Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

unbenanntHORROR ON SNAPE ISLAND habe ich zum letzten Mal vor sage und schreibe 12 Jahren gesehen (unmittelbar danach habe ich Ameñabars Querschnittslähmungsdrama MAR ADENTRO im Kino geschaut, was für ein Double Feature!). Außer, dass ich ihn damals sehr putzig fand, habe ich genau gar nichts davon in Erinnerung behalten. Nur, dass der Film eher der Kategorie „dumm und billig“ zuzuordnen war, hatte ich noch abgespeichert. Die neuerliche Sichtung zeigt aber, dass sich dieses Urteil nur bedingt aufrechterhalten lässt: Ja, HORROR ON SNAPE ISLAND – den sowohl deutsche wie auch englischsprachige Verleiher dem uninteressierten Publikum unter zahlreichen reißerischen Titeln andienten, darunter DEVIL’S TOWER – SCHRECKENSTURM DER ZOMBIES, TURM DER LEBENDEN LEICHEN, TOWER OF EVIL und BEYOND THE FOG -, dürfte eher preisgünstig gewesen sein und besonders intelligent ist er auch nicht, aber ihn als „billig und dumm“ zu diffamieren, ist viel zu gemein.

Die inhaltlich sowohl an Shermans meisterlichen DEATH LINE wie auch an D’Amatos ANTHROPOPHAGUS erinnernde Schauermär um einen dem Wahnsinn verfallenen Zauselkopp, der auf einer einsamen Insel sein Unwesen treibt, auf die es einst auch die Phönizier (!)  verschlagen hat, ist vor allem eins: endlos charmant. Wie eigentlich fast alle der raren britischen Horrorfilme aus jener Zeit hat er diese wunderbar staubig-rumpelige Kirmesbudenanmutung, die auch über manche eher langweilige Passage hinweghilft. Außerdem inszeniert O’Connolly – berühmtester Film: das Harryhausen-Vehikel VALLEY OF GWANGI – durchaus kompetent, weiß seine liebevoll ausstaffierten Studiosettings effektiv einzusetzen und hat zudem eine Riege an Darstellern, die den Kenner mit der Zunge schnalzen lässt. Dennis Price bringt in einem geil psychedelischen Seitenarm des Films Respektabilität, und einen besseren Seemann als Jack Watson kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dazu kommen Leute wie Bryant Haliday, Jill Haworth, Mark Edwards, Anna Palk oder Robin Askwith, deren Namen man nicht unbedingt kennt, die man aber alle schon einmal in anderen, vergleichbaren britischen Filmen gesehen hat und über die man sich freut.

HORROR ON SNAPE ISLAND ist ein Vertreter eines Subgenres, das ich mal als „Zauselfilm“ bezeichnen würde: Im Zentrum steht ein zurückgebliebener, vollbärtiger, sabbernder, verdreckter und ultimativ bemitleidenswerter Tropf, der im Zustand geistiger Umnachtung Menschen ermordet und am Ende von seinem traurigen Schicksal erlöst wird. O’Connollys Film ist der ideale Partner für den schon erwähnten DEATH LINE von Sherman, mit dem er wohl die Speerspitze des leider nicht zu Weltruhm gelangten Formats bildet. Auch im amerikanischen Backwood-Film lassen sich Vertreter des Zauselkinos ausmachen, aber ich spreche hier wohl vielen aus der Seele, wenn ich behaupte, dass die Briten einfach einen besonders avancierten Zugang zur Zauseligkeit hatten. (Ich muss bei Gelegenheit noch einmal THE CELLAR auffrischen, aber ich meine, dessen menschliches Monster hatte weder Vollbart noch Latzhose, lässt also die für das Etikett des Zausels nötige Ausstattung vermissen.) Schade, dass es nicht mehr britische Zauselfilme gibt! SNAPE bekommt im letzten Drittel noch einmal einen kleinen Arschtritt, wenn die phönizische Baal-Statue gefunden wird, die aussieht, wie ein missglückter Muppet, der den Stinkefinger zeigt. Ich hoffe inständig, dass O’Connollys Werk nie bis nach Phönizien gedrungen ist, weil diese Darstellung dazu geeignet ist, die diplomatischen Beziehungen schwer zu beschädigen. Im Zeitalter von Trump und Putin können wir uns nicht auch noch einen Konflikt mit Phönizien erlauben!

