the last riders (joseph merhi, usa 1992)

Veröffentlicht: August 16, 2015 in Film
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Erinnert sich noch jemand an den großartigen STONE COLD vom leider vergessenen Craig R. Baxley, der 1991 noch einmal zeigte, wie man im Jahrzehnt zuvor Actionfilme gedreht hatte und zudem die Klasse besaß, Lance Henriksen und William Forsythe als Köpfe einer verbrecherischen Bikergang zu besetzen? Kann sich noch jemand außer mir ein DTV-Rip-off dieses Kleinods vorstellen, vielleicht gar aus dem Hause PM Entertainment, der Heimat filmisch aufbereiteter Automobilverschrottung? Geht noch jemandem bei der Vorstellung die Hose auf? Dann träumt weiter, denn THE LAST RIDERS ist nicht dieser Film, auch wenn er ohne Frage an den Erfolg von STONE COLD anknüpfen will. Erik Estrada ist kein Brian Bosworth, was immer das heißen mag.

Der ehemalige Star aus der Fernsehserie CHiPS ist Johnny, Mitglied der Bikergang „The Slavers“ und neben Anführer Rico (Angelo Tiffe) der Veteran der Truppe. Als er nach einem fehlgeschlagenen Drogendeal bei einem Vergeltungschlag eingesetzt wird und einen Mann umbringt, der sich kurz darauf als dreckiger Cop herausstellt, verkündet er seinen Ausstieg („Take my colors. Burn ‚em and piss on the ashes.“), um die Kameraden zu schützen, und begibt sich auf den Weg gen Norden. Dort stattet er seinem alten Kumpel „Hammer“ (William Smith), der eine Werkstatt an der Autobahn sein eigen nennt, einen Besuch ab und lässt sich überreden, bei ihm unterzukommen und zu arbeiten. Wenig später entflammt gar die große Liebe, als die Reisende Anna (Kathrin Middleton) mit ihrer Tochter wegen einer Panne gezwungen ist, bei Johnny zu übernachten. Doch natürlich holt die Vergangenheit Johnny ein …

THE LAST RIDERS ist nach NIGHT OF THE WILDING und RING OF FIRE ein neues Beispiel dafür, was für bizarre Filme dabei herauskommen, wenn man versucht, die Formeln Hollywoods zu adaptieren, ohne die Ressourcen dafür zu haben. Das, was in einem herkömmlichen Actioner in der Exposition abgefrühstückt würde, dehnt Joseph Merhi auf über eine Stunde aus und quetscht den eigentlich interessanten Teil der Story in einen kurzen Showdown, der kaum der Rede wert ist, ja, eigentlich noch nicht einmal diese Bezeichnung verdient. Als Action- oder Rachefilm ist THE LAST RIDERS ein ziemlicher Rohrkrepierer, aber wie er die altbewährte Formel beugt und zum Ausgangspunkt eines schmonzettenhaften Melodrams macht, ist nicht ohne bizarren abseitigen Reiz. Merhi verwendet wie erwähnt viel Zeit darauf, die Liebesbeziehung zwischen Johnny und Anna anzubahnen und macht dabei vor keinem Klischee halt. Anna ist zunächst natürlich eine eingebildete Schlampe, die Johnny der schlechten Arbeit bezichtigt und seine Hilfsbereitschaft nur mit Unverschämtheiten zu kontern weiß. Schließlich bleibt ihr aber doch keine Wahl, als auf sein Angebot, bei ihm im Trailer zu wohnen, einzugehen. Kaum dass sie einen Fuß in die Tür gesetzt hat, geht die geborene Hausfrau mit ihr durch, sie putzt, räumt auf und schickt den im Weg rumstehenden Mann zum Einkaufen, weil der nur Bier im Kühlschrank hat. Das Fleisch, das er mitbringt, schaut sie an wie ein gebrauchtes Kondom: Sie kocht natürlich vegetarisch, japanisch, um genau zu sein, und zwingt ihn dann sogar dazu, mit Stäbchen zu essen, wobei er sich extradumm anstellt und keinen einzigen Bissen in den Mund bekommt. Nicht mit Johnny, den es nach Burger, Fritten und Milchshake gelüstet und der Annas hässliches Kind dabei sofort auf seiner Seite weiß. Doch das sind natürlich nur die obligatorischen Anlaufschwierigkeiten, die eine umso harmonischere Beziehung nach sich ziehen. Aber was heißt hier „Beziehung“? Seinen romantisch-kuriosen Gipfel erklimmt der Film, als Johnny und Anna während eines Ausflugs nach Las Vegas spontan HEIRATEN! Nachdem er vor kurzem noch als Polizistenmörder nach Kanada auswandern und sie eigentlich nur mal eben ihr Auto reparieren lassen wollte, eine überaus unerwartete Entwicklung, die man durchaus als „Kurzschluss“ bezeichnen könnte. Die beiden leben in einem verschissenen Wohnwagen irgendwo im Nichts, for Christ’s sake! Geht das Blag eigentlich irgendwo zur Schule?

