Mit ‘Agentenfilm’ getaggte Beiträge

Nur ein Jahr nach UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN und LIEBE IST NUR EIN WORT (der mir leider noch nicht vorliegt) inszenierte Alfred Vohrer bereits den dritten Simmel-Film. In seinen Mitteln bleibt er mit DER STOFF AUS DE DIE TRÄUME SIND dem mit JIMMY eingeschlagenen Weg treu: Da wird schon einmal ein Fischaugen-Objektiv herumgewirbelt oder durch ein Kaleidsokop gefilmt, gern schaut die Kamera in Dialogen über die Schulter des einen auf den anderen, und damit der Zuschauer am Schluss den Überblick nicht verliert, friert Vohrer das Bild bei jedem Szenenwechsel kurz ein, um den losen Faden später dann just an dieser Stelle wieder aufzunehmen. Eine eindrucksvolle Riege deutscher Charakterdarsteller macht seine Aufwartung, damit deutlich signalisierend, dass das hier großes, wichtiges Kino ist, was sich aber auch schon unschwer an der Lauflänge von rund 130 Minuten ablesen lässt. DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND folgt einem ganz eigenen Tempo, in jeder Sekunde von der eigenen Signifikanz ebenso überzeugt wie die beiden Hauptfiguren von der Wichtigkeit und Richtigkeit ihrer Mission. Das Schmonzettenhafte tritt etwas in den Hintergrund, die Schicksalsgläubigkeit von JIMMY geht weitestgehend in einer pessimistischen Weltsicht auf, in der die da oben immer am längeren Hebel sitzen und sich auf Kosten der Kleinen bereichern. Da kann dann auch ein aufrechter Enthüllungsjournalist nichts ausrichten. Er kann seine Geschichte allerhöchstens einem Bestsellerautoren anvertrauen, der sie dann fiktionalisiert, auf dass die Kunde weitergetragen werde.

DER STOFF hat eine interessante, weil zunächst einmal in der damaligen Realität verortete Prämisse: Der Boulevardjournalist Roland (Paul Neuhaus) soll für das Magazin “Blitz” eine Sexgeschichte schreiben, will aber lieber etwas ernsthaftes machen: Er reist mit seinem Partner und Fotografen Engelhardt (Herbert Fleischmann) in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Bremen, wo sich ein tschechischer Junge befindet, dessen Vater bei der Flucht aus der von den Russen eingenommenen Tschechoslowakei erschossen wurde. Bei ihrem Besuch werden die beiden Zeuge, wie der Hamburger Zuhälter Concon (Gert Haucke) versucht, die Emigrantin Irina (Hannelore Elsner) zu entführen. Nachdem die Polizei veständigt wurde, eröffnen bewaffnete Männer von außerhalb des Lagers das Feuer und töten dabei den kleinen Jungen. Bei der Unterhaltung mit Irina berichtet diese den beiden Protagonisten von ihrem Freund Bilka (Rick Parsé), ebenfalls ein Flüchtling, der in Hamburg auf sie warte. Der Versuch der telefonischen Kontaktaufnahme scheitert jedoch: Bilka legt auf, als er hört, wer am anderen Ende ist. Es stellt sich heraus, dass er ein desertierter russischer Agent ist, der die Aufmarschpläne des Warschauer Paktes an die Amerikaner verkaufen will. Die Russen wollen dies natürlich verhindern, Roland und Engelhardt geraten zwischen die Fronten und bekommen auch von ihrem Arbeitgeber Gegenwind: Verlagschef Seerose (Paul Edwin Roth) hat aus ganz eigenen Gründen etwas dagegen, dass die Geschichte erscheint. Derweil läuft die verwirrte Flüchtlingspflegerin Luise (Edith Heerdegen) ziellos durch Hamburg …

