Mit ‘Science Fiction’ getaggte Beiträge

Diese Fortsetzung zu FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON war mein allererster Kaijû. Es muss so 1984 gewesen sein, der Film lief zur besten Sendezeit im Sommerprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (was anderes gab es ja eigentlich auch noch nicht), nicht irgendwo im Spät- oder Frühstücksprogramm eines Privaten versteckt oder gar als lustiger Schrott im Rahmen einer Schiene wie SchleFaZ verheizt, sondern als selbstbewusst angekündigte Abend-Attraktion für ein erwachsenes Publikum. Die Szenen, wie der „Grüne“ mit einer Riesenkrake ringt, von oben durch die Wasseroberfläche beim Auftauchen gezeigt wird oder am Horizont mit den Tauen und Netzen verzweifelter Fischer kämpft, haben damals mächtig Eindruck auf mich gemacht – so sehr, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe.

Auch beim Wiedersehen hat mir das erste Drittel von Hondas Film am besten gefallen. Die Eröffnungsszene mit der Krake ist spitzenmäßig, genau jene Mischung aus grellem Groschenroman-Pulp und wohligem Grusel, die es heute eigentlich gar nicht mehr gibt, die Effekte um den „Grünen“ und seine Attacken auf Städte und Flughäfen sind einfach wunderschön anzuschauen. Addiert man dazu die hoffnungslos naiven bis hirnrissigen „Wissenschafts“-Dialoge zwischen Russ Tamblyns Dr. Paul Stewart (auf Deutsch seltsamerweise Dr. Kitei) und seinen Gehilfen, ergibt das einen herrlich unschuldigen Spaß, der wie gemacht ist für einen Sonntagvormittag. Ich bedauere es wirklich, nicht mehr die Zeit erlebt zu haben, als die japanischen Monsterfilme in den Matineen der Lichtspielhäuser von begeisterten Kindern abgefeiert wurden, aber immerhin hatte ich das Glück, sie noch im Fernsehen sehen zu können. Wie bemitleidenswert sind da doch heutige Generationen, die darauf bauen müssen, einen Verwandten mit Geschmack in ihrer Familie zu haben, der sie in diese farbenfrohe Welt der Riesenmonster und der schnarchnasigen „Frankenstein-Experten“ in ihren weißen Wisschenschaftler-Kitteln einführt. Gibt es besseres Entertainment für Kinder als die japanischen Kaijûs? Ich glaube nicht.

Diese Überzeugung wird auch dadurch nicht abgeschwächt, dass ich die ellenlangen Balgereien, auf die die meisten Kaijûs hinauslaufen, immer etwas ermüdend finde. Viel lieber würde ich die Seiten tauschen, in einen der klobigen Gummianzüge schlüpfen und selbst durch die liebevoll aufgebauten Miniaturstädte und -wälder pflügen. Ich weiß allerdings nicht, ob ich zum Monster getaugt hätte: Wahrscheinlich hätte ich zu viel Respekt vor der Arbeit der Modellbauer gehabt, als dass ich sie guten Gewissens hätte zertrampeln mögen. Ich frage mich, was es mit einem Menschen macht, wenn er – so wie Haruo Nakajima, der hier den „Grünen“ spielte, aber auch etliche Male den Godzilla verkörpern durfte – immer wieder die göttliche Perspektive eines Giganten einnimmt, auf Wolkenkratzer herabschaut, Straßen, Brücken und Autos zertrampeln darf. Wie seltsam muss das gewesen sein, nach einem Arbeitstag in seine normalen Klamotten zu schlüpfen und in den Alltag hinauszutreten, in dem man plötzlich genauso groß war wie alle anderen? In meinem Kopf sehe ich eine Tragikomödie vor mir, die sich genau um einen solchen Menschen dreht, einen Mann der mit der Differenz klar kommen muss, im echten Leben auf Normalgröße zu schrumpfen und der dann in seinem Monsterkostüm durch die Straßen läuft. Das wäre ein toller Film, den ich gern sehen würde! Bis es dazu kommt, gibt es aber glücklicherweise noch ein paar Kaijûs, die dafür sorgen, dass ich mir ein Stück kindliches Gemüt bewahre.

