Archiv für April, 2018

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Veröffentlicht: April 27, 2018 in Film, Zum Lesen
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Die neue Ausgabe des Magazins 35MM ist draußen, diesmal als Special zum Thema RKO: Es gibt Artikel zum Traumpaar Ginger Rogers und Fred Astaire, zu David O. Selznick und Merian C. Cooper, Screwball Comedies und zu Orson Welles‘ THE MAGNIFICENT AMBERSONS. Neben vielen weiteren Artikeln rund um das einst glanzvolle Studio, das dann von Howard Hughes heruntergewirtschaftet wurde, gibt es auch die neueste Ausgabe meiner Film-Noir-Kolumne: Ich beschäftige mich diesmal mit Andre de Toths PITFALL! Das Heft kann man hier bestellen: http://35mm-retrofilmmagazin.de/shop/

Ebenfalls neu: das Koch Media-Mediabook von BILL & TED’S BOGUS JOURNEY, dem Sequel zum unerwarteten Kultsmash BILL & TED’S EXCELLENT ADVENTURE, das uns mit Keanu Reeves bekannt machte. Entgegen aller Erwartungen hat sich der Film sehr gut gehalten (von einigen frühen CGI-Abominationen mal abgesehen), steckt voller schöner Ideen und ist tatsächlich nicht einmal halb so doof, wie man das vielleicht befürchtet hatte. Ob man sich mit dem geplanten dritten Teil wirklich einen Gefallen tut, möchte ich zwar ausdrücklich bezweifeln, aber streng genommen hätten ja schon die ersten beiden Filme nicht funktionieren dürfen. Nineties-Nostalgiker, Freunde von Stoner- und Gaga-Komödien und Rockmusik dürfen sich das schön aufgemachte Mediabook ruhigen Gewissens ordern – und bekommen als Bonus einen Aufsatz von mir zu lesen. Volle Kanne, Hoschi!

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OPEN FIRE ist kein besonders guter Film. Es handelt sich um einen Vertreter der in den Neunzigerjahren florierenden DTV-Action, aber es fehlt ihm sowohl die Absurdität als auch der Wahnsinn; Eigenschaften, die so manchen Vertreter des preisgünstigen Genres in die Lage versetzte, mit den großbudgetierten Actionfilmen zu konkurrieren. Andererseits ist es auch diese manifestierte Durchschnittlichkeit, die OPEN FIRE so immens anschaubar macht, zumindest für mich. Ein Film wie Tiefkühlpizza: Wer Genuss oder Nährwert will, ist hier definitiv falsch, aber an manchen Abenden will man halt nicht mehr, als den Ofen anzuschmeißen und sich nach ein paar Minuten etwas Essbares zwischen die Kiemen zu schieben. So funktioniert auch Andersons Film: Man muss sich keine Sorgen machen, während der 90 Minuten überfordert zu werden und danach bleibt garantiert nichts von OPEN FIRE hängen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Aber so lange, wie’s dauert, ist die Chose voll OK – vorausgesetzt, man hat ein Faible für diese Zwei-Wort-Titel-Filme, in denen irgendein muskulöser badass einer Horde generischer Schurken den Arsch versohlt und den Anzugtypen zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

OPEN FIRE ist ein lupenreines DIE HARD-Rip-off (sieht man schon am Poster, das dem Film außerordentlich schmeichelt): Eine Bande von Söldnern überfällt eine Fabrik, nimmt die Angestellten als Geisel und fordert die Freilassung ihres inhaftierten Anführers Stein Kruger (Patrick Kilpatrick), der einen besonderen Terrorplan hat. Nicht auf seiner Rechnung steht allerdings der einsame Ex-FBI-Agent McNeil (Jeff Wincott), dessen Papa (Lee deBroux) die Fabrik führt und der sich deshalb gegen den Befehl der FBI-Agenten auf eigene Faust in den Komplex schleicht, wo er die bösen Buben einen nach dem anderen ausschaltet. Natürlich kann Anderson mit McTiernans Klassiker nicht mithalten, es wäre absurd, dies anzunehmen: Wincott ist kein Willis, Kilpatrick kein Rickman, die traurige Fabrik mit ihren austauschbaren Metalltreppen und Rohren kein Nakatomi Tower. Die Action ist eher bescheiden, besteht darin, dass Wincott den Bösewichten die Fresse poliert, ihnen das Genick bricht, sie erschießt oder aufspießt, und dafür, dass er es mit einer „elite group of mercenaries“ zu tun hat, stellen diese sich ziemlich dämlich an. Einmal geht ein Auto in die Luft, aber viel mehr darf man nicht erwarten: Gemessen an dem irrwitzigen Spektakel, das das Vorbild abfackelte, ist OPEN FIRE eher traurig. Aber eben auch sehr sympathisch. Ich kann nicht anders, als den Mut der Verzweiflung zu honorieren, mit dem sich Anderson der – betrachtet man die ihm zur Verfügung stehenden Mittel – absolut hoffnungslosen Herausforderung stellte, einen der erfolgreichsten und besten Actionfilme seiner Zeit zu kopieren.

