Archiv für November, 2008

armond whites gesammelte werke

Veröffentlicht: November 27, 2008 in Zum Lesen

2725_profile1Ich habe hier schon einmal auf Armond White, Filmwissenschaftler und Filmkritiker der NY Press, hingewiesen. White ist einer der interessantesten, streitbarsten und wohl auch gewichtigsten intellektuellen Filmkritiker der USA und seine Texte meist eine sehr fordernde Angelegenheit. Als feuriger Moralist, elitärer Polemiker und Chronist des kulturellen Verfalls hat White naturgemäß auch viel Hass mit seinen Texten auf sich gezogen, nicht zuletzt von Filmbloggern, die er für ungebildeten Pöbel hält – aber auch über seine professionellen Kollegen hat er nur wenig Gutes zu sagen. Tatsächlich ist es nicht immer ein Vergnügen, seine Texte zu lesen: Oft fühlt man sich beleidigt, dann wieder ist man geradezu verwundert darüber, welche Filme die Zustimmung erhalten, die er anderen versagt. Aber für einen Filminteressierten und Über-Film-Schreibenden sind sie auch immer wieder eine Anregung und Mahnung, das Medium of choice Ernst und nicht jeden Dreck hinzunehmen, wählerischer und auch strenger zu sein, Film nicht nur als Zeitvertreib, sondern als Mittel der Bildung und spirituellen Erhöhung zu sehen. Auf der neuen Seite der NY Press wurden jetzt dankenswerterweise alle Texte von White seit 1999 verfügbar gemacht. Viel Lese- und Denkstoff, um sich an- und aufzuregen. Das Archiv findet sich hier (und ab heute auch in meiner Linkspalte).

Advertisements

Es lebe der Regress! Weil mir das Wiedersehen mit THE FALL GUY so viel Spaß gemacht hat und im Himmelhund-Blog ein Serienexkurs geplant ist, habe ich mir – zu Kurzschlusshandlungen neigender DVD-Komplettist und Konsumjunkie, der ich bin – die „Ultimate KNIGHT RIDER Collection“ zugelegt (ein hübsches Bildchen im Rahmen meines DVD-Regal-Updates wird in Kürze folgen). Als ich die Serie (relativ spät) zum ersten Mal gesehen habe – das muss so um ’89/’90 rum gewesen sein – hatte ich schon ein Alter erreicht, in dem ich sie nicht mehr ganz uneingeschränkt „cool“ finden konnte, zumal Hasselhoff damals bereits unter dem „Looking for Freedom“-Syndrom litt und einem mit halbwegs gutem Geschmack Ausgestatteten deshalb suspekt sein musste. Aber im Alter von 32, mit heftigem Nostalgiebedürfnis und der Fähigkeit ausgestattet, die Vergangenheit hemmungslos zu verklären,  kann auch KNIGHT RIDER zum großen Spaß reifen.

Wie dem auch sei. Der Pilotfilm hat mich jedenfalls sehr positiv überrascht und meine Hoffnungen und Erwartungen vollkommen erfüllt. Im Vergleich zu THE FALL GUY, die doch sehr kinderfreundlich und redneckig daherkommt mit ihrem ganzen Country- und Folk-Appeal, ist der Pilot von KNIGHT RIDER nämlich recht düster und – eines meiner derzeitigen englischen Lieblingswörter – bleak geraten. Im Grunde reflektiert die bekannte Credit-Sequenz der Serie, in der der schwarze TransAm zu eisig-steriler Synthiemusik vor einer blassvioletten Dämmerung, die an Endzeitfilme und Tschernobyl denken lässt, durch die Wüste rast, die Stimmung des Pilotfilms perfekt – mehr jedenfalls als die dann doch etwas braveren Episoden selbst. Der FBI-Agent Michael Long wird während eines Einsatzes, bei dem schon sein Partner sein Leben lassen musste, verraten, ihm wird ins Gesicht geschossen und man lässt ihn in der Wüste zum Sterben zurück. Doch der sterbende Milliardär Wilton Knight (Richard Baseheart) nimmt sich seiner (und seines Autos) an, verpasst Long ein neues, nach Knights jugendlichem Selbst modelliertes Gesicht und unterzieht seinen Wagen einer Generalüberholung. Als Long aufwacht, ist nichts mehr, wie es vorher war. Vom Durst nach Rache getrieben nutzt er die neue Identität als „Michael Knight“ und die Vorzüge seines Wunderautos K.I.T.T., um seine „Mörder“ aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen.

