Mit ‘Martial Arts’ getaggte Beiträge

Während sich seine Kollegen von der singenden Zunft noch in Lustspielen und ähnlichen Klamotten verdingten, z. B. aus der Schmiede der LISA-Film, da wandelte Christian Anders auf den Spuren des damals immer noch schwer angesagten Bruce Lee. Der Karatekämpfer Anders schrieb und inzenierte den vielleicht ersten echten deutschen Kung-Fu-Film – und spielte auch noch die Hauptrolle darin, because who else? Was sich anhört wie ein drogeninduzierter Fiebertraum, kann Menschen, die Anders‘ zweite Regiearbeit kennen, den schier unglaublichen Sektensexfilm TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS, zwar nicht mehr so richtig schocken, aber DIE BRUT DES BÖSEN hat dennoch die Wirkung eines Handkantenschlags gegen den Kehlkopf.

Anders ist Frank Mertens (was wahlweise „Fränk Mertens“ oder „Frank Mörtens“ ausgesprochen wird), Leiter einer Karateschule, die er von seinem weisen Meister Takimura übernahm, nachdem dieser auf mysteriöse Art und Weise ums Leben gekommen war. Die Schüler bewundern ihn und schauen zu ihm auf, vor allem die schöne Ingrid (Maribel Martin), die auch als Sekretärin der Schule fungiert. Doch dann kommt eines Tages der fiese Zweg van Bullock (Deep Roy) des Weges und plant, direkt gegenüber seine eigene Kampfsportschule aufzumachen. Franks Etablissement ist ihm dabei natürlich im Wege, also hetzt der dem Blondschopf seine Häscher auf den Leib. Als alle Versuche nicht fruchten, schickt der Schurke – der natürlich auch für den Tod Takimuras verantwortlich ist – die rassige Cora (Dunja Rajter) vorbei: Frank lässt sich nicht lang bitten: Und sitzt wenig später im Knast, weil man Heroin bei ihm gefunden hat …

DIE BRUT DES BÖSEN wird gegen jede Wahrscheinlichkeit und die Sabotageversuche der Realität von der schieren Willenskraft seines Schöpfers zusammengehalten. Christian Anders legt sich voll ins Zeug, flext die Muckis, wirft böse Blicke, schreit, faucht, keift, spendet Trost, trauert, droppt Wisdom-Bombs auf die andächtig lauschenden Schüler, reißt politisch unkorrekte Zwergen-Sprüche, ist ein guter Kumpel und rastet am Ende schließlich total aus. Das große Vorbild hat er genau studiert, kopiert Lees Trademarks bis ins Detail und kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Sein Film hat einen wunderbar kruden Charme, der nicht zuletzt daher rührt, dass er sich geografisch nicht so recht verorten lässt. Gedreht wurde der Film in Spanien und einmal heißt es auch, man befände sich in Madrid, aber weder nutzt Anders die Kulisse der spanischen Hauptstadt für pittoreske Establishing Shots – was ja durchaus naheliegend gewesen wäre -, noch wird sonst irgendwie auf den Handlungsort eingegangen: Da ist also dieser Deutsche (?) namens Frank Mertens, der ausgerechnet in Madrid die Karateschule eines verstorbenen Japaners betreibt und darüber in Clinch mit dem Inder (?) van Bullock (?) gerät, dessen Reichtum aus nicht weiter spezifizierten Geschäften stammt, wahrscheinlich dem Betrieb einer megaerfolgreichen Kampfsportschule in Belfast. Friss oder stirb. Und man tut es.

Ganz einfach deshalb, weil DIE BRUT DES BÖSEN sich nicht lang mit Kinkerlitzchen aufhält, sondern seine tausendfach erprobte Story zielstrebig, ohne falsche Ambitionen und mit sperrangelweit offenstehendem Hosenlatz abspult. Man ist sich hier wirklich für nichts zu schade, kein Plotbaustein ist zu doof, um ihn nicht auch noch zu verwerten, wenn er denn passt. Warum will van Bullock unbedingt einer Kampfsportschule aufmachen? Warum muss es unbedngt an diesem Ort sein? Egal! Und wenn der Mertensfrank sich weigert, mitzumachen, beschmeißt man ihn einfach mit einem Berg von Geld, den dieser, edelmütig wie er ist, auch noch ablehnt! Bei einer Friedhofskeilerei wird ein bisschen die Nebelmaschine angeworfen, der Showdown spielt im Wald mit Rauschebach. Frank Mertens Schule besteht aus zweieinhalb Zimmerchen, dem Kampfraum, einer Umkleide und einem Bürokabuff. Abends räumt er das Karateequipment weg und baut ein Bettchen auf. Der Eingang ist eine mit den Buchstaben „FM“ beschriebene Doppel-Schwingtür tritt, die mich ein bisschen an das Restaurant aus der Sesamstraße erinnert hat.

