Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Es gibt drei Arten von Besessenheitsfilmen: den ernsten Horrorfilm, der durch Friedkins THE EXORCIST oder auch von De Martinos L’ANTICRISTO idealtypisch repräsentiert wird, das sleazige Rip-off, das schwerpunktmäßig in Europa beheimatet ist (man denke etwa an Walter Boos‘ MAGDALENA, VOM TEUFEL BESESSEN oder an Gariazzos L’OSSESSA), aber auch in Asien einige Vertreter hat, die allerdings nicht auf der christlichen Religion fußen. Die dritte Spielart ist weniger bedeutend und eher am Rande dem Horrorfilm zuzurechnen: Ich denke etwa an Hans-Christian Schmids REQUIEM, der einen realen Exorzismus-Fall aus den Siebzigerjahren behandelt und sich mit den sozialen Ursachen und Wirkungen von religiösem Fanatismus auseinandersetzt. Na Hong-jins Gok-seong – internationaler Verleihtitel THE WAILING – ist ziemlich exakt in der Schnittmenge dieser drei Spielarten angesiedelt: Er spielt im authentisch dargestellten südkoreanischen Provinzalltag, in den plötzlich das Übersinnliche einbricht. Der Film befasst sich mit dem Schrecken dieser unerklärlichen, grausamen Ereignisse, der kulturellen Bedeutung von Magie, Schamanismus und Geisterglaube, ohne jedoch offen „gesellschaftskritisch“ zu sein. THE WAILING ist ein Schocker, der aber im Gewand eines impressionistischen Dramas und/oder Polizeifilms daherkommt.

Wie schon in Na Hong-jins meisterlichem HWANGHAE ist der Kontrast von Langsamkeit, Tempoverschleppung und Stille gegenüber plötzlichen „Beschleunigungen“ und dem damit einhergehenden Chaos ein bedeutendes stilistisches Merkmal von GOK-SEONG, das seinen Verbündeten in einem lakonischen Humor findet, der mit zunehmender Dauer – der Film dauert opulente 160 Minuten – immer mehr auf die Probe gestellt wird. Das Gesicht und Herz des Films ist Hauptdarsteller Do Won-kwak, der als stiller Provinzcop und Familienvater Jong-goo mit einer Serie bizarrer Verbrechen konfrontiert und bald auch ganz persönlich involviert wird. Alles beginnt mit einem brutalen Mord: Der Täter wird an Ort und Stelle festgenommen, blutverschmiert und apathisch ist er am Tatort verblieben. Wenig später gibt es einen Brandstiftungsfall, der das Opfer, eine alte Frau, vollkommen hysterisch hinterlässt. Während Jong-goo sich bemüht, nicht die Nerven zu verlieren, häufen sich Gerüchte über einen vampirischen Japaner (Jun Kunimura), der im Wald lebe, rot leuchtende Augen habe und arglose Wanderer überfalle. Nach anfänglicher Skepsis scheinen sich die Gerüchte zu bewahrheiten: Im Haus des Japaners finden sich Fotografien von Vermissten und Mordopfern, Spuren rätselhafter okkulter Rituale sowie ein Schuh von Jong-goos Tochter (Hwan Hee-kim), die wenig später Zeichen dämonischer Besessenheit an den Tag legt. Entgegen seiner Überzeugungen engagiert Jong-goo schließlich einen Schamanen (Jung Min-hwang), um seine Tochter zu retten.

Es ist nicht ganz einfach, über GOK-SEONG hinsichtlich seiner möglichen Bedeutung zu schreiben oder ihn spontan zu interpretieren. Ich könnte nicht zusammenfassen, worum es geht, was das zentrale Thema des Films ist. Über weite Strecken beobachtet Na Hong-jin einfach nur, begleitet seine Charaktere durch den Provinzalltag, der immer mehr in Schieflage gerät. Schon der erste Mordfall stellt im Leben Jong-goos und seiner Kollegen eine Zäsur dar: Die abgezockte Professionalität, mit der die Professionals des Großstadt-Copfilms noch die übelsten Leichenfunde taxieren, weicht hier einem bis ins Mark reichenden Entsetzen und einer Erschütterung des bis dahin gefestigten Urvertrauens. Im Folgenden bezieht GOK-SEONG nicht wenig Komik aus der Verängstigung seines Protagonisten und seiner Kollegen, lässt sie sich angesichts unheimlicher Geistererscheinungen kreischend unter dem Schreibtisch verstecken und alles andere als routinierte Souveränität an den Tag legen. Doch dann geht eine Veränderung mit Jong-goo einher: Als sich die Beweise immer mehr zugunsten übersinnlichen Wirkens verdichten, legt er auch die Angst ab und wappnet sich für die bevorstehenden Konfrontation. In der zweiten Hälfte wird GOK-SEONG zu einer Art Selbstjustizfilm, mit dem Unterschied, dass sich der Mob nicht gegen Punks, Vergewaltiger und Gesindel formiert, sondern gegen einen bösen Geist. Scheint es zu Beginn noch so, als könnte es in Na Hong-jins Film um die destruktive Kraft von Vorurteilen, Gerüchten und Aberglauben gehen, wird eine solche Lesart schließlich komplett verworfen. Das Dorf aus GOK-SEONG wird tatsächlich vom Bösen heimgesucht, Jong-goos Tochter tatsächlich von einem Dämons besessen und der Schamane, der mit einer ziemlich geilen Zaubershow anrückt und sich dabei inszeniert wie ein Popstar, ist mitnichten ein gemeiner Bauernfänger, sondern weiß ganz genau, was er tut. Es gibt kein Happy-End, aber auch keinen gemeinen Twist am Ende: GOK-SEONG endet einfach auf einer denkbar nihilistischen Note, die er aber nicht als Pointe behandelt, sondern mit derselben Nüchternheit, die er in den 160 Minuten zuvor an den Tag legte.

