Mit ‘Morbid Movies’ getaggte Beiträge

Die Idee des Horror-Amateurfilms ist grundsätzlich eine schöne: unkompromittiert von irgendwelchen äußeren Einflüssen und kommerziellen Erwägungen mit Freunden und Bekannten eine gute Zeit haben, seinem Ding nachgehen, sich ausprobieren, den Vorbildern nacheifern, rumexperimentieren, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Leider geht der Schuss für den Zuschauer, der nicht mit Cast & Crew befreundet ist, meist nach hinten los. Klarer Fall, das Gros der Horror-Amateurfilme ist für den Eigenbedarf gemacht, in dem kühnen Glauben, dass der eigene Spaß sich automatisch auf den Betrachter überträgt. Aber das ist eben nur höchst selten der Fall.

Was mich zu MANIA bringt, dem Werk der Nürnberger Metal- und Horrorfans Alexander Franz und Thomas Herr, das sich wohltuend von der meist traurig-dürftigen Amateurfilm-Realität abhebt. Nicht, weil man hier künftigen Regie-, Drehbuch-, FX- oder Schauspiel-Assen zusehen würde, sondern weil MANIA mit einem sicheren Gespür für Tempo und Timing inszeniert wurde, ohne die in diesem Genre so oft nervtötende Selbstverliebtheit und Maßlosigkeit – fast wie ein „richtiger“ Film. An MANIA ist kein Gramm Fett dran, nach absolut ausreichenden 28 Minuten ist er auch schon wieder vorbei: So verzeiht man dann auch gern den schauspielerischen Dilettantismus, der in dieser Form tatsächlich charmant rüberkommt, weil erst gar nicht versucht wird, ihn zu verbergen. Im Gegenzug lassen Franz und Herr ihren Film aber auch nicht zur ultraironischen Gagparade verkommen, mit der andere versuchen, ihre Unfähigkeit quasi zur Tugend umzuinterpretieren und sich gegen Kritik abzusichern. MANIA ist durchaus ambitioniert erzählt sowie kompetent inszeniert und geschnitten. Man kann der Geschichte folgen, versteht zu jeder Sekunde, was da gerade vor sich geht und bleibt bis zum Ende interessiert am Ball.

Wenn ich zusammenfassen müsste, was MANIA von den etlichen missratenen Filme dieser Couleur unterscheidet: ein sehr realistische Einschätzung der Beteiligten, was sie können und was nicht, und der über allem stehende Wunsch, einen Film zu machen, den man sich nicht nur ansehen mag, weil man mit seinen Machern befreundet ist. MANIA ist witzig, weil er ehrlich und unverstellt ist, und hochsympathisch, weil sich Unzulänglichkeiten und Talent perfekt auspendeln. Die Effekte sind nicht von der irgendwie ekligen Besessenheit, die mir bei den Filmen von Schnaas und Ittenbach immer übel aufgestoßen sind, sondern erinnern eher an die liebevolle Fadenscheinigkeit eines Herschell Gordon Lewis. MANIA ist einfach ein Idealbeispiel für die Do-it-yourself-Mentalität, die den Amateurfilm auszeichnen sollte, es aber viel zu selten tut. Er ist noch kein „richtiger“ Spielfilm, aber nah genug dran, um neben ihm bestehen können.

Wer die sympathischen Franken unterstützen möchte, kann MANIA für einen geringen Unkostenbeitrag auf DVD oder Blu-ray über www.postmortem-productions.de/ oder den Facebook-Account der Jungs bestellen. Als Bonus gibt es neben dem obligatorischen Making-of ein ganz besonders schönes Goodie: das „Original“ von 1995, das dieselben Akteure als damals 13- bis 17-Jährige im Wald gedreht haben und das den Unterschied zwischen „Filmemachen“ und „Filmen“, den ich in diesem Text versucht habe zu skizzieren, sehr schön verdeutlicht. Richtig toll ist die minutenlange Szene, in der die sich gewiss mächtig erwachsen fühlenden Jungs verzweifelt mit einem Feuerzeug am Kronkorken einer Bierflasche vergehen. Da werden wehmütige Erinnerungen wach …

 