Der Hinweis auf die Kindersendung ist eh treffend, weil der Film einer durch und durch kindlichen Logik verpflichtet ist, selbst wenn es um Heroin geht oder van Bullock sich am Hintern der scharfen Cora reibt. Die Moral von der Geschicht ist, dass die Bösen böse sind und deshalb Böses tun und die Guten das Gegenteil davon. Den großen Vorbildern wird mit viel Spucke und Ehrgeiz nachgeeifert, aber was am Ende dabei rumkommt, ist meilenweit daneben. Am meisten gilt das für die Kung-Fu-Fights, die furchtbar unelegant und unbeeindruckend daherkommen und belegen, dass das reine Beherrschen einer Kampfkunst noch nicht ausreicht, sie auf Film adäquat darzustellen. Ob man das auch selbst gemerkt hat? Christian Anders spielt gänzlich ohne Augenzwinkern: zum Glück, denn sein Frank Mertens muss so geradeaus und echt sein wie ein Tritt in die Nüsse, voll brennenden Zorns und mit festem Gerechtigkeitssinn. Aber Deep Roy und Fernando Bilbao, Darsteller von van Bullocks hünenhaftem Gehilfen Komo, lassen stark vermuten, dass die Beteiligten sehr genau wussten, was sie da taten. Besonders ersterer dreht gnadenlos auf und hatte allem Anschein nach viel Spaß daran, einen schön überzeichneten Bösewicht zu geben. In einer meiner Lieblingsszenen versucht Komo, den armen Frank mit einem goldenen Rolls Royce zu überfahren. Unauffälliger geht’s nicht.

Advertisements

Sechs lange Jahre mussten wir auf die Fortsetzung zu UNDISPUTED 3: REDEMPTION warten. Eine elend lange Zeit, in der sich das damals noch florierende DTV-Actionkino stark verändert hat. Das Ende von Blockbuster Video und der Aufstieg von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime Video haben dem klassischen DTV-Film den Gar aus gemacht. Konnten sich Freunde des Actionfilm eine Zeit lang über regelmäßige, tolle Veröffentlichungen freuen, darunter solche Masterpieces wie UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION oder UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING, war auf einmal Schicht im Schacht. Einer der Haupt-Leidtragenden neben dem Fan selbst: Isaac Florentine, der in den 2000er-Jahren zu einem der wichtigsten Action-Auteurs avancierte und anscheinend nichts falsch machen konnte, im Jahrestakt tolle Filme herausbrachte. Zuletzt war damit Feierabend und für BOYKA: UNDISPUTED IV, die heißersehnte Fortsetzung der Reihe um den russischen MMA-Fighter Juri Boyka, wurde dann sogar überraschenderweise ein anderer Regisseur verpflichtet. Würde auch diese Reihe den Weg in die Belanglosigkeit antreten?

Ich freue mich, diese Befürchtung zerstreuen zu können, auch wenn der neueste Teil nicht ganz an die beiden Vorgänger heranreicht. An Todor Chapkanov hat es nicht gelegen: Wie ich aus vertrauenswürdiger, gut informierter Quelle weiß, ist BOYKA: UNDISPUTED IV Florentines Film durch und durch – und das sieht man. (Der vermeintliche „Wechsel“ auf dem Regiestuhl hatte eher buchhalterische Gründe). Wem der immer noch nicht ganz überwundene Brauch, Actionszenen via Schnitt und Wackelkamera zu „authentifizieren“ und zu dynamisieren – was für ein Blödsinn – auf die Nerven geht, der darf frohlocken: Die Fights in BOYKA: UNDISPUTED IV sind wunderbar übersichtlich, in langen Totalen aufgelöst, in der die Artistik und Power der verschiedenen Kämpfer perfekt zum Ausdruck kommen. Dann und wann wird die Geschwindigkeit für besonders spektakuläre Sprünge und Combos heruntergefahren, nur um sofort wieder hochgepitcht zu werden – ein Florentine-typischer Kniff, der nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. Und blutig ist das alles: Hier gibt es kein CGI-Blut, es wird, dem dreckigen Sujet entsprechend, rotes Kunstblut in der Gegend rumgerotzt, dass es nur so spritzt.

