Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Auch bei der elfunddrölfzigsten Sichtung immer noch ein Fest: Lucio Fulcis frech und überaus selbstbewusst als Sequel von Romeros Megahit DAWN OF THE DEAD ausgegebener ZOMBI 2. Der Film, mit dem alles begann. Der Lucio Fulcis Wiedergeburt als „Zombie-Opa“ nach stagnierender Karriere als Regisseur von Komödien, Italowestern, Historien-, Gangsterfilmen und Gialli bedeutete und ihn gleichzeitig bis an sein trauriges Ende stigmatisierte. Der Dutzenden von italienischen Regisseuren eine neue, lukrative Richtung aufzeigte. Der eine wahre Flutwelle von Nachahmern aus Südeuropa nach sich zog, die in Deutschland auf besonders großes Interesse der Autoritäten stieß. Und natürlich: Ein Riesenerfolg, nicht zuletzt hier bei uns. Mehr als eineinhalb Millionen Menschn lösten in Deutschland eine Kinokarte für Fulcis Zombiespektakel, das reichte immerhin für Platz 18 in den Kinocharts des Jahres ’79, noch vor Filmen wie DRIVER, THE WARRIORS oder JAWS II. Heutzutage kann man das kaum noch glauben. Man kann die kulturelle und filmhistorische Bedeutung von ZOMBI 2 eigentlich kaum überbewerten.

Und das Schöne: Aus all den Zombiefilmen, die er zusammen mit Romeros großem Vorbild bis heute inspirierte, ragt er motivisch weit heraus. Romero hatte den Zombiemythos ja komplett neu erfunden, ihn von seinen karibischen Ursprüngen vollständig entkoppelt und die Gestalt des Untoten so überhaupt erst in diesem Maße verwertbar gemacht. Der Zombiefilm, wie wir ihn heute kennen, wäre ohne NIGHT OF THE LIVING DEAD überhaupt nicht möglich gewesen. (Wie relevant das Thema zuvor war, sieht man an der Handvoll von Filmen, die sich nach WHITE ZOMBIE von 1932 bis 1969 damit beschäftigt hatten.) Und Fulci? Der nimmt ein Stichwort von DAWN OF THE DEAD-Protagonist Peter und führt uns zurück zu den Ursprüngen des Zombiemythos: nach Matul, auf die „Schreckensinsel der Zombies“, wo sich der versoffene Doktor Menard (Richard Johnson) mit dem Phänomen wiederauferstandener Toter herumschlagen muss und zwei New Yorker – Ann Bowles (Tisa Farrow) und der Journalist Peter West (Ian McCulloch) – sich auf Spurensuche begeben, nachdem in New York das führerlose Boot von Anns Vater mit einem fetten Zombie an Bord angespült worden war.

Fulcis Verdienst ist es, einerseits die Atmosphäre schwüler Bedrohung aus Jacques Tourneurs Gruselklassiker I WALKED WITH A ZOMBIE eingefangen, sie andererseits mit den detailfreudigen Zerlegearbeiten des modernen Zombiefilms kombiniert und dann eine eine direkte Verbindung zwischen den beiden geschaffen zu haben. Am Ende, wenn Ann und Peter zurück nach New York schippern, hören sie im Radio, das die Stadt in der Folge des Bootsfundes am Anfang des Films von Zombies überrannt wird. Bilder zeigen die Untoten, wie sie langsam über die Brooklyn Bridge in Richtung der berühmten Skyline wanken, damit genau jenen apokalyptischen Ton treffend, den Romero mit DAWN OF THE DEAD etablierte. Bis dahin ist ZOMBI 2 eine klassische Geisterbahnnummer, die man fast rührend nennen müsste, wenn einen die ruppigen Effekte von Gianetto de Rossi nicht immer aufschrecken würden. In meinem Kopf geht Fulcis Film eine traute Verbindung mit einem der Horror-Hörspiele ein, die damals wahlweise mit neonroten oder -grünen Covern von Europa erschienen. Matul ist ein geheimnisvolles Eiland, auf dem die wenigen noch lebenden Menschen noch nicht bemerkt haben, dass ihre Heimat von jenseitigen Kräften annektiert wurde, sich genau hier das Tor zur Hölle geöffnet hat, um ihre Diener loszuschicken, die Welt zu erobern. Den ganzen Film über herrscht diese eigenartige Stimmung, eine Art Ruhe vor dem Sturm. Mir ist gestern aufgefallen, wie handlungsarm ZOMBI 2 eigentlich ist: Nach erledigter Exposition besteht der ganze Film eigentlich nur noch aus seinen diversen Set Pieces: Zombie vs. Hai, Olga Karlatos und der Splitter, Conquistadorenfriedhof. Dazwischen guckt Dr. Menard trübsinnig aus der Wäsche und verscharrt Tote in der Hoffnung, dass sie nicht wiederkommen.

