alpha city (eckhart schmidt, deutschland 1985)

Veröffentlicht: März 24, 2015 in Film
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AlphaCity-Cover-124152Es dauert ca. eine Stunde, bevor man in ALPHA CITY zum ersten Mal Tageslicht sieht. Es ist nur eine kurze Szene und sie ist nur dazu da, zu zeigen, was vorher schon einmal gesagt wurde: „Ich habe seit drei Jahren kein Tageslicht mehr gesehen.“ Die Protagonisten verschlafen den Tag, ihre Welt ist die Nacht.

Eckhart Schmidt orientiert sich für ALPHA CITY streng an den Motiven des Film Noir. Sein Protagonist Frank (Claude-Oliver Rudolph) verdient sich sein Geld als Pianist in einem illegalen Spielcasino. Blind vor Liebe rennt er der Femme Fatale Raphaella (Isabelle Willer) hinterher, einer Prostituierten, die den Männern reihenweise den Kopf verdreht und sie dann zurücklässt. Seine Jagd führt ihn durch nächtliche Straßen, in Nachtclubs, Bars, Restaurants und Hotellobbys, und auf seiner Reise begegnet er dubiosen Halbwelt-Gestalten, Gangstern, Schlägern, Zockern, Freiern, Clubbesitzern, Tänzerinnen und Polizisten, bevor es zum Showdown gegen seinen Kontrahenten, einen namenlosen Amerikaner (Al Corley), geht. Franks Kampf, so stellt sich am Ende heraus, sein fiebriges Anrennen gegen die Widerstände, sein verzweifeltes Ringen um Raphaella, war nichts anderes als das Vorspiel für seinen von Anfang an unausweichlichen Tod. In dem Moment, in dem der Mann zum Noir-Protagonisten wird, ist er bereits dem Tod geweiht.

Doch anders als in den US-amerikanischen Noirs der Dreißiger- und Vierzigerjahre, die von einem zumindest auf den ersten und zweiten Blick souveränen, coolen Helden dominiert werden und in denen Sexualität – den Zensurbestimmungen jener Zeit geschuldet – nur verklausuliert, in zweideutigen Dialogzeilen und Blicken, vorkommt, explodiert ALPHA CITY gerade vor Emotionen. Das Limbo des Noir, eine blasse, dunstige Nacht, wird in ALPHA CITY zum lodernden Fegefeuer, einem Ort, an dem man sich selbst verwirklichen will und dabei verliert. Frank ist nicht der souveräne Held, der alle Gefühle und Gedanken hinter einer ungerührten Maske der Coolness verbirgt: Er steht ständig auf der Schwelle zur Explosion, und die Aggressivität, mit der er sich vermeintlichen Gegnern entgegenwirft, bringt seine tiefe Verunsicherung zum Vorschein. Auch sein pockennarbiges Gesicht und die Messerverletzungen auf der Brust zeigen, dass er „verwundet“ ist. Der Amerikaner, der ihm gegenübersteht, entspricht schon eher dem Klischee des Noir-Helden, lässt die Maske der Selbstsicherheit nie fallen, hält seine wahre Motivation immer verborgen. Er bleibt verschlossen und mysteriös, gewinnt damit das Interesse von Raphaella, aber nicht ihr Herz. Als sie mit ihm schläft, zeigen kurze Inserts, dass sie dabei an die Nacht mit Frank zurückdenkt, der anders als der Amerikaner stets „offen“ war und damit auch menschlich.

