Mit ‘Wolfgang Becker’ getaggte Beiträge

Episode 171: Wie kriegen wir Bodetzki? (Horst Tappert, 1988)

Ein Mann namens Loss wird mittels einer heimtückischen Zyankali-Injektion getötet. Die vermeintlichen Mörder nehmen wenig später Kontakt zum Vater des Toten auf, einem in einem Altersheim lebenden Greis (Paul Hoffmann), um sich mit ihm zu treffen, doch der alte Mann erliegt vorher einem Herzanfall. Derrick rekrutiert daraufhin den aus dem Dienst geschiedenen Ex-Kollegen und Trinker Jonas Velden (Hans Putz) als Ersatz: Der bekommt es mit einer Gruppe von Naturwissenschaftlern – Tubeck (Volker Lechtenbrink), Korte (Hans Georg Panczak) und Brandeck (Helmut Staus) – zu tun, die beteuern, dass ein gewisser Bodetzki (Gert Haucke) Loss auf dem Gewissen habe. Es handele sich bei diesem um einen ostdeutschen Agenten, der dafür verantwortlich sei, dass Tubecks Vater wegen Fluchthilfe in einem ostdeutschen Gefängnis inhaftiert ist …

Der Versuch einer Inhaltsangabe macht schon deutlich, dass es sich bei Tapperts vierter Regiearbeit zumindest storytechnisch nicht um eine konventionelle DERRICK-Folge handelt. Reinecker bewegt sich mit seinem Drehbuch mal wieder auf das Terrain des Agententhrillers, das ihn zwar nicht allzu oft, aber in den vergangenen 14 Jahren dann doch einige Male lockte. So richtig kommen seine Talente vor dem Hintergrund politischer Verwirrung nicht zum Tragen: Wenn es um Konflikte auf solch abstrakter Ebene geht, sind Fragen nach individueller Moral und Verantwortung irgendwie deplatziert. Oder besser: Sie werden von anderen überlagert, von denen er sich nicht freimachen konnte. Wie dem auch sei: Die Folge kommt nicht richtig in die Gänge und ist mit dem Tod des Vaters und dem daraufhin engagierten Ersatz äußerst umständlich konstruiert, vor allem, wenn man dann sieht, dass Velden im letzten Drittel, nachdem er seine Schuldigkeit getan hat, völlig aus der Geschichte verschwindet. Diese gespreizte Konstruktion ist auch deshalb ärgerlich, weil mit Haucke – 13 Jahre nach seinem unvergesslichen Auftritt in Brynychs Hammerfolge „Alarm auf Revier 12“ – ein erstklassiger Schurke am Start ist, der mit seinem Zyankali-Injektionsring inszeniert wird wie einer der henchmen, mit denen es James Bond auf dem Weg zum Oberbschurken immer zu tun bekommt. Man hätte gern mehr von ihm gesehen, aber so hat er kaum etwas zu tun. Stattdessen wieder einmal Volker Lechtenbrink, dessen goldblonder Dreidollarhaarschnitt mich noch aus jeder Episode, in der auftauchte, rausschmeißt. Schade auch, dass die Ost-West-Thematik für kaum mehr als einen Aufhänger genutzt wird. Generell muss man sich darüber wundern, dass die Teilung nie thematisiert, im Gegenteil fast peinlich beschämt totgeschwiegen wurde. Ob es ein Zufall ist, dass Reinecker nur ein Jahr vor dem Mauerfall plötzlich auf die Idee kommt, eine Geschichte mit Fluchthilfe und Stasi-Agenten aufzutischen oder ob er die Zeichen der Zeit gewittert hatte, kann ich natürlich nicht beurteilen. Es ist in jedem Fall eine auffällige Koinzidenz.

Abseits solcher Meta-Überlegungen zeigt „Wie kriegen wir Bodetzki?“ einige putzige Marotten, über die man sich aber wahrscheinlich nur freuen kann, wenn man die Serie von vorn bis hinten durchguckt und den Blick daher zwangsläufig auf Minidetails lenkt, wenn es denn sonst nicht viel zu bestaunen gibt: Zum einen fällt die Rückkehr zum Alkoholismus der Bier- und Cognac-getränkten Siebziger auf, die die Serie nach Jahren der ostentativ zur Schau getragenen Abstinenz durchmacht. Plötzlich wird wieder zu jeder Gelegenheit „Wiski“ angeboten und verköstigt, wahrscheinlich, weil mit der bloßen Nennung des Gesöffs der Anschluss an die großen Hardboiled-Vorbilder aus Übersee geknüpft wird. Ein guter Korn? Fehlanzeige, es muss „Wiski“ sein, dessen Name einerseits intoniert wird, als handle es sich dabei um einen wahren Wundertrank, der seinen Konsumenten Schönheit und Intelligenz verleiht, der aber andererseits immer in Reichweite ist und auch von solchen Leuten getrunken wird, die mit genannten Eigenschaften gerade nicht im Übermaß ausgestattet sind. Dann prahlt Derrick am Anfang einmal völlig aus dem Zusammenhang gerissen von einem Kriminalmuseum, das er mal besucht habe, in Rom oder Paris, er wisse es nicht mehr, es sei aber auch egal. Nun, nicht egal genug, um nicht eine Dialogzeile darauf zu verschwenden. Und Derricks fixe Idee, der Mord könne mit einem speziellen Siegelring verübt worden sein, erweist sich natürlich als Faktum: Er weiß sogar genau, welche Form und Gestalt der Ring haben muss – weil er eben mal einen in einem Kriminalmuseum gesehen habe, in Paris oder Rom, weiß er nicht mehr so genau, ist aber auch egal. Wunderbar auch eine Szene, in der sich Derrick und Harry mit gezückten Pistolen und gut sitzenden getönten Sonnenbrillen in ein Haus schleichen wie eine hüftsteife, maximal uncoole Version von Crockett und Tubbs. Überhaupt hat man bei Harry in dieser Phase immer das Gefühl, er versuche auf Gedeih und Verderb genauso zu werden wie sein Vorgesetzter: Allein es reicht nicht, er sieht immer aus, wie der Trittbrettfahrer, der im Windschatten des großen Vorbilds nun einmal bestenfalls wie der arg bemühte Abklatsch wirkt. Man möchte ihn immer in den Arm nehmen und ihm auf die Schulter klopfen oder ihm über den Schopf streichen. Er wird nie aus dem Schatten seines Vorgesetzten treten. Wäre er am Ende vielleicht doch lieber bei Kommissar Keller geblieben? Ich denke, er fühlte sich ganz wohl bei Stephan Derrick. Und der scheint ja auch ein echt netter Chef zu sein.