Auch dieser Pilot krankt natürlich an seinem Zuschnitt aufs Fernsehen und der daraus folgenden Episodenhaftigkeit, dennoch macht er einen weniger zerfahrenen Eindruck als der Pilot zu THE FALL GUY. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass es hier tatsächlich eine zu erzählende Backstory gibt, die KNIGHT OF THE PHOENIX in die Nähe der Origin-Stories aktueller Comicverfilmungen rückt. Und auch wenn die Dramaturgie des 90-minütigen Films ab der Hälfte der Spielzeit mehr und mehr ausfranst und die Harmlosigkeit der kommenden Serie vorwegnimmt, so lastet die Düsternis der ersten 45 Minuten doch noch merklich auf dem Geschehen. Dies liegt nicht zuletzt auch an Hasselhoff, dessen markige Originalstimme ihm mehr Kanten als in der deutschen Synchro verleiht und dann und wann ins Gefährlich-Prollige umschlägt. Gegen Ende, wenn er die Rolle des privatfinanzierten, motorisierten Vigilanten annimmt, die ihm vom Assistenten des mittlerweile verstorbenen Knight, dem britisch-reservierten Devon (Edward Mulhare),  angeboten wird, erhält man einen Eindruck davon, wie unheimlich diese Figur eigentlich ist: Als von Knight Industries finanzierter Ordnungshüter kann Knight all das ausleben, was ihm als einer höheren Ordnung unterworfenem Staatsbeamten verboten war. „I’ve spend years of my life fighting criminals of one type or another who always had the upper hand and now this. That’s a loner’s dream come true.“ Das Erstaunliche an dieser Aussage ist, dass sie kaum einen Hehl aus der ihr zugrundeliegenden Faszination macht – und das ist auch das eigentlich Spannende an der Figur Knights, dass allerdings in der Serie dann den typischen Mechanismen unterworfen und somit nivelliert wird. Trotzdem: Unter der Oberfläche britzelt, flimmert und knistert es so, wie unter der Motorhaube des Superautos.

Los Angeles, 1938: Der mittellose Kunstflieger Cliff Secord (Bill Campbell) träumt gemeinsam mit seinem Mechaniker Peevy (Alan Arkin) von der Teilnahme an den nationalen Meisterschaften. Als ihr Flugzeug eine Bruchlandung macht, scheinen ihre Träume geplatzt und ihre Existenz gefährdet. Doch da fällt den beiden ein merkwürdiger Raketenrucksack in die Hände, der es seinem Träger ermöglicht, in rasender Geschwindigkeit durch die Luft zu fliegen. Der Rucksack, so stellt sich heraus, ist die Erfindung Howard Hughes‘ (Terry O’Quinn), der damit wiederum das Interesse der Nazis geweckt hat, die seit Jahren erfolglos versuchen, einen solchen Rucksack zu entwickeln. Und deren Schergen setzen nun alles daran, die Erfindung in ihre Hände zu bekommen, was wiederum Cliff und seine Angebetete, die Schauspielerin jenny Blake (Jennifer Connelly) in arge Bedrängnis bringt … 

