Archiv für Mai, 2014

Jo Walker (Tony Kendall) wird auf Empfehlung seines Freundes Captain Rowland (Brad Harris) von einer Amerikanerin nach Thailand gerufen, weil deren Tochter Phyllis (Hansi Linder) bei einem Urlaubsausflug spurlos verschwunden ist. Dahinter steckt die angebliche Wohltätigkeitsorganisation der „Drei Goldenen Schlangen“ von Kim So, die auf einer Insel junge Frauen aus aller Welt gefangen hält. Unter Drogen gesetzt, stehen die Mädchen finanzkräftigen Herren gegen Bezahlung für Liebesdienste zur Verfügung und sehen einem traurigen Schicksal entgegen. Aber mit vereinten Kräften gelingt es Walker und Rowland, zur Insel vorzudringen …

Stammregisseur Gianfranco Parolini machte für den sechsten KOMMISSAR X-Film seinem Landsmann Roberto Mauri Platz und begnügte sich mit dem Verfassen des Drehbuchs. Mehr als dieser Besetzungswechsel macht sich jedoch ein gewisser Zeitgeistwandel bemerkbar. DREI GOLDENEN SCHLANGEN kündigt mit seinem sexualisierten Thema den Übergang vom unschuldig-naiven Popspektakel zum handfesten Sleaze an, wie er sich in den Siebzigern engültig vollziehen sollte. Immer wieder werden barbusige Damen im Bild drapiert: ein Schauwert, der die Science-Fiction-Eskapaden und das Location Hopping der vorangegangenen Reihenbeiträge weitestgehend ersetzt. Der Umschwung vom heiteren Agentenfilm zur handfesten Komödie war schon vorher vollzogen worden, doch Rainer Brandts Synchronisation gibt dem Film noch einen zusätzlichen Schub. Die Sprüche, die er den Figuren in den Mund legt, haben entscheidenden Anteil daran, dass DREI GOLDENE SCHLANGEN seinen Charme entwickelt, auch wenn er sonst eher roh und hingeworfen wirkt. Gleich zu Beginn singt Rowland unter der Dusche „Oh, my darling Clementine, plötzlich war er wieder klein“, später nennt er ein dreirädriges Taxigefährt „Rost Royce“ und beschimpft einen Einheimischen als „Galettebürste“, was immer das ist. Die verbalen Absurditäten nehmen kein Ende, sodass auch dieser sechste KOMMISSAR X-Film als voller Erfolg verbucht werden kann, auch wenn er die Eurospy-Eleganz der Anfangstage gänzlich vermissen lässt und ihm im Finale etwas die Puste ausgeht. Egal. Nach diesem Film legte Produzent Theo Maria Werner die Serie zunächst auf Eis, bevor er 1971 Harald Reinl für ein neues, dann jedoch endgültig letztes Abenteuer von Jo Walker und Captain Rowland anheuerte. KOMMISSAR X JAGT DIE ROTEN TIGER erscheint demnächst via Filmjuwelen auf DVD und selbstverständlich werde ich die Reihe dann zu ihrem angemessenen Abschluss bringen.

step up 3 (jon m. chu, usa 2010)

Veröffentlicht: Mai 30, 2014 in Film
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STEP UP 3 ist brillant.

Jon M. Chu geht den im auch schon grandiosen zweiten Teil eingeschlagenen Weg konsequent weiter, was bedeutet, dass das Surrogat einer Handlung und die sie austragenden Charaktere noch absurder, tangentieller und sketchier sind, die zentralen Tanzszenen noch spektakulärer, artistischer und raumgreifender, die Cinematografie noch musikalischer, der gesamte Film noch poppiger, noch bunter, noch affektiver, noch spaßiger.

„We’re all tapped into one song“, sagt Tänzer und Filmemacher Luke (Rick Malambri), der Seelenverwandte aufspürt, ihnen im „Vault“, einem ausladenden New Yorker Lagerhaus mit eigenem Club im Erdgeschoss, eine neue Heimat gibt, und sie in seine Tanzcrew, die Familienwerte predigenden „Pirates“ eingemeindet. Sie sind alle „B.F.A.B.s“ – Born from a Boom Box –, Menschen, denen das Tanzen gewissermaßen in die DNA einprogrammiert wurde, Menschen für die Tanz die natürlichste Ausdrucksform ist, ein Mittel der spirituellen und körperlichen Befreiung. Dass die Geschichte kaum mehr als ein beliebte und erprobte Klischees aneinanderreihender Faden ist, an der Jon M. Chu seine atemberaubenden Tanzchoreografien auffädelt, bestätigt gewissermaßen die Message des Films, nach der man seinem Körpergefühl folgen und sich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden geben soll. Alles, was in STEP UP 3 nicht Tanz ist, wirkt dann auch ein bisschen hölzern, ist nur ein notwendiger, aber unbeholfener Schritt auf dem Weg zur nächsten Tanzszene. Es fällt nicht negativ ins Gewicht, weil in STEP UP 3 sowieso alles größer, lauter und farbenfroher ist als in Wirklichkeit. Das zeigt sich am schönsten in einer an klassische Musicals angelehnten Szene, in der zwei Figuren zu „ihrem Lied“, das aus den Lautsprechern eines Eiswagens dringt, über eine New Yorker Straße tanzen und wie zufällig herumstehende Requisiten in ihre Nummer einbauen. Das ist vielleicht das einzige, das man an den STEP UP-Filmen noch vermisst: das Handlung und Tanz konsequenter ineinander aufgehen, anstatt etwas ungelenk nebeneinander zu stehen. Aber vielleicht widerspricht das auch der auf Coolness bedachten Hip-Hop Culture, der die Reihe entspringt und deren Machismo für einige Komik sorgt.

