Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.

 

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Vor 20 Jahren versüßte mir dieser in der heimischen Videothek abgegriffene Hobel aus der untersten Schublade manch Dosenbier-getränkte Stunde. Es handelt sich um einen dieser Filme, die ein halbambitionierter Hobbyregisseur wahrscheinlich zusammen mit seinen Kumpels in den Sommerferien im heimischen Forst abdrehte, die dann aber nicht ausschließlich zur eigenen Belustigung auf Privatvorführungen zum Einsatz kamen, sondern auf rätselhaften Wegen tatsächlich einen internationalen Verleih fanden und so arme Seelen rund um den Erdball erreichten. Irgendwie schön.

Die mutig ins Jahr 1920 verlegte Geschichte dreht sich um ein paar Schiffbrüchige, die auf einer einsamen Insel mit den titelgebenden Kreaturen konfrontiert werden, kleinen rothäutigen, langhaarigen Biestern mit weißen Eieraugen und scharfen Zähnen, die sich mit selbstmörderischem Selbstbewusstsein auf die gut fünfmal so großen Eindringlinge stürzen und sie nach und nach dezimieren, bis ein Bötchen vorbeikommt und die beiden letzten Überlebenden aufsammelt.

Man muss die ausufernde, nicht enden wollende Title-Sequenz nicht einmal aufmerksam verfolgen, um zu bemerken, dass hier keine Könner am Werk waren: Alle Namen der Stabsliste tauchen in mehrfacher Funktion auf und das sieht oder hört man dann auch. Die Kameraführung ist rudimentär, der Ton unterirdisch, der Schnitt höchstens zweckdienlich und die Lichtsetzung bestand wohl darin, eine traurige Funzel in die Richtung der „Action“ zu richten. Das Drehbuch kann nicht mehr als zehn Seiten umfasst haben, von denen fünf aus der Regieanweisung „Protagonisten laufen durch den Wald“ bestanden. Wir haben es bei dem markig benannten ATTACK OF THE BEAST CREATURES um einen dieser typischen Wald-und-Wiesen-Filme, bei denen die Laufzeit gnadenlos mit Impressionen aus dem Stadtwald gestreckt wird. Naturfreunde kommen zwar auf ihre Kosten, aber es ist anzunehmen, dass die meisten Menschen weniger als 90 Minuten benötigen, um in der Nähe ihrer Heimstatt einen ganz vergleichbaren, noch dazu authentischen Eindruck von laubtragender Flora zu erhalten. Aber in der heutigen Zeit, in der Filme sich kaum mehr Zeit lassen, sondern hektisch von einer markigen Attraktion zur nächsten hetzen, fungiert ein Werk wie dieses als wohltuender Beruhigungstee. Wer beklagt, dass die Erfahrung der Langeweile  dank ständiger Verfügbarkeit von Unterhaltung der Vergangenheit angehört, der bekommt hier das willkommene Surrogat.

Was natürlich nicht heißt, dass ATTACK OF THE BEAST CREATURES ganz ohne Attraktionen auskommt, aber sie sind großzügig ür die Laufzeit verteilt, sodass man nicht in Stress gerät: Ein armer Tropf, der seinen Kopf gierig in einen erfrischen Bach steckt, muss erkennen, dass dieser kein Wasser, sondern Säure führt. Der obligatorische Misanthrop, der nur an sich denkt, wird wahnsinnig und beginnt zu sabbern, nachdem ihm die Viehcher immer wieder in dieselbe Beinwunde gebissen haben. Eine Frau schnitzt an einem Ast und wird dafür vom Schiffskpaitän gelobt. Ein Dicker stürzt am Ende in einen anderen, ebenfalls angespitzten Stock. Highlight sind aber natürlich die Attacken der Monster, kleiner unbeweglicher Holzpüppchen, die von jenseits der Kamera ins Bild geschmissen werden und die die Schauspieler dann mit großer Inbrunst an ihren Körper drücken und herumschleudern, um den Einruck zu erwecken, es handle sich um aggressive Biester. Die geradezu groteske Langsamkeit des Films schlägt in diesen Szenen regelmäßig ins totale Delirium um, das tatsächlich ungemein ansteckend ist. Man kann sich gut vorstellen, dass der Film eine therapeutische Maßnahme war und die Darsteller Patienten mit Aggressionsproblemen. Sicherlich ging es ihne am Ende der Dreharbeiten besser und ihre Kondition dürfte von der endlosen Lauferei auch profitiert haben. Sehr toll ist auch die große „Enthüllung“ des Films: Nach gefühlt Stunden dauerndem Aufstieg auf einen bescheidenen Hügel erhaschen die verbliebenen Menschen einen Blick auf eine riesige hölzerne Götzenstatue, die von den Beast Creatures angebetet wird. Eine besondere Erkenntnis bringt diese mit bedeuterungsschwangerer Musi unterlegte Szene allerdings nicht, außer jener, dass das in den Siebzigerjahren im Kinderfernsehen aktive grüne Froschwesen namens Plumpaquatsch offensichtlich auch in Connecticut bekannt war.