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Episode 172: Kisslers Mörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1989)

Rudolf Kissler (Peter Bongartz) betreibt ein exklusives Bordell und Irene Stubach (Evelyn Opela) ist nicht nur seine Geliebte, sondern auch das beste Pferd im Stall. Das passt ihrem Sohn Ralf (Maximilian Held) überhaupt nicht und auch sein Opa (Hans Caninenberg) ist vom Engagement seiner Tochter alles andere als begeistert. Als Kissler erschossen vor seinem Haus aufgefunden wird, muss Derrick nach Verdächtigen nicht lang suchen: Ralf steht ganz oben auf seiner Liste, zumal der mit seiner Clique ja sogar mit Schießübungen auffällig geworden ist …

Ein Knaller, das wird schon in den ersten Sekunden klar, wenn die lustigen Ballereien von Ralfs Clique in einer Kiesgrube mit Prince‘ „Alphabet Street“ unterlegt werden. (Im weiteren Verlauf heizen neben weiteren Tracks vom „Lovesexy“-Album auch die damaligen Ethnopop-Größen Mory Kanté mit „Yeke Yeke“ und Ofra Haza mit „Im nin‘ alu“ ein.) Abseits solcher Oberflächenreize entspinnt sich ein stark ödipal angehauchtes Mutter-Sohn-Drama mit einer verzweifelten Evelyn Opela, der Ava Gardner des deutschen Fernsehkrimis, dem ihr tränennass am divenhaften Busen hängenden Maximilian Held und Hans Caninenberg, dem deutschen Bruder von Paul Kersey, zumindest wenn es nach Herbert Reinecker geht, der dem alten Herren nun schon zum dritten oder vierte Mal selbstjustiziale Tendenzen anhängt. Die Ausflüge in den mit unerträglichem Eighties-Pomp ausgestatteten Edelpuff, in dem Hackfresse Uli Krohm seinen Dienst verrichtet und mit Pommeslocken ausgestattete Damen barbusig der Arbeit nachgehen, fungieren als Stimmungsaufheller in einer Geschichte, die Reinecker mit seiner unnachahmlichen Bedeutungsschwere ausstattet. Wie in „Die Nacht in der Ronda starb“ besteht Ralfs Clique wieder einmal aus hintersinnig grübelnden Umstürzlern, die die Welt am liebsten von allem Unrat befreien würden und dabei eine unangenehme Intensität entwickeln. Zwischen dem militaristischen Intellektuello von Christoph Mainusch und dem jugendlichen Wutbürger von Robinson Reichel ist auch noch Platz für Janna Marangosoff, die mit süßem Schmollmund um die Gunst des schönen Ralf buhlt. Ich sage nichts Neues: Der Kriminalfall ist so lala, aber das ganze Drumherum lässt frohlocken. Evelyn Opela!

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Episode 173: Der zweite Mord (Zbynek Brynych, 1989)

Aus dem Jugendheim entlassen stolpert Ursula Kieler (Esther Hausmann) dem kriminellen Hans Seelmann (Claude-Oliver Rudolph) in die Arme. Der plant am Abend einen großen Deal: Er will ein Kilo Heroin an Hans Landrut (Ulli Kinalzik) und dessen Partner, den drogenabhängigen Rolf Hauser (Frank Hessenland), verkaufen und nimmt Ursula in weiser Voraussicht als Zeugin mit. Es kommt, wie es kommen muss: Der panische Rolf schießt Hans nieder, wie vom Donner gerührt bleibt Ursula zurück. Sie gerät ins Fadenkreuz der Hausers, die ihren Spross um jeden Preis vor dem Gefängnis bewahren wollen. Zu diesem Zweck macht sich Rolfs Bruder Bruno (Philipp Moog) an Ursula ran …

Eine Folge mit dem jungen Claude-Oliver Rudolph kann unmöglich schlecht sein, schon gar nicht, wenn sie von Brynych inszeniert wurde. Zwar muss der „beste Bösewicht der Welt“ (BamS) und Promi-Box-Versager nach dem ersten Akt weichen, aber er nutzt die ihm gegebene Zeit auf seine ihm eigene Art. „Der zweite Mord“ ist nicht wahnsinnig spektakulär, aber zum einen hat sie mit den Hausers mal wieder eine dieser Bürgertums-Familien, deren Entitlement einem die Galle hoch treibt – der graue Patriarch (Stefan Wigger) wird dabei von einer besonders biestigen Gattin (Ursula Dirichs) gestützt. Ein Hauch von“Romeo und Julia“ durchweht die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Ursula und Bruno – sie führt hier allerdings nicht zum Doppel- sondern nur zum Einzelselbstmord. Das treibt Derrick richtiggehend auf die Palme, denn er entwickelt starke väterliche Gefühle für die völlig auf sich allein gestellte Jugendliche – für die die damals gut 30 Jahre alte Darstellerin Esther Hausmann deutlich zu alt war. Reinecker DERRICK und die Jugend: Das ging selten zusammen. Sehr zum Wohle des Zuschauers, der sich über eine weitere seltsame Episode freuen darf.

