Mit ‘Martial Arts’ getaggte Beiträge

the foot fist way (jody hill, usa 2006)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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Als Vorbereitung auf die großartige Serie EASTBOUND & DOWN schufen Jody Hill und Danny McBride THE FOOT FIST WAY, „The story of a man who teaches people how to kick other people in the face“. Wie auch bei der Serie über den heruntergekommenen Ex-Baseballstar Kenny Powers, beschränkt sich dieser Film jedoch nicht auf den vordergründigen Witz seiner Prämisse: Hinter dem bisweilen grellen Humor von THE FOOT FIST WAY steckt das schmerzhafte Porträt eines verblendeten Dummkopfes; eines Mannes, der ahnt, das er ein Idiot ist, dem aber schlicht die kognitiven Fähigkeiten fehlen, „besser“ zu werden. Es ist ein Klischee, aber es stimmt tatsächlich, das einem das Lachen hier oftmals im Halse stecken bleibt.

Danny McBride ist Fred Simmons, Tae-Kwon-Do-Lehrer in einer amerikanischen Kleinstadt. Er ist ein Prahlhans von eher minderem Talent, der sein Leben mit nur halb verstandener fernöstlicher Philosophie und der Behauptung körperlicher Disziplin größer und interessanter machen will. Er ist ein Versager, was auch jeder sieht, aber seine Rolle als Lehrmeister verleiht ihm die Autorität, die er eigentlich nicht hat. Sein Beruf ist gewissermaßen ein Live-Rollenspiel: Er füllt eine Rolle aus, die ihm mindestens drei Nummern zu groß ist. Zuhause wird sein Scheitern endgültig evident: Seine platinblonde Gattin Suzie (Mary Jane Bostic) respektiert ihn kein Stück, stellt ihn vor seinen Schülern bloß und schmeißt sich an ihrem Arbeitsplatz jedem an den Hals, der auch nur das geringste Interesse zeigt. Irgendwann platzt der „Meister“ …

Sowohl hier als auch bei EASTBOUND & DOWN wird ein höchst schmaler Grad beschritten: Sich über den Trottel lustig zu machen, ihn von oben hinab mit Spott zu überschütten und ihn mithilfe des Drehbuchs zu demütigen, ist eine Gefahr, der sich die Macher in nahezu jeder Sekunde aussetzen. Und teilweise gelingt es ihnen nicht, zu widerstehen, aber sie fangen das immer wieder auf, indem sie dem Trottel Momente der Klarheit gewähren, in denen er erkennt, wer er ist und seinen Impulsen zuwiderhandelt. Das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil werden THE FOOT FIST WAY und EASTBOUND & DOWN dadurch erst wirklich schmerzhaft und wahr. Hier werden nicht einzelne Charaktere aufs Korn genommen, sondern eine Kultur enttarnt, die Helden verehrt und Größe einfordert, aber ihren weniger begabten Individuen keine Möglichkeit bietet, sie zu zeigen. Was macht man, wenn man wie Fred Simmons dem falschen Glauben aufsitzt, ein Mann müsse in jeder Sekunde seines Lebens der Mack Daddy sein – körperlich und mental stark, selbstbewusst, gutaussehend, viril, intelligent -, aber eben nur ein armer Tropf ist, wenig attraktiv, nicht besonders clever, mit Bierbauch, fliehendem Kinn und ohne Publikum, das ihn feiert?

