Mit ‘Science Fiction’ getaggte Beiträge

Ich mag Superhelden und ich mag Marvel Comics, das muss ich vielleicht noch mal klarstellen. Es gab mal eine Zeit, zu Beginn der Neunziger, als der heutige Hype zumindest in Deutschland in weiter, weiter Ferne lag, da sammelte ich die US-Heftchen, Trading Cards und Plastikfigürchen, kannte jeden noch so apokryphen Helden samt Fähigkeit und zugehörigem Erzfeind. Und natürlich war das nur die Fortsetzung einer Faszination, die schon in Kindheitstagen begonnen hatte, als die Heftchen noch im Condor Verlag erschienen und „Spider-Man“ noch „Die Spinne“ hieß. Dass die Superhelden nach ein paar miserablen, vielen halbgaren und einigen guten Versuchen endlich zu Protagonisten in großbudgetierten, fett produzierten Eventfilmen wurden, war wie die (für mich zugegebenermaßen etwas zu spät kommende) Erfüllung eines lang gehegten Traums. Der Erfolg der Marvel-Filme, die heute fast keinen Platz mehr für anderes in den Kinos lassen, zeigt, dass dieser Traum von ziemlich vielen Menschen geträumt wurde. Aber für mich blieb bei der Umsetzung etwas auf der Strecke: Die Entfremdung begann mit Joss Whedons THE AVENGERS, dem für mich – bei aller Freude darüber, die Helden in Überlebensgröße vereint auf der Leinwand zu sehen – der Hauch von „auf Nummer sicher“ anhaftete. Dieses Gefühl hat mich seitdem nicht mehr verlassen. So vordergründig „perfekt“ die Filme des sogenannten MCU auch sind, sie begnügen sich irgendwie damit, nichts falsch zu machen. Es gibt kein Risiko, keinen Style, keine Experimente (man komme mir bitte nicht damit, dass in AVENGERS: ENDGAME mehrere der liebgewonnenen Protagonisten sterben, denn auch das ist ja ein gängiger Mechanismus der Comics). Das liegt zum einen gewiss daran, dass verdammt viel Kohle an diesen Filmen hängt und ein Flop ziemlich teuer wäre, zum anderen aber vielleicht auch daran, dass die Kombination von echten Darstellern und aufwändigsten CGI-Effekten im Handling eher nicht die Improvisation, Spontaneität und Experimentierfreude fördert. Nach der Sichtung von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE jedenfalls frage ich mich, ob wir mit einem animierten MCU nicht deutlich besser bedient wären, denn der Film hat all das, was ich an den Marvel-Verfilmungen vermisse: Style, Mut, Witz, Tempo, Dynamik, irre visuelle Einfälle und schlichte Freude am Erzählen. Das Ding ist eine Offenbarung, nicht nur als Marvel-Film, und für mich das mit weitem Abstand beste, was unter dem Namen des Comic-Verlages bislang das Licht der Leinwände erblickte.

SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE kommt seinen Vorlagen im Look logischerweise viel näher, als es eine Verfilmung je könnte. Er kann sich Abstraktion und Experimentierfreude erlauben und mittendrin auch einfach mal den Animationsstil ändern, ohne dass das einen Bruch gäbe. Er setzt Sprechblasen und Lautmalerei ein, wenn es passt, und sorgt so dafür, dass es immer etwas zu gucken und zu bestaunen gibt. Er setzt die visuelle Gestaltung ganz klar in den Mittelpunkt und verzichtet auf lahmarschige Dialoge, in denen dem Betrachter irgendwelche Zusammenhänge erklärt werden. Er springt mitten ins Geschehen, gibt von Anfang an Vollgas, weil er weiß, dass seine Zuschauer eh mit dem nötigen Hintergrundwissen ausgestattet sind. Er schwingt sich zum wahnwitzigen Finale in psychedelische Höhen empor, die sonst japanischen Anime vorbehalten sind, und erreicht darin eine Bildgewalt, von denen die „Real“-Verfilmungen nur träumen können. Er erlaubt es sich, von den Comics zu abstrahieren und etwas Neues zu versuchen, dem Wesen seines Helden und der Faszination, die Superhelden ausüben, an sich auf die Spur zu gehen, anstatt wieder nur vom langweiligen Kampf gegen einen beliebigen Schurken zu erzählen. Er interessiert sich nicht für ein „Cinematic Universe“, seine Rolle in einem wie auch immer gearteten großen Ganzen, sondern ist in jeder Sekunde ganz bei sich. SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist von einem immensen Selbstbewusstsein geprägt. (Und muss nicht genau das die Herangehensweise an einen Spider-Man-Film sein, in dessen Zentrum immerhin eine der wahrscheinlich populärsten Figuren der Gegenwart steht?) Mehr noch: Der Film macht genau dieses Selbstbewusstsein zum Kern seiner Geschichte.

Hauptfigur von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist nicht Peter Parker, sondern Miles Morales, ein afro-amerikanischer Teenager, der in den Comics 2011 zum ersten Mal die Rolle Spider-Mans übernahm, nachdem Peter Parker verstorben war. Das geschieht auch hier, als Parker versucht, eine Maschine zu zerstören, mit der Superschurke Wilson Fisk das Raum-Zeit-Kontinuum manipulieren möchte. Der junge Miles, der seine neuen Fähigkeiten eben erst entdeckt hat und mit ihnen noch nicht umzugehen weiß, beobachtet den Tod Spider-Mans und sieht sich nun in der Verantwortung, für Gerechtigkeit zu sorgen. Hilfe bekommt er überraschend von fünf anderen Spider-Men: Fisks Maschine hat nämlich einen Zugang zu verschiedenen Parallel-Universen geschaffen, durch den nun  alternative Versionen des Helden bei Miles auftauchen: ein erwachsener, runtergekommener, dickbäuchiger und depressiver Peter Parker, Spider-Man Noir, ein schwarzweißer Held in Trenchcoat und Fedora, Spider-Girl, hinter der sich Gwen Stacy verbirgt, die den Tod ihres Freundes Peter nicht verhindern konnte, Peni Parker, eine Anime-Figur, die eine Art Spider-Mech namens SP//dr: führt, sowie Spider-Ham, eine Cartoonfigur im Stile der Looney Tunes, die entstand, als eine Spinne von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde. Im gemeinsamen Kampf geht es für Miles nicht nur darum, seine Kräfte in den Griff zu bekommen, sondern seinen Helfern auch den Rückweg in ihre Dimensionen zu öffnen.