Die Welt ist in Na Hong-jins Film so weit aus den Fugen geraten, dass es nur als logische Konsequenz erscheint, dämonisches Treiben als Teil unserer Realität zu akzeptieren. Wie in THE EXORCIST, in dem das Grauen ja auch gerade keine religiöse Familie, sondern eine alleinstehende, linksintellektuelle Künstlerin trifft, entscheidet sich Jong-goo mangels glaubwürdiger Alternativen, seine Vorstellungen von der Welt und den Dingen beiseite zu schieben. Zum Glaubenden wird er dennoch nicht: Er folgt einfach den Indizien. Letztlich führt ihn nicht die Abwendung vom Pfade der Ratio ins Verderben, sondern die Tatsache, dass er die Zweifel nicht ganz zur Seite wischen kann.

Ich würde gern mehr sagen über diesen Film, aber er ist nicht zu greifen für mich. Ich fand ihn hochgradig faszinierend, großartig inszeniert, bisweilen kreuzunheimlich, dann wieder sehr komisch, dabei immer spannend, interessant und unterhaltsam. Ich weiß nicht genau, welche Weltsicht Na Hong-jin vertritt, was er glaubt oder auch nur vermitteln möchte. Vielleicht weiß er das selbst nicht so genau. Seine Filme zeigen aber einen sehr genauen Beobachter und sie scheinen mir geprägt von dem Wunsch, die Dinge vorurteilsfrei und genau zu betrachten, uns bei ihrer Beurteilung und Bewertung von bestehenden Konzeptionen und Überzeugungen freizumachen. GOK-SEONG beinhaltet in jedem Fall eine Aufforderung, ganz genau hinzuschauen, der ich sehr gern nachgekommen bin.

„Cash rules everything around me“, rappte der Wu-Tang Clan vor nunmehr 26 Jahren. Seit damals hat sich die Situation noch verschärft: Es wird immer schwieriger, ein gutes, finanziell abgesichertes Leben zu führen. Jobs, die einem bis vor einigen Jahrzehnten noch ein solches ermöglichten, werfen heute nicht mehr genug ab oder sind ganz verschwunden. Der Mittelstand erodiert, die viel beschworene Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter. Es sind heute Menschen von realer Armut bedroht, die diese Option nie für möglich gehalten hätten. Und weil die berühmte „ehrliche Arbeit“ heute längst kein Garant mehr für eine entsprechend „ehrliche Bezahlung“ ist, werden die Menschen einfallsreich. Ein ganzer Zweig der Unterhaltungsindustrie baut seit einigen Jahren auf der Gewissheit auf, dass Menschen für Geld fast alles tun. Sie sind bereit ihre Würde zu verkaufen und alle ihre Prinzipien über Bord zu werfen, wenn das Geldbündel, das man ihnen unter die Nase hält, nur dick genug ist. Schwarze Komödien haben sich schon immer mit der Frage beschäftigt, inwiefern Geld – oder nur die Aussicht darauf – den Charakter verdirbt, bereits im Film Noir führt Gier fast immer ins Verderben. CHEAP THRILLS hat so gesehen klare Vorbilder. Was ihn von diesen abhebt, ist die Direktheit, mit der er sein Thema angeht.

Craig Daniels (Pat Healy), Ehemann, frisch gebackener Vater und erfolgloser Schriftsteller, verdient sein Geld als Kfz-Mechaniker. Schon morgens flattert ein Räumungsbescheid ins Haus, später erhält er die Kündigung. Um seinen Kummer zu ertränken, geht er in eine Bar – und trifft dort seinen alten Schulfreund Vince (Ethan Embry), der sein Geld als Schuldeneintreiber verdient und Craig zum Bleiben überredet. Wenig später machen beide Bekanntschaft mit Colin (David Koechner) und seiner deutlich jüngeren Gattin Violet (Sara Paxton): Colin scheint keine Geldsorgen zu haben, denn er schmeißt mit Scheinen nur so um sich, und fordert die beiden Fremden immer wieder zu kleinen Wetten heraus. Was harmlos und mit kleinen Beträgen beginnt, artet in Colins Luxusvilla schließlich völlig aus.

CHEAP THRILLS hat eine einfache Prämisse, die E. L. Katz mit äußerster Konsequenz und ohne auch nur einmal vom Weg abzuweichen zu ihrem kompromisslosen Ende führt. Das zeigt sich auch in seiner Reduktion auf einen vierköpfigen Personenkreis und zwei begrenzte Settings: Der Film erinnert wahlweise an eine bissige Episode aus TWILIGHT ZONE oder auch an einen besonders üblen Scherz aus „Verstehen Sie Spaß?“ Im Mittelpunkt steht die Frage, wie weit seine beiden gebeutelten Protagonisten für Geld zu gehen bereit sind, und Colin und Violet treten in diesem Spiel als sadistisch-zynisches Moderations-/Verführerpaar dazu an, ihr miserables (aber realistisches) Menschenbild zu bestätigen, indem sie ihre beiden Opfer Schritt für Schritt weiter vor sich hertreiben, die Verlockung und die damit verbundenen Herausforderungen kontinuierlich steigern. Zu Beginn geht es noch darum, einen Schnaps schneller zu trinken als der Gegner, einer Stripperin einen Klaps auf den Po zu geben oder möglichst lange die Luft anzuhalten, aber mit steigenden Geldbeträgen wachsen auch die Anforderungen: Irgendwann steht dann etwa die Frage im Raum, wer sich den kleinen Finger abhacken würde – und was ihm diese Selbstverstümmelung wert ist. Aber auch das ist noch nicht das Ende.

