrausch halluzinierenden Psychopathen barg. Die Stadt, von der man sicher war, dass sie über kurz oder lang zur Hölle gehen würde, dahin, wo sie hingehörte, und wo man einen durchgeknallten Vietnamveteran wie Travis Bickle aus Scorseses TAXI DRIVER, der mit dem Abschaum aufräumt, weil die Polizei mit der Arbeit nicht nachkommt, gut gebraucht hätte. Es ist die Stadt von THE FRENCH CONNECTION, MANIAC, THE EXTERMINATOR, CRUISING, THE DRILLER KILLER, BASKET CASE oder auch NEW YORK CITY INFERNO: Eine dreckige Stadt eben, die nur dreckige Filme hervorbringen konnte.

WATER POWER gilt als der TAXI DRIVER des Hardcore-Porn und er macht Ernst mit Bickles Bild von der Stadt, die ein großer Regen von der Scheiße befreit: Sein Protagonist Burt (Jamie Gillis) beobachtet in einem Bordell, wie ein Einlauf gelegt wird, und geht danach auf große Vergewaltigungstour, das Werkzeug für die gepflegte Arschspülung immer im Anschlag und nie um ein feingeistiges „Du Sau!“ für die zu reinigenden Frauen verlegen. Und so treffen sich dann meist auf halbem Wege spritzendes Sperma und sprotzende Scheiße in einem wahrhaft kathartischen Akt.

Ich habe leider nur noch sehr verschwommene Erinnerungen an WATER POWER – wie immer neigen Nürnberger Cine-Events zum Exzess und das war auch diesmal nicht anders -, aber ich weiß noch, dass mich dieser Film, vor dem ich doch ein wenig Angst hatte, geflasht hat. Kein ganz neues Erlebnis, denn auch diese – am Ende begeisternden – Grenzerfahrungen gehören in Nürnberg dazu. WATER POWER hat zunächst mal natürlich sein unwiderstehliches, oben schon genug gefeiertes Setting, die asoziale Synchro, die gewissermaßen die schrumplige Korinthe auf dem dampfenden Kackhaufen bedeutet, und eben diese Hardcore-Szenen, deren explosiver Charakter kaum in Worte zu fassen ist. Es ist einfach unfassbar räudig, was da passiert, aber Costello findet eben ein filmische Sprache, die das alles in Worte kleidet, die man durchaus „poetisch“ nennen kann – auch wenn man das hier definitiv nicht mit „schön“ gleichsetzen sollte. WATER POWER ist schmutzig, eklig, brutal und voller Hass, aber er ist eben kein Videofilm für die Gorebauern, die sich auch dann noch an abgeschnittenen Gliedmaßen ergötzen, wenn sie dafür bierwänstige Prolos mit Ziegenbart in potthässlicher Digi-Optik durch Omas Schrebergarten in Kauf nehmen müssen. Die Costellos jener längst vergangenen Tage waren eben nicht nur Außenseiter und Provokateure, sie wussten auch, was „Film“ eigentlich leisten kann. Und wie man sprichwörtliche Scheiße in filmisches Gold verwandelt, das lustig sprudelt wie ein fröhlich gluckernder Gebirgsbach.

Man muss über ILSA, SHE-WOLF OF THE SS nicht mehr viel sagen. Edmonds Film hat seinen Status als einer der berühmtesten Vertreter der sogenannten Naziploitation. Er ist weder der beste, gewiss nicht der anspruchsvollste oder gar künstlerischste dieser Gattung, die in den wenigen Jahren ihrer Popularität alles von fordernder Avantgarde (SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA) über aufwändigen Fetischsex (SALON KITTY) bis hin zu schäbigem Schmuddelkram abdeckte, aber vielleicht der berühmteste. Er musste dafür allerdings erst auf Video erscheinen: Seine Kinoveröffentlichung verlief eher unspektakulär, wahrscheinlich war die Konkurrenz an ähnlich niederträchtige Unterhaltung versprechenden Werken auf der 42nd Street in Manhattan einfach zu groß. Aus dem überwiegend europäischen Genre fällt er schon aufgrund seiner kanadischen Herkunft heraus, mehr aber noch, weil er aus dem Schrecken des Dritten Reichs eine grelle Komödie macht, voller markiger Sprüche und markanter Charaktere. Und die auffallendste Figur ist eben Ilsa, von Dyanne Thorne in unnachahmlicher Weise interpretiert.

Edmonds Film orientiert sich lose an Ilse Koch und Irma Grese. Koch ging als „Hexe von Buchenwald“ in die Geschichte einging, weil sie angeblich Lampenschirme aus den Häuten tätowierter KZ-Insassen gemacht hatte – eine Behauptung, die nie stichhaltig bewiesen werden konnte. Im Jahr 1967 nahm sie sich im Alter von 60 Jahren während ihrer lebenslänglichen Haftstrafe das Leben, indem sie sich in ihrer Zelle aufhängte. Grese arbeitete in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz. Sie bekam den Spitznamen „Hyäne von Auschwitz“ oder auch „die schöne Bestie“ und wurde im Alter von nur 22 Jahren zum Tod durch Erhängen verurteilt – bis heute die jüngste Frau, die je unter britischem Gesetz hingerichtet wurde.