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Episode 174: Blaue Rose (Zbynek Brynych, 1989)

Auf der Flucht vor der Polizei dringt der Drogendealer Oswald (Sabi Dorr) in die Wohnung der Rentnerin Frau Hässler (Brigitte Mira) ein und erschlägt sie. Sie kann noch ihren Enkel Jürgen (Jochen Horst) verständigen und teilt ihm mit, dass ihr Mörder eine blaue Rose auf das Handgelenk tätowiert hat. Der begibt sich kurzerhand selbst auf Mörderjagd – und lernt in einem Nachtclub die vergnügungssüchtige Rubina (Sissy Höfferer) kennen. Was er nicht weiß: Sie ist die Schwester von Oswald …

Gute, wenn auch nicht herausragende Folge, aus der die geilen Discoszenen mit der aufgebrezelten Höfferer herausstechen. In einer Szene wirft sie eine Mark in einen Arcade-Automaten, um eine Runde des Flugzeug-Shooters „Afterburner“ zu spielen, wofür Derrick nur ein gelangweiltes Augenrollen übrig hat. Dann rastet sie auf der Tanzfläche ihrer Diskothek völlig aus, ein wilder Wirbel aus toupierten Locken, mit Glitzersteinen besetzten, fingerlosen Lederhandschuhen, Stirnband, Minirock und High-Heel-Boots im Trockeneis-Nebel. Derrick guckt nur durch seine getönte Sonnenbrille, wie ein uralter Gott, dem die menschlichen Irrungen und Wirrungen fremd sind.

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Episode 175: Die Stimme des Mörders (Theodor Grädler, 1989)

Ein Bankräuber zwingt zwei Frauen – Mutter (Lotte Ledl) und Tochter (Lena Stolze) – ihn nach vollbrachter Tat im Auto mitzunehmen. Die Mutter erkennt den Täter an der Stimme, was sie ihm auch mitteilt: Er erschießt sie und verwundet die Tochter schwer. Der einzige Hinweis, den Derrick hat: Die Mutter kannte den Täter vermutlich aus einem Gasthaus, in dem sie sich oft aufhielt. Dort stehen neben dem Wirt (Henry van Lyck) auch der Handelsvertreter Erich Kugler (Uwe Friedrichsen), der vorbestrafte Pianist Ruge (Hans Peter Hallwachs) sowie einige Bedienstete (Gert Burkard, Werner Asam, Ernst Hannawald) als Verdächtige zur Verfügung …

Mal wieder ein klassischer Whodunit, der von den herausragenden Darstellern getragen wird. Das Wirtshaus, in dem sich Derrick und Harry zur Ermittlung einfinden, ist ein dumpfbraune Stube deutscher Tristheit, die auch die Beziehung der unfallgeschädigten Tochter erfasst: Als deren Verlobter erfährt, dass seine Zukünftige möglicherweise für den Rest ihres Lebens eine Krücke (!) brauchen wird, nimmt er ob dieser Aussicht sofort Reißaus, Das Drehbuch kann den Verdacht, dass Reinecker diese leichte Gehbehinderung tatsächlich für einen massiven Einschnitt hält, nicht gänzlich entkräften. Ansonsten bezieht die Episode ihren nicht unbeträchtlichen Reiz aus den Akteuren, von denen vor allem Friedrichsen eine echte Schau ist. Er scheint mit seinem Kugler wirklich Spaß gehabt zu haben und auch Hallwachs ist – hier mal in einer sympathischeren Rolle – eine Bank.

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Episode 176: Rachefeldzug (Theodor Grädler, 1989)

Auf Derrick wird geschossen, er entgeht dem Attentat nur knapp. Sein Verdacht fällt auf den Geschäftsmann Renzi (Günther Ungeheuer), der ihm am selben Tag die Todesanzeige seines Sohnes geschickt hatte: Jener hatte sich in seiner Gefängniszelle, in die ihn einst Derrick gebracht hatte, erhängt.

Der Titel „Rachefeldzug“ verspricht Action, eisigen Thrill und brutale Gewalt: Ist es wirklich eine Überraschung, dass Reinecker diese Erwartungshaltung krass unterläuft? DERRICK war nie bekannt für seine Geschwindigkeit, Körperlichkeit und zupackende Härte, aber hier ist das Missverhältnis zwischen dem, was der Titel verspricht und dem, was Grädler dann liefert, schon besonders eklatant. Die Folge ist endlos geschwätzig, der Täter von Anfang an mehr oder weniger bekannt und womit da eigentlich die Spielzeit gefüllt wird, reichlich rätselhaft. Symptomatisch ist eine Szene, in der Derrick und Harry ins Auto steigen und einen panischen Warnruf von Kollege Willi (Willy Schäfer) erhalten: Unter gar keinen Umständen sollen sie den Wagen starten, denn es sei eine Bombe darin. Die beiden steigen aus, die Bombenentschärfer kommen und teilen den beiden nach getaner Arbeit mit, dass der Timer auf eine halbe Stunde gestellt war. Man kann noch nicht einmal sagen, dass diese potenziell spannende Szene an der Umsetzung gescheitert sei: Reinecker hat vielmehr gar nicht versucht, so etwas wie Suspense zu erzeugen. So kaut man sich als Betrachter nicht etwa auf den Nägeln, weil man mit dem Ermittler bangen würde, sondern vielmehr weil dessen Seelenruhe und die „Ich sage nichts“-Stoik des Täters an den Nerven zerrt. Meine Lieblingsszene ist die, in der Derrick seinen Gehilfen Harry dazu auffordert, seine „berühmten“ Spaghetti zu kochen: Mich hat die Intensität, mit der Harrys Künste gelobt werden, an die Kaffee-Szenen aus PULP FICTION oder TWIN PEAKS erinnert. Gleichzeitig wirkt es einfach nur niedlich, wie Derrick den Hiwi abfeiert und dieser dabei einen gefühlten Meter größer wird. Insgesamt habe ich „Rachefeldzug“ als einen Tiefpunkt der Serie empfunden, aber dann ist dieser Verschnarchtheit auch wieder höchst faszinierend. Einem guten Reißer alle Zähne ziehen: Das konnte nur Reinecker so formvollendet.