Im Zuge dieser immer weiter vorangetriebenen Steigerung geht es logischerweise nicht nur um die jeweils eigenen Schmerzgrenzen: Colin und Violet spielen ihr Spielchen ganz bewusst mit zwei Kandidaten, deren Rivalität anwächst, je höher die Geldbeträge werden. Gewinnen kann schließlich immer nur einer und zum Sieg führen zwei Wege: „Besser“ bzw. „mutiger“ oder „skrupelloser“ zu sein als der andere – oder diesen daran zu hindern, seine eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Als Vince sich bereiterklärt, sich für 25.000 Dollar den kleinen Finger abzuhacken, wird er von Craig unterboten. Seine kritische wirtschaftliche Lage verschafft ihm gegenüber dem alten Freund einen deutlichen Vorteil: Kaum hat er den ersten Schritt gemacht, das erste Prinzip gebrochen, gerät er in einen wahren Rausch. Sein Kumpel kann da schnell nicht mehr mithalten und der körperlich vermeintlich unterlegene Intellektuelle verwandelt sich in einen diabolisch grinsenden Derwisch, der sich von allen zivilisatorischen Zwängen komplett freimacht.

E. L. Katz holt alles raus aus seinem Stoff: CHEAP THRILLS setzt sich mit der Flexibilität individueller Moralvorstellungen auseinander, mit den Machtverhältnissen im Kapitalismus, mit männlichem Omnipotenzwahn, der Korrumpierbarkeit der Intellektuellen und der Frage, was eigentlich hinter unserer zivilisierten Fassade lauert. Das Script von David Chirchirillo und Trent Haaga nimmt sich zunächst Zeit, seine Figuren und die Situation langsam aufzubauen, zieht die Schraubzwinge ganz ruhig und kontinuierlich an und lässt das Spielchen erst ganz zum Schluss eskalieren. Pat Healy ist super als langweiliger, braver straight man, der zum Monster wird, kaum dass die Ketten einmal abgestriffen sind, Ethan Embly überzeugt als handfester Kerl, der plötzlich an ungeahnte Grenzen stößt. David Koechner hat Spaß an seiner Rolle als Mephistopheles, aber er begeht nicht den Fehler, zu überreizen. Überhaupt  hat es mir überragend gut gefallen, dass CHEAP THRILLS nicht dem Irrglauben erliegt, am Ende noch einen Twist, eine Überraschung oder auch nur eine Motivation hinter dem Treiben von Colin und Violet auspacken zu müssen. Ich war der festen Überzeugung, dass sich das Ganze irgendwann als Streich à la THE GAME entpuppt, aber nichts dergleichen passiert. Auch wird einem die Moral von der Geschicht nicht noch einmal griffig dargeboten, vielmehr endet der Film wortlos mit einem Bild, dass das ganze Drama des Films und die Abgefucktheit der menschlichen Rasse auf den Punkt bringt. Es gibt eigentlich nur eines, was ich an CHEAP THRILLS auszusetzen habe: Das Verspeisen eines Hundes wird grob überschätzt. Den Nachbarn ins Haus scheißen, die Gattin eines anderen ficken, während der wichsend zusieht, sich den Finger abhacken: Alles kein Problem, aber das große Schlottern kriegen, wenn gegrillter Hund auf dem Teller liegt: Keine Ahnung, was die Amis für Probleme haben.

 

 

 

 

 

 

Über die bahnbrechende Wirkung von Friedkins THE EXORCIST habe ich hier schon mehrere Male geschrieben, weshalb ich mir das jetzt spare: Besonderen Eindruck macht er offenkundig auf unsere südländischen Nachbarn, die im Besessenheit-Subgenre, das infolge des großen Kinohits aufblühte, als besonders produktiv erwiesen – wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der großen Bedeutung, die der Kirche in Italien immer noch zukommt. Alberto De Martino gelang mit L’ANTICRISTO einer der wenigen wirklich ernstzunehmenden Nachahmer, weil er der Geschichte noch eine ureigene „italienische“ Note abgewinnen konnte, anstatt bloß die Mechanismen des US-Films zu kopieren. Er nutzte seine Besessenheitsgeschichte im Wesentlichen für eine scharfe Kritik am Klerus, zu dessen erweitertem Kreis auch die Familie um das weibliche Opfer zählt. Gariazzo hingegen, da tue ich ihm mit Kenntnis seines wahrscheinlich bekanntesten Films SCHIAVE BIANCHE: VIOLENZA IN AMAZZONIA ganz gewiss kein Unrecht, hatte vor allem ein Interesse: einen Film zu drehen, für dessen Tabubrüche die Zuschauer gern ihren Obolus entrichteten. Er liefert ein bisschen Sex und Gewalt und jede Menge Schabernack, der nur mühsam von einem fadenscheinigen Storykonstrukt zusammengehalten wird, das noch nicht einmal ein richtiges Ende hat. Irgendwann verliert Gariazzo sichtbar die Lust an dem Tinnef und der Film jeglichen Zug: Gut möglich, dass er in einer kleinen Taverne dem Rotwein zusprach, während sein hilfloser Stab den Rest einkurbelte, sichtlich überfordert mit dem auf aufgeweichte Klosettpapierreste gekritzelten Skript.