In Fulcis Zombie-Oeuvre ist ZOMBI 2 wahrscheinlich der straighteste, aber so viel unterscheidet ihn gar nicht von den surrealen Meisterwerken PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VOVENTI und L’ALDILA. Auch hier wird nichts erklärt, vollzieht sich das Unerklärliche einfach mit erschreckender Banalität, dass der Zuschauer gezwungen wird mitzuerleben wie in einem Traum, in dem er weder die Augen schließen noch sich abwenden kann. Die Kamera agiert seltsam ungerührt von allem, nimmt das alle mit beinahe kindlichem Staunen auf, auch Fulci kommentiert nichts, lässt das alles so stehen. Und Fabio Frizzis Score simuliert sowohl das Klopfen von innen gegen den Sargdeckel wie auch den Trauermarsch für die Menschheit. So geisterbahnknarzig und schwül ZOMBI 2 auch ist, es ist irgendwie auch ein sehr kalter, trauriger, hoffnungsloser Film, in dem keiner noch irgendeine Macht über die Dinge hat. Der Niedergang ist vorgezeichnet, die Zeichen unübersehbar, die Konsequenz unausweichlich. So finster wie bei Fulci war das Ende noch nicht einmal bei Romero.

EDIT: Kurzer Nachtrag: Das Herz des Films schien mir bei dieser Sichtung Auretta Gay als Susan Barrett. Ihre Badeanzug-Szene ist der eine D’Amatoeske Kariberotikmoment, ihr Blick, als ein frisch auferstandener Zombie ihr den Kehlkopf wegbeißt, der blanke Unglauben, den ZOMBI 2 im Wesentlichen zum Thema hat. Und ihr Ende, wenn sie als Wiedergängerin mit leerem Blick vor ihrem von der Erscheinung ins Mark getroffenen Geliebten Brian (Al Cliver) steht, ein Augenblick tiefer Romantik, der bei Fulci natürlich in der blutigen Enttäuschung enden muss.

Wenn es einen Anlass gibt, mit einem hyperbolischen Superlativ zu beginnen, dann ist es Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST, vielleicht der ehrlichste Film aller Zeiten und wahrscheinlich der einzige, den ich kenne, der eine kritische Haltung einnimmt, ohne sich dabei bequem auf einen archimedischen Punkt zurückzuziehen, von dem er mit dem Finger auf die Dummen und Nixblicker zeigen kann. Deodato wusste es schon 1980: Die Welt ist in einem solch verheerenden Zustand, dass niemand sich herausreden kann. Wir stecken alle drin, partizipieren alle an einem System, das auf der Ausbeutung der Schwächeren basiert. Die einzige Form der Kritik ist die Selbstanklage, der Rundumschlag, den Deodato mit CANNIBAL HOLOCAUST vorlegte. Wenn ich ihn richtig verstehe, hat er keinen Spaß an dem Film gehabt.