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Episode 177: Schrei in der Nacht (Günter Gräwert, 1989)

Eine Prostituierte wird tot im Englische Garten aufgefunden. Die Spur des Mörders führt zu einem Mietshaus mit mehreren Verdächtigen: der Vermieterin Dr. Kolbe (Christine Buchegger), die den Tod ihres Mannes betrauert, dem Studenten Hessler (Horst-Günther Marx), der seltsamen Law-and-Order-Fantasien nachhängt, dem Pornohefte lesenden Hausmeister (Klaus Herm), dem Kaufmann Bracht (Jürgen Schmidt), der seine Ehefrau „nicht in Anspruch nimmt“, wie er selbst sagt, und dem hysterischen Krimiautoren Wickrt (Udo Vioff). Weil auch die Freundin (Roswitha Schreiner) der Toten nicht den entscheidenden Hinweis geben kann, schleust Derrick eine Undercover-Agentin (Svenja Pages) dort ein …

Wie schon kurz zuvor „Die Stimme des Mörders“ ein klassischer Whodunit mit schönem Giallo-Einschlag. Die Besetzung ist vielleicht nicht ganz so spektakulär, aber dennoch erlesen: Klaus Herm wurde für dirty old man im Hauskittel gewissermaßen geboren (seine mit Geschmacklosigkeiten und Tittenheften zugepflasterte Kellerwohnung ist ein feuchter Ausstattungstraum), Udo Vioff ist toll als wahnhafter Dichter mit Edgar-Allan-Poe-Porträt an der Wand, dem in der Erregung die Stimme entgleitet, Jürgen Schmidt eh ein unsung hero der deutschen Krimiserie: Wie er beschwipst Svenja Pages (hinreißend!) anschmachtet, sich gerade noch eine Dummheit verkneift, das ist einfach großartig in seiner ganzen bemitleidenswerten Jämmerlichkeit. Die Auflösung kommt dann mit einer für Reinecker eher ungewohnten Annäherung an den Zeitgeist, während die Studentenfigur mit ihren Herrenmenschen-Ambitionen mittlerweile Tradition hat. Die Folge bleibt vor allem im Gedächtnis, weil sie so schön schlüpfrig ist, Tappert reichlich Gelegenheit bietet, mit den Augen zu rollen, und die süße Roswitha Schreiner als Bordsteinschwalbe mit Schaftstiefeln und Minirock aufbietet. Titelsong von Dieter Bohlen.

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Episode 178: Die Kälte des Lebens (Helmuth Ashley, 1989)

Der kleine Zuhälter Rossner (Claude-Oliver Rudolph) wird auf der Herrentoilette eines Nachtclubs ermordet, der zum Revier seines Konkurrenten Badeck (Winfried Glatzeder) gehört, weil er es gewagt hatte, mit seinen beiden Nutten Rosa (Ursela Monn) und Libeta (Tushka Bergen) dort aufzutauchen. Libeta war ganz in der Nähe, hat die Mörder aber nicht gesehen. Gegenüber Derrick behauptet sie etwas anderes: Sie sehnt sich nach der Nähe eines Mannes, der sich wirklich um sie kümmert. Mit ihrer Aussage zieht sie allerdings Gefahr auf sich …

Ashleys Folge reizt das sich früh andeutende Potenzial leider nicht ganz aus, muss aber trotzdem als gelungen bezeichnet werden. Wie häufiger in dieser Zeit, zieht sich ein resignativer, pessimistischer Ton durch die Episode, der sich ja auch schon im Titel niederschlägt. Und wieder einmal baut Derrick eine Beziehung zu einer Zeugin auf, was für rare Momente der Wärme sorgt, die sich aber am Ende als wertlos erweisen. Rudolph ist mal wieder super als größenwahnsinniger Kleinganove mit Rockabilly-Koteletten, Ursela Monn sehr überzeugend als erfahrene, sich keine Ilusionen mehr machende Nutte. Lotte Ledl gibt die barsche Vermieterin, die schon beim Frühstück ihre erste Schachtel Kippen aufraucht und Glatzeder überzeugt als Schwerverbrecher ebenfalls auf ganzer Linie. Dazu gibt’s einen stilechten Frank-Duval-Themesong und fertig ist ein trübes Glanzlicht der späten Achtziger.

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Episode 179: Mozart und der Tod (Zbynek Brynych, 1989)

Die Geigenspielerin Marion Scholz (Heike Faber) und ihr Lehrer Justus Roth (Christoph Eichhorn) werden nach einer Geigenstunde überfallen, die junge Frau vergewaltigt. Mithilfe des Spitzels Eckler (Hermann Lause) werden die drei Täter ausfindig gemacht. Doch aus Angst behaupten die Opfer bei der Gegenüberstellung, niemanden zu erkennen …

Ich mag Brynychs Zeichnung des traurigen Milieu-Pärchens Eckler und seiner Nachbarin, der Prostituierten Wanda (Monika Baumgartner), und die Gegenüberstellung mit den beiden Hochkultur-Kindern, aber insgesamt fehlt etwas zum großen Glück. An Reineckers Moralvorstellungen, die mal wieder schwer zu verteidigen sind, sind nicht Schuld daran: Er spielt die beiden Pärchen hart gegeneinander aus und schlägt sich dabei natürlich auf die Seiten der Unterprivilegierten, auch wenn Marion und Justus ja gar nix dafür können, dass sie auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden – was das Mädchen immerhin auch nicht davor bewahrt, brutal vergewaltigt zu werden. Nein, der Kriminalfall selbst ist ein bisschen öde und die Bösen (Jürgen Schornagel, Volker Bogdan und Hans Zander) kaum mehr als Pappkameraden, allerdings besonders verachtenswerte. Egal, ich mag diese Milieufolgen, in denen Derrick immer besonders angeekelt ist.

