Mit ‘Serie’ getaggte Beiträge

falleEpisode 091: Eine Falle für Derrick (Theodor Grädler, Deutschland 1982)

Derrick ermittelt gegen dem Mörder Ludenke (Hans Georg Panczak), Sohn einer Münchener Unterweltgröße (Traugott Buhre). Ein anonymer Informant will ihm wichtige Hinweise geben und lockt Derrick in einen entlegenen Gasthof, wo der Oberinspektor jedoch vergeblich wartet. Am nächsten Morgen die Hiobsbotschaft: In der Nähe des Gasthofes wurde ein Fahrradfahrer totgefahren. Mit Derricks Wagen …

Derrick in Schwierigkeiten! Wer hätte das gedacht? Dass der obersouveräne Oberinspektor hier einmal selbst um seine Existenz bangen muss, ist ein schöner Bruch im Fluss der Serie, und geht nicht ohne Spuren an ihm vorbei. Wenn er dem Journalisten (Tommi Piper), der ihm gesteht, ihn immer für arrogant gehalten zu haben, entgegnet, er wisse, dass er auf manche Menschen so wirke, ist das auch ein Kommentar auf kritische Stimmen, die mit Tapperts Polizisten nie so richtig warm wurden. Dass mancher Derrick allzu gern einmal zittern sehen wollte, scheint Reinecker ganz genau zu wissen. Es ist geradezu eine Triebfeder der Episode. In Cornelia Froboess, die auch immer irgendwie unfreundlich und herablassend rüberkommt (spielt die das wirklich nur?), findet der Oberinspektor dann ja auch eine geradezu kongeniale Verbündete. In einem daumendick aufgetragenen Dialog schwingt sich Derrick anlässlich des mit äußerster Grausamkeit verübten Mordes, dem man ihm da in die Schuhe zu schieben gedenkt, zu der etwas absurden Aussage hoch, die Menschheit habe nichts begriffen, aber da ist dem Reinecker gewiss wieder nur der Theologe durchgegangen. Er macht es damit wett, in einer Discoszene „Girls on Film“ von Duran Duran laufen zu lassen.

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bennentEpisode 092: Nachts in einem fremden Haus (Helmuth Ashley, Deutschland 1982)

Auf der Suche nach Hilfe bei einer Reifenpanne betritt das Ehepaar Stettner (Stefan Behrens und Susanne Beck) ein offen stehendes Haus, das vollkommen leer zu sein scheint – bis auf einen Toten. Als die beiden wenig später mit Derrick und Klein im Schlepptau dort auftauchen, ist die Leiche jedoch spurlos verschwunden und auch sonst deutet nichts auf ein Verbrechen hin. Das Haus gehört dem berühmten Chemiker Dr. Stoll (Heinz Bennent), der gerade dabei ist, sein Labor nach einer großen Entdeckung aufzulösen …

Heinz Bennent! Er ist ein Großereignis in dieser Folge, der er – durchaus ein Kunststück – einigen Humor abringt. Alles was er anfasse, verwandele sich in Gänseleberpastete sagt er einmal ohne jede falsche Bescheidenheit, ein andermal bezeichnet er sich als „As“. Und er hat sichtbar Spaß an dieser Rolle, die es ihm ermöglicht, so über die Stränge zu schlagen, ohne dabei jemals wirklich überzogen zu wirken. Sein Dr. Stoll ist so ein angeschwulter Exzentriker, der mit Derricks graubrauner Nüchternheit nur wenig anfangen kann. Seine Fassungslosigkeit, als Derrick den ihm angepriesenen Wein nur „sehr gut“ findet, ist alles. Mein Favorit ist aber seine Reaktion auf Derricks Feststellung, dass der verschwundene Tote spätestens dann wieder ein Thema werde, wenn man irgendwo festelle, dass ein Mensch fehle: So viel Logik hat er einfach nichts entgegenzusetzen, das muss er einfach anerkennen. Super!

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Episode 093: Die Fahrt nach Lindau (Alfred Vohrer, Deutschland 1982)

Der „Finanzzauberer“ Martin Gericke (Klausjürgen Wussow) hat einen Geschäftstermin mit einigen ominösen Schweizer Partnern in Lindau und macht sich auf den Weg, obwohl er eine sehr konkrete Morddrohung erhalten hat. Es kommt wie es kommen muss: Er verunglückt auf der Fahrt und verbrennt im Wrack seines Wagens. Die Obduktion bringt die wahre Todesursache ans Licht: Er wurde am Steuer seines Fahrzeugs erschossen. Die Frage, die sich Derrick und Harry, aber auch Gerickes Gattin (Lotte Ledl) und sein Sohn (Ekkehardt Belle) zu stellen haben: Wer hatte ein Interesse am Tod des Mannes und warum? Was sie nicht ahnen: Gericke erfreut sich bester Gesundheit …

Eine Episode ohne echte Eigenschaften: Läuft gut rein, belastet nicht, ist gefällig, hinterlässt aber auch keine bleibenden Spuren. Klausjürgen Wussow ist wie immer eine Bank, diese jovialen Typen, hinter deren weltmännischem Gewinnerlächeln sich das vielzahnige Grinsen eines Wolfs verbirgt, der dann ganz unerwartet hervorbricht, spielt keiner mit derselben onkeligen Intensität wie er. Das heißt aber auch, dass „Die Fahrt nach Lindau“ in der Zeit, in der er von der Bildfläche verschwindet, Klasse vermissen lässt. Ekkehardt Belle hat eine Superstimme (die ihn zu einem vielbeschäftigten Synchronsprecher macht), aber die Kombination aus Milchbubigesicht und ausgewachsenem Dreidollarhaarschnitt törnt eher ab.

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derrickEpisode 094: Ein Fall für Harry (Zbynek Brynych, Deutschland 1982)

Derrick fährt in Urlaub und überlässt die Arbeit seinem Kollegen. Der bekommt es gleich mit einem Mordfall zu tun: In das Haus des Restaurantbesitzers Heinrich Gruga (Karl Lieffen) wird eingebrochen. Sein Hausdiener versucht, die Einbrecher zu überwältigen und wird dabei erschlagen. Wenige Tage später hat Gruga schon Ersatz für ihn: Die wunderhübsche Herta (Irina Wanka), die jedoch keinerlei Erfahrung in dem Job hat. Harry vermutet, dass sie gegen ihren Willen für Gruga arbeitet …

Karl Lieffen liefert mal wieder Argumente für die These, dass Komiker die besseren Schurkendarsteller sind. Sein Gruga ist gleichermaßen abstoßend wie lächerlich und man merkt dem Darsteller an, welchen Spaß er daran hat, einen sadistischen Perversling zu spielen. Aber die Episode hat so ihre Probleme (Vorsicht, Spoiler ahead): Der Mord an Grugas Hausdiener wird gegenüber seinem Deal, sich sein Schweigen mit der wohl auch sexuellen Gefügigkeit von Herta, der Schwester der Einbrecher, zu erkaufen, bagatellisiert. Am Ende scheint die Ermordung des armen Teufels kaum mehr als ein Kavaliersdelikt zu sein, während Gruga den Freitod wählt, als herauskommt, wie er an sein neues Hausmädchen gekommen ist. Es gelingt weder Reinecker noch Brynych, das irgendwie plausibel zu machen, und die ganze Episode wirkt aus diesem Grunde fehlgeleitet und misslungen. Die arme, vom Schicksal gebeutelte Familie, die gegen alle Missstände zusammenhält, wird auf Kosten des Mordopfers heroisiert, für das sich keiner mehr so recht zu interessieren scheint. Das wirkt im Kontext einer Serie, die sonst keinen Zweifel daran lässt, dass es niemals eine Rechtfertigung für Mord geben kann, doppelt fahrlässig.

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Episode 095:  Das Alibi (Alfred Vohrer, Deutschland 1982)

Harry greift auf dem Heimweg die in Tränen aufgelöste, geradezu hysterische Martina (Dietlinde Turban) auf und bringt sie nach Hause. Das Mädchen ist nicht in der Lage Auskunft über die Ursache ihrer Tränen zu geben und so lässt Harry sie zurück. Als er sich am nächsten Morgen nach ihrem Befinden erkundigen will, findet er sie tot auf: Selbstmord. Es stellt sich heraus, dass sie von ihrem Freund Ulrich (Karl-Heinz von Liebezeit) und seinen Kumpels Horst (Ekkehardt Belle) und Rudolf (Eckhard Heise) vergewaltigt wurde, was die Jungs, unterstützt von Ulrichs Vater, dem Anwalt Schumann (Lambert Hamel), jedoch abstreiten. Martinas Klassenkameradinnen sind empört, und als Ulrich wenig später tot ist, fällt der Verdacht auf sie. Doch ihre Lehrerin Frau Liebermann (Elfriede Kuzmany) verschafft ihnen ein Alibi …

Eine Rape-and-Revenge-Folge mit hübsch gialloesker Auflösung, aber leider – wie mir scheint ein generelles Manko der Episoden aus dieser Phase – ein echtes eigenes Profil vermissen lässt. Es fehlt etwas der für dieses Thema nötige Exzess, und damit meine ich nicht unbedingt hinsichtlich der Gewaltdarstellung, sondern überhaupt den Willen, in Grenzbereiche vorzudringen. In den Siebzigerjahren zeichnete die DERRICK-Folgen oft so eine melodramatische Schmierigkeit aus, die auch aus biederen Standardplots noch das Abgründige herauskitzelte, hier bleibt alles an der Oberfläche, ohne echtes Gespür für das verborgene Störpotenzial. Nicht schlecht, aber angesichts des Themas doch eher underwhelming.

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hausmusikEpisode 096: Hausmusik (Alfred Weidenmann, Deutschland 1982)

Der gutsituierte Berthold Dettmers (Sky Dumont) wird vor seinem Haus überfahren. Sein Vater Wilhelm (Wolfgang Reichmann) sowie die Geschwister Rudolf (Till Topf) und Anita (Ute Willing) sind erschüttert – die Mama (Doris Schade) sitzt in einem Sanatorium und wird verschont -, haben aber keine Idee, wer hinter der Tat stecken könnte. Erst Spuren führen zum kleinen Dealer Kober (Dirk Galuba), der rausrückt, wie Bethold zu seinem Reichtum kam: Der Mann verkaufte im großen Stil Drogen und macht dabei offensichtlich nicht einmal vor seiner eigenen Familie halt …

Als hätte er meine Kritik vernommen, inszeniert Weidenmann „Hausmusik“ so, als seien die Siebzigerjahre nie vorbeigegangen. Die ganze Folge ist graubraun und deprimierend, selbst das protziger Appartement Bertholds erinnert eher an den barocken Pomp, der im vorangegangenen Jahrzehnt angesagt wird als an zeitgenössische Entgleisungen und wenn das Dettmer’sche Familienidyll im Ideal der gemeinsamen Hausmusik kulminiert – ein Bild, das  in seiner fast surrealen Glücksseligkeit schonungslos zu demontieren so etwas wie das Ziel der Folge ist -, bedeutet das sehr wohl eine Rückkehr zu Themen, die in den vorvergangenen Episoden brach lagen. Das Ende ist bitter, auch weil man den Mörder gut verstehen kann.

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weisEpisode 097: Der Mann aus Kiel (Alfred Vohrer, Deutschland 1982)

Nach mehreren Jahren Haft wird Karl Waginger (Edwin Marian) aus dem Gefängnis in Kiel entlassen. Er reist nach München, mietet sich in einer Pension ein und ruft Dora (Heidelinde Weis) an. Die Schauspielerin ist seine Ehefrau, was sie aber erfolgreich geheim gehalten und noch einmal geheiratet hat, nämlich den Geschäftsmann Korin (Peter Pasetti), der zwei erwachsene Kinder Ulrich (Hans-Jürgen Schatz) und Maria (Kristina Nel) mit in die Ehe gebracht hat.  Waginger verspricht zu schweigen, wenn sie ihm einen Platz in ihrer Nähe sichert. Er wird flugs als Chauffeur eingestellt, doch schon an seinem ersten Arbeitstag wird Korin umgebracht …

Heidelinde Weis! Nicht nur, dass die Schauspielerin eine Augenweide ist, sie spielt auch noch exzellent. Das Mitleid mit Doras Situation weicht dann auch recht schnell dem Gefühl, dass da neben ihrer Bigamie noch einiges mehr faul ist. Vohrer tut gut daran, sich auf sie zu konzentrieren; Marian, bei dessen Waginger man nie so genau weiß, ob seine devote Freundlichkeit nicht doch nur ein Spiel ist, ist ein kongenialer Partner. „Der Mann aus Kiel“ ist eine der Episoden, die von der fiebrigen Nervosität ihrer Protagonisten leben, von der sich langsam einstellenden Gewissheit, dass sich hinter der makellosen Fassade finstere Abgründe auftun.

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Episode 098: Ein unheimliches Erlebnis (Theodor Grädler, Deutschland 1982)

Bei einem Einbruch wird der Berufskriminelle Engler von seinen Partnern ermordet. Derrick kannte den Mann und fordert dessen Sohn Udo (Michael Wittenborn) auf, sich im Familienumfeld umzuhören. Stattdessen stellt der Student eigene Ermittlungen an, mit dem Hintergedanken, den Mörder seines Vaters zu töten. Den entscheidenden Hinweis auf die Identität liefern ihm Answald Hohner (Claus Biederstaedt) und Anita Schneider (Louise Martini), die die Täter auf frischer Tat ertappten und von ihnen gezwungen worden waren, den leblosen Körper wegzubringen.

Die Episode ist ein bisschen umständlich gescriptet, aber den streng genommen nur mittelmäßig interessanten Fall auch wieder spannend. Der Titel bezieht sich auf die initiale Konfrontation von Hohner und Schneider mit dem Verbrechen, nach der die beiden jedoch recht schnell in den Hintergrund treten. Der Subplot bietet Biederstaedt immerhin die Gelegenheit, einen seiner jovialen Playboys zu spielen: Wie er die Schneider bei einem Betriebsfest aufgabelt, bei dem sie sich mit ihrem Mann verkracht hat und sie dazu überredet, ihm eines auszuwischen, indem sie sich von ihm mitnehmen lässt, nur um dann mit ihr ein Schäferstündchen im Auto anzupeilen, ist schon ziemlich geil. Anstatt ihm den Laufpass zu geben für diese Dreistigkeit, belohnt sie seinen Mut – oder hat das zumindest vor, denn dann kommen die Einbrecher dem Vollzug in die Quere. Man erwartet eigentlich, dass der Umstand, dass die beiden Verängstigten den Toten einfach irgendwo abladen für den weiteren Fall eine größere Rolle spielt oder der Umstand, dass sie bedroht werden, aber nichts davon tritt ein. Stattdessen gibt Agnes Fink als Frau des Toten eine tolle Darbietung als misstrauische Hüterin ihrer Brut, die ihre Kinder selbst auf die schiefe Bahn drängt. Die Übeltäter werden gespielt vom unvermeidlichen Dirk Dautzenberg, Siegur Fitzek und Edgar-Wallace-Veteran Dieter Eppler, was dem ganzen so einen schönen Malochercharme gibt. Keine Sensation, aber nett.

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genuaEpisode 099: Via Genua (Helmuth Ashley, Deutschland 1983)

Der Geschäftsmann Lammers (Michael Degen) wird in einem Hotel erstochen, nachdem er zuvor mehrfach von anonymen Anrufern belästigt und einem Lieferwagen verfolgt  worden war. Als seine Erben reisen bald der Grundschuldorflehrer Rudolf Lammers (Klaus Behrendt) und dessen Sohn Hans (Eckhard Heise) an, Lammers‘ Geschäftspartner Huber (Wolf Roth) kümmert sich um die beiden – offensichtlich mit Hintergedanken. Derrick und Klein finden heraus, dass Lammers im Hotel mit dem Reiseschriftsteller Lusenke (Siegfried Rauch) verabredet war. Die beiden vermuten, dass irgendwelche dubiosen Waffendeals hinter dem Mord stecken …

DERRICK goes Politthriller: Ins handliche Stundenformat gepresst geht es hier um die Millionengeschäfte, die deutsche Fabrikanten mit dem Elend in Dritte-Welt-Staaten machen. Nach den ganzen Privatschicksalen, mit denen sich der Oberinspektor sonst üblicherweise herumschlagen muss, ein willkommener Tapetenwechsel. Klar, im Grunde unterscheidet sich auch „Via Genua“ nur oberflächlich von den anderen Episoden: Der Titel ist ein Fake, von Genua gibt es hier rein gar nichts zu sehen, genauso wenig wie von dem Konflikt in Westafrika von dem immer die Rede ist oder auch nur von den Waffen, die da verschifft werden sollten. Als exotisches Zugeständnis muss die furchtbare Kapelle „Gammarock“ herhalten, Afrikaner mit gelben Sweatshirts, Synthiepercussion und langweiligen Scheißsongs, die in der Hotelbar für sedierte Stimmung sorgen, aber behandelt werden wie die Neuerfindung der Musik. Rauch lässt sich als Lusenke dazu herab, angesichts der Schunkelmucke von der Melancholie der afrikanischen Seele zu schwafeln und Harry findet die Combo auch dann noch Weltklasse, wenn der Bongospieler mitten im Song einfach mal weggeht – natürlich ohne, dass man das irgendwie hören würde. Ich finde gerade dieses Element super, weil da eine ernste Geschichte wieder mit diesem fernsehdeutschen Schmierfilm überzogen und ein ernstes Thema wird. „Gammarock“ sollten hier Authentizität reinbringen stattdessen kommen sie wie eine rassistische Verunglimpfung rüber: Die Harrys dieser Welt fühlen sich schon ergriffen und weltoffen, wenn in ihrem Bonzenhotel ein paar Schwarze auf Bongos rumtrommeln. Eklig. Ansonsten sei hier noch vermerkt, dass Wolf Roth spitzenmäßig ist und Kurt Raab einen gruseligen Butler spielt.

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hausEpisode 100: Die Tote in der Isar (Alfred Weidenmann, Deutschland 1983)

Eine Prostituierte (Christiane Krüger) wird in ihrer Wohnung erschossen, wenig später die junge Annemarie (Ulli Maier) tot aus der Isar geborgen. Dahinter steckt der fiese Zuhälter Kabeck (Horst Frank), der mithilfe von Ingo (Sven-Eric Bechtolf) immer neuen Zulauf für seinen Stall bekommt. Am Tatort läuft Derrick und Harry auch ständig der Zoologe Dissmann (Horst Buchholz) über den Weg, der Ehemann der Erschossenen. Was weiß er?