Detroit ist eine im Sterben liegende Stadt. Der Ort, wo „der American Way of Life erfunden“ wurde, wie ein Journalist angesichts der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Stadt sagt, in der die Massenproduktion der amerikanischen Automobilindustrie erfunden wurde, ist heruntergekommen, von Armut und Verfall gezeichnet. Angeblich stehen rund 60.000 Häuser leer, die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert, das einzige, was noch floriert, ist die Kriminalitätsrate. Derzeit wird zwar der Aufschwung beschworen, aber noch säumen ausgestorbene Vorstädte die Peripherie des Zentrums, darauf wartend, dass das Leben zurückkehrt. Der desolate Zustand von Industriestädten wie Detroit ist wahrscheinlich einer der vielen Gründe, die den Aufstieg eines Populisten wie Trump begünstigen konnten – und liefert insofern gleich in doppelter Hinsicht das ideale Setting für einen Horrorfilm. Dass seine von der Natur reklamierten Wohnviertel und brachliegenden Firmengrundstücke höchst fotogen sind, hat ja zuletzt der großartige IT FOLLOWS unter Beweis gestellt. Nun tritt also Fede Alvarez, Regisseur des damals viel beachteten EVIL DEAD-Remakes in die großen Fußstapfen.

Die Hoffnung auf Besserung haben seine drei Protagonisten, die Teenager Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) längst aufgegeben. Rocky will nicht nur wegen des miesen Wetters und der tristen Zukunftsaussichten weg, sondern auch, weil sie ihrer Schwester ein besseres Zuhause bieten möchte, als das, was sie derzeit bei ihrer versoffenen Mutter und ihrem mit Hakenkreuzen tätowierten Stecher vorfinden. Um den Umzug ins gelobte Land Kalifornien zu finanzieren, brechen die drei in Wohnhäuser ein und klauen alles, was auf dem Schwarzmarkt Geld verspricht. Weil die Gewinnspannen aber zunehmend kleiner werden, wird ein neuer Plan geschmiedet: Im Haus eine kriegsversehrten Irak-Veteranen (Stephen Lang) soll ein Vermögen versteckt sein, dass er einst bekam, als seine Tochter überfahren worden war. Der Einbruch gelingt, der blinde Soldat scheint ein besonders leichtes Opfer zu sein, doch dann kommt alles ganz anders: Das Opfer wird aufgeschreckt, wenig später liegt Money tot am Boden und Rocky und Alex sind in dem festungsartig verbarrikadierten Haus gefangen …

Wie sein Vorgänger lebt auch DON’T BREATHE von der Reduktion des Handlungsraumes. Das Haus des Veteranen bietet zunächst ausreichend Verstecke und Möglichkeiten, dem Blinden auszuweichen, doch die Fluchtoptionen werden mehr und mehr beschnitten. Als das Opfer bemerkt, dass es nicht allein ist, beginnt es Türen und Fenster zu verbarrikadieren; während einer an THE SILENCE OF THE LAMBS erinnernden Sequenz zwingt er den in einem Keller gefangenen Rocky und Alex durch Löschen jeglichen Lichts seine Perspektive auf; schließlich wacht der bissige Rottweiler aus seinem betäubungsmittelinduzierten Schlaf wieder auf und erscheint verlässlich überall da, wo sein Herrchen gerade nicht sein kann. Die Beschneidung von Handlungsspielräumen, das Festnageln in einer desolaten Situation: Es ist nicht zu weit hergeholt, in Alvarez‘ Spannungsstrategie eine drastisch gesteigerte Fortsetzung jener ökonomischen Zwänge zu sehen, die seine Figuren überhaupt in ihre missliche Lage getrieben haben. Was bittererweise auf beide Seiten zutrifft: Seine jugendlichen Protagonisten hängen in einer sterbenden Stadt und in dysfunktionalen Familien fest, die keinerlei Zukunftsperspektiven bieten, der Veteran hat zwar ein Vermögen im Geldschrank, aber dessen Wert ist rein symbolisch, denn er nimmt längst nicht mehr an einem normalen Leben teil, in dem ihm dieses Geld einen echten Nutzen brächte. Sein Haus ist ein Mausoleum, in das er sich – durch einen Granatsplitter zum Krüppel geworden, zerstört von der Trauer um seine mit Gewalt aus dem Leben gerissene Tochter, völlig vereinsamt – zum Sterben zurückgezogen hat. Oder vielmehr um einen noch finsteren Plan zu verwirklichen, die dem Film im letzten Drittel noch einmal eine hübsch geschmacklose Volte bringen.