Die Story ist einfach, greift den quasireligiösen Erlösungsaspekt, dem auch die beiden vorigen Teile schon verpflichtet waren, erneut auf und begleitet den Protagonisten auf seiner Reise, die ihn zwar immer wieder in die Scheiße führt, ihn aber zumindest spirituell zum Märtyrer reifen lässt. Auf dem Weg zum ersehnten Profikampf muss er nur noch einen Gegner besiegen. Das gelingt ihm zu gut: Das große Ziel vor Augen, schlägt er deinen Konkurrenten tot. Vor dem Turnier, auf das er seit Jahren hinarbeitet, reist er zurück nach Russland, um Alma (Teodora Duhovnikova), die Witwe des Toten, um Vergebung zu bitten. Doch natürlich kommt es anders: Alma, die ein Jugendheim leitet, wird vom fiesen Gangsterboss Zourab (Alon Aboutboul) in dessen schmierigem Etablissement eingesetzt, um ihren Schulden abzuarbeiten – natürlich hofft das Ekelpaket insgeheim darauf, sie auf seine Bettstatt zerren zu können. Boyka verpflichtet sich, in Zourabs Arena anzutreten und Alma so freizukaufen. Wird ihm das gelingen? Und zwar rechtzeitig, um seine große Chance wahrnehmen zu können?

Man ahnt schon früh, dass es damit nichts wird: Dieser Boyka ist nicht für schnöden sportlichen Erfolg gemacht, sondern dazu verdammt, immer wieder durch die Hölle zu gehen, um am Ende einen lediglich moralischen Triumph feiern zu können. Dürfen wir uns als nächstes auf einen weiteren Knastfight-Film freuen? Das Ende legt das sehr nahe, auch wenn es vielleicht an der Zeit scheint, diesen Boyka in den Ruhestand zu schicken. Adkins, der sonst zwar immer sehr sympathisch, aber auch etwas blass agiert, blüht als russischer Kampfkoloss merklich auf, aber seine Figur bietet nicht gerade endlose Möglichkeiten, sie weiterzuentwickeln. Inhaltlich ist das neueste Sequel ein bisschen trister als der bunte, comichafte Vorgänger: Die immergleichen, reichlich eindimensionalen Ostblock-Kotzbrocken geben sich die Klinke in die Hand und machen BOYKA: UNDISPUTED IV zu einer Übung in runterziehendem Misanthropismus. Es fehlt ein bisschen der Lichtstrahl im Dunkel, Farbe, vielleicht auch etwas Witz. Der mit Bane-artigem Maulkorb ausgestattete, hünenhafte Endgegner hätte sich in diese Richtung entwickeln lassen, aber auch der wird lediglich als humorloser Kraftprotz inszeniert. Es regieren Schmerzen, Leid, Schuld, Sühne, russische Akzente und Knasttattoos.

Ich will nicht meckern: BOYKA: UNDISPUTED IV ist eine würdige Fortsetzung, die niemandem, der die bisherigen Teile mochte, ernsthaft missfallen dürfte. Florentine beweist erneut, was er kann und warum der Actionfilm ihn dringend braucht. Aber nach dieser langen Pause hätten ruhig ein wenig mehr Kreativität und Herzblut ins Drehbuch fließen dürfen. Andererseits: Wie viel wäre davon überhaupt im fertigen Film gelandet? Das Budget zu BOYKA: UNDISPUTED IV war dem Vernehmen nach geradezu lachhaft gering und erlaubte – auch im preiswerten Bulgarien – keine großen Sprünge. Vielleicht sollten wir alle einfach dankbar dafür sein, dass es diesen Film überhaupt gibt, anstatt nach dem Haar in der Suppe zu suchen.

 

chocolate (prachya pinkaew, thailand 2008)

Veröffentlicht: Oktober 26, 2017 in Film
Schlagwörter:, , ,

Nachdem er den thailändischen Actionfilm mit ONG-BAK und TOM-YUM GOONG kurzzeitig zum „nächsten heißen Scheiß“ gemacht hatte, drehte Prachya Pinkaew CHOCOLATE. Kaum weniger eindrucksvoll als die Vorgänger, was das Können seiner Protagonistin JeeJa Yanin, die kristallklare Cinematografie und die Lebensmüdigkeit der Stuntmen angeht, konnte CHOCOLATE dennoch nicht an den Erfolg der Vorgänger anknüpfen. Zu sagen, dass seine Regiekarriere danach versandet wäre, kann man zwar nicht gerade behaupten, aber Pinkaew hat es auch nicht geschafft, das Versprechen seiner beiden großen Hits einzulösen: Der einst „neue Stern“ am Actionfilm-Himmel glimmt heute eher unauffällig vor sich hin. Was lief falsch bei CHOCOLATE?