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Über zehn Jahre sind seit dem letzten Godzilla-Film, Ryuhei Kitamuras GOJIRA: FAINARU WOZU, vergangen – die längste Pause, die das Franchise bisher eingelegt hat. Mit Hideaki Annos und Shinji Higuchis SHIN GOJIRA tritt es in das vierte Evolutionsstadium ein: Die letzten „Reboots“ erfolgten 1984 und 1999. Eine Fortsetzung ist bereits angekündigt und man darf jetzt schon gespannt sein, wohin die Reise gehen wird, denn eines ist sicher: SHIN GOJIRA ist anders, ein Querschläger nicht nur innerhalb des Kaiju Eigas, sondern des Monster- oder Katastrophenfilms überhaupt. Man merkt ihm zwar in jeder Sekunde an, dass er an das anknüpfen möchte, was Ishirô Honda mit seinem Original 1954 so bravurös gelang, doch er geht dabei noch einen ganz Schritt weiter. Ob man das Ergebnis als „unquestionable Godzilla“ bewertet, wie es das Online-Magazin „Bloody Disturbing“ getan hat, oder der Meinung ist, SHIN GOJIRA sei „kein Godzilla-Film“ (willkürlicher Facebook-Kommentar), hängt wohl in erster Linie davon ab, was man mit der Serie verbindet: einen düsteren Katastrophenfilm mit Monster als Atombomben-Allegorie oder lustigen Quatsch mit Männern, die sich in Gummikostümen durch liebevolle Miniatursettings prügeln. Wer letzteres für den wahren Jakob hält, der wird von SHIN GOJIRA tatsächlich verprellt werden: Nur stellt sich auch die Frage, was er eigentlich von Ishirô Hondas Klassiker hält. Anno und Higuchi haben einen Film vorgelegt, der Hondas Ideen mit beeindruckender Konsequenz für das Jahr 2016/2017 aufbereitet. Was sie geleistet haben, ist beachtlich und überraschend, wenn man ihnen auch ankreiden muss, dass ihre Vision nicht über die volle Spielzeit von 120 Minuten eine vergnügliche Angelegenheit ist. Vielleicht haben sie es sogar zu weit getrieben mit ihrem Realismus.

SHIN GOJIRA eröffnet mit einer Eruption vor der japanischen Küste, bei der starke radioaktive Strahlung und enorme Temperaturen gemessen werden. Während sich die Autoritäten darüber streiten, was die Ursache für das rätselhafte Phänomen sein könnte, kriecht ein gigantischer Dinosaurier an Land und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her, bis er sich schließlich in einen aufrecht stehenden Giganten verwandelt. In den Beratungszimmern der Regierung qualmen die Köpfe, werden Posten aufgegeben und neu verteilt, im Hintergrund der Debatten steht auch immer die Aussicht, mit der richtigen Entscheidung Karriere machen zu können. Als Versuche, das „Godzilla“ getaufte Monstrum mit Militärgewalt zu stoppen, scheitern, werden die internationalen Partner um Hilfe gebeten. Die einzige Chance scheint eine Wiederholung der japanischen Schmach aus dem Zweiten Weltkrieg: der Abwurf einer Atombombe über Tokio. Doch die Männer um den Task-Force-Leader Yaguchi (Hiroki Hasegawa) wollen noch nicht aufgeben …

Ein großer Teil der Laufzeit von SHIN GOJIRA spielt sich in den Konferenz- und Beratungszimmern der Mächtigen ab und in ihren Diskussionen geht es um die politischen Folgen und Nebeneffekte ihrer Entscheidungen, die Auswirkungen auf das Standing Japans im Kreis der Industrienationen und natürlich das Selbstverständnis des Landes. Das ist mitunter trocken, oft ermüdend, aber nicht nur im Rahmen eines Kaiju Eigas auch höchst ungewöhnlich und mutig. Der Realismus und Detailreichtum, die SHIN GOJIRA anstrebt und erreicht, erinnert mitunter an den Politthriller oder den Dokumentarfilm. Mehr als die Frage, wie Godzilla besiegt werden kann oder woher er kommt, beschäftigt ihn die Frage, wie eine moderne Industrienation mit einer solchen Bedrohung überhaupt umgehen kann und würde. Die menschlichen Protagonisten der frühen Filme hatten es leicht: Sie konnten das Militär rufen, ernteten dafür den Beifall der Massen und wenn die ersten Schüsse ihre Wirkung verfehlten, ging man ohne langes Federlesen zur Atombombe über. Etwaige politische Verbündete oder Verpflichtungen, die dem im Weg standen, gab es nicht. Langfristige Folgewirkungen auch nicht. Wie anders gestaltet sich das in SHIN GOJIRA: Hier bringt jeder Lösungsvorschlag neue Probleme mit sich und neben den unmittelbaren, kurzfristigen Folgen müssen auch die mittelbaren, langfristigen bedacht werden. Zum Haareraufen.