Es ist klar, dass das fragwürdige Glück nicht lange anhalten kann und deshalb wird Johnny auch von den Bullen ausfindig gemacht und Rico als angeblicher Verräter präsentiert. Der schickt seine Killer, die statt seiner aber „nur“ Anna und das kleine Mädchen mit ihren Schrotflinten wegpusten. Johnny kann nichts mehr tun, außer den Trailer – der ja eigentlich seinem Kumpel Hammer gehört – anzuzünden und bedröppelt in die Flammen zu schauen. Was er an seinem Freund hat, der die mutwillige Zerstörung seines Eigentums ganz entspannt hinnimmt, bemerkt er hoffentlich später. Der Zuschauer darf frohlocken, denn nun gibt es zum ersten Mal seit dem Auftakt des Films wieder Action: Zum Frauen-AOR-Sound der „Sheilas“, die auch schon zu Beginn einen ausgedehnten Auftritt hatten und unter anderem eine Querflötistin in ihren Reihen wissen, gibt es eine Montagesequenz, in der Johnny einige seiner alten Kumpels murkst. Er wird dabei aber verwundet und schleppt sich in seine alte Stammkneipe, wo ihn die Bedienstete Feather (Mimi Lesseos) aufnimmt und gesund pflegt. Merkt jemand was? Bevor sich das Szenario, das Johnny überhaupt zu ihr führte, aber noch einmal wiederholt (Feather gesteht Johnny ihre Liebe, aber der braucht wahrscheinlich noch ein bis zwei Tage Trauerarbeit), bricht er auf, um mit seinem best buddy Rico anzurechnen. In einer dunkeln Gasse stehen sich dei beiden schließlich zwischen zwei brennenden Mülltonnen gegenüber. Sie schauen sich grimmig an, nicken ,,, und fahren dann in entgegengesetzte Richtungen davon. Ende.

For real, ich habe mir das nicht ausgedacht. THE LAST RIDERS müsste man als Publikumsverarsche bezeichnen, wenn das, was man da 90 Minuten lang geboten bekommt, nicht so durch und durch faszinierend in seiner Spießigkeit wäre. Wer immer schon der Meinung war, dass noch unter der speckigsten Rockerjoppe ein sentimentales Muttersöhnchen steckt, der wird sich hier bestätigt sehen. Und wer immer schon einen Rockerfilm gesucht hat, für den sich auch die Oma begeistern kann, der ist mit THE LAST RIDERS endlich am Ziel angekommen. Halleluja!

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Nur so, weil mir langweilig ist die Anmerkung: STONE COLD war ein Total-Flop und kein Erfolg. Aber natürlich hat er einige Biker-Filme hervorgebracht, will mich also jetzt gar nicht in irgendwelchen Haarspaltereien ergehen.

  2. Marcos sagt:

    Find’s sowieso immer heftig, wenn man sich den kommerziellen Erfolg vergangener Filme ansieht, die von der Kritik zu Flops erklärt wurden und umgekehrt. Interessanterweise bleibt deren Gewäsch oft besser in Erinnerung.

