Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Vielleicht kann man über THE TALL MAN schreiben, ohne hart zu spoilern. Ich wüsste allerdings nicht wie – und hätte auch gar keine Lust, diesen Text zu schreiben. Wer THE TALL MAN noch nicht kennt und ihn noch sehen möchte, sollte nicht weiterlesen, es sei denn, es macht ihm nichts aus, hier über die größte Enthüllung des Films bereits im Vorfeld in Kenntnis gesetzt zu werden. Wer noch eine Empfehlung benötigt: Ja, der Film lohnt sich, weil er stimmungsvoll und originell ist und zum Nachdenken anregt. Das hat er mit Laugiers MARTYRS gemein, der mich allerdings  thematisch nicht so angesprochen hat wie dieser hier. Ich müsste MARTYRS wahrscheinlich noch einmal sehen, um ihn gerecht zu beurteilen – damals hat mich sein Ende extrem abgetörnt – aber da der Schluss von THE TALL MAN dem von MARTYRS recht ähnlich ist, sehe ich für mich Chancen für den vielerorts enorm gefeierten Film.

THE TALL MAN erinnert zunächst stark an Stephen Kings IT. In der nicht näher lokalisierten ehemaligen kanadischen Bergbaustadt Cold Rock, die nach der Schließung der Mine verfällt und ausstirbt, verschwinden regelmäßig Kinder. Der Volksmund berichtet von einem „tall man“, der sie verschleppe und in die Wälder bringe. Eines Tages trifft dieses Schicksal die Krankenschwester Julia (Jessica Biel), die nach dem Tod ihres Ehemanns dessen Funktion als Arzt des Örtchens übernommen hat: Ihr Sohn verschwindet, wird ihr entrissen von einer in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt, die sie bis in die Wälder verfolgt und erst dann verliert. Der Kriminalbeamte Dodd (Stephen McHattie) findet die verletzte und erschöpfte Frau und bringt sie nach Cold Rock zurück, dessen Einwohner aber keinerlei Mitleid zeigen, sondern sich vielmehr in einer Art Lynchmob gegen die Frau formieren.

Es stellt sich heraus – das ist die große Überraschung des Films, die allerdings schon nach etwa zwei Dritteln der Laufzeit enthüllt wird -, dass Julia mitnichten ein Opfer, sondern der tatsächliche Täter ist: Sie hatte damals gemeinsam mit ihrem Mann begonnen, die Kinder aus den prekären Verhältnissen der in Cold Rock lebenden Familien zu „befreien“, sie zunächst selbst zu versorgen und dann an reiche Familien in der Großstadt abzugeben. Die erschütternde Dystopie des Films zeigt eine durch die Logik des Kapitalismus und Neoliberalismus zerstörte Welt, in der Kinder ihren leiblichen Familien entrissen werden müssen, um ihnen das Leben zu ermöglichen, das sie verdient haben. Aber ironischerweise werden sie dabei selbst zu Produkten, deren Wert und Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird.

Das erschütternde an THE TALL MAN, ist dass er zunächst sehr konsequent die Perspektive der Täterin einnimmt, den Beachter zur Identifikation, Sympathie und Empathie mit bzw. für eine Frau zwingt, die ein schreckliches Verbrechen begeht und sich dabei im Recht fühlt. Und er behält die Nähe zu ihr auch dann noch, wenn es an ihrer Schuld keinen Zweifel mehr gibt. Aber Laugier geht noch weiter: Ihre Überzeugung, den Kindern zu einem besseren Leben verhelfen zu müssen, trifft nicht nur auf sein Verständnis, der größere, dahinter liegende Plan nimmt bis zu den drei letzten gesprochenen Worten des Films gar den Charakter einer Utopie an. Könnte es vielleicht tatsächlich ein Ausweg sein, sozial schwache Familien quasi zu zwangsenteignen und ihre Kinder in bessere Hände zu geben, weil Geld zwangsläufig mit Liebe koinzidiert? Es ist ein schockierender Gedanke, den aufrechtzuerhalten Laugier sich dann doch nicht getraut hat. Aber er kommt ihm verdammt nahe.