Die Idee mit den Paralleluniversen bringt jede Menge frischen Wind in die sattsam bekannte, durch die Reboots der letzten Jahre zudem reichlich durchgenudelte Geschichte um den Schüler, der von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wurde. Wann immer der Film in die Situation kommt, diese Origin-Story noch einmal zu erzählen, macht er sich sogar einen Spaß daraus, dass diese nun wirklich jedes Kind bereits auswendig kennt. Dazu liefert Fisks Erfindung mit den folgenden Störungen des Raum-Zeit-Kontinuums den Zeichnern und Animationskünstlern jede Menge Gelegenheit, freizudrehen, einen visuellen Farboverkill über dem Zuschauer auszuschütten und technisch wie erzählerisch aus dem Vollen zu schöpfen. Die Idee mit den verschiedenen Inkarnationen des Helden sorgt oberflächlich für zusätzlichen Witz, hebt die Geschichte aber auch auf eine höhere, selbstreferenzielle Ebene und unterstreicht die schöne Botschaft: Jeder kann ein Held sein, egal welche Gestalt er hat. Es tut dem Film ungemein gut, dass er ganz für sich allein stehen darf, er nicht mir der Bürde belastet ist, Baustein in einem sich über mehrere Jahre und Dutzende Filme erstreckenden narrativen Gesamtkonzept zu sein. INTO THE SPIDER-VERSE hat damit genau das, was seinen großen Kollegen fast gänzlich abgeht: Freiheit, Leichtigkeit, Flüchtigkeit, Lockerheit, Entspanntheit. Er zahlt dem Zuschauer das mit einer atemberaubenden, farbenfrohen visuellen Gestaltung zurück, aber er ergeht sich auch nicht in der bloßen Form: SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist der bislang erste Marvel-Film, der mich wirklich berührt hat. Bitte, bitte mehr davon.

 

 

 

Vorab: Dem des Superhelden-Films weitestgehend überdrüssigen Marvel-Skeptiker, den das breite Oeuvre in seiner ganzen Fantasielosigkeit zuletzt vor allem ernüchtert und enttäuscht hat, hat BLACK PANTHER tatsächlich ganz gut gefallen, nicht zuletzt, weil man ihn als alleinstehendes Werk betrachten und seine Verbindung zum Rest über weite Strecken ausblenden kann. Wenn ich meine Seherfahrung aber mit den vor Superlativen triefenden Lobeshymnen abgleiche, die zum Start des Films zu lesen waren und ihn in den Rang eines politischen Manifests erhoben, kann ich trotzdem nur den Kopf schütteln. (Ich gebe zu: Bei WONDER WOMAN habe ich die Stimmen, die in dem Film einen feministischen Befreiungsschlag sahen, noch verteidigt, wohl auch, weil mich die überwiegend männlichen Gegenredner und ihre Argumente annervten.) Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass BLACK PANTHER darin, eine explizit afrozentrische Haltung innerhalb eines großbudgetierten Eventmovies zu implementieren, durchaus außergewöhnlich, vielleicht gar bemerkens- und lobenswert ist.

BLACK PANTHER spielt im afrikanischen Wakanda, einem Staat, der dank des Rohstoffs Vibranium zu überlegener Technologie gelangt ist. Anstatt seine Vormachtstellung allerdings nach außen zu tragen oder mit Vibranium zu handeln, halten die Wakander ihre Errungenschaften geheim und verstecken sich hinter der Fassade eines Dritte-Welt-Staates. Sie wollen mit den Konflikten in der Welt nichts zu tun haben. Mit dieser selbstauferlegten Sonderrolle ist es aber vorbei, als Eric Kilmonger (Michael B. Jordan) den neuen König T’Challa (Chadwick Boseman) vom Thron stößt. Kilmongers Vater wurde einst als Verräter von T’Challas Vater, dem damals amtierenden König, ermordet, und Eric als ausgestoßener Waise zurückgelassen, was ihn dann zu einer Laufbahn als hochqualifizierter und effizienter Mörder brachte. Er will Wakanda zur militärischen Macht aufbauen.

Fast alle handelnden Charaktere von BLACK PANTHER sind Schwarze und der Film spielt bis auf einige wenige Szenen in Wakanda, einem Staat der afrikanische Kultur und utopistische Hightech-Elemente harmonisch vereint. Mehr noch: Es wird suggeriert, dass die technischen Errungenschaften des fiktiven Staates in der Lage sind, viele Probleme, mit denen wir uns heute weltweit herumplagen, zu lösen. Afrikas einzigartige Bedeutung als „Wiege des Lebens“ findet ihre konsequente Fortsetzung: Wenn die Erde weiterexistieren soll, muss Afrika in Vertretung der Wakandaner mit leuchtendem Vorbild voranschreiten. Der Spiritualismus und die Naturverbundenheit der Wakandaner werden nicht lediglich als liebenswerte Marotte zum Ethnokitsch für Hippies verbrämt, sondern als philosophische Konzepte Ernst genommen und zur Grundlage einer modernen Zivilisation gemacht, die sich vor der westlichen Welt nicht nur nicht verstecken muss, sondern dieser klar überlegen ist. Das ist auch innerhalb des von weißen Heilsbringern dominierten Marvel Universums keine Selbstverständlichkeit und noch weniger, wenn man sich den restlichen Auswurf Hollywoods anschaut. Auch politisch ist BLACK PANTHER überraschend differenziert und hebt sich wohltuend vom mitunter unangenehmen Militarismus der anderen Marvelfilme ab: Die Bedrohung, die Kilmonger darstellt, ist gewissermaßen hausgemacht, der Staatsfeind ein Opfer einer Politik, die rein utilitaristisch denkt, ohne jede Rücksicht auf den Einzelnen. Er ist einer der sympathischsten und tragischsten Schurken der letzten Jahre und sein unausweichlicher Tod am Ende fühlt sich keineswegs wie ein Triumph an. Die Parallelen zu Bin Laden sind ebenso unverkennbar wie die expliziten Seitenhiebe gegen Trump und seine Politik der Spaltung und des Mauerbaus.

