Mit ‘Abenteuer’ getaggte Beiträge

Ich schätze, die Generationen, die klassische Abenteuerromane wie James Fenimore Coopers „Der letzte Mohikaner“ noch unter der Bettdecke im Schein ihrer Taschenlampe verschlungen haben, sind nicht ganz meine Zielgruppe, deshalb fange ich mal konservativ mit einer Inhaltsangabe an: Während des siebenjährigen Krieges zwischen den Briten und den Invasoren aus Frankreich im Nordwesten der heutigen USA, geraten der Mohikaner Chingachgook (Russel Means), sein Sohn Uncas (Eric Schweig) und sein weißer Ziehsohn Hawkeye (Daniel Day-Lewis) zwischen die Fronten: Sie retten Cora (Madeleine Stowe) und ihre Schwester Alice (Jodhi May) sowie Major Duncan Heyward (Steven Waddington), als diese auf dem Weg nach Fort William Henry, wo der Vater der Schwestern, Colonel Edmund Munro (Maurice Roëves), das Kommando innehat, von mit den Franzosen verbündeten Huronen unter Führung des rachsüchtigen Magua (Wes Studi) überfallen werden. Cora verliebt sich in Hawkeye, der als Kind von Chingachgook in Obhut genommen wurde, sehr zum Missfallen von Heyward, der selbst um die Hand der Frau angehalten hatte, aber abgelehnt worden war. Im belagerten Fort Henry wird Hawkeye wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, als er einigen Siedlern zur Flucht verhilft: Entgegen dem Gesetz verweigert Colonel Munro ihnen die Rückkehr zu ihren Häusern, die von umherziehenden Huronen attackiert werden. Bei einem anschließenden Scharmützel mit den Huronen, bei dem Colonel Munro ermordet wird, können die beiden Mohikaner, Hawkeye, Cora, Alice und Heyward entkommen. Doch Magua ist ihnen dicht auf den Fersen.

THE LAST OF THE MOHICANS, wahrscheinlich die elfte filmische Adaption des Stoffes (darunter eine deutsche Stummfilmversion mit Bela Lugosi als Chingachgook, ein Serial, eine Italowestern-Variante und eine Verfilmung von Harald Reinl im Karl-May-Stil) war für Mann der erste richtig große Erfolg als Regisseur, findet heute aber kaum noch Erwähnung, wenn es um sein Werk geht – wahrscheinlich auch, weil man ihn mittlerweile ehesten mit noiresk-melancholischen Großstadtthrillern in Verbindung bringt. Sein Werk weist einige Querschläger auf – THE KEEP oder auch ALI fallen ein -, aber THE LAST OF THE MOHICANS ist als Literaturverfilmung und bildgewaltiges Historienepos noch einmal ein Sonderfall. Dennoch erkennt man in Daniel Day-Lewis wortkargem, stolzem Helden, in seiner Beziehung zu Cora, in den perfekten, crispen Bildkompositionen und dem Zusammenspiel mit dem erhabenen Score von Randy Edelman und Trevor Jones typische Merkmale von Manns Filmen wieder, die hier lediglich durch das Sujet etwas überdeckt werden. Mann bleibt der Vorlage bis auf einige Änderungen treu und man hat nicht das Gefühl, dass sich der Regisseur Cooper „zurechtbiegt“, sondern sich vor allem darum bemüht, den Stoff einerseits für Zuschauer der frühen Neunzigerjahre aufzubereiten, ohne ihn aber andererseits zu etwas völlig anderem zu machen.