In dieser Hinsicht erinnerte mich STEP UP 3 zwischenzeitlich etwas an Ben Stillers ZOOLANDER oder auch an Adam McKays wunderbaren ANCHORMAN. So wie diese beiden Titel einen beträchtlichen Teil ihrer Komik daraus beziehen, die Eigenheiten eines bestimmten Berufs auf das ganze Leben der Ausübenden auszudehnen, eine Art Model- bzw. News-Reporter-Szene zu zeichnen, in der der Job der Protagonisten auch nach Feierabend weitergeht, ist hier alles Tanz. Nicht nur, dass die Charaktere kaum etwas anderes im Kopf haben, sie leben auch in einer Welt, in der sich alles ausschließlich um Tanz dreht. Im „Vault“ sind alle Räume auf ihre Danceability hin optimiert, das Schaffen der Crew wird mit heiligem Ernst betrieben. Als Motivation dient den Mitgliedern der „Pirates“ vor dem entbehrungsreichen Training der Blick auf eine Wand, an der Hunderte von Sneakers in allen Regenbogenfarben aufgereiht sind. Gewissermaßen die „Rüstung“ für die Tänzer, die statt Kettenhemd und Helm eben „the most beautiful shoes in the world“ tragen und deren bloßer Anblick ihre Augen überlaufen lässt. Aber: „You gotta earn your kicks“. Ein Pirat bekommt nichts geschenkt, es herrscht das Leistungsprinzip. Die „Battles“, turnierartige Auseinandersetzungen der verschiedenen Crews, inszeniert Chu als sublimierte Schlägereien, die die Tänzer als harte Typen zeigen, mit denen man sich besser nicht anlegt. Über den ersten Kampf wacht ein Statist aus MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME mit seinem Totenkopfstab, während des zweiten tauschen grimmige Asiaten, wahrscheinlich mit Yakuza- oder Triadenhintergrund, dicke Geldbündel als Wetteinsätze aus. Und der Grundkonflikt, der den Film antreibt, fußt auf einer Eifersuchtsgeschichte zwischen Luke und Julien, dem Anführer der konkurrienden „Samurais“: Weil der einst von Luke rausgeschmissen wurde, hegt er nun einen unstillbaren Hass und schmiedet superschurkenartige Rachepläne.

Wie schon im Vorgänger begeistert die Verbindung der atemberaubenden Choreografien, von Chu mit viel Sinn für Bewegung, Bildaufbau und Dynmaik eingefangen, mit diesem durch und durch naiven Storytelling. Man mag STEP UP 3 eine gewisse Einfalt vorwerfen – der Technik-Wizard der Pirates etwa kommt nicht auf den selbst für Nicht-Genies überaus naheliegenden Gedanken, zwei Gegenstände, die er kombinieren will, einfach mithilfe von Klebeband zusammenzubringen –, aber sie verstärkt eigentlich nur die Ausgelassenheit und Freude, die der Film verströmt. Es ist ihm egal, dass er kein intellektueller Überflieger ist, er weiß, dass seine Stärken woanders liegen. Chu zieht seine Kraft aus dem Herzen, und die Ehrlichkeit, mit der sein Film operiert, ist streckenweise entwaffnend. Noch in der frappierendsten Banalität findet er den Funken Romantk, etwa wenn sich Luke und sein Love Interest Natalie (Shari Vinson) auf einen Luftschacht stellen und ihren neonfarbenen Bubble Tea in liquiden Spiralen nach oben treiben lassen. Umso seltsamer, dass der Film dann doch mit einem laueb Kompromiss schließt. Moose, der auf Drängen seines Vaters ein Ingenieursstudium aufgenommen hat, obwohl er ein echter „B.F.A.B.“ ist, schmeißt am Ende mitnichten sein Studium, auch wenn der Film zu keiner Sekunde einen Zweifel daran hat aufkommen lassen, dass er das für langweilige Zeitverschwendung hält. Stattdessen nimmt Moose Tanz einfach als zweiten Studiengang hinzu. Wahrscheinlich traute man sich dann doch nicht, Millionen von US-Kids unverblümt zu sagen, dass sie ihr Studium schmeißen sollen, um Tänzer zu werden. Vielleicht wusste Chu aber auch, dass seine Bilder eh mehr Kraft haben, als jeder schnöde Drehbucheinfall.