Dabei ist der Anfang überraschend gut, also zumindest für einen italienischen Horrorsleazer aus der untersten Schublade: Eine dreiköpfige universitäre Kunstgeschichte-Abordnung wird in einer alten Kirche vorstellig, um dort ein altes Holzkruzifix zur Restauration abzuholen. Die Studentin unter ihnen, das spätere Besessenheit- und Exorzismus-Opfer Danila (Stella Carnacina), schwafelt unwissenschaftliches Zeug und wird von ihrem Professor dafür auch noch als hochbegabte Schülerin bezeichnet, was einige Rückschlüsse auf seine Beziehung zu ihr zulässt. Der Typ, der ihnen die Kirche zeigt, berichtet von wüsten rituellen Orgien und Danila fantasiert darüber, dass der Holzmann, der da am Kreuz hängt, diese mitangesehen hätte. Sie nehmen die Figur mit und der Prof tut es seiner Studentin gleich, schwafelt darüber, wie die „Nüstern“ der Figur zitterten, als sei sie am Leben. Dieses Gerede ist in Verbindung mit dem Anblick, der sich dem Mädchen abends auf einer Party ihrer Eltern bietet, wahrscheinlich der Ursprung ihres späteren Wahns: Mama (Lucretia Love) betrügt ihren Architektenmann (Chris Avram) nämlich mit einem geilen Typen (Gabriele Tinti), der das Hemd bis zwischen die Knie aufgeknöpft trägt, damit man das Brusthaartoupet samt der sich darin verfangenden Ketten besser sieht, und zwar sogar während der Gatte im Hause ist. Aber das ist nicht alles, denn er geilt sich daran auf, sie mit dornigen Rosen auszupeitschen – was das Töchterlein durch ein Fenster beobachtet und sich sogleich zurück zum Holzmann begibt, um ein altes Gemälde zu restaurieren. Der wird in einer tatsächlich recht effektiv gemachten Szene lebendig und nimmt dabei die Gestalt von boshaft lachenden Ivan Rassimov an, der sich sogleich über Danila hermacht, bis diese entsetzt aufwacht. War alles nur ein Traum? L’OSSESSA nimmt daraufhin den Weg, den man erwarten darf, wenn man das große Vorbild kennt: Danila zeigt Züge der Besessenheit, wird von heftigen Krampfanfällen geschüttelt, die sich niemand erklären kann. Bei einem Ausflug, der ihr zur Zerstreuung und Entspannung verordnet wird, besichtigt sie eine alte etruskische Grabkammer, was sofort die nächsten Halluzinationen hervorruft, bei denen sie vom Ivan ans Kreuz genagelt wird. Die sich in der Folge zeigenden Stigmata veranlassen den Arzt schließlich, die Eltern zu einem Priester zu schicken, der ihnen dann wiederum den zurückgezogen lebenden Exorzisten (Luigi Pistilli) empfiehlt. Beim finalen Exorzismus verliert der zwar sein Leben, doch immerhin löst er den alles entscheidenden Brechreiz bei Danila aus, an dessen Ende sie wieder ganz die alte ist. Gariazzo macht dann auch nicht mehr lange rum, Credits, Ende.

Falls das bis hierhin noch nicht klar geworden ist: L’OSSESSA ist ein billiger, schmieriger, dummer und überwiegend schlechter Film, der ausschließlich für Eurosleazefreunde interessant ist, aber selbst von diesen wahrscheinlich höchstens als filmisches Äquivalent zum Bildschirmkaminfeuer goutiert werden wird. Will sagen: L’OSSESSA ist ein reiner Moodfilm, er begeistert weder mit formaler noch erzählerischer Brillanz, sondern einzig mit dem sehr speziellen Kolorit, der drittklassige Italoproduktionen jener Zeit auszeichnet. Hier ist nix mit der visuellen Pracht von Argento, der Bilderstürmerei eines Fulci, dem Furor der Poliotteschi, der Magie Cinecittas. Hier liegt der Staub fingerdick auf den traurigen Settings, Schauspieler, die eigentlich Besseres gewöhnt waren, prostituieren sich für eine Handvoll Lira und Gariazzo ließ jeden noch so vergeigten Take drin. Meinen Lieblingsmoment hat eine Statistin auf der Party zu Beginn des Films: Die Kamera fängt sie frontal beim Tanzen ein, was ihr offensichtlich so unangenehm ist, dass sie sich nach einem Blick mitten in Objektiv hinter ihrem Tanzpartner versteckt. Als der wieder eine Schritt zur Seite macht, spricht sie ihn deutlich erkennbar darauf an und zieht ihn dann am Jackett wieder vor sich, damit er sie verdeckt. Die hatte keinen Bock darauf, dass sie in diesem Film zu sehen ist! Und ihre deutlich erkennbare Weigerung, teilzunehmen, blieb einfach drin! Für mich ist diese unbekannte Statistin die eigentliche Heldin des Films. Ach so, der Score von Marcello Giombini ist, soweit ich mich erinnern kann, auch ganz gut. Aber darauf konnte man bei den Italienern ja fast immer bauen.

1986 entführten, vergewaltigte und tötete das australische Ehepaar David und Catherine Birnie vier Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 31 Jahren innerhalb von fünf Wochen, bis ihr letztes Opfer entkommen konnte und ihre Peiniger bei der Polizei meldete. In seinem Debütspielfilm nimmt sich Ben Young der Geschichte mit erstaunlicher Sensibilität an, konzentriert sich weniger auf die Pein der jungen Vicki (Ashley Cummings) und den Wahn der Täter, sondern  – eine Parallele zu HONEYMOON – auf das Spannungsverhältnis von Männern und Frauen. HOUNDS OF LOVE ist, wie meine Gattin es perfekt auf den Punkt brachte, ein Film über Mütter, Töchter und Ehefrauen. Und er ist von einer stilistischen Geschliffenheit und Poetik, die in Debütfilmen eher selten ist. Das beginnt schon mit der Eröffnung, die den voyeuristischen Blick des Mörderpärchens auf ein weibliches Netball-Team in eine Extrem-Slow-Mo übersetzt und es setzt sich im weitere Verlauf des Films, der Verlangen und Begierde in Bilder gießt, die gleichermaßen wunderschön sind wie sie immer auch die Unerreichbarkeit des Objekts dieser Begierde zeigen. Die Menschen in HOUNDS OF LOVE rennen Idealen hinterher, die im Leben fast zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Die Frage ist, wie lange man an seinen Idealen festhalten will, bis man sie als Täuschung erkennt und sie verwirft.