OPEN FIRE sammelt darüber hinaus Punkte mit seiner Ansammlung liebenswerter wie infantiler Klischees, die den Betrachter in geradwegs ins Jahr ’94 zurückversetzen. In seiner ersten Szene tritt Wincott als MacNeil mit ölig-freiem Oberkörper, Dreitagebart, Kopftuch, Sonnenbrille und Zigarillo im Mundwinkel als echter Malocher auf, der einem Statisten erst einmal erklärt, wie man einen Motor repariert, bevor er einen Telegrafenmasten hochkraxelt und seinen Papa anruft, der ihn dazu motivieren will eine freie Managementposition in seinem Unternehmen anzutreten. Aber dieser McNeil schleppt seelischen Ballast mit sich herum, wie wir wenig später erfahren: Weil er einen Befehl seines Vorgesetzten missachtete, starb seine Partnerin bei dem Versuch, einen bewaffneten Psychopathen festzunehmen. Bevor wir jedoch seiner quälenden Erinnerungen in einer Rückblende teilhaben, gibt es die obligatorische Kneipenschlägerei, bei der der mittlerweile sauber rasierte und in weit geschnittenes Denim-Wear gekleidete McNeil ein paar Proleten zusammenwichst, die einen tapferen, aber hilflosen Tropf beim Billard bescheißen. Am andere Ende des Spektrums stehen Patrick Kilpatrick als Stein Kruger, was schön evil und deutsch klingt und phonetisch gewiss nicht zufällig dem Namen von Alan Rickmans DIE HARD-Schurken „Gruber“ ähnelt. Die „elite mercenaries“, die der um sich schart, bestehen aus den typischen Verdächtigen: langhaargen Asiaten, kaugummikauenden Grinsfressen, einem blonden Hünen sowie zwei Frauen, die mit der MP in der Hand hoffnungslos überfordert aussehden. Der FBI-Mann ist ein anzugtragender Großkotz, der zwar absolut recht hatte, als er McNeil suspendierte, aber vom Film dafür trotzdem wie ein schlechter Verlierer mit Penisneid behandelt wird, der Knastwärter ein sadistischer Fiesling, der Kruger ständig irgendwelcher Schläger auf den Hals hetzt, weil er zu feige ist, ihm selbst gegenüberzutreten. Der Altman-Veteran Bert Remsen ist auch am Start und wird in den Credits auch an vorderer Stelle genannt, hat aber – wenn ich das richtig im Kopf habe – nicht eine Dialogzeile und tut wenig mehr, als dekorativ, aber deplatziert (und halbdement) herumzusitzen.

Diese Klischees zu zu suchen und abzuhaken ist deutlich unterhaltsamer als der eigentliche Film. Bruce Willis durch die Architektur des Nakatomi Towers turnen zu sehen, ist einfach was anderes, als Wincott dabei zuzuschauen, wie er durch eine Fabrik schleicht und hier und da auf einen doof herumstehenden Bösewicht zu treffen. Zum Showdown geht es dann in einen traurigen Lagerhallenkomplex irgendwo in der Pampa und Kruger wird nicht etwa blutigst hingerichtet, sondern schlicht überwältigt und verhaftet. „Antiklimaktisch“ ist gar kein Ausdruck. Dass angesichts der zahlreichen Verfehlungen des Films mit dem Schlussbild tatsächlich ein Sequel in Assicht gestellt wird, finde ich allerdings wieder ziemlich geil. Leider ist meines Wissens nichts daraus geworden. Würde ich mir auch auf jeden Fall geben.