Was mich für diese Folge eingenommen hat: Die Establishing Shots des Appartement-Komplexes, in dem ein Großteil der Folge spielt, untermalt von Frank Duvals Synthiemusik. Bechtolf ist der Inbegriff des schmierigen Mädchenausnutzers und idealbesetzt, Horst Frank muss mit goldenen Haaren, Knautschgesicht und roter Lederjacke eigentlich nur da sein, um einen perfekten Zuhälter abzuliefern. Highlight in dieser Hinsicht sicherlich die Szene, in der er Ingo im Bademantel die Tür aufmacht, nachdem die tränenüberströmte Annemarie im Foyer zusammengebrochen ist. Inszenatorisches Understatement, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

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Episode 101: Geheimnisse einer Nacht (Alfred Vohrer, Deutschland 1983)

Der Unternehmer Vrings (Jürgen Goslar) schickt seinen Angestellten Sobach (Christian Wolff) nach Straßburg, um sich mit dessen Gattin Maria (Thekla Carola Wied) zu verlustieren. Sobach weiß das und sucht den Mann nachts auf, fest entschlossen, ihm umzubringen. Der Todesschuss fällt dann auch, aber erst nachdem Sobach das Haus von Vrings schon wieder verlassen hat. Nur will das niemand bezeugen. Derrick findet bei seinen Ermittlungen unter anderem heraus, dass Vrings‘ Ehefrau (Gila von Weitershausen) zuvor mit dessen Bruder (Heinz Bennent) liiert war.

Familienhorror à la DERRICK: Darauf kann man sich immer noch verlassen. Die Verhältnisse im Hause Vrings ziehen einem wirklich die Schuhe aus und lassen selbst dem obercoolen Ermittler die Gesichtszüge entgleisen. Wie so oft ist es gar nicht die Kaltschnäuzigkeit, mit der Menschen die Grundsätze ds Zusammenlebens beugen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, sondern die Verdrängungsleistung, die die Opfer erbringen, um sich mit den Umständen zu arrangieren. Sie führt dann auch meist mittelfristig zur Katastrophe. Will sagen: Vrings ist ein egoistisches Dreckschwein, aber dass sein Bruder dessen Verrat einfach so hingenommen hat, hat durchaus etwas von Beihilfe. Ein typisches DERRICK-Element: die Ohnmacht der Opfer, die die Täter noch weiter bestärkt. Wobei man Vrings Bruder nicht wirklich als „Opfer“ bezeichnen möchte. Dass er es so einfach hinnimmt, dass der Bruder ihm die Frau weggenommen hat, hat auch etwas mit einer gewissen Gefühlskälte und Gleichgültigkeit zu tun. Richtig schockiert hat mich die einstige Mutter der Nation, Thekla Carola Wied: Wie sie ihren Ehemann ans Messer liefert, ist schon ein dicker Hund. Andererseits: Christian Wolff ist auch ein Langweiler vor dem Herrn.

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Episode 102: Der Täter schickte Blumen (Helmuth Ashley, Deutschland 1983)

Auf Alexander Rudow (Peter Bongartz) wird ein Mordanschlag verübt, der leider einen Unschuldigen trifft. Wie Derrick erfährt, hatt Rudow vor, sich am selben Tag mit Vera Baruda (Ruth Leuwerik) zu verloben. Deren Schwiegervater (Ernst Fritz Fürbringer), der Neffe Udo (Jacques Breuer) sowie die befreundeten Herr Lenau (Hans Quest) und dessen Sohn Walter (Edwin Noel) sind nur wenig begeistert: Zu glatt, zu freundlich scheint ihnen dieser Rudow. Dann erfahren Derrick, dass der Gatte in spe ein vorbestrafter Heiratsschwindler ist: Doch Vera Baruda weiß bereits davon …

Melodramatische Folge, deren Krimipart wie zusätzlich aufgepfropft wirkt. Der Twist am Ende strapaziert die Glaubwürdigkeit zudem auf ungeahnte Weise. Ich mochte, wie Rudow am Ende einfach stehen gelassen wird, wie er von der Vergangenheit eingeholt und trotz bester Absichten bestraft wird. Die Folge ist traurig und stellt dem Menschen kein gutes Zeugnis aus, weder dem einen noch dem anderen.

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ahrensEpisode 103: Die kleine Ahrens (Günter Gräwert, Deutschland 1983)

Der Geschichtslehrer Blomann (Hans Caninenberg) verbringt seine Abende neuerdings in einer Nachtbar, in der er mit den Amüsierdamen Champagner schlürft. Eine der anderen Gäste, der dubiose Molz (Peter Chatel), wird eines Tages erhängt in einem leerstehenden Fabrikgebäude aufgefunden. Er arbeitete für eine karitative Einrichtung, die Lebensmittelpakete nach Indien schickt. Was hat Blomann damit zu tun?

Die Episode greift Caninenbergs Selbstjustizler aus „Die Stunde der Mörder“ auf, führt den Zuschauer jedoch zunächst auf eine völlig falsche Fährte. Viele Aspekte bleiben lange Zeit nahezu unverständlich, ihre Bedeutung für die Geschichte ist rätselhaft. Leider misslingt es aber, die vermeintlich unverbundenen Elemente zusammenzuführen, ohne dabei in öde erklärende Dialoge zu verfallen. Das ist ein Manko, das in dieser Phase der Serie leider charakteristisch ist. Reineckers Drehbücher sind geradezu schmerzhaft unelegant und die Regisseure scheinen keinen Weg gefunden zu haben, sich von ihnen zu emanzipieren und dieses Manko irgendwie auszubügeln. Die Auflösungen und wie sie angebahnt werden, sind regelmäßig der Schwachpunkt. Alles kommt mit einem Quietschen, Krachen und Knirschen zu Stehen, stattdessen dürfen sich die Täter lang und breit erklären, was dank der mitgelieferten Rückblendenbilder völlig redundant wirkt. „Die kleine Ahrens“ hat viele gute Ansätze, aber es will einfach keine befriedigende Episode daraus werden.

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klettEpisode 25: Der Mord an Frau Klett (Dietrich Haugk, Deutschland 1970)

In einem Müllcontainer findet ein Obdachloser auf der Suche nach Essbarem die Leiche einer älteren Dame. Kommissar Keller und seine Leute identifizieren sie schnell als Frau Klett (Else Knott) und machen die Wohnung ausfindig, in der sie zur Untermiete lebte. Doch ansonsten ist nichts über sie in Erfahrung zu bringen. Auch als ihr Sohn Willi (Vadim Glowna) auftaucht, gibt es nur mehr Fragen und keine Antworten …

Eine Episode voller Hoffnungslosigkeit und Tristesse. Es beginnt mit dem Bild des Obdachlosen, der Hinterhöfe und Mülltonnen nach Verwertbarem durchsucht, setzt sich mit der Frauenleiche in der Mülltonne fort und endet beim Schicksal der weiteren Figuren, allesamt vom Leben Betrogene und Vergessene. Da ist etwa der 64-jährige Herr Wachsner (Alfred Balthoff), bei dem das Opfer zur Untermiete wohnte, Kellner in einer schäbigen Pinte, die wenigen verbliebenen Haare mit Brllantine am kohkopfartigen Schädel festgeklebt, der bei seinem Job laut eigenem Bekunden einmal um die Welt gelaufen ist und in Angst einer Zukunft in bitterer Armut und Einsamkeit entgegensieht. Oder eben das Opfer, eine traurig dreinblickende Frau ohne Freunde oder Erfüllung – das einzige, was man bei ihr findet, ist die Nummer der Telefonseelsorge – und einer Familie, die nichts über sie zu sagen weiß. Ihr Mann (Hanns Ernst Jäger) lebt unter einer Brücke und seinen Lebensunterhalt bestreitet er damit, vor dem Zoo Tierstimmen zu imitieren. Das desolate Bild einer im Verschwinden begriffenen Generation hinterlässt auch bei den Protagonisten seine Wirkung: Klein sagt einmal, er habe jetzt erst begriffen, wie furchtbar Mord sei, Keller selbst wird mehr als einmal eingefangen wie er wortlos und in sich versunken nachdenkt, dem sonst so coolen Heines macht die Eigenschaftslosigkeit der Klett sogar Angst.

Es ist eine blöde Phrase, aber „Der Mord an Frau Klett“ scheint mir mit seiner Thematisierung von Altersarmut nach 45 Jahren zu neuer Aktualität zu gelangen, schließlich dürfen sich Millionen von Deutschen, die nicht das nötige Kleingeld für eine private Altersvorsorge haben, mit der Idee befassen. Der Unterschied liegt wohl vor allem in den Gesichtern. In der furchigen Visage eines Herr Wachsner spiegeln sich die Entbehrungen der Kriegsjahre und jahrzehntelanger körperlicher Arbeit, während eine Frau Klett oder ihre Nachbarin Frau Schilp (Hilde Volk) durch ihre „Gattenlosigkeit“ stigmatisiert sind. Ihr ganzes Leben bestand aus Kummer. Dieser hat sich tief in die Mikrostruktur von Haugks Folge eingegraben. Wenn er am Ende zum Kriminalfall zurückkehrt, wirkt das wie ein Exkurs, es ist nur eine Fußnote.

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Episode 26: Die kleine Schubelik (Georg Tressler, Deutschland 1970)

Schubelik, ein bekannter Säufer, wird tot im Bett seiner Wohnung aufgefunden, Frau und Tochter sind vorerst verschwunden. Kommissar Keller findet schnell heraus, dass der Tote vor seinem Tod mit seinen Saufkumpanen Klenze (Peter Kuiper), der regelmäßig seine Frau Irma (Margarethe von Trotta) verdrischt, und Pölich (Josef Fröhlich) gezecht hatte. Schubeliks Frau (Erni Mangold) zeigt sich über den Tod des Gatten überhaupt nicht schockiert, eher im Gegenteil. Und was hat seine Tochter Inge (Susanne Schaefer), die vom Nachbarn Arnim (Thomas Piper) in Schutz genommen wird, mit allem zu tun?

Der deprimierende Blick in das Schicksal von Menschen aus der unteren Gesellschaftsschicht, den Dietrich Haugk schon in der vorangegangenen Episode geworfen hatte, wird dem Zuschauer auch hier aufgezwungen. Besonders sticht der fiese Klenze hervor, ein selbstbewusster Macho, der es gar nicht für nötig hält, seine Verachtung für Schwächere zu verbergen und meint, er würde damit beeindrucken, wenn er mit der bloßen Hand einen Nagel aus einer Wand zieht. Er ist gewissermaßen das Spiegelbild des Toten, über den man die anderen Figuren nur reden hört: Und man ahnt, was für ein Schwein auch der gewesen sein muss. Tresslers Folge besticht mit ihren Charakterzeichnungen und dem Gespür für das Milieu, in dem er sich bewegt. Keller und seine Männer heimsen mit ihrem Mitgefühl für die verschiedenen Opfer Sympathiepunkte ein und dem Täter kann man nicht wirklich böse sein.

Ich hatte schon einmal erwähnt, dass es bei DER KOMMISSAR oft um böse Vaterfiguren geht und „Die kleine Schubelik“ ist ein Paradebeispiel dafür. Ich würde sogar noch weiter gehen: Der Begriff „Vater“ hat seine Bedeutung hier völlig verloren. Es gibt nur noch empathielose, gewaltgeile und dumme Männer.

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Episode 27: Anonymer Anruf (Helmut Käutner, Deutschland 1970)

Der mittellose Student Gersdorf (Martin Lüttge) erhält einen anonymen Anruf, der seiner Gattin Susanne (Gerlinde Locker) eine Affäre mit Gregor Stein, dem Onkel Gersdorfs, nachsagt. Gersdorf macht sich sofort auf zum Haus Steins, der erschossen wird, kaum dass der Student dort eingetroffen ist. Alles spricht für einen Rachemord Gersdorfs, zumal auch dessen Pistole am Tatort gefunden wird, aber der Mann behauptet, hereingelegt worden zu sein. Wer wusste von der Affäre von Gersdorfs Frau mit einem Geschäftspartner Steins? Hatte Ahlsorf (Friedrich Joloff) etwas damit zu tun, der von Stein um seinen ganzen Besitz gebracht worden war?

Käutners Episode „Anonymer Anruf“ ist, wenn ich richtig informiert bin, aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Box enthalten. Es hat also nichts mit dem etwas pikanten Thema der Gelegenheitsprostitution zu tun, von der der eklige Geschäftsmann Schröder (Paul Edwin Roth) sagt, das mache heutzutage ja jeder. Es ist das wahrscheinlich interessanteste Element der Folge, die auffallend konservativ ist. Sogar der längst überwunden geglaubte Brauch Kellers der Anfangstage, alle Verdächtigen zu versammeln, vor ihnen den genauen Tathergang zu rekapitulieren und am Ende den Täter zu enttarnen, wird hier wiederaufgegriffen. Trotzdem ist „Anonymer Anruf“ ganz unterhaltsam, was nicht zuletzt an der Besetzung liegt. Neben den genannten sind auch Jürgen Goslar und Dunja Rajter zu sehen.

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wienEpisode 28: Drei Tote reisen nach Wien (Dietrich Haugk, Deutschland 1970)

Erwin Bessmer (Herbert Steinmetz) erhält einen Anruf aus Wien, wo er sich am Wochenende zuvor mit seinen Jugendfreunden Sasse (Hans Caninenberg) und Roth (Dieter Borsche) vergnügt hat, bei dem ihm mitgeteilt wird, dass man ihn erschießen werde. Wenig später wird die Drohung wahr gemacht und Bessmer in einer Telefonzelle ermordet. Sasse und Roth fürchten nun ebenfall um ihr Leben. Hat die attraktive Katja (Kitty Speiser), die sie mit ins Hotel genommen haben, etwas mit dem Mord zu tun?

Von Beginn an ahnt man, dass „Drei Tote reisen nach Wien“ eine besondere Folge wird. Wie Bessmer in der Telefonzelle durch einen Schuss ins Gesicht getötet wird, ist schon ein besonders happiger Moment, der deutsche Fernsehzuschauer damals in ihrem Ohrensessel kräftig durchgeschüttelt haben dürfte. Regieeinfälle wie jener, die Begegnung zwischen den drei Herren und der jungen Frau in einem Wiener Biergarten als Standbild-Montage festzuhalten, lassen den Weggang von Brynych verschmerzen. Und das Treffen zwischen Keller und seinem Wiener Kollegen Marek (Fritz Eckhardt), der deutschen Zuschauern aus dem TATORT bekannt war, ist so ein postmoderner Crossover-Moment, den man in einer deutschen Krimiserie aus den frühen Siebzigern eher nicht erwartet hat. Richtig durch die Decke geht Haugks Episode aber, weil das Thema so herrlich schmierig ist: Wie diese feinen Herren sich nacheinander von der jungen Frau bedienen lassen, sich beim fliegenden Wechsel zugrinsen und triumphierende Gesten machen, ist schon reichlich ekelhaft. Und es ist ein Vergnügen Sasses Ehefrau (Hilde Weissner) dabei zuzusehen, wie sie ihrem spießigen Mann die Untreue und Feigheit aufs Brot schmiert und der sich vor ihr windet, in Angst und Selbstmitleid zerfließend. Natürlich kommt alles ganz anders, aber man gönnt den dreien jede Sekunde, in der sie kaltschwießig um ihr Leben fürchten.

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moorEpisode 29: Der Moormörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Im Moor wird eine Frauenleiche gefunden. In der Nähe befinden sich der Zweitwohnsitz des erfolgreichen Chirurgen Dr. Strobel (Charles Regnier)  sowie der marode Gasthof von Hässler (Harald Leipnitz). Beide wollen weder etwas gehört noch überhaupt eine fremde Person bemerkt haben. Doch dann stellt sich heraus, dass Strobel Stammgast in dem Tanzlokal war, dass auch das Opfer regelmäßig aufsuchte …

Charles Regnier. Ich mag ihn, sein Gesicht, seine Stimme und wie sie in Relation zu seinem Körper steht. Er erinnert mich auch an irgendjemanden von heute, aber ich komme nicht drauf, an wen. Er wirkt auf mich immer ein wenig so, als halte er alles um ihn herum für eine Komödie. Im positiven Sinne, nicht weil er nichts ernst nimmt, sondern weil das seine Weltsicht ist. Im wunderbaren DER WÜRGER VOM TOWER, wo er auch noch eine Doppelrolle spielt, gestikuliert er einmal im Bildhintergrund herum, anscheinend in Richtung Regisseur, aber es wurde einfach dringelassen. Hier erwartete ich auch zu jeder Sekunde, dass er etwas Vergleichbares macht, eiine Grimasse schneidet oder in eine spontane Tanzeinlage ausbricht, aber es ist ihm gelungen, seine Impulse im Zaum zu halten. Ich tue ihm bestimmt Unrecht, aber er bringt ein Element der konstanten Unsicherheit in Beckers Episode ein, die sonst eher geradlinig ist und in erster Linie durch ihr Wallace-Sujet besticht. Gerade auch, weil es wieder einmal um eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung geht und Regnier absolut nicht der Typ für diese preußischen Patriarchen ist, die mit eiserner Hand regieren und niemals Schwäche zeigen. Er bringt eine ganz neue Dynamik in den klassisch aufbereiteten Krimistoff. Ich mag ihn einfach.

