the prisoner of shark island (john ford, usa 1936)

Veröffentlicht: September 16, 2016 in Film
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poster20-20prisoner20of20shark20island20the_01Die Ermordung Abraham Lincolns am 15. April 1965 während eines Besuchs im Ford’s Theatre in Washington, D. C., durch den Schauspieler John Wilkes Booth ist vielleicht das einschneidenste Ereignis in der US-amerikanischen Geschichte und wurde ja auch schon in D. W. Griffiths THE BIRTH OF A NATION entsprechend in Szene gesetzt. Fords Faszination für die historische Figur war schon in einigen Filmen zuvor offenbar geworden (etwa in seinem frühen Meisterwerk THE IRON HORSE) und sollte 1939 in YOUNG MR. LINCOLN kulminieren. Auch THE PRISONER OF SHARK ISLAND nimmt seinen ikonografisch eindrucksvollen Anfang mit einer Rekapitulation des Mordanschlags: Die Aufnahme, wenn ein Gardinenvorhang vor dem Gesicht des toten Präsidenten (Frank McGlynn sr.) zugezogen wird und sich sein Gesicht aufgrund der Schärfenverlagerung und das grobe Raster des Stoffes in ein abstraktes Schattenbild verwandelt, ist das Eintrittsgeld allein schon wert.

Im Folgenden geht es dann aber nicht mehr so sehr um Abraham Lincoln, sondern um den Arzt Samuel Alexander Mudd (Warner Baxter), der im Zuge der Ermittlungen der Verschwörung beschuldigt und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, dabei nur mit einer Stimme dem Tod durch den Strang entging. Im Film wird er von dem verletzten Booth (Francis McDonald) aufgesucht und um Behandlung gebeten. Mudd erkennt ihn nicht und schickt ihn nach der Behandlung auf die Weiterreise. Die Soldaten, die Booth verfolgen, finden eindeutige Indizien für seinen Aufenthalt bei Mudd, die dessen Aussagen widersprechen und verhaften ihn wegen Beihilfe zum Mord. Das Militärgericht, darauf bedacht, gegenüber dem tosenden Volk Macht und Stärke zu demonstrieren, lässt Rechtstaatlichkeit weitestgehend fahren und verhängt das Todesurteil über sieben vermeintliche Mitverschwörer. Mudd selbst landet auf „Devil’s Island“, einer Gefängnisinsel im Golf von Mexiko, auf der die lebenslange Haft einem Todeurteil auf Raten gleichkommt. Als Mitschuldiger am Tod des geliebten Staatsoberhaupts hat Mudd keinerlei Barmherzigkeit oder auch nur Sympathie zu erwarten. Er fasst schon bald den Entschluss zu fliehen, kann dabei auf die Hilfe seiner Frau und eines Richters zählen, doch der Fluchtversuch scheitert. Erst als eine Gelbfieberepidemie ausbricht, bekommt Mudd eine Chance, sich zu rehabilitieren …

Ford erzählt die Geschichte, die er ein bisschen nach seinem Gusto zurechtbiegt, mit enorm langem Atem und epischer Ambition. In seiner moderaten Lauflänge von 91 Minuten deckt THE PRISONER OF SHARK ISLAND ein Feld ab, das zu beackern andere Regisseure wahrscheinlich drei bis vier Stunden bräuchten. Ford legt nicht nur einen Grundstein für alle folgenden Gefängnisfilme – der geradezu höllische Ort, die gemeinen Wächter, der langsame Verfall, der gescheiterte Fluchtversuch, körperliches Siechtum, das Hin und Her zwischen dem Geknechteten und den hilflos zu Hause Wartenden sind allesamt Standards geworden -, er arbeitet auch ein Stück amerikanischer Geschichte auf, hält ein flammendes Plädoyer auf die staatliche Besonnenheit in Krisenzeiten (es ist eine abgedroschene Phrase, aber THE PRISONER OF SHAKR ISLAND fühlt sich verdammt aktuell an) und konstruiert seine Geschichte wieder ganz in seiner typischen Dialektik. Da ist der Killer, dessen Rücksichtslosigkeit und Feigheit Unschuldigen das Leben kostet, auf der anderen Seite der barmherzige Altruist, der für seine Hilfsbereitschaft bitter bestraft wird, am Ende aber mit der gleichen Selbstlosigkeit gegenüber seinen Schändern sein wahres Wesen beweisen und die Gunst seiner Peiniger gewinnen kann.

Nach den historischen Fakten ist die Rolle Mudds im Mordfall Lincoln weitaus weniger klar gewesen. Mudd kannte Booth, wusste, wen er da behandelte und verschwieg dessen Anwesenheit bei ihm vor den Behörden, auch als er von dessen Tat erfahren hatte. Dieses Schweigen war dann auch maßgeblich bei seiner Verurteilung. Es kursieren verschiedene Theorien über das Wesen der Verbindung von Booth und Mudd. Es ist nicht sicher, dass der Arzt etwas mit Lincolns Ermordung zu tun hatte: Aber ganz gewiss war er nicht der unbescholtene Unschuldslamm, das Ford aus ihm macht. Man muss dem Meister aber keine Geschichtsklitterung vorwerfen, denn natürlich geht es ihm um viel mehr als um eine schnöde Nacherzählung oder auch Interpretation der vorliegenden Daten. Im Kern handelt THE PRISONER OF SHARK ISLAND vom Spannungsverhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Staat, von der Macht, die dem Individuum kraft historischer Irrungen und Wirrungen zugewiesen wird und die positive wie negative Folgen haben kann. Mudd wird zweimal „auserwählt“: Einmal als dankbarer Sündenbock, den der Staat seinem Volk präsentieren kann, einmal als messianischer Retter, der eigene Gefühle und Befindlichkeiten hinten anstellt und das tut, was ihm seine Prinzipien eingeben. Mudd verändert sich nicht: Er folgt zweimal dem hippokratischen Eid, der ihm abverlangt, jedem seine Hilfe zu gewähren ungeachtet dessen Persönlichkeit. Was sich ändert, sind die Umstände, in denen ihm dieses Tun einmal als Verbrechen und einmal als Heldentat ausgelegt wird.

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