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Episode 180: Ein kleiner Gauner (Helmuth Ashley, 1989)

Alfred Kochem (Oliver Rohrbeck) lebt in einem Zelt auf dem Campingplatz und versucht sich eher erfolglos als Taschendieb. Sein Nachbar, der Ex-Einbrecher Düsberg (Kurt Sowinetz), setzt ihm einen Frosch ins Ohr und schlägt ihm vor, in eine der im Sommer leerstehenden Villen einzusteigen. Gesagt, getan, doch vor Ort wird Kochem von drei Männern überrascht, die den Mord an einem Physiker (Hans Quest) besprechen. Kochem fährt zum vereinbarten Ort des Geschehens, doch kann er den Mord nicht verhindern. Dafür wird er selbst gesehen und gilt nun als einer der Verdächtigen. Doch Derrick glaubt seiner haarsträubenden Geschichte …

Eine relativ leichte, sommerlich Episode, die ohne große moralphilosophische Diskurse oder Trauermiene von Derrick auskommen muss. Das ist mal sehr angenehm, auch wenn Reinecker andere Mittel und Wege hat, allzu gute Laune zu verhindern. Sein Protagonist Kochem ist jedenfalls ein ziemlich passiv-aggressiver Stinkstiefel und braucht eine halbe Ewigkeit, bevor er sich anderen gegenüber mal normal benimmt. Die Schurken fallen kaum ins Gewicht, genauso wenig wie Christiane Krüger in ihrem vorletzten von neun DERRICK-Auftritten.

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Episode 181: Diebachs Frau (Alfred Weidenmann, 1989)

Karl Diebach (Gerd Anthoff) wird von seiner Ehefrau Maria (Irene Clarin) mit dem wohlhabenden Haffner (Hanns Zischler) betrogen. Beistand in der Krise leisten ihm Pfarrer Bohl (Werner Schnitzer) und sein Sohn Herrmann (Stefan Reck). Wenig später ist Haffner tot und Maria kehrt zu ihrem Gatten zurück …

Mal wieder eine Folge, in der ein waschlappiger Ehemann von seiner Gattin auf geradezu boshaft offenherzige Art und Weise betrogen wird: Anthoff spielt fast exakt denselben Charakter, den er schon in „Ende einer Illusion“ gegeben hatte. Wenn man sich daran erinnert, ist die Auflösung auch nicht mehr so überraschend. Okayer Standard mit melodramatischem Einschlag.

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Episode 182: Ein merkwürdiger Tag auf dem Lande (Wolfgang Becker, 1989)

Der Bankräuber Jobst Huber (Wolfgang Fierek) verschwindet, nachdem er aus einem Dorf aus seinen Bruder (Michael Fitz) angerufen hat. Gemeinsam mit seiner Schwägerin (Svenja Pages) versucht er, seine Spur aufzunehmen. Vor Ort stoßen sie aber nur auf Ablehnung – und finden den Motorradhelm des Verschollenen. Ein fürchterlicher Verdacht drängt sich ihnen auf: Gemeinsam mit Derrick kehren sie in das Dorf zurück …

Die Achtzigerjahre enden mit einer Spitzenfolge von Wolfgang Becker, einer bayrischen Vorabendvariante von 2000 MANIACS, in der Reinecker mal wieder die Gier der kleinen Leute thematisiert, die sie alle moralischen Grundsätze vergessen lässt. Tappert, der damals bereits stramm auf die 70 zuging und nicht mehr den Enthusiasmus der ersten DERRICK-Jahrgänge an den Tag legte, dreht hier noch einmal auf, genießt es mit Haifischgrinsen, die verlogene Kleinbürgerbrut in die Enge zu treiben: Wie er sie sich vorknöpft und mit seinen Suggestivfragen löchert, ist einfach eine helle Freude. Ihm steht aber auch ein tolles Schurkenensemble gegenüber: Martin Semmelrogge tritt alles los, Gerd Baltus gibt den Wortführer, DERRICK-Regulars Karl Renar, Toni Berger und Willy Schultes vervollständigen den Reigen. Wolfgang Fierek ist unerwartet perfekt als freundlicher Bankräuber auf dem Motorrad, der mit der feinen Gesellschaft ein Saufgelage lostritt, das er nicht überlebt. Über allem scheint die Sonne und zwitschern die Vögel. Toll!

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Episode 158: Mordfall Goos (Franz Peter Wirth, 1987)

Ingrid Goos (Irene Clarin) entgeht nur knapp einem Mordanschlag. Ihr Ehemann Thomas (Martin Benrath) hat seinen Bruder Gregor (Robert Atzorn) und seinen Vater (Martin Held) im Verdacht. Die beiden haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Ingrid, Tochter einer Schaustellerfamilie, nicht in ihre wohlhabende Familie passt und zeigen sich auch jetzt vor allem um die Familienehre besorgt statt um die Gesundheit ihrer Schwägerin bzw. Schwiegertochter. Dann erfolgt ein zweiter Anschlag und Ingrid ist tot …

Basic stuff, eine weitere Geschichte um eine weitere dieser großbürgerlichen Familien, die sich zur Wahrung ihrer eigenen, meist materiellen Interessen auch über Gesetze hinwegsetzen. Das hat es zu diesem Zeitpunkt schon etliche Male gegeben: Die große Begeisterung verursacht „Mordfall Goos“ nicht, aber die Umsetzung ist dann doch zu gut, um die Episode ganz abzuschreiben. Martin Benrath ist sehr gut als an der Unmenschlichkeit seiner Familie verzweifelnder Haderer, ebenso Martin Held als Patriarch im Hausmantel. Und dass Atzorn nach einer veritablen Karriere als DERRICK-Schurke mit dem Dr. Specht den Imagewandel schaffte, darf als das unerzählte Heldenepos der deutschen Fernsehgeschichte durchgehen. Ebenfalls mit dabei: Liane Hielscher und Beatrice Richter.