Aber zurück zu den Frauen, um die es hier geht: Vicki ist eine junge Teenagerin, die es ihrer Mutter Maggie (Susie Porter) nicht verzeihen kann, dass die sich von ihrem Vater Trevor (Damian de Montemas) getrennt und den mit der Ehe gegebenen Wohlstand zugunsten einer Freiheit aufgegeben hat, die Vicki nur als Armut empfindet. Für sie ist die Mutter eine Verliererin, die ihr eigenes fehlgeleitetes Ego über ihre Interessen gestellt hat und sie lässt ihre Mutter dies immer wieder spüren. Ihre Passiosngeschichte beginnt, als sich Vicki nach einem Streit trotz Verbotes aus dem Haus stiehlt, um auf eine Party zu gehen. Sie kommt dort nie an, wird auf ihrem Weg von Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) aufgegriffen. Sie versprechen ihr Drogen und eine Mitfahrgelegenheit, laden sie schließlich in hr Haus ein, betäuben sie und ketten sie an ein Bett. Hier wird sie festgehalten, gequält und von John vergewaltigt, als Evelyn nicht im Haus ist. Sie soll einen Brief an die Mutter schreiben, um ihr mitzuteilen, dass sie in Sicherheit sei. Am Montag so heißt es, wollen John und Evelyn sie umbringen. Aber Vicki sieht eine Chance, zu entkommen.

Der perverse John übt nämlich eine perfide Kontrolle über Evelyn aus, benutzt sie für seine Zwecke, demütigt und misshandelt sie, wenn sie nicht gehorcht oder sich widersetzt, und macht sie dann wieder mit kleinen Zugeständnissen gefügig. Er hat sie zu seiner Komplizin gemacht, versteht es, sie mit in ihr Ohr geflüsterten Liebesgeständnissen und Schuldbekenntnissen bei Laune zu halten, nur um dann wieder auszuholen, wenn sie nicht so funktioniert, wie er es sich wünscht. Sie geht durch ein heißkaltes Wechselbad der Gefühle mit ihm und führt eine Beziehung, die an Selbstaufgabe grenzt, ohne zu bemerken, dass sie betrogen wird, weil ihr jede Selbstachtung und jedes Selbstwertgefühl fehlt. Vicki bemerkt schließlich, dass der Weg in die Freiheit über Evelyn führt: Wenn es ihr gelingt, der Frau klar zu machen, dass John sie nicht liebt, sie nur ausnutzt, könnte die Flucht gelingen. Doch Evelyn hält vorerst mit aller Kraft an ihrer Beziehung fest.

HOUNDS OF LOVE ist einer dieser Filme, die ihre Klasse fast ausschließlich durch ihre Perspektive beziehen: Young hat keinen Terrorfilm über die Qualen eines Opfers zweier Killer gedreht, sondern einen Film über enttäuschte Frauen, gebrochene Herzen und Seelen und über zerplatzte Träume. Sein Film ist nicht hart und fordernd, sondern meistens sanft und behutsam, was die unangenehmen Momente umso härter treffen lässt, selbst wenn er nie dem Reiz erliegt, mit der Kamera einfach nur draufzuhalten. Dazu passt die Besetzung des Mörderpärchens: Stephen Curry ist eigentlich für komische Rollen bekannt und schwankt zwischen psychopathischer Intensität in seinen eigenen vier Wänden und feiger Waschlappigkeit draußen. Emma Booth ist großartig als getriebene, verunsicherte, verzweifelt am Einzigen, was sie hat, festhaltende Evelyn: Es ist vor allem ihre Verzweiflung, die sie so unberechenbar macht, eine Verzweiflung, die sich am Ende in Vickis Mutter spiegelt, die sich von den Aussagen der Polizei, ihre Tochter werde schon wieder auftauchen, beruhigen lassen will. HOUNDS OF LOVE ist ein leiser, traumhaft inszenierter Film, mit den besten Musikeinsätzen der letzten Zeit: Er holt das maximale Drohpotenzial aus „Nights in white satin“ von The Moody Blues, gönnt Evelyn einen Glücksmoment zu Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und schließt mit Joy Divisions „Atmosphere“ in einem Zustand der Schwerelosigkeit.

honeymoon (leigh janiak, usa 2014)

Veröffentlicht: Oktober 3, 2019 in Film
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Kann man seinen Partner – oder generell einen nahestehenden Menschen – wirklich kennen? Was, wenn er sich plötzlich, im Moment der größten Intimität, als Fremder herausstellt, als Feind gar? Diese Frage stellt Leigh Janiak im kleinen, aber feinen HONEYMOON, der sich gleich mehreren Horror-Subgenres zuordnen ließe, vielleicht aber auch einfach nur eine Parabel auf die plötzliche, unvermittelte Entfremdung zweier Menschen ist, die sich nur wenige Stunden zuvor noch die ewige Treue geschworen haben.

Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) haben eben geheiratet und befinden sich auf dem Weg in die Flitterwochen, die sie in einem Blockhaus in Kanada verbringen, das ihren Eltern gehört und in dem sie Teile ihrer Kindheit verbracht hat. Die beiden sind über beide Ohren ineinander verknallt, was man an ihren kleinen Neckereien, ihren dauernden Flirts und dem Blitzen in den Augen erkennt, wenn sie sich anschauen. Beide können es kaum erwarten, sich die Kleider vom Leib zu reißen und dass es am Ort ihres gemeinsamen Urlaubs wirklich fast gar nichts zu tun gibt, was sie voneinander ablenken könnte, stört sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Aber wer einmal in einer mehrjährigen Beziehung gelebt hat (oder dies immer noch tut), der weiß auch, dass diese Zeit, in der der Himmel voller Geigen hängt und einem alles, wirklich alles am Partner als anbetungswürdig erscheint, irgendwann vorbei ist. Und dann gilt es zu akzeptieren, dass die beschlossene und proklamierte Einheit nur ein Kompromiss und ein Bild ist. Bea und vor allem Paul lernen diese Lektion auf die denkbar härteste Art und Weise.

Erste Anzeichen für eine Kluft zwischen ihnen gibt es schon nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht als Ehepaar. Sein achtlos hingeworfener Scherz, sie möge „ihre Gebärmutter ausruhen“, stößt bei ihr auf deutliche Irritationen. Will er etwa ein Kind von ihr? Seine Entschuldigung, er habe nur einen Scherz darüber machen wollen, „wie hart er sie gefickt habe“, zerstreut zwar ihre Befürchtungen, legt aber auch eine grundlegende Unsicherheit Pauls in Hinblick auf seine Männlichkeit und seine Fähigkeit, Bea an sich zu binden, frei. Später löst der Besuch in einem kleinen Restaurant, das zu Beas Überraschung von einer alten Jugendliebe von ihr betreut wird, weitere Unsicherheit bei Paul aus. Dieser Konflikt zwischen der ein gewisses Maß an Unabhängigkeit beanspruchenden Bea und dem totale Hingabe fordernden, eifersüchtigen Paul bestimmt HONEYMOON schon lange, bevor der Film eine bizarre Wendung zum Übernatürlichen nimmt: Als Paul das nächtliche Bett neben sich leer und Bea daraufhin verstört und nackt im Wald findet, gehen die echten Probleme los. Am nächsten Morgen weiß Bea nicht mehr, wie man Kaffee zubereitet, rätselhafte Wunden zeigen sich an der Innenseite ihrer Oberschenkel, er beobachtet sie dabei, wie sie vor dem Spiegel Ausreden einstudiert, um keinen Sex mit ihm haben zu müssen, und die Notizen in ihrem Tagebuch scheinen den Zweck zu verfolgen, sie daran zu erinnern, wer sie eigentlich ist. Als der Versöhnungssex auf dem Gipfel von Pauls Verunsicherung über seine Frau und ihre Ehe zu heftigen Blutungen bei ihr führt, reißt ihm der Geduldsfaden. Aber da ist es eigentlich schon zu spät für ihn.

Im letzten Drittel verwandelt sich das Junge-Ehe-Drama in einen waschechten Horrorfilm, der Elemente von Paranoiafilm, Körperfresser-Science-Fiction und Male Angst unter Einbeziehung garstiger Body-Horror-Szenen miteinander verbindet, ohne eine einfache, psychologische Ausdeutung der Vorgänge jedoch gänzlich zu verwerfen. Auch wenn da am Ende schattenhafte Wesen hinter der Wandlung der Frauen zu männermordenden Bestien stecken, geht es doch eigentlich um die Spannungen zwischen Mann und Frau, um das Unbehagen oder besser die Unsicherheit, die die Emanzipation der Frauen bei manchen Männern ausgelöst hat, um ihre Schwierigkeiten, ihre Rolle in der Partnerschaft neu zu definieren. Hinzu kommen natürlich auch ein paar klischierte Ängste vor der Frau, dem viel zitierten „unbekannten Wesen“, den Abgründen ihrer rätselhaften Psyche und der Tiefe ihres Geschlechtsteils. Es gibt etwa eine ziemlich eklige „Geburtsszene“, die in einem Film dieser Art kaum fehlen darf. Aber HONEYMOON bedient und unterwandert seine Klischees gleichermaßen. Rose Leslie ist als Bea sowohl feen- bzw. elfengleiches Geschöpf, blass, fragil und schutzbedürftig einerseits, dann aber auch wieder von einer Kraft und Entschlossenheit, neben der Harry Treadaway als Paul zwangsläufig wie ein ahnungsloser Waschlappen wirken muss, selbst wenn er als derjenige gezeigt wird, der den Überblick und die Kontrolle hat.

Das Ende ist nicht hunderprozentig zufriedenstellend, aber davon abgesehen stellt HONEYMOON eine schöne, intelligente, eindringliche Variante eines bekannten Topos dar. Empfehlenswert.

Ich weiß nicht genau, was australische Genrefilme an sich haben. Man bezeichnet KILLING GROUND heute wohl am ehesten als „Terrorfilm“, aber er ist im Ansatz eher bescheiden, begnügt sich mit einem zwar gemeinen, aber doch recht überschaubaren Bedrohungsszenario und kommt auf seine knappen 90 Minuten, weil er seine einfache Geschichte in drei Erzählstränge aufsplittet. Der Blurb auf dem nebenstehenden Poster behauptet zwar verstörende Nachhaltigkeit, aber das kann ich nicht wirklich bestätigen. Wohl aber, dass KILLING GROUND, solange er läuft, ziemlich effektiv ist – und eben jenes Quäntchen „authentischer“ und irgendwie trockener, gemeiner rüberkommt als Vergleichbares aus den USA.