Eigentlich nichts. Und vielleicht war genau das das Problem. Denn Pinkaew liefert mehr von dem, was ihn bekannt gemacht hatte. Zum dritten Mal in Folge bekommt man eine rührselige Geschichte, thailändisches Straßenflair in allerdings geleckter Digital-Optik sowie rasante Kämpfe und irrwitzige Stunts. Im Zentrum diesmal eine weibliche Protagonistin, die damals 24-jährige JeeJa Yanin, als autistische/geistig behinderte Zen, die eine unglaubliche Martial-Arts-Begabung entwickelt und diese nutzt, um den Peinigern ihrer schwerkranken Mutter das Geld abzunehmen, das sie ihr schulden.

Wer ONG-BAK und TOM YUM GOONG mochte, wird auch mit CHOCOLATE etwas anfangen können – aber eben auch dieses leise Gefühl der Unzufriedenheit spüren, das sich breitmacht, wenn etwas die Erwartungen nur noch erfüllt. Zumal, wenn das wie bei Pinkaew nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Aspekte seines Films betrifft. Will sagen: Die erzählerischen Schwächen, die man bei den beiden Vorgängern immer wieder zu Recht kritisierte, wurden hier nicht ausgemerzt. Wieder einmal gibt es ein kitschig-melodramatisches Storygerüst aus der Schublade, das seine Wirkung leider verfehlt und lediglich als Bremse wirkt. Nicht, dass ein Actioner eine komplexe Handlung bräuchte, aber die Archetypen und Standards müssen eben sitzen. Das funktioniert hier nur bedingt: Man nimmt es hin, dass man sich durch eine Exposition auf Soap-Niveau kämpfen muss, um zum „Good Stuff“ zu kommen. Bei ONG-BAK lohnte sich das, weil man etwas geboten kam, das man in dieser Form noch nicht gesehen hatte. Das kann CHOCOLATE leider nicht mehr für sich beanspruchen. JeeJa Yanins Künste sind beeindruckend, die Präzision, Geschwindigkeit und Leichtigkeit ihrer Tritte für Normalsterblich schlicht nicht nachvollziehbar, aber diese Alle-Bremsen-los-Qualität, die Tony Jaa auszeichnete, erreicht sie nicht. Vielleicht ist sie einfach zu gut: Man sieht kaum eine Anstrengung in ihren Kämpfen, das alles scheint ihr zuzufliegen und das sorgt nicht gerade für Spannung. Wenn die Heldin noch nicht einmal außer Puste gerät, warum sich überhaupt Sorgen um sie machen? Erst zum Showdown hin legt Pinkaew eine Schippe drauf, lässt seine Heldin erst einen halsbrecherischen Kampf auf den Simsen zweier gegenüberliegender Häuser absolvieren, stellt ihr dann schließlich einen offenbar unter Krampfanfällen leidenden Gegner gegenüber. Aber auch dieser Fight ist dann irgendwann vorbei und man denkt sich: „OK.“ Das ist für einen Actionfilm schon eine eher verheerende Reaktion.

CHOCOLATE ist keinesfalls schlecht und ich habe auch durchaus meinen Spaß mit ihm gehabt. Aber er ist doch eher was für Zwischendurch, nichts, was einen lange begleitet. Wie Schokolade eben.

 

 

the foot fist way (jody hill, usa 2006)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Als Vorbereitung auf die großartige Serie EASTBOUND & DOWN schufen Jody Hill und Danny McBride THE FOOT FIST WAY, „The story of a man who teaches people how to kick other people in the face“. Wie auch bei der Serie über den heruntergekommenen Ex-Baseballstar Kenny Powers, beschränkt sich dieser Film jedoch nicht auf den vordergründigen Witz seiner Prämisse: Hinter dem bisweilen grellen Humor von THE FOOT FIST WAY steckt das schmerzhafte Porträt eines verblendeten Dummkopfes; eines Mannes, der ahnt, das er ein Idiot ist, dem aber schlicht die kognitiven Fähigkeiten fehlen, „besser“ zu werden. Es ist ein Klischee, aber es stimmt tatsächlich, das einem das Lachen hier oftmals im Halse stecken bleibt.