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alberti6Episode 30: Besuch bei Alberti (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Firmenchef Alberti (Carl Lange) legt großen Wert darauf, dass sein Angestellter Sidessen (Klaus Schwarzkopf) nicht sieht, welchen Besuch er nach Feierabend noch im Büro empfängt. Weil Sidessen aber etwas vergessen hat, kehrt er noch einmal um – und findet seinen Chef tot vor. Der Mörder kann nicht weit weg sein und Sidessen hechtet ihm hinterher, doch dann ist der Flüchtende verschwunden und da, wo er eigentlich sein sollte, steht Brink (Herbert Mensching), Albertis Schwager, ein unsicherer, zurückhaltender, beinahe ängstlicher Mensch, der von seinem Verwandten übel gedemütigt wurde …

Manchmal sind es eher kleine Details oder einzelne Figuren, die die KOMMISSAR-Folgen auszeichnen. „Besuch bei Alberti“ ist inhaltlich eher uninteressant, der Fall, den es für Keller und Kollegen zu klären gibt, ist unspektakulär, es gibt keine ausgefallenen Regieeinfälle oder wüsten Sleazeschübe – dafür war Staudte wohl nicht der richtige. Aber die Folge entwickelt sich zum slow burner, weil Brink in der Darstellung vom leider viel zu früh verstorbenen Herbert Mensching ein einziges Faszinosum ist und die Neugier, die Keller diesem rätselhaften Menschen entgegenbringt, einige wunderbar intime Szenen hervorbringt. Ich habe die ganze Zeit überlegt, woher ich Mensching kenne, ohne Erfolg. Beim Blick auf seine Filmografie fiel mir dann auf, dass ich ihn erst vor einigen Wochen in der DERRICK-Folge „Der L-Faktor“ gesehen habe. Dort spielt er einen völlig anderen Typen, einen erfolgreichen Wissenschaftler und Machtmenschen, das völlige Gegenteil von Brink, der von sich selbst sagt „keine Fähigkeiten“ zu haben. Und er spielt beide so überzeugend, dass man nicht darauf kommt, dass sich dahinter ein und derselbe Schauspieler verbirgt, auch wenn das Gesicht eben dasselbe ist.

Ein wichtiger Strang von „Besuch bei Alberti“ verfolgt Keller bei seinem Versuch dahinterzukommen, wer dieser Brink ist, ob er der Mörder sein könnte. Er begleitet ihn nach Hause, auf dem Weg holt sich Brink drei Flaschen Bier in einer Eckkneipe. Dann sitzen die beiden Männer zusammen, Brink erzählt von seinem Leben, Keller hört zu. Immer wieder fragt Brink ihn, ob Keller ihn für den Mörder halte, und Keller weiß es nicht, sagt das auch. Aber Brink bleibt ganz ruhig. Man hat Mitleid mit ihm, weil er in seinem Verlierertum sehr sympathisch ist – und ja, auch irgendwie gefestigt. Er weiß, wer und was er ist und hat sich damit abgefunden. Er scheint, wie der karrieregeile Sidessen einmal sagt, tatsächlich viel zu wenig entschlussfreudig, um einen Mord begehen zu können. Dann aber sieht man da ein kurzes Blitzen in seinen Augen: Vielleicht wartet er nur auf den richtigen Zeitpunkt, um allen zeigen zu können, wozu er wirklich fähig ist.

Herbert Mensching ist leider 1981 im Alter von nur 53 Jahren gestorben. Ich habe einen tollen Nachruf gefunden, der anlässlich seines Todes damals in der Zeit erschien, der sehr gut zu seiner Leistung in „Besuch bei Alberti“ passt. Aus einer mittelmäßigen Folge macht er mit seinem Spiel ein Ereignis.

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tanzEpisode 31: Ende eines Tanzvergnügens (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Der Schneider Hans Stoltze wird vor seinem Haus erschlagen, nachdem er mit seiner Freundin Ilo Kusche (Alexandra Marischka) in einem „Beatschuppen“ war. Seine Schwester Lisa (Gisela Peltzer) ist völlig aufgelöst und äußert gegenüber Keller die Vermutung, dass das Mädchen etwas mit dem Tod zu tun habe. Die auffallend attraktive, schweigsame Ilo wird von ihrem Vater (Dirk Dautzenberg) behütet wie ein rohes Ei und kann sich über Verehrer nicht beklagen: Da sind Bigge (Wolfgang Schneider), ein Angestellter von Stoltze, und Barbosse (Karl Michael Vogler), in dessen Boutique Ilo arbeitet …

Was in den ersten Episoden von DER KOMMISSAR die finale Ansprache Kellers vor versammeltem Verdächtigenfeld war, ist zu diesem Zeitpunkt die Rückblende. In „Ende eines Tanzvergnügens“ wird sie im entscheidenden Moment sogar angehalten, während der Voice-over weiterläuft. Es ist das einzige Gimmick einer Episode, die wie die vorangegangenen Arbeiten Staudtes eher durch ihre detaillierten Charakterzeichnungen und genauen Beobachtungen besticht. Im Mittelpunkt steht die betörend schöne Ilo als geheimnisvolle Chiffre – ein Mädchen ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, man erfährt nichts über sie, außer dass sie hübsch ist und ihr die Männerherzen zufliegen. Und dann diese Männer um sie herum, allen voran der Vater, der sie umgarnt wie ein Zuhälter sein bestes Pferd im Stall, genau wissend, dass sich ihre Schönheit für ihn in bare Münze umwandeln lässt. Der feine Boutiquenbesitzer Barbosse ist genau nach seinem Geschmack, ein Mann, der mit seinem Geld hausieren geht, für seine Gattin (großartig: Ellen Umlauf) aber nur noch Verachtung übrig hat. Toll ist auch der eher unbekannt gebliebene Wolfgang Schneider: Wie er zu Hause kurz vor dem ersehnten Date mit Ilo eine heiße Scheibe auflegt, sich sein bestes Jackett anzieht und dabei einen Triumphtanz auf den Teppich legt, ist ein weiteres Highlight in dieser Episode, die dann später noch „Paranoid“ von Black Sabbath abfeuert, zu dem Ilo mit geschlossenen Augen über die Tanzfläche schwoft wie ein arroganter Engel. Es ist die Summe Momente wie dieser, die „Ende eines Tanzvergnügens“ zu einem weiteren Gewinner von Staudte machen.

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anhalterEpisode 32: Die Anhalterin (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Die Studentin Irmgard Lentz (Helga Lehner) wird tot an einem Bahngleis aufgefunden. Kurz zuvor war sie, wie fast jeden Samstag, als Anhalterin mit einem Lkw Richtung Stuttgart aufgebrochen. Wie Keller und Kollegen von ihrer Schwester Erika (Karin Baal) in Erfahrung bringen, hatte sie sich mit einem Fahrer sogar angefreundet. Während die Kriminalbeamten in der Spedition von Egon Schmett (Max Mairich) ermitteln und dessen Fahrer verhören, stellt sich Erika an die Autobahn in der Hoffnung bei jenem Fahrer zu landen, der ihre Schwester auf dem Gewissen hat …

Diese Episode hat nicht so viel für mich getan. Sie ist nicht besonders spannend, weil Karin Baal ihrer Erika viel zu viel Entschlossenheit und Autorität mitgibt, als dass man sich wirklich um sie sorgen müsste, das Drehbuch sich außerdem – der Konvention der Serie geschuldet – gar nicht traut, den Täter frühzeitig preiszugeben. Und dann wieder zu geradlinig, um von überraschenden Wendungen aus der Bahn geworfen zu werden. So bleiben eigentlich nur zwei Eindrücke/Szenen/Sequenzen hängen: der Auftakt, bei dem die Kamera Irmgard im morgendlichen Berufsverkehr verfolgt und der mit einem Blick aus eine fahrenden Zug auf einen rennenden Mann endet, der ihren leblosen Körper auf den Armen trägt, und die Schlusseinstellung, mit der dem Mörder soeben entronnenen Erika, die ins leere blickend an der Leitplanke der Autobahn steht, während die Kamera von ihr wegfährt. Aus ihrer geisterhaften Präsenz am Rande des grauen Asphaltbandes hätte man mehr machen können, als diese insgesamt überraschungsarme Folge. Sogar Werner Pochath ist verschenkt – trotz mal wieder absurdem Haarteil.

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Episode 33: Lagankes Verwandte (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Laganke, Besitzer eines Juweliergeschäfts, wird bei dem Versuch, einen Einbrecher zu stellen, ermordet. Die Hauptverdächtigen sind Lagankes Bruder Joachim (Josef Meinrad), der beim Tod der Eltern und dem anschließenden Erbe einst der Benachteiligte war und in der Villa des Bruders zur Untermiete wohnt, und Sohn Michael (Ralf Schermuly), der gehört wurde, wie er in seiner Wohnung den genauen Tathergang voraussagte. Die beiden sind überzeugt, dass der jeweils andere der Schuldige ist …

Der Clou der Folge ist, dass sich ein ganz anderer als der eigentliche Täter erweist, die beiden Verdächtigen aber am Ende trotzdem die Arschlöcher der Folge sind – eigentich sogar fast noch mehr, als wenn sie selbst Hand angelegt hätten. Susanne Uhlen spielt ein enigmatisches Mädchen, Michaels Freudin, das die ganze Folge über nichts anderes macht, als mit großen Augen in die Kamera zu schauen: Am Ende geht sie einfach mit einem anderen mit, aber nicht ohne in einer Kneipe noch einmal enthemmt getanzt zu haben. Mir hat die Einstellung der beiden Verdächtigen gut gefallen, die sich nach der Enttarnung des Mörders darüber freuen können, nun rechtmäßige Besitzer der Reichtümer des Toten zu sein. Den Menschen, der da gewaltsam seinem Ende zugeführt wurde, haben sie längst vergessen.

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Episode 34: Der Tote von Zimmer 17 (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Der italienische Zimmerkellner Mario (Peter Chatel) wird gesehen, wie er mit blutigen Händen aus dem Zimmer eines Gastes kommt, dessen Leiche nur wenig später entdeckt wird. Dass der Tote ein Auge auf das Zimmermädchen Andrea (Hannelore Elsner) geworfen hatte, in die auch Mario verliebt war, erhärtet den Verdacht. Doch Kommissar Keller hat berechtigte Zweifel an der Schuld des zurückhaltenden Mannes …

Ganz interessant, weil die ganze Folge in den Räumlichkeiten des Hotels spielt und Harry Klein undercover als Zimmerkellner arbeitet. Die Folge ist auch gut besetzt mit Peter Pasetti, Hans Quest, Hans Schweikart und Joseph Offenbach, aber insgesamt eher Standard. Der Blick auf den traurigen Alltag, der unter dürftigen Bedingungen lebenden Zimmerkellner und den Alltagsrassismus, der dem italienischen Gastarbeiter entgegenschlägt, ist aus heutiger Perspektive sehr erhellend – ein schönes Beispiel für die Gesellschaftskritik, die Reinecker in seinen Drehbüchern eher en passant entwickelt.

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lisaEpisode 35: Lisa Bassenges Mörder (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Der Lokomotivführer Leo Bader (Klausjürgen Wussow) hat eine Beziehung mit der lebenslustigen Lisa Bassenge (Diana Körner), die ihn immer nackt am Fenster ihrer Wohnung an den Bahngleisen erwartet. Eines Tages findet Leo sie tot auf. Noch entsetzter über ihren Tod scheint aber sein gehbehinderter Bruder Alfred (Boy Gobert), der Keller fortan fleißig bei seinen Ermittlungen unterstützt.

„Lisa Bassenges Mörder“ ist nach den beiden vergangenen, eher herkömmlich gestrickten Episoden wieder ein Beispiel für die Verstrahlungsattacken, die Reinecker bisweilen aus der Feder flossen. Sein Alfred Bader dürfte eine der schrägeren Figuren sein, die er erdachte und die Struktur der Folge, die immer wieder durch Rückblenden aufgebrochen wird, passt dazu. Diana Körner darf als Lisa Bassenge eine Art positiver Femme fatale spielen: Eine Frau, deren sexuelle Freizügigkeit Männer nicht so sehr unterwirft wie sie selbst beflügelt. Alfred gesteht freimütig, die Freundin seines Bruders nur dreimal gesehen zu haben, sie aber trotzdem sehr gut zu kennen – und zu lieben. Die Besessenheit der Figur für die junge Frau ist befremdlich und trägt die Episode, auch wenn Boy Gobert es nicht so ganz gelingt, diese Obsession wirklich glaubhaft zu machen. Ein Unterschied zum zuletzt von mir gefeierten Herbert Mensching, bei dem man nie das Gefühl hatte, er spiele eine Rolle. Gobert stattet seinen Alfred mit allerlei Ticks aus, die umso mehr auffallen, als Klausjürgen Wussow, selbst nicht gerade als Ausbund der schauspielerischen Ökonomie bekannt, neben ihm gnadenlos zurückschraubt. Wahrscheinlich wäre sonst die Bildröhre explodiert. Gert Haucke hat einen schönen Auftritt als Spanner in der Nachbarwohnung.

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todEpisode 36: Tod eines Ladenbesitzers (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

In einer Kleinstadt wird der Inhaber eines Kramladens erschlagen, kurz nachdem er einen alten Mann unsanft hinausgeworfen hat. Der alte Mann ist ein Bewohner des in der Nähe gelegenen Altersheims, das von dem betrügerischen Sierich (Werner Kreindl) geleitet wird, der die alten Männer wie Gefangene behandelt und nur wenig Respekt oder Achtung für sie übrig hat. Auch der Tote hat bei den Rentnern einen einschlägigen Ruf. Keller ist schnell davon überzeugt, dass die Alten hinter dem Mord stecken: Der intelligente Ohlers (Curt Bois) scheint der Anführer zu sein. Und dann mehren sich die Zeiten, dass ein zweiter Mord bevorsteht …

Meisterwerk! Die Folge mit dem unscheinbaren Titel kokettiert ganz eindeutig mit dem Horrorfilm und die Szenen mit den ziellos im Park des Altenheims umherirrenden Rentnern erinnern Kenner heute ganz ohne Frage an George Romeros DAWN OF THE DEAD – damalige Zuschauer assoziierten vielleicht eher Hitchcocks THE BIRDS: Beides ist legitim. Die vermeintlich harmlosen Greise in ihren grauen Mänteln und Hüten werden sehr geschickt als unterschätzte Bedrohung aufgebaut: Wenn der freundliche Voss (Hans Hermann Schaufuß) ganz sachlich erklärt, er wisse, wie ein Todesschrei klinge, dann fällt einem wieder ein, über welchen „Wissensvorsprung“ die auf einmal gar nicht mehr so putzigen Opas verfügen und man ahnt, wozu sie einst einmal fähig waren. Das steckt ja eh in vielen Folgen von DER KOMMISSAR oder DERRICK mit: Man schaut da mitunter Menschen zu, die im Zweiten Weltkrieg munter mitgemischt haben.

Das reicht schon für denkwürdiges Fernsehentertainment: Werner Kreindl setzt als erst arschiger, dann zunehmend nervöser Sierich noch einen drauf. Ein Dialog zwischen Keller und einer alten Frau, die ihm erzählt, was es bedeutet, alt zu sein und von den jüngeren Menschen entweder bemitleidet oder aber gar nicht mehr gesehen zu werden, kommt in diesem Kontext nicht eben überraschend, trifft aber trotzdem ins Schwarze, weil Staudte alles in kontrastreiche Schwarzweißbilder kleidet, in deren Schatten sich der Tod versteckt. Am Ende werden die Mörder überführt. Es schockt sie nicht. Was macht es für einen Unterschied, ob man nun in dem einen oder dem anderen Knast einsitzt? Während die Schlussmelodie läuft, packen sie ihre Koffer, fast freudig über den bevorstehenden Tapetenwechsel.

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huebnerEpisode 37: Die andere Seite der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Auf offener Straße wird ein Mann im Beisein seiner Nachbarn (u. a. Gerd Baltus, Bruno Hübner und Klaus Höhne) erschossen. Doch die behaupten anschließend steif und fest, niemanden gesehen zu haben. Sie haben Angst: Denn am Ende der Straße ist ein berüchtigte Gangsterkneipe, und aus der kommt wohl auch der Mörder.

Reinecker bewegt sich mit seiner Geschichte diesmal tief ins Milieu, in einer Straße, deren Bewohner Angst vor dem Gesindel vor ihrer Wohnungstür haben, in einfachen Verhältnissen leben und sich davor fürchten, auch diese noch zu verlieren. Eine wichtige Rolle spielt der alte Galusch (Bruno Hübner), der Hausmeister, der einst von seiner Frau verlassen wurde und nun mit seiner Enkeltochter Eva (Christine Ostermayer) zusammenlebt. Die gemeinsamen Szenen der beiden sind der emotionale Anker der Folge und ungemein anrührend. Die einfache Arbeiterwohnung, auf deren Herd der zerknautschte, vom Leben betrogene Mann da abends seine Suppe anrührt, erinnerte mich nicht wenig an die Wohnung meines Großonkels, in der ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Kindheit zugebracht habe. Hübner ist brillant in der Rolle, und er hat eines dieser Gesichter, die es heute nicht mehr gibt, in die sich jahrzehntelange Entbehrungen eingegraben haben und die mehr als alles andere der Schwerkraft zu unterliegen scheinen. Wenn er da seinen ganzen Mut zusammengreift, nachdem seine Enkelin ihm erzählt hat, dass seine Gattin ihn immer für „zu dämlich für Geld“ hielt, und in die Gangsterkneipe schreitet, einen Deal planend, von dem der Zuschauer instinktiv weiß, dass es sein erster und letzter sein wird, möchte man ihm zurufen, sich ihm in den Weg stellen, ihn trösten, irgendwas tun, um ihn von seinem dummen Vorhaben abzubringen. Später begreift seine Enkelin wie verletzend ihre achtlos hingeworfene Bemerkung war, wie sehr sie die Würde und Selbstachtung eines ohnehin schon gebeutelten Mannes damit noch weiter ausgehöhlt hatte. Aber da ist es schon zu spät. Sein Tod hallt nach und „Die andere Seite der Straße“ wiegt auch wegen ihm schwerer als andere.