So wohltuend diese Ansichten im Rahmen eines solchen Filmes aber auch sind: Als Ganzes ist BLACK PANTHER, so wie alle Filme des MCU, maximal nett. Weil er ja doch wieder nur ein Baustein in einem deutlich größeren Ganzen sein darf, die genannten Aspekte nicht mehr als Details, die in der Gesamtkomposition den Status von Gimmicks einnehmen, beraubt er sich auch der Durchschlagskraft, die er als konzentriertes Einzelwerk hätte entfalten können. Und als großer Eventfilm hat BLACK PANTHER darüber hinaus wie alle Marvelfilme das Problem, viel zu viel Exposition abwickeln zu müssen: Die zwei, drei Action-Set-Pieces sind großzügig über den ganzen Film verteilt, dazwischen wirkt auch BLACK PANTHER viel zu oft wie eine Soap-Opera-Episode mit seinen endlosen Dialogen vor detailfreudigen, aber immer auch etwas leblosen Green-Screen-Backgrounds und seiner aufgeblasenen Quatschgeschichte. Cooglers Film profitiert immens von seinem ausgefallenen Setting, mit dem er sich von den recht gleichförmigen Partnerfilmen deutlich abhebt, sowie einigen klugen Drehbuchkniffen, aber er weist eben auch alle Schwächen und Mängel auf, mit denen alle MCU-Beiträge bisher zu kämpfen hatten.

„Die Geschichte dieses Films beginnt im Jahr 1958 in der Nähe von Rom und endet … aber sehen sie selbst!“ – Mit diesen Worten beginnt die deutsche Fassung von Pietro Franciscis vorletztem Film: Der Veteran hatte in den knapp vier Jahrzehnten seines Schaffens zahlreiche Abenteuer- und Sandalenfilme gedreht und sich mit den beiden ersten ERCOLEFilmen um das italienische Kino verdient gemacht. Sein Ausflug ins Science-Fiction-Genre folgte dem in Italien u. a. von Antonio Margheriti befeuerten Trend und landete in Deutschland unter dem Titel RAUMKREUZER HYDRA – DUELL IM ALL im Kino, bevor er dann als RAUMSCHIFF TERRA ZUM PLANET DER AFFEN zweitverwertet und auf Video veröffentlicht wurde.

Mit diesem spektakulären zweiten Titel versuchte der Verleiher ein wenig am Erfolg von Schaffners PLANET OF THE APES zu partizipieren, der 1968 in die Kinos kam und im Verlauf der Siebziger mehrere Sequels nach sich zog. (In den USA war man sogar noch mutiger und taufte Franciscis preiswert runtergekurbeltes Filmchen in einem Anflug von Größenwahn STAR PILOT.) Der affige Titel verdankt seine Berechtigung in erster Linie einer kurzen, eigentlich sehr unwichtigen Szene auf einem fremden Planeten, während der die Protagonisten von einer Horde von Menschen in Zottelkostümen überfallen werden – fairerweise muss man aber sagen, dass der Finalgag von MISSIONE HYDRA ihn wirklich in die Nähe von Schaffners Klassiker rückt: sogar so sehr, dass man sich fragt, wie er ein Jahr vor diesem auf diese Idee kommen konnte. Anzunehmen, dass das Drehbuch zu PLANET OF THE APES in der Industrie bekannt und von den wieselflinken Italienern in Windeseile kopiert worden war. (Hingegen erscheint es ziemlich ausgeschlossen, dass sich Schaffner von Francisci inspirieren ließ, obwohl die Vorstellung sehr reizvoll ist.)

Es gibt aber noch einen Film, der als Inspirationsquelle gelten darf: Auch in THIS ISLAND EARTH werden menschliche Wissenschaftler wie hier von Außerirdischen zu dem Zweck entführt, den verwüsteten Heimatplaneten wieder bewohnbar zu machen bzw. ihnen ein neues Leben zu ermöglichen. In diesem Fall trifft es Professor Solmi (Roland Lesaffre), der bevorzugt über die Einstein’sche Relativitätstheorie und die Möglichkeit der Zeitreise doziert, immer mit dem Hinweis, das letztere wohl erst in tausenden von Jahren technisch machbar werde. Bei Untersuchungen eines seltsamen Phänomens, zu denen er auch seine geile Tochter Luisa (Leontine) mitbringt, entdecken er und seine Assistenten ein Raumschiff, das von der kühlen Kaena (Leonora Ruffo) und ihren beiden Schergen auf die Erde gesteuert wurde. Zwei Chinesen, die dem Prof die Anleitung für eine Atombombe abnehmen wollen, kommen auch noch dazu. Ab geht es ins All, zum Heimatplaneten Kaenas, doch auf der Reise gilt es dann, die unter den freiwilligen und unfreiwilligen Besatzungsmitgliedern schwelenden Konflikte zu überwinden, um am Ziel anzukommen.

