Mit ‘Musikfilm’ getaggte Beiträge

purple20rainIch bin nicht der Typ, der anlässlich der Todesnachrichten von Prominenten regelmäßig in Trauer verfällt. Menschen sterben, und ab einem gewissen Alter ist das nur der natürliche Lauf der Dinge. Prince‘ Tod in der vergangenen Woche war schon von daher etwas anderes: Gerade einmal 57 Jahre alt, hätte er eigentlich noch ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten haben sollen. Es scheint mir unnötig, geradezu verschwenderisch, jemanden von solch unglaublichen Fähigkeiten in diesem Alter abzuberufen, noch dazu aufgrund einer Verkettung unglücklicher, dummer, wahrscheinlich vermeidbarer Umstände. Ich habe Prince‘ Musik in den letzten Jahren zugegebenermaßen nicht mehr verfolgt. Das letzte Album, das ich mir von ihm gekauft habe, war „The Rainbow Children“ aus dem Jahr 2001, und schon damals stieß mir seine zunehmend esoterische Ader etwas sauer auf. Als ein paar Jahre später „Musicology“ erschien, keimte kurz die Hoffnung, er könne in großem Stile zurückkommen, aber das war natürlich auch etwas naiv. Ich glaube, Prince hatte gar kein Interesse mehr daran, in den Charts herumzuhampeln und sich Mikros von MTV-Moderatorinnen unter die Nase halten zu lassen, die seine Kinder sein konnten.

Aber selbst wenn Prince‘ Musik keine echte Rolle mehr in meinem Leben spielte: Er war eigentlich immer da gewesen, hatte mich in unterschiedlicher Intensität mein ganzes Leben begleitet und es ein paar Jahre lang mit seiner Musik und seiner Persona versüßt. Sein „Raspberry Beret“ war auf der ersten Platte, die ich selbst besaß, ein Compilation-Album namens „Hits3“, das ich zu Weihnachten 1985 von meinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Ich weiß noch, wie mich der Song mit seiner poppigbunten flamboyance und der karnevalesken Stimmung damals verwirrte. Nichts auf der Platte klang auch nur annähernd vergleichbar.Songs, die damals neben ihm standen, sind heute vergessen oder nur noch für den kurzen Nostalgieflash gut, „Raspberry Beret“ ist noch immer so frisch wie eine Brise Sommerwind, die den Geruch von Erdbeereis und Sonnenmilch mit sich trägt. So sehr Prince als Musiker und Künstler auch die Achtziger mitprägte: Er gehörte nie so richtig dazu, schien über allen anderen zu schweben. Stars wie Madonna oder Michael Jackson waren größer als er oder überholten ihn irgendwann, aber sie waren immer ausgesprochen weltlich. Prince war eine Ausnahmeerscheinung, die in ihrer besten Zeit nur nach sich selbst klang, sich an niemandem orientierte und Musik machte, die wirklich zeitlos war.

Als ich die Nachricht von seinem Tode las, stand da ganz kurz die Möglichkeit im Raum, es handle sich um einen schlechten Internetscherz. Tatsächlich war einen Tag zuvor schon via Twitter die Nachricht seines Todes herumgegangen, doch die Hinweise auf diesen Hoax verschwanden binnen kürzester Zeit, als klar wurde, dass die Meldung diesmal echt war. Ich war fassungslos, begann sofort die diversen Nachrufe, Artikel und Essays zu lesen, die bis heute veröffentlicht werden, Videos zu schauen und, ja, zu trauern. Ich weinte. Mir wurde immer klarer, was für ein Unikat uns da verlassen hatte, wie unwahrscheinlich es ist, dass unsere Welt in absehbarer Zeit einen ihm ebenbürtigen Künstler hervorbringt. Und selbst wenn: Die Zeiten haben sich geändert. Nach Prince zu leben, bedeutet auch, in einer Welt aufzuwachsen, in der viele Grenzen schon niedergerissen wurden. Man schaue sich nur das Video von seinem Auftritt bei American Bandstand an (ich kann das leider nicht direkt verlinken, aber es findet sich hier auf Platz 13), wo er von zwei Rednecks angkündigt wird und dann mit schenkelhohen Schaftstiefeln, Leopardentanga und -top bekleidet und in schönstem Falsett „I wanna be your lover“ singt. Er musste anno 1980 ja nicht nur extrem mutig sein, so aufzutreten, als Schwarzer zudem: Er musste dieses Outfit ja auch verkaufen können. Und boy, how he did sell it! Er war Anfang 20 bei diesem Auftritt, aber er bewegt sich mit dem unverschämten Selbstbewusstsein echter Showbiz Royalty, fordert Respekt und Bewunderung ein. In Unterwäsche! Es gibt Bühnenkünstler, die sind mal mehr, mal weniger für ihren Job geboren, denen fliegen die Herzen des Publikums mal mehr, mal weniger zu und die verstehen, mal mehr, mal weniger diese Liebe zurückzugeben. Und dann gibt es einige wenige Künstler wie Prince, die einem das Gefühl geben, man befinde sich in der Gegenwart eines Gottes, der nur deshalb menschliche Gestalt angenommen hat, damit wir das Gebotene wenigstens halbwegs verarbeiten können.

Ein guter Startpunkt für die Prince-Huldigung ist PURPLE RAIN, der Film, der ihn im Verbund mit dem dazugehörigen Soundtrack endgültig zum Superstar machte und außerdem zeigte, dass der Musiker/Sänger/Songwriter/Produzent sich nicht damit begnügen wollte, einfach nur Platten aufzunehmen. Zwar waren schauspielernde Musiker in den Achtzigerjahren längst nichts Neues mehr, doch die Art der Selbstinszenierung, oder besser: Selbstmythologisierung, die Prince vorschwebte, war eher die Ausnahme. Selbst kommerzielle Schwergewichte und Ikonen wie Elvis oder The Beatles hatten sich bei ihren Leinwandausflügen meist als nahbare Jungs von nebenan ablichten lassen, die eher zufällig gut singen konnten oder aber geniale Songwriter waren und durch diese Tatsache kaum wesentlich tangiert wurden. PURPLE RAIN hingegen bezieht seinen Reiz gerade aus der unüberwindbaren Kluft, die zwischen Prince‘ überirdischem Talent und seinem Menschsein klafft. Prince, der während seiner beispiellosen Karriere nur höchst selten wie „einer von uns“ anmutete, spielt „The Kid“, einen Musiker aus einfachen Verhältnissen, der mit seiner Band „The Revolution“ versucht, den Durchbruch zu schaffen. Bei ihrem Engagement im Rockclub „First Avenue“ in Minneapolis (Prince‘ realer Heimatstadt) konkurrieren sie mit dem schmierigen Morris Day und seiner Funk-Band The Time um die Gunst der Zuschauer, die Existenz als Musiker und die Anerkennung als Künstler. Mit seinem offen sexuellen, aber Genderunterschiede niederreißenden Auftreten („I’m not a woman/I’m not a man/I’m something that you’ll never understand“, singt er in „I would die 4 U“), der (vor allem im Vergleich zum businessmäßigen Funk von Morris Day and The Time) sehr seltsamen Musik und den extravaganten Outfits, zieht The Kid längst nicht nur Bewunderung, sondern Befremden, Neid und Verachtung auf sich. Und er scheint selbst noch nicht wirklich er selbst zu sein, ist hin- und hergerissen zwischen seinen Ambitionen und seinen künstlerischen Instinkten auf der einen Seite, seinem Bedürfnis, dazuzugehören auf der anderen Seite. Erst als er den Frieden mit seinem alkoholkranken, gewalttätigen Vater (Clarence Williams III) schließt, kann er mit vollem Selbstbewusstsein er selbst sein. Der Film ist gewissermaßen Prince‘ origin story.