Danny McBride ist Fred Simmons, Tae-Kwon-Do-Lehrer in einer amerikanischen Kleinstadt. Er ist ein Prahlhans von eher minderem Talent, der sein Leben mit nur halb verstandener fernöstlicher Philosophie und der Behauptung körperlicher Disziplin größer und interessanter machen will. Er ist ein Versager, was auch jeder sieht, aber seine Rolle als Lehrmeister verleiht ihm die Autorität, die er eigentlich nicht hat. Sein Beruf ist gewissermaßen ein Live-Rollenspiel: Er füllt eine Rolle aus, die ihm mindestens drei Nummern zu groß ist. Zuhause wird sein Scheitern endgültig evident: Seine platinblonde Gattin Suzie (Mary Jane Bostic) respektiert ihn kein Stück, stellt ihn vor seinen Schülern bloß und schmeißt sich an ihrem Arbeitsplatz jedem an den Hals, der auch nur das geringste Interesse zeigt. Irgendwann platzt der „Meister“ …

Sowohl hier als auch bei EASTBOUND & DOWN wird ein höchst schmaler Grad beschritten: Sich über den Trottel lustig zu machen, ihn von oben hinab mit Spott zu überschütten und ihn mithilfe des Drehbuchs zu demütigen, ist eine Gefahr, der sich die Macher in nahezu jeder Sekunde aussetzen. Und teilweise gelingt es ihnen nicht, zu widerstehen, aber sie fangen das immer wieder auf, indem sie dem Trottel Momente der Klarheit gewähren, in denen er erkennt, wer er ist und seinen Impulsen zuwiderhandelt. Das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil werden THE FOOT FIST WAY und EASTBOUND & DOWN dadurch erst wirklich schmerzhaft und wahr. Hier werden nicht einzelne Charaktere aufs Korn genommen, sondern eine Kultur enttarnt, die Helden verehrt und Größe einfordert, aber ihren weniger begabten Individuen keine Möglichkeit bietet, sie zu zeigen. Was macht man, wenn man wie Fred Simmons dem falschen Glauben aufsitzt, ein Mann müsse in jeder Sekunde seines Lebens der Mack Daddy sein – körperlich und mental stark, selbstbewusst, gutaussehend, viril, intelligent -, aber eben nur ein armer Tropf ist, wenig attraktiv, nicht besonders clever, mit Bierbauch, fliehendem Kinn und ohne Publikum, das ihn feiert?

In THE FOOT FIST WAY gibt es Augenblicke, in denen die Komödie droht, ins Psychogramm zu kippen, meint man, der Film verwandle sich jetzt in jeder Sekunde in eine Variation von HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER. In EASTBOUND & DOWN wird das sauberer gelöst, sind die Übergänge fließender, ist der Gesamtentwurf homogener. THE FOOT FIST WAY lässt noch diese ausgeklügelte Dramaturgie vermissen, was sich auch darin zeigt, dass der Film stilistisch wie ein Homevideo oder eine Doku konzipiert ist, eine Sammlung unverbundener Einzelszenen, willkürlich zusammengestelltes Szenenmaterial. Der daraus resultierende Realismus ist für einen Low-Budget-Film einerserseits eine kluge Entscheidung, aber er macht THE FOOT FIST WAY auch noch deutlich unangenehmer als EASTBOUND & DOWN, die über eine geschliffene Inszenierung und visuelle Gestaltung verfügt und ihre absurderen Einfälle besser integrieren kann. Aber da muss man erst einmal hinkommen. THE FOOT FIST WAY war der nötige Zwischenschritt und ist als solcher absolut sehenswert. Den Humor des Films beschreibt der Witz sehr gut, in dem ein Mann mit einem Messer im Rücken ins Krankenhaus kommt. „Tu es sehr weh?“, fragt ihn eine Krankenschwester. „Nur wenn ich lache“, antwortet der Unglückliche.

mo (chih-hung kuei, hongkong 1983)

Veröffentlicht: Juli 27, 2017 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Wenn man einmal in die weite, wundersame Welt des fernöstlichen Genrefilms eingedrungen ist, weiß man, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unser beschränktes westliches Fassungsvermögen weit überfordern. MO bzw. THE BOXER’S OMEN, wie der internationale Verleihtitel lautet, lässt nun selbst die irrwitzigsten, konfusesten, schrillsten und beknacktesten Horrorfilme Hongkong-chinesischer Provenienz wie nüchtern-sachliche Übungen in braver Gediegenheit erscheinen. Superlative sind immer so eine Sache und sie werden umso problematischer, je mehr Erfahrungen man sammelt, aber ich kann mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass MO zu den absolut wahnsinnigsten Filmen zählt, die ich je gesehen habe. Es vergeht kaum eine Szene, ohne dass man sich vor Unglauben die Augen reibt, vor Lachen den Bauch hält oder vor Ekel den Blick abwendet. Meistens sogar alles zusammen in kurzer Abfolge.