MISSIONE HYDRA ist ein Monument der Unbedarftheit, aber auch des Heldenmutes, sich von den tristen Gegebenheiten nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Francisci hatte zwar nur ein Taschengeld zur Verfügung, trotzdem fliegt er ins All und landet auf fremden Planeten. Was man dort zu sehen bekommt, ist geradezu rührend naiv und billig, aber man kann dem Film für seine zahlreichen Verfehlungen einfach nicht böse sein. Da bauen die Wissenschaftler mittel in der Pampa eine Holzhütte auf, um darin ein „Labor“ unterzubringen und schaffen ein echtes Raumwunder, wenn sich das vielleicht 15 Quadratmeter große Häuschen in Innenaufnahmen als geräumiges Mehrzimmerhaus entpuppt. Für Stimmung sorgt neben einer kurzen Übersicht über die römischen Sehenswürdigkeiten immer wieder die als Eye Candy besetzte Leontine, offensichtlich eine Tänzerin oder ein Starlet, deren einzige Funktion darin besteht, hübsch in die Kamera zu lächeln oder ihre Traumfigur in höchst unnatürlich wirkenden Pose zu präsentieren. Einmal serviert sie den Forschern Kaffee, was diese zum Anlass nehmen, sofort vom Tisch aufzustehen und ins Bett zu gehen. Aber sie macht sich auch sonst nützlich, hält die Laune hoch und verguckt sich natürlich in den extraterrestrischen Hünen Belsy (Kirk Morris). Vorher machen sich die Aliens die Menschen mittels eines um den Hals getragenen Senders gefügig, über den sie jeden ihrer Schritte und jedes ihrer Worte mitverfolgen können, bis dann einer der Wissenschaftler den genialen Einfall hat, einfach seine Hand über die Linse/das Mikro zu halten und dann die Polizei anzurufen. Damit konnte die überlegene Rasse wirklich nicht rechnen! Derlei Wunder setzen sich dann beim Raumflug fort, etwa in der Sequenz, in der einer der Außerirdischen aussteigt, um eine krummgebogene Antenne an der Spitze des Gefährts auszutauschen. Fantastisch sind auch die heißen Fummel, in die Kaena und Luisa immer wieder gesteckt werden: Ganzkörpernylons, auf die alle Begriffe zutreffen, außer „praktisch“. Wunderschön eine bizarre Szene, in der mehrere Menschen in Forscherkitteln im Bildhintergrund im aufreizenden Schneckentempo die Treppen hochsteigen, die sich um zwei Silos winden, während vorn ein Dialog abgehalten wird. Und damit das Rumgesitze in dem karg eingerichteten Flugkörper nicht allzu dröge wird, gibt es immer mal wieder Anlass für eine hüftsteife Keilerei. Die Strategie geht nicht so ganz auf: MISSIONE HYDRA zieht sich im letzten Drittel wie Kaugummi. Man hat dann bereits alle geilen Kostüme der gut gebauten Darstellerinnen gesehen, man weiß, dass nach den Affen keine weiteren spektakulären Attraktionen mehr zu erwarten sind und sehnt das Ende herbei, das dann aber noch einmal aufmerken lässt: Ein Blick in die Vergangenheit der Erde zeigt, dass diese von der nuklearen Katastrophe zerstört wurde, doch auch Kaenas Heimat (die ihren phallischen Türmen nach zu urteilen „Dildonien“ heißt) liegt in Trümmern. Jetzt gilt es, eine neue Zivilisation zu gründen. Bei zwei Frauen und fünf Männern dürfte das ein konfliktreiches Unterfangen werden, das leider noch nicht auf Zelluloid gebannt wurde.

 

Unterwassermenschen, die zwischen dekorativ umherschwimmenden Haien, Walen und Rochen mit wallenden Haaren Dialoge über den legitimen König des untergegangenen Reichs Atlantis schwadronieren. Armeen, die wahlweise auf Riesenseepferdchen oder gepanzerten Haien in die Schlacht reiten. Eine Meerjungfrau mit tomatenroten Haaren, die mit ihren Händen das Wasser aus lebenden Körpern saugen kann. Eine bis auf den letzten Platz mit begeistert grölenden Zuschauern besetzte Unterwasserarena über einem gewaltigen, mit Lava gefülltem Krater. Ein Oktopus, der dazu Schlagzeu spielt. Bilder der vergangenen Riesenzivilisation Atlantis, deren Hybris zum Untergang führte, nachdem ihre Bewohner glücklicherweise die Möglichkeit eines neuen Lebens fanden. Ein mit atlantischer Supertechnologie ausgestatter Rächer namens Black Manta. Temuera Morrison als neuenglischer Leuchtturmwächter, Nicole Kidman als Meereskönigin, die sich in ihn verliebt, Dolph Lundgren als aquatisches Gegenstück zu Odin, Willem Dafoe mit Dutt. Und dazwischen ein ganzkörpertätowierter Held mit Rockermähne, Bikerbart und wissendem Grinsen. Viel Vergnügen mit AQUAMAN, der Superheldencomicverfilmung, die all das richtig macht, was bei Marvel mit schöner Regelmäßigkeit vergeigt wird.

Als Vincent Chase, der Protagonist der Serie ENTOURAGE, in deren zweiter Staffel den Titelhelden in der von James Cameron inszenierten Adaption des DC-Comics übernehmen durfte, war das ein Witz: Aquaman, ein blonder Biedermann, dessen Fähigkeit, mit Fischen kommunizieren und besonders gut schwimmen zu können, jetzt nicht unbedingt die beeindruckendste Waffe im Kampf gegen außerirdische Weltbeherrscher und Superverbrecher darstellte, wurde selbst von den größten Comicnerds nie so richtig ernst genommen – und er schien sich daher auch gegen ein cooles Re-Imagining zu sperren. Seine ganze Origin-Story und die Idee eines Unterwasserreiches waren so unabänderlich cheesy und kitschig, was sollte man daraus machen, das auch nur halbwegs ernstzunehmen war? Die Entscheidung der angeschlagenen DC Entertainment, ausgerechnet diesem Helden den nächsten großbudgetierten Eventfilm zu widmen, muss man demnach nicht verstehen. Doch nach Betrachtung möchte ich den Produzenten zu ihrer Entscheidung und ihrem Mut ausdrücklich gratulieren: Sie haben gar nicht erst versucht, gegen Kitsch, cheesiness und die dem Stoff inhärente Deppertheit anzukämpfen, sondern diese Elemente mit offenen Armen empfangen und damit einen Film vorgelegt, der endlich einmal nichts als reine Freude am nackten Unfug zum Ausdruck und damit auch den Spirit der bunt bebilderten „literarischen“ Vorlagen in ebensolchen Bildern auf die Leinwand bringt. Das infantil-beseelte Grinsen war mir während der gesamten Laufzeit ins Gesicht gemeißelt, das Vergnügen, dieses Spektakel mit meinen beiden Kindern sehen zu dürfen, dürfte dieses Jahr nur schwerlich getoppt werden.

