Archiv für Oktober, 2017

Das Internet und sämtliche verfügbaren Nachschlagewerke sind sich einig, das BLOOD TIDE ein ziemlicher Heuler ist. Es ist schwer, ihnen da zu widersprechen. Die Story um einen Schatzsucher, der ein uraltes Monstrum aus seinem Schlaf weckt, ist wahrlich nicht der Stoff, aus dem die Superhits gemacht sind, und dass man besagtes Monster lediglich einmal ganz kurz sieht, in einer Szene, die nicht gerade angetan ist, einen vor Schrecken zusammensacken zu lassen, ist auch kein Argument für den Film, an dem immerhin Nico Mastorakis und Brian Trenchard-Smith sowie solche Akteure wie James Earl Jones und Jose Ferrer beteiligt waren. Aber es ist nicht zuletzt die mit diesen Personen verbundene Professionalität, die den Film über den Status des Billigschlocks hebt – und mich für BLOOD TIDE einnahm. Dass ich dem Film seit Jahrzehnten hinterherlaufe – der Verriss aus dem berüchtigten „Horror-Film-Lexikon“ von Hahn/Jansen hatte mich schon als Kind neugierig gemacht – hat sicher auch nicht geschadet.

Das Ehepaar Sherry (Mary Louise Weller) und Neil Grice (Martin Kove) segelt zu einer griechischen Insel, auf der Neil seine Schwester Madeline (Deborah Shelton) vermutet, eine Künstlerin. Vom verschwiegenen Bürgermeister Nereus (Jose Ferrer) werden sie alles andere als freundlich empfangen, offensichtlich mag er keine Eindringlinge auf der Insel. Kein Wunder, denn Madeline, eine Exzentrikerin, die sich der Aufgabe angenommen hat, alte Ikonen zu restaurieren und dabei in eine Art kultischer Exstase geraten ist, und Frye (James Earl Jones), ein versoffener Schatzsucher und ehemaliger Shakespeare-Darsteller, sind schon mehr als genug. Zumal Frye mit einer unterirdischen Sprengung ein Seeungeheuer aufweckt, das nach Menschenopfern verlangt.

Setting und Atmosphäre von BLOOD TIDE erinnern den Horrorfilm-Connoisseur natürlich unweigerlich an Joe D’Amatos Ägäis-Schocker ANTHROPOPHAGUS, was nicht die schlechteste Referenz ist. Jefferies Film ist dunkel,  hypnotisch und langsam, dabei außerdem von seiner Wirkung überzeugt. Nie hat man den Eindruck, der Regisseur versuche nur das Beste aus seinen geringen Möglichkeiten zu machen. Dass man vergeblich auf das Monster wartet, ist ein bisschen schade, denn was könnte es cooleres geben als eine Auseinandersetzung mit einem Seeungeheuer, aber BLOOD TIDE lebt sowieso mehr von einer diffusen Bedrohung, von der Ahnung, dass da etwas Böses, Dunkles lauert, von dem Gefühl, dass wir Menschen viel, viel weniger wissen, als wir glauben, von der Macht, die Aberglauben und dunkle Mythen über uns haben. Und dieses dunkle Gefühl, dass sich tief unten in unserer Magengrube eingenistet hat, das fängt BLOOD TIDE meiner Meinung nach perfekt ein. Man muss sich nur darauf einlassen und sollte besser keinen spaßigen Monsterfilm erwarten. BLOOD TIDE schlafwandelt traumgleich an der Grenze zwischen Schlock und Kunst und wirft am Ende die Frage auf: Was war das denn? Filme, denen das gelingt, haben bei mir immer einen Stein im Brett.