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berlinEpisode 061: Ein Kongress in Berlin (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Beim Einbruch in eine Firma, die an hochbrisanten chemischen Entwicklungen arbeitet, wird ein Wachmann erschossen. Doch die wichtigen Forschungsunterlagen, die nach den Angaben von Prof. Braun-Gorres (Will Quadflieg) offen herumlagen, sind durch die Wachsamkeit der Sekretärin Meinrad (Judy Winter) wider Erwarten gerettet worden. Hinter dem Einbruch vermutet man den heruntergekommenen Wissenschaftler Jurek (Ullrich Haupt), der sich Frau Meinrad bei einem Kongress in Berlin mit einem eindeutigen finanziellen Angebot genähert hatte. Aber wenig später ist auch Jurek tot …

Ich weiß noch nicht, ob sich die Beobachtung aufrecht erhalten lässt, aber bei EIN KONGRESS IN BERLIN hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich an der Ausrichtung der Serie etwas ganz wesentlich geändert hat. Vielleicht ist es nur das sich am Horizont abzeichnende neue Jahrzehnt und die mit diesem einhergehenden Änderungen der Mode (Klein trägt das Hemd unter dem Jackett hier offen und den breiten Hemdkragen darüber geklappt). Auch wenn es im Kern der Geschichte immer noch um persönliche Motive geht, vor allem um dysfunktionale Liebes- und Ehebeziehungen und um „Normalbürger“, die durch eine Verkettung von Zu- und Unfällen zu Mördern werden, so sind der spießbürgerliche Mief und die bedrückende Enge der Mittelklassenmilieus, in denen DERRICK meist angesiedelt ist, hier doch merklich abwesend.

Vielleicht ist es auch nur die zwischenzeitliche Verlegung der Handlung nach Berlin, das gegenüber München auch in Zeiten der Teilung für mehr Weltoffenheit, Multikulturalität und kosmopolitischen Flair steht. Die Folge wirkt sonniger, aufregender, größer als die sonstigen Ausflüge des Oberinspektors in den Morast bürgerlicher Heuchelei und Niedertracht. Zwischenzeitlich erinnert „Ein Kongress in Berlin“ an einen Agententhriller, was gewiss auch an der Lauflänge von 75 Minuten liegt. Es ist die längste DERRICK-Episode, die einzige in der mehr als 20-jährigen Geschichte der Serie, die mit der 60-Minuten-Konvention bricht: „Ein Kongress in Berlin“ wurde zum Anlass der IFA 1979 ausgestrahlt, ein echtes Fernsehevent sozusagen, aber von aufgesetztem Bullshit, der ähnliche Unternehmungen heute begleitet, noch meilenweit entfernt. Den selbstzweckhaften Gastauftritt irgendeines Fernsehmoderators muss man hier nicht erdulden, dafür gibt es Rainer Hunold als schnauzbärtigen Busfahrer zu sehen.

Wer DERRICK in erster Linie für die beschriebene Abgründigkeit und bundesdeutsche Tristesse schätzt, wird mit „Ein Kongress in Berlin“ wahrscheinlich nicht so warm werden – auch wenn die mit „eiskalt“ noch freundlich umschriebenen Szenen zwischen Braun-Gorres und seiner Gattin (Angela Salloker) sich vor vorangegangen DERRICK-Einblicken in die Ehehölle nicht verstecken müssen. Mir hat die Folge sehr gut gefallen, einfach weil sie aufgrund der längeren Laufzeit etwas kniffliger und wendungsreicher ist. Ich bin gespannt, wie es mit DERRICK an der Schwelle zu den Achtzigern weitergeht.

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opferEpisode 062: Das dritte Opfer (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Im Urlaub lernt Derrick den merkwürdigen Albert Grosser (Lambert Hamel) kennen: Der Mann interessiert sich brennend für den Beruf des Oberinspektors, philosophiert über die gesellschaftliche Bedeutung des Mords und bezeichnet sich selbst als neuen Menschen. Im Casino wirft er mit Geld um sich und macht seiner Errungenschaft, der 20 Jahre jüngeren Gabriele Voss (Jutta Speidel), teure Geschenke. Wenig später ist er tot, erschossen. Bei seinen Ermittlungen sucht Derrick Grossers nächste Verwandte auf: seinen Schwager Martin Dorp (Heinz Drache) und dessen Gattin (Eva Christian). Dorps erste Ehefrau, Grossers Schwester, war vor einiger Zeit nach schwerer Krankheit verstorben …

Die Sichtung von „Das dritte Opfer“ brachte angenehm nostalgische Fernsehgefühle mit sich: Leena und ich hatten nämlich unseren Spaß daran, mitzuraten, was es mit diesem Grosser auf sich hat. Ein bisschen erinnert er an Dostojewskis Raskolnikoff und gut und gern hätte sich Vohrers Episode in eine entsprechende Richtung entwickeln können, mit Grosser als philosophischem Mörder, der den Profiermittler herausfordert. Aber es kommt dann eben doch anders. Vohrer, der in den Sechzigerjahren ganz entscheidenden Anteil am Erfolg der Wallace-Filme hatte, hatte sicherlich Spaß daran, zwei seiner damaligen Protagonisten – Tappert und Drache – gegeneinander antreten zu lassen, und der Besetzungscoup mit Drache ist schon großes Tennis. Der in den Wallace-Filmen stets brav und onkelhaft-verbindlich auftretende Schauspielers personifiziert die Strategie Reineckers, die Abgründe des Biedermanns bloßzulegen, was hervorragend funktioniert. Die Folge wäre auch so schon super, aber wenn dann am Ende mit einer Rückblende zu der von der kranken Schwester/Ehefrau tyrannisierten Familie in den gothischen Overdrive geschaltet und mit Derricks letzter Dialogzeile die Bedeutung des Titels offenbart wird, schließt sich der Kreis. Endlich mal wieder ein richtiger Kracher von Vohrer!

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Episode 063: Die Versuchung (Erik Ode, Deutschland 1979)

Rolf Sossner (Peter Fricke) ist wie ohnmächtig. Eben hat ihm sein Geschäftspartner Walter Möbius (Klaus Wildbolz) gestanden, dass er die gemeinsame Firma durch eine Spekulation in den Ruin getrieben hat, als nächstes offenbart er ihm, wie er gedenkt, die verlorene Million wieder reinzuholen: Durch eine vorgetäuschte Entführung und eine entsprechende Lösegeldforderung an Möbius‘ Schwiegervater, den wohlhabenden Unternehmer Demmer (Heinz Moog). Der Plan geht auf, Demmer zahlt und die Million ist weg. Doch dann wird Möbius tot aufgefunden …

„Der Kommissar“ Erik Ode holt aus dem DERRICK-Standardstoff Einiges raus: Die Sequenz um die Lösegeldübergabe inszeniert er im Stile eines Police Procedurals und erzeugt so erhebliche Spannung. Der Rest ist nicht unbedingt ein Grund, Briefe nach Hause zu schreiben, aber Peter Fricke ist einfach perfekt für diese schwitzend-zitternden Feiglinge, die der titelgebenden Versuchung dann doch einfach nicht widerstehen können. Ich sehen ihn immer wieder gern.

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todesengelEpisode 064: Ein Todesengel (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Der Junggeselle Arthur Tobbe (Christian Quadflieg) reißt in seiner Stammkneipe eine junge Frau (Sabine von Maydell) auf, die ihn intensiv beäugt. Auf dem Heimweg wird er aus einem Hinterhalt angeschossen, seine Begleitung verschwindet spurlos. Erst nachdem er von seinen leichten Verletzungen genesen ist, taucht sie wieder auf und stellt sich als Anita Glonn vor. Derrick und Klein haben den Verdacht, dass sie mit dem Anschlag auf Tobbes Leben zu tun hatte. Und der ist keineswegs ein unbeschriebenes Blatt …

Eine unerhörte Folge, in der seit langer Zeit zum ersten Mal wieder die melodramatische Keule und der Kessel mit dem Schmierfett ausgepackt wird: von wem anders als von Vohrer? „Ein Todesengel“ beginnt gediegen, für Verzückung sorgt allerdings das eichenhölzerne Kneipenetablissement, in dem sich der junge Filou Tobbe mit seinen Kumpels zum Skatkloppen trifft. Unvorstellbar, dass das heute ein fescher Mittzwanziger, der etwas auf sich hält, als seine Stammkneipe ausgäbe – und sich dahin eine attraktive Frau wie Anita hin verirren würde. Quadflieg, heute einer der vielen überalterten Vorabendprogramm-Schwiegersöhne des deutschen Fernsehens, bringt genau die richtige Qualität für seinen Charakter mit, der vordergründig etwas schüchtern und unbeholfen wirkt, aber auch so, als sei das seine Masche, um sich alles erlauben zu können. Die Einschätzung Kleins, er sei ein Aufschneider, der sich für was Besonderes halte, aber eigentlich ziemlich plump sei, klingt zunächst hart, aber im weiteren Verlauf treibt er einen mit seinem bequemen Entitlement auf die Palme: Er meint, er könne alles haben, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen, einfach nur, weil er so ein feiner Kerl ist. Je mehr ich über ihn nachdenke, umso mehr will ich kotzen.

Was „Ein Todesengel“ aber wirklich durch die Schallmauer des Sleaze katapultiert, ist eine Sequenz in der Mitte, die die Motivation des Attentäters erklärt. Derrick und Klein besuchen eine Nervenheilanstalt, in der Regine (Johanne Elbauer), die Schwester Anitas, ein erbarmungswürdiges Dasein fristet, ist sie doch auf einem LSD-Trip hängen geblieben. „Die jungen Leute wollen ihr Bewusstsein erweitern. Stattdessen verkürzen sie etwas. Ihr Leben!“, klagt ein greisenhafter Arzt im Duktus eines Weltuntergangspredigers. In einem klaren Moment sagt Regine mit wässrigen, leuchtend blauen Augen „Sechs Stunden!“, um auf den verständnislosen Blick Derricks zu ergänzen: „So lange bin ich schon ohne Halluzinationen.“ Glück ist die Schaumkrone auf dem Bier, voller Luftblasen und schnell in sich zusammengefallen. Später wälzt sich die Arme in spastischen Krämpfen auf dem Bett, mit Mühe und Not niedergehalten von drei Pflegerinnen. Das ganze Drama eines Drogenopfers in drei handlichen Minuten.

Das reicht schon, um Vohrers Folge für immer einen Platz im Olymp zu sichern, aber das Finale setzt fast noch einen drauf. Unbedingt anschauen!

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karo-asEpisode 065: Karo As (Dietrich Haugk, Deutschland 1979)

Am Monopteros-Tempel im Englischen Garten nimmt der vornehme Bernhard Demmler (Klausjürgen Wussow) Kontakt zum Säufer Jochen Karo (Günther Maria Halmer), genannt „Karo As“, auf. Er erkennt die Abhängigkeit und Käuflichkeit des Mannes, dessen Gewogenheit er sich mit diversen Pullen Schnaps und Geld sichert – und ihm dann irgendwann eine Knarre in die Hand drückt, damit er seine unliebsame, aber wohlhabende Gattin Agnes (Joana Maria Gorvin) erschießt. Karo drückt ab, allerdings zu spät, um die Frau zu töten. Das missglückte Attentat löst eine Wandlung in ihm aus: Er entsagt dem Alkohol und sucht sein Opfer im Krankenhaus auf. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. Aber Demmler ist entsetzt über den Leichtsinn des gedungenen Mörders …

Nach dem melodramatisch-mahnenden Sleazehobel von Vohrer ist Haugks Episode am ganz anderen Ende des Spektrums angesiedelt: ein charakterorientiertes, psychologisches Drama, bei dem der Kriminalfall und die Ermittlungen Derricks im Hintergrund stehen. Was unter anderer Regie nur allzu leicht zum öden Rührstück verkommen wäre, reift unter Haugks Inszenierung vor allem dank Halmers sensationeller Darbietung zum bewegenden Psychogramm. Halmers Aufopferungsbereitschaft ist bemerkenswert, immerhin handelt es sich bei „Karo As“ ja „nur“ um eine Folge einer Vorabendserie. Aber das hält ihn nicht davon ab, den Alkoholiker am Rande des Exitus mit der Inbrunst eines Method Actors zu verkörpern: Man macht sich mehrfach tatsächlich Sorgen um ihn. Auch die Wandlung zum reuigen, insgeheim um Vergebung bittenden Sünder gelingt ihm mit Bravour. Man kann viel Positives über DERRICK sagen, aber so bewegend wie in Haugks kleinem Meisterwerk war die Serie nur selten. Es tut einem fast Leid, dass Klausjürgen Wussow, der viel häufiger Schurken hätte spielen müssen, hier so im Schatten seines Gegenübers steht. Aber er tut gut daran, nicht mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Karo As“ ist Halmers Folge.

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Episode 066: Hanna, liebe Hanna (Theodor Grädler, Deutschland 1980)

Die 18-jährige Magda (Ute Christensen) kommt auf Geheiß ihres Vaters nach München, doch der ist schon bei ihrem Eintreffen spurlos verschwunden. Er wollte seine geschiedene Frau Hanna (Christine Wodetzky) um ein Darlehen bitten, um sein darbendes Geschäft vor dem Konkurs zu bewahren. Das letzte, was Magda von ihm hörte, war, dass die Geldnöte gelöst seien. Doch die Mutter berichtet, dass sie ihm die Hilfe versagt habe und auch nicht wisse, wo er sei …

Eine eher ruhige und unspektakuläre Folge, die eher was für Fortgeschrittene ist. Grädler verleiht ihr nämlich diese spezielle Freudlosigkeit, die auch aus Reineckers Auslassungen zum Thema Ehe tropft. Ergänzt um den bonzigen Bürgertumsprunk mit dem sich Hanna und ihr Ehemann (Herbert Fleischmann) umgeben, ergibt sich eine Episode von der Kälte eines teuren Eichenholzsargs. Höhepunkt: Hanna berichtet ihrer Tochter davon, dass sie zu jung in die Ehe mit ihrem Vater eingewilligt habe: „Ich begriff, dass ich meine Ehe mit Verzicht beginnen musste.“ Brr. Nebendarsteller Volker Eckstein ist bereits zum vierten Mal innerhalb von 14 Episoden mit am Start (erster Auftritt: Episode 052, „Abitur“).

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hungerEpisode 067: Unstillbarer Hunger (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Helga Wichmann (Diana Körner) wird vor einer Kneipe von einem Unbekannten vor ein fahrendes Auto gestoßen und ist sofort tot. Ihr Ehemann Eberhard (Peter Fricke) ist nur wenig schockiert, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter (Maria Wimmer). Die Tote hatte zahlreiche Affären, mit denen sie dem trostlosen Alltag mit ihrem strengen Gatten entfliehen wollte …

Auahauerha. Wenn DERRICK Gefühle, Untreue, körperliche Bedürfnisse, Lust und Moral thematisiert, kann das ja eigentlich nur gut werden, und „Unstillbarer Hunger“ ist der Beleg für diese These. Die Episode bewegt sich auf dem schmalen Grat des Wahnsinns zwischen moralisierendem Spießertum und der Kritik an selbigem, in der unnachahmlichen Reinecker’schen Art, die an den blinden Mr. Magoo erinnert: Egal, in was für halsbrecherische Situationen er sich begibt, er geht immer heil daraus hervor, ohne überhaupt zu ahnen, welches Glück ihm eigentlich zuteil wurde.Als Zuschauer biegt man sich mitunter vor Grausen angesichts der Lustfeindlichkeit und pechschwarzen Büßergesinnung, die selbst dann noch zum Vorschein kommt, wenn eigentlich eine Lanze für die sexuell selbstbestimmte Frau gebrochen werden soll. Auf dem von Reinecker bestellten Nährboden wachsen doch nur knotige Kakteen.

Auch sonst ist einiges falsch oder wenigstens schmerzhaft simplifiziert: Helga Wichmann wird als lebensfroher Sprühgeist gezeichnet – in einer Rückblende hüpft sie quietschvergnügt mit einem Hund im Garten hem, während ihre Schwiegermutter im Hintergrund verzückt und sich vor Lachen biegend in die Hände klatscht, oder quittiert den Duft einer Blume mit einer mädchenhaften Pirouette -, der unter der lustfeindlichen Knute eines unbarmherzig-verknöcherten Ehemanns zu leiden hat. Fricke ist großartig, aber er interpretiert diesen Emotionsnazi mit solcher Intensität, dass ein Hitlerschnurrbart, ein Rollstuhl und ein reflexartig zum Gruß nach oben gereckter Arm kaum weiter aus der Rolle fielen. Für Helga kommt das eine zum andere, sie landet in diversen Betten von Männern (darunter Sascha Hehn als Student mit Ravi-Shankar- und Ringo-Starr-Poster über dem Bett), in der Hoffnung, dass sie ihr das geben, was sie zu Hause nicht bekommt. Der fiese Eberhard reagiert darauf mit zurückgehaltenem Zorn: Seine preußischen Moralvorstellungen erlauben ihm keine Scheidung, eine Ehe wird erst durch den Tod beendet. Egal, wie sehr er die „unmögliche Person“ in seinem Hause auch hasst. Dieser Mann pisst scharfkantige Einswürfel und lächelt, weil er weiß, dass er den Schmerz verdient.

„Unstillbarer Hunger“ schlägt sich ohne Zweifel auf die Seite des Opfers, zeichnet den Gatten als seelischen Krüppel ohne Funken Menschlichkeit im Körper. Trotzdem behandelt Reinecker Helgas Suche nach Liebe auch als krankhaften Irrtum, der früher oder später „bestraft“ werden muss. Wie Eberhard kann Reinecker nicht raus aus seiner Haut, er ist in alten Denkstrukturen verhaftet, kann sie nicht überwinden. Das zeigt schon der Titel, der ja grob irreführend ist: Bei Helga handelt es sich schließlich nicht um eine Nymphomanin, die immer mehr will und nie genug bekommt, sondern um eine Frau, die den Fehler macht, aus Verzweiflung an der falschen Stelle nach Liebe zu suchen. Ihr Hunger ist nicht „unstillbar“:  Es sind die Männer, die gar nicht bereit sind, ihn zu stillen, weil sie in ihr nur eine kurzes, reueloses Abenteuer sehen. Nach „Hanna, liebe Hanna“ ist „Unstillbarer Hunger“ außerdem die zweite Folge hintereinander, in der von einer von der Frau „verschuldeten“ Scheidung die Rede ist: Bundesdeutsche Realität des Jahres 1979, man kann es sich gar nicht vorstellen. Hier steckt so viel drin, es ist ein Wunder.