MO verbindet Elemente des Martial-Arts- mit jenen des Horrorfilms: Zu Beginn wird ein chinesischer Kämpfer nach seinem Triumph über den bösen Thaiboxer Bu-bo (Bolo Yeung) von diesem noch im Ring zum Krüppel getreten. Chan Hung (Philip Ko), der Bruder des Unglücklichen, fordert den Bösewicht zur Revanche heraus – und hat das Glück, dass er vom Geist eines Shaolin-Mönches dazu auserkoren wird, einen Fluch von ihm zu heben. Nebenbei lernt er diverse Zauberkunststückchen, die ihm auch im Kampf gegen Bu-bo hilfreich sein werden. Nun, es kommt tatsächlich zum großen Fight und Chan Hung triumphiert mithilfe der Magie und übermenschlicher Kräfte trotz fieser Tricks gegen den Schurken – allerdings ist das nicht etwa das Finale des Films, der danach noch eine gute halbe Stunde weitergeht. Es war der Zeitpunkt, wo ich aufgegeben habe, der Geschichte zu folgen und mich stattdessen voller Staunen dem ganzen sich vollziehenden Wahnsinn hinzugeben.

Es wird viel gezaubert in MO und wenn man die Mühe, den Aufwand und die Entbehrungen betrachtet, die die Magier aufbringen, muss man zu dem Schluss kommen, dass Harry Potter und Konsorten verwöhnte Schnösel sind, denen alles in den Schoß fällt. Zauberei in MO bedeutet, dass man mit glibberigen Leichenteilen hantieren muss, manchmal sogar Eingeweide verschlingen, nur um sie wieder auszukotzen und nochmal zu essen. Der Magier zum Beispiel, der den Mönch in einer ellenlangen Rückblende behext, lagert in seinem Keller hunderte von riesigen Tonkrügen, in denen sich die abscheulichen Zutaten befinden, die er benötigt. Die Palette reicht von halb verwesten Schädeln, in denen noch die Glotzaugen stecken, bis hin zu Gekrösepampe, in der die Würmer zucken. Kein Spaß! In einer anderen Zauberszene wird ein Krokodil aufgeschlitzt und eine Mumie hineingelegt, die sich nach ausführlichem Kotzzauber in einer Frau verwandelt. Für dieses Kunststück sind sogar drei Zauberer nötig, die nicht nur eklige Sachen essen, auskotzen und wieder essen, sondern ihre Kotze auch noch an den nächsten weitergeben, der sie seinerseits mit neuen ekligen Leckereien vermengt, auskotzt und weitergibt. Hmjam! Es ist schwierig, einen Höhepunkt zu benennen, denn es gibt keine Normalität in MO, dafür aber bizarre Geburtszenen wie diese: Einem bedauernswerten Tropf wird die Haut abgezogen wie ein Pyjama, woraufhin er sich dann in einem Gummiadern-Anzug auf dem Boden herumwälzt. Dann läuft ihm blauer Schleim zwischen den Beinen heraus und wenig später entsteigen ihm drei Föten samt Gebärmutter, die rasend schnell wachsen und schließlich als Erwachsene der transparenten Hülle entkommen. Und das geht den ganzen Film so!

Ich könnte tatsächlich Seitenmit Beschreibungen der abstrusen Einfälle und kruden Effekte füllen, unbedingt müssten die Auftritte knuffiger Plüsch-Fledermäuse, -Spinnen und -Raupen erwähnt werden oder der fliegende Kopf, aus dessen Halsstumpf die Nervenstränge und Gefäße heraushängen wie Tentakeln (tatsächlich ein „Standard“ des asiatischen Horrorfilms), aber ich denke, der geneigte Leser weiß, worauf ich hinauswill. MO ist ein einmaliges, unvergleichliches Spektakel, von den Shaw Brothers zudem aufwändig produziert, mit tollen Bauten und Settings. Man hat für die seltsame Boxermär keine Kosten und Mühen gescheut und ist für den Showdown sogar nach Nepal gejettet, um ein paar tolle Bilder einzufangen. Hier gilt der überstrapazierte Satz wirklich: Muss man gesehen haben, um es zu glauben.