PURPLE RAIN war damals ein Riesenerfolg, trotz eines völlig namenlosen Regisseurs und eines Casts, der zu einem Großteil aus Nicht-Schauspielern rekrutiert worden war. Ein Grund dafür war natürlich die Musik. Viele halten das zugehörige Soundtrack-Album bis heute für Prince‘ bestes Werk: Angetrieben von Hits wie dem fantastischen Titeltrack, einer tieftraurigen Ballade mit Gospelanklängen und rätselhaften Lyrics, die sich mit einem der großartigsten Gitarrensolos aller Zeiten und Prince‘ wortlosem Falsettgesang in die totale Transzendenz hineinsteigert, und dem makellosen „When doves cry“ (von Irrsinnsnummern wie „The beautiful ones“, „Darling Nikki“ und „I would die 4 U“ gar nicht zu reden), entwickelte es sich zu seinem bis dahin größten Verkaufsschlager, dominierte die amerikanischen Charts und verbannte selbst einen sicheren Mittelstandshelden wie Bruce Springsteen mit seinem ebenfalls monumentalen „Born in the USA“ auf die Ränge. Aber es war natürlich auch Prince‘ Persona mit seinen fantasievollen Outfits und den provokanten Sexlyrics, die entwaffnende Naivität seines Spiels und die Geschichte vom Kampf eines Außenseiters um seine (künstlerische) Autonomie, die Heranwachsende in den Achtzigerjahren einfach ansprechen mussten. Wenn man Prince in den letzten Jahrzehnten als mysteriösen Eigenbrötler wahrgenommen hat, der sich selbst als „Slave“ seiner Plattenfirma bezeichnete, ein gespaltenes Verhältnis zum Internet entwickelte und idiosynkratische betitelte Platten an allen „normalen“ Vertriebswegen vorbei veröffentlichte, wird überrascht sein, wie naiv, jungenhaft, unsicher und tatsächlich nahbar er in PURPLE RAIN wirkt. Möglicherweise war er nie wieder so nah an seinem Publikum wie in diesem Film, in dem er über den Selbstmordversuch seines Vaters weint, seine Freundin Apollonia (Apollonia Kotero) schlägt, weil er mit ihren Widerworten nicht umgehen kann, seine Mitmusiker verprellt, weil er Angst hat, dass sie ihm etwas wegnehmen könnten, er nach der Darbietung von „Purple Rain“ voller Angst von der Bühne in die Katakomben rennt, bis er bemerkt, dass das Publikum vor Begeisterung tobt. PURPLE RAIN ist das Porträt eines tief zerrissenen Mannes, der seinen sicheren Schritt erst noch finden muss – auch wenn in jeder Sekunde offensichtlich ist, dass er längst ganz genau weiß, was er tut.

Was mir aufgefallen ist und mich am meisten fasziniert hat (am Film, aber auch in der Wiederbegegnung mit Prince‘ Musik): So sehr er in den Achtzigern verwurzelt ist, so sehr seine Kompositionen mit vielen Details belegen, dass sie aus dieser Zeit stammen, so vollkommen eigen und singulär klingen sie. Man muss sich nicht in den Nostalgiemodus begeben, um zu erkennen, dass „Darling Nikki“ oder „When doves cry“ Songs für die Ewigkeit sind, dass „Purple Rain“ aus seinen klar benennbaren Einflüssen etwas macht, das Zeit und Raum überdauert. Es ist mir unbegreiflich, wie solche Musik, solche Ideen aus diesem einen Menschen (der körperlich nicht gerade ein Riese war) sprudeln und in solcher Brillanz umgesetzt werden konnten. Die Welt wird Prince vermissen. PURPLE RAIN ist der Beweis, dass er tatsächlich ein Mensch war.

 

 

 

miami-connection-1Wie der zuletzt besprochene ROAR ist auch MIAMI CONNECTION eine Wiederentdeckung des Alamo Drafthouse in Austin. Bei seinem Kinostart im Jahr 1988 ging der für rund eine Million Dollar unabhängig produzierte Actionfilm gnadenlos unter – unter dem Titel AMERICAN STREETFIGHTER erlebte er sogar einen Deutschlandstart -, nach seiner Neuveröffentlichung 2012 avancierte er zum Kultfilm der So-bad-it’s-good-Fraktion. Ich habe hier schon häufiger versucht zu erklären, warum ich diese Haltung gegenüber meist mit bescheidenen Mitteln, aber dafür viel ungebremstem Enthusiasmus produzierten Filme reichlich unsympathisch finde: Und MIAMI CONNECTION ist ein gutes Beispiel dafür, warum es einfach idiotisch ist, kleine Filme an Maßstäben zu messen, die man üblicherweise an professionelle Hollywoodproduktionen anlegt. MIAMI CONNECTION wäre unter solchen Studiobedingungen niemals entstanden. Es ist gut, dass er da ist und in genau dieser Form existiert. Er ist einzigartig, voller Passion, voller Ideen. Warum sollte man das kleinreden, indem man ihm unterstellt „schlecht“ zu sein? Er ist anders. Punkt.