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Folge 068: Ein Lied aus Theben (Alfred Weidenmann, Deutschland 1980)

Inge (Mijou Kovacs) hat viele Verehrer: Hans (Eckhard Heise), ihren Tanzpartner, den fiesen Ulrich (Werner Schulenburg), ihren Cousin Robert (Michael Boettge) und auch ihren Onkel (Siegfried Wischnewski), den Geschichtsprofessor. Eines Abends liegt Hans tot vor seine Garage. Der Verdacht fällt sofort auf Ulrich, der sich von Hans kurz zuvor eine Maulschelle eingefangen hatte …

Einige Jahre nach seiner letzten DERRICK-Episode (Episode 025, „Das Bordfest“, von 1976) kehrte Regie-Veteran und Reinecker-Weggefährte Weidenmann mit dieser eher unglücklichen Arbeit zurück. Das Problem scheint mir das Drehbuch zu sein: Es kommt nicht auf den Punkt und das titelgebende Lied aus Theben, ein antiker religiöser Gesang, der den Täter angeblich in die richtige Mordsstimmung versetzt, erzielt in der Inszenierung einfach nicht die Wirkung, die ihm auf Inhaltsebene zugewiesen wird. Vielleicht hätte „Ein Lied aus Theben“ besser funktioniert, wenn sie im Stile der ersten DERRICK-Folgen strukturiert worden wäre anstatt als Whodunit, der leider kaum Spannung aus der Frage nach dem Täter bezieht. Schulenburg indessen, der in „Die Puppe“ als galant-verzärtelter Frauenversteher und -verehrer aufgetreten war, gibt hier den nazihaft-selbstsicheren Stalker mit der gleichen Intensität, aber insgesamt ist das doch eine sehr schwache Folge.

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Episode 069: Tödliche Sekunden (Zbynek Brynych, Deutschland 1980)

Der Student Achim Rudolf (Uwe Ochsenknecht) kommt durch Zufall an den Tatort eines Mordes: Der Besitzer einer Lotto-Toto-Annahmestelle ist in seinem Geschäft umgebracht worden. Was Achim der Polizei verschweigt: Unmittelbar vor dem Geschäft stand der Wagen seines vorbestraften Vaters (Werner Kreindl) …

Die Zeiten, in denen Brynych sich einen Dreck um die Konvention scherte und das Format der Krimiserie für wilde, freigeistige Experimente nutzte, sind lange vorbei. Seine KOMMISSAR-Episoden könnten von keinem anderen sein, sind sofort als die seinen identifizierbar, und das gilt auch noch für seine frühen Beiträge zu DERRICK, „Alarm auf Revier 12“ etwa oder auch „Pecko“, „Yellow He“ und „Tod des Wucherers“. Zur wahrscheinlich altersbedingten Mäßigung des Regisseurs kam der Aufstieg der Krimiserie zum immer mehr gestreamlineten Riesenerfolg, der sich keine Ausreißer mehr erlauben wollte. „Tödliche Sekunden“ ist eine – im besten Sinne wohlgemerkt – typische DERRICK-Folge, die sich passgenau in das große Ganze einfügt. Man muss schon ganz genau hinschauen, um den Regisseur dahinter zu erkennen. Ich meine, man sieht ihn in kleinen Gesten und Ausdrücken, etwa in dem amüsierten Lachen, in das Derrick und Klein einfallen, als ihnen Rudolf mitteilt, der Wirt und die Gäste im „Kreisel“ würden sein Alibi bestätigen. Natürlich würden sie das, sagt dieses Lachen, handelt es sich doch um die einschlägig bekannte Heimat lichtscheuer Gestalten, die sich alle gegenseitig decken. Oder in dem verzweifelten Ringen des Vaters um das Vertrauen seines Sohnes, in dessen Blick ins Nichts, voller Angst, sein Vater könnte ein Mörder sein. In der Furcht der Mutter, die bei all ihren Auftritten aus der Küche zu kommen scheint – oder dorthin zurückgeht, als sei sie ihr Gebetshaus. In einer nicht näher beschreibbaren Schwere, die auf allem lastet, selbst in raren Momenten der Heiterkeit.

„Tödliche Sekunden“ ist also keine Episode, die einen umhaut, wie das für Brynychs frühe Arbeiten in der Krimiserie galt, aber sie zeigt den souveränen Umgang mit der Form und überzeugt mit Details, die einen autonomen Künstler mit einem genuin eigenen Blick auf die Dinge entbergen.

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preis1Episode 070: Ein tödlicher Preis (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Türkische Drogenschmuggler kommen mit einer Ladung Heroin am Münchener Bahnhof an und werden sofort von der Polizei aufgegriffen. Ein Koffer mit dem wertvollen Stoff kann vorher gerade noch im Kofferraum des Taxis von Hugo Dornwall (Kurt Weinzierl) deponiert werden. Nach Absprache mit seinem Sohn Harald (Ekkehard Belle) entscheidet sich Hugo, den Stoff zurückzugeben – trotzdem wird er nach der Übergabe ermordet. Wenig später weiß Harald, warum: Er findet die Drogen in der Wohnung des Vaters und entscheidet sich zusammen mit dessen Kollegen, sie selbst zu verkaufen …

„Ein tödlicher Preis“ ist mit seinen internationalen Drogenverbrechern und den an Omnipotenzwahn leidenden Ottonormalverbrauchern, die zwar keine Ahnung haben, aber es trotzdem mit ihnen aufnehmen wollen, eine schöne und willkommene Abwechslung von den ganzen Rache-, Lust- und Giermorden unsympathischer Snobs. Ashley ist der ideale Mann für die Folge, weil er sich mehr als Brynych, Grädler, Vohrer, Haugk oder Becker auch auf handfeste Action versteht. Nicht nur aufgrund der Musik, die jeden winterlichen New-York-Copfilm adeln würde, erinnert seine Episode daher an US-amerikanische Großstadtthriller, die ja nicht selten vom Versuch der Underdogs erzählen, groß rauszukommen. Klaro, „wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, wie einst eine deutsche Rockband aus Hamburg sang, aber Ashley fängt die richtigen, runtergekommenen Ecken Münchens ein und hält Derrick und Klein eher im Hintergrund, damit sie den sich einstellenden Eindruck eines städtischen Crimedramas nicht wesentlich stören können. Somit handelt es sich bei „Ein tödlicher Preis“ nicht nur um eine sehr originelle Folge, sondern nach langer Zeit auch mal wieder um eine richtige Überraschung.

Hauptdarsteller Ekkehard Belle habe ichanhand seiner Stimme sofort als bekannten Synchronsprecher identifiziert. Nach Blick in seine Karteikarte musste ich dann sehr schmunzeln: Er ist der Stammsprecher von Steven Seagal, was man dem schmächtigen Milchbubi eher nicht ansieht. Wahrscheinlich hat er seit damals etwas an nötiger Körperfülle zugelegt.

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1Episode 18: Dr. Meinhardts trauriges Ende (Michael Verhoeven, Deutschland 1970)

Dr. Meinhardt wird morgens tot auf der Terrasse vor seinem Haus aufgefunden: Man hat ihn offensichtlich aus dem Fenster des ersten Stockes gestoßen. Die Haushälterin Frau Wienand (Luise Ullrich) berichtet von einem Treffen des Toten mit seinen Freunden am Vorabend, Dr. Bibeina (Richard Münch) und Dr. Crantz (Karl John). Doch im Wohnzimmer Meinhardts findet Kommissar Keller Spuren einer weiteren Person, einer Frau …

Vielleicht mussten die Produzenten ihr Publikum nach drei surrealen Brynych-Folgen mit etwas deutscher Krimiklassik versöhnen. Michael Verhoeven, damals gerade knapp über 30, inszeniert eher unauffällig, Herbert Reinecker reaktiviert sogar den schon für ad acta gelegten Brauch der finalen Verdächtigenversammlung und der Keller’schen Poirot-Annäherung. Dass das Ende von Meinhardt besonders „traurig“ ist, wie es der Titel besagt, macht vor allem der schwermütige Score klar, ansonsten erfährt man aufgrund der Strategie Reineckers, mit dem Leichenfund zu beginnen, nur aus zweiter Hand über ihn. So bleibt alles auf Distanz, die Episode fliegt so vorbei. Die schönste Szene zeigt Keller an seinem Hochzeitstag mit seiner Gattin in einem feinen Restaurant, wo er beim Essen einfach nicht aufhören kann, an seinen Fall zu denken. Natürlich kommt ihm genau dort die entscheidende Idee und seine Ehefrau trägt es mit Fassung und Humor. Es steckt auch wieder einmal etwas Generationenkonflikt im Drehbuch, aber echte Wirkung hat das bei mir nicht erzielt. Vielleicht war ich auch zu müde.

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4Episode 19: In letzter Minute (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Nach sechs Jahren Haft wegen Totschlags wird Kossitz (Heinz Reincke) auf freien Fuß gesetzt. Kommissar Keller und seine Männer sind sofort in Hab-Acht-Stellung, denn bei seiner Verurteilung hatte Kossitz seinen besten Freund Limpert (Peter Eschberg) und seine Gattin Erna (Maria Sebaldt), die ihn verraten hatten, bedroht. Zwar ist Limpert längst mit Hilde (Gisela Uhlen), der Ex-Frau des damaligen Opfers zusammen, doch der Zorn scheint noch nicht verflogen. Keller vermutet, dass der Grund für den Rachedurst ein ganz anderer ist: Vielleicht war Kossitz gar nicht der Täter …

An das etwas behäbige Tempo vorangegangener Episoden erinnert hier eigentlich nur noch der Titel: „In letzter Minute“ würde heute, in unserer beschleunigten Welt garantiert „In letzter Sekunde“ heißen. Sonst tritt Becker aber ziemlich auf die Tube und nähert sich dem ungefähr zur selben Zeit aufkeimenden deutschen Sleaze von Olsen und Kollegen an, an den ja auch Heinz Reincke erinnert, der hier mal nicht die gutmütige Frohnatur spielt, aber mit dazu beiträgt, dass diese Episode als alkoholreichste in die Geschichte einging. Vertraut man dem Eintrag bei Wikipedia werden insgesamt 27 Drinks gekippt, so viel wie später nie wieder. Passend dazu zoomt und schaukelt die Kamera in den Szenen im Club der Ganoven, in dem ein Lester Wilson nebst schwofenden Tänzerinnen auftritt, wie auf hoher See. Zum Ausgleich für diesen Exzess stirbt dann immerhin mal keiner. Auch das Script ist sehr geschickt, verbindet die Frage nach dem wahren Täter mit dem nervösen Warten aller darauf, dass Kossitz zuschlägt. Das summiert sich am Ende zu einem weiteren Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

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Episode 20: Messer im Rücken (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Ein Taxifahrer sammelt einen an der Straße stehenden Mann auf. Nur wenige Sekunden später stirbt er auf der Rückbank an den Folgen eines Messerstichs. Der Tote erweist sich als Geschäftsmann Traufer, dessen Ehefrau Maria (Christiane Krüger) ein Verhältnis mit dem Halbstarken Ingo (Jörg Pleva) hatte, Sohn des Säufers Hugo Blasek (Helmut Käutner), der über der Kneipe wohnt, vor der Traufer den tödlichen Messerstich erlitten haben muss. Traufers Schwager Gernot (Herbert Bötticher) und seine Gattin Margareta (Ursula Lingen) waren nur wenig begeistert von der Beziehung Marias …

Dass Wolfgang Staudte die Episode inszenierte, weckt Hoffnungen, die die Folge nicht ganz einzulösen vermag. Unmittelbar nach „In letzter Minute“ wirkt sie doppelt so behäbig wie sie eigentlich ist, die jugendlichen Halbstarken, die ein paarmal ins Bild gerückt werden, will Staudte ganz offenkundig nicht als Sündenböcke verbraten, wie es das Drehbuch von Reinecker wohl im Sinn hatte. So entspinnt sich ein leidlich interessanter Fall, wie er nach 19 Episoden bereits zum Standard gehört. Herausragend ist lediglich die Figur des Hugo Blasek, von Staudtes Regiekollegen Käutner mit wunderbarer Lakonie, Zurückhaltung und schlurfiger Gemütlichkeit verkörpert, die die Figur vom Klischee zum lebendigen Original macht.

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6Episode 21: … wie die Wölfe (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Eine alte Frau, Bewohnerin eines heruntergekommenen Mehrparteienhauses, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass sie kurz zuvor 3.000 DM beim Lotto gewonnen hatte, und ihre Mitbewohner allesamt in mehr oder weniger akuter Geldnot stecken. Erster Verdächtiger ist der Alkoholiker Gassner, bei dem ein 500-Mark-Schein aus dem Besitz der alten Dame gefunden wird. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Keller und seiner Männer den schicksalhaften Abend für ihn nach …

Staudtes zweite KOMMISSAR-Episode ist die schon bei „Messer im Rücken“ erhoffte Meisterleistung: Das Szenario ist dem aus Haugks meisterlicher Folge „Das Ungeheuer“ nicht unähnlich. Hier wie dort haben es Keller und sein Ermittler mit einem gesellschaftlichen Mikrokosmos zu tun, der sich ihnen in all seiner spießigen Hässlichkeit darbietet. Alle trachteten sie der alten Frau nach dem Geld, versuchten es ihr bei jeder Gelegenheit abzuluchsen. Besonders schlimm ist Frau Beilke (Grete Mosheim), die idealtypisch die neugierige, verleumderische Nachbarin verkörpert und nie weit von Keller entfernt ist, um ihm ihre Beobachtungen und Vermutungen brühwarm mitzuteilen – und natürlich bloß keinen Ermittlungsfortschritt zu verpassen. Tappert ist fantastisch in einer Rolle, die seinem wenige Jahre später erschaffenen eiskalten Derrick diametral entgegengesetzt ist: Gassner ist ein unsicherer, jämmerlicher, aber auch hoffnungslos harmloser Verlierer, der in seiner ganzen Jämmerlichkeit zum großen Helfer der Wahrheit wird. Das hat schon fast psychoanalytische Qualitäten wie sich Keller seiner annimmt und ihm dabei hilft, den Schleier des Suffs abzuwerfen und endlich klar zu sehen.

Staudte inszeniert sehr effektiv: Es hilft immens, dass die Episode die Räumlichkeiten des Mietshauses fast gar nicht verlässt und annähernd in Echtzeit erzählt ist. Toll!

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Episode 22: Tod eines Klavierspielers (Michael Kehlmann, Deutschland 1970)

Eine Standardfolge, die ich nicht besonders interessant fand. Nur Günther Ungeheuer als Berufskrimineller ist wie fast immer toll.

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7Episode 23: Tödlicher Irrtum (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Ein Mörder beichtet einem Pfarrer einen Mord. Doch Frau Dönhoff (Agnes Fink), sein angebliches Opfer, ist noch am Leben. Als ihrer Haushelferin tot in einem Zimmer aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder einer Verwechslung erlegen ist – und möglicherweise erneut zuschlagen wird. Er muss zudem aus dem Haus der Dönhoff kommen, die gleich mehrere Männer zur Untermiete wohnen hat …

Die Idee ist ganz hübsch und die Szenen um den Pfarrer beschwören den Charme der im vorangegangenen Jahrzehnt so erfolgreich gelaufenen Wallace-Filme. Ansonsten gefällt vor allem die Besetzung: Anton Diffring gibt den eitlen Roland Sauter, der die Dönhoff zugunsten einer jüngeren Frau hat sitzen lassen, Georg Konrad den mürrischen Heider, Ullrich Haupt Döhoffs Ex-Gatten Benno, der nicht damit einverstanden ist, wie sie ihren leiblichen Sohn (Thomas Astan) behandelt. Es ist eines dieser klassischen Whodunit-Szenarien, das hier aber etwas interessanter ist als sonst, weil die Ermittlungsarbeit in nicht unbeträchtlicher Weise daraus besteht, auf eine zweiten Versuch des Mörders zu warten.

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8Episode 24: Eine Kugel für den Kommissar (Erik Ode, Deutschland 1970)

Auf Kommissar Keller wird geschossen, direkt vor seinem Haus. Es ist nur ein Streifschuss, aber ein kurz darauf eingehender Anruf des Täters macht klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Während sich Grabert, Heines und Klein in der Münchener Kneipenszene umhören, begibt sich auch Kellers Ehefrau auf Tätersuche. Der Spitzel Diebach (Harald Juhnke) nimmt sich ihrer an …

Die von Ode höchstselbst inszenierte Episode ist eine schöne Mischung aus allem, was die Serie bis zu diesem Zeitpunkt in ihren besten Momenten auszeichnete. Da ist die mild-chauvinistische Kumpelei zwischen Keller und seinen „Söhnen“, die sich nach dem Attentat bei ihm sogleich bei ihm einquartieren, mit ihm Schnäpschen trinken und so gar keinen beamtischen Eindruck machen, die großzügig-milddtätige Herablassung Kellers gegenüber seinem Eheweib, die psychotronischen Elemente, wie etwa eine Billardkeilerei zwischen Grabert und dem verdächtigen Rosser (Klaus Löwitsch) oder die „Milieustudie“ mit dem verängstigten Diebach und ein durchaus angenehmer Humor, der natürlich Platz lässt für herrlich angegraute Dialoge über „brandneue Aufnahmen“ und „heiße Nummern“. Die Handlungsstruktur der Folge ist hingegen eher ungewöhnlich mit seinen zwei nebeneinander herlaufenden Strängen und hätte so richtig wegweisend sein können, hätte man die sich anbietende Gefahrenssituation für Kellers Gattin auf die Spitze getrieben. Stattdessen geht alles überaus glücklich und ohne echte Bedrohung für sie aus. Das Finale ist dann aber dennoch erstaunlich zupackend und beinahe noiresk. Insgesamt eine starke Folge, die ich Ode so gewiss nicht zugetraut hätte.