 

 

Advertisements

Der Amerikaner Cliff Adams (John Schneider) arbeitet als Pilot für den kolumbianischen Drogenboss Reyes (Federico Luppi), der die Militärpolizei auf seiner Seite weiß. Tatsächlich steht Cliff aber im Dienste der DEA und versucht, dem Verbrecher das Handwerk zu legen. Die Reporterin Janet Meade (Kathryn Witt), pikanterweise seine Exfreundin, sowie der Demokrat Vilalba (Juan Vitali) stehen ihm in seinem Kampf bei …

Einer von vielen kleinen, aber dennoch mit guten Production Values ausgestatteter Actionfilme, die in den Achtzigern in die Kinos kamen oder wenigstens in den Videotheken landeten. COCAINE WARS, in Deutschland unter dem Titel AMERICAN SCORPION auf VHS erschienen, ist einer von ihnen: In seinen Actionszenen etwas unspektakulär, aber dafür an Originalschauplätzen gedreht und gleichermaßen mit guten Darstellern besetzt wie mit einem Drehbuch ausgestattet, das die ganze Story durchaus authentisch erscheinen lässt. Dreh- und Angelpunkt des Films ist aber John Schneider, der als Cliff eine Riesenshow abzieht: Der ehemalige „Duke of Hazzard“ rennt mit zauseliger Struwwelmähne, buschig ausgewachsenem Schnauz und ausgelatschten Nikes rum, hat ständig eine Kippe in der Fresse und verliert Coolness und große Klappe auch dann nicht, wenn er von Reyes‘ Schergen mit Elektroschocks behandelt wird. Ihm zusehen zu können, ist schon die halbe Miete. Das übersieht man auch gern, dass COCAINE WARS mit der Action eher sparsam umgeht. Eigentlich kracht es erst zum Showdown so richtig, aber mich hat das gestern nicht gestört, weil der Film trotzdem gut Tempo macht. Selbst wenn nicht pausenlos rumgeballert wird, ist doch immer irgendwas los. Es ist einer dieser Filme, bei denen man Lust bekommt, eine Fluppe zu rauchen und Schnaps aus der Pulle zu saufen.

Mir hat das gut gefallen. Klar, einen Teil seines Charmes verdankt COCAINE WARS der Tatsache, dass es einfach herrlich ist, diese alten Videothekenfilme heute in HD-Qualität sehen zu können, sich darüber zu freuen, dass man überhaupt die Gelegenheit hat, solchen Kram lang nach Überschreitung des Verfallsdatums zu Gesicht zu bekommen. Und wenn solches Comfort Food einem dann auch noch einen John Schneider beschert, der seine Rolle vereinnahmt, als wäre er geboren worden, sie zu spielen, dann ist das schon mehr als genug. Irgendwie geil.

di shi pan guan (herman yau, hongkong 1993)

Veröffentlicht: Oktober 30, 2017 in Film
Schlagwörter:, , ,

CAT III-Schmier vom Besten, was soll da groß schief gehen? Nichts, und selbst wenn TAXI HUNTER an wahnsinnige Kotzbrocken wie THE UNTOLD STORY und EBOLA SYNDROME nicht herankommt, liefert Yau doch wieder eine ordentliche Packung aus Elementen, die nirgendwo anders als in Hongkong zusammen gingen.

Ah Kin (Anthony Wong) ist ein erfolgreicher aber braver Versicherungsvertreter kurz vor der Beförderung. Seine Ehefrau erwartet in Kürze ein Baby, alles könnte ganz wunderbar sein. Doch dann verliert sie durch das grob fahrlässige Verhalten eines ignoranten Taxifahrers ihr Leben. Kin ist untröstlich – und geht auf einen blutigen Rachefeldzug gegen alle Taxifahrer, die sich auf Hongkongs Straßen benehmen wie die buchstäbliche Axt im Walde.