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Episode 159: Fliegender Vogel (Wolfgang Becker, 1987)

Die junge Bettina Rudolf (Dana Vavrova) wird aus der Haft entlassen, die sie für ihren Zuhälter und Liebhaber Horst Wilke (Claude-Oliver Rudolph) abgesessen hat. Derrick, der den für ihn noch ungeklärten Mordfall auflösen will, bringt die Frau bei der Bewährungshelferin Dr. Kordes (Christiane Hörbiger) und ihrer Familie unter. Doch auch Wilke hat von der Entlassung seiner Freundin Wind bekommen; und er hat gar nicht vor, sie loszulassen …

Die ganze Wir-nehmen-eine-Bedürftige-bei-uns-auf-Geschichte um die Familie Kordes, deren männlicher Spross Walter (Stefan Reck) sich dann auch noch in die junge Frau mit den Pferde- und Möwen-Postern über dem Bett verliebt, ist ziemlich cheesy. Das dachte wohl auch Claude-Oliver Rudolph, der seinen Wilke als Hommage an seinen Charakter aus Eckhard Schmidts ALPHA CITY anlegt und sich hier ähnlich ins Zeug legt. Es ist eine einzige Wonne, ihm beim Gepose zuzuschauen. Dass ausgerechnet Brillenschlange Gert Burkard seinen Bruder gibt, der ihm mit dem Chor der Heilsarmee nachstellt, um ihn mit frommen Lieder auf de Pfad der Tugend zurückzuführen, ist eine Idee, die auch nur Reinecker (oder war es Becker?) haben kann.

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Episode 160: Mordträume (Gero Erhard, 1988)

Max Binder (Mathieu Carrière) hat seine Ehefrau bei einem Unfall verloren, die Schuldige beging Fahrerflucht, wurde jedoch von dem Passanten Stockey (Karl Renar) gesehen. Der Ehemann trägt sich mit Rachegedanken, träumt Nacht für Nacht vom Morden und durchstreift schließlich mit dem Augenzeugen die einschlägigen Lokale auf der Suche nach der Täterin. Derrick versucht vergeblich, dem Mann seine Rachefantasien auszureden. Dann wird Stockey fündig: Er erkennt die Prostituierte Annette Schilling (Constan Engelbrecht) wieder …

Schöne, intensive Selbstjustiz-Geschichte, der der gewohnt manische Carrière immense Glaubwürdigkeit verleiht. Seine Staredowns und philosophischen Debatten mit Derrick geben den Extrakick, die schöne, viel zu früh verstorbene Constanze Engelbrecht gibt es als Bonus. Und Renar ist einer dieser DERRICK-Regulars, über die man sich immer wieder freut, wenn man einmal sein Herz an die Serie verloren hat.

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Episode 161: Eine Reihe von schönen Tagen (Wolfgang Becker, 1988)

Die Rentnerin Anna Beermann (Käthe Gold) beobachtet einen Mord in den Büros des Import/Export-Handels im Haus gegenüber. Ihr Schweigen lässt sich der Mörder, der Wind bekommen hat von dem Augenzeugen, etwas kosten: Gemeinsam mit ihrem Gatten (Hans Caninenberg) lässt es sich die alte Dame gut gehen, derweil Derrick den Mörder sucht. Ein mögliches Motiv kennt der Sohn des Toten: Sein Vater hatte von dubiosen Geschäften seines Arbeitgebers gesprochen und davon, dass seine Kollegen über Leichen gingen …

Typische Becker-Folge, die die Krimihandlung mit einem herzlichen Subplot um die beiden alten Leute auflockert und darüber hinaus schön fotografiert ist. Eine gewisse moralische Scheinheiligkeit ist unübersehbar: Man muss gewiss nicht lange suchen, um eine Episode zu finden, bei der das eigennützige Schweigen über ein Verbrechen auf weniger Verständnis vonseiten des Kriminaloberinspektors stößt als hier, wo die beiden Rentner mit größter Warmherzigkeit gezeichnet werden. Ändert aber nichts daran, dass die Folge sehr gut reinläuft und neben den Sympathieträgern Gold und Caninenberg auch auf Schurkenseite mit Jürgen Schmidt, Dieter Eppler, Uli Krohm und Stefan Behrens exzellent besetzt ist.

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Episode 162: Kein Risiko (Alfred Weidenmann, 1988)

Der ausgebrannte Roland Weimann (Hannes Jaenicke) ist von dem Psychologen Ingo Wecker (Klaus Schwarzkopf) gefragt worden, ob er einen Mord gegen Bezahlung durchführen würde: Da er das Opfer nicht kenne, bestünde keine Gefahr, gefasst zu werden. Weimann sucht Derrick auf, doch wenig später gibt es dennoch ein Mordopfer zu beklagen: Der Gatte von Ariane Budde (Eleonore Weissgerber) wird erschossen aufgefunden. Derrick verdächtigt sofort den „Freund des Hauses“ Harald Körner (Volkert Kraeft), der sich sogleich an die Witwe ranwanzt …

Reineckers Script, eine Mischung aus STRANGERS ON A TRAIN und „Schuld und Sühne“, hätte locker Stoff für drei Folgen gegeben. Doch Hannes Jaenicke, der am Anfang noch wie die Hauptfigur eingeführt wird, taucht nach der Halbzeitmarke überhaupt nicht mehr auf und macht Platz für die etwas austauschbare Geschichte um den Witwentröster Kraeft, der deutlich weniger interessant ist. Auf der Habenseite steht aber ein Auftakt in wunderbaren Grau- und Brauntönen, eine Herbstsonate, die an die DERRICK-Episoden der Siebzigerjahre erinnert, unterlegt von einem schwermütig-kitschigen Score. Die guten Ansätze heben die Folge leicht über den Durchschnitt.