 

Dieses bizarre Schnittchen Nineties-Mainstream-Splatter wurde soeben in augenbetörender HD-Qualität veröffentlicht – was eine dankbare Gelegenheit bietet, es nach langer, langer Zeit mal wiederzusehen. Unmittelbar nach HALLOWEEN V: THE REVENGE OF MICHAEL MYERS gedreht, bedeutete es auch schon das Ende der Kinokarriere des Schweizers Dominique Othenin-Girard: NIGHT ANGEL genoss einen limitierten Kinostart in den USA, wurde dann, wie auch bei uns in Deutschland, direkt auf Video veröffentlicht. Das ist schade, denn auch wenn sein Horrorfilm, der sowohl den slicken Designersex als auch männermordende, nymphomane Femme fatales von BASIC INSTINCT vorwegnimmt, inhaltlich ganz gut auf Video aufgehoben war, hätten seine Bilder die große Leinwand verdient gehabt.

Ober-Dämonenschlampe Lilith macht sich in Gestalt einer verführerischen, schwarzhaarigen Frau (Isa Jank) an die Redaktion eines Modemagazins heran: Von dessen Titelseiten aus will sie mit ihrem betörenden Blick die ganze Welt unterjochen. Naturgemäß hat sie mit den sexbesessenen Egomanen, die dort arbeiten, leichtes Spiel. Nur Craig (Linden Ashby), der Bruder der Redaktionsleiterin Rita (Karen Black), stellt eine größere Herausforderung dar, hat der sich doch gerade erst in die Schmuckdesignerin Kristy (Debra Feuer) verliebt …

NIGHT ANGEL ist in jeder Hinsicht eine Zeitreise in die frühen Neunziger: Hinsichtlich Kleidung und Frisuren bekommt man hier die volle Breitseite, aber auch der Film selbst entspricht in Look und Feel natürlich den damaligen Konventionen: Der Score orgelt relativ preisgünstig, die Ausleuchtung ist künstlich-bunt, von „echtem“ Horror ist der Film mit seinen Ideen und Gummieffekten (von FX-Wizard Steve Johnson) ziemlich weit entfernt, mehr darauf hinaus, Teenieprächen Stoff zum Schmusen zu bieten. Das einzige, was nicht so ganz ins Bild passt, ist die Thematik selbst. NIGHT ANGEL ist auffallend sleazy: Seine Antagonistin lutscht vor zwei lüstern gaffenden Männern den Schaum von einer Bierflasche, zwingt ihre Eroberung dann zum wilden Sex neben der eigenen Gattin, verwandelt die Redaktion schließlich in eine Horde hungriger Sexzombies, die wie einst in Cronenbergs SHIVERS hinter dem standhaften Heldenpärchen her ist. Auch in der Vorstellung, was „hot“ ist, ist der Film ganz in seiner Zeit verhaftet: Isa Jank interpretiert ihre höllische Hure als glutäugige Zigeunerbraut mit klimpernden Armreifen und ausuferndem Tanzstil, der alle Männer komplett den Verstand verlieren lässt. (Die zauberhafte Debra Feuer muss demgegenüber natürlich „wholesome“ wirken, weshalb ihr Charakter dann auch aus Milwaukee kommt und sie dem Protagonisten nach der obligatorischen Sexszene ihre Liebe gesteht.) Und als Abgesandte des Guten fungiert natürlich eine hutzelige schwarze Oma.

Das ist alles mehr als nur ein bisschen dämlich, eine wenig raffinierte, dafür aber geschäftstüchtige Verquickung von Sex und Horror, der der ganz große Erfolg dann eher versagt blieb. Was wiederum schade ist, denn man kann NIGHT ANGEL gewiss nicht vorwerfen, ohne Stilbewusstsein gemacht worden zu sein. Visuell ist der Film schon ziemlich toll, eine Zelebrierung der oberflächlichen Reize und nächtlichen Irrlichter, die einen so leicht vom Pfad der Tugend abbringen. Und er erinnert einen auch wieder daran, was uns bei heutigen Horrorfilmen mit ihrem color grading und ihrer monochromen Optik verloren gegangen ist.