Was THE TALL MAN darüber hinaus vermissen lässt, ist eine formale Gestaltung, die es mit seinem provokanten Inhalt aufnehmen könnte. Ich bezweifle auch, dass der Film bei einer wiederholten Sichtung noch etwas zu bieten hat. Er ist ohne Zweifel schön und stimmungsvoll fotografiert, gut gespielt, vor allem von der Hauptdarstellerin, und vielleicht offenbaren sich auch noch ein paar Kniffe, die bei der Erstbegegnung, während der man sich ganz auf die Geschichte konzentriert hat, an einem vorbeigeflogen sind. Aber THE TALL MAN lädt zu Überprüfung nicht unbedingt ein, weil er weder besonders spannend ist noch übermäßige Schauwerte zu bieten hat. Er hat mir gut gefallen, ich halte die Fragen, die er aufwirft, für richtig. Aber es reicht auch, sich einmal mit ihnen zu beschäftigen.

 

Die Schwestern Lisa (Mandy Moore) und Kate (Claire Holt) verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Mexiko. Zwei Typen, die sie während einer durchtanzten Nacht kennen lernen, überreden die beiden dazu, mit ihnen eine Bootstour zu machen, an deren Ende sie sich in einem Haikäfig in Wasser herunterlassen, um die gefräßigen Raubtiere aus nächster Nähe zu beobachten. Lisa ist skepisch, lässt sich aber überreden und natürlich geschieht ein Unglück. Die Winde des maroden Bootes, die den Käfig hält, hat einen Defekt, die beiden Schwestern sinken bis auf den Meeresboden in 47 Metern Tiefe. Der Sauerstoff reicht für eine knappe Stunde, der Weg nach oben wird von den Haien versperrt.

Den Raum extrem zu verengen, die Handlungsoptionen der Protagonisten zu verkleinern, Zeit zu reduzieren: Es ist eine Strategie, die im Genrekino immer wieder gern genutzt wird. Sie ist meistens mit geringeren Kosten verbunden – man benötigt kein aufwändiges Location Scouting, keine Architekten oder Kulissenbauer, fast keine Requisite und noch dazu weniger Darsteller -, gibt dem Filmemacher die Möglichkeit, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren und fungiert im Idealfall als Katalysator für film- und erzähltechnische Innovationen. Der vermeintliche Mangel wird zur Tugend. Nicht wenige Filme dieser Art reiften in den letzten 20 Jahren zu Kassen- oder Festivalhits: CUBE, SAW, UNFRIENDED, BURIED, OPEN WATER, PHONE BOOTH – es ließen sich gewiss weitere finden. Johannes Roberts greift für seinen erfolgreichen Beitrag die bereits leinwanderprobte Faszination für Haie auf und erhöht den Einsatz dadurch, dass seine Protagonistinnen nicht nur auf begrenztem Raum und mit begrenzter Zeit agieren müssen, sondern sich dabei auch noch unter Wasser befinden. Aber hier fangen die Probleme von 47 METERS DOWN auch schon an, denn einen Aspekt, der unter den gegebenen räumlichen Voraussetzungen eigentlich naheliegend gewesen wäre, noch dazu eine spannende Herausforderung für Regie und Darsteller bedeutet hätte, klammert er durch einen Kniff aus, der die Prämisse seines Films von vornherein unterwandert: Er verleiht den beide Schwestern die Technik, die ihnen die verbale Kommunikation unter Wasser ermöglicht.