Alvarez hat damals schon aus der wenig beneidenswerten Aufgabe, einen Film neu aufzulegen, dessen Update keiner wirklich haben wollte, das Beste gemacht. Hier erweist er sich als überaus geschickt darin, ein minimalistisches Szenario auszureizen und dem Publikum die Daumenschrauben anzulegen. DON’T BREATHE ist fies spannend, von zupackender Härte, ohne dabei in pubertäres Gore-Gematsche abzugleiten (ein Vorwurf, den sich der ganz ähnlich gelagerte THE GREEN ROOM gefallen lassen musste), und sehr effektiv inszeniert: Besonders hervorzuheben sind hier m. E. der Einsatz von Stille und das plötzliche Einbrechen von Soundeffekten, die jedesmal für den entsprechenden Schock sorgen. Aber DON’T BREATHE ist längst nich nur gut geölte Spannungsmaschine: Wie hier letztlich die Verlierer der sozio-ökonomischen Realität aufeinander losgehen, spiegelt den traurigen Zustand, in dem sich die westlichen Industrienationen derzeit befinden und diesen mit einem beunruhigenden Rechtsruck bezahlen.

 

Ist es nur die geminderte Erwartungshaltung oder doch die Sympathie für den Underdog, die mich solche schon im Vorfeld mit Häme und Spott überzogenen, vermeintlich „misslungenen“ (DC-)Filme wie SUICIDE SQUAD regelmäßig besser finden lässt, als ihre gefeierten (Marvel-)Kollegen?

Man konnte viel darüber lesen, dass Ayer und seine Schauspieler ohne Drehbuch arbeiten, ihre Geschichte quasi on the spot, von Drehtag zu Drehtag, improvisieren mussten; dass das Studio dem Regisseur bei jeder Entscheidung dazwischengrätschte, Jared Leto es mit dem method acting übertrieb. Bei Erscheinen wurde SUICIDE SQUAD heftig verrissen, was an seinem finanziellen Erfolg aber nichts änderte. Langweilig sei der Film, unlogisch, schlecht inszeniert, darüber hinaus zahnlos, vor allem gemessen an der gezeichneten Vorlage, die dem Vernehmen nach relativ blutig ist (ich hab das Comic nie gelesen). Fakt ist, dass der Film viel Potenzial verschleudert: Die Exposition ist toll, temporeich, mit viel Schwung und Stilbewusstsein inszeniert, das Figureninventar interessant, die Darsteller sind mit viel Engagement bei der Sache. Der Humor ist over the top, mit dem wenig originell, aber sehr ikonisch bestückten Soundtrack peilt der Film auf sehr gelungene Art und Weise die archetypische Überzeichnung an, die für Superhelden-Comics so charakteristisch ist. Leto setzt Ledgers Joker eine exzentrischere, selbstverliebtere, aber nicht minder verstörende Darbietung gegenüber, Will Smith erinnert endlich mal wieder daran, dass er mal ein veritabler Actionstar war, Margot Robbie herrscht als Fetischfantasie Harley Quinn und die etwas untergeordneten Jai Courtney, Jay Hernandez und Adewale Akinnuoye-Agbaje haben als Captain Boomerang, Diablo und Killer Croc ebenfalls sichtbar Spaß an ihren Rollen. Alle Zeichen stehen auf Durchmarsch, doch dann versumpft der Film auf unerklärliche Weise.