Ich hatte THE LAST OF THE MOHICANS zuletzt vor bestimmt 20 Jahren gesehen und kaum noch Erinnerungen an ihn. Das liegt auch daran, dass der Handlungszeitraum des Films enorm komprimiert ist und sich der Plot letztlich als Reise und oder Flucht zusammenfassen lässt, mit lediglich wenigen Pausen. In der Erinnerung bleiben vor allem Bilder von Hawkeye und Chingachgook, die mit wehenden Haaren durch den Wald rennen und sich ihnen entgegenstellende oder vor ihnen wegrennende Feinde mit Schüssen aus ihren gewaltigen Flinten oder Würfe mit Tomahawk und Gewehrschaft-Keule niederstrecken. Die zeitgenössische Kritik beschrieb Manns Film als Actionspektakel, RTL kürzte den Film bei seiner Fernsehauswertung angeblich gar um gesalzene 17 Minuten und vergleicht man seinen MOHICAN mit den oft gemütlich-behäbigen Abenteuerfilmen aus den Dreißger-, Fünfziger- oder Sechzigerjahren, wird die Differenz sehr augenfällig. Trotzdem bleibt Mann dem Spirit dieser Vorbilder meiner Meinung nach treu: Die Kamera von Dante Spinotti fängt die ungezähmte, raue, aber auch überwältigend schöne Natur der Adirondacks ein (gedreht wurde tatsächlich weiter südlich in North Carolina), und in der Kontrastierung der „edlen Wilden“ mit den vollkommen hirnrissigen Werten nacheifernden, verlogenen Briten folgt er der Strategie, die oftmals kolonialistisch-rassistische Haltung der Vorlagen zu negieren und gerade vom Verlust der Unschuld zu erzählen, mit dem der Prozess der Zivilisation einherging. Manns THE LAST OF THE MOHICANS tut sich dadurch hervor, dass er der Falle der Verkitschung, die so oft lauert, wenn Ureinwohner als die besseren Menschen dargestellt werden, durch die Ruppigkeit des Films und das betont unterkühlte Spiel DDLs entgeht. Ich gebe zu, dass THE LAST OF THE MOHICANS nicht unbedingt ein Film ist, der mich nach der Sichtung noch wahnsinnig beschäftigt hätte. Man muss nicht lang über ihn nachdenken, er lädt nicht unbedingt dazu ein, lang über ihn zu diskutieren und dabei unterschiedliche Meinungen zu diskutieren. Er wirft keine Fragen auf und fordert auch nicht unbedingt den Intellekt heraus. Aber verdammt, er hat etwas, was ich nur schwer benennen kann. Ich mag ihn. Mehr, als ich vo dem Wiedersehen erwartet hatte.

Vielleicht werde ich wirklich langsam alt. THE LOST CITY OF Z ist klassisches Erzähl-, Ausstattungs- und Schauspielerkino, das man (auch ich) gern vorschnell als altmodisch, behäbig und gestrig abschreibt. In gemäßigtem Tempo und erlesenen Breitwandbildern (gedreht wurde anachronistisch analog) erzählt der Film von den Südamerika-Expeditionen des britischen Soldaten Percy Fawcett (Charlie Hunnam), der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Landvermessungsmission in Bolivien annahm, weil er sich davon Aufstiegschancen im Militär erhoffte, die ihm sonst verwehrt waren, und dann sowohl dem Zauber der unnachgiebigen Natur erlag als auch der Idee, eine versunkene Zivilisation der vom Westen als „Wilde“ diffamierten Ureinwohner zu finden. Fawcett verschwand 1925 bei seiner insgesamt siebten Reise zusammen mit seinem Sohn Jack (Tom Holland) spurlos, doch seine Idee beschäftigt die Wissenschaft heute noch – zumindest behauptet das die den Film abschließenden Texttafel. James Gray deckt mit THE LOST CITY OF Z einen Zeitraum von ungefähr 20 Jahren ab: Er beginnt mit dem Auftrag, den die Royal Geographic Society Fawcett unterbreitete, und endet kurz nach seinem Verschwinden, das zu zahlreichen ergebnislos verlaufenen Rettungsmissionen führte. Die sieben Reisen, die Fawcett ins Amazonas-Gebiet führten, reduziert der Film auf drei, unternimmt zwischenzeitlich einen Abstecher auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges, auf denen sich der Brite ebenfalls behaupten musste. Und vor diesem epischen historischen Hintergrund beschäftigt er sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem rigiden britischen Klassensystem, dem Konflikt zwischen dem ambitionierten Entdecker und seiner Gattin Nina (Sienna Miller), die als intelligente Frau auf die undankbare Rolle der für Jahre allein zurückbleibenden Mutter festgelegt war, den Grenzen im Denken hinsichtlich des Rollenverständnisses, die selbst einem fortschrittlicher Mann wie Fawcett auferlegt waren, der Arroganz der westlichen gegenüber der Dritten Welt und schließlich – und am wichtigsten – der Macht der Träume, die einen Mann bis ans Ende der Welt führen und ihn sich dort unaussprechlichen Gefahren aussetzen lassen. „A man’s reach should exceed his grasp or what’s heaven for?“: Um Großes zu erreichen, muss man versuchen, das Unmögliche möglich zu machen. Auch wenn man den Versuch mit dem Leben bezahlt.