Der Name des Magazins “Blitz” verweist deutlich auf “Quick”, Simmels einstigen Arbeitgeber und erinnert sofort an zahlreiche weitere auf heißen Enthüllungsstorys und Reportagen basierende Filme, die in Deutschland in den Sechziger- und Siebzigerjahren ins Kino kamen und mit den Namen der jeweiligen Zeitschriften warben. Demzufolge werden die Journalisten Neuhaus und Engelhardt hier auch noch nicht – heutigen Gewohnheiten entsprechend – als zynische Misanthropen und Kapitalisten gezeichnet, sondern als redliche Männer, die die Schnauze voll haben von dem Kram, den sie für ihr Blatt produzieren müssen. Das Boulevardgeschäft ist ein schmutziges, die Trivialgeschichten Opium fürs Volk, das im Auftrag von oben verabreicht wird. DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND bedient das auch heute noch (oder wieder?) dringende Bedürfnis nach Verschwörungstheorien, nach dem knechtenden System und dem einen Schuldigen (der niemals man selbst ist), geht aber auffallend nüchtern damit um. Ob das an der damaligen Präsenz des feindlich gesonnenen Ostblocks liegt oder doch eher der sedierten Simmelprosa geschuldet ist, lässt sich nicht gänzlich auflösen. Fakt ist, dass Vohrers Film nach temporeichem Auftakt hoffnungslos versandet, sich wie JIMMY vom geradlinigen, zielorientierten Thriller in ein träge pulsierendes, selbstgefälliges Etwas verwandelt, eine Aufmerksamkeit aufsaugende und in Gleichgültigkeit umwandelnde Amöbe mit seltsam hypnotisch oszillierender Oberfläche. Allein die Interieurs das Films nötigem dem Betrachter das ein oder andere ungläubige Staunen ab. Die Teilnahmslosigkeit, mit der Vohrer das Ringelpiez der Agenten inszeniert, wird durch den Subplot um die halluzinierende Luise ausgeglichen, der der Film eine Bedeutung beimisst, die durch ihre tatsächliche Plotfunktion kaum gerechtfertigt ist. Ihr dementes Taumeln bietet immerhin den Anlass für wilde Deliranz, die DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND sonst völlig vermissen lässt und ihn zeitweise in einen seltsamen Beyond-Belief-Kracher aus einer fernen Galaxie verwandelt. Wie hier Handfest-Zeitgenössisches mit pulpiger Theatralik verquirlt wird, ist in dieser Preisklasse wahrscheinlich einzigartig. Am Ende hatte Luises Odyssee keine andere Funktion, als den Aufhänger für typisch  Simmel’sche Esoterik zu liefern: Das schizophrene Gehirn, so erfahren wir vom Psychiater (Klaus Schwarzkopf), kenne keine Begriffe wie Vergangenheit und Zukunft, die Verbindung von Ursache und Wirkung sei in ihrem Verständnis aufgelöst, weshalb Schizophrene die Gabe der Präkognition besäßen. Da kommt er dann durch die Hintertür doch wieder ins Spiel, der bequeme Glaube, dass alles vorherbestimmt ist und jedem sein Plätzchen zukommt auf dem Erdenrund. Einem – von Luise vorhergesagten Mordanschlag – entgangen, setzt sich Roland mit seiner Irina ins Ausland ab. Seine Geschichte hat er mitgenommen, weiß ein plötzlich auftretender Voice-over-Kommentator zu berichten, und an einen vertrauenswürdigen Schriftsteller abgegeben, der sie unter dem Titel “Der Stoff aus dem die Träume sind” in bares Geld verwandeln wird.

 

Johannes Mario Simmel, 1924 als Sohn deutscher Eltern in Wien geboren, avancierte 1960 mit dem Roman “Es muss nicht immer Kaviar sein” zum Bestsellerautor. Bis zu seinem Tod im Jahr 2009 veröffentlichte er im steten Rhythmus von ein bis drei Jahren weitere Werke, die seinen Ruf bei der seriösen Literaturkritik, der er als Trivial- und Fließbandautor galt, zwar nicht unbedingt verbesserten, ihn aber wie nur ganz wenige deutschsprachige Schriftsteller zur absoluten Marke machten. In den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren gehörten seine Romane mit dem unverwechselbaren Umschlagdesign wahrscheinlich zur Grundausstattung deutscher Mittelstandswohnungen. Natürlich blieb er auch dem Kino nicht lang verborgen. Die erste Welle von Simmelverfilmungen datiert auf die Jahre 1960 – 1963 und gipelte in Géza von Radványis ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN, dessen Fortsetzung DIESMAL MUSS ES KAVIAR SEIN der Einfachheit halber gleich mitgedreht wurde. Nach dem ARD-Fernsehfilm DER SCHULFREUND riss die Reihe abrupt ab und es dauerte bis zum Ende der Sechzigerjahre, als der Produzent Luggi Waldleitner sich an das Potenzial der Simmel-Romane als Vorlage für breit angelegte und aufwändig produzierte Spielfilme erinnerte. 1971 erschien UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN als erfolgreicher (3 Millionen Zuschauer) und mit dem Prädikat “besonders wertvoll” versehener Auftakt einer bis 1976 anhaltenden, insgesamt achtteiligen Simmel-Reihe, deren Inszenierung in der Hauptsache Alfred Vohrer übernahm (lediglich die beiden letzten Einträge, BIS ZUR BITTEREN NEIGE und LIEB VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN, wurden von Gerd Oswalt bzw. Roland Klick inszeniert).

Ganz unabhängig von einer Bewertung von Vohrers Simmel-Debüt erkennt man schon während der Betrachtung des Films, warum er die Menschen in Scharen ins Kino lockte: Produzent Luggi Waldleitner hatte eine eindrucksvolle Besetzung vor der Kamera versammelt, die man kaum anders als als Machtdemonstration und Kampfansage verstehen konnte: Neben dem attraktiven Newcomer Alain Noury, damals eine Hoffnung des europäischen Filmes, die jedoch unerfüllt blieb, gaben sich solche beliebten und respektierten Schauspieler wie Ruth Leuwerik, Horst Tappert, Horst Frank, Peter Pasetti, Doris Kunstmann, Judy Winter, Konrad Georg, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann und Klaus Schwarzkopf förmlich die Klinke in die Hand. Drehbuchautor Manfred Purzer hatte Simmels 700-Seiten-Wälzer auf einen vollgepackten Zweistünder eingedampft, der das ganze Simmel-Spektrum von Agententhrill über Historiendrama bis hin zu Liebes- und Schicksalschmonzette abdeckte und dabei mithilfe der Wiener Originalschauplätze epische Grandezza verströmte, so gut es ging.