CANNIBAL HOLOCAUST ist auch fast 40 Jahre nach Erscheinen noch berüchtigt und für nicht wenige Horrornerds und Gorebauern, denen sonst keine Schweinerei zu viel ist, überschreitet dieser Film eine Grenze, die sie nicht übertreten wollen. Nicht etwa, weil sich fast alle Gewalt gegen Frauen richtet und immer sexuell konnotiert ist, nicht weil die „Kannibalen“ als grunzende Primitive gezeichnet werden oder weil der Film die Zivilisation als Lüge enttarnt und uns allen ein äußerst schlechtes Zeugnis ausstellt: Nein, wegen der drei Tiersnuffszenen, die natürlich mal gar nicht gehen. So verständlich die Reaktion auch ist – die Szenen sind ohne Zweifel grausam und ekelhaft und sollen auch genau das sein -, so verlogen ist die moralische Entrüstung darüber angesichts der Millionen von Tiere, die Jahr für Jahr industriell zerlegt werden, um als Bärchenwurst im Kühlregal zu landen. Deodato tut nichts anderes als uns ein Stück Realität vorzuhalten, die wir sonst so gern verdrängen, und unsere Sensationsgeilheit zu stören, die wir von dem Film sonst bedient sehen wollen. Im Unterschied zu anderen Filmen, die eine ähnliche Strategie fahren, macht Deodato aber eben ernst: Er macht sich selbst schuldig, um zu zeigen, wie weit es mit uns gekommen ist, anstatt uns Haneke-Style zu hintergehen, uns mit Gewalt zu ködern und uns dann dafür zu geißeln, dass wir seinen Film angeschaut haben. Er sagt nicht: „Das seid ihr“, sondern „Das sind wir“.

Der Titel ist auch nur ein Trick. CANNIBAL HOLOCAUST hat mit Kannibalen eigentlich nichts am Hut. Es geht um den Westen, den Kapitalismus, wenn man das Wort benutzen will, darum, wie wir unsere Werte mit großer Aggressivität in die Welt hinaus tragen, sie zerstören oder infizieren. Film ist nur eines „unserer“ Mittel und Deodato führt uns mit großer technischer Brillanz vor, welche Macht er hat, wie uns Film Dinge über die Welt erzählt, die wir sofort glauben, obwohl sie totaler Bullshit sind. Ich weiß nicht, ob Deodato den „Found Footage“-Film wirklich erfunden hat, wie oft kolportiert wird, aber ganz sicher hat er die mit ihm verbundenen Authentifizierungsstrategien bereits zu einem Zeitpunkt definiert, entwickelt, ausgereizt und zu technischer Vollendung geführt, als es den Begriff noch gar nicht gab und nicht daran zu denken war, dass sich aus dieser Idee mal ein veritables Subgenre formen würde. CANNIBAL HOLOCAUST ist ein Meisterwerk der Manipulation und diese Manipulation ist nicht nur schnödes Mittel, den Zuschauer glauben zu lassen, er habe Dinge gesehen, die gar nicht da sind: Es steckt mehr dahinter. Wir werden andauernd belogen und hinters Licht geführt, ohne es zu bemerken. Wir wollen das sogar. Es ist bequem. Wir können nicht alles hinterfragen. Woher kommen die Bilder, die wir sehen? Wer sind die Menschen, die sie produzieren? Was ist das Weltbild, das sie uns verkaufen? Das hat nichts mit Lügenpresse zu tun, sondern mit Medienkompetenz. Deodato zwingt uns genau hinzusehen, während wir eigentlich nichts mehr wollen, als uns die Augen zuzuhalten.

Ich hatte CANNIBAL HOLOCAUST als bestialischen Film in Erinnerung und das ist er auch, aber hinsichtlich seiner Effekte ist er tatsächlich relativ zurückhaltend. In der Abtreibungsszene hält die Kamera eben nicht voll drauf, sie scheut sogar davor zurück, uns alles zu zeigen. Trotzdem haben wir das Gefühl, hier massiv überfordert zu werden. Der Grund ist, dass diese Gräueltaten nicht durch eine Dramaturgie gerechtfertigt sind: Die Menschen, die da gequält und geschändet werden, sind Fremde, sie haben keine Namen und keine Persönlichkeit, sie haben nichts getan und wir verstehen nicht, warum man ihnen dieses Leid zufügt. Da wird eine filmische Konvention verletzt. Dann ist da natürlich diese unfassbare Musik von Riz Ortolani, einer der tollsten Scores aller Zeiten, der einem abwechselnd Angst einjagt und einem dann wieder die Tränen in die Augen treibt. CANNIBAL HOLOCAUST geht gegen alles, was wir für menschlich halten, und zwingt uns dann, einzusehen, dass wir Teil dieser Unmenschlichkeit sind. Erst am Schluss gibt er uns die Möglichkeit, uns ein Stück zu distanzieren: wenn wir mit Professor Monroe (Robert Kerman) und den Fernsehleuten in einem Vorführraum sitzen und gezwungen werden, uns auch die letzten Szenen des geborgenen Materials zu sichten, von denen wir bereits ahnen, dass sie das grausame (aber gerechte) Ende des Filmteams zeigen, das zuvor die Indianer gequält hatte, um seinen Film aufzupimpen. Aber auch das ist mit einem fiesen Trick verbunden: Es ist der Tod der weißen Amerikaner, der die Entscheidung herbeiführt, das Material zu vernichten.

