final impact (joseph merhi/stephen smoke, usa 1992)

Veröffentlicht: August 16, 2015 in Film
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1317873755Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, ein Loblied auf Lorenzo Lamas zu singen, einen Schauspieler, den zu verlachen leicht fällt, den man noch nie wirklich Ernst geommen hat, dessen Karriereverlauf ihn aber für mich zu einem echten Sympathen macht – mal ganz davon abgesehen, dass er als (Action-)Schauspieler viel besser ist, als man es ihm für gewöhnlich zugesteht.

Wer wie ich in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist (oder wer sich sonst an dieses Jahrzehnt erinnert), der hat Lamas wahrscheinlich als „Lance Cumson“ in der Serie FALCON CREST kennen gelernt. Als Leser der Jugendpostille „Bravo“, die dem dunkelhaarigen Beau mit dem permanenten Dreitagebart seitenweise erlegen war, musste ich mich damals schon mit dem ernüchternden Gedanken arrangieren, den vorherrschenden weiblichen Männergeschmack mit meinem Aussehen meilenweit zu verfehlen. Lamas war, so schien es mir, zu Großem berufen, ein geborener Star. Doch seine Versuche, auf der großen Leinwand Fuß zu fassen, schlugen fehl (für seine Leistung im Breakdance-Film BODY ROCK wurde er für die berüchtigte Goldene Himbeere nominiert), und mit dem Ende der Achtzigerjahre, von FALCON CREST und des in diesem Jahrzehnt von der Gillettwerbung geprägten Männlichkeitsideals ging es auch für Lamas bergab. An die Stelle der beliebten Seifenoper traten die ersten Auftritte in kleineren Actionfilmen wie SNAKE EATER und dann schließlich das Engagement für die Serie RENEGADE, in der er einen zu Unrecht verdächtigten Polizisten auf der Flucht spielte und in den postmodernen Neunzigern mit langen Haaren, Motorrad, Jeans, Cowboystiefeln und Totenkopfringen an den Händen wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt wirkte. Ein solches verkörpert Lamas auch in den Dutzenden von DTV-Actionern, die er im weiteren Verlauf des Jahrzehnts drehte. Er repräsentiert längst überkommene Rollenbilder und eine untergegangene Ära, in der sich der Grad der Virilität noch an der Ausgeprägtheit von Bart- und Brusthaarwuchs, an der Zahl sexuell höriger Verehrerinnen und überstandener Kneipenschlägereien, dem Pensum an Whiskey, das man wegkippen und trotzdem noch gerade auf der Harley sitzen konnte, und an der zur Schau gestellten Scheißegal-Haltung sowie der Beharrlichkeit der Weigerung, Haushaltstätigkeiten zu verrichten, messen ließ. In allen diesen „Disziplinen“ erreichte Lamas mit Leichtigkeit Spitzenresultate, was ihn auch zum Actionhelden prädestinierte. Wie es aber genau dazu kam, dass er plötzlich als Kickboxer reüssierte, weiß ich nicht: Sein immenser Bekanntheitsgrad machte ihn für die Produzenten der damals populären Filme interessant, mangelnde Filmreferenzen gleichzeitig erschwinglich, aber er verfügte über keinerlei Martial-Arts-Ausbildung. (EDIT: Das ist so nicht ganz richtig, Lamas betrieb wohl Kickboxen.)

Das erklärt auch, warum er als ehemaliger Kickboxchampion Nick Taylor in FINAL IMPACT kaum selbst aktiv wird. Stattdessen hat er sich nach einer schweren, körperlich wie seelisch traumatischen Niederlage gegen den eklen Jake Gerrard (Jeff Langton), der ihm auch noch die Frau ausspannte, hinter den Schreibtisch eines fragwürdigen Clubs zurückgezogen, der ölige Frauenringkämpfe und Kickboxfights veranstaltet. Seinen Frust über die vergeigte Karriere und die erfahrene Schmach ertränkt er Tag für Tag im Schnaps, außerdem laboriert er an einer äußerst hartnäckigen Oberbekleidungs-Allergie, die ihn dazu zwingt, ständig mit freiem Oberkörper unter Weste oder Jeansjacke herumzulaufen. Als ihn aber der junge Kämpfer Danny (Michael Worth) aufsucht, ein absoluter Bewunderer von Nicks einstiger Kampfkunst, und sich als Supertalent erweist, das unter anderem den bepferdeschwanzten Gary Daniels wegboxt, sieht Nick seine Chance auf eine verspätete Revanche. Er erklärt sich bereit, Danny auf die in Kürze in Las Vegas ausgetragenen Meisterschaften vorzubereiten, bei denen Jake der erklärte Favorit ist. Nicks Freundin Maggie (Kathleen Kinmont) beäugt Nicks Enthusiasmus hingegen mit Argwohn: Sie ist besorgt darüber, dass ihr Partner seine einstige Niederlage immer noch nicht überwunden hat, und fürchtet, dass er seinen Schützling ins Unglück treibt.