In THE FOOT FIST WAY gibt es Augenblicke, in denen die Komödie droht, ins Psychogramm zu kippen, meint man, der Film verwandle sich jetzt in jeder Sekunde in eine Variation von HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER. In EASTBOUND & DOWN wird das sauberer gelöst, sind die Übergänge fließender, ist der Gesamtentwurf homogener. THE FOOT FIST WAY lässt noch diese ausgeklügelte Dramaturgie vermissen, was sich auch darin zeigt, dass der Film stilistisch wie ein Homevideo oder eine Doku konzipiert ist, eine Sammlung unverbundener Einzelszenen, willkürlich zusammengestelltes Szenenmaterial. Der daraus resultierende Realismus ist für einen Low-Budget-Film einerserseits eine kluge Entscheidung, aber er macht THE FOOT FIST WAY auch noch deutlich unangenehmer als EASTBOUND & DOWN, die über eine geschliffene Inszenierung und visuelle Gestaltung verfügt und ihre absurderen Einfälle besser integrieren kann. Aber da muss man erst einmal hinkommen. THE FOOT FIST WAY war der nötige Zwischenschritt und ist als solcher absolut sehenswert. Den Humor des Films beschreibt der Witz sehr gut, in dem ein Mann mit einem Messer im Rücken ins Krankenhaus kommt. „Tu es sehr weh?“, fragt ihn eine Krankenschwester. „Nur wenn ich lache“, antwortet der Unglückliche.

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mo (chih-hung kuei, hongkong 1983)

Veröffentlicht: Juli 27, 2017 in Film
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Wenn man einmal in die weite, wundersame Welt des fernöstlichen Genrefilms eingedrungen ist, weiß man, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unser beschränktes westliches Fassungsvermögen weit überfordern. MO bzw. THE BOXER’S OMEN, wie der internationale Verleihtitel lautet, lässt nun selbst die irrwitzigsten, konfusesten, schrillsten und beknacktesten Horrorfilme Hongkong-chinesischer Provenienz wie nüchtern-sachliche Übungen in braver Gediegenheit erscheinen. Superlative sind immer so eine Sache und sie werden umso problematischer, je mehr Erfahrungen man sammelt, aber ich kann mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass MO zu den absolut wahnsinnigsten Filmen zählt, die ich je gesehen habe. Es vergeht kaum eine Szene, ohne dass man sich vor Unglauben die Augen reibt, vor Lachen den Bauch hält oder vor Ekel den Blick abwendet. Meistens sogar alles zusammen in kurzer Abfolge.

MO verbindet Elemente des Martial-Arts- mit jenen des Horrorfilms: Zu Beginn wird ein chinesischer Kämpfer nach seinem Triumph über den bösen Thaiboxer Bu-bo (Bolo Yeung) von diesem noch im Ring zum Krüppel getreten. Chan Hung (Philip Ko), der Bruder des Unglücklichen, fordert den Bösewicht zur Revanche heraus – und hat das Glück, dass er vom Geist eines Shaolin-Mönches dazu auserkoren wird, einen Fluch von ihm zu heben. Nebenbei lernt er diverse Zauberkunststückchen, die ihm auch im Kampf gegen Bu-bo hilfreich sein werden. Nun, es kommt tatsächlich zum großen Fight und Chan Hung triumphiert mithilfe der Magie und übermenschlicher Kräfte trotz fieser Tricks gegen den Schurken – allerdings ist das nicht etwa das Finale des Films, der danach noch eine gute halbe Stunde weitergeht. Es war der Zeitpunkt, wo ich aufgegeben habe, der Geschichte zu folgen und mich stattdessen voller Staunen dem ganzen sich vollziehenden Wahnsinn hinzugeben.