Das kann man durchaus langweilig finden (vor allem, wenn man am Kaiju Eiga die Schlagkraft und den Witz liebt) und es dauerte auch bei mir eine ganze Weile, bevor ich mich auf das gemächliche Tempo und die Schlagrichtung des Films eingestellt hatte. Dann allerdings fand ich SHIN GOJIRA höchst faszinierend in seiner Weigerung, den unzähligen Fans pralle Monsteraction zu liefern, sich stattdessen in einen wahren Papier- udn Argumentekrieg zu stürzen. Was übrigens nicht bedeutet, dass es hier nicht auch ziemlich großartige Bilder apokalyptischer Verwüstung zu sehen gäbe. Godzilla sieht überhaupt ziemlich fantastisch aus und hat einige neue Tricks auf Lager, die großes Effektspektakel gewähren. Aber eine Persönlichkeit hat er nicht: Er ist ein „Monster“ im Wortsinn, ein Zeichen, ein erzählerisches Mittel, eine Allegorie für etwas anderes. Die Demütigung der Atombombe ist noch nicht vergessen, aber dieser Godzilla lässt sich nicht eineindeutig übersetzen. Er ist die herkulische Aufgabe, vor der sich Japan, aber eigentlich alle Staaten nicht drücken können, die sie fürchten, weil es keine sauberen Lösungen gibt, die schmerzhafte Opfer fordert, aber dennoch angegangen werden muss. Hauruck-Lösungen werden eher nicht zum Ziel führen, man muss den langen, schweren Weg beschreiten. Das darf man sich gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl noch einmal hinter die Löffel schreiben.

gojira tai megaro (jun fukuda, japan 1973)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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Der 13. und drittletzte Godzilla-Film der klassischen Reihe gilt Fans und Kennern als einer der schwächeren. Man merkt ihm an, dass man dem Konzept, das die Reihe über 20 Jahre lang getragen hatte, nämlich den freundlichen Saurier in immer absurderen Plots gegen immer neue Gegner antreten und die Erde retten zu lassen, nicht mehr so recht vertraute. In GOJIRA TAI MEGARO – zu deutsch: KING KONG – DÄMONEN AUS DEM WELTALL – taucht der Titelheld erst sehr spät auf, während das eigentliche Interesse dem farbenfrohen Roboter Jet Jaguar gilt, in der deutschen Synchro hinrissigerweise „King Kong“ genannt. Außerdem wirkt der ganze Film seltsam entvölkert, keine Spur mehr von den apokalyptischen Monsterschlachten in denen Tokio erst evakuiert und dann verwüstet wurde und eine große Protagonistenschar bangen Blickes gen Horizont schaute, wo sich das Schicksal der Menschheit im Zwei- oder Mehrkampf der Giganten entschied. Hier sind es der Wissenschaftler Goro (Katsuhiko Sasaki) und sein Bruder Hiroshi (Yutaka Hayashi) sowie Goros Sohn Rokuri (Hiroyuki Kawase), die es in ihrer tristen Neubausiedlung irgendwo im Nirgendwo mit unterirdischen Kräften zu tun bekommen.

Atomversuche verursachen ein Erdbeben, nach dem die Bevölkerung des einst versunkenen Kontinents Seetopia die Schnauze voll hat: Sie schicken sowohl die Monsterschabe Megaro (deutsche Fassung: Megalon) als auch ein paar Häscher, die den Superroboter Jet Jaguar, eine Erfindung Goros, entführen sollen. Jet Jaguar widersetzt sich den Übernahmeversuchen der Seetopier, die von dem stark behaarten König Antonio (Robert Dunham) angeführt werden, wächst auf Riesengröße und stellt sich Megaro. Weil die Schabe den Kampf zu verlieren droht, wird auch noch Geigan aktiviert, während es Jet Jaguar gelingt, Godzilla zu Hilfe zu rufen. Es kommt wie es kommen muss: zum großen Vierkampf der Monster.