ALPHA CITY ist filmgewordene Stimmung. Es gibt einen Plot, der bis auf das nackte Skelett reduziert ist und von Schmidt fast widerwillig abgewickelt wird. Wie seine Figuren verliert er sich immer wieder auf den nächtlichen Straßen, lässt sich wie eine Motte vom verführerisch flackernden Licht der Neonreklamen anziehen, vom Wummern des Beats in Discotheken locken, wo das Leben sich in all seiner verheißungsvollen Latenz präsentiert. Frank und Raphaella sind auf der Suche nach dem Leben, der Erfüllung, vor allem aber süchtig nach dem Rausch, dem Kick, den die Nacht mit all ihren Vergnügungen verspricht. Längst ist die ziellose Suche zum Selbstzweck geworden und der sprichwörtliche Teufelskreis lässt sich nicht mehr durchbrechen. ALPHA CITY zeigt kaum echte Freude, so oft er auch die Orte des Müßiggangs und des „Lasters“ aufsucht, den Eindruck der sich wie Blei auf den Körper legenden Müdigkeit kann er nie abschütteln. Es gibt keinen Kontrast mehr zu den Vergnügungen, der ihnen überhaupt erst die erhoffte kathartische und befreiende Wirkung verleihen würde. Aber dieser Bannzauber, den die Nacht auf Raphaella und Frank ausübt, überträgt sich im Zusammenspiel von Bernd Neubauers Kameraarbeit, dem famosen Eighties-Soundtrack und dem Score, der wie die New-Wave-Approximation von Kirchenmusik klingt, lückenlos auf den Betrachter. ALPHA CITY hat diese viel beschworene „hypnotische Qualität“, er lullt ein, macht einen wehrlos und beeinflussbar für seine Reize. Man will sofort raus, auf die Straße, ins Leben, zwischen all die verlorenen Seelen und Traumtänzer, in die Bars und Discotheken, Zigarettenrauch einatmen, Schweiß riechen, Bier trinken, dieses Prickeln auf der Haut spüren, dass sich einstellt, wenn einem bewusst wird, dass zu jeder Sekunde alles passieren könnte. Aber dann fällt einem auch wieder ein: Diese Welt, die ALPHA CITY – in West-Berlin gedreht – zeigt, die gibt es in dieser Form nicht mehr. (Eine Szene am Schluss ist erst vor Rolf Edens „Big Eden“, dann darin angesiedelt, und der Nachtclub-Besitzer spielt sich in einem kleinen Gastauftritt selbst.) Das Nachtleben scheint hier noch nicht so gnadenlos segmentiert, kommerzialisiert und abgesichert. Die Straßen sind schmuddelig, die Verheißung des schnellen käuflichen Sex hängt in der Luft, die Kriminalität lauert hinter jeder Ecke. Es ist gefährlich, da rauszugehen, man muss sich auskennen, wissen, wie man sich zu bewegen hat. ALPHA CITY zeichnet eine Parallelwelt, die ihren ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Man muss für sie geboren sein, wie ein Vampir.

Interessant ist der Film auch im direkten Vergleich mit DER FAN. Tonal könnten die beiden kaum weiter voneinander entfernt sein – die Leere von DER FAN auf der einen Seite, die fast barocke Neon-Gothik von ALPHA CITY auf der anderen –, aber es gibt doch deutliche Parallelen. Die Beziehung zwischen Frank und Raphaella erinnert durchaus etwas an die zwischen Simone und R, wird gewissermaßen mit umgekehrten Rollenvorzeichen durchgespielt. Hier ist Frank der „Stalker“, der der schönen Frau hinterherrennt, sie mit all seinen Hoffnungen, Wünschen und Träumen auflädt, während sie die Rolle der Ablehnenden einnimmt. Doch den Zorn über die Ablehnung, der sich bei Simone in der Zerlegung und Einverleibung des Objekts ihrer Begierde äußert, richtet Frank in seiner Raserei konsequent gegen sich selbst. Nicht direkt, aber indem er sich kopfüber in die Konfrontation mit dem Amerikaner begibt, der ihn am Schluss endgültig befreit. Die Musik von Rheingold, die in DER FAN sowohl textlich wie musikalisch noch mit dessen Aufgeräumtheit korrespondierte, macht einem zwar kaum weniger in seiner Zeit verorteten Sound Platz, der aber weniger als intellektuelle Aufarbeitung gesellschaftlicher, politischer und kultureller Strömungen zu verstehen ist, sondern ganz unreflektiert romantisch wirkt und damit die ideale Entsprechung der Blindheit der Protagonisten, die gar nicht merken, auf welches Ziel sie zusteuern. ALPHA CITY funktioniert mithin nicht, wie DER FAN, als psychoanalytische Allegorie auf die zeitgenössische Entfremdung des Menschen: Schmidt überführt sie stattdessen in ein düsteres Gemälde, das zum Teil an die infernalischen Panoramen eines Hieronymus Bosch erinnert.

Ein beeindruckender Brocken, visuell herausragend und voller schüttelfrostiger Gänsehaut-Momente. Ein potenzieller Lieblingsfilm für Eighties-Fetischisten, so wie ich einer bin.