Die Vorbereitung der Handlung ist noch viel versprechend, doch leider mündet die Exposition in eine knapp 90-minütige Actionsequenz, die ohne nennenswerte Höhepunkte, dramaturgische Zuspitzung oder auch nur einen klaren Konflikt vor sich hin dümpelt. Interessant wird es immer dann, wenn der Joker auftritt, weil die bizarre Liebesbeziehung zwischen ihm und Harley einen emotionalen Anknüpfungspunkt bietet, den etwa die bloß behauptete Liebe zwischen dem Soldaten Flag (Joel Kinnaman) und der von einer uralten Zauberin besessenen Wissenschaftlerin June Moon (Cara Delevingne) überhaupt nicht trifft. Überhaupt: Hat jemand verstanden, wieso die Enchantress ausbricht, obwohl man sie doch angeblich durch den Besitz ihres Herzens unter Kontrolle hat? Und warum sie einen riesenhaften Gehilfen benötigt, obwohl sie doch selbst so mächtig ist? Ich jedenfalls nicht, auch nach mehreren Versuchen nicht. Die Konfusion und Löchrigkeit von SUICIDE SQUAD (auch in der langen Fassung) ist auch deshalb so rätselhaft, weil der Film in sich eigentlich sehr homogen wirkt. Es gibt keine sichtbaren Sprünge, der Film ist geradezu ein Paradebeispiel für lineare Handlungsentwicklung (man kann buchstäblich 120 Minuten lang neben den Figuren herlaufen).

Dass ich ca. vier Anläufe gebraucht habe, SUICIDE SQUAD zu Ende zu sehen, würde ich immer noch in erster Linie meiner Müdigkeit nach Feierabend zuschreiben, aber so ganz unschuldig daran ist der Film selbst auch nicht. Mit diesem Figureninventar nichts besseres anzufangen wissen, als sie in eine eintönige Auseinandersetzung mit einem leeren Obermufti zu schicken, ist schon ein Armutszeugnis, auch wenn man immer wieder erkennen kann, dass Ayer was drauf hat. Warum man sich nicht auf den Joker als Hauptgegner konzentrierte, ist mir ein Rätsel. Dass ich hier dennoch eher geneigt bin, Gnade walten zu lassen, liegt am Look des Films, eben an den Charakteren und der ersten Dreiviertelstunde, die richtig viel Spaß gemacht hat. Und es ist dann doch mehr hängengeblieben als vom durch und durch routinierten CIVIL WAR.

ghostbustersDie Diskussion über das viel gehasste Remake mit meinem Freund Frank führte zu der Entscheidung, mal wieder das Original anzuschauen: ein Film, den ich zwar mag, der in meiner Kindheit auch eine gewisse Bedeutung hatte, den ich aber bei Weitem nicht so toll finde wie diverse Fanboys im Netz, die gegen die neue Version mit dem Eifer islamistischer Fundamentalisten zu Felde gezogen sind. Die Luft war ja auch schon damals beim zweiten Teil raus, und alle Versuche Aykroyds, eine Neuauflage an den Start zu bekommen scheiterten trotz immer neuer Versprechen und Ankündigungen. Schaut man sich Aykroyds eher ernüchternde Karriere ab den späten Achtzigerjahren an, war sein Wille, die größte Cashcow seiner Laufbahn zu reanimieren, nur zu verständlich. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob er der Welt mit jenem „echten“ dritten Teil, um den sich die Fans nun betrogen fühlen, einen großen Gefallen getan hätte.GHOSTBUSTERS ist für mich das Idealbeispiel eines Filmes, bei dem sich alles glücklich zusammenfügte: Ein Konzept, das einschlug wie eine Bombe, drei Hauptdarsteller auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, ein hervorragendes Design, ein Hitsong  – und natürlich die Tatsache, dass er mit seiner Idee auf ein begeisterungsfähiges Jungvolk stieß, in deren Filmsozialisation er eine Rolle spielen sollte, die seinen echten filmischen Wert weit übersteigt. GHOSTBUSTERS hat etwas, was sich nicht genau festmachen lässt, er ist mehr als die Summe seiner Teile und zweifellos deutlich besser als das umstrittene Remake, allein schon, weil er sich nicht auf irgendwelche Metaebenen flüchten muss, sondern seine Geistergeschichte ganz straight durchspielen kann, aber die ganz große Begeisterung löst er bei mir trotzdem nicht aus.