189839the-rocketeer-posters1THE ROCKETEER ist die Verfilmung einer Graphic Novel, die wiederum auf einem alten Movie-Serial aus den Vierzigerjahren basiert. Die zweite Regiearbeit des Effektspezialisten Joe Johnston (nach HONEY, I SHRUNK THE KIDS) war allerdings ein ziemlicher Flop, was man zum einen der Obskurität der Vorlage, zum anderen dem Fehlen großer Stars zuschreiben mag. Johnstons Regielaufbahn wurde für ein paar Jahre auf die Warteschleife verlegt, heute ist er wieder gut im Geschäft. Und auch THE ROCKETEER darf fast zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen rehabilitiert werden. Zwar mag ihm der ganz große Glamour abgehen, dafür merkt man ihm in jeder Sekunde an, wie viel die alberne Geschichte um den Mann mit dem Raketenrucksack ihrem Macher bedeutete. Johnston gelingt mit seinem Film genau das, was Spielberg in seinem diesjährigen INDIANA JONES-Aufguss vollkommen in den Sand gesetzt hat: Er erschafft eine Welt, die sich zu unserer verhält wie deren pulpiges Spiegelbild und so zur mythischen Überhöhung und Legendenbildung beiträgt. Hier wie dort sind die Nazis die Bösewichter, ihr hanebücherner Plan, mittels berucksackter Soldaten die Welt zu erobern – der in einem an die filmische Vorlage erinnernden Wochenschau-Film illustriert wird – stellt in der Welt des Films sogar eine echte, unhinterfragte Bedrohung dar. Flugzeug- und Filmfanatiker Howard Hughes, ein echter Amerikaner und Widerstandskämpfer, ist wiederum natürlich der geniale Urheber des Rucksacks. Timothy Dalton brilliert als eitler Schauspieler und Nazispion Neville Sinclair in einer Rolle, die das Gerücht, das einst um Errol Flynn kursierte, aufgreift, und der riesenhafte Nazikiller Lothar wiederum ist mit seinem grotesken Gesicht an den entstellten Schauspieler Rondo Hatton angelehnt, der in zahleichen billigen B-Filmen der Dreißiger- und Viertzigerjahre das Monster geben musste. Johnston webt ein dichtes Netz an Bezügen, treibt ein munteres Spiel mit seinen Vielfachkodierungen, ohne damit jedoch seinen Stoff zu verraten und sich auf eine sichere Ebene der Ironie zu flüchten. Die Wirkung, die er erzielt, ist einer solchen Absicherung geradezu entgegengesetzt: Er verleiht dem naiv-albernen Superheldenmärchen Würde, verdeutlicht, was es mit unserem Bedürfnis nach Helden und Legenden überhaupt auf sich hat, wie sich Geschichte und Erinnerung in diese einschreiben. Wer die doch unerwartete Tiefe dieses Films ausloten möchte, dem sei ein Double Feature aus THE ROCKETEER und Scorseses THE AVIATOR ans Herz gelegt. Ich könnte mir vorstellen, dass da noch ganz andere Fassetten ans Licht kommen. Fürs Erste reicht es aber, sich die Trivia-Seite auf IMDb anzusehen (der ich einige Anregungen und Fakten verdanke).

the fall guy: season 1, teil 3

Veröffentlicht: November 25, 2008 in Film
Schlagwörter:, ,

Ladies on the Ropes
(Regie: Daniel Haller)

Eddie (Val Bisoglio), ein Frauencatch-Trainer, steht auf der Liste von Colt und Howie. Weil seine beiden Schützlinge aber kurz vor einem Meisterschaftskampf stehen, erbittet er Aufschub, den ihm die beiden Helden allzu bereitwillig gewähren. Bald schon ist Eddie nämlich verschwunden: Er hat sie an der Nase herumgeführt … Spaßige Episode, in der Howie einen Auftritt als Catcher hat und gegen André the Giant antreten muss, der mit Lockenmähne noch beeindruckender als ohnehin schon aussieht.  Einen weiteren kurzen Auftritt absolviert Rockys Trainer Tony Burton als Boxchampion Algebra Jones. Das Frauencatchen higegen ist ein bisschen albern und man hat überdies die Chance versäumt, Jody im knappen Ringerdress auftreten zu lassen.

The Snow Job
(Regie: Winrich Kolbe)

Im verschneiten Aspen begegnet Colt einer alten Liebe wieder, die auf der Flucht vor ihrem Ex-Lover, einem bedeutenden Politiker ist, den sie aus Eifersucht angeschossen hat. Im Folgenden gibt es viele nicht ganz überzeugend realisierte Ski-Szenen, die wohl ein bisschen die Nähe zum in derselben Zeit entsandenen Bond-Film FOR YOUR EYES ONLY suchen. Wenn Colt und Howie beide auf Skiern vor einer gewaltigen Lawine fliehen und vor einem einfachen blauen Hintergrund Make-believe betreiben, kommt trotzdem Stimmung auf.