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Kommentare
  1. Mike Mills sagt:

    Eine wirklich gute Rezension. Die Rezi ist auf jeden Fall wesentlich durchdachter und besser als der Film. Vielleicht hätte Schmidt dich als Drehbuchberater engagieren sollen? Nein, Spaß beiseite… 😉

    Die von dir angesprochenen Kontexte machen Lust auf den Film und ordnen ihn in Traditionen ein (Film Noir, Neon-Nacht-Film a la Subway), in der Schmidt sicher gerne stehen würden. Ich tue mich immer nur richtig schwer, über die Schwächen seiner Filme hinwegzusehen und das Ganze als künstlerischen Stil anzuerkennen. Die Schauspieler des Films sind indes nicht schlecht, Rudolph drückt tatsächlich die rohe Brutalität und Zerrissenheit aus, die du ansprichst. Auch das Anti-Narrative, der nicht vorhandene Plot, stören micht nicht. Ich mag plotlose, atmosphärische Filme (in der Hinsicht als „Berlin der 80er Jahre“-Film auch sehr interessant: „Freak Orlando“ und „Bildnis einer Trinkerin“ von Ulrike Ottinger). Aber dann gibt es eben die Momente, in denen das allmählich Aufgebaute und klug Durchdachte immer wieder durchlöchert und ins Lächerliche gezogen wird. Deshalb finde ich, dass Schmidt-Filme deutlich schwieriger anzusehen sind, als etwa „reine“ Trashfilme (etwa von Boll und Co.). Die sind halt von vorne bis hinten schwachsinning und man muss sie eben genau so goutieren. Schmidt hingegen ist scheinbar ein hochintelligenter Mann mit wirklich interessanten Ideen, die aber in seinen Filmen auch nicht wirklich immer offenbar werden.

    Das fängt bei Alphacity schon bei Musik an: Es ist eine tolle Idee, Yellos „Desire“ als zentrales Titelstück auszuwählen, aber muss ich es deshalb in 90 Minuten achtzehn Mal an-(und nie aus-)spielen? Das klingt wie eine kaputte Jukebox. Das Gleiche gilt für das selsbtkomponierte instrumentale „Fox Mountain“-Stück, welches Dramatik ausdrückt, aber eben auch nicht, wenn man es 20 Mal in einer halben Stunde immer wieder anspielt. Schmidt fehlt scheinbar das Gespür und der Feinsinn, was Stil oder was reines Nervtöten ist. Das gilt insbesondere auch für die unfreiwillig komischen Dialoge, die immer wie auswendig gelernt wirken und die den Milieu-Figuren jegliche Authentizität rauben. Al Corley zu Claude-Oliver Rudolph: „Diese Stadt ist zu klein für uns beide“. Ah, ja, der klassische Western-Kleinstadt Antagonist zu Protagonist-Spruch. Aber,hey, in Berlin, ausgesprochen von zwei sumpfbackigen Driftern, die ohnehin keinen rechten Plan zu haben scheinen, klingt das etwas „too big“.. Ein Kumpel, mit dem ich dem Film sah, meinte ironisch beim Schauen: „Na, dann auf die Suche nach der nächstgrößeren Stadt in Deutschland…“. Man kann das halt inhaltlich schon nachvollziehen (als „einer von uns“), die Performance ist indes völlig daneben. Das gilt auch für viele andere Dialoge, die eben unglaublich kunstgewerblich sind. Isabelle Willer zu Al Corley: „Schieß du, auf mich! Schieß mir auf die Augen und trockne meine Tränen…“. Ui, ja, nur geweint hatte sie bisher nicht, Gefühle spielen ja bei den Figuren ohnehin kaum eine Rolle. Dialoge und „Handlung“ oder Reaktionen klaffen einfach unglaublich weit auseinander. Und da fällt es mir doch etwas schwer, das als Stil zu begreifen (so wie Warhols Realitätsabbilder – sechs Stunden einen schlafenden Mann, oder Ottingers schräge Figuren, die durch die Berliner nacht driften und die sicher nicht jedermanns-/fraus Geschmack sein dürften, aber in sich kohärent und logisch ausgeführt sind). Am Ende denkt man eben doch „Gut gemeint und gut gemacht“ sind eben doch nicht dasselbe. Und man wundert sich auch ein bisschen, ob es niemanden im Team gab, der ihm mal gesagt hat, „Du haben wir nicht noch ein drittes Musikstück, das wir verwenden können…?“ 😉

    • Oliver sagt:

      Hallo Mike,
      danke für deinen lieben Kommentar. Ein paar Sachen fallen mir als Antwort spontan ein.