MIAMI CONNECTION packt Elemente zusammen, die in dieser Form – aus gutem Grund – nie zusammengeführt wurden, vereint alles, was in den Achtzigern angesagt war, in einer wüsten Story, ohne sich jemals die Mühe zu machen, die Welt, in der das alles zusammengeht, aufzubauen. Der Film beginnt mit dem Überfall einer Gruppe von Ninjas auf zwei Gangsterbanden, die gerade einen Drogendeal abwickeln, wechselt danach zu den eigentlichen Protagonisten, einer sechsköpfigen multikulturellen Musiktruppe namens „Dragon Sound“, deren Mitglieder zusammen wohnen, studieren und außerdem Taekwondo praktizieren. Die Verbindung zu den mafiös organisierten Ninjas besteht darin, dass Jeff (William Ergle), der Bruder der Sängerin Jane (Kathy Collier), mit diesen gemeinsame Sache macht, und von einer anderen Band, deren Engagement zugunsten von „Dragon Sound“ gekündigt wurde, angeheuert wird, sie aus dem Club zu vertreiben, in dem sie jeden Abend frenetisch gefeiert werden. Natürlich setzen sich die Freunde unter Aufbietung ihrer Martial-Arts-Skillz gegen die Bösewichte zur Wehr. Diese hanebüchene Story wird ohne jeden Flow, ohne jedes Gespür für eine innere Dramaturgie oder Handlungslogik als Aneinanderreihung allerdings ziemlich geiler, bisweilen haarsträubend absurder Szenen erzählt. Dass kein einziger der Akteure den Begriff „Schauspieler“ verdient, MIAMI CONNECTION sich teilweise zu einer auf naivem Sesamstraßen-Niveau angesiedelten Huldigung grenzenloser Freundschaft versteigt, und nach seinem Schlussgemetzel mit einer Schrifteinblendung schließt, die den Weltfrieden propagiert, setzt dem Ganzen dann noch die wohlverdiente Krone auf.

Unmöglich, hier auf alles einzugehen, was Woo-sang Park und Y.K. Kim in den Topf geworfen haben, deshalb nur die herausragendsten Elemente. Als erstes ist da natürlich die Band „Dragon Sound“, die nicht nur den lahmarschigsten Plastik-AOR der Welt spielen, sondern auch eine geradezu verstörende Bühnenpräsenz hat. Die Mitglieder sind jeder für sich genommen schon nicht die attraktivsten Menschen des Planeten, darüber hinaus passen sie optisch aber auch kein Stück zusammen, wissen offensichtlich nicht, wie man sich anzieht, und benehmen sich auf der Bühne in einer Art und Weise, die selbst den frenetischsten Fan ihres eierlosen Sounds nach kürzester Zeit in die Flucht schlagen müsste: Einmal etwa kneift Mark (Y.K. Kim) seinem Bandkollegen Jim (Maurice Smith) auf der Bühne mit zum Tritt hochgerechten, nackten Fuß in die Nase. „Coolness“ oder „Souveränität“ sind diesen Heinis definitiv Fremdwörter. Der Song „Friends“, den die mit lockiger Vokuhila und Schnurrbart ausgestattete Trichterbrust Tom (Angelo Janotti), der „Spaßvogel“ der Combo, zum Besten gibt, verfügt über die folgenden herzerwärmenden Lyrics: „Friends through eternity, Loyalty, honesty, We’ll stay together, Through thick or thin. Friends forever, We’ll be together, We’re on top, Cause we play to win.“ Der andere voll ausgespielte (!) Hit lautet „Against the Ninja“ und wird von der in ihren biederen Tanzmoves und tantigem Outfit etwas an Schlagertante Paola erinnernden Sängerin Jane intoniert. Natürlich rastet das alle Alters- und Gesellschaftsschichten abdeckende Publikum trotzdem völlig aus. Es ist nur seltsam.

Ein sehr merkwürdiger Subplot dreht sich um die Suche des Afroamerikaners Jim nach seinem leiblichen Vater: Die Mitglieder von „Dragon Sound“ eint nämlich nicht nur der mangelnde Sexappeal, die Begeisterung für Taekwondo und indiskutable Musik sowie die Tatsache, dass sie allesamt Kinder von Einwanderern, sondern auch Waisen sind. Es wird sich den ganzen Film unheimlich viel Mut zugesprochen und sich liebgehalten, bedröppelt dreingeschaut und Verständnis füreinander gehabt, einmal träumen die Musiker gemeinsam von einer Welttournee, die sie in die Heimatländer ihrer Eltern führen soll, und am meisten leiden darf eben Jim, dessen Vater irgendwo da draußen ist. Irgendwann erhält er einen Brief mit seiner Adresse, woraufhin alle ihr Geld zusammenschmeißen, um ihm einen chicen Anzug für das Wiedersehen zu kaufen. Der Vater taucht dann am Schluss auf, ein mit grau gefärbten Haaren und Augenbrauen wenig überzeugend auf alte getrimmter Mann, der seinem Sohn nun ewige Unterstützung anbietet. Entrückt grinsend formieren sich alle zu einem Freeze Frame, mit dem MIAMI CONNECTION in einer wahren Harmonieüberdosis schließt. Dass die Kumpels kurz zuvor eine ganze Armee von Ninjas massakriert haben, ist da schon wieder vergessen.

Das Bild von Freundschaft, dass dieser Film zeichnet und dass ihn auszeichnet, so viel sollte jetzt klar geworden sein, ist einfach nur bizarr. Die Protagonisten benehmen sich wie kleine, schlecht erzogene oder auch geistig behinderte Kinder, haben eine erschreckend zu nennende Vorstellung von Humor und man fragt sich, was sie überhaupt auf einer Universität verloren haben. Sie leben komplett in ihrer eigenen Welt und es ist absolut unvorstellbar, dass sie außerhalb ihres vertrauten Bandrahmens überhaupt existieren könnten, einen respektablen Beruf ausüben oder gar eine Familie ernähren. Das nimmt dann auch für den Film ein, der über ganz ähnliche Eigenschaften verfügt. Teilweise wirkt es so, als hätten seine Macher selbst noch nie einen Film gesehen, als hätten sie sich die Welt über dämliche Comics oder drittklassige Fernsehshows erschlossen, als hätten sie wegen einer schweren Kinderkrankheit ihr Zimmer in einer prägenden Lebensphase nicht verlassen dürfen und sich hoffnungslos in ihren Tagträumen verloren. MIAMI CONNECTION ist der Autist unter den Actionfilmen. Er entführt seine Zuschauer in eine Welt, in der nur er zu Hause ist.

 

 

body_rock_poster_01Ich habe ja schon im vergangenen Jahr eine kleine Liebeserklärung an Lorenzo Lamas verfasst. Anlass war damals FINAL IMPACT, einer seiner Kickboxfilme aus den Neunzigerjahren, als der FALCON CREST-Star auf harten Loner machte. BODY ROCK präsentiert einen ganz anderen Lamas und das ist nicht allein seinem jüngeren Alter geschuldet. Als Chilly, Anführer der Breakdance- und Grafitti-Posse „Body Rock Crew“, spielt er entgegen seines sonstigen Profils als cooler Macho einen jungen, etwas naiven Träumer, der sich von gerissenen Geschäftemachern umgarnen und einspannen lässt und darüber fast seine Freunde – und seine große Liebe – verliert. Und es ist tatsächlich seine schauspielerische Leistung, die den Film zusammenhält.