Das größte Problem, das ich mit ihm habe: Ich finde ihn nur mäßig komisch, ein Vorwurf, der ja auch gegen das Remake erhoben wurde. Schön und gut, Feigs Version ist gewiss nicht der Kulminationspunkt der Witzigkeit, aber wer meint, der Film habe keine Gags, der soll mir doch bitte mal sagen, wo genau diese denn hier eigentlich zu finden sind. Seinen ganzen Humor bezieht der Film aus Bill Murrays seitdem zur Masche verkommenem Arschlochtum, Harold Ramis stoischer Nerderei und Rick Moranis‘ Deppertheit, echte Gags, also entwickelte Pointen, gibt es meiner Meinung nach überhaupt nicht – sieht man mal von Venkmans Experiment ab, mit dem der Film beginnt. Was er hat, sind eben Typen, eine liebenswerte Underdog-Attitude, einen sense of place, eine funktionierende Dramaturgie und einen Spannungsbogen. Reitman nimmt seine Geschichte ernst und es steht etwas auf dem Spiel (auch wenn man natürlich weiß, das alles gut ausgehen wird), mitunter ist der Film – gewiss kein Schocker – sogar ein wenig unheimlich. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass GHOSTBUSTERS nicht sehr angenehme und sympathische Unterhaltung böte, und wer wie ich in den Achtzigern aufwuchs, der wird sehr wahrscheinlich etwas mit diesem Film verbinden, dass es einem nahezu unmöglich macht, ihn „einfach so“ zu schauen. Aber ich meine, man sollte auch in der Lage sein, zu erkennen, wo ein Film aufhört und die subjektive Verklärung beginnt. GHOSTBUSTERS ist ein schöner Eighties-Blockbuster, der seinen Platz in der Popkultur sicher und verdient hat, aber er ist kein RAIDERS OF THE LOST  ARK, kein TEMPLE OF DOOM, kein GREMLINS und auch kein BACK TO THE FUTURE. Meine Meinung.

10287_i_affiche20orfanatoWahrscheinlich hätte ich EL ORFANATO damals sehen sollen. Guillermo del Toro war nach einer ganzen Reihe von tollen Filmen so etwas wie der Hoffnungsträger für ein märchenhaftes, erwachsenes, aber nicht zynisches, im Gegenteil eher melancholisches Genrekino, und Spanien ein Fels in europäischer Brandung, auf dem immer wieder originelle Horrorfilme gediehen. EL ORFANATO kam kurz nach del Toros EL LABERINTO DEL FAUNO in die Kinos und profitierte ganz erheblich vom Namen des mit 42 Jahren auch nicht mehr ganz so jungen Wunderkinds. Man hörte eigentlich nur Gutes über das von del Toro produzierte Regiedebüt J. A. Bayonas, und ich weiß gar nicht mehr, warum es nie zu einer Sichtung kam. Ein paar mal hielt ich bei meinen Ausflügen nach Holland die DVD in der Hand, schon bereit zu Kauf, bevor mir dann einfiel, dass spanische Filme mit niederländischen Untertiteln nicht so das Gelbe vom Ei sind. Und irgendwann geriet EL ORFANATO in Vergessenheit.