      1.) Du sprichst von „reinen Trashfilmen (etwa von Boll und Co.)“. Wer sagt denn, dass diese Filme „Trash“ sind, dass sie „Von vorn bis hinten schwachsinnig“ sind und „genau so“ goutiert werden müssen? Boll ist ganz sicher nicht der Meinung, seine Filme seien Trash. Ich will gewiss nicht Boll verteidigen, aber du gehst hier von sehr starren Wertbegriffen aus. Schmidts Filme sind kein Trash, sondern Kunst (oder kunstähnlich), deswegen dürfen sie sich bestimmte Sachen nicht erlauben. Warum nicht?

      2.) Schmidt arbeitet ja offensichtlich mit Versatzstücken des Genre- und Exploitationkinos, die er mit eher avantgardistischen Elementen kollidieren lässt. Ich denke, es geht ihm nicht zuletzt genau um diese Kluft, die du ja auch erkennst, um das Zerrissene, das Momenthafte, Uneinheitliche. Die Schönheit, die vom Hässlichen und Blöden unterbrochen wird. Für mich stand bei ALPHA CITY definititv diese sehr distinkte Atmosphäre im Vordergrund. Und die erzeugt er eben mit all diesen „manchmal wenig durchdacht“ scheinenden Mitteln. Mir schien der Film sehr durchdacht.

      3.) Zur Musik: Da kann man nicht viel gegen sagen. Ich vermute, dass es auch eine Frage des Budgets war, wie viele Songs er verwenden konnte. Möglicherweise reichte das Geld einfach nicht aus. Ich empfand, wenn ich mich recht erinnere, gerade das repetitive Element, diese Monotonie der Wiederholung als passend. Als nervtötend habe ich den Film zu keiner Sekunde empfunden. Und ich bezweifle auch, dass Schmidt das „Gespür“ fehlte. Er wird genau gewusst haben, was er tat. Zumindest aber hat er sich für einen Kompromiss entschieden (nämlich den, wenige Songs mehrfach einzusetzen).

      4.) Das Kunstgewerbliche, Unrealistische, Artifizielle, Übersteuerte, das du in den Dialogen ausmachst, ist genau das, was ich an dem Film so toll fand. Er ist pure, unverstellte Emotion, und Kategorien wie „peinlich“, „kitschig“ oder „übertrieben“ sind ihm einfach scheißegal. Was Schmidt definitiv nicht interessierte, war „Authentizität“. ALPHA CITY überträgt Muster des Noir auf das geteilte Berlin der Achtzigerjahre und lässt einen amerikanischen Schönling aus dem DENVER CLAN als mysteriösen Loner durch die Straßen ziehen. Natürlich ist das eine reine Pulp-Fantasie, die Schmidt aber eben nicht als ruppigen Reißer, sondern als unterkühltes, existenzialistisch-romantisches Neon-Märchen erzählt.

      • Mike Mills sagt:

        Lieber Oliver,

        vielen Dank für deine prompte Antwort.

        Mit Punkt 1) habe ich mich vielleicht unklar ausgedrückt. Es dürfte Uwe Boll immerhin klar sein, dass er nicht Steven Spielberg ist und er macht mit seinen Budgets das, was die Fans von ihm erwarten. Er will eben nicht sperrig, artifiziell sein, bei ihm reibt sich nichts. Das mit Trash habe ich weniger wertend gemeint, sondern eher als „Genre-Unterhaltungsfilm mit geringem Budget“. Das was Schmidt macht, ist – obwohl es dort oft vermarktet wurde – von den B- und C-Genrefilmen aus Italien, Spanien und Deutschland der 1980er Jahre einfach weit entfernt. Auch das meine ich nicht wertend. Wenn ein Regisseur wie etwa Enzo Castellari einen Film macht wie „L’Ultimo Squalo“ macht, dann nimmt er eine existierende Idee (nämlich den Grundplot aus „Jaws“) und dreht mit unbekannteren Darstellern und weniger Geld das gleiche noch einmal (weshalb der Film in den USA auch nicht aufgeführt werden durfte, weil er dort als Plagiat eingestuft wurde). Damit bestätigt er eben das, was viele Genre-Film-Regisseure gemacht haben, auf sehr deutliche und eklatante Weise: Es geht um das Cash In für die Macher und um einen „Easy Fun“ für die Zuschauer. Und obwohl eben Schmidts Filme ebenfalls in der Videothekensparte dieser Art gelandet sind (ich habe „Das Gold der Liebe“ Ende der achzitger Jahre sogar tatsächlich für eine D-Mark auf dem Wühltisch meiner örtlichen Videothek gefunden), sind sie – wie du in deiner Rezi ansprichst – nicht so gedacht, wie das Castellari-Beispiel etwa. Es ist also keine Frage des Dürfen oder Können. Aber das Irritierende ist für mich, dass Schmidt tolle Ideen hatte und sich (manchmal philosophische) Gedanken in seinen Filmen gemacht hat, diese aber durch viel Leerlauf und – auf mich und auch viele andere – unfreiwillig komische wirkende Elemente verstellt hat. Ob das nun Stilwillen oder Unvermögen war, wird man wahrscheinlich nie herausfinden, denn selbst wenn man Schmidt fragen würde, könnte er ja gegenüber seinem eigenen Schaffen keine objektive Sicht einnehmen. Es ging mir hier also um keine Wertung, sondern um mein Empfinden der Irritation und das ich immer wieder dachte „Schade, schade…!“. Ich habe übrigens oben auch nicht geschrieben, dass Schmidt als Kunstfilmer irgendwas nicht dürfte, ich sagte lediglich, dass er „interessante Ideen [habe], die nicht immer wirklich offenbar werden.“ Genauso meinte ich das auch. Ob er was darf oder nicht, interessiert mich gar nicht! So eine Diskussion wäre in der Tat müßig…