Ich könnte mir vorstellen, dass KILLING GROUND mit einer Bildidee seinen Anfang nahm: ein kleiner, idyllischer, von der Außenwelt abgeschnittener Campingplatz, darauf ein leerstehendes Zelt, das den Eindruck erweckt, seine Besitzer seien vor wenigen MInuten noch dort gewesen und gleich wieder da: Auf einer Leine hängen Badesachen zum Trocknen, zwei Stühle sehen vor dem Zelt. Es ist das Bild das sich den beiden Protagonisten, dem Pärchen Ian (Ian Meadows) und Samantha (Harriet Dyer), eröffnet, als sie den hübschen Sandstrand an einem einsamen Waldsee irgendwo in der australischen Wildnis betreten. Zuerst sind die beiden ganz froh darüber, allein zu sein, doch als die „Nachbarn“ auch in der Nacht und am folgenden Morgen nicht wieder aufgetaucht sind, ist klar, dass hier etwas nicht stimmt. Der Verdacht erhärtet sich als ihnen wenig später ein verstörtes und verletztes Kleinkind in die Arme läuft.

KILLING GROUND konfrontiert eine einfache Familie wie aus dem Nichts mit zwei skrupellosen, perversen Sadisten und Lustmördern und lässt die Täter einige Stunden später an den Ort ihres Verbrechens zurückkehren, wo sich mittlerweile unliebsame Zeugen eingefunden haben. Es kommt zur unvermeidlichen Konfrontation, deren Ausgang im Wesentlichen davon abhängt, wie widerstandsfähig die Opfer sind, wie viel Lebenswillen sie in den Kampf gegen die bewaffneten und zu allem entschlossenen Killer werfen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg, den Regisseur Damien Power im Hin und Her zwischen Gegenwart und Rückblenden sowie den drei beteiligten Parteien beschreitet. Der Blick in die Vergangenheit zeigt die Opferfamilie im trauten Beisammensein, beschreibt die Ereignisse bis hin zu ihrer brutalen Ermordung, die der schockierende Höhepunkt des Films ist, während der Zuschauer in der Gegenwart Ian und Samantha, aber auch die beiden Mörder „German“ (Aaron Pedersen) und „Chook“ (Aaron Glenane) kennen lernt, die in der Folge ihres Verbrechens hitzig miteinander diskutieren, bis sie schließlich an den Tatort zurückkehren. Die Strategie dahinter ist klar: KILLING GROUND möchte zum einen Hochspannung dadurch erzeugen, dass die doppelte Katastrophe möglichst lang herausgezögert wird und der Einbruch des irrationalen Grauens in die Normalität möglichst hart trifft. Bei mir hat das funktioniert, weil diese Filme bei mir fast immer funktionieren und ihre australische Variante, wie oben einleitend schon angedeutet, stets noch mit einem Bonus versehen ist, aber weniger wohlmeinende Zuschauer haben gewiss nicht Unrecht, wenn sie sich darüber beklagten, dass Powers seine kleine, einfache Geschichte mithilfe von selbstzweckhaften Taschenspielertricks auf Länge bringt. KILLING GROUND würde locker auch als Kurzfilm funktionieren, möglicherweise sogar noch besser. Übel aufgestoßen sind mir persönlich die Szenen, in denen mit dem Shock Value von Kindesermordungen gespielt wird: Gleich zwei Mal muss der Toddler vermeintlich dran glauben, nur um sich dann doch noch als quicklebendig zu entpuppen, was ich als ätzende Taktik empfinde: Entweder, man zeichnet seine Schurken als echte Schweine, die auch vor einem Kinderleben nicht halt machen (warum sollte sie auch?) und zieht die Konsequenzen daraus oder man entscheidet sich dagegen. Alles andere ist einfach nur spekulativ und letztlich feige.

Letztlich hat mir KILLING GROUND aber gut gefallen: Wer realistische, ruppige, spannende „Terrorfilme“ mag und ein Faible für Ozploitation hat, wird ihm sicher etwas abgewinnen und die bestehenden Mängel verschmerzen können. Ein guter Film mit Luft nach oben, den man aber nicht unbedingt zweimal sehen muss.

An der Oberfläche ist REVENGE der einfache Film, den sein Titel ankündigt: Die junge, scharfe Jen (Matilda Lutz) reist mit ihrem reichen, gutaussehenden Macho-Freund Richard (Kevin Janssens) für ein Wochenende in dessen luxuriöses Designer-Wüsten-Refugium. Die beiden bekommen Gesellschaft von seinen „Geschäftspartnern“ (sprich: kriminellen Partnern) Stan (Vincent Colombe) und Dimitri (Guillaume Bouchède), mit denen Richard regelmäßig auf Jagd geht. Stan fühlt sich beim gemeinsamen Abend von der freimütigen Art Jens angemacht und vergewaltigt sie am nächsten Morgen, als Richard abwesend ist, im Beisein des wortkargen Dimitri. Als Richard zurückkommt und von Jen erfährt, was vorgefallen ist, zeigt er sein wahres Gesicht: Er bietet Jen ein Schweigegeld und ein neues Leben in Kanada an. Als sie sich verweigert, bringen die drei Männer sie um, indem sie sie von einer Klippe stoßen. Aber Jen ist nicht tot, sondern erwacht als Racheengel, der weniger kurzen als vielmehr blutigen Prozess mit den drei Chauvieschweinen macht.