Wer eine Mission hat, braucht Durchhaltevermögen für entbehrungsreiche Zeiten. Er darf sich nicht entmutigen lassen, auch wenn die Aussichten noch so trostlos sind. Er muss das Ziel immer vor Augen haben, auch wenn es unerreichbar scheint. Und er darf den Glauben an sich und die Richtigkeit seiner Überzeugung nie verlieren. Das gilt für die jugendlichen Protagonisten von FATAL GAMES, jungen Sportlern, die um die Teilnahme an den US-Meisterschaften kämpfen und sich einen Platz bei Olympia erhoffen, mehr aber noch für mich, der sich das Ziel gesetzt hat, alle Slasherfilme der Achtzigerjahre zu schauen und sich deshalb durch Filme wie diesen quälen muss.

FATAL GAMES hat dabei zumindest einmal ein gar nicht so uninterressantes Setting – zumindest im direkten Vergleich mit Dutzenden anderer Slasherfilme. Die Sportakademie und die Ausscheidungskämpfe bringen einen potenziellen zusätzlichen Reiz mit sich und natürlich reichlich Gelegenheit für absurde creative kills. Ich schreibe „potenziell“, denn Regisseur Elliot macht nichts aus den Möglichkeiten und selbst wenn die Speerwurf-Morde noch das beste an dem Film sind, sind sie vor allem eins: redundant. Das jugendliche Hin und Her um strenge Trainer, Eltern, die nicht an die große Sportlerkarriere glauben, und zart blühende Romanzen kennt man aus Tausenden ähnlicher Filme, die das trotzdem weniger formelhaft und gelangweilt abspulten. Und die eigentlich ganz nette Auflösung – SLEEPAWAY CAMP lässt grüßen – kann angesichts der vorangegangenen Tristesse nicht wirklich mit dem Film versöhnen.

Einem Slasherfilm von 1984 vorzuwerfen, er sei ein reines Cash-in, ist zugegebenermaßen etwas albern, aber bei diesem Film kommt die zeitliche Nähe zu den Olympischen Spielen in Los Angeles hinzu: Da war offensichtlich Eile geboten, sodass die eigentlich interessante Idee, die amerikanischen Sportler zu Versuchskaninchen in einem Hormonprogramm zu machen, sträflichst unterentwickelt bleibt. Der Wunsch, mit den „Maschinen“ aus Ostdeutschland und der UdSSR mithalten zu können, treibt die Verantwortlichen an, doch am Ende ist das nicht mehr als ein Subplot, der zu keiner befriedigenden Auflösung kommt und letztlich nur Zeit raubt. Wenn man bedenkt, dass die Russen die Spiele 1984 boykottierten, ist die Referenz sogar ein weiteres Fettnäpfchen, das FATAL GAMES bereitwillig mitnimmt.

Ein psychopathischer Metalsänger, der einst mehrere Menschen umgebracht hatte, kehrt während eines Rockfestivals von den Toten zurück, um seine blutige Tat fortzusetzen und das „Final Girl“ von damals zu töten. Oder ist es doch ein anderer Täter?

Horror und Metal sind auf dem Papier eine gute Kombination: Metal hat seit seinen Anfangstagen mit Black Sabbath eine Affinität zu Schauerromantik und Okkultismus, Heerscharen von Grindcore-, Black-, Thrash-, Death- und Doom-Metal Bands bilden auf Covers horrible Szenen ab, besingen Tötungsarten, Zombieattacken und jahrhundertealte Flüche, widmen ihren Lieblingsfilmen passende Songs oder tummeln sich auf dem Soundtrack. Kein Wunder also, dass mehrere Filmemacher sich während der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre, der kommerziellen und kulturellen Hochzeit des Metal, daran versuchten, beide Genres miteinander zu vermählen: man denke an Titel wie ROCK N‘ ROLL NIGHTMARE, HARDROCK ZOMBIES, BLACK ROSES, TRICK OR TREAT, SHOCK ‚EM DEAD, NEW YEAR’S EVIL, HACK-O-LANTERN oder die NEON MANIACS. Allerdings teilen die meisten dieser Filme (TRICK OR TREAT ist als größere Produktion eine kleine Ausnahme) nicht nur die Affinität zu Metal, sondern auch zu hirnrissigen Plots, Geschmacksverirrung, chargierenden Darstellern und ranziger Rummelplatz-Geisterbahn. Was die Chose natürlich umso liebenswerter macht.