Guess who’s coming to Town?
(Regie: Gil Bettman)

Eine der Folgen, die im deutschen Fernsehen nicht ausgestrahlt wurden. Über die Gründe ich hier nur spekulieren, ich vermute aber, dass es damit zusammenhängt, dass es etwas makabrer als sonst zugeht. Colt und Howie sollen einen kleinen Scheckbetrüger einfangen und reisen dafür in eine Kleinstadt namens Lucky, deren Bürger allerdings zimelich misstrauisch gegenüber den Fremden sind und jede Hilfe verwehren. Der Grund: In einem streng bewachten Anwesen beherbergen sie einen Bankräuber, der mit seinem ganzen Vermögen über der Stadt abgestürzt ist und mit den Bewohnern einen Handel ausgemacht hat. Sie schützen sein Leben mithilfe modernster Medizin, er finanziert dafür den Aufbau der Stadt. Die tolle Idee macht diese Episode zu einem Höhepunkt der erste Staffel. Fast wünscht man sich, ein Filmregisseur hätte sich des Drehbuchs angenommen.

Child’s Play
(Regie: Paul Stanley)

Eine wieder etwas generische, aber trotzdem gelungene Folge, weil sie dem Format aufgrund ihrer Konstellation – Colt und Howie müssen sich um ein Mädchen kümmern, deren Vater auf der Flucht ist – etwas mehr Herz abverlangt. Sehr unterhaltsam, zumal das Blag (Dana Hill, die man aus dem Griswold-Film EUROPEN VACATION kennt) den Protagonisten ordentlich auf der Nase rumtanzt. Cannon-Schurke James Booth spielt auch hier den Bösewicht.

Charlie
(Regie: Daniel Haller)

Das Szenario – ein Stuntmen-Treffen in Las Vegas – verspricht einen spektakulären Rahmen aus dem dann allerdings viel zu wenig gemacht wird. Eine der schwächsten Episoden der ersten Staffel.

Three for the Road
(Regie: Bruce Bilson)

Sehr schön! Auf der Jagd nach der Komplizin in einem Juwelenraub verschlägt es Colt und Howie nicht nur nach Mexiko, sie müssen sich dort auch wieder mit der Versicherungsdetektivin Kay Faulkner herumschlagen, die hier ihren dritten Auftritt absolviert und für das Maß an Verwicklungen und Turbulenzen sorgt, die eine Episode braucht, um die Anhäufung der obligatorischen Autostunts worthwhile zu machen. Zuerst ging sie mir furchtbar auf den Keks, jetzt bedauere ich es fast ein wenig, dass sie laut IMDb nur noch in einer weiteren Folge mitmacht.  

The Silent Partner
(Regie: Tom Connors)

Eine von insgesamt zu vielen Na-ja-Episoden: nicht schlecht, aber auch ohne jeden bleibenden Wert. So plätschert sie an einem vorbei, ohne zu ärgern, aber auch ohne besonders zu bewegen. Für nen Sonntagnachmittag ist das aber eigentlich gar nicht so schlecht. Höhepunkt ist der Auftritt Tracey Walters als exzentrischer Automechaniker Skip.

Scavenger Hunt
(Regie: Cliff Bole)

Die Suche nach einer verschwundene Dame führt erst in ein Bordell, dann zu einer Urne. Erschwert wird die Recherche durch diverse echte und falsche Geheimdienstoffiziere. Irgendwie kann ich mich kaum noch an die Folge erinnern, aber neben Doug McClure spielt noch Hervé Villechaize mit. Ich meine, mir hat’s gefallen.

live free or die hard (len wiseman, usa 2007)