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l-faktor4Episode 053: Der L-Faktor (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Professor Waldhoff (Herbert Mensching), eine Koryphäe auf seinem Gebiet, dessen neueste Arbeit  einen Durchbruch im Bereich der Pharmakologie bedeuten könnte, findet seine Gattin (Gisela Peltzer) tot vor, als er abends mit seiner Kollegin Dr. Minz (Irmgard Rupé) bei sich zu Hause ankommt. Oberinspektor Derrick berichtet er sofort von Michael Bruhn (Wolfgang Müller), einem ehemaligen Häftling, mit dem sich seine Gattin angefreundet hatte, und der für ihn der Tatverdächtige Nummer eins ist. Dessen Bruder, der im Rollstuh sitzende Heinz (Matthieu Carriére), verschafft Michael aber ein Alibi – und ist außerdem überzeugt, dass der Wissenschaftler selbst der Täter ist. Das kann aber nicht sein, denn als der seine Gattin kurz vor seinem schrecklichen Fund aus dem Büro anrief, war sie noch am Leben …

DER L-FAKTOR ist ein gutes Beispiel dafür, warum es sich bei DERRICK manchmal lohnt, den Blick von der konkreten Handlung auf weniger greifbare Aspekte schweifen zu lassen. Der Kriminalfall, mit dem Derrick und Klein hier konfrontiert werden, ist nicht besonders aufregend, bestenfalls Standard, die Auflösung aufgrund des schmalen Figureninventars schon lang vor dem Finale erahnbar. Der vermeintliche Täter ist einer dieser armen Tröpfe, die von den intriganten Bastarden um sie herum als ideales Opfer auserkoren werden, Mathieu Carriére spielt einen seiner arroganten, furchtbar von sich selbst eingenommenen Stinkstiefel, dem man die ganze Zeit über einen ordentlichen verbalen Einlauf vom Oberinspektors wünscht, der aber seltsamerweise einfach nicht kommt. Business as usual, aber mit ihrem klinischen Wissenschaftssujet hat „Der L-Faktor“ eine Atmosphäre, die aus der eh schon alles andere als gemütlichen Serie noch einmal als besonders kalt und trostlos heraussticht.

Der eigentlich überflüssige Prolog etabliert das klinisch-sterile Forschungslabor, in dem Waldhoff arbeitet, und damit den bestimmenden Ton. Eine Liebesbekundung des Professors für seine Assistentin hängt durch einen hart gesetzten Schnitt so in der Luft, bleibt letztlich unausgesprochen. Die altruistische Fürsorge, mit der sich seine Gattin um den Haftentlassenen kümmert, wird in eine Rückblende geschweißt und damit noch einmal besonders vom bitteren Rest isoliert. Was bleibt, sind Ohnmacht und Verbitterung. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat Derricks: Dem „R-Faktor“, also der Resistenz von Krankheitserregern, mit der sich Waldhoff beruflich beschäftigt, setzt er den „L-Faktor“ entgegen: Den Mangel an Liebe, den seine Gattin in ihrer Ehe schließlich vermisste und der sie in die Arme des freundlichen Michael trieb …

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brunoEpisode 054: Anschlag auf Bruno (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Die hübsche Gerda (Michaela May) beklagt sich bei ihrem Vater (Herbert Stass) über ihren Jugendfreund, den geistig behinderten Nachbarssohn Bruno (Dieter Schidor), der ihr ständig nachstellt. Letzten Endes ist es aber nicht Bruno, sondern dessen Bruder Helmut (Volker Eckstein), der zudringlich wird. Auf dem Parkplatz vor der Diskothek kommt es zum Übergriff, und Gerda verstirbt, als Helmut versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Der Vater (Peter Ehrlich) kommt auf die Idee, den ohnehin verdächtigen und unzurechnungsfähigen Bruno an Helmuts Stelle zu belasten …

Das ist jetzt schon die dritte DERRICK-Folge, in der eine Frau dadurch ums Leben kommt, dass ein Mann ihr den Mund zuhält: Besonders widerstandsfähig ist es in dieser Serie nicht, das schwache Geschlecht. Wie fragile Schmetterlinge verenden sie, sobald sich etwas über ihre Atemwege legt. Die Täter können einem da fast schon leid tun, zumal die Drehbücher niemals zwischen Mord und Totschlag unterscheiden. Helmut ist keineswegs ein Unschuldslamm, zum Zeitpunkt der Tat auf dem besten Weg zum Vergewaltiger, aber der Tod Gerdas ist doch eher ein Unglücksfall als kaltblütiger Mord. Das gehört zum dramaturgischen Prinzip, weil bei DERRICK weniger kriminelle Energie aufs Korn genommen wird als vielmehr Feigheit und die fehlende Bereitschaft, für eigene Fehler einzustehen. Das sieht man ja auch daran, dass die Tötung immer nur der Anfang einer ganzen Kette von Lügen, Täuschungsversuchen und weiterer Vergehen ist, mit denen der Täter alls nur noch schlimmer macht. Der Titel dieser Folge ist da bezeichnend: Der „Anschlag“ ist schlicht der Versuch von Vater und Sohn, dem behinderten, hilflosen Bruno die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der weiß eh nicht, wie und was ihm geschieht und ins Gefängnis kann man ihn auch nicht stecken. Derrick weiß hingegen schnell, wie der Hase läuft, nur beweisen kann er nichts: Die Episode endet in einer quälenden Sequenz, in der er Bruno zur Untersuchung in eine geschlossene Anstalt mitnehmen will und Druck auf den wahren Täter und die Mutter aufbaut, die es kaum noch ertragen kann, den gutmütigen Bruno an Helmuts Statt bestrafen zu lassen. Das verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn die Darstellung des Behinderten heute ziemlich naiv, das Spiel Schidors eindimensional anmutet. Eckstein spielte hier mit nur zwei Folgen Abstand erneut den Mörder und es ist wie immer toll, ihm beim Schwitzen zuzusehen, wenn Derrick, der ihn sofort durchschaut, auf den Zahn fühlt. In einer Nebenrolle ist Heiner Lauterbach zu sehen, in der Disco am Anfang läuft Supermax, Duvals Score presst noch den letzten Tropfen Melodramatik aus dem Stoff.

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schubach4Episode 055: Schubachs Rückkehr (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Der Anwalt Homann (Claus Biederstaedt) sucht Derrick auf: Er hat gehört, dass sein ehemaliger Mandant Schubach (Udo Vioff) in Kürze aus der Haft entlassen wird. Homann hatt nicht nur seine Bestrafung nicht verhindern können, er hatte kurz darauf auch Schubachs Gattin Helga (Christine Buchegger) geheiratet. Nun sinnt Schubach auf mörderische Rache: Das hatte Homann ein Zellengenosse mitgeteilt. Als Derrick den Entlassenen mit dem Verdacht konfrontiert, ist dieser geradezu entsetzt: Nichts könnte ihm, dem in der Haft Geläuterten ferner liegen. Sofort kontaktiert er Homann, beruhigt diesen und bietet ihm die Freundschaft an, die der Anwalt nur zu bereitwillig eingeht. Derrick hingegen glaubt nicht an den Frieden …

Oh, was für eine perfide Episode! Udo Vioff ist großartig als Schubach, der sich in acht Jahren Haft einen minutiösen Plan zurechtgelegt hat, wie er Homann fertigmachen will – und sich nun auch durch die Anwesenheit Derricks nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die Episode bricht mit dem gängigen Schema der Serie: Derrick „ermittelt“ aus reinem Verdacht heraus, es gibt bis zum bitteren Finale kein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss, vielmehr geht es darum eines zu verhindern, bevor es passiert, was aber dadurch erheblich erschwert wird, dass es keinerlei Handhabe für den Oberinspektor gibt, nur einen Verdacht. Schubach ist die Freundlichkeit in Person, was aber nur Teil seines Plans ist, zu dem es gehört, Homann in Sicherheit zu wiegen, sich so an seine Ex-Gattin heranzuschmeißen und sie schließlich zurückzugewinnen – was ihm in einer megaschwofigen Tanzszene auch gelingt. Derrick ist zwar zum Beobachten verdammt, aber dabei ganz in seinem Element: Tappert, das muss man mal feststellen, ist großartig, wie er seinen Derrick da eine ganze Episode lang stoisch auf der Lauer liegen lässt, die Scharade Schubachs zu jeder Zeit durchschauend und Homanns Gutgläubigkeit mitleidig zur Kenntnis nehmend. Die Spannung entspringt zu gleichen Teilen der Frage, was genau Schubach im Schilde führt, und dem Warten auf den Moment, in dem Derrick, die Münchener City-Kobra zuschlagen wird.

Die Schlusspointe ist selbst für DERRICK-Verhältnisse noch ziemlich niederschmetternd und trostlos, Schubachs finaler Kommentar, ein salopp fallen gelassenes „Schade“, macht endgültig den Deckel drauf. Möglicherweise greife ich zu hoch, aber fürs erste ziehe ich die Höchstwertung:

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hausEpisode 056: Ein unheimliches Haus (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Die Besitzerin einer Pension stirbt, nachdem ihr eine Angestellte (Lisa Kreuzer) unwissentlich vergifteten Tee gebracht hat. Es kommen nicht viele als Täter in Betracht: Da die Urlaubssaison schon vorbei ist, halten sich neben den beiden Bediensteten nur der pensionierte Jurist Sobak (Wolfgang Büttner) sowie der tatterige Kunstmaler Kamenoff (Paul Hoffmann) und seine Gattin Elvira (Nora Minor) in dem Haus auf. Und für die Vergiftung des Tees kommt nach Aussagen der Zeugen nur ein kurzes Zeitfenster in Frage. Es sei denn, sie lügen …

Schon der Titelscreen weckt Erinnerungen an die Wallace-Reihe der Rialto, zu der Regisseur Vohrer einen wichtigen Beitrag geleistet hatte. Das Sujet und der Ablauf der Geschichte verstärken die Assoziationen noch: Die ganze Folge spielt in der altmodischen Pension, alle Bewohner benehmen sich verdächtig, haben ein Motiv sowie einen schrulligen Charakter. „Ein unheimliches Haus“ ist eine eher humorige, gemütliche Folge – ein klassischer Whodunit, der ohne echten Höhepunkt auskommen muss. Was an Spannung fehlt, kompensiert Komponist Frank Duval, der auch schon einmal die Zubereitung eines Tees mit dramatischen Klängen unterlegt. Und Sascha Hehn macht mit. So there.

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puppeEpisode 057: Die Puppe (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Frau Gerdes wird tot in ihrem Haus aufgefunden, die Zeichen deuten auf einen Einbruch hin, doch auch ein Blumenstrauß wurde hinterlassen. Die Spur führt zum Schönheitssalon von Johann Gall (Karl Walter Diess), der auch den jungen, verzärtelten und stillen Manikürist Adi Dong (Werner Schulenberg) beschäftigt, dessen zuvorkommende, respektvolle Art bei den älteren, oft einsamen Kundinnen etwas besser ankommt, als es üblich ist und ihnen daher nicht selten erotische Hausbesuche abstattet. Auch mit Frau Gerdes hatte er offensichtlich ein Verhältnis. Doch was hat der Ehemann (Siegfried Wischnewski) der Toten zu verbergen?

Grädlers Folge entpuppt sich als etwas weniger bizarr, als es zunächst den Anschein hat, gehört am Ende aber doch zu den denkwürdigeren, bizarreren Momenten der Serie. Das liegt in erster Linie an Werner Schulenbergs Interpretation des Filous als abwechselnd a- oder doch homosexuell anmutendem Schönling, der den feinen Gesellschaftsdamen mit geradezu devoter Bewunderung begegnet. Wie er sie aus blauen Augen unter blondem Schopf anhimmelt und ihnen mit zerbrechlich leiser Stimme schwärmerische, aber nie anzügliche Komplimente macht, ist schon eine Schau. (Leider ist er kaum weiter in Erscheinung getreten, wird aber auch kommende DERRICK-Episoden bereichern – und spielt außerdem im tollen deutschen Nebelkrimi DER NEBELMÖRDER mit.) Der Titel der Episode bezieht sich auf ihn, weil er von geradezu wächsern-blässlicher Anmut ist, und – wie sich herausstellt selbst nur das Spielzeug eines intriganten Strippenziehers im Hintergrund. Die Auflösung ist zwar ein kleiner Letdown, aber das Ende trotzdem ein echter Burner. Einerseits fragt man sich, was hier wohl drin gewesen wäre, hätte etwa Brynych die Episode inszeniert oder man sich hinsichtlich der Darstellung von Sexualität mehr erlauben können. Dann aber ist es gerade die Verbindung des sexuellen Themas und der unterkühlten, züchtigen und eben asexuellen Inszenierung, die so faszinierend ist. Adi Dong jedenfalls ist eine der denkwürdigeren Schöpfungen des deutschen Fernsehens. Ebenso wie ein durch ein Gipsbein gehandicappter Derrick, der in bester James-Stewart-Manier zum Herumsitzen verdammt ist und vor allem als Lieferant für einen Running Gag dient („Mein Bein ist in Ordnung, es ist nur der Gips.“), während Klein für ihn die Arbeit erledigt. Auch eine Erkenntnis, die man durch die DERRICK-Aufarbeitung machen kann: Die Serie hatte tatsächlich Witz!

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Episode 058: Tandem (Zbynek Brynych, Deutschland 1979)

Wieder einmal wird eine Frau tot in ihrem Haus aufgefunden. Ihr Ehemann, der vorbestrafte Totschläger Ewald Bienert (Stefan Behrens), kam zu spät: In seiner Stammkneipe hatte er ihren Mord bei einem Telefonanruf mitanhören müssen. Derrick und Klein kommt der Mann indessen verdächtig vor, nicht nur, weil er ein saftiges Vermögen von der wohlhabenden Gattin erbt. Sie kommen einem Mordkomplott auf die Spur, in das auch Bienerts ehemaliger Knastkumpel Rudolf Nolde (Raimund Harmstorf) und dessen Gattin (Elisabeth Wiedemann) verwickelt sind …

In „Tandem“ vermag der kundige DERRICK-Zuschauer eine Art Collage bisheriger Episoden oder auch ein Zwischenfazit Brynychs erkennen: Der – Achtung: Spoiler – fingierte Anruf, mit dem sich Bienert ein Alibi verschafft, kam in etwas abgewandelter Form schon in Folge 053, „Der L-Faktor“, vor (zugegebenermaßen von Grädler), die Szenen mit Bienert, der schon in der Brynych-Episode „Der Spitzel“ auftrat, erinnern wiederum an Episode 015, „Alarm auf Revier 12“, Harmstorf war bereits in Episode 008, „Zeichen der Gewalt“, mit von der Partie und der ganze Plot von „Tandem“ ist unverkennbar eine Hommage an Hitchocks STRANGERS ON A TRAIN. Das – und das wendungsreiche Drehbuch von Reinecker – reichen aus für eine überdurchschnittliche Folge, auch wenn ich die Regie-Extravaganzen, die sich Brynych in den zuletzt gesehenen KOMMISSAR-Folgen noch erlaubte, etwas vermisse. In „Tandem“ ist er, wie schon zuletzt in „Der Spitzel“ deutlich geerdeter unterwegs, stellt seine Regie ganz in den Dienst des Scripts. Wahrscheinlich war DERRICK bereits zu groß geworden, um seinen Angestellten noch Querschläger zu erlauben.

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Episode 059: Lena (Theodor Grädler, Deutschland 1979)

Man soll es nicht für möglich halten: Wolfgang Horn (Rolf Becker) findet seine Ex-Frau Anita (Beatrice Norden) tot zu Hause auf. Weil er ihr gegenüber im Streit um die gemeinsame Tochter Agnes handgreiflich geworden war, ist er für Derrick und Klein der Tatverdächtige Nummer 1. Erschwerend hinzu kommt, dass die potenzielle Zeugin, Horns taubstumme Schwägerin Lena (Ursula Lingen), zur Tatzeit zwar anwesend, durch ihre Behinderung allerdings nichts mitbekommen hat. Aber sie will einen verdächtigen Mann vor dem Haus gesehen haben. Derrick glaubt, dass sie ihren Verwandten schützen will, auf dessen Hilfe sie nach dem Tod der Schwester angewiesen ist.

Eine ganz schwache Episode, deren einsame Höhepunkte die Anwesenheit von Jess-Franco-Mainstay Paul Muller und Rudolf Schündler in Nebenrollen sind. Darüber hinaus ist sie für heutige Zuschauer lediglich interessant, weil sie zeigt, wie viel sich Gott sei Dank im Umgang mit Behinderten geändert hat in den letzten 40 Jahren. Wie plump, unfähig und unsensibel alle Figuren mit der Titelheldin umgehen, ist schon schockierend: Da wird in ihrer Gegenwart über sie geredet, als sei sie komplett schwachsinnig und bekäme nichts mit, behandelt auch das Drehbuch sie als vollkommen hilflose Person, die ständig einen Beistand benötigt. Ärgerlich und langweilig.

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new-yorkEpisode 060: Besuch aus New York (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Auf die junge Anna Born (Léonie Thelen) wird ein brutaler Mordanschlag verübt, bei dem ihr Freund sein Leben verliert. Es stellt sich heraus, dass sie die Millionen eines amerikanischen Onkels mit Verbindungen in die Unterwelt geerbt hat und sie nun von dessen sich um das Vermögen geprellt fühlenden Geschäftspartnern umgelegt werden soll. Alle Spuren führen zu Bob Dryer (Brad Harris), der sich in einem Münchener Hotel eingemietet hat. Aber er behauptet, Anna schützen zu wollen.

Die Erben-Geschichte ist nicht gerade die Neuerfindung des Rades, aber Ashley macht das Beste draus. Gleich zu Beginn gibt es eine schöne Aerobic-Szene, gefolgt von einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd, das erste Mal seit weiß nicht wie lang, dass es bei DERRICK richtig zur Sache geht und man sogar einen echten Stunt bewundern kann. Schön sind auch die Szenen bei der Familie Megassa (Bruno W. Pantel, Greta Zimmer und – zum dritten Mal innerhalb der letzten 15 Folgen – Volker Eckstein), bei der Anna zur Untermiete wohnt. Die Aussicht, Anteil am Vermögen zu nehmen, lässt sie zu Verrätern werden: Wie sie da verschwörerisch in ihrer tristen Küche sitzen, Bier trinken, rauchen und tumb ins Nichts ihres traurigen Daseins starren ist spannender als der weitere Verlauf des Falles. Brad Harris mit Lockenpracht hat nur so etwas wie einen ausgedehnten Gastauftritt und bekommt nichts zu tun, was ein bisschen schade ist. Dafür darf sich Fritz Wepper als ritterlicher Beschützer der gefährdeten Dame mal wieder als heimliches Love Interest versuchen. Dass er bei der Keilerei mit dem Attentäter am Schluss von Derrick gerettet werden muss, ist hingegen irgendwie ungerecht. Kann man den denn gar nicht mal etwas allein zu Ende bringen lassen?