CANNIBAL HOLOCAUST ist ein schwieriger und komplizierter Film, dabei aber gleichzeitig von äußerster Klarheit (und immer wieder auch großer Poesie). Wenn man kein Psychopath ist, kann es nur eine Reaktion auf ihn geben: die Verachtung für die brutalen Filmemacher, die ihre Fakten inszenieren, um einem nach Sensationen dürstenden Publikum die geilen Bilder zu geben, die Trauer mit den Unschuldigen, die sie quälen und umbringen, den Ekel vor dieser Form von Selbstermächtigung, mit der sie sich  über vermeintlich schwächere, weniger „zivilisiertere“ und wohlhabende Menschen stellen. Aber er gibt uns nicht die Genugtuung, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen, weil wir alle mit drin hängen. Siehe Sensationalismus: Was hat die meisten wohl zuerst dazu bewogen, einen Film mit dem Titel CANNIBAL HOLOCAUST zu schauen? Die Verachtung und Entrüstung, die dem Film weitestgehend entgegenschlägt, ist Beweis dafür, dass seine Einschläge zu nahe an unserer Komfortzone liegen. Aber so sehr wir uns auch von ihm distanzieren mögen: Wir kommen nicht raus aus der Nummer. Die politischer Aufruhr der letzten Jahre ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir irgendwann alle die Quittung dafür bekommen, dass wir unseren Reichtum auf der Armut der Dritten Welt aufgebaut haben.Wir haben erst ihre Hütten verbrannt und dann vor ihren Augen eine Orgie gefeiert.

 

Nicht mehr superaktuell, aber immer noch neu genug, um sie hier anzupreisen, sind drei Veröffentlichungen, an denen ich die Freude hatte, mitzuarbeiten.

Besonders freut es mich für die Blu-ray von Umberto Lenzis fantastischem MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE, mit der ich in diesem Leben schon nicht mehr gerechnet habe. Der Booklettext von mir dürfte mittlerweile zwei, wenn nicht gar drei Jahre alt sein – so lang hat es gedauert, bis das gute Stück endlich erschienen ist. Neben meinem Booklet gibt es außerdem einen Audiokommentar von meinen lieben Kollegen Christian Kessler und Pelle Felsch, der bestimmt superknorke ist.

Deutlich frischer ist der Text, den ich zu Alberto de Martinos tollem Exorzismus-Film L’ANTICRISTO beigesteuert habe. Das Booklet vereint Kurzessays von Pelle Felsch, Marcus Stiglegger, Christian Kessler und einigen anderen Autoren und bietet damit einen neuen Ansatz für die beliebten Beipackheftchen. Als dritter Teil in Wicked Visions Jean-Rollin-Reihe ist LES DEMONIAQUES, zu Deutsch DIENERINNEN DES SATANS. Auch hier habe ich einen längeren Text beigesteuert, Pelle Felsch liefert eine Biografie zum französischen Filmemacher, der auch mit eigenem Audiokommentar zu hören ist.

Drei Veröffentlichungen, mit denen man gewiss nichts falsch macht.