THE LOST CITY OF Z ist ein Film starker Bilder, aber mindestens ebenso sehr wird er von seiner lebendigen Soundkulisse getragen. Der Urwald nimmt vor dem Auge und Ohr des Betrachters Gestalt an als unergründliche Tiefe, als Raum unendlicher, geheimnisvoller Verlockungen, der in dieser Qualität auch als Gleichnis für das Kino selbst fungiert, deren undurchdringliche, zweidimensional Projektionsfläche sich im besten Falle öffnet, um dahinter ganze Kosmen zu offenbaren. Voraussetzung dafür ist aber immer zuerst die Offenheit des Betrachters: Für die Betonköpfen der Royal Geographical Society, die immer schon wussten, dass der weiße Mann das Maß der Dinge ist, sind die archäologischen Funde, die für Fawcett der Beweis dafür sind, dass es am Amazonas eine Zivilisation gab, die unserer vorausging, bloß „pots and pans“ von „savages“; für den feigen Hochstapler Murray (Angus Macfadyen) ist der Urwald ein Schlammloch, das sich Fawcett dazu herablässt, mit Ureinwohnern zu sprechen, stellt „Wahnsinn“ dar, ein untrügliches Zeichen, dass der Forscher den Verstand verloren hat. Aber für Fawcett wird die Idee einer versunkenen Stadt im Urwald zum alles beherrschenden Motiv seines Lebens, zum Antrieb, zur Quelle der Inspiration, zu einem gleichnishaften Bild für die Kraft des Lebens selbst (so wie THE LOST CITY OF Z eines für das Kino ist). Als wir ihn zum letzten Mal lebend sehen, wird er von den Indianern, die ihn zuvor unter Drogen gesetzt haben, weggetragen. Die Kamera schaut von oben auf ihn herab, sein Blick ist schläfrig, glasig, aber doch erfasst er etwas, das ihn seine Hand ausstrecken und ins Leere greifen lässt. Die versunkene Stadt Z hat er (wahrscheinlich) nicht gefunden, aber die Erlebnisse und Erfahrung, die er und sein Sohn auf gesammelt haben, haben ihre „Herzen mit tiefem Verständnis erfüllt“, wie er seinem Sohn in ihren letzten gemeinsamen Momenten tröstend erklärt. En Verständnis, das im Idealfall als Idee weiterlebt, der dann andere Menschen folgen.

Aber Grays Film ist, das sollte längst klar geworden sein, nicht nur in seiner Erkundung einer fremden Welt faszinierend und ergreifend, sondern vor allem in der Zeichnung seiner Charaktere,, darin, wie er die psychologische Grundlage für Fawcetts Streben herausarbeitet und all die verschiedenen Facetten seiner Erzählung zu einem dichten Wurzelgeflecht verbindet. Hunnam ist großartig als Fawcett und ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können, wie er seine messerscharf gescripteten, dabei niemals gekünstelt wirkenden Dialogzeilen mit der Präzision eines Mannes artikuliert, der weiß, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird. Bitter der Satz eines hohen Militärs, der ohne jeden Anflug der Ironie Fawcetts „Wahl seiner Vorfahren“ kritisiert: Eine hohe Militärkarriere wird ihm deshalb verwehrt, weil sein Vater ein Trinker und Spieler war. Was musste es für einen ambitionierten, talentierten Mann bedeuten, aufgrund der Taten des Vaters, auf die er nie Einfluss hatte, als Versager, als gebrandmarkt abgestempelt zu sein? „A man’s reach should always exceed his grasp“: Das bedeutet in Fawcetts Fall auch, sich gegen die Zwänge einer gesellschaftlichen Determination zu stemmen, die ihn von Anfang an in Ketten schlägt, die Limitierungen, die ihm durch sein Blut auferlegt sind zu durchbrechen. Fawcett stemmt sich mit allem, was er hat, nicht nur gegen die Natur sowie fest stehende, unverrückbare Vorurteile, sondern gegen im hierarchisch fest gefügten Empire bestehende gesellschaftliche Konventionen. Kraft seines Willens und seiner Taten erschafft er sich ein neues Schicksal.