Die nach fast zehn Jahren nachgeholte Sichtung war nun nicht unbedingt ernüchternd, aber doch etwas enttäuschend, weil ich deutlich mehr erwartet hatte. Ich will das gar nicht unbedingt dem Film ankreiden, denn ich fürchte, dass sich mein Geschmack in den letzten Jahren einfach in eine Richtung entwickelt hat, die EL ORFANATO diametral entgegengesetzt ist. Bayonas Debüt ist gediegenes Erzählkino, das mich mittlerweile eher langweilt oder – um es etwas freundlicher zu formulieren – kalt lässt. Unheimlich fand ich den Film überhaupt nicht, viel eher reichlich vorhersehbar, immer den Konventionen des Geisterfilms verpflichtet und daher viel zu leer und formelhaft, um richtig zu packen. Diese Mysteryfilme um Kinder, die irgendwelche Geister sehen, und ihre Eltern, die dem Verhalten der Bälger erst belustigt, dann immer ratloser gegenüberstehen, bevor sie schließlich erkennen müssen, dass die Welt weniger geordnet ist, als sie das angenommen haben, verlaufen immer nach dem gleichen Schema und so hatte EL ORFANATO mich eigentlich schon nach zehn Minuten verloren. Ja, das Schicksal des kleinen Simón ist tragisch und verfehlt seine Wirkung nicht, aber irgendwie wirkt das auch immer etwas kalkuliert: Wen würde der sinnlose Tod eines Kindes nicht mitnehmen?

Auf dem Weg zu diesem Finale gibt es leider keine einzige Überraschung oder auch nur einen wirklich spannende Szene, dafür etabliert Bayona eine heilige Ergriffenheit, die mich schon ein wenig genervt hat. Da wird ständig Bedeutungsschwere und Emotionalität vorgespielt – und ich glaube auch, dass Bayona das alles ernst meinte – und Hauptdarstellerin Belén Rueda hat vor lauter Leid tiefe Ringe unter den Augen, der Score schwelgt in Dramatik und Trauer, aber wenn davon einfach nichts bei einem ankommt, fühlt man sich unangenehm bevormundet. To make a long story short: EL ORFANATO hat bei mir einfach nicht funktioniert. So ist das manchmal.

happyhellnight-quest1Man tut dem Slaherfilm kein Unrecht, wenn man ihm nachsagt, dass er sich wie nur wenige andere Genres für die Stellenlektüre eignet. Das gilt für seine berühmtesten Vertreter, die zwischen den klimaktischen Mordszenen jede Menge Zeit totschlagen, aber noch mehr, wenn man sich zu Werken auf den unteren Brettern der Videothekenregale vorarbeitet. Will sagen: Je mehr man von diesen Filmen sieht, umso mehr lernt man, bei der Beurteilung auf die kurzen Szenen und Momente zu achten, in denen die meist kläglichen Produktionsbedingungen überwunden werden konnten, sich das kollektive Unvermögen wie von Geisterhand zu Augenblicken der Poesie addiert und der sprichwörtliche Silberstreif durch die allgemeine Trübnis zischt. So gesehen wird HAPPY HELL NIGHT immer der Slasherfilm mit dem kreuzunheimlichen, saumäßig effektiven Auftakt sein, auch wenn er dem leider nichts hinzuzusetzen hat, sich nach zehn Minuten stattdessen in den üblichen rammdösigen Fraternity-Kapriolen verliert und seinen eigentlich recht gruseligen Killer als albernen Freddy-Verschnitt vergeigt.

Zwei Pfleger, ein Mann und eine Frau, schleichen durch die dunklen, mödrigen Gänge einer Irrenanstalt. Am Ende eines Flures bleiben sie vor einer Tür stehen, hinter der sich der berüchtigtste Insasse des Hauses verbirgt. Die Frau schaut durch die Luke hinein, man sieht sie und den Strahl ihrer Taschenlampe von innen. Sie erblickt etwas und schreit. Der Mann erklärt ihr mit Grabesstimme, dass dieser Insasse seit 25 Jahren nichts anderes tue als dort zu sitzen, als ob er auf etwas warten würde. Man sieht ihn nicht ganz, nur seinen Schatten, wie er da regungslos auf einem Stuhl im fahlen Licht sitzt. 25 Jahre zuvor wurde er gefasst, nachdem er in den Katakomben einer alten Kirche ein wahres Gemetzel unter einigen Studenten angerichtet hatte. Auch dies fängt Owens sehr effektiv ein, lässt einen Zeugen im Dunkel erst über blutige Gliedmaßen stolpern bevor ein leichenblasser, glatzköpfiger, blutverschmierter Mann mit riesigen schwarzen Augen in den Lichtschein seiner Taschenlampe stolpert. Ein wirklich spitzenmäßiger Auftakt.