Jetzt muss ich gestehen, mich mit dem Tauchsport und dem zugehörigen Equipment überhaupt nicht auszukennen, aber ich glaube, dass die allermeisten Taucher mit stinknormalen Taucherbrillen und Mundstück ins Wasser springen und sich demnach mit Handzeichen verständigen. Keine Ahnung, ob es solche Tauchhelme, die die beiden Frauen tragen und die es ihnen erlauben, miteinander zu reden, wirklich gibt, aber ich schätze mal, dass sie nicht Bestandteil der Ausrüstung eines dubiosen mexikanischen Tourineppers wären, der amerikanischen Urlauberinnen 100 Dollar pro Nase dafür abknöpft, sie für ein paar Minuten in seinen rostigen Haikäfig zu stecken. Wie dem auch sei, dass die beiden Frauen in ihrer misslichen Lage dazu befähigt sind, sich miteinander zu unterhalten, raubt ihrer Situation (und dem Film) nicht nur viel klaustrophobisches Potenzial, es macht 47 METERS DOWN mitunter auch zur Belastungsprobe für den Zuschauer, denn die beiden können die Klappe wirklich nicht für 30 Sekunden halten. Das beginnt schon mit ihrer anfangs noch ungetrübten Begeisterung, als sich angesichts um sie herumschwimmender Fische ein Schwall von „awesomes“ über den Betrachter ergießt, und setzt sich dann später fort, wenn eine Panikattacke die nächste jagt, die Damen mit sich selbst sprechen, um sich Mut zu machen, oder auch einfach nur kommentieren, was man ohnehin sieht. Ich sehe ein, dass es enorm schwierig, vielleicht auch kaum weniger anstrengend geworden wäre, wenn Roberts tatsächlich ganz auf Dialoge verzichtet hätte, aber so wirkt 47 METERS DOWN ein bisschen halbherzig. Bezeichnenderweise ist die schönste Sequenz des Films völlig wortlos: Es ist die Schlussszene, wenn die halluzinierende Lisa, die schon davon geträumt hat, wie sie mit ihrer Schwester an die Wasseroberfläche taucht und sich dabei der Haie erwehrt, auf dem Meeresboden „aufwacht“, von stumm heranschwimmenden Tiefseerettern aufgesammelt und dann nach oben, dem Licht entgegen, gebracht wird. Es ist ein visuell aufregender, poetischer und fast avantgardistischer Abschluss eines Films, der zeigt, was drin gewesen wäre, wenn er sich mehr auf seinen Schauplatz und dessen Bedingungen eingelassen und nicht ausschließlich darauf reduziert hätte, die Thrillmaschine am Laufen zu halte.

Ein totaler Reinfall ist 47 METERS DOWN aber trotzdem nicht und wer Sharxploitation genauso liebt wie ich, der wird auch an diesem Film seinen 90-minütigen Spaß haben (auch wenn die – nebenbei gesagt toll aussehenden – Haie nur eine Nebenrolle einnehmen). Das sahen wohl auch die meisten Zuschauer so, denn derzeit läuft ja sogar ein Sequel in unseren Kinos. Ich bin mal gespannt, was sich Roberts dafür hat einfallen lassen, ob er ein paar Schwächen des Vorgängers abschalten konnte und der Erfolg des Vorgängers ihm das Selbstbewusstsein verliehen hat, sich etwas mehr zu trauen.

Im Jahr seines ersten Hardcore-Films zog es Joe Sarno wieder einmal nach Europa, genauer gesagt in die Schweiz, um dort im Auftrag seiner Produzenten einen der damals angesagten Beiträge zur Sexvampir-Welle zu drehen. Dem Ergebnis sieht man an, dass sich der amerikanische Sexfilm-Pionier für solcherlei Gedöns nicht die Bohne interessierte, aber er dachte sich „what the hell“ und lieferte: DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN ist nicht gerade ein Schlüsselfilm im umfassenden Werk des Filmemachers, für Anhänger der Auteur-Theorie wahrscheinlich gänzlich vernachlässigbar, aber wenn man bereit ist, die mitunter hanebüchenen Dialoge, die stark schwankenden Darstellerleistungen, die aus der Not geborenen „Spezialeffekte“ und die ziellos mäandernde, zum Schluss immer redundanter werdende Handlung als Teil des Spiels zu akzeptieren, wird man mit einem visuell mitunter betörenden Werk belohnt.