 

 

 

 

Das Leben ist immer dann am aufregendsten, es hält immer dann die eindrücklichsten Erfahrungen bereit, wenn die Routine, die man mit den Jahren entwickelt, aufbricht, wenn die Handlungs- und Interpretationsmuster, die man sonst anwendet, nicht mehr greifen und einen die Macht des Seins ganz unvermittelt, ungefiltert, unrationalisiert und somit mit voller Härte trifft.

Hier geht es deshalb auch ausnahmsweise einmal nicht um einen Film. Oder nur ganz am Rande. Ich bin zum zweiten Mal Vater geworden. In den späten Abendstunden des vergangenen Montags ist unser Sohn geboren worden, ein kleines, knautschiges, noch sehr hilfloses, aber wunderhübsches kleines Würmchen, zu dem der Name Rupert, den wir uns für es ausgedacht haben, perfekt passt. Auch unsere mittlerweile vierjährige Tochter Selma ist ganz aus dem Häuschen darüber, nun ein „Brüderchen“ zu haben und „große Schwester“ zu sein. Sie weiß natürlich noch nicht genau, was das bedeutet, aber man spürt schon, dass da eine Ahnung von Verantwortung in ihr heranwächst, ein Gefühl, dass sie noch nicht beschreiben könnte, aber dennoch spürt.

Auch für Leena und mich ist das logischerweise etwas Besonderes. Ja, alles, was man über die Erfahrung der Geburt des zweiten Kindes sagt, stimmt: Man erlebt das alles deutlich gelassener – wenigstens bis zu dem Moment, wo es dann konkret wird –, und, weil man mit der Erziehung des/der Erstgeborenen reichlich beschäftigt ist, mehr nebenbei. Die große Euphorie über den wachsenden Kugelbauch ist deutlich abgemildert. Man kennt das ja schon. Es ist ein bisschen schade, dass man das nicht mehr in der Form zelebrieren kann wie beim ersten Mal, aber so ist das. Der Mensch ist ziemlich anspruchsvoll und was ihn einmal nahezu umgehauen hat, ist beim zweiten Mal nur noch old news. Wie ich sagte: bis zur Geburt. Denn dann ist die Aufregung und Spannung deutlich größer, der Schleier, der sich beim ersten Mal noch schützend und dämpfend über einen gelegt hat, leichter, durchsichtiger. Dabei zuzusehen, wie mein Sohn auf die Welt kam, hat mich umgehauen. Nicht wörtlich, aber doch im übertragenen Sinne.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrfach mit meinen Kollegen von der über Film schreibenden Zunft diskutiert und im Clinch gelegen. Das Flublatt für aktivistische Filmkritik des VDFK (Verband für deutsche Filmkritik e. v.) habe ich mitgezeichnet, weil ich finde, dass Filmkritik mehr leisten muss, als Empfehlungen auszusprechen. Sie sollte zur Auseinandersetzung anregen und Film nicht bloß als Konsumgut betrachten. Trotzdem, und das ist eben der Punkt, in dem sich meine Meinung von anderen meiner Kollegen unterscheidet, halte ich es für wichtig, ein gewisses Maß an Sachlichkeit und vielleicht auch ein Stück kritische Distanz zu wahren. Was hat das mit der Geburt meines Sohnes zu tun? Film bleibt, auch im allerbesten Fall, immer noch Film. Es gibt Filme, die entwickeln eine immense Kraft, sind in der Lage, die natürliche Barriere, die zwischen ihm und dem Betrachter besteht, zu überwinden, aber sie treffen auch dann nicht so unmittelbar, wie das Ereignisse tun, die einen direkt betreffen, an denen man als Mensch aktiv teilnimmt und partizipiert. Es wird niemals einen Film geben, der mit mir das „anrichtet“, was die Geburt meiner beiden Kinder mit mir gemacht hat. Und ich halte es für wichtig, diesen Unterschied, diese Differenz anzuerkennen und zu wahren. Max Goldt hat einmal sinngemäß – und natürlich polemisch – über Literatur gesagt, dass kein Buch so unverzichtbar sei wie Musik. Um das auszuweiten: Keine Art von Kunst kann mit dem Leben in seinen besten Momenten konkurrieren. Ich liebe Filme, halte Film für die avancierteste und spannendste Kunstform, und auf meine DVD-Sammlung zu verzichten, wäre ungefähr gleichbedeutend mit dem Verlust eines Arms oder Beins (natürlich nicht wirklich, aber you catch my drift). Aber er ist für mich wahrscheinlich dann doch nicht von existenzieller Bedeutung: Ich könnte, wenn ich müsste, auch ohne leben. Das ist kein Mangel des Mediums: Im Gegenteil ist seine Verzichtbarkeit ein Teil seines Reizes. Film ist eben nicht Brot, Wasser und Sauerstoff. Er ist Müßiggang, ein Add-on, das der Mensch sich gönnt, weil er es kann, nichts, was er zum Leben braucht.