Es wird viel gezaubert in MO und wenn man die Mühe, den Aufwand und die Entbehrungen betrachtet, die die Magier aufbringen, muss man zu dem Schluss kommen, dass Harry Potter und Konsorten verwöhnte Schnösel sind, denen alles in den Schoß fällt. Zauberei in MO bedeutet, dass man mit glibberigen Leichenteilen hantieren muss, manchmal sogar Eingeweide verschlingen, nur um sie wieder auszukotzen und nochmal zu essen. Der Magier zum Beispiel, der den Mönch in einer ellenlangen Rückblende behext, lagert in seinem Keller hunderte von riesigen Tonkrügen, in denen sich die abscheulichen Zutaten befinden, die er benötigt. Die Palette reicht von halb verwesten Schädeln, in denen noch die Glotzaugen stecken, bis hin zu Gekrösepampe, in der die Würmer zucken. Kein Spaß! In einer anderen Zauberszene wird ein Krokodil aufgeschlitzt und eine Mumie hineingelegt, die sich nach ausführlichem Kotzzauber in einer Frau verwandelt. Für dieses Kunststück sind sogar drei Zauberer nötig, die nicht nur eklige Sachen essen, auskotzen und wieder essen, sondern ihre Kotze auch noch an den nächsten weitergeben, der sie seinerseits mit neuen ekligen Leckereien vermengt, auskotzt und weitergibt. Hmjam! Es ist schwierig, einen Höhepunkt zu benennen, denn es gibt keine Normalität in MO, dafür aber bizarre Geburtszenen wie diese: Einem bedauernswerten Tropf wird die Haut abgezogen wie ein Pyjama, woraufhin er sich dann in einem Gummiadern-Anzug auf dem Boden herumwälzt. Dann läuft ihm blauer Schleim zwischen den Beinen heraus und wenig später entsteigen ihm drei Föten samt Gebärmutter, die rasend schnell wachsen und schließlich als Erwachsene der transparenten Hülle entkommen. Und das geht den ganzen Film so!

Ich könnte tatsächlich Seitenmit Beschreibungen der abstrusen Einfälle und kruden Effekte füllen, unbedingt müssten die Auftritte knuffiger Plüsch-Fledermäuse, -Spinnen und -Raupen erwähnt werden oder der fliegende Kopf, aus dessen Halsstumpf die Nervenstränge und Gefäße heraushängen wie Tentakeln (tatsächlich ein „Standard“ des asiatischen Horrorfilms), aber ich denke, der geneigte Leser weiß, worauf ich hinauswill. MO ist ein einmaliges, unvergleichliches Spektakel, von den Shaw Brothers zudem aufwändig produziert, mit tollen Bauten und Settings. Man hat für die seltsame Boxermär keine Kosten und Mühen gescheut und ist für den Showdown sogar nach Nepal gejettet, um ein paar tolle Bilder einzufangen. Hier gilt der überstrapazierte Satz wirklich: Muss man gesehen haben, um es zu glauben.

 

1985 konnte Jackie Chan, gerade 31, bereits auf eine über 15 Jahre dauernde Filmkarriere zurückblicken – seinen ersten Filmauftritt hatte er sogar schon 1962 absolviert, im zarten Alter von acht -, und war in seiner Heimat ein großer Star. Seine Prominenz hatte sich bis in die USA herumgesprochen, wo drei Projekte seine internationale Eignung austesten sollten: Der erste, THE BIG BRAWL, eine Koproduktion, floppte gewaltig, trotz der Regie von Robert Clouse, der wegen ENTER THE DRAGON als Go-to-Guy für Martial-Arts-Filme galt, der zweite, Hal Needhams THE CANNONBALL RUN, war zwar erfolgreicher, aber auch nicht dazu geeignet, den quirligen Chinesen zum Publikumsmagneten zu machen. Der dritte schließlich, James Glickenhaus‘ Versuch eines Crossover-Actioners namens THE PROTECTOR, war ebenfalls eine kommerzielle Enttäuschung, in die Chan allerdings große Erwartungen gesteckt hatte. Der Misserfolg wurmte den ehrgeizigen Chan, der darauf erpicht war, sich als moderner Actionstar neu zu erfinden. Seinen Status hatte er sich mit klassischen Kung-Fu-Filmen erarbeitet, die meist in der Vergangenheit angesiedelt waren, nun wollte er den Sprung in die Gegenwart schaffen. Mit POLICE STORY gelang Chan nicht nur das, er landete im Jahr vor Woos A BETTER TOMORROW auch einen Riesenhit, der den bevorstehenden Paradigmenwechsel vorwegnahm und Maßstäbe hinsichtlich der Actioninszenierung setzte.

