face/off (john woo, usa 1997)

Veröffentlicht: Juni 24, 2017 in Film

1997, Fantasy Filmfest, Sneak Preview, damals noch fester Bestandteil des Programms. Ein Film wird angekündigt, der ganz sicher genau das Richtige für das anwesende Publikum sein wird, wahrscheinlich das Beste, was man in diesem Rahmen derzeit zeigen kann. Ich hoffe auf STARSHIP TROOPERS, der dann noch eine Weile brauchen wird, bis er alles plattwalzt, stattdessen kommt der Neue von Woo, FACE/OFF. Natürlich eine ziemlich geile Sache, vor allem, wenn man gar nicht darauf spekuliert hat, aber ich bin schon ein bisschen Woo-müde zu jener Zeit und mein Cinephilen-Snobismus schlägt durch: Woos US-Filme können mit seinen Hongkong-Meisterleistungen nicht mithalten (obwohl ich damals sogar BROKEN ARROW mochte), das Overacting von Cage und Travolta nervt mich. Klar, FACE/OFF tritt schon Arsch, aber die ganz große Begeisterung will sich bei mir nicht einstellen. Auch in den Jahren darauf ändert sich das nicht und vor einer Reevaluation habe ich mich jetzt jahrelang gedrückt, mit der Befürchtung, dass Woos wahrscheinlich beliebtester US-Film ganz, ganz schlecht gealtert sein könnte. (In der Tat eine Sorge, die ich generell mit Woo verbinde.) Aber manchmal geht es auch anders und vieles, was mich früher an FACE/OFF gestört hat, finde ich heute gerade ganz besonders gelungen.

Gestern, unmittelbar nach dem Film habe ich mich zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass FACE/OFF für John Woo das ist, was NON C’È DUE SENZA QUATTRO für das Duo Spencer/Hill ist: Woo verhandelt hier viele der Themen, die in seinen Hongkong-Filmen eine wichtige Rolle spielten, auf einer höheren Ebene. FACE/OFF kann man daher sehr sinnig als Resümee und Metafilm, als Meditation über seine Spiegel-Obsession sehen. In Filmen wie DIE XUE SHUANG XIONG oder LASHOU SHENTAN hatte er immer zwei seelenverwandte Protagonisten gehabt, die aber auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes standen. In FACE/OFF treibt er das auf die Spitze, indem er diese beiden Figuren tatsächlich in den jeweils anderen schlüpfen, den guten Cop also die Rolle des Schurken und den Schurken die Rolle des Cops einnehmen lässt. Mehr noch: Die beiden tauschen nicht nur die Rollen, sondern den gesamten Körper inklusive des Gesichts. Das führt im Verlaufe des Films zu gleich mehreren Spiegelmomenten, in denen sich die beiden – der Agent Sean Archer (John Travolta) auf der einen, der Terrorist Castor Troy (Nicolas Cage) auf der anderen – im Spiegel betrachten und gleichzeitig sich selbst, aber paradoxerweise auch ihren Feind sehen. Was also in den genannten Filmen stets nur implizit vermittelt wurde, das wird in FACE/OFF materiell.

Von daher ist es auch kein Wunder, dass sich FACE/OFF künstlicher anfühlt als etwa DIE XUE SHUANG XIONG: Während er auf der einen Seite bis zum Bersten mit Spektakel und absurden Elementen angefüllt ist (der Gesichtertausch, der Hochsicherheitsknast auf hoher See, der Frauentausch, die Trauerüberwindung), ist er auf der anderen Seite auffallend aufgeräumt, analytischer und distanzierter, die Emotionen sind so weit überhöht selbst noch gegenüber den ultrasentimentalen Hongkong-Filmen, dass man es kaum nachvollziehen kann. Das wird gerade durch die beiden Hauptdarsteller befördert und unterstrichen, deren Spiel sich in schwindelerregende Höhen emporschraubt und die Künstlichkeit des Ganzen betont. Andererseits: Würde man nicht auch mit Augenrollen und verzerrtem Grinsen darauf reagieren, wenn man plötzlich im Körper seines erklärten Todfeindes und des Mörders seines Sohnes steckte? Das ist eben auch das Tolle an FACE/OFF, dass er dem berüchtigten Megaacting von Cage etwas entgegenstellt, in dem es wirklich als sinnvolle Ausdrucksform erscheint. Und Travolta wirkt seinerseits, als sei er wirklich von Cage/Castor besessen, nicht bloß ein Schauspieler, der Regieanweisungen befolgt. So wird FACE/OFF nicht nur zum Woo-Metafilm, in den letzten 20 Jahren ist er auch zu einer Art Cage/Travolta-Metafilm geworden. Und schaut man sich die nicht gerade glückliche Laufbahn der beiden an, erhält die Szene, in der sie durch einen doppelseitigen Spiegel voneinander getrennt sind und auf ihr Spiegelbild schießen, um den Gegner auf der anderen Seite (der jeweils das Gesicht des anderen trägt) – ich bekomme Hirnkrämpfe, wenn ich darüber nachdenke, so großartig ist das -, eine interessante Zusatzbedeutung.