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11Episode 11: Die Schrecklichen (Zbynek Brynych, Deutschland 1969)

Es verwundert nicht, dass es Brynych brauchte, um die erste wirklich komplett freidrehende Episode der Krimiserie zu inszenieren. In DIE SCHRECKLICHEN wird die ausgeraubte Leiche eines Mannes aus der Isar gezogen – bereits der dritte Fall in wenigen Wochen. Die aggressiven und unfreundlichen Senioren, die immer am Flussufer entlangschlendern, einen kleinen Jungen im Schlepptau, können keine brauchbare Auskunft über den Tathergang geben. Die Spur führt zu einer Kneipe, in der das Opfer sich einen angesoffen hatte, bevor er das Zeitliche segnete. Offensichtlich hatte man ihn dort ausgeraubt und dann im Fluss entsorgt. Verdächtig sind der Wirt Panse (Dirk Dautzenberg) und dessen Freundin Hilde (AnitaHöfer), die ersterer benutzt, um Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Im Dunstkreis der Kneipe streunert auch der bedauernswerte Wegsteiner (Karl Walter Diess) herum, der von Hilde (Anita Höfer) verstoßene Vater des kleinen Jungen. Ebenfalls zum Inventar der Pinte gehört die junge Herta (Helga Anders), Panses Tochter, die es in der dumpfen Atmosphäre der Bierschwemme nicht mehr aushält.

Nicht nur, dass die Episode angereichert ist mit surrealen Elementen, Brynych unterstreicht diese auch inszenatorisch mit weiter verfremdenden Stilmitteln. „Die Schrecklichen“ beginnt mit einem an die zur gleichen Zeit reüssierenden Report-Filme erinnernden Voice-over Kommentar, dann sprechen da Charaktere direkt in die Kamera, der Score vereint volkstümliche Musik mit dissonant klingenden Stücken, es gibt kurze, nur mit Musik unterlegte Montagesequenzen sowie eine spontane Tanzeinlage von Helga Anders und der Song, zu dem Brynych immer wieder zurückkehr ist Gil Francropolus‘ „Corinna“. Hervorstechendstes Merkmal sind aber die Titelhelden, die Bande der Senioren, übellaunige Anarchisten, deren kurze Dialoge auch aus der Feder Becketts stammen könnten und fast an absurde Poesie heranreichen. „Die Schrecklichen“ wirkt gleichermaßen weniger tagesaktuell und konkret, wie sie in ihrem teuflischen Humor zur gleichen Zeit ein ziemlich düsteres Bild der deutschen Gesellschaft zeichnet. Höhepunkt ist sicher Hildes Geständnis, ihr Sohn sei ihr egal. „Wenigstens sind Sie ehrlich“, kann der Kommissar da nur noch sagen, den längst nichts mehr wundert. Die Schrecklichen sind jeder Menschlichkeit beraubt, eine fast schon dämonisch zu nennende Bande asozialer Geschöpfe, die erkannt haben, dass Menschlichkeit nichts bringt und deshalb nach Gesetzen leben, die ihnen die Laune diktiert. Sie sind nicht so sehr gewöhnliche Schurken als vielmehr ein Zeichen des drohenden Niedergangs. Den können Keller und seine Leute bestenfalls bremsen, aber gewiss nicht aufhalten. Es müsste ein großer Regen kommen und den ganzen Dreck wegspülen …

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waggonEpisode 12: Die Waggonspringer (Theodor Grädler, Deutschland 1969)

Bei einem ihrer Überfälle verliert ein Mitglied der „Waggonspringer“ durch einen Unfall sein Leben. Kurz nachdem die Leiche am nächsten Morgen entdeckt wird, ist sich auch schon wieder verschwunden. Die Täter müssen ganz in der Nähe sein, können aber entkommen. Sie handeln im Auftrag von Graffe (Erik Schumann), der nach dem Unglücksfall Schwierigkeiten hat, die Bande beisammenzuhalten und ihr Schweigen zu sichern. Kommissar Keller und seine Assistenten sind ihm schon auf den Fersen.

Nach „Die Schrecklichen“ ein erwartbarer Rückschritt, dafür aber eine sehr actionlastige und bissige Episode. Schumann ist als Halunke deutlich besser als als Held, zu den Waggonspringern gehören gern gesehene Gesichter wie Ulli Kinalzik und Ralf Schermuly. Und es gibt eine schöne Szene auf einer Müllkippe.

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stundenbplanEpisode 13: Auf dem Stundenplan: Mord (Theodor Grädler, Deutschland 1969)

Im Zimmer des weithin unbeliebten Lehrers Dommel (Thomas Holtzmann) wird eine tote Schülerin aufgefunden. Seine Klasse wendet sich – angeführt vom Schüler Palacha (Vadim Glowna) – einträchtig gegen den Pauker, scheint ihn als Täter überführen zu wollen. Dass Dommel seiner Schülerin sehr zugetan war, entlastet ihn eher nicht, aber auch Palacha hatte ein Motiv für die Tat: Er war mit der Toten zusammen, bevor sie ihm für den Lehrer den Laufpass gab …

Eine dieser trickreich strukturierten Episoden, in denen der Verdacht mehrfach von einem Charakter zum anderen springt. Damit die Idee eines Komplottes gegen den Lehrer so richtig wirksam wird, werden die Regeln der Ermittlungsarbeit etwas gebeugt: Dass der Mordverdächtige vor der versammelten Schülerschar verhört wird, die ihn mit seinen Aussagen immer weiter in die Enge treibt, ist ein effektiver dramaturgischer Kniff, der der Realitätsprüfung eher nicht standhält. Holtzmann – der in der DERRICK-Folge „Steins Tochter“ ebenfalls einen Lehrer spielt – ist wie gemacht für diese unsicheren, hypernervösen Verlierertypen (natürlich wohnt er mit seiner mütterlich besorgten Schwester zusammen) und tut einem ganz unabhängig vom Ausgang der Folge einfach nur Leid. Glowna hingegen schäumt über vor Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit und bietet einen guten Widerpart. Als Spießer, der nur auf die Wahrung des schönen Scheins bedacht ist, tritt Hans Quest auf: Er lässt seinen Lehrer fallen wie eine heiße Kartoffel, damit der Schulbetrieb ordentlich weiterlaufen kann. Dass da ein junges Mädchen ums Leben kam, interessiert ihn eigentlich nicht weiter. „Auf dem Stundenplan: Mord“ ist gut gemachte Krimiunterhaltung, die mit einem bitteren Ende aufwartet, aber nicht an die noch bevorstehenden Meisterleistungen der Serie heranreicht.

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ungeheuerEpisode 14: Das Ungeheuer (Dietrich Haugk, Deutschland 1969)

Rückblickend ist es, ohne geeignete Belege immer schwierig, sich zu Wirkung und Rezeption zu äußern, aber es würde mich schon sehr wundern, wenn „Das Ungeheuer“ die bundesdeutschen Fernsehzuschauer nicht an ihre Ohrensessel und Lehnstühle gefesselt hätte. So manchem dürfte die gesellschaftskritische Dimension von Dietrich Haugks meisterhaft inszenierter Episode nicht entgangen sein, musste er doch erkennen, dass er mit seiner feinen Nachbarschaft höchstselbst aufs Korn genommen wurde. Innerhalb der Serie markiert die Folge zudem einen weiteren Schritt weg von der noch in den ersten zehn Episoden etablierten, streng eingehaltenen Formel, hin zur Experimentierfreude und narrativen Freiheit, die später immer wieder für Überraschungen sorgen sollte und DER KOMMISSAR wie auch DERRICK heute noch einen Platz in den Herzen der Freunde des deutschen Films sichert.

Ein Liebespärchen (Volker Lechtenbrink & Claudia Golling)  stolpern bei einem Rendezvous im Wald über die Leiche eines Mädchens. Der Mörder kann ihnen gerade noch entwischen, doch das Paar verfolgt ihn und setzt ihn in einer nicht weit entfernt gelegenen Siedlung fest. Kommissar Keller reist mit seinen Assistenten an, um die Anwohner der Reihe nach zu verhören, denn jeder von ihnen kann der Mörder sein – oder zumindest wissen, wer er ist. Den Kriminalbeamten bietet sich ein Panoptikum des deutschen Spießertums: Da ist Frau Hausmann (Camille Spira), die ihren beiden zerstrittenen Söhnen (Rainer Basedow & Manfred Spies) ohne zu zögern ein Alibi gibt, der Lehrer Vollmer (Paul Edwin Roth), der sein Frau (Signe Seidel) verprügelt, Hilde Lambert (Inge Seidel), die ihren behinderten Sohn (Manfred Seipold) versteckt, der alleinstehende Lektor Heirich (Jochen Blume), dem Weibergeschichten nachgesagt werden, der geistig behinderte Ernie (Heiner Zogg), der sofort das Misstrauen der Nachbarn auf sich zieht, auch wenn seine Schwester Irene (Hannelore Elsner) noch so sehr seine Unschuld beteuert, und natürlich das Ehepaar Kaduhn (Klaus Höhne & Erne Seder), die sich förmlich dabei überschlagen, ihre Nachbarn zu beschuldigen. Die Episode spielt annähernd in Echtzeit und bewegt sich atemlos zwischen der Straße, auf der der Mörder verschwand, und den Häusern der Anwohner, die sich mittlerweile alle neugierig versammelt haben und als Schaulustige die Arbeit des Kommissars verfolgen, ihm immer wieder „schlaue“ Ratschläge geben oder sich das Maul über die anderen zerreißen.

Das ist nicht nur sehr spannend (auch wenn ich schon früh ahnte, wer der Mörder ist), sondern auch ungemein actionreich inszeniert. Man spürt die sich minütlich weiter aufheizende Stimmung, den unter der Oberfläch brodelnden Hass, das Misstrauen, mit dem jeder jedem begegnet und diese unheilvolle Bereitschaft, den nächsten bedingungslos ans Messer zu liefern, wenn es auch nur der eigenen Sicherheit hilft. Die verschlafene Stimmung, die in der Straße zu Anfang noch herrscht, simmert langsam dem Siedepunkt entgegen und erreicht den Schmelzpunkt schließlich am Ende in einer Eckkneipe, in die sich Keller und seine Männer zur Beratung zurückziehen. Man schrammt nur haarscharf an der Lynchjustiz vorbei, doch dann, wenn der Mörder gefasst ist, wird alles vergessen und man lässt sich gemeinsam am Tisch nieder, um bei Bier und Schnaps über diesen verrückten Tag zu schwadronieren und wahrscheinlich darüber, dass man es ja immer gewusst hat.

Das ist alles so unfassbar gut geschrieben, inszeniert und gespielt, man wünschte sich, dass man sowas auch heute noch regelmäßig zwischen 20:15 und 21:45 Uhr zu sehen bekäme.

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papier18Episode 15: Der Papierblumenmörder (Zbynek Brynych, Deutschland 1969)

Auf einem Schrottplatz wird Billie (Eva Mattes) erschossen, ein Mädchen aus einem Erziehungsheim, der Mörder kann entkommen. Als Hinweis auf ihn findet man lediglich eine Papierblume. Bonny (Christiane Schröder), Billies beste Freundin im Heim, scheint mehr zu wissen. Sie bezichtigt den wohlhabenden Dr. Winkelmann (Herbert Tiede) des Mordes: Der Mann hatte ein Verhältnis mit Billie …

„Der Papierblumenmörder“ könnte man als Brynychs Vorarbeit für seinen ein Jahr später entstandenen Spielfilm OH HAPPY DAY bezeichnen: Hier wie dort widmet sich der Regisseur einer Heranwachsenden und ihren Konflikten mit den Erwachsenen, wobei er eine lineare Erzählung fast vollkommen aufgibt, seine Geschichte eher als Collage von Szenen und Momenten strukturiert, die nur bedingt auf ein Ziel zulaufen. So ergibt sich ein facettenreiches Stimmungsbild vom Generationenkonflikt in Deutschland an der Schwelle der Siebzigerjahre, das formal an vergleichbare Strategien aus Musik, Literatur und bildender Kunst zu jener Zeit erinnert. Das Banale und das Bedeutsame stehen gleichwertig und untrennbar nebeneinander, was klar scheint, wird undurchsichtig, das vermeintlich Wahre entpuppt sich bei genauerem Hinsehen bloß als seine Reflektion. Hippies sind allgegenwärtig, in einer Diskothek hängen Poster von Che Guevara, Fidel Castro und Ho Chi Minh, um der kaputten Welt zu entfliehen wird der Freitod als romantische Alternative erwogen, Thomas Fritsch spielt ein traurig dreinblickendes Blumenkind namens „Teekanne“, Harry Klein steht als Bindeglied zwischen den Konfliktparteien zwischen den Fronten und wird am Schluss von seinen Kollegen daran erinnert, wo er hingehört. Es ist schwierig, mit dem Abstand von einem Tag und nach nur einer Sichtung etwas wirklich Gehaltvolles oder gar Abschließendes über die Episode zu sagen, weil sie nicht so sehr zur Analyse einlädt, sondern einen eher überrumpelt, eine unmittelbare und emotionale Wirkung anstrebt. Es bleiben eher Bilder hängen als irgendwelche Konzepte oder „Aussagen“ und Brynych entwickelt einen unverkennbar musikalischen Rhythmus, der gleichermaßen mitreißend ist, aber eben auch die Tendenz hat, den einzelnen Ton im Rausch untergehen zu lassen. Wenn ich sagte, dass „Die Schrecklichen“, Brynychs erste KOMMISSAR-Episode, „komplett freidrehend“ sei, so lässt sich das nach „Der Papierblumenmörder“ nicht mehr aufrecht erhalten. Gegen das experimentelle Feuerwerk, das der Tscheche hier abbrennt, ist „Die Schrecklichen“ geradezu traditionell.

Ich frage mich, wie das damals aufgenommen worden ist, kann mir kaum vorstellen, dass der „normale“ Fernsehzuschauer hier noch mitgehen wollte und konnte. Wenn man bedenkt, was heute, in unserer vermeintlich so fortschrittlichen Zeit schon los ist, wenn Dominik Graf sich beim TATORT erlaubt, einmal die Regeln zu beugen. Kommentare auf einschlägigen Fanseiten sprechen eine deutliche Sprache und legen nahe, dass man Brynychs Episode entweder liebt oder ihr verständnislos gegenübersteht. Schön, dass man sich damals den Luxus solcher Freidenkerei erlaubte.

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15740895_1475856999106264_5893617189780365122_nEpisode 16: Tod einer Zeugin (Zbynek Brynych, Deutschland 1969)

Brynych macht mit „Tod einer Zeugin“ konsequent da weiter, wo er mit „Der Papierblumenmörder“ aufgehört hatte. Einziger Unterschied ist, dass es hier um einen vergleichsweise konventionellen Kriminalfall geht: Eine Prostituierte wird in ihrer Wohnung erschossen, während der Berufsverbrecher Karras (Götz George), ihr Exfreund, vor ihrer Tür steht. Keller und Co. nehmen sich Karras trotz dieses vermeintlich sicheren Alibis vor, denn er war in die Erpressung eines der Freier der Toten involviert, ein Fall, der damals nicht gelöst werden konnte.

Was unter der Regie eines anderen wahrscheinlich eine unspektakuläre Durchschnittsfolge geworden wäre, nutzt Brynych zu einer Übung in totalem Wahnsinn. Es vergeht kaum eine Minute, in der er nicht irgendeine verrückte Idee unterbringt, sei es nur eine ungewöhnliche Bildkomposition, eine bizarre Schnittfolge, das Durchbrechen der vierten Wand oder aber eine witzige Szenenimprovisation. Man weiß als Zuschauer nie, was einen als nächstes erwartet und da Brynych das Kunststück gelingt, diese Strategie auf Episodenlänge zu dehnen, entsteht der Eindruck einer halsbrecherischen Talfahrt mit kaputten Bremsen: Das eingeschlagene Tempo raubt einem beinahe den Atem, der gut gelaunte Beat von France Galls „Zwei Apfelsinen im Haar“ fungiert als gnadenloser Taktgeber. Kritiker bemängelten damals, dass „Tod einer Zeugin“ zu albern sei: Tatsächlich hat die Folge mit den gesellschaftskritischen Elementen vorangegangener Episoden nur wenig zu tun, spielt in einer ganz eigenen Welt, in der der Kommissar und seine Assistenten verzweifelt darum bemührt sind, die Ordnung wenigstens einigermaßen zu wahren, bevor alles in Scherben geht. Brynych zeigt, was im Rahmen einer solchen Serie möglich ist, denn auch wenn Gegner der Meinung sind, er habe sich hier zu weit von der Essenz entfernt, so bleiben die Figuren doch intakt. Und er bietet dem dieses Jahr verstorbenen Götz George – damals gerade 30 Jahre alt – eine große Bühne, auf der seine beträchtlichen Talente zur Schau stellen kann. Sein Karras – mal fröhlicher Hallodri, dann wieder eiskalter Halunke, im nächsten Moment schon amoklaufender Wutbolzen – ist eine echte Schau und ein wunderbares Gegenüber für Ode, Schramm, Glemnitz und Wepper, die ihm weder schauspielerisch noch charismatisch das Wasser reichen können, aber ihm dafür eine spiegelglatte Oberfläche bieten, an denen er seine Bälle abprallen lassen kann.

Resümierend gilt hier aber das Gleiche wie für „Der Papierblumenmörder“: Man sollte „Tod einer Zeugin“ vor allem gucken, anstatt darüber zu lesen oder zu schreiben.