ROCKTOBER BLOOD ist zum Glück keine Ausnahme: In Kollaboration mit ihrem produzierenden Ehemann Ferd „inszeniert“ von der Exploitation-Veteranin Beverly Sebastian (u. a, GATOR BAIT, AMERICAN ANGELS), zeigt ihr Film alle Merkmale, die den „Metal-Horror“ von damals auszeichnen: ein eher rudimentäres Verständnis der Musik und die Auffassung, jedes Metalkonzert sei eine Karnevalsveranstaltung, Hauptdarsteller, die ihren Job nur mäßig beherrschen (mit einer nur in Nuancen variierten Darbietung könnten sie auch als Mitglieder einer New-Wave-Combo durchgehen), heute natürlich wunderbar altmodisch anmutende Musik sowie schrundige „Effekte“, triste Settings und die irgendwie immer mitschwingende Ansicht, diese komische Musik sei vielleicht doch nicht so harmlos.

ROCKTOBER BLOOD ist dabei trotz seiner nun wirklich tausendfach durchgekauten Story so faszinierend unpointiert und ungeschickt gescriptet (?) und in Szene gesetzt, dass man nur staunen kann. Der Psychopath, von dem später steif und fest behauptet wird, er sei tot, verschwindet einfach durch eine Tür, ohne je wieder gesehen zu werden. Die anhaltenden Behauptungen der Protagonistin, er habe sie angegriffen, werden nicht ernstgenommen, obwohl es nachweislich mehrere tote Freundinnen gibt. Die Geheimhaltung der Identität des Killers wirkt sehr pro forma, angesichts der Tatsache, dass man sich gar keine Mühe gibt, auch nur einen zweiten Verdächtigen zu etablieren, und die Auflösung präsentiert dann eine „Überraschung“, die die wahrscheinlich denkfaulste Option darstellt, die eigene Ideenarmut zu kaschieren. Dass ROCKTOBER BLOOD technisch ausgesprochen mäßig und meist ziemlich langweilig ist, muss ich eigentlich nicht noch extra betonen.

Trotzdem ist Beverly Sebastians müder Reißer right up my alley. Er hat diesen unperfekten, amateurhaften und improvisierten Charme, ohne dabei total in die Untiefen des Amateurvideos zu sinken, er ist ein erschütterndes Zeitdokument, mehr als es jeder Musikclip aus dieser Zeit sein könnte, und er ist wirklich herrlich schrundig. Ganz toll ist die obligatorische „Wir-öffnen-das-Grab-des-Mörders-damit-du-weißt-dass-er-tot-ist“-Szene die mit dem Blick auf ein blankgeputztes, perlweißes Skelett mit Stirnband und Glitschwurm endet. Oder natürlich der Höhepunkt, das große Rockfestival, bei dem der zurückgekehrte Killer mit Gruselmaske auf der Bühne festgekettete Schönheiten ermordet und alle denken, dass sei nur ein cooler Effekt. Tray Loren, der Darsteller des Mörders, sieht zwar nicht für zehn Pfennig aus wie ein Metalsänger, aber sein Overacting ist den vollen Eintrittspreis wert, genau wie die zwei, drei feistkreischigen Metalsongs, die in Mangel weiterer Kompositionen rauf- und rutergenudelt werden. Dazu kommen Details, die man als Fan solcher Ware hoffentlich längst in sein Herz geschlossen hat: Aerobic-Einlagen, Bikini-Flecken auf Brüsten und Ärschen, holzvertäfelte „Wellness-Oasen“ mit offen herumliegenden Kabeln, eilig von der Requisite an die Wand getackerte AC/DC-Poster und ins Leere laufende Scares. Ich mag diesen Scheiß.

Wahnsinn, meine Gattin und ich habe es tatsächlich mal wieder in einen aktuellen Film ins Kino geschafft!

Etwas ganz Ähnliches kann man auch über THE MEG sagen, den Riesenhaifilm um den aus einem tiefen Schlummer geweckten Urzeithai Megalodon. Der Film nach einem Roman von Steve Alten sollte bereits vor über zehn Jahren gedreht werden – damals war Jan de Bont als Regisseur im Gespräch – und schlingerte ca. zwei Jahre lang durch die „development hell“, bevor New Line beschloss, das Projekt auf unbestimmte Zeit auf Eis zu legen (hier die entsprechende Nachricht dazu). Haifisch-Film-Fans wie ich dürfen nun frohlocken, denn der in mehrerer Hinsicht reanimierte Hai ist besser, als man es eigentlich erwarten durfte.