TAXI HUNTER ist eine grelle Mischung aus TAXI DRIVER und FALLING DOWN, begeistert mit vielen stimmungsvollen Szenen im neonbeleuchteten Nachtleben der Metropole, rührt darüber hinaus noch jede Menge fehlgeleiteter Komik in den Thriller und agitiert, dass die Schwarte kracht. Über Taxifahrer und ihren oft rücksichtslosen Fahrstil zu lästern, ist auch hierzulande durchaus üblich, der Hass, den Yau und Wong auf sie niedergehen lassen, spielt aber in einer ganz anderen Liga. Man kann bei Betrachtung des Films aber tatsächlich den Eindruck bekommen, dass in Hongkong nur asoziale Taugenichtse, Menschenfeinde und arbeitsunwillige Faulpelze in der Personenbeförderung arbeiten: ein Taxifahrer verweigert Kins Frau den Transport, weil er befürchtet, sie ruiniere sein Auto, Beschiss ist an der Tagesordnung, droht Ärger, wird Verstärkung geholt, die äußerst rabiat zu Werke geht. Und Kin tritt nun also an, diesen Arschgeigen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Er stürzt sich ins Nachtleben und schaut sich die besonders miesen Schweine unter den Taxifahrern aus, mit denen er dann kurzen Prozess macht – sehr zur Begeisterung der normalen Bürger, die schon lange die Schnauze voll haben.

Konterkariert wird das vom Subplot um Kins bestem Freund, dem Hardboiled-Polizisten Kai-chung Yu (Rongguang Yu), der mit seinem neuem Partner, dem trotteligen Gao (Ng Man-tat), in den Fall verwickelt wird. Gao agiert als Undercover-Cop und läuft den ganzen Film über in US-Sports-Montur herum, mit der er aussieht wie ein Zurückgebliebener. Seine Tochter, die süße Fernsehreporterin Mak (Athena Chu), mischt auch noch mit, ohne dass das so wirklich eine Rolle spielt. Wie das im Hongkong-Kino oft der Fall ist, ist auch TAXI HUNTER so vollgestopft, dass für den eigentlichen Plot kaum noch Raum bleibt. Da geht es dann auch mal um die Vorliebe Gaos für die Chilisauce seiner Tochter. Diese erzählerische Unfokussiertheit führt dazu, dass sich TAXI DRIVER schon nach ein paar Morden bereits dem Ende zuneigt. Den beiden Cops hilft letzten Endes vor allem die Unbedarftheit des Täters, mehr als eigenes Ermittlungsgeschick. Hinsichtlich Blut und Geschmacklosigkeit muss man gegenüber den beiden weiter oben genannten Tabubrechern einige Abstriche machen: TAXI HUNTER wird mit seinen Gewaltdarstellungen niemanden um den Schlaf bringen und ist mit seinen absurden Übertreibungen viel zu weit draußen, um seine Selbstjustiz-Verherrlichung wirklich ernst zu nehmen. Aber als völlig enthemmte Oper und epileptische FALLING DOWN-Variante ist er natürlich definitiv einen Blick wert.

the slayer (j. s. cardone, usa 1982)

Veröffentlicht: Oktober 30, 2017 in Film
Schlagwörter:, , ,

THE SLAYER ist ein Mysterium. Zum ersten Mal lief mir die Film bei einem England-Urlaub über den Weg, wo er in einer VHS-Horror-Reihe als ehemaliger „Video Nasty“ und Kultfilm angepriesen wurde. Doch trotz meiner unablässigen Lektüre von Nachschlagewerken zum Thema hatte ich von THE SLAYER noch nie gehört. Noch heute ist der Titel eher unterrepräsentiert und das, obwohl mit J. S. Cardone doch ein einigermaßen bekannter Name hinter ihm steckt, der Film über gute Production Values und einige happige Effekte verfügt, mit seiner rätselhaften Atmosphäre in Bann schlägt und schlicht eigenständig und eigenartig ist. Wenn ich jetzt hier anfinge, den Film zu beschreiben, würde er sich wahrscheinlich furchtbar öde anhören, aber Cardones Verbindung von Frühachtziger-Splatter und elliptisch-enigmatischem Mysteryfilm funktioniert tatsächlich ganz hervorragend.