        Mit Punkt 2) stimme ich dir voll zu. Punkte 3) und 4) sind hingegen eher auch Geschmacksfragen. Bei sowohl „The Fan“ als auch bei „The Loft“ fand ich übrigens die teilweise auch repetitiven Soundtracks nicht so nervig. Bei „The Fan“ war das Ganze sehr ausgewogen, weil ja der eine zentrale Song die Bindung des Mädchens zum Sänger ausdrückte und man erst am Ende, als er tot ist, man einen neuen Song im Abpsann hört, was inhaltlich (für mich!) sehr gelungen war. Bei „Alphacity“ hatte ich manchmal das Gefühl, als sei die Musik unabhängig von den Bildern und den Dialogen gemischt worden und einfach jede Szene ohne Aktion oder Dialog zugekleistert worden, auch indem man die Songs immer vorne an den gleichen Stellen anspielt und man sie nicht einfach mal auslaufen lässt, oder so zurechtschneidet, dass es abwechslungsreicher wirkt (und das hat dann nichts mit dem Geld zu tun!).

        Ein bisschen zielte meine Kritik natürlich auch darauf, zu verstehen a) warum Schmidt so gehandelt hat, wie er es tat (da bin ich auf deine sehr gelungene Rezension gestoßen) und warum b) viele zeitgenössische Filmkritiker und auch Fans von B- und C-Pictures auf ähnlichen Seiten wie deiner entweder gar nichts mit Schmidt anfangen können oder sie eben sehr viel Irritation erleben. „Der Versuch, zeitgenössische Großstadtatmosphäre und die Versatzstücke der Konsumkultur zu einem neudeutschen Kino der Gefühle zu verarbeiten, scheitert an inszenatorischem Unvermögen“, schrieb etwa damals der Filmdienst. Nun ist jede Kritik auch subjektiv (auch und gerade mein Kommentar verbalisiert ja meine Empfindungen), aber ich finde es auch immer spannend, Ursachen für Wahrnehmungen zu finden. Und für mich war es eben diese Art von Unbefriedigtsein, die gerade bei „Alphacity“ im Vordergrund stand. Und das lag auch sicher daran, dass ich gerade vieles mochte (Schauspieler, die exzellenten Settings – die Szene im Brunnen zwischen Rudolph und Willer ist toll, die Musik an sich), dass sich aber die Elemente in meinem Kopf nicht zu einem befriedigenden Ganzen formten. Ob das nun daran liegt, dass Schmidt als Regisseur nicht so gut ist (wie der Filmdienst meint), oder ob es daran liegt, dass Schmidt genau da auf den Empfindungen und Gedanken der Zuschauer rumtanzen wollte (das wäre sehr mutig!), kann ich nicht beurteilen. Aber diesen Zwiespalt zwischen Hingezogenfühlen und Distanzgewinnen galt es zum Ausdruck bringen (weil er in deiner sonst sehr spanneden Rezi) nicht so deutlich wird.