THE LOST CITY OF Z evoziert fast zwangsläufig Vergleiche mit großen Filmen: Coppolas APOCALYPSE NOW fällt einem ein, Herzogs AGUIRRE, DER ZORN GOTTES oder FITZCARRALDO. Alle handeln sie von einer Reise an die äußerste Randbereiche der menschlichen Zivilisation und des Verstandes, da wo er graduell in den Wahnsinn, in den Traum übergeht. Und er stellte ein beinahe ebenso selbstmörderisches Unterfangen dar wie die Reisen seines Protagonisten. Der Dreh auf 35 mm – „an act of hubris“, wie Gray zu Protokoll gab – bedeutete zwar eine große Herausforderung, war aber nicht nur ästhetisch die richtige Wahl, denn alle digitalen Geräte versagten angesichts der großen Feuchtigkeit den Geist. Konfrontationen mit Spinnen, Schlangen, Insekten und anderem unfreundlichem Getier standen an der Tagesordnung, Hunnam und Pattinson verloren unter den Strapazen des Drehs mehrere Kilo Gewicht. Das alles trug zur Authentizität des Filmes bei, die nicht zuletzt die Darsteller ihm verliehen. Hunnam, Pattinson, Miller, Holland und Macfadyen sind allesamt großartig, man könnte ihnen noch stundenlang zusehen. Ein Gastauftritt von Franco Nero als Besitzer einer Kautschuk-Farm, der sich eine kleine Oper in den Urwald gebaut hat, ist eine kleine Herzog’sche Exzentrik, die sich dieser sonst hoch konzentrierte, dabei aber nie unangenehm kontrollierte Film erlaubt. Ich habe ihn innerhalb von zwei Tagen gleich zweimal gesehen, das kommt nur noch sehr selten vor. Ein rares, funkelndes Kleinod, das an den Kinokassen leider Schiffbruch erlitt, aber an das man sich erinnern wird.

Actionlastige Rausschmeißer haben beim Mondo Bizarr Weekender Tradition und mit Jackie Chans überwiegend in Europa gedrehtem Versuch, ein internationales Publikum mit einem von Indiana Jones und James Bond inspirierten, dazu mit reichlich Slapstick-Humor abgeschmeckten Abenteuerfilm zu erobern, wurde ein ganz besonderes Leckerchen kredenzt.

DER RECHTE ARM DER GÖTTER, wie er hierzulande hieß, ist eine Entertainment-Maschine, die sich den Luxus einer vollkommen egalen Story leisten kann, weil diese eh nur einen Vorwand für eine 90-minütige Aneinanderreihung von Actionszenen, Verfolgungsjagden, lebensmüden Stunts, geschmacksunsicheren Gags und wahnwitzigen Fights darstellt. Das beginnt mit dem Prolog, bei dem Chan einen in einer jugoslawischen Burgruine lebenden Eingeborenenstamm (über die Integrierung wirklich aller rassistischer Klischees von lustigem Kopfschmuck über Uga-Uga-Sprache hüllen wir vorerst den Mantel des Schweigens) bestiehlt, setzt sich fort mit einem Sangesauftritt des sich selbst spielenden Canto-Pop-Stars Alan Tam, einer komplett lebensmüden Verfolgungsjagd zwischen der Welt hässlichstem Sportwagen und mehreren Motorrädern, unfassbar frauen- nd schwulenfeindlichen Witzeleien („Frauen sind nicht gänzlich nutzlos“, sagt Chan einmal) und der finalen Eroberung einer Bergfestung, in die Chan einen grandios choreografierten Kampf gegen Amazonen in High Heels sowie den Sprung von einem Felsen auf einen vorbeifliegenden Fesselballon inkorporiert (in echt sprang er nicht von einen Felsen, sondern aus einem Flugzeug, der kleine Angsthase). Nicht alles zündet, in der zweiten Hälfte gibt es durchaus mal einen zehnminütigen Durchhänger und das hohe Tempo ist auch der deutschen Bearbeitung zu verdanken, die ca. 15 Minuten Handlung über Bord warf, wissend worauf es den hiesigen Zuschauern in erster Linie ging, aber die Höhepunkte lassen alle vorhandenen Mängel vergessen.