Zur Handlung: Der französische Geheimdienstchef Mercier (Herbert Fleischmann) erteilt einem Killer den Auftrag, den Argentinier Manuel Aranda (Alain Noury) umzubringen, der in Wien erwartet wird. Der junge Mann bereist die österreichische Metropole, um dort den Leichnam seines Vaters abzuholen, eines Chemikers, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Vermutlich wurde er bei einem Treffen im Teezimmer einer kleinen Buchhandlung von Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) vergiftet, die sich jedoch direkt im Anschluss selbst umbrachte. Von dem ermittelnden Hofrat Groll (Heinz Moog) erfährt Manuel, dass Wien der Tummelplatz der Geheimdienste ist und die Arbeit seines Vaters offensichtlich das Interesse sowohl der Amerikaner, vertreten durch Grant (Heinz Baumann), als auch der Russen, vertreten durch Santarin (Peter Pasetti), und eben der Franzosen geweckt hatte. In seinen Hinterlassenschaften findet Manuel ein in Code verfasstes Dokument, das sich nach hösht einfacher Entschlüsselung als Formel für einen chemischen Kampfstoff herausstellt. Bleibt die Frage, was die alte Dame veranlasste, den Chemiker umzubringen. Durch die Befragung des Büchereibesitzers Landau (Konrad Georg) sowie der Bordellbesitzerin Nora Hill (Judy Winter) eröffnet sich Manuel in lang ausgedehnten Rückblenden die Geschichte seines Vaters: Er, ein überzeugter Nazi und ehemaliger Liebhaber der Steinfeld, war über deren Ehe mit einem Juden so erbost, dass er ihren Sohn Hans als “Bastard” beim Gauleiter anschwärzte. Der Arisierungsporzess, den die Steinfeld daraufhin mithilfe des “Leihvaters” Landau und des Anwalts Dr. Forster (Horst Tappert) anstrengte, befreite den Sohn zwar von den Vorwürfen und der unmittelbar drohenden Gefahr, trieb ihn aber auch der Wehrmacht und somit dem Tod in die Arme. Der Mord an Aranda war Valerie Steinfelds verspätete Rache für das erlittene Leid. Manuel, der sich während der Wahrheitssuche in Irene (Doris Kunstmann), die Nichte der Steinfeld, verliebt hat, nutzt diese Erkenntnis indes nichts mehr: Er wird von der tödlichen Kugel eines amerikanischen Killer getroffen.

In UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN vereinen sich verschiedene Strömungen des populären deutschen Kinos bzw. Fernsehens jener Tage zu einer hochpotenten – und aus heutiger Sicht betrachtet – höchst eigentümlichen Mischung. Alfred Vohrer war in den Sechzigerjahren ganz wesentlich am großen Erfolg der Edgar-Wallace-Filme beteiligt gewesen, sollte im weiteren Verlauf der Siebziger zudem das deutsche Selbstverständnis mit seiner eifrigen Mitarbeit an Quotenbringern wie DERRICK und DER ALTE maßgeblich prägen und noch später dann seine Eignung fürs Schmonzettenhaft-Schmalzige mit der Beteiligung am TRAUMSCHIFF und DIE SCHWARZWALDKLINIK unter Beweis stellen. In seinem Simmel-Debüt ist all das bereits enthalten: Das Intrigenspiel der Geheimdienste, das kaltblütige Ausschalten unliebsamer Zeugen und die Gier nach einer todbringenden Formel befriedigen das Bedürfnis nach Thrill und Gewalt, Manuels Suche nach der Wahrheit lädt wie die Wallace-Filme zum Mitraten und -spekulieren ein, die Liebesgeschichte bietet etwas fürs Herz, die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart suggeriert einerseits einen gewissen Anspruch (Vohrer hatte in SIEBEN TAGE FRIST mit einem ganz ähnlichen Kniff ein beachtliches Ergebnis erzielt), wird aber gleichzeitig hoffnungslos melodramatisch überfrachtet, sodass nichts davon dem Betrachter unangenehm zu nahe kommt. Das Deckmäntelchen der anspruchsvollen Unterhaltung, das Waldleitner, Vohrer und Purzer ihrem Film unter Mobilmachung aller verfügbaren Kapazitäten übergeworfen hatten, entpuppt sich heute, mehr als 40 Jahre später, als mottenzerfressener Fetzen, der kaum verbergen kann, dass sich darunter ein zwar hochgetuntes, letztlich aber doch eher billiges Stundenmädchen verbirgt. Aber es macht zugegebenermaßen den Reiz des Filmes aus, wie seine staubtrockene Seriosität aufs heftigste mit unverhohlenem Sensationalismus, Nazikitsch und Biedermeier-Sleaze kollidiert.