Ich habe an dieser Stelle schon häufiger das Loblied auf den unvergleichlichen Zbynek Brynych gesungen, der in Deutschland vor allem mit seinen drei vier brillanten DER KOMMISSAR-Episoden sowie zahlreichen DERRICK-Folgen assoziiert wird. Seine drei deutschen Kinoproduktionen, die er allesamt 1970 realisierte – OH HAPPY DAY, ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN und eben DIE WEIBCHEN – floppten leider und fast möchte man anfügen: wenig verwunderlich, hatte man hierzulande doch immer ein untrügliches Talent, ware Größe nicht zu erkennen. DIE WEIBCHEN ist die letzte seiner drei deutschen Kinoproduktionen und unverkennbar Brynych. Was ironischerweise gleichzeitig impliziert, dass er natürlich ganz anders ist als die beiden vorangegangenen Werke. DIE WEIBCHEN ist, wenn man so will, ein Horror-, ja sogar ein Kannibalenfilm, verbindet Elemente von THE STEPFORD WIVES, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD, SHOCK CORRIDOR und anderen, pulpigeren Werken zu einem psychedelischen Trip, der an zeitgenössische Pop-Art ebenso erinnert wie an die tschechische New Wave und natürlich an die großen, schrundigen Grindhouse-Reißer der Siebziger, die um ähnliche Themenkomplexe kreisten und dabei Männer und Frauen gegeneinander aufhetzten.

Eve (Uschi Glas), Chefsekretärin, kommt auf Anraten ihrer Ärztin nach Bad Marein, einem Kurort für Frauen, wo sie sich in Obhut von Dr. Barbara (Gisela Fischer) erholen soll. Vor Ort wird sie von einer Clique anderer Patientinnen aufgenommen, unter ihnen Astrid (Françoise Fabian) und Olga (Judy Winter). Nach einer ausgelassenen Feier, bei der drei mit ihrem Auto im Ort gestrandete Männer in die Gruppe eingeführt werden, findet Eve einen von ihnen ermordet vor. Und am nächsten Tag gibt es ein großes, blutiges Filetstück zum Frühstück. Eve sucht den Kommissar des Ortes (Hans Korte) auf, aber der hat für ihre Verdächtigungen nur Spott übrig …

Dass man von Brynych keinen straighten Kannibalen-Schocker erwarten sollte, dürfte den meisten, die diesen Text lesen, schon klar sein: Vielmehr weitet der Tscheche seine Geschichte zur gar nicht so bösen, vielmehr sogar sehr liebenswerten und verständigen Satire über das Geschlechterchaos aus, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren über die westliche Welt fegte. In DIE WEIBCHEN jedenfalls schlagen die Frauen, die viel zu lang unter der Fuchtel der Männer standen, mit einem Lächeln und einem im wahrsten Sinne des Wortes hungrigen Körper zurück, dass den Männern nicht viel mehr bleibt als ein notgeiles Lächeln. Der Film kulminiert in einer dann doch überraschend garstigen Kreissägenszene, bevor Eves Wille schließlich gebrochen, sie in den Kreis der Männermörderinnen eingemeindet wird. Der Ton oszilliert zwischen Fleisch-Thriller, ausgelassenem Beatfilm, greller Gesellschaftskomödie, dystopischem (oder doch utopischem?) Sex-Märchen, verspielt-ironischer Agit-Prop und immer wieder auch Elementen, bei denen man ein wenig das Gefühl hat, Brynych nehme das deutsche Filmgeschehen aufs Korn. Wie schnarchig und verquast etwas Waldleitners Simmel-Verfilmungen sind, wird in diesem ebenfalls von ihm produzierten Werk eben deshalb so augenfällig, weil sich zum Teil die selben Darsteller tummeln, die hier aber ganz von der Kette gelassen werden. Ein schmierbäuchiger Hüne mit Narbengesicht, Sonnenbrille und Krallenhand lässt Adi Berbers Fettsäcke aus den Wallace-Filmen wie tumbe Witzfiguren erscheinen. Und „uns Uschi“ zeigt uns hier, wo sie nicht dazu gezwungen wird, ein freches Powerfräulein zu spielen, plötzlich welche beachtlichen Qualitäten ihr makelloses Püppchengesicht als angrundtiefe Projektionsfläche mitbringt. Am schönsten ist DIE WEIBCHEN, wenn er sich in seinen orgiastischen Set Pieces verliert, etwa in einer Swimming-Pool-Sequenz gegen Ende, wenn alle Frauen nach dem Verlassen des Schwimmbeckens durch blutrotes Licht gleiten. (Apropos „Swimming Pool“: Bin ich der einzige, der in dieser Szene an Cronenbergs SHIVERS denken musste?) Toll ist auch eine mit der Subjektiven eingefangene Szene, in der die Frauen den vierschrötigen Gärtner zum Schweinchen-in-der-Mitte herausfordern. Oder die Frauen sich in einer THE WICKER MAN vorwegnehmenden Szene ihrer BHs entledigen und sie ins Feuer werfen. Oder wenn Hans Korte als Kommissar glucksend Schnapsfläschchen in sich hineingießt. Oder, oder, oder.