Es sind nicht zuletzt diese kleinen Details, die mir bei diesen Jackie-Chan-Teilen aus der Hochphase seines Schaffens immer das Herz aufgehen lassen, hier etwa seine Masche, sich ständig Kaugummis in den Mund zu werfen und das auf möglichst spektakuläre bzw. umständliche Art und Weise. Die obligatorische Outtake-Show während der Schlusscredits deutet an, welchen Aufwand dieser sprichwörtliche Wegwerf-Gag beim Dreh bedeutete, umso schöner, dass Chan den Sportsgeist hatte, das dennoch durchzuziehen. Dann ist da natürlich der missglückte Stunt, bei dem er fast sein Leben verlor, sich den Schädel brach und einen Teil seines Gehörs einbüßte: Im Film selbst kommt die Szene so unspektakulär daher, dass man kaum glauben mag, dass sie fast das Ende des ganzen Unterfangens und Chans Karriere bedeutet hätte. Dann natürlich dieses übermenschliche Commitment, mit dem sich der Star und seine Stuntmen da in ihre Fights werfen und ihre Körper durch die Luft fliegen lassen. Gibt es etwas Tolleres als diese Zeitlupeneinstellungen, in denen man sieht, wie diese Irren mit ihrem Kreuz voran auf Balken und Mauerkanten krachen oder im Flug noch so getreten werden, dass ihre Flugbahn eine komplette Richtungsänderung mitmacht? Wahnsinn!

Es war ein mehr als würdiger Abschluss für ein wieder einmal sehr gelungenes Kino-Wochenende, für das ich den beiden Machern Marc und Christian an dieser Stelle noch einmal danken möchte. Sie haben es mit dem Mondo Bizarr nicht nur geschafft, Monat für Monat und dann einmal im Jahr eine tolle Veranstaltung zu etablieren, sondern auch einen Spirit zu kultivieren, der von Neugier, Liebe und Offenheit gegenüber den gezeigten Filmen geprägt ist, anstatt mit ätzender Herablassung und dieser nervenden Vertrashungsgeilheit (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel), die es ja leider auch gibt. Es hat mich wie immer gefreut, meinen kleinen Teil zum Gelingen beitragen zu dürfen und das alles als Zuschauer begleiten zu können.

 

fürs regal

Veröffentlicht: November 17, 2018 in Film
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Anzunehmen, dass es die meisten, die hier mitlesen, schon mitbekommen haben: Koch Media bringt dieser Tage mit ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA den nächsten Film in der Bava Collector’s Edition und macht sich damit besonders verdient, denn Bavas Eintrag in die HERKULES-Reihe erscheint weltweit zum ersten Mal in HD. Für die Prachtveröffentlichung eines der opulentesten Filme des Meisters wurde zudem niemand anderes als Bava-Experte Tim Lucas gewonnen, der den exklusiven Audiokommentar beisteuerte. Dazu gibt es mit QUEL BANDITO SONO IO einen weiteren Film von Bava, diverse Interviews und Featurettes sowie ein ausführliches Booklet von mir, in dem ich Bavas Anteil am italienischen Peplum und Abenteuerkino beleuchte. Der Kauf des Mediabooks sollte eine Pflichtübung sein.

Die armen Bürger von Seriphos stehen im Clinch mit dem Königreich Argos: Wenn sie zum Meer wollen, um dort Handel zu treiben, werden sie von den Soldaten Argos‘ mit Waffen empfangen und geraten dabei entweder in die Fänge eines gefräßigen Sumpfmonsters oder der Medusa. Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben, den Konflikt beizulegen: Andromeda (Anna Ranalli), die Tochter des Königs von Serephos, an den fiesen Galenor (Leo Anchóriz) zu verheiraten, seinerseits Thronfolger von Argos. Doch in einem Turnier, in dem Galenor seine Eignung beweisen will, wird ervon Perseus (Richard Harrison) besiegt: Und den weist ein Muttermal als dazu bestimmt aus, Galenor zu töten …