Leider kommt danach nicht mehr viel, meist sogar deutlich weniger: Zur „Hell Night“, in der sich traurige Studenten bei den diversen Fraternitys anbiedern und sich in meist demütigenden Mutproben beweisen müssen, muss ein armer Tropf ein Foto des Killers machen und befreit ihn dabei. Im Folgenden sucht der irre Mörder die Studenten heim – die derselben Fraternity angehören, deren Mitglieder er damals schon dahingerafft hatte – und killt sie mit einem Eispickel, nicht ohne dabei fürchterlich unterbelichtete One Liner abzusondern, die nicht nur unwitzig sind, sondern zu dieser Figur einfach überhaupt nicht passen wollen. Weil die Studenten gerade eine Riesenparty feiern, gibt es auch ein paar weibliche Opfer, die hier und da etwas nackte Haut zeigen. Einer der Studenten – ein Loser mit Schnurrbart, fliehendem Kinn und einem Muttermal am Ohr, das ich zunächst für einen fleischfarbenen Ohrring gehalten habe – betreibt einen College-Fernsehsender, filmt seine Kumpels mit versteckten Kameras beim Sex und führt sich dabei wie ein Pornomogul auf. Am Ende kommt etwas schwarze Magie ins Spiel und die Flucht vor dem Mörder wird endlos ausgewalzt, als sei das alles auch nur im Entferntesten spannend, bevor HAPPY HELL NIGHT schließlich mit der vorhersehbarsten Pointe aller vorhersehbaren Pointen schließt. Nee, der Film ist nix. Aber er hat eben diesen Anfang – und Sam Rockwell und Jorja CSI Fox in Mini-Nebenrollen, auf die man sie heute wahrscheinlich eher nicht mehr ansprechen sollte.

Kuriosum am Rande: Der deutsche und englische Wikipedia-Eintrag machen alles richtig. Bis auf die Inhaltsangabe, die nichts, aber auch rein gar nichts mit diesem Film zu tun hat. Sehr seltsam.

ghostbusters_ver6_xlg-1Der große Aufreger des vergangenen Kinojahres war nicht etwa ein tabubrechender Skandalfilm oder ein politisch unangenehme Wahrheiten aussprechendes Werk filmischen Protests, nein, es war das Remake eines geliebten Popkultur-Klassikers, dessen „echtes“ Sequel seit nunmehr 25 Jahren immer wieder in Aussicht gestellt worden war. Nicht nur, dass diese Nerd-Hoffnungen 2015 endgültig platzten, nein, die Produzenten entschlossen sich frevelhafterweise dazu, die im Original von Männern besetzten Rollen nun für weibliche Darsteller umzuinterpretieren. Infolgedessen zeigte das Internet sich wieder einmal von seiner hässlichsten, spießigsten, chauvinistischsten und abgrundtief dümmsten Seite. Und Feigs Film hatte schon verloren, noch bevor er überhaupt gezeigt worden war.

Nicht, dass dieser Zorn völlig unerwartet gewesen wäre: Wenn man sich an etwas vergreift, dass derart heiß und innig geliebt wird, muss man damit rechnen, Gegenwind zu bekommen. Und der neue GHOSTBUSTERS wurde nun nicht gerade heimlich, still und leise in die Lichtspielhäuser gebracht, sein Besetzungscoup im Gegenteil sehr offensiv vermarktet. Die vereinten Nerds und Geeks der Welt mussten sich fast zwangsläufig herausgefordert fühlen. Ob diese Provokation von vornherein geplant war? Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, denn auch innerhalb des Films wird der dem System inhärente Sexismus immer wieder thematisiert. Ein wütender User kommentiert ein Video der neuen Ghostbusters mit „Bitches ain’t huntin‘ no ghosts“ und mit dem Sekretär Kevin (Chris Hemsworth) gibt es eine Rolle, die standardmäßig für Frauen reserviert ist: die des dümmlichen eye candies, das keine weitere erzählerische Funktion erfüllt, als Klischees fortzuschreiben und gut auszusehen. Wie in Feigs vorangegangenen Filmen sind die Heldinnen Frauen, die sich nicht in für Frauen vorgefasste Schablonen pressen lassen – Wiigs Erin Gilbert verkörpert die klassische Karrierefrau, die sich trotz nachgewiesener Expertise ständig irgendwelchen Mänern gegenüber beweisen muss und dann als Geisterjägerin in einem Außenseiterjob zu sich finden darf -, sondern für sich das Recht in Anspruch nehmen, genauso dumm, hässlich, vulgär, schlagkräftig, laut, intelligent und entschlussfreudig zu sein wie die Exemplare des anderen Geschlechts. Davon muss sich der prototypische Geek geradezu angepisst fühlen.