Zwei Pärchen treten zu einem Wochenendtrip auf einer verlassenen Insel an: die neurotische Künstlerin Kay (Sarah Kendall) und ihr Ehemann David (Alan McRae) sowie Kays Bruder Eric (Frederick Flynn) samt Gattin Brooke (Carol Kottenbrook). Kay wird seit ihrer Kindheit von Traumvisionen heimgesucht und fühlt auf der Insel sofort eine rätselhafte Bedrohung. Die scheint sich zu bestätigen, als David mitten in der Nacht spurlos verschwindet …

Der markige Titel lässt es nicht unbedingt vermuten, aber THE SLAYER ist weniger ein bluttriefender Vertreter des Stalk n‘ Slash-Kinos seiner Zeit, sondern kommt deutlich subtiler daher. Die Effekte sind, wie schon erwähnt, nicht von schlechten Eltern, aber Cardone lässt seinen Film nie zur Gewaltorgie verkommen. Das Tempo ist eher gedrosselt, die morbide Inselatmosphäre sinkt ganz langsam ein, es sind zunächst die Spannungen unter den Freunden – die Leichenbittermiene von Kay und ihr Gerede über Visionen und Gefahren ruiniert den anderen schon nach kurzer Zeit die Laune -, die für Turbulenzen sorgen. Es wird nie wirklich klar, was genau da nun eigentlich vor sich geht, wer der titelgebende „Slayer“ ist und was sein Motiv sein könnte. Auch der Epilog reicht nur etwas nach, was vorher bereits einer der Charaktere erzählt hatte. Wie auch seine Protagonistin von einer nicht näher zu fassenden Angst in Bann geschlagen wird, legt sich über den Zuschauer ein eiskalter Hauch vager Ahnungen und unguter Gefühle. THE SLAYER ist einer der raren Horrorfilme, die verstanden haben, dass lückenlose Erklärungen und Logik Feinde des Schreckens und der Furcht sind und den Betrachter lieber mit seinen Fragen sowie einer Handvoll albtraumhafter Bilder allein lassen. Schön ist außerdem, dass sich Cardone jeden Firlefanz verkniffen hat: Es gibt keinerlei Anbiederungen an ein jugendliches Horrorfilm-Publikum, THE SLAYER ist durch und durch erwachsen und selbstbewusst genug, sein Ding ohne Fehltritte durchzuziehen. Wer ein Spektakel erster Güte erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Man sollte sich auf THE SLAYER wirklich einlassen, diese ungemütliche Atmosphäre langsam einsinken lassen wie die nasse Kälte bei einem Novemberspaziergang und aufhören, Fragen zu stellen. Das ist die beste Voraussetzung, THE SLAYER als einen wirklich originellen Genrefilm in sein Herz zu schließen.

 

Der Titel erklärt schon den Appeal und den Witz, den dieser Film haben könnnte und sollte. Es ist ein doofer, eindimensionaler Witz, aber einer, den man selbst dann verstehen kann, wenn man sich selbst nicht zum Mitlachen berufen fühlt. SANTA WITH MUSCLES hat dann auch die inhaltlichen Zutaten, die es braucht: den unter Amnesie leidenden Muskelmann als Santa, ein Waisenhaus mit knuffigen Kids (darunter eine sehr junge Mila Kunis), einen Mad-Scientist-Schurken und eine ganze Horde von dämlichen Gehilfen. Was er nicht hat, ist ein brauchbares Drehbuch, ein Gefühl für die billigen Pointen und vor allem Tempo.

Üblicherweise sind solche Filme meist so albern, dass man sich angesichts des Gag-Tornados, der da über einen hereinbricht, wie ein Spielverderber fühlt. Man sieht förmlich vor sich, wie Regisseur und Produzent vor jedem Drehtag mit dem Megafon vor Crew und Cast treten und alle mit Nachdruck auffordern, gefälligst Spaß zu haben und witzig zu sein. Was ich sagen will: Selbst wenn der Schuss dann nach hinten losgeht, hat es an verzweifelten bis übermotivierten Versuchen meist nicht gefehlt. Außer eben bei SANTA WITH MUSCLES, der irgendwie meint, zu dem Kunststück berufen zu sein, eine Komödie ohne Gags zu vollbringen. Der Film wird nie unangenehm aufdringlich oder grob inkompetent, aber man fragt sich als Zuschauer unweigerlich, warum man sich das eigentlich ansehen soll. SANTA WITH MUSCLES plätschert mit einer solchen Engelsgeduld seinem Ende entgegen, dass der familienfreundliche Weihnachtsfilm auf Umwegen zum echten Nervenzerrer wird. Das geht so weit, dass der Titel, der einen schlagkräftigen Weihnachtsmann suggeriert, leidglich die Tatsache beschreibt, dass dieser Santa tatsächlich Muskeln macht. Das muss ja nun wirklich nicht zwangsläufig bedeuten, dass er diese auch einsetzt.