Die an die Legende der in Jungfrauenblut badenden Elizabeth Bathory wird von Sarno zu einer Vampirgeschichte um Verführung, Kontrollverlust und -behauptung umgedichtet, die ihre zwei bis drei Konfliktsituationen in verschiedenen Konstellationen ad infinitum wiederholt und das alles mit zahlreichen Nacktszenen sowie den barbusig in ihrem Folterkeller zu hypnotischen Trommelrhythmen tanzenden Vampirinnen um die strenge „Haushälterin“, sprich Obervampirin, Wanda Krock (Nadia Henkowa) ergänzt. Zu Beginn kehren sowohl drei hübsche Mädchen – Helga (Marie Forså), Monika (Ulrike Butz) und Iris (Flavia Keyt) – im alten Schloss ein als auch die Aberglaubens-Forscherin Julia Malenkow (Anke Syring) und ihr Bruder Peter (Nico Wolferstetter). Letztere gebe sich als im Regen Gestrandete aus, wollen in Wahrheit aber dem Treiben der Vampire ein Ende setzen. Es beginnt das große Belauern: Die schöne Monika ist eine Wiedergängerin der einstigen Vampirgräfin, darüber hinaus haben es Wanda und ihre Vampirfrauen aber auch auf Helga abgesehen, um erst Peter, dann dessen Schwester unschädlich machen zu können. Durch nächtliche Gesänge und Getrommel werden die armen Mädchen wuschig gemacht, aber immer, wenn es ernst wird, kommt Julia mit ihrem Knoblauchkreuz daher. Am Ende können die Vampirinnen schließlich doch noch besiegt werden und der Film nimmt ein ebenso unsanftes, abruptes Ende wie die diabolische Wanda und die arme Monika.

Das alles ist natürlich totaler Tinnef, dem das nicht vorhandene Budget nicht gerade in die Karten spielt: Ein Angriff von Vampirfledermäusen wird erst ganz ohne solche realisiert, dann mithilfe von als Schattenrisse vor der Kamera rumfuchtelnden Händen. Das ständige Belauern ohne Konsequenz wird zunehmend enervierend, der Film tritt eine gut halbe Stunde lang auf der Stelle und streckt das alles unter Zuhilfenahme der obligatorischen Sex- und Nacktszenen auf die geradezu epische Länge von über 100 Minuten. Was DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN rettet – neben dem Charme, die solche kackdreisten Erzeugnisse ja immer verströmen – sind Sarnos meisterliche Kadrierung, sein Gespür dafür, Gesichter zu inszenieren und die wunderschöne Fotografie von Steve Silverman, der auf eine sehr sinnliche Lichtsetzung bauen kann. Werden „Billigfilme“ dieser Art oft nach dem Motto „Viel hilft viel“ ausgeleuchtet, auf dass die Schlagschatten ihren Tanz aufführen mögen, setzt Sarno auf natürliche Lichtquellen und erzeugt so eine sehr diffuse, weiche Lichtstimmung. Besonders Anke Syring und die zauberhafte Marie Forså profitieren davon und DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gerät mitunter fast zur Liebeserklärung an die beiden Darstellerinnen (eine solche drehte ja auch Jürgen Enz mit seiner HERBSTROMANZE, in der die nun nicht mehr ganz so junge Anke Syring dem FÖRSTER VOM SILBERWALD Rudolf Lenz verfällt). Nadia Henkowa chargiert demgegenüber bis zum Umfallen, hat offenkundig Spaß daran, ihre Nüstern beben zu lassen und geil die Lippen zu schürzen und Sarno dankt es ihr, indem er ihr und ihren markanten Zügen etliche Kinski-Momente beschert. Die Zahl der Szenen, in denen sie von der Seite ins Bild tritt, um einer Schönen mit ihren dunklen Augen und teuflischem Lächeln über die Schulter zu schauen, ist kaum zu zählen. Mir hat DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN gefallen und mich dazu inspiriert, mich endlich mal intensiver mit Sarno zu beschäftigen. Wenn zu seiner formalen Meisterschaft, die er hier zeigt, auch noch etwas inhaltliche Substanz hinzukommt, darf Großes erwartet werden.

Der Dibbuk ist in der jüdischen Vorstellung der Geist eines Verstorbenen, der von einem Lebenden Besitz ergreift. In Wronas drittem und nach seinem Freitod leider auch letztem Spielfilm fährt der Geist eines jüdischen Mädchens in den Körper eines Mannes, der soeben geheiratet hat, verunsichert so die ausgelassen feiernde Hochzeitsgesellschaft, offenbart ein dunkles Geheimnis und treibt einen Keil zwischen die Mitglieder einer polnischen Familie. DEMON ist sehr offenkundig eine Auseinandersetzung mit polnischem Antisemitismus und der Schuld, die auch viele Polen im Zweiten Weltkrieg auf sich luden und als solche gewiss ein Stachel im polnischen Fleisch, denn die offensive Aufarbeitung dieser Schuld lässt bei unseren Nachbarn noch auf sich warten (ich sage das natürlich, ohne erhobenen Zeigefinger, es ist lediglich eine Feststellung). Für ein Land, das zuerst Opfer der deutschen Kriegstreiber war, ist es wahrscheinlich ungleich schwerer, sich einzugestehen, dass nicht das ganze Volk im Widerstand war, sondern es durchaus Menschen gab, die den Nazs zur Seite standen.