Bei REVENGE handelt es sich auf Handlungsebene um einen sehr geradlinigen Vertreter des Rape-and-Revenge-Films: Er kommt in allem, was er tut, schnell zur Sache und endet in dem Moment, in dem Jen ihre Arbeit erledigt hat. Formal unterscheidet er sich aber erheblich von Genreklassikern wie I SPIT ON YOUR GRAVE, MS. 45 oder THRILLER: EN GRYM FILM. Sind diese – passend zu ihrer Entstehungszeit – meist roh, dreckig und bewusst „hässlich“ gehalten, strahlt REVENGE mit seinen perfekt durchkomponierten, hochgradig stilisierten Bildern in den prächtigsten Farben. Auffällig ist auch das Missverhältnis zwischen dem ursprünglichen Gewaltakt und der Rache: Während die Vergewaltigung üblicherweise in ebenso schonungsloser Härte dargestellt wird wie der anschließende Racheakt, um diesen zu legitimieren, findet sie in REVENGE fast komplett im Off statt. Während Stan sich an Jen vergeht, schneidet Fargeat auf den tumben Dimitri, der den Fernseher lauter stellt, um ihre Schreie nicht hören zu müssen (es läuft ein Autorennen), und dann in den Swimming Pool springt. Grafische Gewaltdarstellung hebt sich die Regisseurin für später auf: Erst wird Jen nach ihrem Sturz von einem Baum aufgespießt und läuft danach mit einem aus ihrer klaffenden Bauchwunde ragenden Aststumpf herum, den sie sich in einer Selbstoperation mit Peyote-Narkose entfernt. Dann werden ihre Peiniger zum Aderlass gebeten. In seinen Goreszenen überschreitet REVENGE mitunter ganz bewusst die Grenze zur Farce und ist in seinen grotesken Bildern nicht mehr weit weg vom wahnwitzigen Fun-Splatter eines BAD TASTE. Der Höhepunkt ist gewiss die Fußsohlenverletzung Stans, der mit mehreren Fingern in die tiefe Schnittwunde greift, um eine Scherbe herauszuziehen, während sich das Blut eimerweise über seine Hand ergießt. Ich bin bestimmt nicht der einzige, der die sexuelle Konnotation dieser Verletzung und den deutlichen Kontrast zu Jens phallischer Aufspießung gesehen hat. Es kann kein Zufall sein und ist nur ein Beispiel für die visuelle Vielschichtigkeit eines Films, der zunächst mal nur oberflächlich „stylish“ aussieht. Im Showdown, bei dem Jen dann gegen ihren Ex-Freund antritt, verwandeln sie die aseptisch anmutende, labyrinthisch verschachtelte Innenarchitektur seines Bungalows angesichts ihres massiven Blutverlustes in ein Schlachthaus, das mit sleekem Chic nicht mehr viel zu tun hat. Und auch hier läuft wieder das Fernsehgerät, preisen zwei Frauen die Konsumwunder eines Shoppingkanals. REVENGE ist nicht explizit witzig, aber seine Obsession mit offenen Wunden, Selbstverstümmelung, Blutungen und im Leib steckenden Fremdkörpern grenzt schon ans Humoristische und so tritt auch Fargeats Zorn auf Machismo und Misogynie, auf Materialismus und Kapitalismus, auf Gewalt- und Waffenfetischismus eher unterschwellig zu Tage, als dass sie ihn wortwörtlich telegrafiert.

Genauso ist ihre Erzählhaltung: REVENGE ist ein Fiebertraum, in dem wir die Innenperspektive einnehmen, anstatt verblüfft und befremdet von außen auf ihn zu schauen. Dass Jen den Sturz von einer 30 Meter hohen Klippe mitsamt folgender Aufspießung auf einem abgestorbenen Baumgerippe überlebt, ist komplett unrealistisch, trotzdem behandelt Fargeat ihre Wiederauferstehung als sei sie das normalste auf der Welt. Ich habe die ganze Zeit auf eine nachgereichte Erklärung für ihre Unverwundbarkeit gewartet, aber sie kam nicht. Die Transformation Jens zum Racheengel – weg von den strohblonden hin zu braunen Haaren, weg von den bunten Bikinis hin zur grauen Unterwäsche mit Patronengurt, weg von der makellosen hin zur Blut- und dreckverkrusteten Haut – vollzieht sich einfach so, wir müssen sie hinnehmen. Eben lutschte sie mit ihren vollen roten Lippen noch lasziv an einem Lollipop. jetzt betäubt sie sich mit Peyote, entfernt den Pflock aus ihrem Bauch und kauterisiert die Wunde mit einer aufgeschnittenen Bierdose, sodass sich deren Motiv, ein aufsteigender Phoenix auf ihre Haut tätowiert. Vorher bediente sie ihren pinkfarbenen MP3-Player, jetzt hetzt sie mit einem meterlangen Schießprügel durch die Wüste und ballert erfahrene Jäger über den Haufen.

Ich bin mir nicht ganz im Klaren, was ich von REVENGE halten soll. Er ist ein audiovisuelles Fest, das für die Zukunft einiges erhoffen lässt, aber er wirkt auch noch wie eine Fingerübung, wie das letzte Training vor der großen Generalprobe. Er klammert sich an eine erprobte Form, die er kaum modifiziert, richtet die Aufmerksamkeit eher auf das „Wie“ als auf das „Was“ und befreit sich gewissermaßen von der Aufgabe, auch noch eine interessante Geschichte erzählen zu müssen. Die Tücke steckt, wie oben erwähnt, eher im Detail, in Irritationsmomenten, die REVENGE davon abhalten, ganz zum tumben Exploiter zu verkommen, aber er nimmt die Gorebauern und Genrefans ganz gern mit. Man merkt, dass Fargeat seinem männlichen Publikum eigentlich ganz gern einen Tritt in die Eier verpassen möchte, aber sie kann sich von den Zwängen und Konventionen des Genres noch nicht ganz frei machen. Aber ich bin gespannt, was da noch kommen mag.