So gibt Judy Winter die Bordellbesitzerin und ehemalige Nazi-Doppelagentin in der Gegenwart des Films mit viel Kleister im Gesicht, um als alte Frau durchzugehen, und erlebt ihren schauspielerischen Höhepunkt sicherlich in der Szene, in der sie mit gebrochenem Rückgrat am Boden liegt und von einem Nazi vergewaltigt wird, während die Kamera an den nackten Brüsten vorbei auf ihr leichenblasses Gesicht zoomt. Die Gerichtsverhandlung rund um die Arisierung von Sohn Hans soll ganz gewiss die Niedertracht des Naziregeimes bloßlegen, doch gleichzeitig meint man zu merken, wie Purzer einer dabei abging, seine Figuren in einer Großproduktion von Analverkehr und Fellatio schwadronieren zu lassen. Jeder gute Vorsatz ist spätestens dann dahin, wenn Horst Tappert “Fellatio” mit den unsterblichen Worten “zu Deutsch: Reizkuss” übersetzt. Da wird UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN zur Travestieshow, zum Schmierenstück, dem die deutsche Vergangenheit kaum mehr ist als der Freifahrtschein für saftige Geschmacksentgleisungen, die aber stilecht mit der Büßermiene eines katholischen Pfarrers vorgetragen werden. Das ist wahrscheinlich das Faszinierendste an diesem Film: Diese seltsam chloroformierte Atmosphäre, die sich selbst in seinen grellsten Momenten über ihn legt und alles unter einem staubgrauen Schleier verschwinden lässt. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist wie ein jahrzehntealtes Stofftier, das man auf dem Trödelmarkt in einem Karton findet: nach völlig anderen Schönheitsvorstellungen hergestellt, unangenehm nach verronnenem Leben müffelnd und aus einem Material gefertigt, das heute als “krebserregend” aus allen Kinderzimmern verbannt ist. Es hat seine ursprüngliche Bedeutung total verloren, doch gleichzeitig weiß man, dass es früher mal jemanden gab, der dieses Kuscheltier schön genug fand, es seinem Kind zu schnenken, das es daraufhin in sein Herz schloss. UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN ist in dieser Form heute undenkbar. Würde er so heute erscheinen, er würde die Menschen völlig verstören. Damals hingegen fühlte man danach, dass man einen guten Film gesehen hatte. Bizarr. Und irgendwie geil.

Steven Soderbergh hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als Actionspezialist einen Namen gemacht, umso erstaunlicher ist dieser Agententhriller, der sich mit einer sehr individuellen Inszenierung von Körperlichkeit, gewohnt edlen Bildkompositionen und einer bis auf die Knochen reduzierten Handlung hervortut. Und natürlich mit seiner Hauptdarstellerin Gina Carano: Die ausgesprochen attraktive Muay-Thai- und MMA-Kämpferin, die laut ihrer leicht obsessiven IMDb-Biografie “was born under a tornado warning”, nimmt ihre männlichen Gegner mit beeindruckender Effizienz und mitleidloser Härte auseinander, bewegt sich außerdem mit eleganten, fließenden Bewegungen, die wunderbar mit Soderberghs eigener, fast erotisch zu nennender Kameraführung harmonieren. Mal wird sie von ihr liebevoll umschmeichelt, befindet sich mit ihr im eng umschlungenen Tanz, dann distanziert sie sich wieder von ihr, setzt ihrem sanften Tasten und Streicheln kontrapunktische Brutalität entgegen. 

Soderbergh findet damit die ideale visuelle Form – und die perfekte Darstellerin – für den per se erotischen Agentenfilm. Ich habe hier schon häufiger gesagt, dass das Spiel mit falschen Identitäten, vorgeschobenen und verschleierten Motivationen, mit Verrat, Täuschung und Verführung, das den Agentenfilm kennzeichnet, viel mit dem Spiel gemeinsam hat, das Liebende miteinander spielen. Man beachte nur das Miteinander von Mallory (Gina Carano) und ihrem Partner, dem MI-6-Agenten Paul (Michael Fassbender), als die beiden vortäuschen, ein Ehepaar zu sein, wie sie sich gegenseitig durch ebenso vielsagende wie vieles verbergende Blicke herausfordern, beständig auf der Suche nach dem Loch in der Deckung des anderen sind. Oder man bemerke, dass die Agentin mit gleich vier Männern eine emotionale Beziehung unterhält: Mit ihrem Ex Kenneth (Ewan McGregor), der auch ihr Auftraggeber ist, mit ihrem Kollegen Aaron (Channing Tatum), der vorgeschickt wird, um sie “zurückzuholen”, mit dem erwähnten Paul und mit Scott (Michael Angarano), der das Pech hat, in Mallorys Flucht involviert zu werden. Da treffen Profis der Verführung aufeinander, die oft genug auf das “Handwerk” des anderen hereinfallen, quasi in die Naivität des Zivilisten zurückfallen (erstaunlicherweise versteht nur der Zivilist es, Distanz zu halten). Man mag es ihnen nicht verdenken: Dieses Leben in ständiger Skepsis, unter dem ständigen Verdacht, der Freund könnte sich als Feind entpuppen, und dem daraus folgenden Zwang, ihm im Ernstfall zuvorkommen zu müssen, muss auf Dauer ziemlich anstrengend sein. So ist es ziemlich konsequent, dass HAYWIRE die Form einer 90-minütigen Verfolgungsjagd annimmt, bei der Mallory in jeder Szene das eigentliche Opfer ist, ohne es zu wissen. Sowieso ist der Film ein einziges Erstaunen und Überraschtwerden. Der Tod kommt nie dann, wenn man ihn erwartet.