Piotr (Itay Tiran), der in Großbritannien aufgewachsen und fremd in Polen ist, reist in das Land seiner Eltern, um dort seine Geliebte Zaneta (Agnieska Zulewska) zu heiraten, die Tochter eines großen Bauunternehmers (Andrzej Grabowski). Von ihm erhält das junge Paar ein altes Landhaus als Geschenk, das die beiden zu renovieren gedenken. Beim Umgraben des Grundstücks vor den Feierlichkeiten macht Piotr aber einen erschreckenden Fund: Er stößt auf die Knochen eines Menschen. Zwar verscharrt er sie sofort wieder, doch auf der folgenden Hochzeitsfeier verhält er sich zunehmend seltsam, bis er schließlich von heftigen Zuckungen befallen wird. Während der Vater versucht, die Gäste bei Laune zu halten und die „Blamage“ zu überspielen, beginnt Piotr Jiddisch zu sprechen und sich als Hanna auszugeben, ein jüdisches Mädchen, das während des Krieges spurlos verschwand.

In den zahlreichen englischsprachigen Reviews von DEMON ist zu lesen, der Film sei zumindest in Teilen eine Komödie, was eine Einschätzung ist, die ich einigermaßen befremdlich finde, denn lustig ist das, was da passiert eigentlich nicht – es sei denn, man findet es ausnehmendkomisch, wie da der schöne Schein vor den Augen der trunkenen Hochzeitsgesellschaft von einem Geist zum Bröckeln gebracht wird. Es überwiegen aber eigentlich Zorn, Fassungslosigkeit oder eben Mitleid, denn für den Zuschauer ist relativ schnell klar, dass das Geheimnis, das da in der Erde vergraben liegt, einen sehr tragischen Hintergrund hat – und Teile der feinen Herrschaften entgegen ihrer Bekundungen ganz genau wissen, was es damit auf sich hat. DEMON erinnerte mich sehr stark an Vinterbergs FESTEN, in dem ebenfalls eine große Familienfeier den Hintergrund für die schonungslose Dekonstruktion einer anscheinend makellosen bürgerlichen Sippschaft liefert. Doch während das Übel dort einen „privaten“ Hintergrund hatte, nämlich in den Beziehungen des Patriarchen zu seinen Kindern zu suchen war, reicht es in DEMON über die im Zentrum stehende Familie hinaus: Der im Raum stehende Mord an einem jüdischen Mädchen steht stellvertretend für die Verbrechen, die polnische Nazi-Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg begingen – in diesem Fall noch dazu aus rein materiellen Gründen. Das Haus, das der Vater seiner Tochter und seinem Schwiegersohn so großzügig vermacht, gehörte ursprünglich nämlich nicht ihm. Wrona formuliert das alles nicht bis ins letzte Detail aus und belässt vieles vage, aber es scheint doch einigermaßen klar, dass die Familie einen Teil ihrer Reichtümer im Krieg unrechtmäßig erwarb, um es freundlich auszudrücken.

DEMON sieht fantastisch aus mit seinen in erdige Braun- und Goldtöne gehüllten Bildern, die zum Ende hin immer kälter werden, und verfügt zudem über hervorragende Hauptdarsteller und ein nuanciertes Drehbuch, aber er ist leider nicht besonders überraschend. Kennt man Vinterbergs Dogma-Klassiker, kommt einem vieles sehr bekannt vor, und die Durchschlagskraft, die DEMON für polnische Zuschauer ganz sicher haben mag, blieb für mich als deutscher Zuschauer, der sich bereits oft mit unserem speziellen Beitrag zur Geschichte auseinandersetzen musste, eher aus. So steht am Ende ein Film, den ich als „gut“ bezeichnen würde, ohne von ihm tatsächlich in Begeisterung versetzt worden zu sein.