Wenn etwas an diesem von Minute zu Minute trauriger, trister und einschläfernder werdenden Werk im positiven Sinne bemerkenswert ist, dann der Anfang, der den ganzen Blödsinn lostritt. Wobei „Anfang“ nicht ganz der richtige Ausdruck ist, denn um sein rammdösiges Geschichtchen anzubahnen, benötigt SANTA WITH MUSCLES eine gute halbe Stunde – die allerdings auch das unterhaltsamste am ganzen Film ist. Unternehmer, Ernährungs- und Gesundheitsguru Blake Thorn (Hulk Hogan) erzürnt beim Paintball-Spiel mit seinen Lakaien den örtlichen Sheriff (Clint Howard) und es entbrennt eine wilde Verfolgungsjagd. Sie findet ihr Ende in einer Mall, in der Thorn kurzerhand in die Rolle des Weihnachtsmanns schlüpft. Ein Unfall sorgt für den Gedächtnisverlust, und einige Verwicklungen weiter landet Thorn schließlich in dem Waisenhaus, dessen Existenz durch den gemeinen Ebner Frost (Ed Begley jr.) gefährdet ist. Was dann passiert, kann ich nicht mehr wirklich rekonstruieren, aber es ist auch egal, denn das Fazit steht ja eh schon. Und so komme ich dann auch hier zum Ende, anstatt noch lange weiter rumzumachen wie SANTA WITH MUSCLES.

twisted nightmare (paul hunt, usa 1987)

Veröffentlicht: Oktober 27, 2017 in Film
Schlagwörter:, , ,

Wenn ich manchmal nichts Besseres zu tun habe, versuche ich mir meine anhaltende Liebe für den Slasherfilm der Achtzigerjahre zu erklären. Ich frage mich dann, warum ich mir immer wieder solche Sachen wie TWISTED NIGHTMARE anschaue, wo ich doch weiß, dass die Chance, mal wieder etwas halbwegs Brauchbares erwischt zu haben, langsam aber sicher gen null tendiert. Noch mehr wundert es mich aber, warum ich selbst an solchem Bodensatz immer noch ein perverses Vergnügen finde. TWISTED NIGHTMARE ist großer Käse, aber ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ein Teil von mir diesen Käse nicht ziemlich schmackhaft fand.

Was ist es also?  Sind es die furchtbaren Teenie-Darsteller in ihren gruseligen Klamotten? Die rätselhafte Vorstellung von jugendlichem Vergnügen, die diese Filme immer wieder transportieren? Der staubige Billiglook? Die selbstgebastelten Slasherkostüme? Die unbeholfene Art, Zeit zu schinden? Ich schätze, es ist die Kombination aus all diesen Elementen. TWISTED NIGHTMARE habe ich gestern im Zustand fortgeschrittenen Rausches und zu später Stunde gesehen. Teilweise bin ich weggedriftet, dann kurz vor Schluss eingepennt. Teile des Films sind einfach weg, da wo sie hingehören, anderes werde ich aus unerklärlichen Gründen wahrscheinlich nie mehr vergessen: dieses arme Pärchen, das von den Kumpels erst in eine Blockhütte am Arsch der Welt geladen wird und dann auch noch das Pech hat, beim Verlosen der Schlafplätze den Wohnzimmerfußboden zu ziehen. Warum wundern sich alle, dass er daraufhin ausrastet? Mein Verständnis von „Spaß“ sieht auch definitiv anders aus. Dieser Streit führt zur Spaltung der Gruppe und zu einer weiteren Fragmentierung der eh schon nur rudimentär vorhandenen Handlung, denn nun gilt es gleich mehreren kleinen Splittergrüppchen beim Totschlagen der Zeit beizuwohnen. Es wird irrsinnig viel im Wald rumgelatscht, bevor es dann auch der letzte bemerkt, dass ein Killer sein Unwesen treibt. Die Mordszenen sind sogar ganz effektiv und zupackend geraten, aber mehr als an der Regie liegt das am Score, der mit preiswertem Industrialgeschepper und unheilvollem Dröhnen viel Stimmung macht, wo einfach nur ein paar Knallchargen in Clinch gehen.