Wie die Cannon-Filme BREAKIN‘ und BREAKIN‘ 2: ELECTRIC BOOGALOO oder andere Werke der frühen bis mittleren Achtzigerjahre, die sich diesem rätselhaften neuen Phänomen namens „Rap“ oder „Breakdance“ widmeten (etwa RAPPIN‘, BEAT STREET oder KRUSH GROOVE), zeigt auch BODY ROCK zuallererst, dass Studio-Executives von dem, was die Jugend so bewegt, für gewöhnlich wenig bis gar keine Ahnung haben. Auch wenn Epsteins Film sich in seinem Narrativ relativ stark an WILD STYLE orientiert, einem der wenigen wirklich respektablen Hip-Hop-Filme jener Epoche, scheitert er kläglich an der so wichtigen Authentizität. Ironischerweise ist Lamas, der den Film mit seinem Spiel rettet, auch derjenige, der ihm hinsichtlich seiner Street Credibility am meisten im Wege steht. Sein Chilly kann als einziger aus der „Body Rock Crew“ überhaupt nicht breaken, reißt auch als Rapper nicht gerade Bäume aus und wird doch als einziger von dem schleimigen Manager Terrence (Ray Sharkey) als Bühnenstar für dessen neuen Club engagiert. Nun gut, das ist streng genommen ja nur folgerichtig, schließlich hielten die Produzenten des Films den FALCON CREST-Schönling ja auch für die geeignete Besetzung eines B-Boys, obwohl er keinerlei Befähigung dazu hat. Doch damit noch nicht genug: In dem ausschließlich reichen Wall-Street- und Künstler-Snobs frequentierten Schuppen tritt Chilly nicht etwa, wie es naheligend wäre, als Rapper oder Breakdancer auf: Nein, er agiert dort als leicht bekleideter Sänger grotesker Synthie-Popsongs in supertheatralischen Bühnenchoreografien, für die er vom Publikum bejubelt wird wie der wiedergeborene Heiland. Breakdance und Musical-Tanznummern scheinen in der Welt von BODY ROCK irgendwie dasselbe zu sein, jedenfalls wird Chilly von den alten Kumpels nie ein Stilbruch vorgeworfen, nur, dass er vergessen hat, wo er eigentlich herkommt. Gut, dass er mit einer reichen Künstlerschlampe ins Bett steigt, obwohl er eigentlich was mit der süßen Darlene (Michelle Nicastro) laufen hat, könnte man ihm auch negativ ankreiden, aber der Film und die Hintergangene gehen mit diesem Fehltritt sehr nachsichtig um.

Wie ich oben schon schrieb, tut das dem Spaß keinerlei Abbruch. BODY ROCK hat ein paar schöne Breakdance-Performances zu bieten und auch die anderen Tanznummern – ich denke da vor allem an jene, in der die Tänzer mit phosphoreszierender Farbe bemalt sind – sind sehenswert, darüber hinaus gibt es ein paar tolle Impressionen aus dem New York der Achtzigerjahre und eine geile Montagesequenz, in der Chilly mit geilem Ledermantel durch Brooklyn flaniert und bald schon einen ganzen Tross von neidischen Kids hinter sich herzieht wie einst Rocky Balboa. Und Lamas‘ Spiel macht tatsächlich Spaß: Sein Chilly erinnert ein wenig an Travoltas Tony Manero in SATURDAY NIGHT FEVER. Wie der ist auch Chilly ein Naivling, voller Träume von Ruhm und Erfolg, aber ohne Vorstellung von den Schattenseiten oder überhaupt den Mechanismen des Geschäfts. Er rennt mit ungebremstem Enthusiasmus ins Verderben, kann von Glück sagen, dass er nicht der Protagonist eines realistischen Dramas, sondern einer etwas einfältigen Zeitgeist-Schmonzette ist, die am Ende ein unglaubwürdiges Happy End für ihn und seine Kumpels herbeizaubert. Gut so, schließlich ist das Kino ein Ort, an dem man ungehemmt träumen soll.

roller-boogie-posterAls mein Kurztrip durch das Musical/den Musik- und Zeitgeistfilm der Siebziger- und Achtzigerjahre mich zu diesem Film führte, war die Vorfreude groß: Zum Gipfelpunkt des Discofiebers und Rollerskate-Trends inszeniert von Mark L. Lester, der in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren diverse Großtaten im Bereich des Action- und Gewaltfilms vollbringen sollte – CLASS OF 1984, FIRESTARTER, COMMANDO, CLASS OF 1999, SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO, EXTREME JUSTICE -, mit Linda Blair besetzt und fotografiert von niemand Geringerem als Dean Cundey, versprach ROLLER BOOGIE ein Quell bubblegumbunter Freude zu sein.

Doch leider, leider opfert der Film alle diese potenziellen Tugenden auf dem Altar der biederen Mittelmäßigkeit. Die leidlich interessante, aus Dutzenden von Liebes-, Musik. und Teeniefilmen bekannte Story – Mädchen aus reichem Hause liegt mit ihren Eltern über Kreuz, verliebt sich in den einfachen Rollerskater, gewinnt mit ihm einen Wettbewerb, rettet nebenbei den von finsteren Geschäftemachern bedrohten Skaterink vor der Schließung und versöhnt sich über all diesen Ereignissen mit den Eltern – wird hier in einer besonders leblosen Variante abgespult. All das Sommerfeeling, das der in Venice Beach gedrehte Film verströmt, muss wirkungslos verpuffen. Die Versäumnisse von ROLLER BOOGIE stechen besonders ins Auge, wenn man den Film mit dem inhaltlich sehr ähnlichen DIRTY DANCING vergleicht. Der ist nun auch nicht gerade ein Meisterwerk, aber er hat im Zentrum zwei Protagonisten, deren Paarung Funken versprüht und all die Klischees, die die Handlung auftürmt, vergessen macht. Linda Blair hingegen hat als nur rudimentär entwickelte Terry Barkley nicht viel mehr als ihre eigene gewinnende Persona ins Rennen zu werfen. Und Jim Bray, kein Schauspieler, sondern ein Rollerskate-Champion, dessen einziger Film dies blieb, macht seine Sache zwar ordentlich, entwickelt aber keinerlei Chemie mit dem Star. Was die beiden aneinander finden, bleibt das Geheimnis des Films, und es ist fast eine Erlösung, wenn die beiden am Ende wieder eigene Wege gehen. Allzu schwer fällt ihnen der Abschied dann auch nicht. ROLLER BOOGIE versäumt es total, irgendetwas Unverwechselbares zu erschaffen: Alles bleibt oberflächlich, flach. Die Dramaturgie besteht aus einem lustlos-geschäftigen Abhaken von standardisierten Plotpoints, die in regelmäßigen Abständen von mit aktuellen Hits untermalten Rollerskate-Szenen unterbrochen wird. Das finale Turnier, das eigentlich der Höhepunkt sein sollte, wird eilig abgespult, ohne dass da auch nur ein Iota von Spannung aufkäme oder man gar das Gefühl hätte, der Film interessiere sich wenigstens selbst für dessen Ausgang. Es bleibt ein Nachgedanke und selten wirkte ein Hauptgewinn so unverdient, so vorhersehbar, so leicht errungen. Seltsam überdies, dass es keinen Aufstand unter den Mitbewerbern darüber gibt, dass die Jury alles andere als unparteiisch ist: Sie besteht aus Terrys Eltern, dem Kumpel ihres Tanzpartners und dem Veranstalter, der den Besitz des Etablissements überhaupt nur dem Engagement des Protagonistenpärchens zu verdanken hat. Das steht exemplarisch dafür, wie leicht man es sich hier gemacht, wie sehr man sich auf die Zugkraft der Zeitgeist-Zutaten verlassen hat. Selbst unter der Voraussetzung, dass man hier eh kein Meisterwerk erwarten durfte, ist das ein bisschen zu wenig. Schade drum.