Gestern, als der erste Schub von Glückshormonen und Adrenalin bereits etwas abgeklungen war, ich meinen Sohn im Arm hielt und ihn einfach nur ansah, habe ich etwas erlebt, das hingegen unverzichtbar ist und kein Surrogat oder Äquivalent kennt. Als ich da also dieses Produkt meiner Selbst betrachtete, meinen „Erben“, um es pathetisch zu formulieren, da hatte ich einen Eindruck von Ewigkeit. Man nenne es, wie man wolle: spirituell, kosmologisch, whatever. Ich hatte eine Erfahrung, die mein eigenes Sein und auch das meines Sohnes überschreitet, transzendiert. In meinem Arm hielt ich ein Stück unbegrenzter Zukunft. Ich glaube nicht an den einen Sinn des Lebens. Aber doch daran, dass man einen Platz im großen Ganzen einnehmen kann, die Gewissheit erlangt, etwas Bleibendes hinterlassen zu haben. Mein Leben ist nun, nachdem ich zwei Kinder in die Welt gesetzt habe, nicht beendet und ich habe durchaus noch etwas vor. Aber ich habe, um noch einmal Filmterminologie zu bemühen, die Möglichkeit für ein Sequel in der Geschichte der Menschheit und dieses Planeten offengelassen. Ich habe den Plan, der in jedem Menschen angelegt ist, ausgeführt.

Vater zu sein, hält unendlich viele Erfahrungen, auch schmerzhafte, aber eben auch Glücksmoment bereit, die man durch nichts, rein gar nichts ersetzen kann. Man kann sich das, ein gewisses Maß an Intelligenz und Einfühlungsvermögen vorausgesetzt, sicherlich vorstellen und intellektuell nachvollziehen, aber es gibt keine Möglichkeit, es auf andere Art und Weise zu spüren, als wenn man eben selbst Vater (oder Mutter for that matter) wird. Und ich werde das nicht dadurch trivialisieren, dass ich behaupte – und tatsächlich meine –, dass ein Film mein Leben in diesem Maße verändert hat. Es war mir wichtig, das an dieser Stelle einmal loszuwerden.

Als nächstes schaue ich dann wahrscheinlich STEP UP 3.

 

 

Der Schwerverbrecher Arthur Hillary (Franco Fantasia) wird von seinen Kumpanen, darunter der gefährliche Anthony (Siegfried Rauch), bei einem Gefangenentransport befreit. Hillary hatte vor seiner Inhaftierung einen spektakulären Diamantenraub gelandet, die Beute hatte er in der titelgebenden Statue bei seinem Zwillingsbruder Robert in Kanada versteckt. Jenen gilt es nun ausfindig zu machen, um ihm die Steinchen wieder abzunehmen. Derweil Captain Rowland (Brad Harris) auf den flüchtigen Schurken angesetzt wird, ist Privatdetektiv Jo Walker im Auftrag der Versicherung unterwegs, die Diamanten zurückzuholen. Beide müssen sich wieder miteinander arrangieren, um zum Ziel zu kommen …

Der fünfte Film der insgesamt siebenteiligen Reihe setzt die mit dem Vorgänger KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE eingeschlagene Linie fort. Das bedeutet, dass es auch hier um einen „normalen“ Kriminalfall geht, die an die Erfolge der Bond-Reihe angelehnten Ausflüge ins Science-Fiction-Genre der Vergangenheit angehören. Die Story ist nicht übermäßig spektakulär, aber durchaus kurzweilig, das Zusammenspiel von Harris und Kendall steht wieder mehr im Vordergrund, der Ton des Films ist wesentlich komödiantischer als zuvor. Harris hat als Rowlanddie Rolle des etwas einfältigen Deppen inne, der der Cleverness seines freischaffenden Partners nur wenig entgegenzusetzen hat, aber dessen Scharfsinn mit der nötigen körperlichen Durchschlagskraft ergänzt. Die spritzige Dynamik der beiden kann man etwas mit jener vergleichen, die Terence Hill und Bud Spencer einige Jahre später zu Ruhm und einem Platz in der (europäischen) Filmgeschichte verhelfen sollte. Den Hintergrund des munteren Treibens bildet vor allem die Kulisse der damaligen Weltausstellung in Montreal, und Ausflüge nach L.A. und Calgary werden auf die bekannt rührend-unbekümmerte Art mit Material aus Italien ergänzt. Das garantiert gleich zu Beginn einige Lacher, wenn Parolini dem Zuschauer ein südeuropäisches Bergambiente mit unbefestigten Schotterpisten als die Serpentinen der Hollywood Hills verkaufen will, oder er jenen berühmten Wasserfall, der in fast jedem italienischen Film der Sechziger- und Siebzigerjahre zu sehen ist, nach Kanada verlegt. Schön ist auch die als Hightech-Sensation eingebaute Archivmaterial-Szene mit einem Jetpack, das für „Menschen im Düsenzeitalter“ als die kommende Fortbewegungsart gepriesen wird, sonst aber keinerlei narrative Funktion erfüllt. Das sind die Momente, für die man den trivialen Stoff jener Tage liebt. Für Kurzweil ist also, nicht zuletzt aufgrund der Anwesenheit von Eurobabes wie Erika Blanc oder Hannelore Auer, wieder einmal gesorgt, auch wenn die vorangegangenen Höhepunkte der Reihe unerreicht bleiben. Ein Meisterwerk erwartet von einem KOMMISSAR X-Film eh niemand, insofern darf die Mission „Entertainment“ nach 90 schön bunten, beschwingten und angenehm depperten Minuten dennoch als „erfolgreich“ abgehakt werden. Mehr fällt mir zu diesem Film aber auch nicht mehr ein.