Leider hat HAYWIRE bislang keine Nachahmer nach sich gezogen: Dieser sinnliche Ansatz, den Soderbergh da gefunden hat, wäre sicherlich noch weiter ausbaufähig, eine spannende Alternative zu sonst eher konfrontativ inszenierten Actionern, eine, die das Bild erweitern und dem Genre auch eine gewisse Respektabilität einbringen könnte. Überhaupt: Warum versuchen sich nicht mehr “genrefremde” Filmemacher an diesem Genre, das doch allein aus kinetischer Sicht genug Herausforderungen für sie bereithalten sollte? HAYWIRE gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was dabei herauskommen könnte. Toller Film.

operazione-pakistan-b6a467a5-f08a-4540-94d6-35020d640550Zwei Jahre, nachdem das Duo aus Kommissar X (Tony Kendall) und Captain Tom Rowland (Brad Harris) zum letzten Mal auf der Leinwand aktiv war, kehrt es zurück, um eine Drogenorganisation zu zerschlagen, die von Pakistan aus den Weltmarkt mit ihrem Stoff flutet. Die Zeit ist nicht spurlos an ihnen vorübergegangen: Die Siebzigerjahre sind angebrochen, und das macht sich bemerkbar in einem flapsigeren Stil, den auch Regisseur Harald Reinl mit ein paar gezielten Sadismen nicht aushebeln kann. Die beiden verbrecherjagenden Kumpels schmeißen mit Sprüchen nur so um sich, ganz im Stile der damals so beliebten Brandt-Synchros werden da “Beulen in den Bart” gehauen oder Vergleiche zu Zeitgeistheroen wie Gunther Sachs gezogen. Der naive Pop-Charme, der die ersten Teile der Reihe beflügelte und sie zu idealtypischen Beiträgen der Eurospy-Welle machte, ist irgendwo im Sommer der Liebe abhanden gekommen. Eine äußerst herbe, im Rahmen des Films gleichermaßen deplatziert wirkende wie prägende Sequenz zu Beginn zeigt ein paar übrig gebliebende Hippies beim Kiffen und Fixen: Das ist nicht gestellt, wie die Nadel da in einen bereits reichlich zerstochen aussehenden Arm geführt wird, und es fiel mir tatsächlich schwer, die Augen nicht abzuwenden. So “real” der Hintergrund des neuesten Kommissar-X-Abenteuers auch sein mag, der Blick auf echtes Drogenelend ist in einem Maße spekulativ und abgezockt, wie die Reihe zuvor harmlos war. Und wenn sich Reinl nach dem kurzen, verstörenden Einschub wieder der losen Folge von Keilereien, Verfolgungsjagden, Attentaten und amateurhaften Ermittlungsversuchen zuwendet, bei dem die bösen, bösen Drogen nicht mehr als ein McGuffin sind, erhärtet er diesen Eindruck noch. Was natürlich nicht heißt, dass auch dieser letzte Eintrag der Reihe angenehm seichte Unterhaltung bietet.

Am putzigsten sind natürlich die verzweifelten Versuche des Drehbuchs, die Räuberpistole irgendwie respektabel oder gar relevant erscheinen zu lassen. So schwadroniert ein Kollege Rowlands gegenüber dem pakistanischen Superintendend Ali (Mohammad Ali) von “alten asiatischen Geheimbünden”, nach deren Vorbild die Organisation der roten Tiger aufgezogen sei, nur um im selben Atemzug zuzugeben, von der Materie eigentlich gar keine Ahnung zu haben. Ein Sachbuch soll die Bildungslücke schließen und dieses Buch befindet sich im Besitz des Wissenschaftlers Professor Tavaria (Ernst Fritz Fürbringer). Das finde ich immer wunderbar: Diese Vorstellung, dass es ganz genau ein Buch gibt, das alle Probleme beseitigen kann, dass dieses Buch zwar ungemein selten ist, aber natürlich trotzdem jeder von seiner Existenz und seinem Besitzer weiß. Die Antwort auf die Frage, warum das Wissen über alte Geheimbünde, die es doch laut Ali gar nicht mehr gibt, bei den Ermittlungen hilfreich sein soll, bleibt der Film leider schuldig, aber so geht das eigentlich die ganze Zeit: Die Handlung schreitet voran, indem irgendeine Behauptung aufgestellt wird, die dann unweigerlich zum nächsten Kapitelchen führt. So auch mit dem Buch: Dass Wissen Macht ist, ist nämlich auch den Schurken nicht verborgen geblieben, weshalb der Kriminalbeamte nach Ausleihe des Buches unverzüglich gen Jenseits befördert werden muss. Warum? Egal! In diesem Stile geht es weiter: Kommissar X und Captain Rowland werden hinzugezogen und immer, wenn sich eine Spur ergibt oder jemand einen wichtigen Hinweis geben könnte, wird ein Attentat verübt und der nächste muss ins Gras beißen, bis schließlich nur noch der Oberschurke übrig ist. Dass diese mit allen Wassern gewaschenen Kriminellen nicht merken, wie sie den Helden die Arbeit abnehmen. Es ist fraglich, ob die beiden nun nicht gerade als Superhirne zu bezeichnenden Kriminalisten den Fall gelöst hätten, hätte der Gesuchte nicht alle Verdächtigen selbst aus dem Weg geräumt. Am Schluss überführt ihn ein Siegelring, der den “roten Tiger” zeigt, das Wappentier der Drogenhändler. Das ist nun wirklich ziemlich dämlich, zumal das Wappentier auch noch aussieht wie von einem Achtjährigen mit dem Wasserfarbkasten gemalt. Wegen eines solch hässlichen Rings ins Gras beißen zu müssen, muss für jeden Verbrecher eine echte Schmach sein. Aber immer noch besser, als im Knast gehänselt zu werden.