Aber es gibt noch ein anderes Thema: Zwischen dem Orginalfilm von Ivan Reitman aus dem Jahr 1984 und Feigs 2016er-Remake liegen 32 Jahre, die am Schauplatz Manhattan nicht spurlos vorübergegangen sind. Das einst als Inbegriff des dem Verbrechen und Chaos anheimgefallenen geltende New York wurde in den späten Achtzigerjahren und während der Amtszeit Rudolph Giulianis in den Neunzigern konsequent aufgeräumt, aller schmuddeligen Ecken entledigt, auf Hochglanz poliert und als familienfreundliches Konsumparadies neu erschaffen. GHOSTBUSTERS lässt mit seiner Referenz an den alten Film (Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson und Sigourney Weaver absolvieren Cameos, der verstorbene Harold Ramis grüßt in Form einer Büste) auch jenes vergangene New York auferstehen. Im Finale bekämpfen die Ghostbuster die Geisterarmada auf dem Times Square, der von Marquees gesäumt ist, die Karloffs ISLE OF THE SNAKE PEOPLE, TAXI DRIVER, WILLARD oder FISTS OF FURY annoncieren. Auch sonst gibt es immer wieder kleine Hinweise auf die Immobiliensituation in Manhattan, auf das Aussterben des „alten“ New Yorks und den Verlust, der damit einhergeht.

Für Feig gehen beide Aspekte indessen Hand in Hand: Seine Ghostbusters, seine Interpretation des Stoffes sollen eben aus jenem „alten Holz“ geschnitzt sein, das man im heutigen New York vergeblich sucht. Aber es ist eigentlich klar, dass das so nicht aufgehen kann. Das Hollywood von heute hat mit dem von damals nichts mehr zu tun und auch sein Remake kann – aller sichtbar ernst gemeinten Bemühungen zum Trotz – die Anzeichen typischen Sudio-Bullshits nicht verbergen und noch weniger natürlich verhindern, dass er eben ein  Film aus dem Jahr 2016 ist. Die Effekte sind state of the art, bis auf ganz wenige Ausnahmen absolut beeindruckend, in dieser Perfektion in diesem Film aber auch irgendwie fehl am Platze, und die Idee, den berühmten Titelsong von Fall Out Boy und Missy Elliott covern zu lassen, muss einfach das Ergebnis einer dieser Sitzungen komplett ahnungsloser Teilnehmer gewesen sein. Vor allem aber gehen Feigs Stil und die Vorlage keine homogene Verbindung ein. GHOSTBUSTERS wirkt nicht wie ein neuer Ghostbusters-Film, sondern wie ein Feig’scher Kommentar zu Hollywood-Rollenpolitik, für das man aus unerfindlichen Gründen den alten Reitman-Klassiker als Schablone nutzte. Sein GHOSTBUSTERS ist kein Film, in dem man versinken kann wie im Original, sondern entschieden meta, ein Werk, dass dem Zuschauer immer wieder klar macht, was er da sieht. Vielleicht ist das sein größtes Verbrechen gewesen.

Wenn man sich hingegen die Fähigkeit bewahrt hat, auch zu seinen Heiligtümern auf kritische Distanz zu gehen, ist GHOSTBUSTERS durchaus sehenswert. Allerdings muss man einräumen, dass Feigs Masche bereits einige Abnutzungserscheinungen zeigt.