Meine Lieblingsszene ist gewiss der Auftritt des ca. hundertjährigen Sheriffs, der im Schneckentempo durchs Bild latscht, stehenbleibt, um sich etwas bedeutungsschwer anzuschauen, und dann einfach weitergeht. Die Sinnlosigkeit des Daseins und die Hybris des Menschen wurden nie prägnanter in Szene gesetzt. Für solche Unzulänglichkeiten liebe ich Slasherfilme, deren Langeweile für mich mittlerweile eine fast meditative Wirkung hat. Man muss es so sehen: Viele Menschen hätten ohne das Aufkommen des Slashers niemals einen Film gedreht. Viel Schrott wäre mir erspart geblieben, aber wahrscheinlich erinnern sich die Darsteller von TWISTED NIGHTMARE heute noch gern an dieses tolle Wochenende im Wald, wo der eine Dünnschiss hatte und der andere dem Kameramann aufs Maul gehauen hat. Ist der Slasherfilm gar ein entfernter Verwandter des Urlaubsvideos? Gerade die Tatsache, dass die Filme alle gleich sind, macht ihre ureigene, genuine Scheißigkeit ja so leuchtend. Man sieht hier Fressen, die man so nirgendwo sonst zu sehen bekommt, an Orten, wo man nie hinwollte, bei Tätigkeiten, die für sich genommen hohl sind, aber auf Zelluloid gebannt und für ein HD-Medium restauriert zum Denkmal für die menschliche Dummheit erhoben werden.

MARY OF SCOTLAND ist der Film, der meine bis dahin wie geölt laufende Ford-Retro vor einem guten Jahr ins Stocken brachte. Ich mag keine Historienfilme, erwartete zu Recht endlose Dialogpassagen und scheiterte beim ersten Anlauf kläglich in den ersten 30 Minuten. Als zwanghafter Komplettist konnte ich mit der Retro aber natürlich nicht einfach weitermachen, ich musste den Moment abwarten, in dem ich mich stark genug fühlte, MARY OF SCOTLAND zu packen.

Ursprünglich wollte Star Katharine Hepburn, dass George Cukor, ein „Frauenregisseur“, den auf einem Theaterstück basierenden Film drehte, aber die RKO weigerte sich, ihn zu engagieren, da sein letzter Film SYLVIA SCARLETT, ebenfalls mit der Hepburn, ein Flop gewesen war. Statt seiner wurde Ford berufen, dem Ruf nach das genaue Gegenteil eines „Frauenregisseurs“, aber dafür mit genug Erfahrung mit epischen, historischen Stoffen. Ford schwärmte wohl insgeheim für die Hepburn, was man vielleicht den vielen zärtlichen Close-ups entnehmen mag, die die Darstellerin von ihm bekommt, aber er fand seine Gefühle nicht erwidert. Als er eine Szene streichen wollte, die der Hepburn wichtig war und diese ihn in eine Diskussion verwickelte, verließ er das Set und überließ ihr die Regie. Ford haderte nicht zuletzt mit dem Drehbuch, das die Verse des Theaterstücks zwar in „normale“ Sprache übersetzte, aber immer noch über ellenlange Dialoge verfügte, in denen dem Zuschauer etwas berichtet wurde, was er vielleicht lieber selbst gesehen hätte. MARY OF SCOTLAND baut auf einer ganz klaren Dichotomie auf, hier die gute, reine Mary Stuart, dort die machtbesessene, unmenschliche Elizabeth, und zementiert diese in seiner starren Form, die sich erst ganz zum Schluss ein wenig lockert.