 

und wieder ist morbid movies

Veröffentlicht: April 18, 2018 in Film, Veranstaltungen
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Das aus einer Schnapsidee heraus geborene Festival geht in die dritte Runde. Andere beschwören die Liebe, wir preisen die Verachtung. Im KommKino in Nürnberg bauen wir ein Denkmal für Schmutz, Schund und Schmuddelkram. Nur die Härtesten der Harten erhalten Eingang – und können sich Hoffnungen machen, unbeschadet wieder nach Hause zu gehen. Wer meint, Film habe etwas mit Poesie zu tun, mit Geist und Kunstfertigkeit, den möchten wir an drei schmerzhaften Tagen eines Besseren belehren: Der Zelluloid-Einlauf, den wir ihm verpassen, wird blutigen Stuhl zur Folge haben, explosionsartiges Erbrechen und natürlich schweißtreibende Albträume. Das Programm? Wird jetzt noch nicht verraten. Nur so viel: Es gibt dumpfe Serienmörder, dampfende Eingeweide mampfende Eingeborene, notgeile Zwerge, frontalasoziale Punks, eklig-berüchtigten Mondokram und vielleicht noch mehr. Wer nicht dabei ist. hat wahrscheinlich Recht gehabt.

Meine Liebe zum generischen DTV-Actionkino muss ich hier nicht mehr groß ausbreiten. Auch MISSION OF JUSTICE ist wieder so ein „Werk“, das mein Herz gar nicht wirklich erobern muss, weil es sich meiner grundsätzlichen Sympathie schon sicher sein kann und nur noch die schwungvolle Abfolge von gut abgehangenen Plotklischees, Kampfszenen, steingesichtigen Schurken, liebenswerter Drehbuchidiotie und budgetbedingter Limitierung zu liefern braucht. Wer den Exploitationfilm hingegen vor allem deshalb schätzt, weil er immer auch ein großes Experimentierfeld und Filmemachern fernab der großen Studios Möglichkeiten der Selbstverwirklichung bot, der kann MISSION OF JUSTICE  links liegen lassen. Inszenatorisch zieht Barnett nicht die Butter vom Brot, visuell betrachtet war Meister Schmalhans Küchenmeister und C-Lister Jeff Wincott ist auch nicht gerade der Martial-Arts-Gott, von dem man jeden Roundhouse-Kick gesehen haben muss. Aber der Film hat mich mit der unaufgeregten Art, mit der er seine hanebüchene Story darbietet, trotzdem mühelos eingefangen.

Im fiktiven Örtchen Eastgate (gedreht wurde in eher anonym aussehenden Teilen von L.A.) verrichtet der tapfere Cop Kurt Harris (Jeff Wincott) seinen Dienst: Sein auf Konflikt gebügelter Vorgesetzter Duncan (Christopher Kriesa) legt ihm aber immer wieder Steine in den Weg. Die grassierende Gewalt auf den Straßen macht sich auch Dr. Rachel Larkin (Brigitte Nielsen) zunutze: Mit dem Erfolg ihrer „Mission of Justice“, einer Mischung aus Bürgerwehr und Sekte, deren Philosophie auf ihren eigenen Lebenshilfe-Ratgebern fußt (Yin-Yang inklusive), will Larkin sich zur Bürgermeisterin wählen lassen. Eines ihrer Werkzeuge ist der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Cedric Williams (Tony Burton), auch ein Kumpel von Kurt: Seine Popularität will sie für sich ausschlachten, doch der alternde Boxer hat keine Lust mehr auf ihre miesen Geschäfte. Es kommt, wie es kommen muss: Als der vom Dienst suspendierte Harris von der Ermordung des Freundes erfährt, schleust er sich in die „Mission of Justice“ ein …