Die vollkommen egale Handlung zusammenzufassen, erspare ich mir an der Stelle – der Film macht nie ein Hehl daraus, dass er sich lediglich als Aneinanderreihung geiler Bilder, Set Pieces, Materialschlachten, Sight Gags und gefälliger One-Liner versteht. Aber er kommt im Unterschied zu ähnlichen Werken mit diesem Ansatz davon, weil er eben liefert – und mit Jason Momoa einen Hauptdarsteller an Bord hat, der die Überdosis Charme mitbringt, die es braucht, eine eindimensionale Pappfigur wie seinen Aquaman zum Sympathieträger zu machen. (Er erinnert mich mit seinem Dauergrinsen, das den Eindruck erweckt, er hätte die Zeit seines Lebens und sei vollkommen desinteressiert, diese Freude zu verbergen, etwas an Dwayne „The Rock“ Johnson.) Über James Wan wird gern (auch von mir) gelästert: Die SAW-Reihe ist überaus streitbar, seine Horror-Filme THE CONJURING und INSIDIOUS inklusive der inflationären Pre- und Sequels long on style und short on substance, dafür hat er mit seinem Einsatz für FURIOUS 7 (und einige Jahre zuvor m unterschätzten DEATH SENTENCE) etwas bewiesen, was er auch in AQUAMAN wieder zeigt: dass er ein Händchen für temporeiche Action und ikonische Bilder hat. Die im Rahmen des CGI-Overkills durchaus als physisch zu bezeichnende Hatz durch ein sizilianisches Hafenstädtchen markiert einen Höhepunkt des mit rund 140 Minuten natürlich viel zu lang geratenen Spektakels, das aber trotzdem an einem vorbeirauscht wie ein Intercity.

Wem das alles zu doof, zu unecht, zu substanzlos, zu computerspielartig ist, dem kann ich kaum widersprechen. Ich habe mich bei vergleichbaren Filmen selbst auch schon anders geäußert, die schiere Menge an computergenerierten Bildern moniert, das Fehlen echter Emotionen oder auch nur traditionellen Filmhandwerks betrauert. Auch AQUAMAN ist eigentlich ein reiner Animationsfilm und inhaltlich hat er rein gar nichts zu sagen. Aber, fuck, hat der Spaß gemacht. Wans Film hat all das, was ich an den Filmen des MCU so vermisse: Er lebt von seinen bunten, geilen Bildern, ist geradezu beseelt von den schier grenzenlosen Möglichkeiten, die ihm sein Sujet bietet, berauscht von der Lust an der Schöpfung bonbonbunter Bilder, und kein Stück bereit, sich dabei in Ketten schlagen zu lassen. Er verkneift es sich kluger- und sympathischerweise, seinen Helden als Sprechpuppe für halbgare Aussagen zur Weltpolitik zu missbrauchen und so Relevanz vorzugaukeln. Kein Wunder, dass die Filmkritik, sonst immer schnell zur Stelle, wenn es darum geht, noch den letzten Studioheuler zum antikapitalistischen Manifest hochzujazzen, hier in größter Einigkeit die Keule herausholte. Was natürlich nichts daran änderte, dass AQUAMAN zum überraschenden Superhit mutierte. Mich freut das ungemein. Wenn alle Superheldenfilme so aussähen, ich wäre zufrieden. Ich will mehr Filme, die unter Wasser spielen, mit schwerelos schwebenden Figuren, deren Haare in Zeitlupe in der Strömung wallen und die dabei ganz normal miteinander reden. Ich komme da einfach nicht drüber weg, so geil finde ich das.

Während ich meinen Text zu THE ANDROMEDA STRAIN und seinen Mangel an glubschäugigen Aliens verfasst habe, ist mir aufgefallen, dass ich am vergangenen Osterwochenende noch diesen alten Klassiker des Science-Fiction-Kinos der Fünfzigerjahre nachgeholt habe: THIS ISLAND EARTH war bei Erscheinen kein allzu großer Erfolg beschieden, aber er überdauerte die Zeit nicht zuletzt wegen seines spektakulären Alien-Designs. Das Monster mit der Riesenbirne und den Greifzangen-Händen kommt zwar nur für wenige Minuten ganz zum Schluss des Films zum Einsatz, war aber aufregend genug, um sicherzustellen, dass THIS ISLAND EARTH zahlreichen Menschen, die den Film vermutlich als Kinder im Abendprogramm aufschnappten, im Gedächtnis blieb und er dank zweifelhafter Institutionen wie dem „Mystery Science Theater 3000“ eine zweite Karriere als unfreiwillig komischer „Trashfilm“ machen konnte. Heute ist er wahrscheinlich bekannter als viele seiner zeitgenössischen Kollegen, die damals erfolgreicher waren.

