the day of the locust (john schlesinger, usa 1974)

Veröffentlicht: Oktober 17, 2015 in Film
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Der Titel lässt an ein Bibeldrama oder einen Katastrophenfilm denken: Eine Assoziation, die Nathanael West, Autor der Romanvorlage aus dem Jahr 1939, sehr bewusst wählte. Denn in einem Katastrophenszenario geradezu biblischen Ausmaßes endet seine Geschichte auf einer apokalyptischen Note. Prahlsucht, moralischer Verfall, Rücksichtslosigkeit, Oberflächlichkeit sind die die Welt des Romans bestimmenden und an den Abgrund führenden menschlichen Eigenschaften – und Hollywood ist die Brutstätte, wo sie zu epischen Proportionen aufgeblasen werden. In Schlesingers grandiosem, makabrem und schwarzhumorigem, aber auch auf schwer zu benennende Art und Weise verstörendem Film bilden Elemente von Period Piece, Historiendrama, Melodram und Horrorfilm eine einzigartige Symbiose.

Tod Hackett (William Atherton), ein junger Maler, sucht in Hollywood Inspiration für sein neuestes Gemälde, das den Titel „The Burning of Los Angeles“ tragen soll. Er lernt das Starlet Faye Greener (Karen Black) kennen und nimmt über sie Kontakt zu dem Produzenten Claude Estee (Richard Dysart) auf, der ihm einen Job als Zeichner beim Film verschafft. Hackett ist fasziniert von Faye und verliebt sich in sie, kann ihr Herz jedoch nicht gewinnen, weil sie sich zu Höherem berufen fühlt. Sie landet schließlich bei dem mittelalten, bemitleidenswert harmlosen Homer SImpson (Donald Sutherland), den sie nach Strich und Faden ausnutzt. Der Mann wird von den Demütigungen, die er unter den Filmleuten erleidet, die bald bei ihm ein und aus gehen, schließlich in einen Amoklauf getrieben, der sich während einer Filmpremiere entlädt …

Ein Zitat zu Wests Roman besagt, er sei „episodic in structure, but panoramic in form.“ Ich habe ihn bislang leider nicht gelesen (etwas, das ich anscheinend mal nachholen muss), kann also bestenfalls erahnen, was genau das bedeutet, aber Schlesingers Film liefert eine nahezu ideale Umsetzung dieser Beschreibung. THE DAY OF THE LOCUST hat keinen echten Plot, erscheint eher als Ansammlung von Episoden, die sich ständig überschneiden oder auch nur nebeneinander her laufen. Doch in ihrer Summe ergibt sich eben jenes panoramische Bild, das oben erwähnt wird. Schlesingers Hollywood erstrahlt in einem irrealen goldenen Glanz, der die Konturen verwischt (möglicherweise auch ein Problem meiner RC-1-DVD) und alles wie einen verführerischen Traum erscheinen lässt. Und so verhalten sich die Menschen auch: Niemand geht einem „normalen“ Leben nach, alles wirkt seltsam überhöht oder entrückt, mit der schnöden Realität mag sich kaum noch jemand abgeben. Das Filmgeschäft wird betrieben wie ein großes Spiel ohne echte Konsequenzen: Als einmal ein imposanter Bühnenaufbau einstürzt und Dutzende von Schauspielern und Arbeitern mit sich reißt, wird darüber einfach so hinweggegangen. Es spielt keine Rolle, wenn Menschen bei der Verwirklichung von Träumen zu Schaden kommen. Also ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Traum in einen Albtraum verwandelt, seine grauenhafte Fratze zeigt, die er die ganze Zeit hinter einem verlockenden jugendlichen Antlitz versteckt hatte. Beim Finale gerät eine Filmpremiere zum Aufstand, rast der Mob durch die Straßen und zieht eine blutige Spur der Verwüstung hinter sich her, während Tod dann endlich sein Gemälde sieht, von dem er zuvor nur einzelnde Details fertiggestellt hatte. Der Überblick über das große Ganze erfordert einen entsprechenden Standpunkt, vorher sieht man nur Fragmente.

THE DAY OF THE LOCUST erzählt viel, schäumt gerade über vor Handlung: Es gibt die Liebesgeschichte um Tod und Faye, ihre Bemühungen, eine Hauptrolle zu ergattern, das Schicksal ihres Vaters (Burgess Meredith), eines ehemaligen Clowns, der nun als Verkäufer eines Putzmittels von Tür zu Tür zieht, ein Edelbordell, in dem Starlets ihr Gehalt aufbessern, illegale Hahnenkämpfe, einen christlichen Wunderheiler, Dreharbeiten zu einem Waterloo-Film und einen Kinderstar (Jackie Earl Haley), der sich schon jetzt wie ein unzufriedener, verwöhnter Kotzbrocken benimmt und am Ende die Katastrophe herbeiführen wird. Trotzdem sind es nicht so sehr Plotelemente, Spannungsbögen und Charaktermotivationen, die hängenbleiben, sondern etwas Übergeordnetes, schwerer zu Greifendes: eine diffuse Stimmung, die Ahnung des nahenden Unheils, das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt. Man sieht es im Gesicht Fayes, einer platinblonden Schönheit, dessen puppenhaften Züge mit den dunklen Kulleraugen, dem roten Mund und dem Dauerlächeln eine Spur zu aufdringlich, fast maskenhaft wirken. Im langsamen Verfall Hacketts, der sich, von den Oberflächenreizen und Verlockungen Hollywoods betört, vom bescheidenen Künstler in ein egoistisches Arschloch verwandelt. Im traurigen Tod von Fayes Vater, der sein ganzes Leben dem Traum vom Ruhm hinterhergehetzt ist. In den ekelhaften Hahnenkämpfen, bei denen sich auch die menschlichen Teilnehmer wie Irre benehmen. In der Hilflosigkeit Simpsons, der den aufgeblasenen Egos, die sein Leben in Beschlag nehmen, einfach nichts entgegenzusetzen hat.

Die Kritik war sich dann auch nicht einig über den künstlerischen Erfolg oder Misserfolg des Films. Vincent Canby warf in seiner Rezension für die New York Times mit Begriffen wie „gargantuan“, „far from subtle“, „grossness“ und „lunatic“ um sich, und Jay Cocks wusste im Magazin Time, dass Schlesingers Film die Aussage des Romans ins Gegenteill verkehre. Aber an diesen zwischen angewidert, fasziniert und verstört pendelnden Reaktionen erkennt man schon auch, dass THE DAY OF THE LOCUST eben nicht in ein vorgefertigtes Raster passt. Der Film ist bisweilen hässlich, bizarr, zynisch und pervers, dann wieder wunderschön, bewegend und menschlich, und meistens all das auf einmal. Aber das macht ihn auch zu einem Unikat: THE DAY OF THE LOCUST ist wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, voller ekelhafter, beunruhigender Details, aber gleichzeitig auch von einer unerklärlichen Anziehungskraft. Bei den Coen-Brüdern hat Schlesingers Vision ohne Frage Spuren hinterlassen: BARTON FINK mutet ein bisschen wie ihre Version der Geschichte an. Und James Ellroy respektive Curtis Hanson haben ihn bestimmt auch gesehen, bevor sie sich an ihre Version namens L.A. CONFIDENTIAL machten.

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