POLICE STORY ist immer noch ein Film, der einen den Atem anhalten lässt, weil er auf den Punkt Richtung Non-Stop-Entertainment geschliffen wurde. Die Geschichte ist denkbar einfach, das Drehbuch entfaltet sie in einer ökonomischen Aneinanderreihung von Fights, Verfolgungsjagden und Slapstick-Szenen, ohne jemals eine Pause einzulegen. Ob man den Humor des Films mag – einige geschmacklose Rape-Jokes und eine eher fragwürdige Haltung gegenüber den weiblichen Charakteren des Films gehören dazu -, sei dahingestellt, bewundern muss man die Energie, mit der das alles auf die Leinwand gebracht wird. Es wird immer noch einer draufgesetzt, auch wenn man das nicht mehr für möglich hält. Die berühmte Auftaktsequenz mit der Zerstörung einer ganzen shantytown und der sich anschließenden Verfolgungsjagd gehört zu den besten Actionsequenzen überhaupt, der Showdown in einem mit vielen Glasflächen ausgestatteten Einkaufszentrum zeigt die Luzidität, mit der Chan Fights choreografierte und ablichten ließ. Dass die Inszenierung beinahe schmucklos wirkt, in ihrem Bemühen, dem Zuschauer möglichst gute Übersichtlichkeit und räumliche Klarheit zu bieten, ist eines der großen Missverständnisse, die hinter der heute immer noch handelsüblichen Zerhackung und Verzerrung durch Schnitt und visuelle Effekte verbergen. (David  Bordwell hat mal einen schönen Text über die Actioninszenierung Chans in diesem Film geschrieben.) Von wegen schmucklos: POLICE STORY entwickelt eine Power und Dynamik, die unnachahmlich ist, da schmerzt jeder Hieb noch mehr, jede Glasscheibe kracht lauter als die zuvor. Über die lebensmüden Stunts brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Unter den Einträgen in Chans telefonbuchdicke Krankenakte fanden sich nach POLICE STORY unter anderem schwere Verbrennungen und ein ausgerenktes Becken. Man ächzt, wenn Menschen hier aus dem Fenster krachen, durch Glasscheiben fliegen oder unsanft aufschlagen.

Aber ich mag auch die schon angesprochenen Slapstick-Szenen, weil sie ganz genau dasselbe Genie zeigen. Ein Beispiel ist die Sequenz im Apartement der weiblichen Protagonistin Selina (Brigitte Lin). Sie ist die Freundin des festgenommenden Crimelords Chu Tao (Chor Yuen) und soll gegen ihn vor Gericht aussagen. Entgegen den Beteuerungen der Polizei, dass sie in Gefahr schwebe und sich beschützen lassen solle, verweigert sie die Zusammenarbeit. Ka Kui (Jackie Chan) soll sie heimlich bewachen und sie außerdem dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. Dazu wird ein als Killer verkleideter Kollege in die Wohnung der Frau geschickt, um ihr mächtig Angst zu machen. (Diese Idee spiegelt das durchaus problematische Verständnis von Recht wider, das in dem Film zum Ausdruck kommt.) Der Plan geht so lange auf, bis der vermeintliche Killer niedergeschlagen wird: Ka Kui muss vermeiden, dass sein Plan auffliegt und benutzt den leblosen Körper des Partners nun wie eine Puppe, um den Eindruck zu erwecken, er sei noch bei vollem Bewusstsein. Das Ganze endet schließlich damit, dass Selina flieht, woraufhin auf der Straße eine spektakuläre Keilerei mit den heraneilenden Killern Chu Taos entbrennt. Nahtlos gelingt der Übergang von einer Slapstick-Szene hin zur Action. Wobei eher klar wird, wie eng beides zusammenhängt: Die Körperbeherrschung, die in der Telefonsequenz zum Ausdruck kommt, in der Chan mit mehreren Telefonhörern jongliert, ist dieselbe, die er in die Waagschale wirft, wenn er sich vom Dach eines mehrstöckigen Wohnhauses in einen Swimming Pool stürzt. POLICE STORY ist reine Kinetik, Actionkino in Perfektion.