THIS ISLAND EARTH beginnt mit dem schnieken Wissenschaftler Dr. Cal Meacham (Rex Reason), der staunenden Reportern von den Plänen berichtet, die seinesgleichen mit dieser neuen Sache namens „Atomenergie“ schmieden. Dann steigt er mit überlegenem Gewinnerlächeln in seinen Düsenflieger, um zur Arbeit zu fliegen: Wissenschaftler von heute stinken gegen so viel Coolness ganz schön ab. Doch plötzlich beginnt seine Maschine zu trudeln, Meacham verliert die Kontrolle, bis schließlich ein grünes Licht den Flieger erfasst und sicher zur Landung geleitet. In seinem Forschungslabor setzt sich die Kette merkwürdiger Vorkommnisse fort: Ein fortschrittliches Ersatzteil ist geliefert worden, ohne dass es bestellt wurde, der Lieferant ist nicht ausfindig zu machen. Allerdings lag der Lieferung ein faszinierender Bestellkatalog bei, aus dem sich Meacham sogleich einen ganzen Batzen rätselhafter Teile ordert, um damit eine avancierte Maschine unbekannter Funktion zusammenzubauen. Das Gerät entpuppt sich als „Interocitor“, ein Monitor, über den der mysteriöse Exeter (Jeff Murrow) Kontakt mit Meacham aufnimmt und ihn zu einer geheimen Versammlung einlädt. Dass Exeter über eine auffällig hohe Stirn verfügt, wundert Meacham nicht. Auf der Versammlung geschehen rätselhafte Dinge: Die alte Bekannte Dr. Ruth Adams (Faith Domergue) will Meacham nicht wiedererkennen, die Gastgeber belauschen die Forscher und verbieten ihnen, sich in ihrer Abwesenheit zu unterhalten. Bei einem Fluchtversuch werden Meacham, Adams und Carlson (Russell Johnson) von rätselhaften Strahlen beschossen und letzterer geht mit dem Wagen in Flammen auf. Schließlich landen die beiden Flüchtigen in einer fliegenden Untertasse, die sie zum Planeten Metaluna bringt, der sich in einem aussichtslosen Verteidigungskrieg befindet. Der Anführer Monitor (Douglas Spencer) gesteht den beiden Menschen, dass seine Rasse die Erde als neue Heimat auserkoren und Exeter die Aufgabe hatte, zu prüfen, inwieweit sie mit den Menschen koexistieren könnten: Nach Lage der Dinge sehe er sich nun darin bestätigt, dass dies nur möglich ist, wenn die Menschheit versklavt werde. Bevor Meacham und Adams einer Gehirnwäsche unterzogen werden, opfert Exeter sich selbst und verhilft den beiden zur Flucht. Für Metaluna gibt es keine Hoffnung.

Wer ein Herz für die hoffnungslos naiven Sci-Fi-Schinken jener Tage hat, der wird auch mit diesem besonders bescheuerten Vertreter der Gattung sein Glück finden. Die Bemühungen des Drehbuchs, auch die haarsträubendste, antiwissenschaftliche Spinnerei noch als geheimen Einblick in den Stand der Forschung auszugeben, sind einfach nur herrlich. Da wird wüst mit irgendwelchen kompliziert klingenden Begriffen und abstrusen Erklärungen herumgeschleudert, dass man gar nicht mehr mitkommt, gleichzeitig erweisen sich nahezu alle Charaktere als vollkommen ahnungslos und weltfremd. Die Leugnung von Ruth Adams, ihren Kollegen zu kennen, erinnert an das Denken von Kleinkindern, die ja auch meinen, man könne sie nicht sehen, wenn sie sich die Augen zuhalten. Und um etwa herauszustellen, dass mit den Großkopferten Gastegebern etwas nicht stimmen kann, legt sie ihren Kollegen zwei comicartige Zeichnungen ihrer Köpfe vor: So, als könnte man deren seltsame Form am realen Exemplar nicht deutlich genug erkennen. Aber was will man auch von einer Frau erwarten, die einzig und allein dafür ins Drehbuch geschrieben wurde, damit Meacham ihr schöne Augen machen und sie am Ende retten kann? Wissenschaftler zu sein, bedeutet in diesen alten Filmen nicht etwa, Dinge zu hinterfragen und Hypothesen auf den Prüfstand zu stellen, sondern grundsätzlich mit äußerster Begeisterung auf irgendwelche Knöpfe zu drücken und dann stets die erstbeste Erklärung für die richtige zu halten. THIS ISLAND EARTH amüsiert blendend mit diesem kindischen Quatsch, wird aber erst in den letzten 20, 30 Minuten richtig interessant. Die Oberfläche des Planeten Metaluna ist ein einziges großes Matte Painting, in das die Darsteller sowie diverse Explosionen hineinprojiziert wurden und es ist gerade diese surreale Fremdartigkeit des Effekts, die seinen Erfolg ausmacht. Die Verbindung von gemalten und gefilmten Elementen erinnerte mich spontan an die tschechischen Animationsfilme von Karel Zeman, etwa seinen wunderschönen BARON PRÁŠIL, erreicht aber erwartungsgemäß nicht ganz deren Detailverliebtheit. Gern hätte ich davon mehr gesehen, aber das eingangs erwähnte Alien ist natürlich auch eine Schau, selbst wenn die Panik, die es auslöst, nicht ganz angemessen ist: Der arme Kerl kommt ja kaum von der Stelle und erwischt Exeter nur, weil der sich extradoof anstellt.

Fazit: THIS ISLAND EARTH ist ein wunderbar unschuldiger Spaß und ideale Unterhaltung für einen gemütlichen Sonntagmittag.