Die Inhaltsangabe liest sich schon wie die zu tausend anderen Filmen und so setzen sich die Déjà Vus auch auf der Mikroebene der Handlung fort: Supercop Kurt (Muskelshirt, Lederblouson und Wildleder-Cowoboystiefel zur Jeans) hat die Faxen dicke von den ständigen Gängeleien, von doofen Regeln und nachsichtigen Richtern. Nachdem er seinen Job geschmissen hat, besucht er das Gym seines alten Freundes Cedric, um erst einmal ordentlich zu pumpen. Kaum hat er das schäbige Etablissement verlassen, tauchen Larkin und ihre Schergen auf (darunter der hünenhafte Matthias Hues) und machen kurzen Prozess mit Apollo Creeds Ex-Trainer. Natürlich wird die Tat von einem der sogenannten „Peacemaker“ der „Mission of Justice“ beobachtet, doch der traut sich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die teuflische Larkin ein perfides Netz aus Überwachung und Strafe gesponnen hat. Wenn Kurt vom Tod von Cedric erfährt, begießt er die Trauer mit Whiskey und herzt das Foto, das ihn mit dem Freund zeigt. Das Vertrauen von Larkin erschleicht er sich, weil just im Moment seiner Bewerbung drei Rockertypen auftauchen, um Ärger zu machen, von Kurt aber mit Fausthieben und Tritten ruhigestellt werden. Bis zur Enttarnung der Schurkin, die auch vor dem Mord an einem alten Mütterchen nicht Halt macht (der Oma des Zeugen), gibt es die üblichen Versatzstücke: Kurt hat eine brutale Aufnahmeprüfung zu bestehen, er schleicht auf der Suche nach Beweisstücken in der Firmenzentrale herum, manipuliert eine Überwachungskamera und findet ein belastendes Video (das der Einfachheit halber unmissverständlich beschriftet ist). Außerdem geht er mit den anderen Peacemakern auf Tour durchs Viertel und räumt bei der Gelegenheit ein bisschen auf: Der Actionhöhepunkt des Films ist eine ausgedehnte Keilerei in einer illegalen Autowerkstatt, bei der unter anderem auch Kettensäge, Bohrer und Hebebühne zum Einsatz kommen und die kein Ende zu nehmen scheint.

Was MISSION OF JUSTICE an Finesse und Feinschliff vermissen lässt, macht er mit Einsatz wieder wett: Die choreografisch eher mittelprächtigen Fights steigern sich zu wahren Prügelorgien, bei denen die „Helden“ jede Hemmung verlieren und die erschrockenen Gesichter ihrer Gegner wie Irre mit Schlägen bearbeiten. Des Eindrucks, dass da so Einiges kompensiert wird, kann man sich nur schwer erwehren. Schön auch, dass Gleichberechtigung hier nicht nur ein Lippenbekenntnis ist: Die beiden kämpfenden Damen des Films – Kurts Partnerin Lynn (Karen Sheperd) und Larkins „Analystin“ Erin (Cyndi Pass) – gehen mit derselben Blutgier aufeinander los wie ihre männlichen Kollegen. Der Augenblick, in dem Lynn einen Schreibtisch zu Hilfe nimmt, um für einen eingedrehten Sprungkick in die Fresse ihrer Kontrahentin den richtigen, die Wirkung maximierenden Einfallwinkel zu bekommen, war vielleicht mein persönliches Highlight des Films. Aber die armselig kopierten Schwarzweiß-Wahlposter, die Larkin und den abgehalfterten Ex-Boxer zeigen und der große Coup ihres Wahlkampfes sein sollen, sind auch ziemlich toll. Und das alles präsentiert Barnett ohne Augenzwinkern, anscheinend ohne jedes Bewusstsein für die inhärente Absurdität seiner Geschichte und ihrer Klischees. Das ist einfach wunderbar.

Dieser Tage ist Ruggero Deodatos von der Cannon produzierte Fantasyfim DIE BARBAREN als Mediabook bei Koch Media erschienen. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich dafür mal wieder einen Audiokommentar eingesprochen und das Booklet beigesteuert. Wem das als Kaufanreiz noch nicht reich, den überzeugt vielleicht die Tatsache, dass Deodatos Frühwerk FENOMENA E I TESORO DI TUTANKAMEN (zu Deutsch: FENOMENAL UND DER SCHATZ VON TUTANCHAMUN) enthalten ist.

Außerdem möchte ich noch auf die kleine, aber feine Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück: die anderen 60er Jahre“ hinweisen, die man sich derzeit im Freilichtmuseum Detmold anschauen kann. Anhand von mehreren gestifteten Alltagsgegenständen aus den Sechzigern wird ein sehr konkretes und auch emotionales Bild von einem Jahrzehnt gezeichnet, das längst nicht nur aus Hippies und Mondlandungen bestand. Für den gleichnamigen Ausstellungsband durfte ich einen Aufsatz zu den Karl-May-Filmen jener Zeit verfassen, die das deutsche Publikum damals in Scharen in die Kinos lockten und eine bessere Welt voller Edelmut, Tapferkeit, Romantik und Abenteuer erträumten. Mehr zur Ausstellung gibt es hier: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/ausstellungen/sonderausstellungen