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Comfort Food für Geschmacksverirrte und Nostalgiekeule für Menschen, die diesen Film 1970 zum Kassenschlager machten (unter anderen auch mein werter Herr Papa). Warum es in den späten Sechzigern einen kurzen, aber heftigen Boom von Hexenfolterfilmen gab – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL machte den Anfang, seinem Beispiel folgten dann unter anderem Franco mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR und eben Adrian Hoven, der auch noch eine Fortsetzung nachlegte -, dürfte schwer zu erklären sein, genauso wie man sich kaum vorstellen kann, dass ein Kracher solchen Titels damals Scharen deutscher Schaulustiger in die Kinos trieb. Schon die Tatsache, dass HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT über 20 Jahre später, bei seiner Videoveröffentlichung, eine Beschlagnahme einheimste, lässt erahnen, wie sich die Zeiten geändert haben und hatten und dass ein Phänomen wie dieses heute nicht mehr wiederholbar scheint.

Damals aber dachte Adrian Hoven, ehemaliger Frauenschwarm und Star des deutschen Heimatfilms, dass es eine Superidee sei, die historische Realität der Hexenverfolgung, -folterung und -verbrennung als Thema für einen Film zu wählen, der es mit der protokollarischen Schilderung jener vergangenen Zustände etwas weniger ernst nahm als mit der lüsternen Zurschaustellung weiblicher Pein – und er hatte ja Recht mit seiner Vermutung, wie oben erwähnt. HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT ist ein bizarrer Mischling: Der Film ist durchaus aufwändig gemacht, hochkarätig besetzt und sauber inszeniert, kein Vergleich mit dem Billigschrott, den findige Produzenten sonst so auf den Markt warfen und denen es  damit mitunter gelang, ein Mainstreampublikum zu ködern (sofern dieser Begriff vor 40, 50 Jahren überhaupt Sinn machte). Und zwischen all dem geilen Mummenschanz legt er auch die Inquisition als Werkzeug von Willkür, Machthunger und Misogynie unmissverständlich bloß. Wenn das letztlich auch bloß die gute alte Exploitationschule ist:Der gemeine (männliche) Kinogänger konnte damals in geiler Erwartung von nacktem Fleisch und Sadomasochismus in HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT stürzen und dann nach dem Besuch erzählen, er habe einen kritischen Film über die Leichen im Keller der katholischen Kirche gesehen. (Wobei ich bezweifle, dass jemand diese Ausrede wirklich anwendete: Die Menschen dürften damals deutlich weniger blöd und naiv gewesen sein als wir es ihnen zugutehalten.)

Der heutigen Freude tut das alles aber keinen Abbruch. Hovens Film ist einfach zum Liebhaben, eines nicht allzu vieler Beispiele wirklich perfekter deutscher Exploitation, krass, unverschämt, perfide, blutig, sexy, schmuddelig, aber auch wirklich schön anzuschauen. Der ganze Film ist einziger Schauwert, ob das nun die unverwechselbaren Antlitze der Herren Lom, Nalder, Fux und Kier sind, die üppigen Formen der weiblichen Protagonistin Vanessa (Christina Vuco), die fadenscheinigen, aber liebevollen Effekte oder die schönen österreichischen Kulissen. Am tollsten ist Herbert Fux als gut gelaunter Folterknecht, so toll, dass man sich ein Spin-off wünscht, das ihn durch den Arbeitsalltag begleitet. Wunderbar auch die Szene mit der Wasserfolter, bei der Adrian Hoven höchstselbst dem Wahnsinn anheimfällt. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, außer bei mir, denn ich fand HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT auch beim ersten Mal schon super und daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Das Titelthema erinnert übrigens frappierend an jenes aus Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST. Ob sich der gute Riz Ortolani hier inspirieren ließ?