  2. Oliver sagt:

    Bevor ich noch einmal auf die Trashgeschichte komme: Ich würde ALPHA CITY nicht mit den großen kanonischen Meisterwerken der Filmgeschichte in einem Atemzug nennen. Es ist gewiss kein „runder“ oder gar makelloser Film. Filme wie aus einem Guss geformt gibt es ziemlich selten und manchmal sind sie in ihrer Perfektion auch ziemlich öde. ALPHA CITY hat mich einfach an einem wunden Punkt erwischt: Ich liebe die Stimmung, die er vermittelt, die Bilder des Nachtlebens und der Einsamkeit, die emotionale Kompromisslosigkeit der Hauptfigur, die Noir-Anleihen, die Stilisierung und Artifizialität. Das sind alles Aspekte, die ich grandios fand und die mich über andere Dinge hinwegsehen lassen. Nicht unbedingt in dem Sinne, dass ich dem Film „Fehler“ verzeihe, sondern dass ich akzeptiere, dass er manche Dinge für wichtiger erachtet als andere. Fast alle Filme könnte man noch besser machen, ALPHA CITY macht da keine Ausnahme. Das ist dann so wie mit dem besten Freund oder der Partnerin, an dem/der einen auch manche Sachen stören. Aber sie gehören eben zu de Person, die man liebt, und deswegen ist es irgendwie OK.

    Nun nochmal zu 1):

    Ich verstehe schon, was du meinst, und habe dich glaube ich auch schon beim ersten Mal verstanden. Ich unterstelle dir nicht, Exploitationkino (das sage ich einfach lieber als „Trash“, weil ich damit mittlerweile eine mir sehr unsympathische Herangehensweise an Film verbinde) geringzuschätzen. Aber du nimmst da eben ein sehr klare Trennung vor, die m. E. nicht immer so klar zu ziehen ist.

    „Es dürfte Uwe Boll immerhin klar sein, dass er nicht Steven Spielberg ist und er macht mit seinen Budgets das, was die Fans von ihm erwarten.“

    Ich weiß es nicht. Ich glaube schon, dass Boll sich für einen guten Filmemacher hält. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht und ich glaube nicht, dass seine Arroganz ein reiner Act ist. Als AUSCHWITZ erschien, war er beleidigt, nicht zur Berlinale eingeladen worden zu sein und er hielt seinen Film für einen wichtigen kulturellen und politischen Beitrag. Ich habe ihm abgenommen, dass er das Ernst meinte. Boll dreht sicherlich immer wieder Filme, von denen er weiß, dass sie ihr Geld wieder einspielen. Aber eigentlich macht er auf mich den Eindruck, als sei es ihm nicht besonders wichtig, Erwartungen zu erfüllen. Ich will nach POSTAL nie wieder einen Film von ihm sehen, halte ihn bestenfalls für einen versierten Handwerker und finde ihn als Mensch ziemlich furchtbar, aber er ist eine Figur, die sonst schon ganz gut dazu geeignet ist, zu zeigen, wie problematisch diese Schubladisierungen sind. Sein Output ist reiner Schrott, aber vieles spricht dafür, ihn als „auteur“ zu bezeichnen.

    „Das was Schmidt macht, ist – obwohl es dort oft vermarktet wurde – von den B- und C-Genrefilmen aus Italien, Spanien und Deutschland der 1980er Jahre einfach weit entfernt.“

    Aber nur, wenn du einen ziemlich eingeengten Blick hast. Klar, wenn du ihn mit Leuten wie Castellari oder Ossorio vergleichst, gibt es wenig Schnittmengen, aber ziehst du vielleicht Regisseure heran, die sich in den Grenz- und Zwischenbereichen aufgehalten haben, sieht es schon wieder anders aus. Ich gebe dir Recht, dass Schmidts Filme nicht unbedingt „Unterhaltungsfilme“ im klassischen Sinne sind, aber gerade unter dem Deckmantel der Exploitation sind ja schon immer ziemlich seltsame Bastarde entstanden. Nimm meinetwegen Jess Franco, dessen Genrefilme meist außer dem Titel mit ihrem jeweiligen Genre nur wenig zu tun haben. Das „Cash-in“, das du ansprichst, ist ja gerade im Exploitationfilm eine schwammige Sache: Wenn die Leute mit einem markigen Titel und einem feisten Plakatmotiv ins Kino gelockt worden waren, konnte man ihnen wo sie nun einmal schon da waren, ja auch einfach was ganz anderes zeigen. Dein Beispiel mit L’ULTIMO SQUALO ist insofern „ungerecht“, weil es sich ganz klar an einen sehr konkreten Filmerfolg dranhängt (und Castellari ja eh ein sehr amerikanischer Italoregisseur war). Ich bin mir nicht so sicher, ob alle Regisseure diesem „Dienstleistungsgedanken“ wirklich so sehr verpflichtet waren, wie du das sagst, oder ob sie sich nicht einfach darüber freuten, ein gewissermaßen „eingebautes“ Publikum zu haben, dem sie dann ihre Vorstellungen unterjubeln konnten.