Dass die Kaiju Eigas um Godzilla und Konsorten in erster Linie ein riesengroßer Schwachsinn sind, der das Kind im Manne oder in der Frau weckt, ist ja kein Geheimnis: Wer nicht vor Freude jauchzt, wenn sich erwachsene Männer in fantasievollen Gummianzügen durch detailreiche Miniaturlandschaften kloppen, alldieweil die menschlichen Protagonisten haarsträubenden, pseudowissenschaftlichem Unfug labern, der verbergen soll, dass das alles ein riesengroßer Stuss ist, mit dem muss irgendwas schief gelaufen sein. GOJIRA TAI MEGARO gelingt das eindrucksvolle Kunststück, sogar noch greller und noch beknackter zu sein als die vorangegangenen Teile. Gleich zu Beginn paddelt der kleine Rokuri auf einem quietschbunten Tretboot in Fischform herum, im höchst eigenwillig geschnittenen, farbenfroh bemalten Haus der Männer-WG hängen völlig sinnfreie Dekowürfel an Ketten von der Decke, die Robotererfindung Goros wird immer dann, wenn es dem Plot passt, um neue Eigenschaften erweitert: Einmal verweigert Jet Jaguar seinem Herrn den Dienst, weil der einen Mechanismus eingebaut hat, der es dem Roboter erlaubt, auf eigene Verantwortung zu handeln, wenn es ihm denn so passt. Very clever. Dann sind da noch die Geschichte um den versunkenen Kontinent mit seinem haarigen König, der mit weißen Stretchhosen, Toga und Metallstirnband aussieht wie ein Pornovideothekar, der sich für eine Ballettvorführung aufgebrezelt hat, und natürlich die beiden Monster Megaro und Geigan, die auch eher zu den unglücklichen Schöpfungen der Toho zählen. Die Motte spielt mit ihren komischen Metallhänden Backe-backe-Kuchen, Geigan trägt eine höchst beachtliche Plauze vor sich her. Das alles macht einfach Spaß, ganz besonders an einem Samstag-Vormittag im Kino unter enthusiasmierten Menschen, die sich das kindliche Gemüt und die Fähigkeit, sich über solchen Quatsch zu freuen, bewahrt haben.

spontaneous combustion (tobe hooper, usa 1990)

Veröffentlicht: September 16, 2017 in Film
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Der Mythos der spontanen Selbstentzündung beruht laut Wikipedia auf Funden von teilweise verbrannten Leichen, deren Umgebung keinerlei Anzeichen auf ein Feuer zeigte. Es gibt jedoch keinerlei wissenschaftliche Belege oder gar Augenzeugenberichte dafür, dass Menschen plötzlich ohne Grund in Flammen aufgehen, wohl aber Erklärungen dafür, wie es zu den rätselhaften Verbrennungen kommen konnte. Für seinen Film von 1990 nahm sich Tobe Hooper der urbanen Legende an: Zwar heißt es dort einmal über das Phänomen „it happens all the time“, doch dafür sind alle, die damit konfrontiert werden, ziemlich unentspannt. Noch nicht einmal im Krankenhaus, weiß man, was man mit dem dampfenden Typen machen soll.

SPONTANEOUS COMBUSTION ist im Grunde genommen ein Superheldenfilm, nur ohne bunte Kostüme und Heldentaten: Er beginnt mit einer klassischen Origin Story und einer Rückblende in die Fünfzigerjahre, in denen das junge Ehepaar Brian (Brian Bremer) und Peggy Bell (Stacy Edwards) sich während der Zündung einer Atombombe zu Testzwecken in einen Bunker sperren lässt. Beide zeigen danach keine Anzeichen von radioaktiver Verseuchung, doch Monate später, kurz nach der Geburt ihres Sohnes, gehen beide ohne jede Vorwarnung in Flammen auf. Jahrzehnte später, David (Brad Dourif) ist mittlerweile erwachsen und Lehrer, schießt während eines Wutanfalls Feuer aus seinem Finger. Die Attacken werden immer schlimmer und noch dadurch begünstigt, das einige Menschen Kapital aus seiner Krankheit schlagen zu wollen scheinen. Ist David Teil einer Verschwörung, die Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreicht?