Chuck Norris vierter Film als Hauptdarsteller (nach HUNG MIAN LAO HU, BREAKER! BREAKER! und GOOD GUYS WEAR BLACK) ist ein furchtbarer Langweiler, der noch einmal verdeutlicht, dass der Actionfilm als eigenständiges Genre erst einige Jahre später entstand und man auch erst in den Achtzigerjahren wusste, was man mit Norris als Hauptdarsteller eigentlich anfangen sollte. Er spielt hier den Karatekämpfer Matt Logan, der von der Polizistin Mandy Rust (Jennifer O’Neill) als Berater in einem Kriminalfall hinzugezogen wird: Mehrere Cops sind in ihren Ermittlungen gegen einen Drogenring durch jemanden ermordet worden, der offensichtlich ein versierter Kampfsportler ist.

Wie viele Proto-Actioner aus den Siebzigerjahren mutet auch A FORCE OF ONE an wie eine überlange Folge einer typischen Fernsehserie aus dieser Zeit. Wenn Erik Estrada als „Ponch“ auf seinem Motorrad vorbeikäme, man würde sich nicht wirklich darüber wundern. Inszenatorisch wie erzählerisch ist Aarons Film bieder, behäbig, ohne jedes Flair oder auch nur eine Idee, wie das handfeste Sujet adäquat in Bilder übertragen werden könnte. Echte Actionsequenzen sind dann auch Mangelware, stattdessen gibt es seifenoperartiges Geflirte zwischen Matt und Mandy, Ermittlungsarbeit, wie sie sich Schulkinder vorstellen, und ein bisschen Papa-Sohn-Sentimentalität zwischen dem Helden und seinem Ziehsohn Charlie (Eric Laneuville). Wenn es dann mal ans Eingemachte geht, spielt sich das Wesentliche im Off ab (Charlies Ermordung) oder wird durch Zeitlupe jeder Dynamik beraubt (Finale). Lustig außerdem, wie ständig ein Riesenbuhei darum gemacht wird, dass da jemand Karate beherrscht. Nicht nur, dass Logan allein durch die Tatsache, Leuten aufs Maul hauen zu können, zum Supermann stilisiert wird: Der Film behandelt die Kampfkunst als rätselhaftes „neues“ Phänomen, das man den Leuten erst noch erklären muss. Und das immerhin ein paar Jahre, nachdem Bruce Lee mit ENTER THE DRAGON zum Superstar geworden war. Chuck Norris‘ Untalent streut weiteren Sand ins Getriebe. Als strahlender, charmanter Held ist er hoffnungslos überfordert. Man tat gut daran, ihn einige Jahre später als schweigsamen, stoischen Klotz zu inszenieren, der mit einem Gesichtsausdruck unaufhaltsam durch seine Filme rollt.

Gibt es irgendetwas Positives über A FORCE OF ONE zu sagen? Eigentlich nicht. Ganz schön fand ich lediglich, wie das kitschige Schlussbild unter den Credits nicht etwa einfriert, sondern bis zum Ende des Films in Zeitlupe weiterläuft, aber wegen eines solchen Einfalls eine Empfehlung auszusprechen, wäre natürlich vermessen. Ich habe mich königlich gelangweilt und bewundere die Chuzpe der deutschen Titelschmiede, die diesem Heuler ernsthaft den Titel DER BULLDOZER gab. Das einzige, was Norris hier plattwalzt, ist die Geduld der Zuschauer.

Ein schurkischer Herr macht zwei seiner Untergebenen zu Krüppeln, um sie für ihre Fehler zu bestrafen: dem einen hackt er beide Arme ab, dem anderen verätzt er die Beine. Ein alter Meister nimmt sich der beiden verfeindeten Männer an, überzeugt sie davon, durch Teambuilding ihre Schwächen zu überwinden, und beginnt schließlich, sie in Kung-Fu auszubilden, damit sie Rache nehmen und den Übeltäter in seine Schranken verweisen können …

Ein Jahr zuvor hatte der große Chang Che mit CAN QUE einen neuen Höhepunkt des „Freak-Fus“ geschaffen, ein Martial-Arts-Subgenre, zu dem auch solche Klassiker wie Ches DU BEI DAO oder Yuen Woo-Pings ZUI QUAN gezählt werden müssen: Es handelt sich um ein Subgenre des Eastern, dessen Protagonisten ihre körperlichen Handicaps in die Stärken einer eigens entwickelten Kampfkunst verwandeln. TIA CAN DI QUE zeigt die Verwandschaft zum Vorbild schon im Titel, setzt dem Werk aus der großen Shaw-Produktionsschmiede aber noch einen drauf: Seine beiden „verkrüppelten Meister“ sind nämlich echt und verdanken ihre Behinderungen nicht irgendwelchen Spezial- und Make-up-Effekten.