cant_stop_the_music_poster_01Die Village People sind heute, mehr als 30 Jahre nach ihrer kommerziellen Hochphase, während der auch dieser Film entstand, und ihrem misslungenen Comeback als Co-Stars der geschmacksverwirrten deutschen Nationalmannschaft anno 1994, kaum mehr als ein reichlich abgedroschener Treppenwitz der Musikgeschichte. Vor allem auf ihrer Schwulheit wird immer wieder herumgeritten, hahahaha, dabei war diese doch von Anfang an Teil des Konzepts, der sich schon am Bandnamen ablesen lässt (Greenwich Village, das zahlreichen Studenten und Künstlern eine Heimat bot, war für seine homosexuelle Szene bekannt), und von Anfang an nur totalen Spießern oder komplett Ahnungslosen verborgen bleiben konnte. Auch in CAN’T STOP THE MUSIC, der 1980 als „Schlechtester Film des Jahres“ ausgezeichnet wurde, ist Homosexualität in unmissverständlichen Songs wie „Liberation“ oder natürlich „Y.M.C.A.“ allgegenwärtig, auch wenn sie nie direkt thematisiert wird. Der Film, der ursprünglich DISCOLAND – WHERE THE MUSIC NEVER ENDS heißen sollte, kam für die Produzenten – Alan Carr hatte kurz zuvor mit GREASE eine sprichwörtliche Ölquelle angezapft – leider zu spät, um vom bereits wieder abebbenden Disco-Craze, dem auch die Village People ihren zwar immensen, aber auch kurzlebigen Ruhm verdankten, noch profitieren zu können. Auch die Titeländerung konnte den sich anbahnenden Reinfall nicht mehr verhindern: CAN’T STOP THE MUSIC fand nach verheerenden Rezensionen nie sein Publikum und spielte nur ein knappes Zehntel seines üppigen 20-Millionen-Budgets ein. Was für einen Film, der von der Überzeugung getragen wird, seine Helden seien eine absolute Popsensation, natürlich doppelt peinlich ist. Auch die Dreharbeiten gestalteten sich schwierig: Regisseurin Walker zerstritt sich mit Hauptdarstellerin Perrine und überließ alle ihrer Szenen dem DoP Bill Butler. Und der Dreh selbst wurde von homosexuellen Aktivisten, die eigentlich gegen Friedkins zur selben Zeit am selben Ort entstandenen CRUISING protestieren wollten, die Crews aber verwechselten, immer wieder gestört. Probleme über Probleme also.

Aber ehrlich gesagt ist CAN’T STOP THE MUSIC viel, viel besser als sein Ruf. Ja, die Village People sind keine Schauspieler, aber das wussten die Macher dadurch aufzufangen, dass sie ihre Geschichte von anderen Charakteren tragen lassen. Der Film handelt in erster Linie von den Bemühungen des leidenschaftlichen, aber erfolglosen Songwriters Jack Morell (Steve Guttenberg in einer Rolle, die an den Village-People-Erfinder Jacques Morali angelehnt ist), endlich einen Plattenvertrag zu ergattern. Dabei hilft ihm seine gute Freundin Samantha (Valerie Perrine), ein ehemals erfolgreiches Model mit zahlreichen guten Kontakten ins Showbusiness, unter anderem zum Plattenfirmenchef Steve Waits (Paul Sand). Weil Jack leider überhaupt nicht singen kann, trommelt Samantha auf der Straße einige talentierte Männer zusammen, die sich schließlich zu den Village People formieren. Es gibt noch einige Hürden zu überwinden, aber am Ende ist der Vertrag eingetütet, die Combo legt einen umjubelten Auftritt hin und Samatha heiratet den Anwalt Ron (Bruce Jenner). – CAN’T STOP THE MUSIC orientiert sich nur lose an der wahren Entstehungsgeschichte der Band, präsentiert sich weniger als ödes Biopic, denn als munter-lebhafte Komödie mit zahlreichen putzigen Charakteren. Hervorzuheben sind etwa Tammy Grimes als Samanthas ehemalige Agentin Sydney Channing, die in einer der besten Szenen des Films mit ihren Fingernägeln in der Wählscheibe eines öffentlichen Telefons hängenbleibt, Marilyn Sokol als Lulu Brecht, deren Assistentin, die das Ex-Model auf Geheiß der Chefin zurückholen soll, stattdessen aber Choreografin für die Combo wird, die sie stets notgeil und offenherzig umgarnt, und Jacks Mutter Helen (June Havoc), die vom Genie ihres Sohnes überzeugt ist und Waits am Ende mit jüdischen Delikatessen („kreplach“) zu einem Vertrag überreden kann. Der ehemalige Zehnkämpfer Bruce Jenner gefällt als spießig-hilfloser Freund Samanthas – er wird gleich bei seiner Ankunft in New York Opfer einer räuberischen Oma -, dessen Rolle mit heutigem Wissen um seine kürzlich erfolgte Geschlechtsumwandlung (Bruce heißt seit vergangenem Jahr Caitlyn) besonders interessante Perspektiven aufwirft.

Das Piece de resistance ist aber ganz ohne Zweifel die videoclipartige Montagesequenz zu „Y.M.C.A.“, die die Village People inmitten zahlreicher gut gebauter junger Männer bei verschiedenen sportlichen Aktivitäten in einem Fitnessstudio zeigt. Es sind Szenen wie diese, die dem Film seinen Kultstatus in der Gay Community beschert und seinen Ruf von einem Razzie-Preisträger und Megaflop zu einem Camp-Klassiker gewandelt haben, als den man ihn auch sehen sollte. Überhaupt sind die Musikszenen allesamt sehr aufwändig und mit viel Pomp umgesetzt, pures Eye Candy mit viel Glitter und sexuellem Innuendo, und die endlose Verzögerung des ersten Auftritts folgt fast dem Muster eines Suspense-Thrillers, lässt die Erwartung fast fieberhaft ansteigen, bis sich die Anspannung mit einer relaxten Darbietung von „Magic Night“ entladen darf. Eigentlich gibt es nur einen echten Kritikpunkt: Mit einer Lauflänge von opulenten 120 Minuten ist CAN’T STOP THE MUSIC duetlich zu lange geraten. Auf Evergreens wie „In the Navy“ oder „Macho Man“ wartet man trotzdem vergeblich, aber dafür „versöhnt“ der ad infinitum ausgedehnte Schlussvortrag des Titelsongs mit seiner endlosen Wiederholung des Refrains, der so gewissermaßen zur self fulfilling prophecy wird. Man kann die Musik einfach nicht stoppen. Noch nicht einmal den Village People ist dieses Kunststück gelungen.