Ich wollte SPONTANEOUS COMBUSTION wirklich mögen, aber richtig befriedigend ist der Film nicht. Es ist schön, Brad Dourif mal in einer Haupptrolle zu sehen, die Effekte sind, wenn auch manchmal etwas fadenscheinig und krude, doch meist recht effektiv, originell und mitunter verstörend und auch visuell hat der Film, dem man ansieht, dass kein üppiges Budget hinter ihm stand, einiges zu bieten: Zeitgeist- und Designfanatiker werden angesichts Requisiten wie das von einer Neonröhre beleuchtete Glastelefon oder die Glasbausteine im türkisfarbenen Badezimmer gewiss frohlocken. Aber irgendwie kommt SPONTANEOUS COMBUSTION einfach nicht aus dem Quark, er bleibt uninvolvierend und kalt, zäh und träge. Brad Dourif, dem ich die Hauptrolle von Herzen gönne und der seine Sache gut macht, ist ein Teil des Problems: Er taugt einfach nicht als Held, weil er dafür zu linkisch und sonderbar ist. Er bleibt weitestgehend passives Opfer seiner „Krankheit“, was bedeutet, dass der Film sich entfaltet wie das Drama über einen Todgeweihten. So weit, so gut, nur taugt das „Fire Syndrome“ (so der deutsche Verleihtitel) nicht recht dazu, großes Mitleid mit ihm zu evozieren, zu absurd und mitunter unfreiwillig komisch ist es, wenn ihm während des Streits mit seiner Freundin Lisa (Cynthia Bain) unkontrolliert explosionsartige Feuerstöße entweichen. Es hilft nicht, dass die Hooper diese Geschichte um böse Machenschaften profitgieriger Wissenschaftler mit großem Ernst erzählt (selbst wenn Regiekollege John Landis einen lustigen Gastauftritt absolviert). Das passt einfach nicht zu einem Film, in dem Sams Flammenpower sogar dafür sorgt, dass Menschen, die mit ihm telefonieren, von aus der Muschel schießenden Feuerstrahlen versengt werden. Das tolle Finale, bei dem er – kurz vor dem totalen Zusammenbruch – förmlich unter Dampf steht und den Fadenzieher des Experiments hinter seinen Leiden aufsucht, entschädigt ein bisschen und zeigt, was möglich gewesen wäre. Wie gesagt: Es ist nicht so, dass der Film ganz ohne Meriten wäre, aber man muss sich dafür durch einen Sumpf der Tristesse kämpfen.

Für Hooper begann mit SPONTANEOUS COMBUSTION, seinem ersten Spielfilm nach den Cannon-Jahren und THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE PART 2, der eher frustrierende letzte Teil seine Karriere. Weder die Kritik noch das Publikum konnten wirklich viel anfangen mit dem, was er da vom Stapel ließ. Zwischen zahlreichen Fernseharbeiten erschienen krude Werke wie THE MANGLER (demnächst hier!) und NIGHT TERRORS (dito). Selbst eine zumindest nominell interessante Sache wie der mit Carpenter realisierte Episodenfilm BODY BAGS konnten den stetigen Sinkflug nicht beenden. Schade, denn sein großes Potenzial war immer unverkennbar. Selbst in einem schwachen Film wie SPONTANEOUS COMBUSTION sieht man sein beachtliches Talent – Achtung! – aufglimmen.

Der erste RESIDENT EVIL wurde damals nicht sonderlich wohlwollend aufgenommen, von der Kritik sowieso nicht, das war eh nicht zu erwarten gewesen, aber auch nicht von den Fans des Videospiels, für die der Film wohl in erster Linie gemacht worden war. Die Folgeteile hatten danach noch mit dem Stigma der trashigen Serienware zu kämpfen, sodass vielen Menschen entging, dass das Franchise mit RESIDENT EVIL: EXTINCTION, RESIDENT EVIL: AFTERLIFE, mit Abstrichen auch RESIDENT EVIL: RETRIBUTION Zauberwerke des Genrekinos hervorbrachte, Filme, die mindestens einfalls- und erfindungsreich, visuell bisweilen brillant waren, in ihren besten Momenten die Frage aufwarfen, ob das das jetzt wirklich noch klassisches Erzählkino ist oder nicht doch schon Avantgarde. Paul W. S. Anderson, von vielen verlacht, erwies sich als großer Stilist und Bilderstürmer der Exploitation, der unbesungene Klassiker schuf, während Wichtigtuer wie Nolan für ihre aufgeblasenen Langweiler vom Feuilleton emphatisch beklatscht wurden. Meine Vorfreude vor dem zumindest dem Titel nach letzten Teil der Serie war demnach groß, die Ernüchterung kaum zu beschreiben. Wahrscheinlich musste es so kommen.

Die erwähnte überbordende Kreativität, mit der Anderson das Franchise zu einer wahren Wundertüte an grandiosen Bilder, irrwitzig komponierten Set-Pieces und dekonstruktivistischen Erzählideen verwandelt hatte, ist nun leider dahin. Wo vorher jedes Bild eine Offenbarung war, herrscht nun monochrome Langeweile und leerer Bombast, der meist auch noch ziemlich hässlich aussieht. Und anstatt komplett freizudrehen, wie das zuvor der Fall gewesen war, lässt sich Anderson von einem Drehbuch einschnüren, das einzig dem Zweck verpflichtet scheint, eine überkomplizierte Geschichte zu Ende zu erzählen, die doch eigentlich eh nie wirklich von Interesse war. Die Story hatte nie mehr geliefert, als das Setting, das man in alle Richtungen erkunden konnte, hier wird so getan, als habe man tatsächlich sechs Teile durchgehalten, um zu erleben, wie die Welt vom T-Virus befreit wird. Die letzten 30 Minuten sind eine mit expositionellem Dialog und unangemessenem Pathos überfrachtete Tortur, die noch dadurch ad absurdum geführt wird, dass dann mit der letzten Dialogzeile doch wieder das Hintertürchen für eine Fortsetzung aufgestoßen wird.