Ließ sich STEP UP noch recht viel Zeit mit seiner Geschichte, würzte diese bis zu seinem großen Tanzprüfungs-Finale nur gelegentlich mit eher zurückgenommen inszenierten Tanzszenen und legte den Fokus stattdessen auf die zwischenmenschlichen Konflikte, die mit einer Geduld ausgebreitet wurden, welche in eklatantem, aber sympathischem Missverhältnis zu deren Klischeehaftigkeit stand, so wird der Fokus mit dem Wechsel auf dem Regiestuhl nun eindeutig auf die tänzerische Bewegung gelegt. Je spektakulärer und länger diese Tänze werden, umso formelhafter und damit auch absurder wird notgedrungen die Geschichte – sehr zur Freude des Betrachters, der hier einige Belege für die These von der strukturellen Verwandtschaft von Tanz- und Actionfilm an die Hand bekommt.

Schon die Eröffnungsszene allein ist aufregender und visuell kreativer als der gesamte inszenatorisch und visuell eher biedere erste Teil: Ein zwielichtiger junger Mann steigt in einen U-Bahn-Waggon und zeigt sich den Passagieren nach kurzer Geheimniskrämerei mit einer furchteinflößenden Maske. Statt nun eine Waffe zu zücken, holt er jedoch zwei Drumsticks aus seiner Tasche und beginnt einen Beat gegen die Zugwand zu trommeln. Das ist das Signal für seine Kumpane: Mehrere der vermeintlichen Fahrgäste tragen plötzlich ebenfalls Masken und beginnen unter Zuhilfenahme von Sitzen und Haltestangen eine aufwändige artistische Choreografie zu tanzen. Immer mehr steigen in die Nummer ein, bis der Zug hält und die Tänzer den Ort des Geschehens, verfolgt von Ordnungskräften, fluchtartig verlassen. Bei den Tanzaktivisten handelt es sich um die Crew „410“, die angeführt von Tuck (Black Thomas) die Vorherrschaft in der Street-Dance-Szene Baltimores innehaben. Ihr Können zeigen diese Crews bei einem geheimen, illegalen Wettkampf namens „The Streets“, wo sich entscheidet, wer heiß und wer scheiß ist.

Eines der Mitglieder ist das Waisenkind Andie (Briana Evigan). Seit ihre Mutter an Krebs starb, lebt sie bei deren bester Freundin, die das Hobby der Pflegetochter mit Argwohn betrachtet. Auf ihren Druck hin bewirbt sich Andie am renommierten Tanzcollege MSA, das von dem ehemaligen Ballettstar Blake Collins (Will Kemp) geleitet wird, und wird schließlich aufgenommen. Das Engagement am College entzweit sie schließlich von ihrer Crew, aus der sie mitleidlos rausgeworfen wird. Auf Anregung ihres neuen Freundes Chase (Robert Hoffman), dem jüngeren Bruder des Direktors, versammelt sie die Misfits der Schule um sich, all jene, die Talent haben, aber zu nonkonform sind, um im rigide geführten Schulbetrieb wirklich Erfolg zu haben, und gründet eine eigene Crew, mit der sie beim Wettbewerb „The Streets“ teilnehmen will. Ihr alter „Chef“ Tuck sieht das gar nicht gern und ergreift die entsprechenden rüden Maßnahmen. Doch Andie und ihre Freunde lassen sich nicht unterkriegen und treten schließlich in einer alten Fabrikhalle gegen die Champions von 410 an.