Veröffentlicht: November 24, 2008 in Film
Schlagwörter:, ,

diehard_posterZweitsichtung. Nach meinem Verständnis des Actionfilms gründet sich die Anziehungskraft des Genres auf den Zuschauer in dem Verzicht des Protagonisten auf übermäßige Kontemplation und seinem kurz entschlossenen, beherzten Sprung in die Aktion: Der Held agiert, während der Zuschauer passiv ist. Von der postmodernen Krise und der mit dieser um sich greifenden Passivität ist aber auch der Actionhelden nicht verschont worden: Auch Rambo war von der Erkenntnis, dass seine Auftraggeber nur ihre Sache im Sinn hatten und sich einen Dreck um die Moral scherten, nicht gefeit. In seinem bislang letzten Einsatz lässt sich seine Philosophie deshalb auch so paraphrasieren: Geh nach Hause, du kannst den Lauf der Dinge nicht verändern. Die Aktion, die der Actionfilm feiern möchte, ist anrüchig geworden. Wer sich für die eine Sache einsetzt, muss damit rechnen, einer ganz anderen zum Sieg zu verhelfen. Besser also, man bleibt zu Hause. Es ist eh alles egal. Wenn aber die Passivität gewonnen hat, was wird dann aus dem Actionhelden?

Len Wiseman gelingt es mit LIVE FREE OR DIE HARD ausgezeichnet, diese innere Krise des Actionfilms in einer zeitgenössische Ängste thematisierenden Story auf die Inhaltsebene zu heben und so auch eine Rettung des Actionhelden anzudeuten. Beherrschendes Thema des Films ist logischerweise die Ohnmacht: Dem Oberschurken Thomas Gabriel ist es mithilfe unzähliger kleiner Hacker gelungen, einen „Fire Sale“ durchzuführen und die Vereinigten Staaten ins absolute Chaos zu stürzen: Sämtliche computergesteuerten Systeme befinden sich in seiner Gewalt, der Staat ist ihm hilflos ausgeliefert. Der Einzige, der sich anschickt, seinen Plan zu durchkreuzen, ist John McClane, der wieder einmal „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ist und wider Willen in Aktion treten muss. Doch halt: Allzu widerwillig ist John McClane in dieser dritten Fortsetzung von McTiernans Endachtziger-Actionklassiker DIE HARD gar nicht. Relativ schnell ergreift er die Initiative und es scheint so, als habe er die Action in all den Jahren der Abwesenheit vermisst (die lange Pause zwischen DIE HARD WITH A VENGEANCE und LIVE FREE OR DIE HARD wird auch in der Diegese verortet). So wird ein Zug an ihm stärker betont, der schon in den Vorgängern implizit war: McClane ist ein Verrückter, der es insgeheim liebt, sich in Lebensgefahr zu begeben, Autos zu Schrott zu fahren, bad guys umzunieten und Dinge in die Luft zu jagen. Dem asketischen Professionalismus eines John Rambo, Scott McCoy (DELTA FORCE) oder John Matrix (COMMANDO) setzt er unbändige Kreativität, ein Übermaß an Lebensmüdigkeit und kindliche Zerstörungswut entgegen und spiegelt so all die unerfüllten Wünsche und Bedürfnisse seines Publikums wider: Nachdem er sich wieder einmal auf originelle Art und Weise eines Schurken entledigt hat und sein Sidekick, der Computerhacker Matt Farrell (Justin Long), ihn ent- und begeistert fragt, ob er das gesehen habe, antwortet McClane nur euphorisiert: „Yeah I saw it, I did it!“ und bringt die Dichotmie von Zuschauer und Actionheld auf den Punkt. Immer wieder entfährt ihm ein freudig-erregtes Glucksen, wenn er sich um Haaresbreite aus einer tödlichen Situation befreit, ein Laut der ungläubigen Freude, wenn er sich in einem übermenschlichen Kraft- und Willensakt eines Feindes entledigt hat. Seine Tollkühnheit erreicht zum Showdown ihren Höhepunkt, als er sich selbst erschießt, um damit seinen Gegner zu besiegen, der hinter ihm steht. McClanes Körperlichkeit geht über den eigenen Körper hinaus.