Die Dokumentation SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST war beim letzten Mal eines der Highlights unseres kleinen Festivals des menschenverachtenden Films (wenn auch mit seiner lebensbejahenden Botschaft und liebenswerten Protagonisten streng genommen deplaziert), und auch bei der neuen Ausgabe war der Dokuslot wieder hervorragend (und diesmal absolut stimmig) besetzt: Die Sichtung von Lucifer Valentines BLACK METAL VEINS werde ich so schnell nicht vergessen, was vom Regisseur so auch intendiert war, wie er zu Beginn per Schrifttafel erklärt (also natürlich nicht, dass er wollte, dass ich den Film nicht vergesse, sondern allgemein, is klar?). Über einen Zeitraum von sechs Monaten besuchte er eine Wohngemeinschaft junger Heroin- und Cracksüchtiger, filmte ihren geistigen und körperlichen Verfall sowie ihre Bemühungen, ihr vergeigtes Leben als „gewählt“ zu erklären. Er lässt sich erzählen, warum Heroin und Crack so fantastisch sind, aus welchem Elternhaus sie stammen, was mit ihren Kindern passiert ist, was sie vom Leben und von anderen Menschen halten, und hält voll drauf, wenn sie sich Nadeln in alle möglichen Körperteile jagen, Crack rauchen, ihre diversen Deformationen zeigen, kotzen, wegdösen oder sich gegenseitig fingern und ficken.

Die Protagonisten sind Brad, ein Black-Metal-Musiker, der einmal seine Gebissruine sowie seine grotesk verwachsenen Fußnägel vorzeigt, auf den Drogentrichter kam, als er seiner schwerkranken Mutter die Schmerzmittel klaute und einwarf, und nun langsam aber sicher dem Ende entgegentaumelt. Seine Selbstzerstörung gibt er als eine Art Philosophie aus, mit Vorliebe fingert er eine ebenfalls abhängige Freundin, die sich als Stripperin und Prostituierte verdingt, wenn sie im Heroinrausch auf der Couch döst. Wenn er fertig ist mit ihr, lässt er sie einfach liegen wie eine Puppe. Dann ist da die junge Raven, mit 15 und 17 Mutter geworden, das Sorgerecht natürlich verloren. Die Haut an ihrem Bauch hat sich nach der Schwangerschaft nicht mehr richtig zurückgebildet, hässliche Falten umrahmen ihre Kaiserschnitt-Narbe, ihre Brüste sind wie zwei leere Beutel. Ihr Verfall während des Films ist schrecklich: Die Haare sehen stumpf und strohig aus, sie ist über und über mit Pickeln und Pusteln bedeckt, in ihrer Achselhöhle wächst ein Abszess, wahrscheinlich, wie sie erklärt, weil das Gift in ihrem Körper herumschwebt und einen Ausgang sucht. Sie hat einen Freund, einen Soldaten, der klassische Fall eines bequemen enablers: Er nimmt selbst keine Drogen, versteht auch nicht, warum sie das tut, hängt aber trotzdem mit ihr und ihren Freunden rum, fickt sie einmal als sie vollkommen weggetreten ist. Brad hilft ihm dabei sie in die richtige Position zu legen. Man fragt sich, was jemand an dieser menschlichen Ruine finden kann, wie es ihm überhaupt gelingt, für sie noch eine Erektion zustande zu bringen. Es gibt noch einen Chris, aber der verschwindet nach ca. 20 Minuten aus dem Film. Eine Texttafel erklärt, dass er bei einem fehlgeschlagenen Drogendeal erschossen wurde: in Kopf und Herz.

Am Schluss kommen auch noch Brads Vater und Mutter zu Wort. Er gesteht, seinen Sohn zu lieben, aber er möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und sie ist selbst eine labile, schwerkranke Person, die dem Werdegang ihres Sohnes vollkommen hilflos gegenübersteht, aber ahnt, dass sie ihm vielleicht nicht das richtige Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hat. Die gängigen Erklärungsversuche bleiben aus, man hat eine Ahnung, dass in der Erziehung etwas schwer schief gegangen ist, sieht aber auch, dass das nicht der einzige Grund für diese Komplettverwahrlosung sein kann.Der Film endet mit dem Hinweis, dass Brad nach diversen Überdosierungen in einer psychiatrischen Anstalt gelandet ist, Raven ist möglicherweise tot, vielleicht an einer Überdosis gestorben, während ihr „Freund“ sie vergewaltigte. BLACK METAL VEINS wird da nicht ganz deutlich. Schlechtes Gewissen?