 

 

„Der realistischste Science-Fiction-Film aller Zeiten“: So wird Robert Wise‘ THE ANDROMEDA STRAIN bei Amazon Prime beworben, wo man ihn derzeit gratis streamen kann. Um beurteilen zu können, wie realistisch der Film wirklich ist, fehlt mir leider die naturwissenschaftliche Kompetenz, aber das Bemühen, zumindest den Anschein zu wecken, ist unverkennbar. Und weil es über allem steht, fällt es auch schwer, etwas über den Film zu sagen, was darüber hinausginge. THE ANDROMEDA STRAIN zwingt einen etwas unschön in die Lage, sein Gelingen daran zu bemessen, wie gerecht er dem an sich selbst gestellten Anspruch des „Realismus“ ist – was nicht die beste Grundlage für einen spannenden Text ist. Ein möglicher Ansatz, wie man THE ANDROMEDA STRAIN auch anders lesen könnte, bietet der Vergleich mit Wise‘ THE HAUNTING, der eine ganz ähnliche Story unter den Vorzeichen des Horrorgenres erzählt: Während der Spukhaus-Klassiker gerade von der Spannung zwischen dem Unerklärlichen und der Ratio lebt, wird der Wissenschaftlichkeit in THE ANDROMEDA STRAIN nur wenig entgegengesetzt. Erst ganz am Ende kommt der „human factor“ ins Spiel, als sich nämlich die Wahrnehmungsfähigkeit einer Wissenschaftlerin als getrübt erweist. Nur bleibt dieser Makel ebendas: ein Unfall, der die grundsätzliche Möglichkeit einer objektiven Empirie nicht weiter in Zweifel ziehen kann. Intellektuell mag THE ANDROMEDA STRAIN gegenüber THE HAUNTING einen Fortschritt markieren, aber leider führt Wise‘ ausgestellter Positivismus auch dazu, dass sich sein Film weniger wie ein Genrebeitrag anfühlt als vielmehr wie ein mikrobiologisches Proseminar für Fortgeschrittene: Ohne Zweifel wurde der Film von Profis produziert und ist in seiner radikalen Nüchternheit ein durchaus faszinierendes Experiment, aber bei allem betriebenen Aufwand wirkt THE ANDROMEDA STRAIN ein wenig wie ein One Trick Pony, ein Film, der für die Entwicklung des Genres von einiger Bedeutung war, aber darüber hinaus nicht so wahnsinnig viel bietet, was eine Zweitsichtung rechtfertigen würde.

THE ANDROMEDA STRAIN ist typisch für die Siebzigerjahre mit seinem Bemühen um Realismus, seiner Skepsis gegenüber staatlichen Institutionen und der Unsicherheit, ob die wissenschaftlichen Fortschritte nun Segen oder Fluch sind. Robert Wise mag einen neutralen, sachlichen und protokollarischen Abriss der Ereignisse angestrebt haben – der Verlauf der Handlung wird immer wieder von Einblendungen begleitet, die Ortswechsel oder das Verstreichen der Zeit transparent machen, und schon vorher erinnern Texttafeln an die große Bedeutung und äußerste Authentizität des Films, der geradezu in den Status eines Staatsereignisses erhoben wird -, dennoch kann er der Umklammerung des Paranoia-Kinos nicht gänzlich entrinnen. Speziell die Exposition, die unter anderem schildert, wie die Wissenschaftler von bewaffneten Militärs ohne weitere Angabe von Gründen aus ihrem Leben gerissen (als eine zurückgelassene Ehefrau ihren Vater telefonisch informieren möchte, wird die Leitung von einer Frauenstimme unterbrochen, die ihr mitteilt, dass sie abgehört werde und es ihr nicht gestattet sei, über den Vorfall zu sprechen) und dann in den Stützpunkt gebracht werden, der im Ernstfall zur Selbstzerstörung programmiert ist, erinnert an die Horrorfantasien totaler Überwachung, die in jener Zeit reüssierten. Wise kommentiert das nicht weiter, macht es nachvollziehbar, dass diese Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, aber das sich einstellende ungute Gefühl schafft er damit nicht aus der Welt. So sehr THE ANDROMEDA STRAIN die Errungenschaften unserer Wissenschaft auch insgeheim bewundert: Mut macht uns Wise‘ Film nicht. Schließlich ist es das Streben nach Erkenntnis, dass die Killerspore aus dem All überhaupt auf die Erde gebracht hat – um herauszufinden, ob sie sich als Waffe zur biologischen Kriegsführung taugt, wie wir in einer Wendung erfahren, die seitdem unzählige von Filmemachern – am populärsten sicherlich James Cameron in ALIENS – bemüht haben.