    Worauf ich hinauswill: Es ist problematisch, einen Film für sich vorab einzusortieren und ihn dann an dieser Erwartung zu messen. Also zu sagen: Film xyz ist Kunst, also erwarte ich von ihm das, das und das, und dies und jenes eher nicht. Wenn Kunst so funktionierte, wäre sie tot. Und im anderen Fall genauso: Film abc ist Trash, also erwarte ich jetzt, dass er mich 80 Minuten lang niveaulos bedient. Und wenn er das dann nicht tut, ist er ein schlechter Trashfilm. Man engt sich schon vorher ein, gerade, wenn man es dann mit solch bizarren Hybridfilmen zu tun hat, wie ALPHA CITY einer ist. Dem wird man einfach gar nicht gerecht, wenn man ihn an irgendwelchen bestehenden Maßstäben misst.

    Ich hoffe, das war jetzt verständlich und nicht zu sehr off topic.

    Macht übrigens Spaß, mit dir zu diskutieren Würde mich freuen, wenn du meinem Blog treu bliebest. 🙂

  3. Mike Mills sagt:

    Noch einmal als kleiner Nachtrag: Es ging mir keinesfalls um Schubladen und Wertmaßstäbe. Wie ich geschrieben habe, sehe ich genauso Exploitation-Filme wie Kunstkino und es ging mir auch keinesfalls darum, dass Filme in irgendeiner Weise „perfekt“ gemacht sein müssen. Es ist ja gerade der Reiz von Godards „A Bout de Souffle“, um mal ein kanonisiertes Beispiel zu nehmen, dass er oft unperfekt wirkt (zum Beispiel mit dem damals noch nicht üblicherweise verwendete Jump Cuts). Ich lege da auch gar keine Messlatte an, und ja, richtig, auch viele der Genrefilmregisseure haben versucht, einem ihre Gedankengänge in ihren manchmal schematisierten Filmen unterzujubeln. Damiano Damiani hat Action und markige Sprüche in seine Filme eingebaut, um auf Probleme des politischen Systems in Italien hinzuweisen, Kiyoshi Kurosawa, hat Pinku Erotik-Filme und Geisterhorrorfilme gemacht, aber nicht ohne ihnen eine tiefe philosophie Dimension zu geben. Oft sind diese Regisseure sogar wirkungsvoller, wenn sich Exploitation und künstlerisch-philophischer Überbau reiben (was bei Kurosawas Tokyo Sonata als klass. Melodram dann nicht mehr der Fall war). Aber genau diese Reibung geht eben für mich bei Schmidt (und insbesondere bei „Alphacity“ und „Das Wunder“) nicht auf. Die Wirkung liegt ja auch darin, dass der Film am Ende den Zuschauer weder völlig affrontiert, aber dennoch die Kommunikationssituation Regisseur-Zuschauer ausreizt (was für alle genannten Regisseure gilt: Ottinger, Godard, Damiani, Kurosawa). Bei Schmidt (nicht so sehr bei „Loft“ und „Der Fan“) erkenne ich, was er wollte und gemeint hat, ich erkenne Vorbilder und Reflexionen, aber wenn ich dann über einzelne Szenen lachen muss, zerstört sich für mich dieser Effekt. Ich habe mehr zum Film durch deine Rezi erfahren, als durch den Film selbst. Deshalb meine ich das auch vollkommen subjektiv. Ich erwarte von Schmidt weder reines Exploitation-Kino, noch Kunst, sondern ich bin offen, für das, was er sich vorgestellt hat und was sicher auch singulär ist (sein Bezug auf Hollywood und Sirk, oder die Verweise auf romantische Vorbilder bei E.T.A. Hoffmann später etc.) – aber dann transportiert es sich für mich nicht so, dass ich zum Beispiel sagen würde, ich müsste mir „Alphacity“ jetzt noch ein drittes Mal ansehen oder Weiterempfehlen…