 

 

936full-streets-of-fire-posterJesus, was für ein Arschtritt. Ich kannte STREETS OF FIRE natürlich schon, fand ihn auch vorher schon toll, aber so dermaßen gekickt wie gestern hat er mich bislang noch nicht. Es war eine dieser Sichtungen, bei denen alles auf wundersame Art und Weise zusammenkommt: Vor allem natürlich Riesenbock auf den Film, sein Dekor, seinen Sound, seinen Rhythmus, aber dann auch ein beinahe uneingeschränkt zu nennendes Verständnis der von Hill aufgebauten Kunstwelt, die Fähigkeit, mit den Figuren und ihren Bedürfnissen und Emotionen total eins zu werden, jedes Bild, jeden Ton, jeden Schnitt, jede Dialogzeile, jede Bewegung, jeden Gesichtszug und jede Geste begreifen und mitfühlen zu können.

STREETS OF FIRE ist ein Meisterwerk, einer jener Filme, die die Ästhetik ihres Jahrzehnts nicht nur in Reinkultur verkörpern, sondern sie transzendieren, totales Kino, ein Werk formgewordener Emotion, ein Traum in Bild und Ton. Eine Rock’n’Roll-Oper, ein Musical, ein Western, ein Actionfilm, ein modernes, dabei aber zeitloses Gewaltmärchen, eine Romanze, ein Neo-Noir, ein Videoclip. Walter Hill war seiner Zeit weit voraus, vereinte das anscheinend Unvereinbare, befreite seine archetypische Geschichte von jedem erzählerischen Ballast, griff auf eine damals revolutionäre Schnitttechnik und neuartiges Filmmaterial zurück, dass es ihm erlaubte, Nachtszenen ohne jede zusätzlich Beleuchtung zu fotografieren. Das Publikum war offensichtlich überfordert, STREETS OF FIRE floppte gewaltig, und heute kann man nur den Kopf schütteln, ob der von so vielen fahrlässig versäumten Gelegenheit, sich dieses Wahnsinnsteil auf großer Leinwand mit weit nach rechts gerissenem Lautstärkeregler zu geben. Es muss ein quaisreligiöses Erlebnis gewesen sein, um das man die, die dabei waren, heute nur noch beneiden kann.

STREETS OF FIRE spielt in einer kleinen, beengten Kunstwelt, die den US-amerikanischen Großstadtmoloch des Gangsterfilms der Dreißigerjahre, die Westernstadt, jene World in a nutshell, und die neonlichtbeleuchtete Verheißung des sehnsuchtsvollen Achtzigerjahre-Nachtfilms miteinander kurzschließt. Tom Cody (Michael Paré) ist der stoische drifter, der nach unbekannt bleibender Tätigkeit in einem mythisch überhöhten, außerweltlichen Draußen zurückkommt in seine Stadt, eine Frontier Town, in der es außer Bars, miesen Absteigen und Vergnügungstempeln, außer Cops, zwielichtigen Gestalten und verzweifelten Glücksrittern auf der Suche nach dem großen Wurf nichts zu geben scheint. Er kehrt zurück, weil seine große Flamme von einst, diese eine Geliebte, über die man nie hinwegkommt, die mittlerweile zur Pop-Heiligen aufgestiegene Ellen Aim (Diane Lane: göttlich) ebenfalls zurückgekehrt ist, für ein frenetisch gefeiertes Konzert, bei dem sie von der Rockergang um Raven (Willem Dafoe) in dessen Drachenhöhle, eine dampfende Industriebrachlandschaft, entführt wird. STREETS OF FIRE erzählt nun von Codys Befreiungsaktion, die der obercoole Loner vor sich und anderen zur bloß materiellen Interessen folgenden Auftragsarbeit rationalisiert, während es ihn innerlich fast zerreißt. Das Push and Pull zwischen ihm und Ellen, von opernhaften Popsongs untermalt und überspitzt, wird zum eigentlichen Motor eines Films, der auf allen Ebenen ständig in Bewegung ist.

Das Timing Hills ist unglaublich, STREETS OF FIRE weniger inszeniert als vielmehr komponiert und orchestriert, da sitzt jeder Schnitt, jeder One-Liner, jeder Blick, jede Kamerabewegung an der richtigen Stelle, wird Film tatsächlich zur Musik, die anschwillt und abebbt, den Zuschauer unrettbar seinen manipulierten Gefühlen ausliefert. Darum geht es: Emotionen. In der Welt von STREETS OF FIRE gibt es kein lauwarm, keine vernünftigen Entscheidungen, keine Kompromisse, keine Taktiererei oder Diplomatie: Alles ist genau das, was es ist. Wenn Cody Ellen liebt, dann will er sie ganz, nach seinen Vorstellungen, ohne Abstriche, und wenn das nicht geht, dann muss er sie ziehen lassen. Andersrum ist es egal, dass dieser Cody ein reichlich ungehobelter Klotz ist, der Ellen auch schon einmal mit der Faust KO schlägt, wenn es die Situation erfordert. Er liebt sie: Daran gibt es keinen Zweifel, das ist die Wahrheit, die von Hill oder den anderen Figuren niemals angezweifelt wird. Genauso verhält es sich mit der Freundschaft zwischen Cody und McCoy (Amy Madigan): Die beiden erkennen in einer Bar sofort ihre Seelenverwandtschaft und schließen sich zusammen. Sie brauchen nicht viele Worte, um sich ihrer gegenseitigen Sympathie zu versichern, müssen sich nicht viel erzählen, um sich zu erkennen. Sie sind aus einem Holz geschnitzt, gehorchen demselben Ehrenkodex, der sie miteinander verbindet. In STREETS OF FIRE liegt alles auf der Hand, aber man erkennt den anderen nicht so sehr an seinem Äußeren, als dass man durch diese Oberfläche direkt in sein Inneres blicken kann. Es gibt keine Lüge, keine Verstellung in Hills Film. Nur Reinheit, im Guten wie im Bösen. STREETS OF FIRE ist ein Märchen, weil er eine solche Welt als traumgleiche Utopie der Jugend an den Nachthimmel wirft.