Hepburns Mary Stuart kehrt als 17-jährige Witwe aus dem französischen Exil nach Schottland zurück, um dort ihren Thron einzunehmen, was Elizabeth (Florence Eldridge), die amtierende Königin von England, als Angriff wertet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie als uneheliches Kind von König Henry VIII. und Anne Boleyn keinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron hatte. Während Mary in Schottland dafür kämpft, ihr Amt nach ihren eigenen Überzeugungen zu tragen, beginnt Elizabeth aus England, gegen sie zu intrigieren. Mary scheitert letztlich an ihrer politischen Arglosigkeit: Immer wieder folgt sie nicht dem Machtkalkül, sondern ihrem Herzen und muss die Konsequenzen tragen. Am Ende ist sie völlig isoliert und wird am Hof ihrer Rivalin zum Tode verurteilt. MARY OF SCOTLAND nimmt sich viele dichterische Freiheiten und es mit der historischen Wahrheit nicht so genau, um seine Protagonistin zu einer feministischen Vorkämpferin, Königin der Herzen und Märtyrerin zu stilisieren.

Inwieweit Fords Film die Fakten verdreht, soll hier nicht Thema sein: Zum einen, weil ich keine Lust habe, mich in britische Geschichte einzulesen, zum anderen, weil das ja auch nicht so ungewöhnlich ist, dass Historienfilme ihre Figuren dazu benutzen, sie für ihre ganz gegenwärtigen Zwecke einzuspannen. Und aus dieser Perspektive ist es gewiss nachvollziehbar, dass die gebeutelte, um den Thron betrogene Königin Mary eine bessere Sympathiefigur abgibt als die Herrscherin eines der mächtigsten Imperien jener Zeit. Auch dass das Verständnis des Films, was eine starke Frauen auszeichne, sich nicht mehr ganz mit heutigen Vorstellungen deckt, soll hier nicht weiter thematisiert werden. MARY OF SCOTLAND scheitert weder an seinem verklärt-romantischen Bild von Herrschaft oder am Whitewashing seiner schuldbehafteten Figuren, sondern zunächst an dieser Starrheit. Weite Strecken des Films laufen etwa so ab: Mary/Elizabeth sitzt in ihrem Zimmer, ein Bote kommt herein und überbringt eine Botschaft, was jenseits der Grenze passiert ist, woraufhin überlegt wird, wie man darauf zu reagieren habe. Das ist über 130 Minuten schrecklich ermüdend, filmisch wie erzählerisch unkreativ, selbst wenn die dahinter liegenden Ereignisse hochgradig faszinierend sind.

Zum Glück gibt es immer wieder einzelne Bilder und Momente, die das menschliche Drama im Kern der royalen Verstrickungen einfangen. Die Loyalitäten schwanken und lösen sich auf, einstige Verbündete werden umgebracht, eingesperrt, verbannt und die Welt um Mary wird enger, dunkler, einsamer. Es gibt ein ganz tolles Bild, das sie in einer großen Halle zeigt, mit hohen Fenstern an der Wand links über ihr. Während sie im Kegel des einfallenden Lichts steht, schiebt sich außen eine Wolke vor die Sonne, die Lichtverhältnisse ändern sich, es wird dunkel um Mary, die als einzige noch erleuchtet ist. Solche visuellen Kabinettstückchen gibt es häufiger, aber es bleiben flüchtige Momente in einem Film, der insgesamt zu unflexibel und klobig ist. Auch an den Kassen floppte er: Es war für die Hepburn der zweite Reinfall in Folge und sie galt daraufhin für kurze Zeit als „Kassengift“. Sie kehrte erst zwei Jahre später mit ihrem furiosen Comeback THE PHILADELPHIA STORY auf die Leinwände zurück.