 

1985 konnte Jackie Chan, gerade 31, bereits auf eine über 15 Jahre dauernde Filmkarriere zurückblicken – seinen ersten Filmauftritt hatte er sogar schon 1962 absolviert, im zarten Alter von acht -, und war in seiner Heimat ein großer Star. Seine Prominenz hatte sich bis in die USA herumgesprochen, wo drei Projekte seine internationale Eignung austesten sollten: Der erste, THE BIG BRAWL, eine Koproduktion, floppte gewaltig, trotz der Regie von Robert Clouse, der wegen ENTER THE DRAGON als Go-to-Guy für Martial-Arts-Filme galt, der zweite, Hal Needhams THE CANNONBALL RUN, war zwar erfolgreicher, aber auch nicht dazu geeignet, den quirligen Chinesen zum Publikumsmagneten zu machen. Der dritte schließlich, James Glickenhaus‘ Versuch eines Crossover-Actioners namens THE PROTECTOR, war ebenfalls eine kommerzielle Enttäuschung, in die Chan allerdings große Erwartungen gesteckt hatte. Der Misserfolg wurmte den ehrgeizigen Chan, der darauf erpicht war, sich als moderner Actionstar neu zu erfinden. Seinen Status hatte er sich mit klassischen Kung-Fu-Filmen erarbeitet, die meist in der Vergangenheit angesiedelt waren, nun wollte er den Sprung in die Gegenwart schaffen. Mit POLICE STORY gelang Chan nicht nur das, er landete im Jahr vor Woos A BETTER TOMORROW auch einen Riesenhit, der den bevorstehenden Paradigmenwechsel vorwegnahm und Maßstäbe hinsichtlich der Actioninszenierung setzte.

POLICE STORY ist immer noch ein Film, der einen den Atem anhalten lässt, weil er auf den Punkt Richtung Non-Stop-Entertainment geschliffen wurde. Die Geschichte ist denkbar einfach, das Drehbuch entfaltet sie in einer ökonomischen Aneinanderreihung von Fights, Verfolgungsjagden und Slapstick-Szenen, ohne jemals eine Pause einzulegen. Ob man den Humor des Films mag – einige geschmacklose Rape-Jokes und eine eher fragwürdige Haltung gegenüber den weiblichen Charakteren des Films gehören dazu -, sei dahingestellt, bewundern muss man die Energie, mit der das alles auf die Leinwand gebracht wird. Es wird immer noch einer draufgesetzt, auch wenn man das nicht mehr für möglich hält. Die berühmte Auftaktsequenz mit der Zerstörung einer ganzen shantytown und der sich anschließenden Verfolgungsjagd gehört zu den besten Actionsequenzen überhaupt, der Showdown in einem mit vielen Glasflächen ausgestatteten Einkaufszentrum zeigt die Luzidität, mit der Chan Fights choreografierte und ablichten ließ. Dass die Inszenierung beinahe schmucklos wirkt, in ihrem Bemühen, dem Zuschauer möglichst gute Übersichtlichkeit und räumliche Klarheit zu bieten, ist eines der großen Missverständnisse, die hinter der heute immer noch handelsüblichen Zerhackung und Verzerrung durch Schnitt und visuelle Effekte verbergen. (David  Bordwell hat mal einen schönen Text über die Actioninszenierung Chans in diesem Film geschrieben.) Von wegen schmucklos: POLICE STORY entwickelt eine Power und Dynamik, die unnachahmlich ist, da schmerzt jeder Hieb noch mehr, jede Glasscheibe kracht lauter als die zuvor. Über die lebensmüden Stunts brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Unter den Einträgen in Chans telefonbuchdicke Krankenakte fanden sich nach POLICE STORY unter anderem schwere Verbrennungen und ein ausgerenktes Becken. Man ächzt, wenn Menschen hier aus dem Fenster krachen, durch Glasscheiben fliegen oder unsanft aufschlagen.