„Tonight is what it means to be young“, heißt das in der Sprache dieses Films, in dem man sich für immer hoffnungslos verlieren kann, oder auch: „There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, But we should be goin‘ nowhere fast, It’s so much better goin‘ nowhere fast“. Wenn es schon keinen Ausweg aus dem Leben in dieser heruntergekommenen Drecksstadt gibt, wenn die Liebe schon nicht lebbar ist, dann muss wenigstens aus jedem Moment das Maximum rausgeholt werden, bleibt keine Zeit für Spielchen und den braven Mittelweg. Dann gibt es nur Vollgas und Lautstärke 10. Einmal wie Cody sein, Ellen Aim anbeten, sie mit entschlossener Firepower aus den Fängen des Schurken befreien, sie im strömenden Regen küssen, Lebewohl sagen, sich umdrehen und in die Nacht hinausfahren, das wär’s.

homies_plakat_a3„It’s not where you’re from, it’s where you’re at“: Es ist kein Wunder, dass sich Jimi Blue Ochsenknecht diesen Aphorismus des Hip-Hop-Weisen Rakim auf die Fahnen geschrieben und ihm mit HOMIES gleich einen ganzen Film gewidmet hat. Jemand, der immer im Schatten des Papas stand, dessen limitiertes, dafür aber in Film und Musik geworfenes „Talent“ immer die Frage aufwarf, ob er seine weit überproportionale mediale Präsenz nicht nur dem allmächtigen Vitamin B verdankt, legt natürlich besonders gesteigerten Wert darauf, festzuhalten, dass es darauf ankommt, wer man ist, nicht woher man kommt. Vor allem dann, wenn er auch noch mit einer Karriere als Rapper liebäugelt, bei der die Street Credibility oder zumindest die glaubwürdige Suggestion derselben eine solch wichtige Rolle spielt. HOMIES soll wohl sowas sein wie Jimi Blue Ochsenknechts 8 MILE oder Stallones ROCKY, landet aber dank kollektiven Unvermögens eher in der Nähe von René Wellers MACHO MAN, der ähnlich selbstentlarvend war – dabei aber allerdings um einiges lustiger und natürlich von vornherein in seinem Wirkungsgradius auf die Nürnberger Asis begrenzt. HOMIES hingegen ist geförderte, glattgebügelte, ideologisch verrottete Mainstream-Verkommenheit, es regieren die Schmerzen: Man spürt während der Sichtung förmlich, wie die einzelnen Gehirnzellen qualvoll schreiend in den Freitod gehen. Jede einzelne Szene ist ein Offenbarungseid, jeder Dialog eine Beleidigung der deutschen Sprache und Ausweis der Kommunikationsunfähigkeit und Weltfremdheit der Autoren, jeder dramaturgische Wendepunkt des Films wird mit größtmöglicher Grobschlächtigkeit eingeleitet, jedes noch so verbrauchte Klischee zur höchsten Erkenntnis erhoben. Und dann kommt oben drauf auch noch diese Musik, die mit Hip-Hop in Verbindung zu bringen eigentlich eine Beleidigung darstellt. Wer jemals ein vage ungutes Gefühl dabei hatte, wenn sich weiße Deutsche eine genuin afroamerikanische Kunstform und die dazugehörigen Ghetto-Manierismen aneigneten, dem liefert dieser Film durchschlagende Munition. Aber der Reihe nach.

Jimi Blue Ochsenknecht ist Marvin, Sohn einer erfolgreichen Immobilienmaklerin (Ann-Kathrin Kramer), die sich nichts mehr wünscht, als dass ihr Sohn in ihre Fußstapfen tritt, zumal sie einen zuverlässigen Assistenten benötigt, wenn sie selbst mal wieder auf eine ihrer Geschäftsreisen geht. Doch Marvin will lieber Rapper werden und hat gar keinen Bock, reichen Leuten protzige Villen vorzuführen, schon gar nicht, wenn er dafür Jackett und Krawatte zu Baggy Pants und Baseball-Cap tragen muss und noch vor der Abfahrt in Muttis Bonzenschleuder von den Pullunder tragenden Nachbarsschnöseln für seine Armutsliebäugelei (zu Recht) verhöhnt wird. Der ob dieses untragbaren Leids stets mit einem Schmollgesicht herumlaufende Jammerlappen bekommt dann Besuch vom Geist seines großen Idols, dem 1988 in der Bronx erschossenen Rapper D.W. Court (Günther Kaufmann, dem es wie durch ein Wunder gelingt, diesen Film als einziger mit intakter Würde zu verlassen), der ihm nicht nur einige unbezahlbare Weisheiten – sei du selbst, kämpfe für deine Träume, putz dir immer die Zähne, guck beim Überqueren der Straße erst nach links, dann nach rechts, dann noch einmal nach links, wasch dir jeden Abend die Ohren und die Füße – sondern gleich auch noch ein paar arschtighte Rhymes mit auf den Weg gibt – oder wenigstens das, was der Film dafür hält. Als Marvin nach dem Ende seiner Vision wieder aufwacht, latscht er dem rappenden Pizzabudenbesitzer und Crash-Party-Veranstalter Osman (Ismail Deniz) vor die Karre und wird von ihm und seinen Homies mit in dessen superstylisches Etablissement genommen, wo er sich als geiler Rapper mit echter Street Cred erweist – die natürlich erstunken und erlogen ist.

HOMIES nimmt im weiteren Verlauf alles mit, was Geschichten dieser Art üblicherweise so auffahren, allerdings in vielfach verblödeter Form. So arbeitet in der Pizzeria von Osman auch die blonde Stella (Sabrina Wilstermann), die immer so traurig guckt wie ein dreibeiniger Hund, in der Tanzschule beim kopfsockentragenden Tanzlehrer Detlef D! Soost dafür trainiert, in die „Stage School“ aufgenommen zu werden, aber das rechte Engagement vermissen lässt und sich deshalb die typischen Popstars-Sprüche von einmaligen Chancen und Disziplin anhören muss sowie, dass sie nicht die Zeit ihres Lehrers verschwenden soll. Osman steht auf sie, aber natürlich verguckt sie sich in hühnerbrüstigen Marvin, was dessen beginnende Rivalität mit dem Pizzabuden-Impresario auf die nächste Stufe hebt. Irgendwann findet Osman heraus, dass Marvin gar nicht von der Straße kommt, stattdessen bei der Mama in einer Villa  wohnt, also mitnichten „real“, sondern vielmehr „fake“ ist, und stellt den angehenden deutschen Tupac vor Stella und der ganzen Posse bloß. Bei einem von Marvin organisierten Rap Contest kommt es schließlich zum finalen Battle, bei dem dann auch Marvins Mama aufkreuzt und unter Tränen erkennt, dass ihr Sohn ein mit übermenschlichem Talent ausgestatteter Ghettopoet ist. Das muss auch Osman neidlos anerkennen und als Stella dann dank Marvins Einsatzes auch noch die Aufnahmeprüfung zu Stage School schafft, darf HOMIES sich schlafen legen, wissend, dass wirklich alle Probleme gelöst und den Kids da draußen eine wichtige Moral mit auf den Weg gegeben wurde: Wenn du ein Ochsenknecht bist, dann werden damit automatisch auch nicht vorhandene Rapskillz zur Jahrhundertbegabung transzendiert, vorausgesetzt natürlich, DU WILLST ES!