Und sie wird besonders betont, weil sein Widerpart ein reiner Kopfmensch ist. Gabriel befindet sich während des ganzen Films in seiner Kommandozentrale, in der er die zu erledigenden Aufgaben delegiert, die korrekte Ausführung seiner Aufträge nur überwacht. Er macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, ist Vertreter einer Welt, in der man sich nicht mehr physisch betätigen muss, um etwas zu leisten. Gabriel ist ein Schreibtischtäter, ein Programmierer, der sich kaum von den Computer-Geeks Matt Farrell oder dem „Warlock“, der zwar einen legendären Ruf in der Hackergemeinde genießt, aber noch mit Ende 30 bei seiner Mama lebt, unterscheidet und dessen Errungenschaften eher virtueller Natur sind. Sein Akt des Terrors ist dann auch nicht die Sprengung eines Gebäudes oder der Überfall auf eine Bank: „Everything I’ve broken can be fixed.“ Letztlich ist es der Kollateralschaden, den er verursacht, mit dem der den Zorn McClanes auf sich zieht. Doch dieser ist noch unvermeidlich: Thomas Gabriel braucht die Killer, die die Drecksarbeit für ihn machen, auch er kann sich nicht vollständig auf eine virtuelle Ebene zurückziehen: Und so ist auch ein Held alter Schule wie John McClane noch nicht überkommen. Gabriel muss letztlich mit seinem Körper für die Verbrechen bezahlen, die sein Hirn erdacht hat. Und McClane bringt ihm die Rechnung.

Rob Greene (Rick Washburn), ein CIA-Mann kurz vor dem Ausstieg, erfährt von einer Terroreinheit innerhalb seiner „Firma“, die von dem sinistren Connelly geleitet wird. Sein Vorgesetzter Andrews rät ihm, die Information geheimzuhalten und sich zu verstecken, doch natürlich sind ihm Connellys Vollstrecker längst auf den Fersen und wollen sich an Robs Sohn Danny (Keith Bogart) vergreifen. Dieser kann jedoch fliehen und Kontakt mit Dog Thompson und Bone Conn aufnehmen, zwei alten Armykumpels seines Vaters. Im Verbund mit diesem kommt es schließlich zum großen Showdown in einer alten Fabrik, bei dem die Schurken ihren letzten Trumpf aus dem Ärmel ziehen: Dannys Freundin Lisa (Sandra Bullock) …

Als HANGMEN in den späten Achtziger-/frühen Neunzigerjahren mal in einer radikal gekürzten Fassung auf RTL lief, überschlug sich die damals noch in den Kinderschuhen steckende TV Spielfilm förmlich vor Lob. Meine jugendliche Sichtung des Films war dann an den geschürten Erwartungen gemessen ein wenig ernüchternd: Irgendwie war dieser Film so ganz anders als die Actionfilme der Cannon oder die Filme, die ich etwa von Stallone kannte. Aber erklären, was HANGMEN so anders machte, konnte ich natürlich nicht. Ich spürte nur: Irgendwas war komisch an diesem Film, der so kalt und abweisend wirkte, ja geradezu körperliches Unwohlsein verursachte.

Schnitt, ca. 20 Jahre später. So ganz vergessen habe ich HANGMEN nie. Zu sehr war mir die Diskrepanz zwischen meinen Erwartungen und dem Seherlebnis im Gedächtnis geblieben, zu merkwürdig war dieser Film, als das ich ihn so einfach aus dem Gedächtnis hätte löschen können, zu groß war das Bedürfnis, ihn mit anderem Background und einem größeren Filmwissen noch einmal zu sehen. Ausgerechnet im sonnigen Teneriffa fiel mir dann die ramschige spanische Billig-DVD für einen entsprechenden Minibetrag in die Hände, kurioserweise genauso mit Sandra Bullock auf dem Cover wie die US-DVD, obwohl ihre Rolle a) eher marginal ist und b) HANGMEN wohl jeden Bullock-Fan, der sich die DVD in der Hoffnung kauft, eine vergessene Perle seines Lieblings zu bergen, die Wände hochtreiben dürfte. Ich hingegen wusste ja in etwa, worauf ich mich mit dem Kauf einließ und so kann ich heute eine Frage beantworten, die mich fast zwei Drittel meines Lebens beschäftigt hat. Ja, HANGMEN ist tatsächlich ein unglaublich trostloser, deprimierender und seltsam befremdlicher Film, der in seiner Gestaltung teilweise fast avantgardistisch anmutet und stilistisch eher dem Horror- als dem Actionfilm verpflichtet ist.