Auch visuell ist THE FINAL CHAPTER eine einzige Enttäuschung: Der ganze Film ist grau und hässlich, die Actionsequenzen sind einfallslos und vom Schnitt grotesk zerhackt. Selbst Milla Jovovich, Andersons Muse, der er mit den vorangegangenen Filmen ein Denkmal gesetzt und die es ihm mit endlos coolen Performances gedankt hatte, wirkt hier müde und gelangweilt, turnt unelegant durch die wie auf Autopilot inszenierten Fights. Hatte Anderson sich zuvor mit jedem Film etwas neues einfallen lassen, immer höhere Metaebenen erklommen, entwickelt er sich hier meilenweit zurück und legt einen Film vor, der unangenehm an billige DTV-Rip-offs aus den späten Neunzigern erinnert. Ich hoffe, dass er die Freude und Ernergie wiederfindet, die man seinen besten Filmen stets angemerkt hat, anstatt sich widerwillig Projekten zu widmen, mit denen er offensichtlich „fertig“ ist, denen er nichts mehr zu geben hat. Mit RESIDENT EVIL. THE FINAL CHAPTER hat er niemandem einen Gefallen getan, am wenigsten sich selbst.

Endlich bekommt Wolverine den Film, auf den ich schon seit Singers erstem X-MEN warte. Für mich, der den grimmigen Logan erst sehr spät wahrnahm, war er immer mit den Comics der späten Achtziger und fühen Neunziger verbunden, als er in sprechblasenarmen, monochromen Bildern als wettergegerbter Loner mit sozio- und psychopathischen Tendenzen gezeichnet wurde. In den bisherigen Comicverfilmungen um die Supermutanten wurde das bestenfalls angedeutet, vielleicht auch, um Jackmans Potenzial als Leading Man für oscarnominierte Crowdpleaser, Mainstreamvehikel und RomComs nicht zu unterminieren. Mit dem unsäglichen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE (noch immer die mieseste der neuen Comicverfilmungen) und dem enttäuschenden THE WOLVERINE bewegte man sich zwar grundsätzlich in die richtige Richtung, schaffte es aber dennoch nicht, brauchbare Filme zu produzieren. Und nun LOGAN, vom selben Regisseur, der den Vorgänger noch zu einem solchen Schnarchfest hatte werden lassen. Ein Film, der nicht nur im Rahmen seines Genres eine Sternstunde darstellt (was ehrlich gesagt nicht allzu schwierig ist angesichts des vorherrschenden Mittelmaßes), sondern als erwachsener, harter Spätwestern und grimmiger Actioner in einer Art und Weise überzeugt und begeistert wie zuletzt etwa George Millers MAD MAX: FURY ROAD.