Ihr seht, DIE WEIBCHEN ist Film als Fest der Eindrücke, aber auch weit davon entfernt, bloß selbstverliebter Bilderreigen zu sein. Brynych inszeniert mit der Gewissheit, dass das Leben zu kurz ist und Film zu reich, um für eine schnöde Vision oder langweilige Kohärenz vergeudet zu werden, trotzdem bleibt er immer zielstrebig und auf den Punkt. DIE WEIBCHEN ist alles auf einmal, aber wie durch ein Wunder trotzdem von allem genau so viel, dass man gern noch ein bisschen mehr hätte, nie zu viel oder zu wenig. Um im Bild zu bleiben: Der Appetit ist geweckt, die Sättigung hat noch ein bisschen Zeit.

Wer die Blu-ray von Bildstörung noch nicht hat, sollte – wie könnte es anders sein? – schleunigst zugreifen und einen der aufregendsten Filmemacher, die je in Deutschland arbeiteten, auf dem besten deutschen Filmlabel entdecken, das ihm eine Veröffentlichung spendiert hat, die ihm zu jener Ehre gereicht, die seinen Filmen zu Lebzeiten leider verwehrt geblieben ist.

So ändern sich die Zeiten: Damals war D’Amatos ROSSO SANGUE für mich ein Nägelkauer erster Güte, ein Film, den ich tatsächlich saumäßig spannend fand, während mich andere D’Amatos wahrscheinlich an den Rand des Komas und darüber hinaus getrieben hätte. Heute schaut’s ein bisschen anders aus und ich empfinde seinen Versuch eines „amerikanischen“ Schockers wenn auch beileibe nicht schlecht, so doch durchaus etwas öde in seiner Geradlinigkeit, die wenig Platz lässt für das, was D’Amatos Filme sonst so auszeichnet, und einfach nicht das ist, was er so richtig gut kann.

Es gibt wieder jede Menge selbstzweckhafter Sauereien zu bewundern, wie etwa einen Bohrer oder eine Tischsäge durch einen Kopf und anders als bei ANTHROPOPHAGUS hängen Eastman die Gedärme hier nicht am Ende, sondern schon am Anfang aus der Plauze, aber eigentlich spielt D’Amato hier ein bisschen Hitchcock: Der Film bezieht seine Spannung ganz wesentlich daraus, dass da auf der einen Seite ein junges Mädchen mit einer Behinderung an sein Bett gefesselt ist, auf der anderen ein nahezu unbesiegbares, blutrünstiges Monstrum durch die Landschaft wankt (die offensichtlich in den USA liegen soll, weil alle ständig über ein gerade laufendes Football-Match reden, obwohl man doch deutlich erkennt, dass der Film in Italien gedreht wurde): Es ist klar, worauf das hinauslaufen wird und die Frage, die D’Amato dem Zuschauer aufzwängt, lautet natürlich: Wird es das arme, unglücksselige Mädchen schaffen, sich trotz seiner Behinderung aus dem Bett zu erheben, um dem Monster zu entkommen oder wird es ihm hilf- und schutzlos ausgeliefert sein?