630519943401_sclzzzzzzz_1Regisseur Ingvordsen (der auch die Rolle des Bone Conn übernimmt) arbeitet mit krassen Nahaufnahmen, filmt seine Akteure in Halbtotalen fast ausschließlich aus der Untersicht und bevorzugt verkeilte Blickwinkel.  Für den Zuschauer resultiert diese visuelle Gestaltung in einer Verunsicherung, die mit zunehmender Spieldauer immer unangenehmer wird und mit dem Geschehen auf der Inhaltsebene korrespondiert, auf der Zivilbürger als ahnungslose Labortiere gezeichnet werden, die von geheimen Staatsapparaten ohne zu Zögern umgemäht werden, wenn es die Situation erfordert. Hierin ist HANGMEN dann wieder beinahe typisch: Der Staat ist, wie in anderen Filmen seiner Zeit, verrottet, er begreift sich nicht mehr als Instrument seiner Bürger, sondern als Mittel der Mächtigen, sie zu knechten. Die Brachialität, mit der Ingvordsen diese Ansicht in HANGMEN vertritt, lässt einen aber schon nicht mehr nur frösteln. In der Szene, in der Connellys Schergen Dannys Mutter überfallen und sie und ihren Geliebten eiskalt hinrichten, fühlt man sich nicht wenig an die Slasherfilme der Achtzigerjahre erinnert, nur dass diese meist leichtfüßiger waren, weil sie nicht in der Realität verortet waren. HANGMEN geht jede Ironie vollkommen ab, es gibt keine Brüche in seiner Vision einer Welt, in der jeder entweder Opfer oder Henker ist. Es ist die Hölle auf Erden: Wenn Ingvordsen sich dem Treiben Connellys zuwendet – den man bis zum Schluss ausschließlich in Ultra-Nahaufnahmen zu Gesicht bekommen hat – doppelt er dessen Stimme, pitcht aber eine Spur extrem nach unten, sodass er wie ein vom Teufel besessener Roboter klingt. Ähnlich maschinelle Züge trägt auch der Score, der Assoziationen zu den Klangwelten von Tangerine Dream oder Simon Boswell weckt und kaum etwas mit den sonst üblichen, militärisch-hymnisch klingenden Actionfilm-Scores gemeinsam hat. Auf der Erzählebene setzt sich der so entstandene kalte und lebensfeindliche Eindruck nahtlos fort: Die Charaktere bleiben leere Hüllen, flüchtige Erscheinungen in einer Welt des Verrats und der Lüge. Die Exposition wird pflichtbewusst abgehakt, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen, die Versuche der Figuren, gegen ihre Leere anzukämpfen, bleiben erfolglos, letztlich fügt sich jeder in seine Rolle, auch wenn sie ihn das Leben kostet. Bei so viel Illusionslosigkeit und Gefühlskälte ist es kaum ein Wunder, dass HANGMEN kein besonders involvierendes Erlebnis ist, über seine Dauer von 90 Minuten ermüdend wirkt. Es liegt zudem der Verdacht nah, dass seine Wirkung weniger „geplant“ war, sondern auf das erzählerische Unvermögen seines Regisseurs zurückgeht, dem gar nicht so klar war, was für ein Gefrierfach von einem Film er da im Begriff war, zusammenzubasteln. Aber noch ein anderer Schluss ist möglich: Ingvordsen ist ein Genie, weil er wusste, dass er den ganzen Multimillionen-Dollar-Spektakeln seiner Zeit mit seinen Mitteln nicht entgegenzusetzen hatte und deshalb andere Wege beschreiten musste. Letzten Endes ist die Frage nach der Intention aber (wie immer) nicht von Interesse: HANGMEN ist formal einer der radikalsten und ungewöhnlichsten Actionfilme, die ich kenne, und eine Herausforderung, der man sich als am Genre Interessierter stellen sollte. Trister, eisiger, fieser und bleicher geht’s nicht mehr.