    Deshalb: Ich meine die Kritik nicht als Kritik an Fehlern, sondern aus meiner Überzeugung, dass ich damit nicht so viel anfangen kann, wie etwa mit den FIlmen von Peter Fleischmann (den ich sehr schätze, der aber von anderen auch wieder abgelehnt wird), etwa in „Das Unheil“ oder „Die Hamburger Krankheit“. Von daher gehe ich ausschließlich von meinen Voraussetzungen aus, nicht von „Schubladisierungen“, wie du es nennst. Diesem Satz von dir kann ich deshalb auch nicht ganz folgen: „Dem wird man einfach gar nicht gerecht, wenn man ihn an irgendwelchen bestehenden Maßstäben misst.“ Genau das ist es doch, was jeder macht, der Filme sieht. Ich habe mich intensiv mit dem europäischen Kino, Exploitation wie Autorenfilm, beschäftigt, mag Fleischmann, Reitz, Hauff, sehr gerne Michael Verhoeven, mag nicht Schlöndorff (dessen FIlme mir immer bieder vorkommen). Und natülich bringe ich diese Rezeptionshaltung in die Einordnung und Bewertung des Films ein. Ein anderer hat sich vielleicht mit Film Noir, Wenders, Dominik Graf beschäftigt und er hat andere Maßstäbe, aber gerade das macht doch den AUstausch reizvoll. Ich glaube, die dünne Linie liegt eben zwischen dem subjektiven Urteilsvermögen (welches für mich hier „nein“ sagt) und einer Anlegung von Wertmaßstäben (die ich grundsätzlich nicht betreibe, ich finde zum Beispiel „L’Ultimo Squalo“ sehr unterhaltsam, auch wenn er recht ideenarm sein mag). Es ist ja gerade, dass ich vieles mag an dem Film, das ich deshalb finde, dass die Puzzleteile sich für mich nicht fügen. Das andere das anders sehen (vor ihrem Horizont) mag so sein. Das ist aber ein subjektives Geschmacksurteil und kein scharfrichterliches Werturteil (a la U darf nicht mit E).

    Und klar bleibe ich dem Blog treu, habe zuletzt zum italien. Genrefilm gearbeitet und auch da interessante Artikel gefunden und mir dann irgendwann deine Seite gebookmarked!

    • Oliver sagt:

      OK, habe dich vielleicht missverstanden. Aber das ist eigentlich auch ganz gut, weil es auf kommunikativer Ebene spiegelt, was auch beim Filme-Sehen passieren kann. Bestimmte äußerungen und Ausdrücke aus deinem Kommentar haben gewissermaßen „Schlüsselreize“ bei mir ausgelöst, die verhindert haben, dass ich genauer „nachgelesen“ habe. Das passiert auch bei Film sehr oft, und das ist ugf. das, worauf ich mit meinem Schubladen- und Maßstäbe-Absatz hinauswollte.

      Natürlich misst jeder einen Film bei der Betrachtung an irgendwelchen Maßstäben. Aber üblicherweise sind diese ja nicht fix, sondern flexibel. Manchmal funktioniert es ganz leicht, sie zu justieren, weil ein Film einen mitnimmt – sonst würden wir heute immer noch ausschließlich „Die Sesamstraße“ oder „Biene Maja“ gucken –, manchmal bedarf es mehr Arbeit. Als es damals noch gang und gäbe war, dass Italofilme auf RTLplus liefen, habe ich Idiot die noch als „Schrott“ verlacht. Es brauchte erst Christian Kesslers liebevoll archäologische Splatting-Image-Artikel, um mir einen Zugang zu ihnen ermöglichen, der nicht auf Ironie gegründet war. Dieses Grenzen- und Maßstäbe-Verschieben ist es auch, was Filme-Sehen für mich erst wirklich reizvoll macht; zu merken, wie die Welt immer größer und die Möglichkeiten, sich visuell mitzuteilen immer zahlreicher werden. Das Herausgerissenwerden, das du beschreibst, bietet ja so einen Ansatz zur Reflexion. Warum lacht man da? Gibt es eine Möglichkeit, die Inszenierung at face value zu nehmen, ohne zu lachen? Of ist es ja so, dass Dinge einem lediglich deshalb aufstoßen, weil sie anders und fremd sind, und nicht so sehr „falsch“.

      Ich habe deine Kritik an ALPHACITY auch nicht als „scharfrichterliches“ Urteil wahrgenommen. Ich versuche nach meiner Sturm-und-Drang-Phase generell Film nicht mehr so dogmatisch zu sehen. Und gerade das Rausgerissen-Werden ist ein Erlebnis, das ich mittlerweile sehr zu schätzen mag. Mancher Film mag das aber nicht so sehr verkraften – und ich bin sehr froh, dass mich meinetwegen HELLRAISER, ALIEN oder BULLITT über die ganze Spielzeit „drinlassen“. 🙂

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