Valentine greift als Regisseur nie sichtbar ins Geschehen ein, er bleibt ein gleichwohl intimer Beobachter, nur ein oder zweimal hört man ihn. Der Film ist visuell sehr einfach gehalten, auf DV gedreht, zweckmäßig in der Optik, aber dafür mitunter sehr rasant geschnitten. Auf der Tonspur gibt es infernalisches Keuchen zu hören, industrielles Dröhnen, Black Metal Ambient gewissermaßen. Valentines Absichten sind eindeutig. Doch neben dem harten, ungeschönten, deprimierenden und zum Teil schlicht abstoßenden Inhalt, der die meisten Drogenfilme in den Schatten stellt, wirft BLACK METAL VEINS auch einige nicht weniger unangenehme Fragen zur Verantwortung und Rolle eines Dokumentarfilmmachers und der Wechselwirkung auf, die zwischen ihm und seinen Objekten besteht. Wenn Valentine den Missbrauch an den bewusstlosen Frauen filmt, fängt er wahrscheinlich einfach nur einen Teil der Lebensrealität in diesem Haushalt ein, aber ein ungutes Gefühl bleibt. Spätestens bei der Vergewaltigung Ravens, die Blut spuckt, während sie von hinten genommen wird, macht sich der Regisseur der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Die Befürchtung, dass die Protagonisten von der Kamera angemacht werden und so angeheizt noch eine Schippe drauflegen, kann nicht vollständig verdrängt werden. Dass für Brad und Konsorten eh jede Hilfe zu spät kommt, sie entschlossenen Schrittes in den Untergang gehen, ist keine Entschuldigung. Aber Valentines fragwürdige Methoden ändern auch nichts daran, dass BLACK METAL VEINS ein erschütterndes, nachhaltig wirkendes Dokument ist. Wer meint, dass Heroinsucht irgendwie heroisch oder gar sexy sei, dass dieser Lebensstil etwas mit selbstbestimmtem Hedonismus zu tun hat, der hat den Schuss nicht gehört. Brad zitiert einmal Aleister Crowleys Leitsatz „Do what thou wilt shall be the whole of the law“, angeblich seine Lebensmaxime. Aber Brad und seine Freunde tun nicht, was sie wollen. Sie tun, was die Droge will. Und sie ist nicht ihr Freund.

Zwei britische Agentinnen werden als Gefangene in das berüchtigte „Love Camp 7“ der Nazis eingeschleust, um dort eine Frau ausfindig zu machen, die wichtige Information gegen die Deutschen hat, und sie nach Möglichkeit zu befreien. Das Lager dient als Bordell, in dem sich die Nazigrößen an den jungen Frauen vergreifen …

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein ganzes, kommerziell zudem durchaaus erfolgreiches Genre von einem kleinen, schundigen Stück Bahnhofskino begründet wird: Lee Frosts LOVE CAMP 7 gilt gemeinhin als Vorreiter der Frauenknast- und Naziploitationwelle, die in den Siebzigerjahren in die Kinos schwappte. Allzu weit entfernten sich die weitaus erfolgreicheren Nachfolger zwar nicht vom Ursprung – will sagen, dass sie alle von gewieften Produzenten initiiert wurden, deren Erfolge nicht zuletzt darauf begründet waren, Filme möglichst billig zu produzieren -, aber LOVE CAMP 7 ist schon ein besonders unverschämtes Teil. Das meine ich nicht so sehr hinsichtlich seiner Gewaltdarstellung oder seiner natürlich höchst fragwürdigen Idee von Entertainment, denn Frosts Film lässt die grafischen Exzesse späterer Werke weitestgehend vermissen und kann durchaus als „zahm“ bezeichnet werden – sofern man diesen Begriff für einen Naziploiter verwenden möchte: Nein, LOVE CAMP 7 ist vor allem unfassbar billig und schäbig. Und das macht ihn auch irgendwie aus.