Edmonds nutzt diesen wahrhaft grauenerregenden historischen Hintergrund für einen feisten Schwartenkracher, der die realen Naziverbrechen zum Anlass für schenkelklopfenden Humor, krachlederne pseudodeutsche Dialogzeilen, pralle Männerfantasien und Lagermelodram auf Soap-Opera-Niveau nimmt. Das ist alles erwartbar in bad taste und hochgradig zynisch, motivisch mit seiner Sexualisierung von Gewalt auch gar nicht so weit weg von den Ideen Pasolinis, aber letztlich auch ein ziemlicher Spaß. Grund dafür ist neben dem schwungvollen Tempo, das Edmonds anschlägt, Sexszenen, One-Liner und Splatterffekte in schneller Folge auf den staunenden Zuschauer einprasseln lässt, eben genannte Dyanne Thorne, die eine Darbietung für die Ewigkeit abgibt. Sie macht die Ilsa zu ihrer Figur, ganz so, als sei sie für die Rolle geboren worden. Eine andere Darstellerin ist schlichtweg nicht denkbar. Ein Glücksfall für diesen Film, der sein Sparbudget in produktionstechnischer Hinsicht zu keiner Sekunde verleugnen kann, aber in der Besetzung der Hauptfigur einen sensationellen Glückstreffer landete, ohne den er wahrscheinlich niemals diese Berühmtheit erlangt hätte. Sieht wahrscheinlich auch Edmonds so, der über das Drehbuch angeblich einmal gesagt hatte, es sei das „worst piece of shit I ever read“ gewesen.

In Europa steht die Wahrscheinlichkeit, das ein Kind mit der Diagnose „Mukoviszidose“ auf die Welt kommt, bei 1:2.000. Es handelt sich um eine bislang unheilbare Krankheit, bei der es zu einer Mutation mit folgender Fehlfunktion von bestimmten Körperzellen kommt. Die Zellen, sind nicht in der Lage, Wasser zu ziehen, mit dem Resultat, dass Sekrete in den Bronchien und verschiedenen Organen zu dickflüssig werden und so die Organfunktionen beeinträchtigen. Die Lebenserwartung von Mukoviszidose-Patienten liegt mittlerweile bei ca. 40 Jahren, als Bob Flanagan, Supermasochist, sie in den Fünfziger-, Sechzigerjahren erhielt, da gab man ihm maximal sieben oder acht.

SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST zeigt wie Bob Flanagan mit dieser Diagnose umging. Um die ständigen starken Schmerzen auszuhalten, entdeckte er den Masochismus. Außerdem verarbeitete er den zunehmenden Verfall seines Körpers in Kunstwerken und Performance-Auftritten, mit denen er auch Aufmerksamkeit für die Krankheit und das Leiden der Betroffenen erreichte. Der Film endet mit Bob Flanagans erwartetem, vorhersehbarem Tod im Jahr 1996, im Alter von immerhin 44 Jahren: Es gibt kein Happy End, konnte, sollte keines geben. Dennoch ist SICK ein hoffnungsfroher, lebenbejahender und beeindruckener Film, der mich am vergangenen Samstag in Nürnberg emotional völlig zerstört hat.

Bob Flanagan liefert mit seinem Schaffen zum einen den eindrucksvollen Beweis, dass man auch mit einer solch schweren Krankheit ein produktives, reiches Leben führen kann. Dass es zudem möglich ist, mit Qualen und Schmerzen, die sein täglicher Begleiter sind, umgehen kann. Dass man dem Tod ins Gesicht lachen kann, nicht in Selbstmitleid, Depression und Tatenlosigkeit versinken muss. Und er zeigt natürlich nicht zuletzt, dass man es bis in die großen Kunstausstellungen bringen kann, wenn man sich Nägel durchs eigene Geschlecht hämmert. Bob Flanagan war ein außergewöhnlicher Mensch, aber das, was ihn wirklich auszeichnete, ist etwas, was uns alle betrifft.

Aber das ist längst nicht alles: Die Szenen, die Flanagans Eltern zeigen, ganz einfache Leute, die gewiss nicht den Plan hatten, gleich mehrere Kinder an Mukoviszidose zu verlieren, wie es ihr Schicksal sein sollte, und wahrscheinlich noch weniger, dass ihr Sohn ein weltbekannter Sadomasochist wird. Rührend ist die Aussage von Bobs homosexuellem Bruder, dass er sich neben diesem immer inadäquat und trotz seiner Homosexualität „spießig“ empfunden habe. Diese Szenen zeigen, dass es eben durchaus möglich ist, alternativen Lebensentwürfen mit Normalität zu begegnen. Dass Toleranz und Akzeptanz keine Wunder sind, sondern aus der echten, von Liebe geprägten Auseinandersetzung miteinander entspringt. Wenn Bobs Vater über den Kampf seines Sohnes gegen die Krankheit spricht, hört man Stolz aus seiner Stimme – obwohl Flanagans Kunst deutlich von seiner Lebenrealität entfernt sein dürfte.