Im Verlauf des Films wohnt der Zuschauer der fieberhaften Forschungsarbeit der Wissenschaftler bei, die ihre Erkenntnisse zum Glück für uns Außenstehende immer wieder in verständliche Sprache übersetzen. Es gibt viele Einstellungen bedeutungsschwangerer (und heute hochgradig vorsintflutlich anmutender) Computergrafiken, Statistiken, Zahlenfelder und Ausdrucke, die die Forscher die Augenbrauen runzeln oder ihren Unglauben und ihr Erstaunen ausdrücken lassen, ohne dass dem Laien klar würde, warum – und zum Teil gehört das zum modus operandi des Films: Undurchschaubares, Unverständliches zu liefern, und den Zuschauer abhängig von der Interpretation durch die Eingeweihten zu machen, die sich mit größter Selbstverständlichkeit in diesen Hieroglyphen zurechtfinden. Aber der Film sichert sich mit dieser Strategie natürlich auch wunderbar gegen Kritik ab. Wenn man es nur hermetisch genug formuliert, kann man mit allem durchkommen. In seiner Wirkungsweise greift Wise allerdings auf altbekannte Mechanismen zurück: Die Spannung bezieht der Film zum einen aus der Bedrohung die zum einen von der Spore ausgeht, zum anderen aus der Frage, was passiert, wenn die Wissenschaftler seinem Wachstum nicht Herr werden. Aber bis auf die Bilder der Toten in der Kleinstadt am Anfang bleibt das alles auffallend abstrakt. Während der Science-Fiction-Film der vorangegangenen und der nachfolgenden Jahrzehnte meist auf glubschäugige Monstren, bizarre Organismen oder andere Schreckensbilder zurückgriff, muss man sich hier mit dem Blick auf ein paar grüne Kristalle oder blubbernden Schaum unter dem Mikroskop begnügen. Das kommt einer etwaigen, hypothetischen Realität ganz gewiss näher als die Invasion grünhäutiger Marsmenschen, aber zum Anschauen ist es nicht unbedingt aufregend. Es liegt an den Schauspielern, die Gefahr, die von dem amorphen Dingsbums ausgeht, für den Betrachter nachvollziehbar zu machen. Ihre Aufgabe und Leistung kann man durchaus mit der ihrer heutiger Kollegen vergleichen, die vor einem Greenscreen grimassieren müssen – mit dem Unterschied, dass dieser Greenscreen in THE ANDROMEDA STRAIN auch in der Post Production nicht durch einen aufwändigen Effekt ersetzt wird. Über weite Strecken gelingt der ambitionierte Versuch dank der Ernsthaftigkeit, mit der Wise und seine Crew bei der Sache sind. Eine Szene, in der ein der Spore ausgesetzter Affe onscreen verendet, bleibt im Gedächtnis und würde so heute garantiert nicht mehr umgesetzt werden. (Das Tier wurde anschließend erfolgreich wiederbelebt.) Aber die Existenz dieser Szene belegt eben auch, dass es ganz ohne markige Effekte dann doch nicht ging. So setzt es am Ende auch den klassischen Showdown, bei dem einer der Forscher den Selbstzerstörungsmechanismus der Anlage rechtzeitig ausschalten muss, bevor alles in einer Nuklearexplosion dem Erdboden gleichgemacht wird. Auf dem Weg zum lebensrettenden Knopf muss er unter anderem den wenig zielgenauen Schüssen von fest installierten Laserkanonen aus dem Weg gehen: Da riecht es in dem sterilen Setting plötzlich doch wieder nach dem Muff der Bahnhofskinos mit ihren fadenscheinigen Effekten aus der Gartenlaube.

Apropos Setting: Der Bau des unter einem unscheinbaren Farmhaus gelegenen unterirdischen Forschungsomplexes galt damals als eines der detailliertesten und teuersten Settings der Filmgeschichte. In gewisser Hinsicht ist es paradigmatisch für THE ANDROMEDA STRAIN, dessen oberste Priorität es war, den Ernstfall einer biologischen Bedrohung so minutiös wie nur irgend möglich abzubilden. Das ist gelungen und unter diesen Vorzeichen stellt THE ANDROMEDA STRAIN dann auch einen einzigartigen Genrevertreter dar, den man sich wenigstens einmal angeschaut haben sollte. Fürs Herz bleibt aber nicht so viel übrig – trotz niedlichem Baby auf dem Plakat.

 

Kritiker sahen in THOR: RAGNAROK eine Art Neustart der THOR-Reihe: Waititi hatte sich angeblich von GUARDIANS OF THE GALAXY inspirieren lassen, dessen Witz und Leichtigkeit dem Film innerhalb des MCU eine gewisse Sonderstellung verliehen hatten. Es leuchtet ein, warum die Kritik diese Verbindung herstellte: THOR: RAGNAROK ist wie der genannte Smash Hit bunter, episodenhafter, poppiger, und humorvoller als die anderen Filme aus dem Marvel-Universum. Andererseits hatte Hemsworth den Donnergott Thor schon in den vorangegangenen Einträgen mit einer Prise Selbstironie versehen, wissend, dass ein langhaariger Wikinger aus dem Kitschkönigreich Asgard nur schwerlich als „cool“ zu verkaufen ist. Ich bin ja eh einer der wenigen Verteidiger des ersten THOR und mir hatte an ihm seinerzeit genau das gut gefallen, was alle an ihm bemängelten: dass er vergleichsweise flüchtig daherkam, ohne diese aufgesetzte Bedeutungshuberei, die die Filme aus dem MCU spätestens seit deren zweiter Phase zu einer oft drögen Angelegenheit werden ließ.

Waititi hat genau diese Qualität bewahrt bzw. sie weiter ausgebaut: RAGNAROK ist ein Bubblegum-Spektakel voller One-liner, im positiven Sinne blöder Witzchen, spektakulärer Set Pieces, bunter Bilder und überdrehter Figuren. Die Story, eine haarsträubende Aneinanderreihung von Duellen, ist merklich zweitrangig, wichtiger sind die geilen Kulissen, Effekte, Gags und Kostüme. Endlich kommt auch der vernachlässigte Hulk mal wieder zu seinem Recht, wahrscheinlich die interessanteste Figur der Avengers, aber auch die, mit der die Macher am wenigsten anzufangen wissen. Dabei beweist Waititi, dass der große Wutbrocken auch in einem solch leichten Film wie diesem einen spannenden Protagonisten abgeben kann. Die Szenen zwischen Thor und ihm sind Highlights und man fragt sich, wozu es überhaupt solcher Langweiler wie Captain America, Iron Man, Hawkeye oder Black Widow bedarf, wenn man diese beiden Charmebolzen am Start hat.

Alles gut also? Nun ja. Zwar finde ich THOR: RAGNAROK um ein Vielfaches sympathischer als 99 Prozent der Filme, die mit dem Marvel-Logo erscheinen – allein der Einsatz von Led Zepplins „Immigrant Song“ ist mir eine Verbeugung wert -, aber am Ende kann auch Waititi den Vorwurf der Formelhaftigkeit nicht ganz zerschlagen. Klar, hier geht es um Trivial-Entertainment, aber dieser antiseptische Look und die Eile, mit der von einer „Nummer“ zur nächsten gerast wird, ohne die Geduld, mal einen Moment einfach atmen, ein Bild stehen zu lassen, oder dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, sich umzusehen, stehen einem echten Erlebnis im Weg. Diese Geschäftigkeit ist immer noch das Hauptproblem des MCU – und THOR. RAGNAROK macht da letztlich auch keine Ausnahme.