In den USA startete BACKFIRE gleich im Fernsehen, während er hierzulande auf Video ausgewertet wurde – und mir in Form eines schön reißerischen Trailers mehrfach über den Weg lief: In Deutschland reüssierte der Film als FINAL NIGHT. Der technisch über jeden Zweifel erhabene Neo Noir von Gilbert Cates gewinnt zwar garantiert keine Originalitätspreise, dennoch vermisse ich die Zeit, als solche erstklassig besetzten, erwachsenen und gimmickfreien Thriller gedreht wurden, von Filmemachern, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten und sich in einer filmischen Tradition sahen. Cates zum Beispiel merkt man die Begeisterung für den Noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre an und seine erzählerischen Innovationen ergeben sich organisch aus der Fortentwicklung dieser Traditionen, nicht aus irgendwelchen „krassen“ Ideen, die auf Gedeih und Verderb übergestülpt werden, um irgendwelche Trends zu befriedigen oder Kids ins Kino zu ziehen, die sich mehr für Comics, Videoclips oder Dating-Apps interessieren.

Der eigentlich Witz an BACKFIRE ist, dass er einen Noirstandard adaptiert und dessen Plotverlauf gewissermaßen doppelt. Der Film fängt an einer Stelle an, wo seine ideellen Vorläufer üblicherweise enden: Mara (Karen Allen) ist mit dem wohlhabenden Donnie (Jeff Fahey) verheiratet und wohnt mit ihm in einer riesigen Villa in seinem Heimatort. Alles könnte gut sein, doch Donnie wird die Schreckensbilder des Krieges nicht los, hat Albträume, trinkt, ist kaum noch unter Leute zu bringen – und paranoid. Als Mara ihn eines Abends allein zu Hause lässt, erleidet er einen besonders schlimmen Anfall – bei dem Mara gemeinsam mit ihrem Lover Jake (Dean Pal Martin) kräftig nachgeholfen hat, um ihn in den Selbstmord zu treiben und sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen. So weit so gut, doch der Plan geht doppelt schief: Nicht nur überlebt Donnie und sitzt nun im Stadium der Katatonie im Rollstuhl, eine Urkunde verdonnert Mara auch dazu, ihn zu pflegen, wenn sie einen Anspruch auf seinen Besitz haben möchte. Verbittert beißt sie in den sauren Apfel und bändelt nur wenig später mit dem drifter Reed (Keith Carradine) an, der wie aus dem Nichts im Ort auftaucht …

BACKFIRE ist ein morality play, dessen Crime-does-not-pay-Botschaft in Verbindung mit einigen drastischen Bildern etwas an die EC-Horrorcomics erinnert. Der Spieß wird im weiteren Verlauf des Films erwartungsgemäß zu Ungunsten von Mara umgedreht, wobei gerade Donnies Vietnamvergangenheit, die für seinen Absturz verantwortlich war, auch bei seiner Vergeltung eine wichtige Rolle spielt. Die Geschichte erhält ihre Ambivalenz aus dem Charakter Maras: Wir verstehen sie und sympathisieren in gewisser Weise mit ihr. Auch wenn ihr Plan, den Ehemann in den Selbstmord zu treiben, nicht gerade freundlich ist, wir erkennen sie eher als Getriebene: Donnie ist ein Waschlappen, unfähig, selbst einen Weg aus seiner Krankheit zu finden, aber auch nicht bereit, sich helfen zu lassen. Seine Unzufriedenheit lässt er dann immer wieder an seiner Gattin aus, für die kaum noch Raum zur Entfaltung bleibt. In der Enge des Heimatorts ist sie zudem immer noch die Schlampe aus ärmlichen Verhältnissen, die sich damals mit ihren Hexenkräften den „golden boy“ unter den Nagel gerissen hat, um von seinem Reichtum zu profitieren. Niemand kommt ihr zur Hilfe, auch wenn alle wissen, in welch erbarmungswürdigem Zustand sich Donnie befindet.