    • Oliver sagt:

      Das hat wohl mehrere Gründe. Der wichtigste ist wahrscheinlich, dass die Kritiker- mit der Zuschaueresonanz verwechselt wird. Dann natürlich die lückenhafte Datenlage gerade bei älteren Filmen oder das als Maßstab eine vielleicht noch höher liegende Erwartung herangezogen wird. Ein gutes Beispiel ist AVATAR, der irrsinnig viel Kohle eingespielt hat, aber kaum echten kulturellen Einfluss hinterließ.

      • Marcos sagt:

        Echt? Meine Studis haben von dem permanent geredet. In der Medienpsychologie wurde immer nur von der Zukunft des Kinos geredet. Der Feuilleton war doch auch voll von dem. Der war in den Intelletuellenkneipen in Saarbrücken auch zu seiner Zeit im gespräch. Ich denke, bei dem heit es abwarten.

      • Oliver sagt:

        Ja, aber danach war die Ernüchterung groß. Heute ist immer nur davon die Rede, wie weit Cameron mit diesem Film von einstigen Glanzzeiten entfernt ist. Man muss natürlich aufpassen, das, was man in seinr Filterbubble so aufschnappt, zu verallgemeinern, aber wenn man AVATARs Erbe mit dem von meinetwegen TERMINATOR oder ALIENS vergleicht, scheint mir an der Diagnose doch einiges dran zu sein. Aber abwarten ist natürlich immer gut. 🙂

  3. Marcos sagt:

    TERMINATOR und ALIENS haben auch Jahre gebraucht, bis man ihren Wert akzeptierte, zumindest als einigermaßen allgemeinen Konsens. In Medienseminaren ist es nicht selten ein Reflex von Studenten, den zweiten „Alien“ mit dem ersten zu vergleichen und als actionlastigen Sondermüll der Reaganomics abzutun. Da sind die Verehrer auch immer deutlich in der Minderheit.

    • Oliver sagt:

      Kann schon sein. Ich glaube nicht wirklich, dass sich das Blatt zugunsten AVATARs wenden wird. Auch, weil Filme diese Zeit heute gar nicht mehr haben. Früher konnte die Heimkino- oder Fernsehauswertung noch einmal einen Push geben. Das ist heute, wo die annähernd parallel zum Kinoeinsatz erfolgt, nicht mehr so.

      • Marcos sagt:

        So ähnlich denke ich das auch, aber bzgl. der Zeit sehe ich das eher in die kapitalistische Richtung gedacht. Die sollen eigentlich nie wirklich weg sein. Gerade eben die „Übermedialisierung“ führt dazu, dass nichts mehr abgepackt wird, sondern auf ewig im Kollektiv bleibt. Der erste Schritt hin zu einer nie ruhenden Welt, da Reflektionen nicht mehr erfolgen. Tatsächlich bleibt alles in ständiger Bewegung. Anders ausgedrückt: Vor AVATAR werden wir jetzt bis zum Ende unseres Lebens keine Ruhe mehr haben.

      • Oliver sagt:

        😀

  4. Chrisch sagt:

    Ist es nicht aber so, dass AVATAR zumindest auf Grund der Tatsache, dass Cameron eine völlig neue 3D-Technik schuf und etablierte sowie darüber hinaus auch einen erneuten – bis heute anhaltenden – 3D-Boom auslöste, filmhistorisch von nicht zu unterschätzender Relevanz zu seinen scheint?

  5. Chrisch sagt:

    „zu seien scheint“. Es gibt leider keine Möglichkeit zu editieren.

    • Oliver sagt:

      „zu sein scheint“, um ganz genau zu sein. 😉

      Dass er den Boom auslöste, möchte ich mal in Frage stellen, schließlich Begann der 3D-Trend schon kurz zuvor.

      Ob die von Cameron eingesetzte Technik wirklich so relevant ist, bleibt abzuwarten. Es wäre nicht die erste „revolutionäre“ technische Neuerung, die der Müllkippe der Filmgeschichte überantwortet worden wäre, siehe Cinerama, Cinemagic und Konsorten.

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