Dieses Gimmick ist natürlich das Pfund, mit dem der Film reichlich wuchert: Man muss aber dazu sagen, dass die Kampfszenen sich durchaus sehen lassen können, auch wenn die Überlegenheit der beiden Meister erwartungsgemäß nicht wirklich überzeugend ist. Aber es gibt jede Menge toller und ziemlich unglaublicher Kunststückchen und Einfälle, deren tollste der ist, bei dem sich der Beinlose mittels zweier an seinen Schulterblättern befestigter Haken in einen lebendigen Rucksack des Armlosen verwandelt, und die beiden als Vorläufer des „Master Blasters“ aus MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME die Schurken aufmischen. Die beiden Hauptdarsteller zeigen eine beeindruckende Körperbeherrschung, was auch für ihren Lehrer gilt: Der alte, etwas an einen chinesischen Meister Proper erinnernde Yoga-Meister kann sich wie ein Taschenmesser zusammenfalten und lässt sich dann bequem im Reisegepäck mitnehmen. Dem Vorbild von Liu Chia-Liangs SHAO LIN SAN SHI LIU FANG folgend, beginnt TIA CAN DI QUE mit einer ausgedehnten Studioperformance der drei „Freaks“ , während derer sie ihre besonderen Fähigkeiten schon einmal vorführen dürfen.

Zum Staunen über diese Fähigkeiten gesellt sich während des Films immer wieder handfester Ekel, aber auch Mitleid, das von den haarsträubenden Eskapaden auf der Leinwand hartnäckige Konkurrenz bekommt. Die Behinderungen der Hauptdarsteller sind ziemlich schmerzhaft anzuschauen und erinnern daran, wie sehr sich die Medizin in den vergangenen drei Jahrzehnten weiterenwickelt hat. Der Armlose zeigt auf einer Seite einen grotesk unterentwickelten Überrest eine Hand mit nur noch einem Finger, der während der Fights gruselig herumschlackert, der Beinlose zwei unterentwickelte Unterschenkel und verhornte Knie. Den Vorwurf, die Handicaps seiner Hauptdarsteller als Schauwert auszuschlachten, kann der Film erwartungsgemäß niemals entkräften, selbst wenn er ein Herz für diese Figuren entwickelt und zeigt, dass sie sich trotz ihrer körperlichen Schwächen in der Welt behaupten können. Aber die Naivität, mit der das vonstatten geht, ist schon herzzerreißend: Der Film beginnt mit der „Entarmung“, die der Betroffene hinnimmt wie eine Eins und danach erst einmal in einem Gasthof einkehrt, um sich von dem Schock bei einem Becher Reiswein zu erholen. Warum nach den beiden sauber geführten Hieben auf einer Seite dieser beschriebene Armrest übrigbleibt, darüber schweigt sich der Film beharrlich aus, versucht noch nicht einmal, eine Erklärung dafür herbeizukonstruieren.

Es gibt noch mehr zu lachen: Die Handlung – deren Details ich irgendwann nicht mehr wirklich folgen konnte – dreht sich auch um den Diebstahl kleiner Jadepferde, was dazu führt, dass die Figuren in der deutschen Synchro immer wieder nach „Jadepferdchen“ klagen wie kleine Mädchen, die mit „My little pony“ spielen wollen. Und dass der Bösewicht ca. aber der Mitte des Films einen stattlichen Buckel offenbart, den er am Ende in einer selbsterfunden Kampftechnik (Buckel-Fu?) zum Einsatz bringt, ist auch sehr toll. Die deutsche Fassung lässt im ausgedehnten Showdown eine Szene vermissen, die erklärt, was denn aus dem Yogameister geworden ist, aber der Film kann diesen Verlust ganz gut verkraften, wenn er nicht sogar davon profitiert, fünf bis zehn Minuten kürzer zu sein. Ich finde diese Billigeastern ja immer auch ein bisschen langweilig, weil sie erzählerisch das geistige Niveau von Fünfjährigen anpeilen, aber TI CAN DI QUE entschädigt für manche Redundanz mit seinem absurden Finalkampf, bei dem die beiden Meister des Krüppel-Fus dem Buckelmann ordentlich Monte einpacken.