Und dann ist da noch die Action. Auch hier befindet sich Woo in einem Stadium der frechen Selbstkopie, kreiert er berühmte Szenen aus seiner Hongkong-Zeit nach und setzt ihnen noch einen drauf, sodass das, was einst zwar auch schon stilisierter, aber noch roher, authentischer Ausdruck eines tiefen Gefühls war, zu einer quasimathematischen Fingerübung wird. Alles ist noch größer, noch wilder, aber dadurch eben auch spielerischer, vermittelter als noch einige Jahre zuvor. Die Tauben, die herumflattern, sind nicht mehr Zeichen einer bestehenden Chance auf Erlösung, sondern Zeichen dafür, dass wir uns in einem Woo-Film befinden, in dem es auch um die Chance auf Erlösung geht. Der Film verweist in erster Linie auf sich selbst und auf seinen Macher.

FACE/OFF hat mich positiv überrascht: Für einen Cage-Fan ist er ein gefundenes Fressen, dass den Verrückten auf dem Gipfel seines Megaactings zeigt. Er und Travolta sind tatsächlich ein mehr als adäquater Ersatz für die Hongkong-Stars, die zwar zurückgenommener agieren, aber ebenfalls ihr Herz am Revers tragen, und versöhnen damit, dass dieser Film aufgrund seiner Absurdität einfach nicht so geradewegs ins Ziel trifft, manche Idee schlicht bescheuert ist, Travoltas Signature-Move, mit der Hand über das Gesicht seiner Liebsten zu streichen, einfach nur eine grausame Angewohnheit und keinesfalls das Zeichen großer Zärtlichkeit, das es wohl sein soll. Ja, FACE/OFF ist auch ganz, ganz großer Kitsch, ohne Netz und doppelten Boden. Wunderbar.

 

 

 

 

 

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Wunderschöne Rückbesinnung! Ich weiß noch wie ich anno 1997 als 16 Jahre alter Steppke (der sich aber bereits im Alter zwischen 13 und 14 bereits mit Woo´s Killer und dessen Kugel im Kopf, dank der sündhaft teuren UK-VHS-Import-Tapes – mit dem schnieken rund-roten 18er Logo – vertraut machen konnte) aus dem Kino gewankt bin und selbst Wochen danach, wie eine Art Apostel von der „Rückbesinnung“ des Chinesen zu seinen bluttriefenden Männerfreundschaften schwadronierte (zumindest deren bestmöglichster Inszenierung im Rahmen seiner fortschreitenden Amerikanisierung). Obwohl ich die Härte der harten Ziele und den Krawall des gebrochenen Pfeiles damals durchaus zu schätzen wusste vermisste ich doch den zeitlupenden Kitsch der „goldenen Ernte“ Zeit. Auf die Gewissheit das der Zeremonienmeister des Baller-Baller-Balletts die Kurve gekratzt und wieder die Höchstform erreichen würde hätte ich die 50 Mark Taschengeld zukünftiger Monate verwettet. Das sich Herr Woo in unmöglicher Mission befand stellte ich dann 3 Jahre später fest. Tausche niemals eine 9mm Travolta gegen eine Cruise Missile!
    Wenigstens die Tauben durften noch in Zeitlupe flattern.

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