Die Handlung ist mehr oder weniger unwichtig: Ein vom unsympathischen Millionär Morris (Rainn Wilson) finanziertes Forschngsteam hat herausgefunden, dass die tiefste Stelle im Meer tatsächlich noch tiefer liegt als angenommen. Der Boden des Mariannengrabens ist nämlich gar kein Boden, sondern eine Art Nebelschicht, unter der sich ein völlig unerschlossenes Ökosystem befindet. Doch das erste Team, das sich in die unbekannten Tiefen begibt, wird sogleich von etwas sehr, sehr großem attackiert und liegt nun hilflos auf dem Meeresboden. Hinzugezogen wird der Rettungstaucher Jonas Taylor (Jason Statham): Der ist nicht nur der Ex-Mann der verunglückten Lori (Jessica McNamee), er hat seinen Job eigentlich an den Nagel gehängt, seitdem er bei der Bergung eines Atom-U-Bootes mit etwas sehr, sehr Großem konfrontiert, danach aber für verrückt erklärt wurde …

Das Wichtigste an einem Film um einen Monsterhai sind natürlich die Haiszenen selbst, die tricktechnisch sehr gut gelungen sind und viel Abwechslung bieten: Es gibt diese ominösen Bilder, in denen sich das Monster langsam aus dem Dunkel des Meeres schält, plötzliche Attacken, kurz vor der Kamera zuschnappende Mäuler, überraschende Sprungangriffe, Asichten der aus der hungrigen Ego-Perspektive, Blicke von oben, die das Ungetüm in voller Größe zeigen, und immer wieder die bedroliche Rückenflosse. THE MEG funktioniert als eine Art Best-of filmischer Haiattacken: Wer sich in den vergangenen 40 Jahren mit gefräßigen Meeresbewohnern und Unterwasser-Expeditionen im Film beschäftigt hat, wird naturgemäß einiges wiedererkennen. Die Ausgangssituation erinnert etwas an Camerons THE ABYSS und wartet mit einem schönen Panorama des neuen Lebensraumes auf. Das Hickhack auf der Forschungsstation kennt man natürlich aus Harlins DEEP BLUE SEA, manche Aufnahme zitiert den seligen JAWS 3-D. Später, wenn es auf die Jagd nach dem Monster geht, erkennt man die Spielereien mit Harpune und Haikäfig aus Spielbergs Klassiker JAWS wieder und sogar der oft verlachte ORCA wird referenziert. Und am Ende, wenn sich der Hai dem beliebtesten Urlaubsstrand der Welt nähert, wird manche JAWS-Einstellung nahezu eins zu eins übernommen.

Dem großen Vorbild kann Turteltaub erwartungsgemäß nicht das Wasser reichen: THE MEG ist Monsterfilm-nach-Zahlen und er begnügt sich damit, bekannte Situationen zu modifizieren und quantitativ einen draufzusetzen: Spielbergs Hai war sechs Meter lang, der Meg misst 20 Meter. Auch die Charaktere sind nicht mehr als hingeworfene Folien, die man sofort in die schon offene Schublade stecken kann und ihre kleinen Problemchen interessieren wirklich niemanden. Aber die Schauspieler machen das beste aus dem eng gesteckten Rahmen und sorgen dafür, dass man am Ball bleibt. THE MEG ist eigentlich eine mit viel Geld aufgeblasene Videopremiere (wenn es sowas denn noch gäbe) und es freut mich immer wieder, wenn solcher Käse mit viel Geld zum Summer-Event-Movie aufgeblasen wird, insofern hat er eh einen Bonus bei mir. Aber auch ohne diesen hätte ich gestern meinen Spaß gehabt.

Übersinnliche Phänomene waren in den Siebzigerjahren bekanntlich der heißeste Scheiß. New Ager entdeckten zwischen der Pediküre und dem Termin mit dem Broker plötzlich ihre „Spiritualität“, träumten vom Eingang ins Nirvana oder hielten sich für die Wiedergeburt eines indischen Teppichknüpfers. Die Zahl der Filme, die in jenen Jahren zu entsprechenden Themen entstanden, ist erstaunlich. Und obwohl die meisten von ihnen thematisch dem Horrorkino verpflichtet sind, haben die wenigsten von ihnen etwas mit Horror zu tun. Das bringt mich zu Thompsons THE REINCARNATION OF PETER PROUD, einem Wiedergeburtsdrama, das sich selbst leider fürchterlich ernst nimmt, aber nicht viel mehr als gepflegte Langeweile produziert.