Etwas für die Listenfreunde, die bei mir meist zu kurz kommen. Auf Facebook habe ich heute mein Bond-Ranking gepostet. Ich erhebe damit keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder historische Belastbarkeit, vielmehr ist es das Ergebnis meiner soeben beendeten Retro (mal sehen, wann ich den alten CASINO ROYALE und NEVER SAY NEVER AGAIN nachlege), bezieht sich also vor allem auf mein aktuelles Empfinden und ist damit zutiefst kompromittiert. Manche Filme der Reihe profitierten davon, dass ich sie zum ersten Mal überhaupt gesehen habe oder aber beim ersten Mal überhaupt nicht mochte. Andere scheiterten an der immensen Erwartungshaltung, mit der ich ihnen begegnet bin. Einige müssten vielleicht tiefer, andere höher stehen, aber ich wollte die Waage halten zwischen meinem ganz subjektiven und spontanen Eindruck und einer gewissen, über diesen hinausgehenden Aussagekraft. Mit dieser Inkarnation bin ich eigentlich ganz zufrieden, könnte es morgen aber schon nicht mehr sein. Without further ado:

Klasse für sich:
01) ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE (Peter Hunt, 1969)
02) YOU ONLY LIVE TWICE (Lewis Gilbert, 1967)
03) THE SPY WHO LOVED ME (Lewis Gilbert, 1977)
04) CASINO ROYALE (Martin Campbell, 2006)

Weltklasse:
05) DR. NO (Terence Young, 1962)
06) MOONRAKER (Lewis Gilbert, 1979)
07) GOLDFINGER (Guy Hamilton, 1964)

Erste Klasse:
08) LICENCE TO KILL (John Glen, 1989)
09) OCTOPUSSY (John Glen, 1983)
10) THE MAN WITH THE GOLDEN GUN (Guy Hamilton, 1975)
12) FROM RUSSIA WITH LOVE (Terence Young, 1963)
13) THUNDERBALL (Terence Young, 1965)
11) THE WORLD IS NOT ENOUGH (Michael Apted 1999)

Gehobene Mittelklasse:
14) THE LIVING DAYLIGHTS (John Glen, 1987)
15) GOLDENEYE (Martin Campbell, 1995)
16) SKYFALL (Sam Mendes, 2012)

Touristenklasse:
17) LIVE AND LET DIE (Guy Hamilton, 1973)
18) FOR YOUR EYES ONLY (John Glen, 1981)
19) TOMORROW NEVER DIES (Roger Spottiswoode, 1997)
20) QUANTUM OF SOLACE (Marc Forster, 2008)

Förderunterricht:
21) A VIEW TO A KILL (John Glen, 1985)
22) DIE ANOTHER DAY (Lee Tamahori, 2002)
23) DIAMONDS ARE FOREVER (Guy Hamilton, 1971)

Größte Enttäuschung:
FOR YOUR EYES ONLY

Größte Überraschung:
THE WORLD IS NOT ENOUGH

Das Engagement von Sam Mendes – nach vielen, vielen “Handwerkern” vielleicht der profilierteste Regisseur, der sich überhaupt jemals an einem Bondfilm versuchen durfte – lässt darauf schließen, dass den Produzenten die Bedeutung von SKYFALL für den Fortgang der Serie sehr bewusst war. Nach der fulminanten Wiederbelebung und Frischzellenkur mit CASINO ROYALE musste man QUANTUM OF SOLACE in jeder Hinsicht als Enttäuschung empfinden – vor allem, weil der Film den Eindruck machte, die Produzenten hätten gar nicht verstanden, was das Comeback überhaupt erst zu diesem Erfolg hatte werden lassen. Die Kurkorrektur gelingt mit Bondfilm Nr. 23 weitestgehend: Mendes inszeniert mit dem Wissen, dass Actionszenen erst im Kontrast mit der nötigen Ruhe ihre volle Wirkung entfalten und bringt zudem ein Maß an visuellem Einfallsreichtum und Stilbewusstsein mit, das die Reihe zuletzt in den Tagen von Lewis Gilbert auszeichnete. Mit der inhaltlichen Konzentration auf den MI6, die Organisation hinter Bond, eröffnet der Film zudem neue erzählerische Möglichkeiten, die bislang brachlagen. Das Dilemma des Agenten – gleichzeitig ein Mensch und dann doch nur ein Werkzeug, ein Rädchen in einem großen Getriebe zu sein –, das CASINO ROYALE zu solch großer Spannung und dem Helden zu neuer, scharfer Konturierung verhalf, verschafft auch SKYFALL die entscheidende Dramatik abseits des Plots. Dennoch: So richtig zufrieden bin ich mit Mendes’ Film nicht.