LOGAN referenziert zwar die Ereignisse aus den vorangegangenen Filmen und setzt einen kompromisslosen Schlusspunkt unter die Geschichte vom Konflikt der „normalen“ Menschen mit den begabten Mutanten, aber tonal bricht er völlig aus dem bisherigen Einerlei aus. Optisch nähert er sich dem Western an (einmal schaut Xavier George Stevens‘ SHANE im Fernsehen, bevor der Film sich während einer Episode tatsächlich in eine kleine Hommage an den Klassiker verwandelt), wirft allzu überkandidelten Effekt-Bimbam komplett über Bord und funktioniert so eher wie eine in einem Paralleluniversum angesiedelte Was-wäre-wenn-Variation. Was wäre, wenn die Welt dieses Wolverine eben nicht von Freaks in coolen Anzügen besiedelt würde, die sich mit außerirdischen Superschurken herumplagen, wenn er stattdessen in unserer Welt lebte, einer Welt, in der Menschen bluten, wenn er mit seinen Adamantium-Klauen auf sie losgeht, in der Schusswunden Schmerzen verursachen und das Leben als „Superheld“ kein großes buntes Abenteuer ist, sondern eine erschöpfende Aneinanderreihung von Verlusten und Niederlagen? Wenn Superhelden nicht ewig jung blieben, sich von Comiczyklus zu Comiczyklus, Reboot zu Reboot erneuerten, sondern alterten wie ganz normale Menschen, an Kraft einbüßten, ermüdeten und den Tod herbeisehnten? Logan blutet, schwitzt und leidet, für die smarte Coolness, die ihn in den Singerfilmen zum Rockstar der X-Men machte, fehlen ihm die Energie und die Freude an der eigenen Kraft. Er hat einfach zu viele Freunde verloren, zu viele Menschen kommen und gehen sehen, zu viele Rückschläge erlitten, um dem Leben noch etwas abgewinnen zu können. Sein Ziehvater Professor Xavier (Patrick Stewart) ist mittlerweile an Alzheimer erkrankt, ein jämmerlicher Greis, der aufgrund seiner Begabung nicht in einem friedlichen Seniorenstift dahindämmert, sondern von Logans in einem bunkerartigen Verschlag irgendwo in der Wüste unter Verschluss gehalten wird. LOGAN ist ein Film über das Altern und die Müdigkeit, die einen befällt, wenn man das ganze Leben über gekämpft hat. Sein „Held“ will nicht mehr, er hat genug, aber sein Ruf eilt ihm voraus und zwingt ihn ein letztes Mal, sich für die Belange der Seinen einzusetzen. Er tut dies ohne falschen Idealismus, mit dem Mut der Verzweiflung und letzter Kraft, weil er ahnt, dass er sich damit das Recht auf den langen Schlaf verdient, den er so lang herbeisehnt.

Hugh Jackman war immer der charismatische Kern der etwas leblosen X-Men-Filme, aber auch massiv unterfordert mit einer Figur, deren Untiefen zwar immer wieder erwähnt wurden, aber letztlich bloße Behauptung blieben. Man fragte sich immer, wann dieser Wolverine denn endlich von der Kette gelassen würde, aber natürlich geschah das nie, weil die Macher der um ihn herum gebauten Filme gar kein Interesse daran hatten, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtat, echte Emotionen zuzulassen und den Zuschauer mit unangenehmen Erkenntnissen über seinen zentralen Charakter zu konfrontieren. LOGAN ist mitunter geradezu absurd brutal und leichtes Entertainment oder gar „Spaß“ bereitet er nicht. Von Anfang an, wenn sein Titelheld von einigen Strauchdieben angegriffen wird und sie gnadenlos hinrichtet, weiß man, dass man hier kein Happy End zu erwarten hat, doch der Weg, den Mangold einschlägt, wird dann sogar noch steiniger, als man das erhofft hatte. Auch LOGAN kommt nicht ohne Pathos aus, aber er verdient sich das Recht dazu, weil sein Protagonist nicht nur die Umstände und den Gegner, sondern vor allem sich selbst überwindet. Die Schlusseinstellung ist nahezu perfekt und rundet eine zweistündige Reise ans Ende der Nacht ab. Es wird einen neuen Sonnenaufgang geben, auch dank Logan, aber er wird ihn nicht mehr erleben. Er geht dahin, wo es keine Schmerzen mehr gibt, nur noch Schlaf. Ich fürchte zwar, dass ihm die Ruhe nach diesem fulminanten Kracher nicht vergönnt sein wird, aber der Zuschauer darf frohlocken. Mit LOGAN geht das Filmdasein Wolverines erst richtig los.

„by far the most French-comic-book movie ever made“, schrieb Outlaw Vern in seiner wohlwollenden Rezension zu Luc Bessons neuestem Leinwand-Epos. Das ist einerseits wahr, andererseits muss man nach vergnüglichen 140 Minuten voller quietschbunter Designs, fleischgewordener Yes-Plattencover und abgedrehter Einfälle einräumen, dass die französischste Comicbuch-Verfilmung aller Zeiten ruhig noch ein bisschen weniger amerikanisch hätte sein dürfen. Man sieht dem Film seine Ursprünge in einer utopistischen Comicreihe aus den Siebzigern zwar deutlich an, merkt aber auch, dass die Risikobereitschaft bei einem Budget von rund 180 Millionen Dollar begrenzt ist. Es ist einfach auffällig, dass diese zukünftige Welt, in der uns noch selbstverständliche Grenzen doch längst weit überschritten sind, in anderen Belangen auffallend rückständig ist: Beim Militär haben weiße Männer das Sagen, noch so amorphe Alienrassen lassen sich schön in Männlein und Weiblein einteilen und selbst wenn Protagonistin Laureline (Cara Delevingne) ihrem Partner in Sachen Schlagkraft in nichts nachsteht, dann und wann sogar die Initiative übernehmen darf und sich am Ende als das Herz des Duos erweist, gehört VALERIAN rein nominell dem Herren der Schöpfung. Das tut dem Vergnügen keinen wirklichen Abbruch, aber man hätte sich angesichts des freigeistigen Erfindungsreichtum, den VALERIAN an anderer Stelle unter Beweis stellt, doch eine etwas weniger heteronormative Weltsicht gewünscht.