Der Plot, der um die spektakulären Tänze herumgestrickt ist, ist annähernd so vorhersehbar und rammdösig, wie sich das hier liest. Weil Jon M. Chu ein charismatischer Hauptdarsteller vom Schlage eines Channing Tatum – er absolviert hier einen ausgedehnten Gastauftritt bei einer Tanzszene zu Beginn, in die zwei im Boden eingelassene Trampoline eingebunden werden – fehlt, tut er gut daran, den Fokus ganz auf die visuelle Ausschmückung zu richten, im Eiltempo von Eye Candy zu Eye Candy zu preschen und ansonsten alles mit der Subtilität eines Wrestlingevents zu versehen. Die 410-Crew hat es mit ihren den städtischen Betrieb vielleicht etwas störenden, aber doch keinesfalls bösartigen Perfomances zu flächendeckender Notorietät geschafft, der sich sogar Nachrichtenbeiträge mit dramatisierendem Tonfall widmen. Anführer Tuck muss im Verlaufe seiner drei, vier Szenen vom strengen Leader zum fanatischen Schurken aufgeblasen werden, der keine „Verräter“ duldet. Schulleiter Blake ist nicht nur ein elitärer Schnösel, dem bei seiner Ausbildung im spießigen Europa offensichtlich auch der obligatorische britische Akzent antrainiert wurde, er ist auch dafür zuständig, spießige Ressentiments gegen den coolen Hip-Hop-Tanz und das zentrale Turnier zu pflegen und die freigeistige Andie zu quälenden Ballettstunden zu zwingen. Am Ende wird er freilich eines Besseren belehrt und nimmt den Sieg seiner ausgestoßenen Schützlinge mit einem zufriedenen Grinsen zur Kenntnis. Die Truppe der Loser, die Andie um sich schart, ist auffällig Multikulti und gegen herrschende Schönheitsideale besetzt: Da gibt es etwa den schlaksigen, jungfräulichen Nerd, der zwar kein Tänzer ist, aber trotzdem über die krassesten Moves verfügt (und am Ende die ehrgeizige Schönheit für sich gewinnt, nachdem diese überwunden hat, dass ihr Schwarm lieber mit der Hauptfigur knutscht), die Asiatin, die nicht richtig Englisch kann, die zu groß gewachsene Afroamerikanerin und den Tänzer mit den Zahnlücken und der Stirnglatze. Alle finden sie schließlich über die Begeisterung für den Tanz zusammen, und als Andie nach einem Zwischenfall im letzten Akt von der Schule verweisen wird, sitzen sie alle wieder schmollend und einsam auf dem Pausenhof herum, wo sie vorher vor Lebensfreude fast überquollen. Auch die Pflegemutter muss erkennen, dass ihre Andie wie einst deren Mutter ein herzensguter Mensch mit dem Talent ist, die Menschen zusammenzuführen, und beugt sich vor ihrem Willen, sodass dem spektakulären Finale nichts mehr im Weg steht. Und das ist es dann auch, was STEP UP 2: THE STREETS den finalen Kick gibt. Schon die Darbietung der „Schurken“ bietet ein Maß an Artistik auf, das Freunde der Filme aus Jackie Chans Hochphase frohlocken lässt, doch sie wird noch einmal von der  zu strömendem Regen choreografierten Nummer der Helden getoppt, bei der Bild und Ton Hand in Hand gehen und die eine Dynamik aufbietet, wie man sie sonst eben nur im Actionfilm findet. Mehr als über Dialoge äußern sich die Figuren in der Bewegung, gewinnen im Tanz die Persönlichkeit, die ihnen das Drehbuch sonst vorenthält. Kommt der Film sonst steif und stromlinienförmig daher – auch seine visuellen Tics sind letztlich Videoclip-Konvention –, befreit er sich in jenen Sequenzen von seinen Zwängen. Das ist es ja auch, worum es geht. Dass die unmissverständliche „Be who you are“-Botschaft trotzdem verbal ausformuliert werden muss, spricht nicht so sehr gegen den Film wie gegen das Publikum, das es leider verlernt hat, Bilder zu interpretieren und zu begreifen.

„Comfortable Numb“ heißt ein Song von Pink Floyds Album „The Wall“. STEP UP, Auftakt zu einer in diesem Jahr mittlerweile fünfteiligen Serie von Tanzfilmen (dass STEP UP mittlerweile auch schon sieben Jahre alt ist, zeigt nichts so sehr, wie der myspace-Link auf dem Poster), ließe sich in Abwandlung des Titels als „Comfortably Dumb“ beschreiben. Will sagen: STEP UP hakt so ziemlich jedes Plotklischee ab, das man von einem solchen Film erwarten darf, überrascht garantiert niemanden, der in den letzten 30 Jahren irgendeinen Teenie-, Highschool- oder Sportfilm gesehen hat, ist in seiner „Du kannst es schaffen, wenn du nur willst“- und „Runter mit den Kids von der Straße“-Propaganda herrlich schlicht, schafft es aber erstaunlicherweise trotzdem, einen bei der Stange zu halten. Der Grund dafür ist wenig originell, aber evident. Ich habe etwas ganz ähnliches zu MAGIC MIKE geschrieben: Channing Tatum, der mit diesem Film seinen Durchbruch als potenzieller Leading Man feierte, bringt etwas mit, dass den Pappkameraden, den er zu spielen hat, lebendig werden lässt und mit ihm den ganzen Film. Ich habe den Hype um ihn bislang nie verstanden, fand ihn in G.I. JOE: RISE OF THE COBRA maximal zweckdienlich, seine Segelohren und seinen runden Kopf mit dem Jock-Haarschnitt nur wenig glamourös, aber mit diesen beiden Auftritten hat er mich überzeugt. Für einfach gestrickte (aber gutaussehende) Kumpeltypen mit goldenem Herzen ist er ideal, vielleicht der einzige in Hollywood, der so etwas auf hohem Blockbuster-Niveau kann.