Ich habe mich gestern irgendwann gefragt, warum ich FINAL IMPACT eigentlich so verflucht unterhaltsam finde. Nämlich just in dem Moment, in dem mir auffiel, dass dieser vermeintliche Kickboxfilm als Kickboxfilm nicht besonders viel hermacht. Die Fight sind alle sehr ordentlich, wenn auch nicht übermäßig spektakulär in Szene gesetzt, und mit Leuten besetzt, die Hand- und Fußwerk offensichtlich verstehen, aber sie laden nicht gerade zum Mitfiebern ein, wie das bei Turnierfilmen – man denke an BLOODSPORT und Konsorten – idealerweise der Fall ist. Das ganze Turnier läuft so im Hintergrund ab und außer dem Schurken Jake lernt man keinen der Teilnehmer kennen, es dient eher als Auflockerung für die dramatische Geschichte Nicks, der an seiner Vergangenheit zu zerbrechen droht. Irgendwann kommt es natürlich zur Begegnung mit Jake, Nick nennt seine gehässige Ex eine „Hure“ und wird von dem Rivalen zu einer Schlägerei herausgefordert. Maggie ist verzweifelt, es kommt zum Streit, bei dem das leidige Thema „Alkohol“ zur Sprache kommt und Nick landet aus Trotz mit einer anderen Frau im Bett. Maggie zieht die Konsequenzen und verlässt ihn, er hat nun nichts mehr und naürlich auch keine Chance gegen Jake. Yaddayaddayadda, man kennt das aus Dutzenden Filmen, nichts davon ist neu. Es ist Lorenzo Lamas, der FINAL IMPACT trägt und ihn für mich gestern zum Quell der Freude machte.
Schon der Auftakt, wie er da mit dem Whiskey-Tumbler in den totenkopfberingten Fingern, der Weste über dem gutgeölten, üppig behaarten Körper, den zurückgeschmierten Haaren und dem Dreitagebart in seinem Schreibtischstuhl hängt, er die Avancen seines Bewunderers mit aufreizender Arroganz an sich abprallen lässt, ist göttlich. Der Weg ist geebnet und Lamas beschreitet ihn im Folgenden mit einer beeindrucken Sammlung redneckiger Rockeroutfits, cooler Sprüche im Mundwinkel und nie versiegenden Schnapsreserven. Er hat etwas entschieden Aufmüpfiges, Emporkömmlerisches an sich, er ist der Asi, dessen Sieg man anerkennen muss, weil er so gut ist. Das Tolle an ihm ist, dass man ihm seine Arroganz und Selbstverliebheit zugesteht, auch wenn sie eigentlich durch nichts untermauert wird. Allein, weil er diese leere Autorität zu verkaufen weiß. Besser jedenfalls, als seine Kickboxbemühungen, die immer etwas auswendig gelernt anmuten. Lamas ist so etwas wie der negative Seagal: Man verzeiht ihm, dass er sich mit Dingen brüstet, die er nicht kann, weil er so verflucht charmant in seiner Attitüde ist. Seagal hingegen kann Vieles von dem, was er behauptet, aber man vermutet Hochstaplerei, weil er damit stets so unsympathisch hausieren geht. Wie Seagal spielt auch Lamas immer nur eine Variation desselben Typen, eines großmäuligen Proleten mit dem Herzen aus Gold. Man will, dass er gewinnt, allein deshalb, damit der Nachschub an Wet-Gel, Cowboystiefeln und protzigem Herren-Modeschmuck nie versiegen mag und er sich seine arrogante Selbstverliebtheit bewahrt.

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Ein herrlich zu lesendes Essay. Musste stellenweise richtig schmunzeln!

    Irgendwie fühlt mich bei der Rekapitulation des Plots spontan ein wenig an DIE FARBE DES GELDES erinnert.

    Sofern ich FINAL IMPACT einmal günstig bekommen kann, werde ich zuschlagen, um mich an totenkopfberingten Fingern und der Lamas’schen Arroganz zu ergötzen.

  2. Nils sagt:

    Bei der mangelnden Martial-Arts-Ausbildung muss ich dir allerdings widersprechen: Ich kann mich noch daran erinnern, dass er im Abspann von „Sci-Fighter“ als Schwarzgurt geführt wird und laut Wikipedia begann er bereits 1979 mit Taekwondo und Karate, auch wenn er seine Fähigkeiten vielleicht nicht doll sichtbar auf die Leinwand übertragen kann.

  3. Wunderbarer Text! Danke dafür!

  4. Oliver sagt:

    Freut mich, dass er dir gefallen hat! Danke!

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