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Episode 163: Auf Motivsuche (Zbynek Brynych, 1988)

Erich Karo (Will Danin) begibt sich für eine Filmproduktion auf Motivsuche. In der Nähe eines Bahnhofs wird er fündig, doch nach einem entsprechenden Rückruf ist er für mehrere Stunden nicht auffindbar. Als er dann wieder auftaucht, wirkt er tief erschüttert und gedankenverloren, was er auf einen Kreislaufzusammenbruch schiebt. Sein Freund und Kollege Willy Laufen (Pierre Franck) will rekonstruieren, was Erich widerfahren ist und sucht das Gelände auf, das dieser gesichtet hatte. Am nächsten Tag findet man seine Leiche …

Brynych bedient sich für seine erste DERRICK-Folge nach drei Jahren („Familie im Feuer“) ausgiebig beim Mystery- und Horrorfilm. Da ist zuerst das trist-marode Setting verlassener Hinterhöfe, dann natürlich Karos Gesichtsausdruck und Verhalten, als er wieder auftaucht. Eine Weile scheint es tatsächlich möglich, er könne von Außerirdischen gekidnappt worden sein oder er habe ein schleimiges, leichenfressendes Monstrum in einem Keller entdeckt: Brynych genießt es offenkundig, seine Zuschauer im Dunkeln tappen und allerlei Spekulationen anstellen zu lassen. Die Auflösung ist dann natürlich doch ganz weltlich, aber ihren entrückten Tonfall behält die Episode dennoch bei. Es gibt nach langer Zeit mal wieder eine dieser seltsam lethargischen „Action-Szenen“, eine wilde Schießerei, bei der tatsächlich nicht einer der Beteiligten auch nur verletzt wird (Harry führt allerdings erleichtert ein Loch im Ärmel seines Mantels vor), sowie eine Liebesszene zwischen Karo und der in den Fall verwickelten Karla (Beate Finckh), die den Fokus der Episode deutlich über den Kriminalfall hinaus erweitert. Zu sagen, Derrick und Harry seien nur Nebenfiguren, wäre überzogen, aber man merkt dennoch, dass Brynych die Ermittlungstätigkeit des Oberinspektors nicht für den interessantesten Aspekt der Folge hielt. So fällt „Auf Motivsuche“ angenehm aus dem homogenen Ganzen heraus und verpasst dem geneigten Betrachter mal wieder einen kleinen Stromstoß.

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Episode 164: Da läuft eine Riesensache (Zbynek Brynych, 1988)

Die Nadelstreifenganoven Mario (Hans Peter Hallwachs) und Kolowski (Gert Burkard) lassen aus Italien einen schönen Schauspieler Gregor (Amadeus August) einfliegen: Er soll das Erbe des despotischen Unternehmers Wegmüller antreten (dem die beiden ohne langes Federlesen die Kerzen auspusten), weil er einem Spross der Familie (der tatsächlich verstorben ist, wovon aber niemand weiß) zum Verwechseln ähnlich sieht. Unter Druck gesetzt, willigt der Mime ein, doch als er sich in seine „Cousine“ Ruth (Sissy Höfferer) verliebt, beißt ihn das Gewissen.

Noch mehr als in Brynychs vorangegangener Episode steht hier die keimende Liebe zwei junger Menschen im Mittelpunkt und verbannt das Gespann Derrick und Harry auf die hinteren Ränge. Die Episode ist nur wenig aufregend, auch weil die „Guten“ nie wirklich in Gefahr geraten, wie man zu Beginn vielleicht noch annimmt. Trotzdem macht „Da läuft eine Riesensache“ Spaß, weil sie sehr rund inszeniert ist und über einen dramatischen Bogen verfügt, den die sehr funktional eingerichteten DERRICK-Folgen in der Regel vermissen lassen. Der einstige Mädchen-Schwarm und BLUTIGER FREITAG– sowie später sogar DALLAS-Akteur Amadeus August war zum Zeitpunkt der Ausstrahlung bereits 46 und alles andere als ein Jüngling, präsentiert sich hier aber braungebrannt und mit beeindruckend gut austrainiertem Brustkasten. Er hatte sein Spielfilmdebüt 18 Jahre zuvor in O HAPPY DAY absolviert, unter keinem Geringeren als … Zbynek Brynych. Nur vier Jahre später, im Alter von 50 Jahren, verstarb August, dessen markanten Gesichtszüge ihn eigentlich zum Westerndarsteller prädestiniert hätten, an den Folgen einer HIV-Infektion.

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Episode 165: Das Piräus-Abenteuer (Zbynek Brynych, 1988)

Hanna (Ute Christensen), eine Stewardess und Bekannte von Harry, kontaktiert diesen in großer Angst: In Piräus sei sie von einem Mann angesprochen und dazu überredet worden, einen Koffer nach Deutschland zu bringen. Im Koffer habe sich Rauschgift befunden, dass sie noch in Griechenland entsorgt habe. Nun fürchtet sie sich vor der bevorstehenden Übergabe. Derrick und Harry sagen ihr ihre Hilfe zu …

Die letzte von drei Brynych-Folgen hintereinander hat – wie schon der direkte Vorgänger – erneut eine recht interessante und für die Serie ungewöhnlich „filmartige“ Geschichte. Und was man zu Beginn für lediglich etwas steif und unbeholfen hält, weitet sich dann doch langsam, aber sicher zur echten Brynych’schen Seltsamkeit aus, wenn diese einen auch nicht sofort anspringen mag: Bei diesem gruseligen Score – eine sparsame, fragile, aber gleichzeitig unheimliche Melodie wird mit unterschwelligen, aber deutlich vernehmbaren Atem- und Keuch-Geräuschen untermalt, wie eine avantgardistische Variation von Manfredinis FRIDAY THE 13TH-Thema – glaubte ich zunächst an einen technischen Defekt meines DVD-Players. Beatrice Richter bekommt eine ganz und gar rätselhafte Rolle, bei der sie u. a. in einem ranzigen Nachtclub zu Billy Idols „Sweet Sixteen“ tanzt und den anwesenden Heroin-Chic-Ladies laszive Küsse auf die Wange haucht (ohne dass sie dabei offen als Homosexuelle identifiziert würde). Der Handlungsverlauf ist kaum vorhersehbar und der spärlich entwickelte, eigentlich nur so als Behauptung mitschwingende Subplot um Harrys romantische Verbindung zu Hanna, wirkt in Brynychs Inszenierung, bei der er ja gern auf Romanzen zurückgreift, wie ein Fragment. Harry kommt auch bei Brynych nicht über den Status des Stichwortgebers hinaus, auch wenn man Ansätze bemerkt, ihn zu etwas Größerem aufzubauen. Sehr schön sind außerdem die Beamten, die sich in Derrick Auftrag an die Fersen der Verdächtigen heften, dafür in die Verkleidung von Pennern schlüpfen und immer wieder am Rande des Geschehens auftauchen. Kein totaler Augenöffner, aber doch sehr interessant.