PS: In einer Nebenrolle ist der Italo-Veteran Johnny Loffredo zu sehen, hier gecredited als „Joshua Sinclair“.

the_seven-ups_19731Buddy (Roy Scheider) ist ein New Yorker Polizist und gehört zu einer kleinen, inoffiziell existierenden Sondereinheit, die als „Seven-ups“ bezeichnet wird, weil es ihr dank unorthodoxer Ermittlungsmethoden meist gelingt, ihre Opfer – Angehörige des organisierten Verbrechens – nicht bloß wegen kleiner Delikte festzunehmen, sondern auf frischer Tat zu ertappen und so Haftstrafen von mehr als sieben Jahren zu erwirken. Seine Informationen erhält Buddy von Vito (Tony Lo Bianco), selbst ein kleiner Fisch in der Mafia und ein alter Jugendfreund. Doch Vito hat ein Geheimnis, von dem er Buddy nichts erzählt: Zusammen mit zwei Partnern entführt er die führenden Köpfe der „Familie“, um sich mit dem Lösegeld die eigenen Taschen vollzumachen. Als ein Mitglied der Seven-ups durch eine Verkettung von Missgeschicken während der Ermittlungen gegen den Mob von diesen Entführern erschossen wird, verschärfen Buddy und seine Partner die Methoden …

Obwohl der Polizeifilm zusammen mit Gangster-, Western- und Kriegsfilm seit den Stummfilmtagen eine feste Größe des US-Kinos ist, wird das Genre vor allem mit den Klassikern der Sechziger- und Siebzigerjahre assoziiert: BULLITT, MADIGAN, THE FRENCH CONNECTION, SERPICO, DIRTY HARRY, um nur einige zu nennen, haben Klassikerstatus inne und die Filmgeschichte auch über die Grenzen ihres Genres hinaus geprägt. THE SEVEN-UPS fristet angesichts dieser Konkurrenz eher ein Schattendasein, obwohl er mit zwei der oben genannten Filme mehr gemein hat als man zunächst annehmen mag. Regisseur Philip D’Antoni ist zumindest als Regisseur zwar ein eher unbeschriebenes Blatt – THE SEVEN-UPS ist seine einzige Regiearbeit –, dafür aber als Produzent mitverantwortlich für eben BULLITT und THE FRENCH CONNECTION. Deren großen stilistischen wie inhaltlichen Errungenschaften marginalisierend werden sie, wann immer über sie gesprochen wird, gern auf ihre zentral platzierten Verfolgungsjagden reduziert – und eine solche spektakuläre Verfolgungsjagd ist dann auch das Kernstück von THE SEVEN-UPS. D’Antonis Film mangelt es für den ganz großen Wurf etwas an erzählerischem Zug und einer gewissen Tiefe: Seine Handlung entwickelt er langsam, fast ein wenig nachlässig, den genannten Meisterwerken des Genres hat er nur wenig hinzuzufügen. Es gelingt ihm aber dennoch zu fesseln, weil er zum einen eine sehr dichte Atmosphäre städtischer Tristesse schafft und er bei seiner Gratwanderung zwischen dokumentarischer Distanz und fesselndem Thrill trittsicher den Spuren des großen Vorbilds Friedkin und dessen FRENCH CONNECTION folgt – freilich, wie schon erwähnt, ohne dessen inhaltliche Gravität duplizieren zu können. So ist THE SEVEN-UPS dann auch „nur“ ein guter Actionfilm, der sich eines bestimmten, damals angesagten und heute bis auf wenige Ausnahmen leider vergessenen Stils bedient.

Einige wirklich starke Szenen ragen aus dem sehr homogen wirkenden Film heraus: etwa der nächtliche Überfall, den Buddy und seine Kumpane auf ein friedlich schlafendes Mafiaehepaar verüben und mit dem D’Antoni absolut deutlich macht, dass hier eine Grenze deutlich überschritten wird, ohne dass es dafür drastischer Gewaltanwendungen bedarf; die schon erwähnte Verfolgungsjagd natürlich, die ohne jeglichen Musikeinsatz auskommt und dadurch eine immense Unmittelbarkeit erhält; der Showdown in einer schlammigen Brachlandschaft irgendwo im Nirgendwo am Rande der Metropole New York. Kurzum: THE SEVEN-UPS ist ein starker, zu Unrecht vernachlässigter Polizeifilm, wie er nur in einem relativ kurzen Zeitraum entstehen konnte. Als solcher – und als New-York-Film – ist er essenziell.