Das unumstrittene Highlight von BACKFIRE ist die opulente Kameraarbeit von Tak Fujimoto, der immer wieder das prachtvolle Anwesen umkreist, die Natur des nordamerikanischen Nordwestens im Hintergrund einfängt und dem es wunderbar gelingt, die emotional-sexuell aufgeladene Atmosphäre in gleichermaßen heiße wie kalte Bilder zu übersetzen. Gleiches gilt für den Score von David Shire, dessen orchestrale Pracht das private Drama zum Lehrstück über die Conditio humana erhebt. Der Mensch ist des Menschen Wolf und wenn man kein Glück hat, kommt meist auch noch Pech dazu: Gut, wenn man einen Buddy aus Vietnam hat. BACKFIRE hat mich nicht zuletzt nostalgisch gestimmt: Leute wie Allen, Carradine oder Fahey würden heute wahrscheinlich maximal eine Nebenrolle in einer Fernsehserie angeboten bekommen – und da kann man mir erzählen, was man will: Formal spielen die in einer anderen, nämlich tieferen Liga. Zugegeben, BACKFIRE repliziert einige heute etwas überkommen scheinende Rollenklischees: Carradine darf den geheimnisvollen drifter als tequilatrinkenden, markige Sprüche reißenden man’s man interpretieren, der dem Fettsack in der Truckerkneipe die Fresse poliert und die leading lady mit seinem sehnigen Körper in den Wahnsinn treibt. Und Fahey weiß zweifellos, was seine stahlblauen Augen wert sind. Selbst als sabbernder Wachkompatient sieht er noch makellos aus – der einzige echte Haken des Films. Als Maras Lover ist Dean Paul Martin zu sehen, Dean Martins Sohn, der kurze Zeit nach Ende der Dreharbeiten mit seinem Kampfflugzeug an einem Berg zerschellte. Er begleitete meine Jugend mit der hübschen, aber kurzlebigen Serie MISFITS OF SCIENCE, die als DIE SPEZIALISTEN UNTERWEGS auf RTL lief. MIttelpunkt des Geschehens ist aber eindeutig Karen Allen. Man kennt sie ja in erster Linie als kulleräugige Freundin von Indiana Jones in RAIDERS OF THE LOST ARK, aber hier zeigt sie, dass sie auch in einer ambivalenten Rolle als Schurkin zu überzeugen weiß. Ein wirklich schöner Film.

Der internationale Verleihtitel FINAL JUSTICE klingt nach generischer Neunzigerjahre-DTV-Actiongülle (die Übersetzung des Originaltitels THUNDERBOLT VANGUARD hingegen wie ein Schwulenporno um Sprengstoffexperten), dabei ist Parkman Wongs Film mit Danny Lee und dem gerade 26-jährige Stephen Chow hochkarätig besetzt. Beide spielen, ganz nach der damals populären Buddyfilm-Formel, zwei ungleiche Partner im Kampf gegen eine Verbrecherbande: Lee ist Sergeant Cheung, tough bis zur Karikatur, auf Regeln pfeifend und immer mit seinem Motorrad unterwegs, Chow der Kleinkriminelle Ah Wai, der sich mit den bösen Buben eigelassen hat und von Cheung nun zur Mithilfe verdonnert wird.

Komödiantische Elemente überwiegen, die Action wird eher sparsam eingesetzt (dann aber mit ein paar schönen Einschüssen), vor allem, wenn man sie mit den Filmen der großen Actionspezialisten Hongkogs vergleicht,etwa mit denen von John Woo, in dessen Meisterwerk DIE XUE SHUANG XIONG Lee nur wenige Jahre später in einer deutlich ernteren, gewichtigeren Rolle zu sehen war, oder bedenkt, dass mit Chow ein Darsteller zur Verfügung stand, der für seine große Martial-Arts-Artistik bekannt ist: Er darf von diesem beachtlichen Talent überhaupt nichts zeigen, muss stattdessen den gutmütigen Taugenichts spielen, der vom adrenalinsüchtigen Cheung von einer brenzligen Situation in die nächste getrieben wird.

Das ist leider eher langweilig, weil PIK LIK SIN FUNG strikt nach Formel abläuft und das einzige, was aufmerken lässt, Danny Lees bescheuerter Cop und diverse bizarre Modererscheinungen sind. Manchmal habe ich den Eindruck, die Achtziger waren in Hongkong am achtzigerigsten: Danny Lee trägt eine unfassbar Deppenfrisur zur Schaue, die ihn aussehen lässt wie Moe von den Drei Stooges, er wohnt in einer Garage, trägt ständig Lederjacke und Sonnenbrille, hat einen frivolen Zigarettenspender und liegt, wie könnte das anders sein, im Clinch mit dem geleckten Vorgesetzten. Chows Ah Wai hingegen ist eher so der verspielte modebewusste, was man an seinem Jeansblouson sieht, auf dessen Rücken bunte Knöpfe eine „Fuck“ formen. Später trägt er dann eine Jacke, an deren Revers zwei anthropomorphe Plüschherzen gepinnt sind – einer der idiotischeren „Trends“ eines an solchen nicht armen Jahrzehnts. Viel mehr ist leider nicht hängen geblieben.