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hyaenenEpisode 17: Parkplatz-Hyänen (Zbynek Brynych, Deutschland 1979)

Weiter im Takt, denkt der Zuschauer, der sich ob der beiden vorangegangenen Brynych-Folgen bereits auf inszenatorischen Wahnwitz eingestellt hat. Doch Brynych schlägt für „Die Parkplatz-Hyänen“ ein moderateres Tempo an – ohne dabei jedoch ganz auf seine Trademarks zu verzichten. Auf einem Parkplatz überfallen zwei Gauner einen Mann. Als der den Wagen der beiden erkennt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Kommissar Keller und sein Team schlagen bei der Familie Boszilke auf, deren beiden Söhne Jürgen (Werner Pochath) und Karl (Fred Haltiner) dringend tatverdächtig sind, aber ein Alibi von der protektiven Mutter Lotte (Marianne Hoppe) erhalten. Keller ist wenig beeindruckt und locht die beiden Brüder dennoch ein. Als in der kommenden Nacht ein weiterer Überfall nach demselben Muster am selben Ort verübt wird, triumphiert die aggressive Mutter: Ihre Brut kann es nicht gewesen sein. Keller weiß aber, wo er zu suchen hat: Bei Gierke (Günther Neutze), einem Kneipenwirt und Freund der Boszilkes …

Kreisen Reineckers Drehbücher sonst so oft um tyrannischer Vaterfiguren, zeichnet er hier ein schauriges Matriarchat, das mich ein bisschen an Tobe Hoopers THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE erinnert hat. Das Treiben im Haus der Boszilkes ist kaum weniger bizarr, mit dem behinderten Vater (Johannes Heesters), einem ständig südamerikanische Volkslieder spielenden Immigranten und diversen anderen die ausladenden Räumlichkeiten bevölkernden Figuren. Die Familienverhältnisse werden in einer langen Sequenz zu Beginn erkundet, die „Die Parkplatz-Hyänen“ eine kammerspielartige Anmutung verleihen, die zwar im weiteren Verlauf aufgebrochen wird, aber dennoch prägend für die beengende Stimmung der Episode ist. Marianne Hoppe ist grandios als rasende Mutterfigur, die vor Hass auf die Staatsmacht beinahe zu schäumen beginnt und nicht nur die arme Frau Rehbein (Helma Seitz) schier in den Wahnsinn treibt. Ihre Liebe ist förmlich erdrückend, für ihre eigene Brut, aber auch für alle, die dieser zu nahe kommen. Mutterliebe schlägt da in furchteinflößenden Fanatismus um, dem die Hoppe mit fiebrig glänzenden Augen und sich überschlagender Stimme einen fratzenhaft verzerrtes Gesicht gibt. In einer großen Szene belauern Keller und Kollegen den nichts ahnenden Gierke, der hinter seinem Tresen das berühmt-berüchtigte Neutze-Gesicht macht – und, wenn mich nicht alles täuscht, in der ganzen Folge kein einziges Wort sagt. Dabei lauschen sie immer und immer wieder dem Tom-Jones-Hit „Ghost Riders in the Sky“, dessen Western-Anleihen einen schönen Kontrast zu bundesdeutschen Dumpfheit darstellen. Humor gibt es auch, sogar selbstreferenziellen: Als Grabert sich für seine Ermittlungen als stotternder Handlungsreisender ausgibt, bemerkt Heines, dass er den Stotterer zuletzt „im Fall Brynych“ gespeilt hätte. Michel Jacot, der später mit LASS JUCKEN, KUMPEL zu Ruhm und Ehre gelangte, agiert unter dem Namen „Michael Jakubek“ als dritte Hyäne, aber das habe ich jetzt nicht verraten.

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beate2Episode 046: Kaffee mit Beate (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Die Schauspielerinnen Beate (Helga Anders) und ihre Freundin Helga (Johanna Elbauer) warten auf ein Vorsprechen. Helga ist nervös, also gibt Beate ihr eine Cognacbohne: Wenig später bricht Helga tot zusammen. Die Cognacbohnen waren vergiftet. Um den Mörder zu finden, wird Harry im Haus Beates eingeschleust. Sie lebt als einer von vier Untermietern in der Wohnung von Frau Pacha (Agnes Fink). Alle sind potenzielle Täter.

KAFFEE MIT BEATE ist aus mehreren Gründen ein weiterer Gewinner von DERRICK-Regisseur Alfred Vohrer. Zunächst einmal weicht die Folge strukturell vom Standard ab: Derrick selbst hat nur eine kleine Rolle und tritt kaum aktiv in Erscheinung, fast der ganze Fall spielt sich in der Wohngemeinschaft ab, in der Harry verdeckt ermittelt. Das sorgt schon für eine gewisse zusätzliche Aufmerksamkeit, aber bei mir hat KAFFEE MIT BEATE vor allem aus anderen Gründen gepunktet. Schon im Titel kommt dieser deutsche Kitschroman-Schmelz zum Vorschein, der wie immer bei DERRICK mit einer Extradosis Tristesse und Verzicht verabreicht wird. Der Name „Beate“ wird wohl dutzende Male ausgesprochen und damit zum Mantra der Episode, die Trägerin des Namens zur sexuellen Wunschfantasie und Heilsbringerin hochstilisiert, was naturgemäß in krassem Missverhältnis zur etwas anämischen Trägerin und der angestaubten Altherren-Fernsehrerotik  steht, die sie verkörpert. (Man erkennt Helga Anders, die schmollmündige Versucherin aus MÄDCHEN MIT GEWALT, kaum wieder.) Alle Männer der WG – Peter Pasetti als geschiedener Supermarkt-Leiter Serball, Christian Quadflieg als jungdynamischer Architekt Herwig, Klaus Herm als nerdiger Lektor Pacha – sind geil auf die freundliche Beate, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht, geradezu besessen von ihr und der Vorstellung, von ihr empfangen zu werden, und das Innuendo, mit dem sie davon sprechen, Kaffee mit ihr getrunken oder gar ein mexikanisches Gericht von ihr gekocht bekommen zu haben – ein scharfes selbstredend! -, lässt Bilder im Kopf des Betrachters entstehen, die die tatsächlichen Ereignisse der Episode niemals rechtfertigen. Aber genau darum geht es eben: Um die wüsten Fantasien geiler Böcke, die in der Nähe eine jungen Frau und der milden Versuchung, die sie repräsentiert, völlig den Kopf verlieren. Harrys mehrfach gestellte Frage, ob sein Gegenüber mit der jungen Frau „geschlafen habe“, wird in ihrer ehrlichen Direktheit hingegen stets als unverschämt abgewiesen: Mit Beate schläft man nicht! Und dann der Clou mit den Cognacbohnen, dem Aufputschmittel ergrauter Mauerblümchen. Da macht es auch nichts, dass die Auflösung reichlich überstürzt daherkommt und nach so viel aufgestauter Lust eine kleine Enttäuschung ist.

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hotte2Episode 047: Solo für Margarete (Michael Braun, Deutschland 1978)

Die Folge, in der der 45-jährige Horst Buchholz den aufstrebenden (aber heroinabhängigen) Musikstar, Gitarrengott und Frauenschwarm Alexis gibt, der die Gitarrensoli, die die einzige Daseinsberechtigung seines sterilen Bluesrock-meets-Disco-Sounds sind, mit geilen Gniedelgesichtern garniert. Ansonsten benimmt er sich wahlweise wie ein verwöhntes Kleinkind, das die Eltern mit Psychomethoden zum Kauf eines Spielzeugs bewegen will, oder wie ein verzärtelter Künstler auf dem endlosen Egotrip. Weiße Cowboystiefel über der Jeans, das darf sowieso nur Lemmy. Aber natürlich ist das auch alles wieder ganz geil: Diese Vorstellung vom Musicbiz etwa, wo ein Mittvierziger, der eine Woche lang vor ca. 50 Leuten in einem kleinen Kellerclub auftritt the next big thing sein soll, eine Band zusammen in einer WG haust und das Heroin aus einer Apothekenampulle in die Spritze gezogen wird. Seitdem Erik Ode als Kommissar Keller einen Marichuana-Süchtigen fragte, ob er das Zeug esse oder trinke, hat sich in Sachen Aufklärung um Reinecker offensichtlich nicht viel getan. Und natürlich dieser melodramatische Schmelz: In der zweiten Hälfte taucht die Zwillingsschwester der Toten auf, um Alexis – in einer Wendung, die an Episode 2, „Johanna“, erinnert – zu konfrontieren und verliebt sich prompt in ihn – und er in sie. Reineckers Drehbuch behandelt diese doch eher pathologisch anmutende Gefühlsverwirrung als mystisches Happy End, gewissermaßen als verspätete VERTIGO-Verwirklichung. Nur eben mit Drogen und schmieriger Musik.

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Episode 048: Lissas Vater (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Mittelstarke Standardepisode von Vohrer, bei der man das Gefühl hat, dass man Vergleichbares ca. alle zehn Folgen einmal untergeschoben bekommt. Die Schauspieler und die Profiroutine reißen es raus. Heinz Bennent ist Ludwig Heimer, der seiner Ex-Frau Elsa (Christine Wodetzky) nachstellt, die ihn wegen seiner Alkoholsucht mitsamt Töchterchen Lissa (Anne Bennent) verlassen hat und nun mit dem unsympathischen Geschäftsmann Hassler (Ulrich Haupt) verheiratet ist. Seine aufdringlich-unbeholfenen Versuche, sich ihr zu nähern, werden von ihr überaus bestimmt abgeschmettert, weshalb er sich zu einer Morddrohung hinreißen lässt. Als ein Assistent Hasslers beim Verlassen von dessen Haus niedergeschossen wird, scheint alles klar. Ist es aber natürlich nicht. Helen Vita hat einen Auftritt als mitfühlende, ketchuprothaarige Vermieterin Heimers, den Haupt, den finde ich immer wieder gut, und Bennent ist als Häufchen Elend ebenfalls klasse. Aber ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Vohrer jedenfalls bekommt kaum Gelegenheit, zu zeigen, was er kann.

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spitzel3Episode 049: Der Spitzel (Zbynek Brynych, Deutschland 1978)

Ein verdeckter Ermittler wird beim Einbruch in ein Antiquitätengeschäft erschossen: Er hatte den einschlägig bekannten Berufskriminellen Georg Lukas (Götz George) beschattet und war ihm gefolgt. Derrick und Klein werden bei ihren Ermittlungen an den Spitzel Henze (Klaus Behrendt) verwiesen, der seltsam nervös auf die Beamten reagiert. Er lebt zur Untermiete bei einer Ex-Prostituierten Doris (Kai Fischer) und ihrem gewalttätigen Freund Rosse (Ulli Kinalzik) und kümmert sich rührend um ihre jugendliche Tochter Inga (Ute Willing). Ein weiterer Tatverdächtiger ist der Schießstandbesitzer Burkhardt (Stefan Behrens) und der ist wiederum mit Maria Singer (Kornelia Boje) liiert, der Tochter des Antiquitätenhändlers …

Brynych inszeniert sehr zurückgenommen (verwendet dafür aber Boney Ms. „Rivers of Babylon“ als seinen „Refrain“): Wahrscheinlich, weil die Storyline vergleichsweise komplex ist. Anders als andere DERRICK-Folgen, in denen es um „heißgelaufene“ Mörder geht, also um Amateure, die in einem Moment der Schwäche zu Verbrechern werden, spielt „Der Spitzel“ im Milieu: Alle Charaktere haben eine einschlägige Vorgeschichte und sind gute Bekannte der Polizei. George interpretiert seinen Lukas als brutalen, aber gewieften Gewalttäter, Behrendt den diesem diametral gegenüberstehenden Henze als mitleiderregenden, gutmütigen Pechvogel, der seine Wurzeln nicht kappen kann. Die Beziehung zu Inga, die er zur Basketballspielerin machen und sie so ihrer tristen Umgebung entreißen will, ist eigentlich das Herz der Episode, krankt aber daran, dass Ute Willing einen Hauch zu alt für die Rolle des hilflosen Töchterleins ist: Szenen wie die, in der Henze ihr nach dem Besuch eines Disney-Films erklärt, wie Zeichentrickfilme gemacht werden, wirken unfreiwillig komisch und seine Philantropie bekommt unweigerlich eine sexuelle Komponente, die das Drehbuch aber logischerweise nie thematisiert. Es gibt ein paar schöne Bilder, die Szene, in der Derrick in bester Dirty-Harry-Manier mit Pokerface seine Schießkünste unter Beweis stelllt, ist wunderbar badass, und George zieht die Aufmerksamkeit des Zuschauers mit jedem seiner Auftritte auf sich wie ein Magnet. Man sieht hier (und in seinen KOMMISSAR-Folgen), was für ein außergewöhnlicher Darsteller er war. Seltsam, dass er nie den Sprung über den großen Teich versucht hat.

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Episode 050: Die verlorenen Sekunden (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Frau Leubel (Elfriede Kuzmany), eine Schneiderin, überrascht bei einem Botengang einen Mörder bei der Arbeit. Bevor er sich auch ihrer entledigen kann, wird er durch die Ankunft der Polizei in die Flucht geschlagen. Die alte Dame steht unter Schock, kann sich nicht an den Täter erinnern, obwohl sie ihn auf frischer Tat ertappt hat. Das Opfer, Frau Kwien, war erst vor kurzem von ihrem Mann (Hans Korte) geschieden worden: Das gemeinsame Geschäft fällt durch ihren Tod an ihn …

Eine durchschnittliche Folge, der auch Alfred Vohrer nichts abringen kann. Hans Korte ist gut als unsympathischer Geschäftsmann, Herbert Herrmann, der Filou des deutschen Fernsehens der Achtzigerjahre, ist in einer Nebenrolle als verdächtiger Harro Brückner zu sehen, Maria Sebaldt als vornehme Modedesignerin und der schöne Michael Maien als Mörder. Der Plot dreht sich um die im Titel angesprochenen „verlorenen Sekunden“ in der Erinnerung der Zeugin: Der Mörder hat natürlich ein Interesse daran, dass sie ihr Gedächtnis nicht wiedergewinnt, aber wirklich in Gefahr gerät sie nie. Im Gedächtnis bleiben der stets besoffene Ehemann (Uwe Dallmeier) der Frau Leubel, ein willenlos schlaffer Sack, den Herbert Reinecker als Krückstock benötigte, und Harros nett gemeinte, aber unglaublich herablassende Aussage, Frau Leubel sein „ein armes Huhn“ und einem von Derricks fast immer großartigen Ausflügen in eine Diskothek. Selbst die Unschuldigen sind bei DERRICK fast immer Arschgeigen.

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uteEpisode 051: Ute und Manuela (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Ein junger Mann wird in einem Parkhaus erschossen, nachdem er in der Diskothek „East Side“ eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hat. Unbedingt tatverdächtig ist seine Freundin Manuela (Monika Baumgartner): Nicht nur hatte er sie am selben Abend übel zusammengeschlagen, der Wirt will sie als die Anruferin identifiziert haben, die den Toten ins Parkhaus beorderte. Ein Alibi bekommt Manuela von der Sozialarbeiterin Ute (Cornelia Froboess), die alles dafür tut, die aus schwierigen Verhältnissen kommende Manuela zu beschützen.

Auch dies ist eher Durchschnittskost: Der Fall ist nur wenig aufregend, es fehlen die Details in der Beobachtung, die die Serie in ihren besten Momenten auszeichnen, und bedingt durch das Sujet auch dieser bürgerliche Mief, der aus heutiger Sicht so faszinierend und abgründig ist. Aber die Ute ist eine großartige Figur: Cornelia Froboess legt in ihrem Spiel einen geradezu inbrünstigen Eifer an den Tag, der ihre Sozialarbeiterin noch unangenehmer macht als es das Drehbuch eh schon vorsieht. Mit ihrer Riesenbrille, dem Kleinmädchenpony und dem abgehärmten Verzichtergesicht gibt sie eine Missionarin der Gerechtigkeit, die für Abweichler vom Pfad der Tugend keinerlei Empathie übrig hat. Wie bei „Der Spitzel“ gibt es hier einen deutlich sexuellen Unterton, der aber nie explizit aufgegriffen wird, was zu Utes selbstvergessenem Engagement natürlich passt wie die Faus aufs Auge. Die Rückblende mit der geschundenen Manuela ist ungewohnt schmerzhaft, der Schlusskniff am Ende, wenn wir Ute zum ersten Mal ohne Brille sehen, einer jener genialen Einfälle, für die man DERRICK schätzt. Dafür ist Martin Semmelrogge als Manuelas Bruder total verschenkt. (Gisela Uhlen ist als Utes Mutter zu sehen.) In der Diskothek läuft „Let’s All Chant“ von der Michael Zager Band.

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Episode 052: Abitur (Theodor Grädler, Deutschland 1978)

Ein Slow-Burner, der wie die vorangegangene Episode mit einer tollen Schlusseinstellung aufwartet und darüber hinaus eher ungewöhnlich strukturiert ist. Eigentlich geht es in „Abitur“ um zwei Fälle und der Mord ist eher nebensächlich: Trauerkloß Robert (Michael Wittenborn) steht vor dem Abitur, dass er unbedingt mit gutem Notendurchschnitt bestehen muss, um fürs Medizinstudium zugelassen zu werden, schließlich soll er das Geschäft des herzkranken Arztpapas (Hans Quest) übernehmen. Leider ist er unglaublich wankelmütig und unsicher und die Versuche seiner Schwester Lisa (Agnes Dünneisen), seinen Nachhilfelehrer (Peter Dirschauer) zur Manipulation zu überreden, scheitern an dessen Rechtschaffenheit. Bis er eines Abends einen jungen Mann anfährt und Fahrerflucht begeht: Nun hat Lisa ein geeignetes Druckmittel gegen ihn in der Hand. Was sie nicht weiß: Das Unfallopfer starb nicht an den Folgen des Unfalls, sondern wurde anschließend erschlagen …

Das Discofieber, das sich in den vorangegangenen Episoden schon ankündigte, ist hier nun auf dem Siedepunkt. Im „Yellow River“, einem holzvertäfelten Albtraum im Partykeller-Style laufen „Miss you“ von den Rolling Stones, „More than a woman“ von Tavares, „I can’t stand the rain“ von Eruption und die unvermeidlichen Hot Chocolate, während Klein mit Lisa eine flotte Sohle aufs Parkett legt. Die ist einer dieser eiskalten, intriganten Schönen, die Herbert Reinecker sich regelmäßig ausdenkt und ihnen dann einen besonders waschlappigen Typen gegenüberstellt. Hier sind es mit ihrem Bruder und dem Lehrer sogar gleich zwei. Die Erpresserin und ihr Bruder kommen (wahrscheinlich) ungeschoren davon, weil der Fall für Derrick mit der Festnahme des Mörders erledigt ist, aber die Schlusseinstellung suggeriert das Fegefeuer des schlechten Gewissens – und außerdem, dass alle illegalen Bemühungen letztlich umsonst waren. Fies.

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