PERSEO L’INVINCIBILE hat zwei Stars: das Sumpfmonster, ein Dinosaurier, das von Effektpionier Carlo Rambaldi geschaffen wurde und noch so manches 20 Jahre später entstandene Gummimonster hinsichtlich Größe und Beweglichkeit in den Schatten stellt. Und dann die Medusa, die hier aussieht wie ein Lovecraft’sches Krakenmonster mit Spinnenbeinen und Zyklopenauge. Ihr Design ist tatsächlich sensationell, weil es absolut fremdartig wirkt: Ich mag gar nicht daran denken, wie mich dieses groteske Biest verstört hätte, wenn ich den Film damals im Abendprogramm aufgeschnappt hätte. Dazu kreierte Mario Bava ihr via grandiosem Glas-Matte den passend apokalyptischen Lebensraum, eine von versteinerten Menschen übersäte Einöde mit einem Vampirzahnbewehrten Höhleneingang am Horizont. Toll! (Die versteinerten Figuren stammten von Marios Vater Eugenio, der im Gegensatz zum Sohnemann dann auch in den Credits genannt wird.)

Leider begeht der Film einen folgenschweren Fehler: Er verheizt seine beden großartigen Spezialeffekte schon in den ersten zehn Minuten und beraubt sich so selbst eines echten Höhepunkts. Machen wir uns nichts vor: Die Story um den zu Großem berufenen Helden Perseus, der die Unterdrückten rettet, die Schurken bestraft, nebenbei zwei Monster abschlachtet und am Ende die Schöne in die Arme schließen darf, ist ganz nett, recht actionreich in Szene gesetzt, aber nichtsdestotrotz völlig vorhersehbar. Und der Kampf des Helden gegen die beiden Ungetüme wird eben dadurch erheblich an Wirkung beraubt, weil man beide Biester schon vorher in voller Pracht zu Gesicht bekommen hat. Ich habe mich dann auch über weite Strecken königlich gelangweilt, nachdem ich zu Beginn schier frohlockt habe. Ich würde PERSEO L’INVINCIBILE Fans des fantastischen Films auch dennoch empfehlen, denn diese Medusa muss man einfach gesehen haben. Einfach grandios unheimlich …

 

 

Pietro Francisci hatte mit seinen Herkules-Filmen LE FATICHE DI ERCOLE und ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA nicht nur zwei absolute Megahits geschaffen (tatkräftige Hilfe erhielt er dabei von Mario Bava) und das Subgenre des Peplum begründet, sondern auch das am Boden liegende italienische Kino wiederbelebt. In den Jahren bis ca. 1966/67 schossen die Pepla nur so aus dem Boden, vor allem nachdem Franciscis Filme mit einiger Verspätung auch in den USA einschlugen wie eine Bombe. Eine Renaissance erfuhr auch der Stummfilmheld Maciste, ursprünglich ein nubischer Sklave, den es in seinen frühen Filmen dann und wann aber auch sehr postmodern mit Anzug und Hut in Abenteuer in der Gegenwart verschlug. MACISTE CONTRO IL VAMPIRO ist der dritte der „neuen“ Maciste-Filmen und haut gleich mal ordentlich rein.

Direkt zu Beginn gibt es ein zünftiges Massaker an den Einwohnern von Macistes (Gordon Scott) Dorf, bei dem Männer Pfeile ins Auge bekommen, Kehlen augeschlitzt und an den Füßen aufgehängt und dann angezündet werden. Maciste kommt zu spät, um das Unheil abzuwenden: Männer, Kinder und Frauen sind tot, die jungen Mädchen wurden auf die Insel Salmanak verschleppt. Mit seinem jungen Freund Ciro (Rocco Vidolazzi) macht sich der Muskelprotz auf den Weg, um die Mädels, darunter seiner Freundin Guja (Leonora Ruffo), zu befreien. Hinter dem Frauenraub steckt der bösartige Dämon Kobrak, der mit hypnotischem Einfluss eine ganze Armee willenloser Mörder befehligt und auch die Frau von Salmanaks Herrscher, die schöne Astra (Gianna Maria Canale), unter seine Einfluss gebracht hat. Maciste zur Seite tritt Kurtik (Jacques Sernas), seinerseits legitimer Thronfolger …