Der Universitätsprofessor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von rätselhaften Träumen heimgesucht. Sie sind lebensecht, haben mit ihm und seinem Umfeld aber nicht das geringste zu tun. Im furchteinflößendsten Traum wird ein Mann beim Schwimmen von einer Frau namens Marcia erschlagen. Proud sucht einen Parapsychologen auf und begibt sich in Schlaftherapie. Das Resultat ist erstaunlich: Proud träumt gar nicht, vielmehr scheint es sich bei den Bildern, die ihn plagen, um Erinnerungen zu handeln. Er geht auf Spurensuche, landet in einem verschlafenen Städtchen in Neuengland und sitzt dort bald dem Glauben auf, dass er die Wiedergeburt eines gewissen Jeff Curtis ist, der ca. dreißig Jahre zuvor von seiner Gattin (Margot Kidder) erschlagen worden war. Und er ist auf dem besten Wege, sich in Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) zu verlieben …

THE REINCARNATION OF PETER PROUD ist geschliffen und geduldig inszeniert: Die Geschichte schreitet langsam voran, lässt ihren gebildeten Protagonisten nicht zu schnell auf esoterischen Pfaden wandeln. Kurze Inserts nackter Haut, die Proud erträumt, sind das einzige Zugeständnis Thompsons an den Exploitationfilm. Jeff Curtis, das alter ego des Protagonisten, entpuppt sich im weiteren Verlauf des Films als schlimmer Womanizer und Misshandler, ein mieser Karrierist, der damals nur bekommen hat, was ihm zustand. Und Proud scheint sich dann, zumindest in den Augen von Curtis‘ Ex-Frau und Mörderin, tatsächlich als Wiederkehr dieses Bastards zu entpuppen, als er sich an ihre Tochter heranmacht, obwohl er sich doch selbst für ihren spirituellen Vater hält. Natürlich vollzieht sich Prouds Schicksal dann fast exakt so, wie man das erwartet.

Man muss es Thompson zugute halten, dass er der Reinkarnations-Theorie nicht voll erliegt. Bis auf ein paar eher oberflächliche Gemeinsamkeiten haben Proud und Curtis nichts miteinander zu tun, er liebt Ann wirklich und ist weit davon entfernt, jemals gewalttätig zu werden. Aber wenn es in REINCARNATION nur um eine Art self-fulfilling prophecy ihres besessenen Protagonisten geht, stellt sich natürlich die Frage, woher diese Erinnerungen kommen, die sich nur dadurch schlüssig erklären lassen, dass Proud und Curtis etwas teilen. Aber das ist ja nicht unüblich für die übersinnlichen Filme aus jener Zeit: Sie wollen den Kuchen haben und ihn essen. Zeigen, was es für rätselhafte Phänomene zwischen Himmel und Erde gibt, aber sich dennoch das Hintertürchen der Wissenschaft aufhalten. Das finde ich immer schwierig, lasse es mir aber gefallen, wenn es mit einem gewissen Quäntchen Humor einhergeht. Aber davon ist Thompson weit entfernt, lädt alles mit bierernster Schicksalsschwere auf, selbst wenn die gerade 27-jährige Margot Kidder mit grau gefärbten Haaren die Mutter von Jennifer O’Neill spielen muss, die sogar ein halbes Jahr älter war. Bis auf wenige Details tilgt Thompson alles, was seinen Film irgendwie sensationalistisch oder reißerisch machen würde, aber es sind eben diese wenigen noch verbliebenen Details, in denen der Film eigentlich zu sich zu kommen scheint. Am Ende, wenn THE REINCARNATION OF PETER PROUD ganz und gar erwartungsgemäß und ohne echte Überraschung zum Schluss kommt, fühlte ich mich fast ein wenig erleichtert. Wie der T-Shirt- und Jeansträger, der nach dem steifen Geschäftsessen, endlich den Schlips lockern und das Bier aufreißen darf. Thompson musste witzigerweise noch ein wenig auf diesen Moment warten: Er drehte als nächstes das Bronson-Vehikel ST. IVES, in dem der sonst auf grummelige Haudegen abonnierte Star einen wohlhabenden Detektiv im Designeranzu spielte …