Unser Familien-Halloween-Film: Roald Dahls doch ganz schön fieses Kinderbuch habe ich noch vor wenigen Jahren regelmäßig meiner Tochter vorgelesen – sie konnte nicht genug davon bekommen, hatte aber seltsamerweise keine Angst davor. Das war gestern ein bisschen anders, denn das meiste hatte sie längst vergessen und das schöne Hexen-Make-up für Anjelica Huston sowie der fehlende Finger der lieben Oma verfehlten ihre Wirkung nicht. Am Ende überwog aber dann doch die Begeisterung und Freude, die niedlichen Mäuschen haben sicher auch nicht geschadet und im Gegensatz zu meiner Gatti und mir, die ob des furchtbar aufgesetzten, von Roeg mit sichtbarem Widerwillen inszenierten Happy Ends mit der Nase rümpften, waren die beiden glücklich, dass der kleine Luke (Jasen Fisher) von seinem Fluch befreit wird – Roald Dahl hatte in seinem Buch natürlich auf einen solchen Rückzieher verzichtet. Dabei eignen sich Dahls Bücher und Geschichten auch ohne Modifizierungen wunderbar für Verfilmungen: Neben seinen wilden, makabren Ideen und den lebhaften Beschreibungen, die geradezu danach schreien, in Film übersetzt zu werden (meist liefert er oder ein anderer Zeichner die passenden Illustrationen direkt mit), bringt er auch schon eine ideale Zuschauerperspektive mit, indem er dem Leser den Blickwinkel der Kinder auferlegt. Mit Nicolas Roeg und Jim Henson haben sich dann auch genau die richtigen dieses schönen Stoffes angenommen: Künstler, die in Bildern denken, ihre Inspiration aus Märchen und Träumen beziehen, dabei aber auch immer wieder in die beunruhigenden Tiefen des Unterbewusstseins vordringen, unsere Dämonen in Bann schlagend.

THE WITCHES ist eine Geschichte um den lauernden Tod, der besonders Kinder werbend umgarnt: In Norwegen berichtet Oma Helga (Mai Zetterling) ihrem Enkel Luke von Hexen, die vor dene sich Luke in Acht nehmen müsse, von den schrecklichen Dingen, zu denen sie in der Lage sind und woran man sie erkennt. All das Wissen nützt dem Jungen nichts, als er nach dem Unfalltod seiner Eltern im gemeinsamen England-Urlaub mit der Oma mitten in eine Versammlung britischer Hexen stolpert, in der die Oberhexe (Anjelica Huston) von ihren Plänen berichtet, alle Kinder mittels eines Zaubertrankes in Mäuse zu verwandeln. Nachdem sie das Mittelchen am verfressenen Bruno (Charlie Potter) getestet hat, wid auch Luke verwandelt. Doch er und Bruno können als Mäuse entkommen und schmieden zusammen mit der Oma einen Racheplan.