Das Zentrum des Films ist die Beziehung Bobs zu seiner Geliebten, Partnerin und „mistress“ Sheree Rose. Auch hier rückt SICK viele Vorurteile oder Fehlschlüsse über das Wesen sadomasochistischer Beziehungen gerade. Die „Sitzungen“, in denen Sheree ihren Bob quält, sind von großer Zärtlichkeit und Romantik. Da haben sich zwei Menschen zu einer im positivsten Sinne symbiotischen Beziehung zusammengefunden und Bobs Fetisch hat in diesem Rahmen nichts Abstoßendes. Es ist einfach sein Weg, sich das Leben erträglich zu machen. Der inhärente Humor bleibt ihm selbst nicht verborgen: In zahlreichen Gedichten und Liedern, die seinen Alltag als Masochist beschreiben, macht er sich über seine Unzulänglichkeiten sowie über unvermeidbare Missgeschicke und Verletzungen lustig. Es gibt keine unangenehme Selbstverherrlichung in dem, wie Bob sich darstellt und seine Lust praktiziert.

SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST zeigt sehr eindrucksvoll und nachdrücklich, dass der Mensch in der Lage ist, auch unter widrigsten Umständen zu triumphieren. Ein 17-jähriges Mädchen, selbst Mukoviszidose-Patientin, trifft ihr großes Idol Flanagan, um mit ihm über seine Krankheit, die Schmerzen und seinen Sadomasochismus zu sprechen. Sie weiß, was ihr bevorsteht, aber es gibt keine Angst, keine Bitterkeit, keine Verzweiflung in ihren Worten. Ihre Mutter kann nur mit unübersehbarer Bewunderung neben ihr sitzen.

Wenn der Tod dann kommt, ist es natürlich dennoch deprimierend. Bob Flanagan, halb bewusstlos im Bett eines abgedunkelten Krankenhauszimmers, Sheree, die nun, als der Moment da ist, von dem sie wusste, dass er irgendwann kommen würde, mit Verzweiflung versucht, ihm in den letzten Stunden beizustehen. Bobs ganzes Leben war Schmerz, aber gegen diesen helfen nun keine Nägel mehr.

Ein unvergesslicher Film.

Ein blöder, gar unaussprechlicher Wortspieltitel, ein gut abgehangener Plot um einen derangierten Serienmörder, minimal talentierte, aber dafür maximal tätowierte Darstellerinnen, viel, viel Kunstblut und wenig sonst: Willkommen bei DEATH-SCORT SERVICE, einem Film, der im Jahr 2015 wie das Relikt einer längst vergangenen Zeit wirkt, aber erstaunlicherweise trotzdem ein Publikum fand, dass auch noch Bock auf ein Sequel hatte.

Erzeugnisse wie DEATH-SCORT SERVICE als „Film“ zu bezeichnen, ist gewagt: Ja, da waren eine Kamera und Darsteller involviert und irgendwann wurde das eingefangene Material dann am Rechner aneinandergeklebt, aber da hat es sich dann auch schon weitestgehen mit den Parallelen. Das hier ist eilig runtergekurbeltes Fast Food in Bildern, das die beiden seit Menschengedenken so gern genommenen Themen „Sex“ und „Gewalt“ auf kürzestem Wege zusammenbringt. Ein paar Mädels, die man möglichweise von diversen amerikanischen Pornodiensten kennt, machen mit und lassen sich von einem unerkannt bleibenden Killer haufenweise Kunstblut in hektisch geschnittenen Bildern übers Dekolleté spritzen, das in der Farbgebung des Films wie besonders trübe Raviolisoße aussieht.

Nach 80 Minuten, die durch die Episodenhaftigkeit des Ganzen noch kürzer wirken, ist DEATH-SCORT SERVICE vorbei und hat seinen bescheidenen Zweck erfüllt. Wie sich Imdb-Rezensenten ehrlich dazu versteigen können, Donohues 1.500-Dollar-Produktion sei „intense horror that will linger longer after the closing credits“ ist mir ein mittelschweres Rätsel. Es wird weder eine Form von Spannung erzeugt, noch entwickelt sich da ein Interesse für die Opfer, die kurz nach ihrem ersten Auftritt auch schon wieder aus dem Weg geräumt werden. Witz oder gar Originalität sind vollkommen abwesend. Nee, nee, DEATH-SCORT SERVICE ist reine Gewaltponografie und als solche von beeindruckender Unprätentiösität. Wenn ich mir sowas anschaue, dann im Rahmen eines Festivals wie des Morbid Movies, wo er als von der Müllkippe gefallene Kuriosität gut ins Beuteschema passte. Ansonsten bitte eher nicht.