kickboxer_vengeance_one_sheet_finalAn das Original, einen von Jean-Claude Van Dammes frühen Actionfilmen, kann ich mich nur noch marginal erinnern. Was von dem Film gemeinhin überdauert hat, ist sein Schurke, der damals von Michael Qissi gespielte, mit einem charakteristischen Zopf auf dem rasierten Schädel ausgestattete Tong Po, der sich mit Van Dammes Kurt Sloane ein blutiges Finale mit glassplitterbewehrten Fäusten lieferte.

Das Remake ist der fast 30 Jahre alten Vorlage in liebevoller Treue ergeben: Alain Moussis Held heißt wie Van Dammes Figur von einst Kurt Sloane, David Bautista interpretiert den ohnehin schon überlebensgroßen Tong Po als waren Titanen des kampfsportlerisch Bösen, komplett mit Arena im Nirgendwo, ihn umgebenden Kultisten und geilen Schlampen im Schlafgemach, und die Rachegeschichte wurde nahezu eins zu eins adaptiert (im Orginal wird Kurts Bruder nur querschnittsgelähmt geprügelt, hier stirbt er – was angesichts der Tatsache, dass er von dem vor kurzem tatsächlich verstorbenen Darren Shahlavi gespielt wird, zusätzliche Schwere erhält). Als Schlussgag bekommt Moussi sogar Gelegenheit für eine kleine Tanzeinlage, die per Splitscreen mit Van Dammes Geschwofe von einst parallelisiert wird. Wunderbar!

Es dauert aber eine Weile, bis der Funken überspringt. KICKBOXER: VENGEANCE hat den Look, die Nüchternheit und die Schnitttechnik eines modernen DTV-Actioners und das führt in Verbindung mit der oldschooligen Schmucklosigkeit der Geschichte zu einigen Irritationen. Der Film wirkt zunächst ein bisschen unspektakulär und lieblos, aber das ändert sich spätestens in dem Moment, in dem Van Damme als Trainer Durand auftritt. Mit Hut und Sonnenbrille hat er, wie Vern in seinem Review richtig anmerkt, die Coolness eines Blues- oder Jazzmusikers und bringt dann jenen unverwechselbaren Charakter mit, der dem milchbrötchenhaften Moussi fehlt (ein aber völlig untadeliger Stuntman und Kampfsportler). Auch das ist aber gar nicht unbedingt ein Manko, weil es dem episch ausgewalzten Finale erst die nötige Fallhöhe verleiht. Der Youngster muss eine wahre Passion durchlaufen, bevor sich das Blatt wendet. Die Fights sind, das muss man sagen, grandios: Nicht ganz so virtuos inszeniert wie bei Florentine vielleicht, aber wie bei diesem immer sehr übersichtlich und dynamisch. Stockwell, der Anfang bis Mitte der 2000er mit BLUE CRUSH, INTO THE BLUE und TURISTAS einige Semihits hatte, bevorzugt eine eher trockene Herangehensweise und lässt die Fähigkeiten seiner Darsteller für sich sprechen. Speziell Moussi zaubert einige ungalubliche Kicks aus dem Ärmel, die den Naturgesetzen völlig zuwiderlaufen, meines Erachtens aber tatsächlich ohne irgendwelche Tricks realisiert wurden. Dazu kommen dann liebgewonnene Standards wie die Training-Montage zu motivierender Musik, die frechen Manipulationen des Trainers, ein tumber Sidekick und die unterbelichtete Liebesgeschichte samt Sexszene (mit dicken Brüsten).