In anderer Hinsicht wird man wahrscheinlich lange warten müssen, bis einem vergleichbarer Wahnsinn dieser Preisklasse auf diesem inszenatorischen Niveau geboten wird: Der Film eröffnet auf einem türkisblauen Karibikstrand-Planeten, auf dem feingliedrige Perlmuttwesen kleine Tierchen mit Perlen füttern, aus denen daraufhin weitere Perlen herausschießen, bevor die Apokalypse in Form von in die Atmosphäre stürzenden Wrackteilen eines im All tosenen Krieges ausbricht. Eine ausgedehnte Actionsequenz spielt auf einem sich über zwei Dimensionen erstreckenden Markt: Die Shoppingtouristen laufen durch eine ausgestorbene Wüstenei, betreten mithilfe einer Art VR-Brille aber eine gewaltige BLADE RUNNER-artige Stadt die sowohl weit in den Himmel wie auch tief ins Planeteninnere reicht. Rihanna spielt eine Gestaltwandlerin, die eine lupenreine Fetischtanznummer abzieht, das Creature-Design stellt noch die STAR WARS-Filme in den Schatten. Auf manche von ihnen kann man gerade einen kurzen Blick werfen, andere, wie die dummdreisten Fresssäcke der Boulan-Bator, drei freche Entenwesen oder gewaltige Unterwasserdinosaurier bekommen etwas mehr Zeit eingeräumt. Die verschiedenen Kontinente der gigantischen Weltraumstadt werden im Eiltempo durchflogen, man wünscht sich immer wieder, hier noch etwas länger verweilen zu dürfen, bevor der nächste Höhepunkt naht. Eine Handlung gibt es auch, aber eigentlich funktioniert VALERIAN am besten als bewusstseinserweiternder (mit Einschränkung, siehe oben) Trip aufeinanderfolgender Set-Pieces und wenn am Ende alle Fäden zusammengeführt werden, stößt Besson deutlich an seine Grenzen.

Es ist ein bisschen schade, dass diese Art des Eventkinos, die mit ungeahnten technischen Möglichkeiten ganze Welten aus dem Nichts in beeindruckender Plastizität auf die Leinwand zaubert, erzählerisch immer noch tief in vergangenen Jahrhundert gefangen ist, anstatt auch strukturell in neue Galaxien vorzudringen. Was möglich wäre, erahnt man in jeder Sekunde: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist ein Film, der in sich das Potenzial trägt, Grenzen zu durchbrechen und die „doors of perception“ nicht nur aufzustoßen, sondern niederzureißen, aber weil da eben viel Geld auf dem Spiel steht, bleibt es beim neugierigen, großäugigen Lugen durchs Schlüsselloch. Gebracht hat diese Vorsicht nichts: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist auf dem immer noch wichtigsten Filmmarkt der Welt hart gefloppt, die Fortsetzungen, die man sich unbedingt gewünscht hätte und die dann vielleicht größere Risikobereitschaft hätten unter Beweis stellen können, wird es wahrscheinlich nicht geben. Aber bleiben wir positiv: VALERIAN ist ein visuell berauschendes Fest, das so nur von einem Filmemacher wie Besson kommen konnte und die drögen Superhelden-Popanze in Sachen Leichtigkeit weit in den Schatten stellt. DeHaan (auf dessen Darbietung sich die Kritik in erster Linie eingeschossen hatte, der aber in der deutschen Synchronisation sehr gut rüberkommt) und Delevingne hätte ich durchaus zugetraut, zum echten Traumpaar heranzureifen, und besonders schön fand ich die pazifistische Ausrichtung des Ganzen. Ohne Aderlass kommt zwar auch VALERIAN nicht aus, aber seine Botschaft des Verzeihens und eines friedlichen Miteinanders der Völker ist in einer Zeit, in der selbst noch jeder Kinderfilm todsicher auf die grimmige Deklamation unumstößlicher Dogmen und einen kriegerischen Austausch hinausläuft, einfach sehr wohltuend. Kurzum: Auch wenn an VALERIAN längst nicht alles perfekt ist, sein Scheitern an der Kinokasse ist einfach traurig.