STEP UP also. Die Bereitschaft, mich hier gewissermaßen fallen- und auf die diversen Flachheiten und Einfältgkeiten einzulassen, löste den Impuls, darüber zu lachen, bei mir schnell ab. Von der pseudolibertären, eigentlich eher neoliberalen Leistungshuberei abzusehen, den Film stattdessen als überschwängliches modern-urbanes Märchen vom Tanzprinz und seiner Tanzprinzessin zu begreifen, ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung, hier vielleicht nicht gerade spirituelle, aber doch freudvolle Erfüllung zu finden. Guilty pleasure sagen manche dazu, ich habe es mir abgewöhnt, mir von Dingen, die ich mag, ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, bloß weil irgendein Konsens behauptet, sie seien minderwertig. STEP UP ist das moderne Äquivalent zur volkstümliche Sage, die sich damals von Mund zu Mund verbreitete und dann an jedem heimischen Herd etwas abgewandelt erzählt wurde: Eine Geschichte, die man kennt, in der man sofort drin ist, deren Ausgang keine Überraschung bereithält, der man aber trotzdem gern folgt, eben weil es ein legitimer Aspekt des Geschichtenhörens ist, sich über das Bekannte zu freuen. Und die Chuzpe, mit der hier alles mit allem verquirlt wird, kann einem schon Respekt abnötigen.

Da landet das weiße Ghettokid Tyler (Channing Tatum) mit seinem schwarzen Kumpel Mac (Damaine Radcliff) und dessen kleinem Bruder Skinny (De’Shawn Washington) nach einer Party auf der Bühne der Kunstakademie, wo sie im spätpubertären Überschwang gemeinsam ihrem zerstörerischen Trieb nachgehen. Tyler wird geschnappt und zu 200 Stunden Sozialdienst an eben jener Schule verdonnert. Begeisterter und talentierter Tänzer, der er ist, bleibt ihm die hübsche Nora (Jenna Dewan) nicht lange verborgen: Die bereitet sich auf ein wichtiges Vortanzen vor, als ihr Partner Andrew aufgrund einer Verletzung ausfällt. Natürlich ist Tyler geradezu idealer Ersatz, was Noras Freund, der ehrgeizige Brett (Josh Anderson) mit Argwohn betrachtet. Nach anfänglichen Problemen – die Studentin hält sich natürlich für etwas Besseres – entflammt die Liebe zwischen den beiden ungleichen Partnern. Doch es ziehen Probleme herauf: Auf einmal ist Andrew wieder gesund und Tyler landet auf dem Abstellgleis. Als der gesundete Tanzstudent merkt, dass er die von Tyler erheblich Richtung Hip-Hop modifizierte Nummer nicht tanzen kann, zieht er zurück, doch nun ist es Tyler, der, in seiner Ehre gekränkt, nicht mehr mitmachen will: ein Charaktermangel, der ihn auf ewig in seinen armseligen Verhältnissen gefangenhalten wird, wenn er nicht lernt, über seinen Schatten zu springen, wie ihm die strenge Direktorin Gordon (Rachel Griffiths mit ihrem bekannt sinnlich-rauchigen Hauchen) Das ist aber beileibe nicht der einzige Konflikt des Films, der natürlich auch einen Blick auf das gritty life on the streets werfen muss und zu diesem Behufe den schwarzen Straßengangster PJ sowie den Pate-ähnlichen Omar (Heavy D) aufbietet: Letzterer ist (humanistisch gebildeter) Besitzer eines Autoknackerrings – er erinnert einmal daran, dass sowohl Miles Davis als auch 2pac und Mobb Deep Kunstschulen besuchten, damit für credibility unter streetkids werbend –, fungiert als Arbeitgeber für Mac und hat so letztlich entscheidenden Anteil an der Erschießung Skinnys, der ausgerechnet PJs Karre klaut, um den Respekt seines älteren Bruders zu gewinnen (mir geht hier langsam die Luft aus). Ein weiterer Subplot dreht sich um den talentierten Komponisten Miles (Mario), der Noras Freund Brett mit seinen Stücken beliefert, dann aber von ihm sitzen gelassen wird. Er hat außerdem ein Auge auf die heiße Freundin Noras geworfen, Lucy (Drew Sidora), ist aber zu schüchtern, um bei ihr zu landen. Es ist seine Kunst, die ihm schließlich den Weg zu ihrem Herzen (und vermutlich in ihr Höschen) öffnet.