Die Kopie, die mir zur Verfügung stand, war leider in einem etwas traurigen Zustand, was stichhaltige Aussagen über die visuelle Gestaltung etwas schwer macht. MACISTE CONTRO IL VAMPIRO schwankt beständig zwischen staubiger Rumpelkammer und gothischer Prä-Psychedelik, wie sie Maestro Bava himself nur wenig später in seinem eigenen ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA perfektionieren sollte. Er stellte sein Talent für Trickaufnahmen und Ausleuchtung wohl auch hier zur Verfügung, zumindest behauptet das Tim Lucas in seinem Bava-Standardwerk; und wer wäre ich, ihm da zu widersprechen? Langweilig ist Gentilomos Film nie, er geht von Anfang an ein hohes Tempo und wirft seinem schlagkräftigen Helden im Zwei-Minuten-Takt Gegner zum Wegboxen in den Weg, aber richtig interessant wird er in der letzten halben Stunde, wenn das Geschehen immer fantastischer wird. Alles beginnt mit einem fadenscheinig, aber effektiv inszenierten Sandsturm, in dem Maciste und seine Guja die Übersicht verlieren und in eine Grotte stürzen, in der Kurtik mit der Blue Man Group haust. Wenn sich Maciste dann auf den Weg macht, Kobrak zu stürzen, erreicht MACISTE CONTRO IL VAMPIRO seinen Höhepunkt und man ist wieder der sechsjährige Knirps, der die Eltern anbettelt, diesmal doch länger als bis halb neun aufbleiben zu dürfen, um den Höhepunkt des Abendprogramms zu schauen.

Angeblich hat Sergio Corbucci – der gemeinsam mit Duccio Tessari auch das Drehbuch verfasste – Gentilomo zur Seite gestanden, aber darüber weiß ich nichts. Ein paar Szenen wirken zugegebenetwas holprig: Ganz zu Anfang erhascht man etwa einen so kurzen Blick auf ein Seeungeheuer, dass man sich schon fragt, ob da nicht möglicherweise mehr Material gedreht worden war. Aber es ist ja auch diese Unbekümmerheit und eben der Mangel an Perfektion, der diese Filme auszeichnet gegenüber den durchoptimierten, am Reißbrett entstandenen Eventmovies von heute. MACISTE E CONTRO IL VAMPIRO mal in einer richtig schnieken HD-Version: Das wär’s!

Seid ihr der Meinung, ein Film aus den Dreißigerjahren könne es in punkto Action und Spezialeffekten nie mit einem zeitgenössischen Blockbuster aufnehmen? Zeit, sich THE HURRICANE anzuschauen und sich vom titelgebenden Sturm wegblasen zu lassen. Ich war bei der gestrigen Sichtung der festen Überzeugung, Ford habe in einem echten Hurrikan gedreht, musste mich dann aber von diversen Aufsätzen eines besseren belehren lassen. Was der Regisseur hier entfesselte, ist kaum in Worte zu fassen: Man hat Angst um die Schauspieler, die sich dem Tosen einer offensichtlich gigantischen Windmaschine entgegenstellen, dabei mit wahren Springfluten von Wasser übergossen werden und noch dazu aufpassen müssen, dass sie nicht von herumfliegenden Requisiten und Bauten verletzt werden. In ihrer Autobiografie „A Life on Film“ beschrieb Mary Astor die Strapazen, denen Ford sie und die Kollegen aussetzte: Wind und Wasser peitschten den Akteuren so hart ins Gesicht, dass sie von stecknadelkopfgroßen Blutstropfen übersät waren. Es ist ein angemessenes Ende für einen Film von gleichnishafter Kraft.