Aber ich mag auch die schon angesprochenen Slapstick-Szenen, weil sie ganz genau dasselbe Genie zeigen. Ein Beispiel ist die Sequenz im Apartement der weiblichen Protagonistin Selina (Brigitte Lin). Sie ist die Freundin des festgenommenden Crimelords Chu Tao (Chor Yuen) und soll gegen ihn vor Gericht aussagen. Entgegen den Beteuerungen der Polizei, dass sie in Gefahr schwebe und sich beschützen lassen solle, verweigert sie die Zusammenarbeit. Ka Kui (Jackie Chan) soll sie heimlich bewachen und sie außerdem dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. Dazu wird ein als Killer verkleideter Kollege in die Wohnung der Frau geschickt, um ihr mächtig Angst zu machen. (Diese Idee spiegelt das durchaus problematische Verständnis von Recht wider, das in dem Film zum Ausdruck kommt.) Der Plan geht so lange auf, bis der vermeintliche Killer niedergeschlagen wird: Ka Kui muss vermeiden, dass sein Plan auffliegt und benutzt den leblosen Körper des Partners nun wie eine Puppe, um den Eindruck zu erwecken, er sei noch bei vollem Bewusstsein. Das Ganze endet schließlich damit, dass Selina flieht, woraufhin auf der Straße eine spektakuläre Keilerei mit den heraneilenden Killern Chu Taos entbrennt. Nahtlos gelingt der Übergang von einer Slapstick-Szene hin zur Action. Wobei eher klar wird, wie eng beides zusammenhängt: Die Körperbeherrschung, die in der Telefonsequenz zum Ausdruck kommt, in der Chan mit mehreren Telefonhörern jongliert, ist dieselbe, die er in die Waagschale wirft, wenn er sich vom Dach eines mehrstöckigen Wohnhauses in einen Swimming Pool stürzt. POLICE STORY ist reine Kinetik, Actionkino in Perfektion.

Chuck Norris vierter Film als Hauptdarsteller (nach HUNG MIAN LAO HU, BREAKER! BREAKER! und GOOD GUYS WEAR BLACK) ist ein furchtbarer Langweiler, der noch einmal verdeutlicht, dass der Actionfilm als eigenständiges Genre erst einige Jahre später entstand und man auch erst in den Achtzigerjahren wusste, was man mit Norris als Hauptdarsteller eigentlich anfangen sollte. Er spielt hier den Karatekämpfer Matt Logan, der von der Polizistin Mandy Rust (Jennifer O’Neill) als Berater in einem Kriminalfall hinzugezogen wird: Mehrere Cops sind in ihren Ermittlungen gegen einen Drogenring durch jemanden ermordet worden, der offensichtlich ein versierter Kampfsportler ist.

Wie viele Proto-Actioner aus den Siebzigerjahren mutet auch A FORCE OF ONE an wie eine überlange Folge einer typischen Fernsehserie aus dieser Zeit. Wenn Erik Estrada als „Ponch“ auf seinem Motorrad vorbeikäme, man würde sich nicht wirklich darüber wundern. Inszenatorisch wie erzählerisch ist Aarons Film bieder, behäbig, ohne jedes Flair oder auch nur eine Idee, wie das handfeste Sujet adäquat in Bilder übertragen werden könnte. Echte Actionsequenzen sind dann auch Mangelware, stattdessen gibt es seifenoperartiges Geflirte zwischen Matt und Mandy, Ermittlungsarbeit, wie sie sich Schulkinder vorstellen, und ein bisschen Papa-Sohn-Sentimentalität zwischen dem Helden und seinem Ziehsohn Charlie (Eric Laneuville). Wenn es dann mal ans Eingemachte geht, spielt sich das Wesentliche im Off ab (Charlies Ermordung) oder wird durch Zeitlupe jeder Dynamik beraubt (Finale). Lustig außerdem, wie ständig ein Riesenbuhei darum gemacht wird, dass da jemand Karate beherrscht. Nicht nur, dass Logan allein durch die Tatsache, Leuten aufs Maul hauen zu können, zum Supermann stilisiert wird: Der Film behandelt die Kampfkunst als rätselhaftes „neues“ Phänomen, das man den Leuten erst noch erklären muss. Und das immerhin ein paar Jahre, nachdem Bruce Lee mit ENTER THE DRAGON zum Superstar geworden war. Chuck Norris‘ Untalent streut weiteren Sand ins Getriebe. Als strahlender, charmanter Held ist er hoffnungslos überfordert. Man tat gut daran, ihn einige Jahre später als schweigsamen, stoischen Klotz zu inszenieren, der mit einem Gesichtsausdruck unaufhaltsam durch seine Filme rollt.

Gibt es irgendetwas Positives über A FORCE OF ONE zu sagen? Eigentlich nicht. Ganz schön fand ich lediglich, wie das kitschige Schlussbild unter den Credits nicht etwa einfriert, sondern bis zum Ende des Films in Zeitlupe weiterläuft, aber wegen eines solchen Einfalls eine Empfehlung auszusprechen, wäre natürlich vermessen. Ich habe mich königlich gelangweilt und bewundere die Chuzpe der deutschen Titelschmiede, die diesem Heuler ernsthaft den Titel DER BULLDOZER gab. Das einzige, was Norris hier plattwalzt, ist die Geduld der Zuschauer.