Wie gesagt ist nichts davon neu oder originell und noch weniger subtil – wie sich die Produzenten eine Kunstakademie vorstellen, ist geradezu rührend –, aber mir war das recht schnell egal. Spätestens in der Szene, in der Tyler und Nora auf einer Plattform vor dem in der untergehenden Abendsonne glänzenden Frachthafen ein Tänzchen abhalten und nur das gleißend helle Licht der Sonne die Lippen ihrer Silhouetten voneinander trennt, wollte ich dem Film alles glauben.

Körper, Licht, Bewegung, Verführung, Begehren. Die Essenz des Kinos. Aber auch die Essenz von Soderberghs MAGIC MIKE. Es ist eigentlich noch zu früh für mich, Aussagen darüber zu machen, was von diesem Film bleiben wird, schließlich habe ich ihn erst vor ein paar Stunden gesehen. Aber ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass es etwas damit zu tun hat: mit den sich lustvoll präsentierenden Körpern der Tänzer, die in jenen Minuten auf der Bühne des Stripclubs der Mittelpunkt des Seins für das enthemmt kreischende Damenpublikum sind; mit der Leichtigkeit, die das Leben in diesen Minuten für beide Seiten gewinnt, einer Leichtigkeit, die die Tänzer verzweifelt versucht sind, auf das restliche Leben auszudehnen, aber dabei immer wieder mit seinen Zwängen kollidieren; und, am wichtigsten vielleicht, mit diesem Licht. Zunächst natürlich mit dem Licht im Stripclub, das die perfekt ausdefinierten Körper stechend scharf aus dem Schwarz der Dunkelheit herausschält und sie immer wieder fetischistisch mit gleißenden Lichtpunkten umspielt. Aber mehr noch mit dem Licht der floridianischen Sonne. Soderbergh fängt nicht einfach eine Langnese-Sommerferienstimmung ein. MAGIC MIKE ist nicht, wie etwa Korines SPRING BREAKERS oder Bays PAIN & GAIN, von dieser neonfarbenen Poppigkeit. Ein immer etwas angetrübtes, goldenes Licht umfängt seine Protagonisten zwar so warm wie eine Fruchtblase, aber es lässt keinen Zweifel daran, dass diese Wärme trügerisch ist, dass ihr das harte Erwachen in Kälte und Dunkelheit folgen wird. Einmal malen die Lichtreflexe des in der müden Mittagssonne dösenden Golfs von Mexiko glitzernde Wellen auf die Körper von Mike (Channing Tatum) und Brooke (Cody Horn), der Schwester seines Protegés Adam (Alex Pettyfer): Ihre Körper werden zu Projektionsflächen, zu Trägern eines ungeborgenen Potenzials, das sie selbst noch nicht ganz erkennen können.

Die Geschichte, die Soderbergh erzählt, kann mit der Suggestionskraft seiner Bilder leider nicht ganz mithalten. Man hat das schon tausendmal gesehen: Wie der zweifelhafte Ruhm, in diesem Fall eines Strippers, seiner Reife im Weg steht. Wie das vermeintliche „Traumbusiness“, das Selbstverwirklichung und Fun, Fun, Fun verspricht, plötzlich sein hässliches Gesicht zeigt, unzertrennliche Männerfreundschaften sich bei ersten Schwierigkeiten als reine, kalte Zweckgemeinschaften entpuppen. Wie der zunächst unschuldige Neuling dem Zugriff seines Mentors immer mehr entgleitet, sich zu einem regelrechten Monstrum entwickelt. Wie erst die große Liebe dem Leben eine Richtung geben kann. MAGIC MIKE hakt die Kischees gleich reihenweise ab, betrügt seine erste Hälfte, die das Stripshow-Treiben als für beide Seiten geradezu befreiende Erfahrung zeichnet, mit seiner zweiten, in der er das alles als höchst flüchtige Tarnung eines harten Geschäfts zeichnet, dem fast jedes Mittel recht ist. Dass ich ihm diesen Umschwung gern verzeihe, mehr als anderen, vergleichbaren Filmen, liegt nicht zuletzt an den Darstellern, die auch im breitesten Klischee noch die feine Nuancierung finden, die es goutierbar macht und ihm ein Fünkchen Wahrheit verleiht. Neben Channing Tatums natürlichem Boy-next-door-Charme und dem aufmüpfigen Selbstbewusstsein Cody Horns ist es vor allem Alex Pettyfer, dessen Verwandlung vom naiven Spätpubertierenden zum hedonistischen Arschloch einem einen leisen Schauer über den Rücken jagt. Er entwickelt ungemeine Präsenz in der Art und Weise, wie seine Figur nie ganz da ist. Und dann dieser Schlussdialog, mit der wahrscheinlich romantischsten Frühstücksverabredung der Filmgeschichte. Wenn sich Mike und Brooke in der letzten Sekunde des Films diesen ersten, noch zurückhaltenden, aber doch ungemein verheißungsvollen Kuss geben, den die Kamera nur aus pietätvoller Distanz zeigt, wird klar, dass es in MAGIC MIKE gerade darum geht, die Klischees aus dem eigenen Leben zu räumen, um zur Wahrhaftigkeit zu gelangen.