THE WITCHES ist tatsächlich ein Glücksfall, vereint alle Stärken von Dahls Buch und belebt dessen wilde Geschichte mit großem Drive, geschäftigem Slapstick, pointierten, temporeichen Dialogen, tollen Performances und natürlich den fantasievollen Effekten aus Henson Effektlabor. Dreh- und Angelpunkt ist wie im Buch die lange Sequenz im Tagungsraum, die die fantastische Huston für eine wahre Demonstration ihrer Kunst nutzt. Ihre Oberhexe ist für die Ewigkeit, voller Autorität, sadistischer Boshaftigkeit, aber auch jeder Menge dunklen Sex Appeals. Und die Schauspielerin genießt es, diese tolle Figur mit raumgreifenden Szenen, diabolischem Charme und arrogantem, lustvollem Funkeln in den Augen zum Leben zu erwecken, während um sie herum ein ganzer Saal glatzköpfiger Hexen vor Begeisterung gackert. (Den Pfiff des Films erkennt man in dem ebenso einfachen wie wunderbaren Einfall, einen Teil der Hexen von Männern spielen zu lassen.) Für Witz sorgen auch Rowan Atkinson als großtuerischer, letztlich aber duckmäuserischer Hoteldirektor, dessen Betrieb zu seinem großen Entsetzen im Chaos versinkt, als sich die versammelten Hexen unter großem Gekreisch in Mäuse verwandeln und die restlichen Gäste in Panik versetzen, sowie Bill Paterson als desinteressierter Vater Brunos, der ständig seine Verachtung für das unter seiner Würde liegende Hotel zum Ausdruck bringt. Mai Zetterling kommt als fürsorglicher Oma der Part zu, den Film mit einer geerdeten Performance zusammenzuhalten; eine Aufgabe, die sie mit Bravour meistert. Und Roeg wahrt mit ihr zusammen auch in den traurigeren Momenten des Films die Dahl’sche Zurückhaltung, ersäuft ihn niemals in Gefühlsduselei, Sentimentalität oder Pathos. Leider konnte er sich offensichtlich nicht gegen seine Produzenten durchsetzen, als diese auf ein wirklich saudummes, weil komplett unmotiviertes Happy End bestanden. Wie aus dem Nichts taucht eine der Hexen, die Lukes Giftanschlag entgangen war, bei ihm auf und verwandelt ihn in einen Menschen zurück. Warum sie das tut, bleibt völlig ungeklärt – das ganze Ende gründet sich ausschließlich auf dem Irrglauben, alles müsse immer gut enden – vor allem in einem Kinderfilm – und das schließe einen Jungen, der sein Dasein als Maus fristen muss, automatisch aus. Aber auch dieser Sabotageakt kann THE WITCHES nichts anhaben, was ein weiterer Beleg für seine Klasse ist.

schönheit fürs regal

Veröffentlicht: Oktober 29, 2019 in Film
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JEEPERS CREEPERS, den Überraschungs-Horrorhit von 2001, gibt es in neuer HD-Abtastung mit 150 Minuten Bonusmaterial inklusive Booklet von mir via Koch Media als schickes Mediabook zum käuflichen Erwerb für jedermann. Wie meine Leser wissen, stammt der Film vom nicht unumstrittenen (mein Euphemismus der Woche) Victor Salva. Ich habe seine persönlichen Obsessionen in meinem Text nicht weiter behandelt – das Thema ist mir definitiv zu heiß. Aber ich habe in Vorbereitung für meinen Essay jede Menge kruder Kommentare gelesen, die mich am gesunden Menschenverstand wieder einmal zweifeln ließen. Nur so viel: Wenn ein Mann seine sexuellen Vorlieben noch nicht einmal in verklausulierter Form in einem Film behandeln darf, ohne dass irgendwelche Moralapostel den Untergang des Abendlandes wittern, wo soll er denn dann damit hin? Meiner Meinung führt diese Verteufelung letztlich genau zu dem, was diese selbsternannten Hüter des Anstands eigentlich verhindern wollen: echten Verbrechen. Nuff said.

the purge (james demonaco, usa 2013)

Veröffentlicht: Oktober 27, 2019 in Film
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THE PURGE, der es mittlerweile auf drei Fortsetzungen sowie eine TV-Serie brachte (ein weiteres Sequel ist in Planung), verschwendet eine potenziell nicht uninteressante dystopische Idee für einen müden Home-Invason-Thriller, der zugunsten von abgedroschenen Klischees davor zurückscheut, die wirklich schmerzhaften Fragen zu stellen.

Einmal im Jahr wird in den USA die große „Säuberung“ ausgerufen. Eine Nacht lang wird das Gesetz aufgehoben und Menschen können ungestraft ihren niedersten Instinkten nachgeben, sprich morden, rauben, vergewaltigen, plündern, zerstören und brandschatzen. Die Säuberung wurde eingeführt, um explodierenden Verbrechenszahlen Einhalt zu gebieten und eine Ordnung dadurch wiederherzustellen, dass Menschen ihre Aggressionen nicht länger unter Verschluss halten müssen, sondern Gelegenheit bekommen, sie auszuleben. Die Familie Sandin um Vater James (Ethan Hawke) und Mutter Mary (Lena Headey) gehört zu den Nutznießern der Säuberung, denn James ist mit dem Verkauf von Haus-Sicherheitssystemen, die infolgedessen reißenden Absatz fanden, reich geworden. Wie jedes Jahr verbarrikadieren sich die Sandins in ihrem palastartigen Haus wie in einem Fort, als das Signal ertönt, das den kollektiven Amoklauf einleitet, und warten darauf, dass der Sturm vorüberzieht. Doch dann lässt Sohnemann Charlie (Max Burkholder) einen hilfesuchenden Obdachlosen (Edwin Hodge) ein.