Auf der paradiesischen Südseeinsel Manakura leben die Bewohner friedlich im Einklang mit der Natur – und den französischen Kolonialherren. Als der bei allen beliebte Seefahrer Terangi (Jon Hall) kurz nach seiner Hochzeit mit der schönen Marama (Dorothy Lamour) auf Tahiti von einem Weißen beleidigt und daraufhin in eine Kneipenschlägerei verwickelt wird, statuiert man an ihm ein Exempel und verurteilt ihn zu sechs Monaten Haft. Auch die Versuche, DeLaage (Raymond Massey), den Gouverneur von Manakura, dazu zu bringen, Terangi zu begnadigen, fruchten nicht: Die Kolonialisten müssen ihre Autorität beweisen. Terangi wird unterdessen von einem sadistisch-rassistischen Wärter (John Carradine) gepeinigt und versucht zu fliehen, ohne Erfolg: Stattdessen verlängert jeder weitere Fluchtversuch die Strafe um weitere zwei Jahre, sodass der freiheitsliebende Mann bald 16 Jahre angehäuft hat. Nach acht Jahren gelingt ihm endlich die Flucht. Unter großen Entbehrungen erreicht er Manakura und seine Ehefrau Marama, die ihm inzwischen eine Tochter geschenkt hat. Während die weißen Bewohner noch diskutieren, wie man mit dem Flüchtling umzugehen habe, trifft ein gewaltiger Sturm das kleine Eiland …

John Ford widmet sich in THE HURRICANE wie schon im zuletzt gesehenen WEE WILLIE WINKIE dem Thema Kolonialismus: Er zeigt Herrscher, die ihre vermeintlich „zivilisierten“ und „progressiven“ Gesetze und Vorstellungen auf eine Welt übertragen, die nach gänzlich anderen Mustern funktioniert. Die Bestrafung Terangis ist nichts anderes als eine Machtdemonstration: Weil die Kolonialherren bessere Menschen sind – warum wären sie sonst Kolonialherren -, müssen sie den „minderwertigen“ Engeborenen unterjochen, eine Art perverser self-fulfilling prophecy. DeLaage scheint emotional durchaus einzusehen, dass er im Unrecht ist, dass aus Gründen der Menschlichkeit und Verhältnismäßigkeit eine Begnadigung angebracht wäre, aber er hält am Prinzip der Herrschaft fest. Er erinnert etwas an den Colonel aus WEE WILLIE WINKIE und seine Verteigung des Autoritarismus, nur dass der im Angesicht eines Feindes einen nachvollziehbaren Grund hatte, ein hartes Regiment zu führen (C. Aubrey Smith, der Darsteller des Colonels, spielt hier den christlichen Priester). Auf der Paradiesinsel Manakura, wo alle Menschen miteinander verbrüdert und verschwestert sind, scheint sein Bestreben, europäische Gesetzestreue einzuführen, geradezu absurd.

Die eigentlichen Protagonisten, das Liebespärchen Terangi und Marama, sind gegenüber dem differenziert und voller Ambivalenz gezeichneten Gouverneur kaum mehr als Chiffren: Dass beide von weißen Schauspielern interpretiert werden, unterstreicht diesen Charakter noch. Sie stehen für die unverdorbenen, ursprünglich lebenden Eingeborenen, und haben nicht viel mehr zu tun, als gesund, glücklich und liebenswert zu sein, die Empathie des Zuschauers zu evozieren und als Kontrast zu den rationell denkenden Zivilisationsmenschen zu fungieren, die auch im besseren Fall mit paternalistischem Blick auf die Eingeborenen hinabschauen. Wie in WEE WILLIE WINKIE ist interessanter, was um die beiden Helden herum passiert, und natürlich die wahnsinnige Actionszene am Ende, die den Höhepunkt des Films markiert: All die schlauen Erwägungen des Gouverneurs, die Sorgen und Konflikte sind vergessen, als die Insel von der alles gleichmachenden Gewalt der Natur geschüttelt wird. Plötzlich sind alle nur noch Menschen, die um ihr Leben zittern und kämpfen und versuchen, ihre nächsten zu beschützen. Die tolle Zivilisation und das Gotteshaus werden mit einem Schlag ausgelöscht und was übrig bleibt, sind die Überlebenden, die hoffen, dass ihre Angehörigen es auch geschafft haben. Terangi beweist sich als entschlossener Mann der Aktion, der seine Frau, seine Tochter und die Ehefrau des Gouverneurs (Mary Astor) rettet und am Ende mit einem Kanu in eine ungewisse Freiheit paddelt. DeLaage sieht ihn in der Ferne verschwinden und sofort setzt sein Jagdimpuls ein. Doch dann obsiegt endlich das Herz, das er die ganze Zeit verleugnet hat: „Nur ein Stück Holz …“