Die erste Einstellung mag den Londoner Big Ben und die Houses of Parliament zeigen, doch nach diesem opulenten Establishing Shot aus dem Archiv geht es geradewegs in den Schweinetrog. Das Zimmer eines britischen Militärs sieht wie auch das spätere Nazibüro aus, als habe man es in einer besonders hässlichen Garage oder aber im Ed Geins Folterkeller eingerichtet: Der Putz bröckelt von den Wänden, in die Ecken hat sich seit Jahrzehnten kein Mop mehr hin verirrt, Bilder hängen schief, Möbelstücke wurden wahrscheinlich vom einzigen Flohmarkt erworben, der den Hinweis auf die fiesen Krabbeltierchen verdient. Auf dem roten Plüschsofa ist wahrscheinlich mal jemand verendet und wahrscheinlich holten sich die Darsteller, die darauf Platznahmen, die unterschiedlichsten Krankheiten von der Gonorrhoe über Wanzenbisse bis hin zu Blutvergiftung und Meningitis. In ähnlich erbarmungswürdigem Zustand sind auch die Kostüme, da muss man gar nicht erst mit historischer Akkuratesse anfangen, es gibt genug Mängel zu beklagen. Außenszenen gibt es fast gar nicht, Zuschauer mit Hausstaub-Allergie sollten den Film tunlichst meiden. Erstaunlich angesichts der einem ins Gesicht springenden Billigkeit, dass die Damen, die hier geschunden und getriezt werden und natürlich ständig ihre Brüste zur Schau stellen müssen, tatsächlich sehr ansehnlich sind. Sie tun einem hier einfach nur leid und ihre Aufopferungsgabe ist bemerkenswert. Wahrscheinlich haben Sie es positiv gesehen: Nach LOVE CAMP 7 konnte es unmöglich noch weiter bergab gehen.

Ich bin mir nicht nur zuletzt vor dem Hintergrund der derzeitigen Sexismus- und Missbrauchsdebatte bewusst, dass es nicht viele Argumente gibt, mit denen man LOVE CAMP 7 verteidigen kann. Es ist ein spekulativer, voyeuristischer Film, der auf die niedersten Innstinkte lüsterner Kerle abzielt und keinerlei Finessen zu bieten hat. Aber verdammt noch mal, wenn ich nicht meinen Spaß mit diesem unglaublichen Hobel hatte!

 

So ändern sich die Zeiten: Damals war D’Amatos ROSSO SANGUE für mich ein Nägelkauer erster Güte, ein Film, den ich tatsächlich saumäßig spannend fand, während mich andere D’Amatos wahrscheinlich an den Rand des Komas und darüber hinaus getrieben hätte. Heute schaut’s ein bisschen anders aus und ich empfinde seinen Versuch eines „amerikanischen“ Schockers wenn auch beileibe nicht schlecht, so doch durchaus etwas öde in seiner Geradlinigkeit, die wenig Platz lässt für das, was D’Amatos Filme sonst so auszeichnet, und einfach nicht das ist, was er so richtig gut kann.

Es gibt wieder jede Menge selbstzweckhafter Sauereien zu bewundern, wie etwa einen Bohrer oder eine Tischsäge durch einen Kopf und anders als bei ANTHROPOPHAGUS hängen Eastman die Gedärme hier nicht am Ende, sondern schon am Anfang aus der Plauze, aber eigentlich spielt D’Amato hier ein bisschen Hitchcock: Der Film bezieht seine Spannung ganz wesentlich daraus, dass da auf der einen Seite ein junges Mädchen mit einer Behinderung an sein Bett gefesselt ist, auf der anderen ein nahezu unbesiegbares, blutrünstiges Monstrum durch die Landschaft wankt (die offensichtlich in den USA liegen soll, weil alle ständig über ein gerade laufendes Football-Match reden, obwohl man doch deutlich erkennt, dass der Film in Italien gedreht wurde): Es ist klar, worauf das hinauslaufen wird und die Frage, die D’Amato dem Zuschauer aufzwängt, lautet natürlich: Wird es das arme, unglücksselige Mädchen schaffen, sich trotz seiner Behinderung aus dem Bett zu erheben, um dem Monster zu entkommen oder wird es ihm hilf- und schutzlos ausgeliefert sein?

Das ist, wie gesagt, nicht uneffektiv und wird von D’Amato auch mit jener für nervenzerrende Suspense so wichtigen Engelsgeduld und Ausdauer inszeniert, aber für mich scheitert das ganze Konstrukt ein wenig daran, dass die Figur der Mordmaschine letztlich leer bleibt und die Verbindung zu seinem Opfer niemals zwingend ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn D’Amato den Abstraktionsgrad seiner Erotikfilme erreichen würde, aber auch das ist hier nicht der Fall. Im Gegenteil bemüht er sich nach Kräften, den Eindruck klassischen Erzählkinos zu erwecken, aber ohne sich eben die Mühe gemacht zu haben, ein entsprechend konstruiertes Drehbuch mitzubringen.