Wie sich die Story infolgedessen entfaltet, erinnert an die Home-Invasion-Dutzendware, die zu Beginn der Neunzigerjahre die Furcht des Mittelstands, man könne ihm etwas wegnehmen, in Bilder übertrug. Verquickt wird dies mit Elementen des auf ein familienfreundliches Maß gedrosselten „Terror-Films“, der sich nur noch dunkel seiner peinvollen Tradition – etwa Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT – erinnert. Zwar spielt der Film mit der Andeutung, dass sich auch hinter der Fassade der braven amerikanischen Familie Sandin mörderische Abgründe verbergen könnten, aber letztlich schützt er sie vor dem totalen Absturz (und den Zuschauer vor dem Blick in den Zerrspiegel), denn zum Glück kommen schnell ein paar echte Psychopathen vorbei, die Notwehr erforderlich machen – und Papa verwirft sogar seinen ursprünglichen Plan, den Obdachlosen einfach in den Tod zu schicken, weil er sich seiner guten Kinderstube erinnert, Gott sei Dank. So sehr Writer-Director DeMonaco mit THE PURGE auch eine schonungslose Gesellschaftskritik formulieren will, so sehr bleibt er bei vagen Allgemeinplätzen stehen und schont seine Betrachter, indem er ihnen immer jemanden anbietet, auf den sie mit dem Finger zeigen können, anstatt sich selbst zu hinterfragen. Das beginnt schon bei der Prämisse: Die Strategie, die Verbrechensrate zu senken, indem man Verbrechen für eine Nacht legalisiert, erinnert etwas an die statistischen Winkelzüge, mit denen Politiker durch Neudefinition von „Arbeit“ die Arbeitslosenquote schönfärben. Es ist schlicht Blödsinn. Einmal wird in einem TV-Bericht kurz angedeutet, dass sich hinter der Säuberung ausschließlich wirtschaftliche Interessen verbergen, aber auch das wird nicht weiterverfolgt, es bleibt lediglich eine Nebelkerze, die Tiefe suggerieren und an echte gesellschaftspolitische Debatten erinnern soll. Das eigentliche Grauen, das ja darin besteht, dass ganz normale Leute zu Mördern werden, weil sie dazu legitimiert werden, umgeht das Drehbuch, und bietet stattdessen wieder wahnsinnige Butzemänner auf, die große Reden schwingen, gemein grinsen und sich dann auch noch maskieren, obwohl es dazu ja gar keinen Anlass mehr gibt. Dabei kann man sich angesichts der sich heute zeigenden Zustände, nicht nur in den USA, sondern in aller Welt, durchaus gut vorstellen, dass Menschen die Idee einer „Säuberung“ gar nicht so schlecht fänden: Nur sähe das Resultat vermutlich ganz anders aus als in diesem Film, der nur wieder die altbekannten Buhmänner aus dem Hut zieht und das Ideal der amerikanischen Familie unangetastet lässt.

Dass THE PURGE auch als reiner Schocker nicht zu gebrauchen ist, kommt dann noch erschwerend hinzu. Die zwei Inszenierungskniffe, die DeMonaco kennt, um Spannung zu erzeugen oder zu schocken, wendet er so oft an, sodass man irgendwann nur noch sehnsüchtig auf den branchenüblichen Twist am Ende wartet, der dann allerdings genauso vorhersehbar ist wie der Rest des Films. Letztlich ist THE PURGE nur zu einer Sache gut: Er gibt Leuten, die einen echten Horrorfilm nie verkraften würden, das Gefühl, was richtig Fieses gesehen zu haben. Dass das offensichtlich funktioniert, unterwandert die Prämisse, auf der der Film aufbaut, noch zusätzlich.