Über weite Strecken des Films gibt es keinen Grund zur Beschwerde. Mit einem ausgedehnten, actionlastigen Prolog geht es, wie aus den beiden Vorgängern gewohnt, schwungvoll und krachig los. Bei Over-the-Top-Stunts wie einer Motorrad-Verfolgungsjagd über die Dächer (!) Istanbuls, der Fahrt mit einer Planierraupe über einen Zug und einer schön oldschooligen Prügelei auf dem Dach desselben knüpft Mendes im Geiste an den Irrsinn der Ur-Bonds an, anstatt die Modernisierung auch auf motivischer Ebene voranzutreiben. Im Gegensatz zu Marc Forster, der alle Actionszene kaputtschneiden ließ, zeigt der nun auch nicht gerade als Actionexperte geltende Mendes außerdem, dass er verstanden hat, worum es geht: Immer wieder gibt es lang gehaltene Totalen, die es erlauben, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und überhaupt zu begreifen, was da gerade passiert. Der Kampf im Inneren eines von außen mit psychedelischen Leuchtelementen illuminierten Shanghaier Hochhauses dürfte ein visueller Höhepunkt der gesamten Reihe sein, der Gastauftritt eines Komodo-Warans weckt Erinnerungen an die seligen Zeiten, in denen jeder Bondschurke, der etwas auf sich hielt, ein Piranha- oder Haifischbecken sein eigen nannte und Javier Bardem legt seine Rolle als abtrünniger homosexueller Ex-Geheimagent mit Rachgedanken ebenfalls schön cartoonesk an, was nach den ganzen Beamten eine willkommene Abwechslung ist. Auch Adeles Titelsong ist wieder von jenem pathetischen Schmelz, den man erwartet. Der Brückenschlag zwischen der liebgewonnenen Bond-Tradition und dem Bemühen, dem Zeitgeist wieder ein Stück vorauszueilen, gelingt formal über weite Strecken ausgezeichnet. Leider tritt SKYFALL in der zweiten Hälfte in einige Fettnäpfchen, die ihn nicht so sehr als Vorreiter als als Kind seiner Zeit ausweisen.

Ich war noch nie ein besonderer Freund von Computerterrorismus im Film, weil sich dieses Thema für mein Empfinden nur sehr schlecht in packende Bilder übersetzen lässt. Das ist auch hier der Fall: Wenn auf Ms (Judi Dench) Laptop-Monitor ein putzig animierter Virus mit Totenköpfen aufpoppt, wirkt das auf mich einfach albern, genauso wie das bedeutungsschwangere Rumdaddeln an irgendwelchen Hightechscreens und das angestrengte Starren auf seltsame Grafiken, die einen Code verbildlichen sollen. Warum? Damit man ihn leichter knacken kann? Das scheint der Fall zu sein, wenn sogar der hemdsärmelige Bond schneller auf die Lösung kommt als das neuen Wunderkind Q (Ben Whishaw), das immerhin ein vergleichbares, angeblich unüberwindbares Sicherheitssystem erfunden haben will. Apropos Q: Es leuchtet mir ein, das es für ein Computergenie einen anderen Darstellertypus braucht als Desmond Llewelyn oder John Cleese, aber musste es wirklich wieder so ein Wuschelfrisuren- und Pullunderträger sein, wie man ihn auch aus den Krimiserien kennt, die meine Gattin so gern sieht? Auch mit Javier Bardem geht es mit zunehmender Laufzeit bergab: Wie er da im Schneidersitz in seiner gläsernen Gefängnis-Litfasssäule sitzt und selbstzufrieden grinst, fragt man sich, ob es anno 2012 wirklich mal wieder eine Hannibal-Lecter-Hommage brauchte. Immerhin ist der Make-up-Effekt, wenn er sich seine Kieferprothese herausnimmt, wunderbar scheußlich geraten. Das sind alles nur Kleinigkeiten, aber sie addieren sich, zumal sich auch in Plotentwicklung dieses Abdriften in den Durchschnitt erkennen lässt. Wie sich der Showdown da am Ende in zwei aufeinanderfolgende Auseinandersetzungen aufsplittet, Bond und M eine Reise in die Vergangenheit unternehmen und sich so nicht nur dem Feind, sondern auch ihren persönlichen Problemen miteinander stellen müssen, fühlte ich mich in einen Kurs “Screenwriting 101″ versetzt. Ohne die bekannten Figuren hätte das nahezu jeder moderne, großbudgetierte Actionfilm sein können. Auch wenn das entsetzlich blöd und engstirnig klingt: Mir fehlte da einfach das spezielle Bond-Feeling, das CASINO ROYALE auf jeden Fall hatte, obwohl er ganz anders aussah und sich auch ganz anders anfühlte als alle Bonds davor. Es kommt hier nach dem letzten Absatz vielleicht nicht so richtig durch: SKYFALL ist ein guter Bond, auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, aber nach der exquisiten ersten Hälfte überwiegt einfach die Enttäuschung darüber, dass er nicht mehr ist als “nur” gut. Da wurde immenses Potenzial verschenkt, und sowas finde ich immer besonders ärgerlich.