Ich mag den Film nicht schlecht machen, weil ich ihn, auch wenn es diesmal nicht so richtig geklappt hat, irgendwie mag, ihn auch für einen eher ungewöhnlichen Vertreter des Italo-Horrorfilms jener Tage halte. Als letzter Film an einem durch und durch exzessiven Film- und Feierwochenende musste er auch die schwere Bürde tragen, auf einen schon reichlich vollgesogenen Schwammkopf zu treffen. Beim nächsten mal dann also als Opener.

Der berühmte „Einlauf-Porno“ vom FORCED ENTRY-Regisseur Shaun Costello wurde auch unter dem putzigen Titel SCHPRITZ veröffentlicht: Wehe, wer sich davon täuschen ließ! Wir haben es hier mit einem dreckig-versifften Roughie aus dem New York der Siebzigerjahre zu tun, einer Zeit, als die Stadt noch weit entfernt war von der gentrifizierten Glitzermetropole, vielmehr der Inbegriff des zur Implosion verdammten Molochs, in dem jede der zahlreichen, von allen normalen Menschen längst verlassenen, dunklen Gassen einen sabbernden Vergewaltiger, einen Omas abstechenden Handtaschendieb oder einen im Drogenrausch halluzinierenden Psychopathen barg. Die Stadt, von der man sicher war, dass sie über kurz oder lang zur Hölle gehen würde, dahin, wo sie hingehörte, und wo man einen durchgeknallten Vietnamveteran wie Travis Bickle aus Scorseses TAXI DRIVER, der mit dem Abschaum aufräumt, weil die Polizei mit der Arbeit nicht nachkommt, gut gebraucht hätte. Es ist die Stadt von THE FRENCH CONNECTION, MANIAC, THE EXTERMINATOR, CRUISING, THE DRILLER KILLER, BASKET CASE oder auch NEW YORK CITY INFERNO: Eine dreckige Stadt eben, die nur dreckige Filme hervorbringen konnte.

WATER POWER gilt als der TAXI DRIVER des Hardcore-Porn und er macht Ernst mit Bickles Bild von der Stadt, die ein großer Regen von der Scheiße befreit: Sein Protagonist Burt (Jamie Gillis) beobachtet in einem Bordell, wie ein Einlauf gelegt wird, und geht danach auf große Vergewaltigungstour, das Werkzeug für die gepflegte Arschspülung immer im Anschlag und nie um ein feingeistiges „Du Sau!“ für die zu reinigenden Frauen verlegen. Und so treffen sich dann meist auf halbem Wege spritzendes Sperma und sprotzende Scheiße in einem wahrhaft kathartischen Akt.

Ich habe leider nur noch sehr verschwommene Erinnerungen an WATER POWER – wie immer neigen Nürnberger Cine-Events zum Exzess und das war auch diesmal nicht anders -, aber ich weiß noch, dass mich dieser Film, vor dem ich doch ein wenig Angst hatte, geflasht hat. Kein ganz neues Erlebnis, denn auch diese – am Ende begeisternden – Grenzerfahrungen gehören in Nürnberg dazu. WATER POWER hat zunächst mal natürlich sein unwiderstehliches, oben schon genug gefeiertes Setting, die asoziale Synchro, die gewissermaßen die schrumplige Korinthe auf dem dampfenden Kackhaufen bedeutet, und eben diese Hardcore-Szenen, deren explosiver Charakter kaum in Worte zu fassen ist. Es ist einfach unfassbar räudig, was da passiert, aber Costello findet eben ein filmische Sprache, die das alles in Worte kleidet, die man durchaus „poetisch“ nennen kann – auch wenn man das hier definitiv nicht mit „schön“ gleichsetzen sollte. WATER POWER ist schmutzig, eklig, brutal und voller Hass, aber er ist eben kein Videofilm für die Gorebauern, die sich auch dann noch an abgeschnittenen Gliedmaßen ergötzen, wenn sie dafür bierwänstige Prolos mit Ziegenbart in potthässlicher Digi-Optik durch Omas Schrebergarten in Kauf nehmen müssen. Die Costellos jener längst vergangenen Tage waren eben nicht nur Außenseiter und Provokateure, sie wussten auch, was „Film“ eigentlich leisten kann. Und wie man sprichwörtliche Scheiße in filmisches Gold verwandelt, das lustig sprudelt wie ein fröhlich gluckernder Gebirgsbach.