HOMIES ist so ein Film, in dem wirklich jede Szene eine Funktion hat und seinen beeinflussbaren Zuschauern eine in griffige Merksprüche verpackte Lebensweisheit mit auf den Weg gibt. Wenn man sich das so anschaut, erscheint die These geradezu verlockend, dass es sich die Autoren (ja, dieser Mist benötigte tatsächlich zwei) zum Ziel gesetzt hatten, alles so plakativ und holzhammermäßig wie möglich zu machen. Da gibt es zum Beispiel Stellas dunkelhaarige Freundin Lili (Selina Shirin Müller), die auch in Osmans Pizzeria arbeitet, aber so der Typ stilles, schüchtern-unscheinbares Mäuschen ist. In einer Szene nehmen ihr die Kollegen die Brille weg, werfen sie sich gegenseitig zu und hänseln sie als „Brillenschlange“, bis Marvin eingreift. HOMIES hebt dann ganz kurz zu einem „Wahre Schönheit kommt von innen“-Subplot an, weil der bis dahin noch gefehlt hatte, und versteigt sich tatsächlich dazu, festzustellen, wie hübsch Lili ist, wenn sie denn nicht ihre doofe Brille trägt. Ich darf mich ja nun seit über 20 Jahren nicht mehr zur Jugend zählen, ich habe keine Ahnung, was die jungen Menschen heute so umtreibt und Köses Film ist natürlich nicht für einen alten Knacker wie mich gedreht. Dass er aber mit einem gigantischen IMDb-Rating von 1,8 Punkten dasteht, lässt mich vermuten, dass sich auch die Zielgruppe nicht repräsentiert sah. HOMIES zeichnet ein nahezu klinisches Bild vom Leben und selbst die Probleme sind blitzsauber. Im ganzen Film wird weder eine Zigarette geschweige denn ein Joint geraucht und natürlich auch kein Alkohol getrunken, auch bei den wilden Crash-Partys von Osman nicht. Dafür denken die Kids ständig über ihr Leben und ihre Zukunft nach: Stella kann sich nicht aufs Tanzen konzentrieren, weil sie mit dem Kopf ständig bei ihrem Kellnerinnen-Job in der Pizzeria ist. Capitalism unleashed. Darüber hinaus wird ständig vom „Viertel“ geredet, in dem die Kids die Härten der „Straße“ zu spüren bekommen und sich „Respekt“ erkämpfen müssen, aber das Setting erinnert in seiner hermetischen Abgeschlossen- und sterilen Kulissenhaftigkeit eher an die Sesamstraße. Städtisches Leben gibt es gar nicht zu sehen, die einzigen anderen Schauplätze sind die Villa von Marvin, ein Feldweg, die Tanzschule und eine Lagerhalle, in der der Rap Contest mit den heißesten Talenten aus dem Viertel abgehalten wird. Zumindest wird das behauptet, aber es treten dann doch bloß Osman und Marvin auf, obwohl letzterer ja ganz woanders herkommt.

Es klingt jetzt bestimmt furchtbar vergreist, aber HOMIES zeigt eindrucksvoll, wie gut es den meisten Jugendlichen in unseren Breiten geht. Da müssen dann eben Probleme förmlich herbeikonstruiert und lächerliche Neurosen auf Überlebensgröße aufgeblasen werden, damit einem der eigene Wohlstand kein schlechtes Gewissen macht. Die Organisation des Wettbewerbs wird via Dialog zum herkulischen Akt hochstilisiert, doch dann ist der Quatsch innerhalb von einer Szene erledigt und alles, was von harter Arbeit zeugt, ist ein akkurat platzierter Schmutzflatschen auf Jimi Blues Backe. (Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er der Bravo ins Mikro diktierte, wie lang er dafür in der Maske sitzen musste.) Die ganze Sequenz wird dann auch noch als Videoclip umgesetzt, in dem Jimi Blue davon „rappt“, dass man niemals aufgeben darf und seinen Traum leben muss, während um ihn herum Mädels in blauen Overalls eine Detlef-D!-Soost-Choreo tanzen. Das ist alles so falsch, dass man die verquere Wahrnehmung, die hinter diesem Unfug steckt, fast schon wieder bewundern müsste, wenn es nicht körperliche Pein verursachte. Alles aus ist dann im Finale, wenn die beiden Rivalen ihre hochnotpeinlichen „Tracks“ zum Besten geben und dafür frenetische Jubelstürme ernten, der ausgestoßene Marvin auf die Bühne tritt und einen weinerlichen Rap-Vortrag darüber hält, dass doch alle gleich seien. Das ist für jemanden, der im Notfall immer noch den Papa um ein zinsfreies Darlehen bitten kann, natürlich leicht zu sagen, aber im Film ist es die Message, die alle vereint, und auch der Mama die Tränen der Rührung und des Stolzes in die Augen treibt.

Viel wurde in den letzten Tagen wieder über den Zustand des deutschen Films geredet, dabei oft gehörte Allgemeinplätze ausgetauscht, aber auch manches Wahre gesagt. Ich habe einen Eindruck, der aber zu unzureichend ist, um auf seiner Grundlage eine tragfähige Meinung bilden zu können. Der deutsche Film ist ja nur ein Konstrukt, es gibt  viele, viele Vertreter, von denen nach Gauss’scher Normalverteilung viele, viele mittelmäßig sind und deutlich weniger richtig mies oder richtig gut. Vielleicht ist die Kurve in Deutschland etwas flacher als in anderen Kinonationen. Eins kann ich dann aber doch sagen: HOMIES wurde vom Staat bezuschusst, verbrannte Geld, mit dem man wahrscheinlich mehrere andere, deutlich bessere Filme hätte finanzieren können, von Filmemachern, die wirklich etwas zu sagen gehabt hätten sowie eine Vorstellung davon, was das überhaupt ist, Film. Aber gut, Teenies wollen auch mal ins Kino und genießen das erhaltenswerte Privileg, einen miesen Geschmack haben zu dürfen. Das gilt allerdings für Jugendliche auf der ganzen Welt, denen dann trotzdem nicht so ein durch und durch unterirdischer Rotz vorgesetzt wird, wie diese Nabelschau eines Nulltalents. HOMIES kann man derzeit für lau auf Amazon Prime schauen. Wer seine regelmäßige Dosis Vollschrott braucht, riskiert hier den goldenen Schuss. Alkohol sollte zur Schmerzstillung in ausreichender Menge griffbereit stehen, seelischer Beistand ist anzuraten.