Wenn man Rezensionen im Netz liest, wird die Kritik am nur lauwarm empfangenen QUANTUM OF SOLACE nicht zuletzt mit der Inszenierung der Actionszenen festgemacht. Marc Forster, nicht gerade ein Spezialist für handfeste Kost, um es mal freundlich auszudrücken, geht den Weg, den so viele Filmemacher in den letzten Jahren gegangen sind, und versucht Dynamik vor allem am Schneidetisch zu erzeugen. Nach dem, was ich so gelesen hatte, hatte ich mir diese Exzesse zwar schlimmer vorgestellt, aber gerade in der Verfolgungsjagd, mit der der Film beginnt, kommen viele der unglaublichen Stunts nicht zur Geltung, weil Forster der Meinung zu sein scheint, fünf Einstellungen seien grundsätzlich besser als eine. Wo man früher eine statische Totale gewählt hätte oder sogar dieses wahrhaft irrwitzige Stilmittel namens “Zeitlupe”, da wird hier alles in winzige Fragmente zerhäckselt. Man fragt sich, wofür die Stuntmen da eigentlich ihr Leben riskieren, wenn man am Ende gar nichts mehr von ihrer Arbeit sehen kann. Aber wie ich schon andeutete: Das ist nicht das Hauptmanko des Films, lediglich eines der Symptome, die Ausdruck seiner Anlage als Finale des vorangegangenen CASINO ROYALE sind. Und diese Ausrichtung raubt gleich auch ein wenig von dem Enthusiasmus, den die Neuerfindung im genannten Vorgänger ohne Zweifel auslöste.

QUANTUM OF SOLACE schließt unmittelbar an CASINO ROYALE an, erzählt die Geschichte der Rache Bonds für die Ermordung seiner Geliebten Vesper Lynd. Der Ruhe, mit der Campbell zuvor seinen Protagonisten langsam entwickelte, vom blunt object hin zum Menschen aus Fleisch und Blut, setzt Forster nun ein nahezu pausenloses Actionfeuerwerk entgegen, in dem kaum Raum für Charakterentwicklung bleibt. Das mag konsequent sein, wenn man QUANTUM OF SOLACE lediglich als Schlusskapitel von CASINO ROYALE betrachtet, aber er ist nun einmal ein eigenständiger Film, der nach dem überreichen Vorgänger demzufolge leer und eindimensional wirken muss. Betrachtet man die Art und Weise, mit der der zuvor behutsam entwickelte innere Konflikt Bonds hier schnell und handfest gelöst, der Agent gewissermaßen auf den Nullpunkt resettet wird, sieht das fast ein wenig so aus, als hätten die Produzenten Angst vor der eigenen Courage – einem zerrissenen Bond eben – bekommen. Der Held soll schnell, schnell wieder einsatzbereit sein, weil eine allzu brüterische Figur dem Franchise vielleicht doch im Wege stünde. Dabei wäre es doch gerade interessant gewesen, genau diesen Weg weiterzuverfolgen.

Visuell ist QUANTUM OF SOLACE, abgesehen von den eingangs erwähnten Einschränkungen, wieder sehr reich, die Sequenz in der Oper oder das Finale in einem bauhausartigen Luxushotel in der Wüste stechen als Höhepunkte hervor, die Action knallt, sofern man was erkennen kann, ganz gut rein, auch Mathieu Amalric ist als Schurke höchst effektiv, gemessen an dem, was ihm das Drehbuch da an Zeit zur Verfügung stellt. Aber es bleibt einfach nicht viel hängen und irgendwie wirkt das alles, als habe man nur schnell eine als lästig empfundene Pflichtaufgabe abhaken wollen. Wo sind der Erfindungsreichtum, die Risikofreude, Eleganz und Tiefe von CASINO ROYALE abgeblieben? Gegen die “Wham, bang, thank you, ma’am”-Kurzatmigkeit von QUANTUM OF SOLACE wirkt ja selbst TOMORROW NEVER DIES noch wie ein Epos. Ich hoffe jedenfalls inständig, dass SKYFALL wieder besser ist und sich CASINO ROYALE nicht als Strohfeuer entpuppt. Das wäre dann tatsächlich eine absolut unentschuldbare Fehlleistung.