Man muss über ILSA, SHE-WOLF OF THE SS nicht mehr viel sagen. Edmonds Film hat seinen Status als einer der berühmtesten Vertreter der sogenannten Naziploitation. Er ist weder der beste, gewiss nicht der anspruchsvollste oder gar künstlerischste dieser Gattung, die in den wenigen Jahren ihrer Popularität alles von fordernder Avantgarde (SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA) über aufwändigen Fetischsex (SALON KITTY) bis hin zu schäbigem Schmuddelkram abdeckte, aber vielleicht der berühmteste. Er musste dafür allerdings erst auf Video erscheinen: Seine Kinoveröffentlichung verlief eher unspektakulär, wahrscheinlich war die Konkurrenz an ähnlich niederträchtige Unterhaltung versprechenden Werken auf der 42nd Street in Manhattan einfach zu groß. Aus dem überwiegend europäischen Genre fällt er schon aufgrund seiner kanadischen Herkunft heraus, mehr aber noch, weil er aus dem Schrecken des Dritten Reichs eine grelle Komödie macht, voller markiger Sprüche und markanter Charaktere. Und die auffallendste Figur ist eben Ilsa, von Dyanne Thorne in unnachahmlicher Weise interpretiert.

Edmonds Film orientiert sich lose an Ilse Koch und Irma Grese. Koch ging als „Hexe von Buchenwald“ in die Geschichte einging, weil sie angeblich Lampenschirme aus den Häuten tätowierter KZ-Insassen gemacht hatte – eine Behauptung, die nie stichhaltig bewiesen werden konnte. Im Jahr 1967 nahm sie sich im Alter von 60 Jahren während ihrer lebenslänglichen Haftstrafe das Leben, indem sie sich in ihrer Zelle aufhängte. Grese arbeitete in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz. Sie bekam den Spitznamen „Hyäne von Auschwitz“ oder auch „die schöne Bestie“ und wurde im Alter von nur 22 Jahren zum Tod durch Erhängen verurteilt – bis heute die jüngste Frau, die je unter britischem Gesetz hingerichtet wurde.

Edmonds nutzt diesen wahrhaft grauenerregenden historischen Hintergrund für einen feisten Schwartenkracher, der die realen Naziverbrechen zum Anlass für schenkelklopfenden Humor, krachlederne pseudodeutsche Dialogzeilen, pralle Männerfantasien und Lagermelodram auf Soap-Opera-Niveau nimmt. Das ist alles erwartbar in bad taste und hochgradig zynisch, motivisch mit seiner Sexualisierung von Gewalt auch gar nicht so weit weg von den Ideen Pasolinis, aber letztlich auch ein ziemlicher Spaß. Grund dafür ist neben dem schwungvollen Tempo, das Edmonds anschlägt, Sexszenen, One-Liner und Splatterffekte in schneller Folge auf den staunenden Zuschauer einprasseln lässt, eben genannte Dyanne Thorne, die eine Darbietung für die Ewigkeit abgibt. Sie macht die Ilsa zu ihrer Figur, ganz so, als sei sie für die Rolle geboren worden. Eine andere Darstellerin ist schlichtweg nicht denkbar. Ein Glücksfall für diesen Film, der sein Sparbudget in produktionstechnischer Hinsicht zu keiner Sekunde verleugnen kann, aber in der Besetzung der Hauptfigur einen sensationellen Glückstreffer landete, ohne den er wahrscheinlich niemals diese Berühmtheit erlangt hätte. Sieht wahrscheinlich auch Edmonds so, der über das Drehbuch angeblich einmal gesagt hatte, es sei das „worst piece of shit I ever read“ gewesen.