Das ist, wie gesagt, nicht uneffektiv und wird von D’Amato auch mit jener für nervenzerrende Suspense so wichtigen Engelsgeduld und Ausdauer inszeniert, aber für mich scheitert das ganze Konstrukt ein wenig daran, dass die Figur der Mordmaschine letztlich leer bleibt und die Verbindung zu seinem Opfer niemals zwingend ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn D’Amato den Abstraktionsgrad seiner Erotikfilme erreichen würde, aber auch das ist hier nicht der Fall. Im Gegenteil bemüht er sich nach Kräften, den Eindruck klassischen Erzählkinos zu erwecken, aber ohne sich eben die Mühe gemacht zu haben, ein entsprechend konstruiertes Drehbuch mitzubringen.

Ich mag den Film nicht schlecht machen, weil ich ihn, auch wenn es diesmal nicht so richtig geklappt hat, irgendwie mag, ihn auch für einen eher ungewöhnlichen Vertreter des Italo-Horrorfilms jener Tage halte. Als letzter Film an einem durch und durch exzessiven Film- und Feierwochenende musste er auch die schwere Bürde tragen, auf einen schon reichlich vollgesogenen Schwammkopf zu treffen. Beim nächsten mal dann also als Opener.

Ein blöder, gar unaussprechlicher Wortspieltitel, ein gut abgehangener Plot um einen derangierten Serienmörder, minimal talentierte, aber dafür maximal tätowierte Darstellerinnen, viel, viel Kunstblut und wenig sonst: Willkommen bei DEATH-SCORT SERVICE, einem Film, der im Jahr 2015 wie das Relikt einer längst vergangenen Zeit wirkt, aber erstaunlicherweise trotzdem ein Publikum fand, dass auch noch Bock auf ein Sequel hatte.

Erzeugnisse wie DEATH-SCORT SERVICE als „Film“ zu bezeichnen, ist gewagt: Ja, da waren eine Kamera und Darsteller involviert und irgendwann wurde das eingefangene Material dann am Rechner aneinandergeklebt, aber da hat es sich dann auch schon weitestgehen mit den Parallelen. Das hier ist eilig runtergekurbeltes Fast Food in Bildern, das die beiden seit Menschengedenken so gern genommenen Themen „Sex“ und „Gewalt“ auf kürzestem Wege zusammenbringt. Ein paar Mädels, die man möglichweise von diversen amerikanischen Pornodiensten kennt, machen mit und lassen sich von einem unerkannt bleibenden Killer haufenweise Kunstblut in hektisch geschnittenen Bildern übers Dekolleté spritzen, das in der Farbgebung des Films wie besonders trübe Raviolisoße aussieht.

Nach 80 Minuten, die durch die Episodenhaftigkeit des Ganzen noch kürzer wirken, ist DEATH-SCORT SERVICE vorbei und hat seinen bescheidenen Zweck erfüllt. Wie sich Imdb-Rezensenten ehrlich dazu versteigen können, Donohues 1.500-Dollar-Produktion sei „intense horror that will linger longer after the closing credits“ ist mir ein mittelschweres Rätsel. Es wird weder eine Form von Spannung erzeugt, noch entwickelt sich da ein Interesse für die Opfer, die kurz nach ihrem ersten Auftritt auch schon wieder aus dem Weg geräumt werden. Witz oder gar Originalität sind vollkommen abwesend. Nee, nee, DEATH-SCORT SERVICE ist reine Gewaltponografie und als solche von beeindruckender Unprätentiösität. Wenn ich mir sowas anschaue, dann im Rahmen eines Festivals wie des Morbid Movies, wo er als von der Müllkippe gefallene Kuriosität gut ins Beuteschema passte. Ansonsten bitte eher nicht.

alles gute zum muttertag!

Veröffentlicht: Mai 14, 2017 in Film
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Zum Ehrentag unserer Mamas habe ich für critic.de über den schönsten Muttertagsfilm überhaupt geschrieben: Charles Kaufmans MOTHER’S DAY! Wäre es nicht eine tolle Idee, heute etwas Zeit mit eurer Mama zu verbringen und dabei mit ihr diese kleine, possierliche Komödie zu schauen? Denkt mal drüber nach! Hier geht es zum Text.