Was zum ganz großen Glück fehlt sind ein paar echte eigene Ideen, etwas, das man noch nicht gesehen hat, etwas mehr Aufregung und das Gefühl, das die Macher für ihre Sache brannten. KICKBOXER: VENGEANCE ist eine Nummer zu routiniert für die Riesenbegeisterung und der ultragelangweilte und sinnlose Quasi-Gastauftritt von Gina Carano hilft auch nicht unbedingt. Insgesamt ist der Film aber durchaus ein Gewinn, zumal es ja in den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr allzu viel zu bejubeln gab auf diesem Sektor. Als Produzent fungierte übrigens Dimitri Logothetis, der einst den kreuzöden SLAUGHTERHOUSE ROCK inszeniert hatte und nun das bereits angekündigte Sequel drehen darf. Also ich freue mich drauf!

fliegenden-feuerstuehleMit BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER und Godfrey Hos NINJA THUNDERBOLT haben sich bislang zwei Vertreter des chaotischen und eher preiswerten, um nicht zu sagen „billigen“, Hongkong-Kinos auf die vorderen Plätze meiner bisherigen Jahresliste gekämpft. Die Hoffnung, dass DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE an deren Verstrahltheit würde anknüpfen können, zerschlug sich leider jedoch recht schnell: Stanley Wing Sius Film ist zwar ähnlich entfesselt und wahnsinnig in seiner Aneinanderreihung konfuser Actionszenen, ähnlich mutig und unverdrossen dabei, trotz widrigster budgetärer Bedingungen auf dicke Hose zu machen, aber leider nicht ganz so finessenreich wie die genannten Filme. Seine endlosen Fights zeichnen sich neben der wuseligen Geschäftigkeit eines Ameisenhaufens vor allem durch eine Brachialität aus, die sich mangels entsprechender Resultate aber selbst ad absurdum führt: Ob sich die Kontrahenten mit bloßen Fäusten oder Eisenstangen die Fressen polieren, es macht nicht wirklich einen Unterschied. Ich fand DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE über die volle Distanz dann auch eher ermüdend als wirklich anregend.

Was nicht heißen soll, dass es hier nicht einiges zu entdecken, zu bestaunen und lachen gibt: Die Geschichte um ein ungleiches Brüderpaar und ihre Verwicklung ins desorganisierte Verbrechen und eine Drogengeschichte ist herrlich bescheuert und naiv, als sei das Drehbuch von Achtjährigen im Zuckerrausch geschrieben worden, die Inneneinrichtungen machten auch einem Film von Jürgen Enz alle Ehre, die Musik wurde wieder einmal aus allen Himmelrichtungen zusammengeklaut und die typischen Kapriolen solcher Hongkong-Billigaction lassen die graue Wolkendecke immer wieder aufreißen und für Sekunden die Sonne herabstrahlen. Zeit und Raum verlieren jegliche Bedeutung, wenn ein Schnitt ausreicht, um die Akteure von einer Kiesgrube in einen alten Hafen zu führen, und die Ensthaftigkeit des Ganzen wird immer wieder infrage gestellt, wenn Keilereien kurz unterbrochen werden, damit die Kämpfenden sich einen anderen attraktiven Hintergrund aussuchen können. Der absurde Höhepunkt ist gewiss der Raum, der mithilfe großzügig applizierter Tesafilmstreifen mit grünen Papierbahnen „tapeziert“ wurde, aber die gerahmte Schwarzwaldimpression in Öl und der traurige Plüschpanda, die die mit Requisiten vom Flohmarkt ausgestattete Harz-IV-Empfänger-Bude des Love Interests schmücken, sind auch nicht zu verachten. Gut möglich, dass ich DIE FLIEGENDEN FEUERSTÜHLE unter anderen Umständen richtig toll gefunden hätte; so kann ich nur sagen, dass der sehr putzig aber eben auch eher tendenzstählern ist. „Geil langweilig“, pflege ich so etwas zu bezeichnen.