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Episode 166: Die Stimme (Helmuth Ashley, 1988) 

Der geschiedene, zurückgezogen lebende Unternehmer Lippert (Ernst Jacobi) erhält einen Anruf von einer jungen Frau, die ihn vor einem bevorstehenden Mordanschlag warnt. Lippert ist verwundert, schlägt die Warnung aber in den Wind – nur um dann tatsächlich nur knapp einem Attentat zu entgehen. Nachdem er die Kriminalpolizei hinzugezogen hat, erfolgt ein zweiter Mordversuch, den er erneut knapp überlebt. Derrick und Harry wissen, dass die Anruferin der Schlüssel zur Ergreifung der Täter ist, denn weder ist ein Verdächtiger noch ein Motiv in Sicht …

Ashley setzt die schöne Tradition gelungener und in angenehmem Maße origineller Episoden in den späten Achtzigerjahren fort. Diese hier ist nicht wirklich spektakulär, lebt aber von der Ruhe der Erzählung und ihres wichtigsten Charakters, dem der unterschätzte Jacobi viel Würde und eine unterschwellige Tragik verleiht. Fritz Wepper darf mit der rehäugigen Roswitha Schreiner flirten, Christoph Eichhorn tritt als Lipperts am Rande der Kriminalität wandelnder, intellektueller Neffe in die Fußstapfen von Thomas Schücke. Die Folge endet eher verhalten, dafür aber mit einem die Grenze zum Horror überschreitenden Bild: Hinter der Telefonstimme verbirgt sich niemand geringeres als Irina Wanka, die bei DERRICK immer zur Stelle ist, wenn es ätherisch-feengleiche Frauenfiguren zu besetzen gibt. Ihr entrückter Blick aus schwarzen, weil erblindeten Augen ist ein eindringliches Schlussbild, das mich spontan an Michael Winners THE SENTINEL erinnert hat. TATORT-Kommissar Miroslav Basic ist in einer Nebenrolle zu sehen, ebenso wie Sky DuMont als blasierter Lover und Lambert Hamel als Säufer.

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Episode 167: Das Ende einer Illusion (Günter Gräwert, 1988)

Helga Weigert (Cornelia Froboess) arbeitet als Animierdame im Nachtklub der zwielichtigen Brüder Schwenke (Günther Ungeheuer und Hanno Pöschl) die im Nebenhaus auch ein illegales Spielkasino betreiben. Einer ihrer Kunden ist Erich Rieger (Gerd Anthoff), frisch verwitwet und spielsüchtig. Die Schowenkes setzen ihre Angestellte auf den Mann an: Sie soll herausfinden, was er tut, wie viel Geld er hat. Frau Weigert folgt dem Befehl und freundet sich mit dem depressiven Mann an, der jeden Antrieb völlig verloren hat. Dass er außerdem sowohl einen wohlhabenden Bruder hat als auch eine hohe Lebensversicherungssumme ausgezahlt bekommt, macht ihn für ihre Arbeitgeber interessant. Als Riegers Bruder erschossen wird, warnt sie ihren „Patienten“. Sie vermutet, dass die Schowenkes dahinterstecken …

Die damals 45-jährige Cornelia Froboess als Animierdame zu akzeptieren, ist eine kleine Hürde, aber sie macht ihre Sache eigentlich ganz gut. Ihr etwas spröder „Charme“, der mir bei der Identifikation mit ihren Figuren („Das Ende einer Illusion“ ist bereits ihr vierter DERRICK-Auftritt) immer etwas im Wege steht, ist für ihre Helga Weigert, die sich nach anfänglichem Unwillen voll in ihre Rolle als Haushälterin und Seelsorgerin einfindet, genau richtig. Auch Gerd Anthoff ist gut, weil er exakt die gemischten Gefühle hervorruft, die die Episode benötigt: Auf der einen Seite bemitleidet man ihn wegen seines Schicksals und der Unfähigkeit, seine Trauer zu überwinden, auf der anderen stößt genau diese Unfähigkeit aber auch ab. Die finale Wendung ist nicht die allergrößte Überraschung der Fernsehgeschichte, aber sie geht in ihrer Wirkung über den bloß pfiffig gescripteten Plot-Twist hinaus. Hanno Pöschl ist in seiner gewohnten Paraderolle als Rotlicht-Krimineller natürlich eine Bank: Die mit der Rückhand abgefeuerte Ohrfeige für die Froboess kommt mit beeindruckender Leichtigkeit und Beiläufigkeit, entbirgt den mitleidlosen Gewalttäter hinter der Fassade des Geschäftsmanns. Leider bekommt er sonst nicht so viel zu tun. Günther Ungeheuer hat gar keine Szene, in der er so glänzen könnte, aber er macht das mit seiner natürlichen Präsenz wett, die ihn für Schurkenrollen prädestinierte. Nicht nur zu seiner Freude: 1988 war auch das Jahr, in dem er sich mit Auftritten in den Hallervorden-Komödien DIDI AUF VOLLEN TOUREN und DER EXPERTE von seinem Image als Bösewicht zu lösen versuchte. Vielleicht, weil er in guter Erinnerung bleiben wollte: Ungeheuer starb nur ein Jahr später, im Herbst 1989, an Lymphdrüsenkrebs.

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Episode 168: Mord inklusive (Helmuth Ashley, 1988)

Am Abend bevor die Kripo seinen Wagen mitsamt seiner Leiche aus einem Weiher ziehen, ruft der Werbemann Breuer (Peter von Stromberg) bei Derrick an, um ihm mitzuteilen, dass sein Geschäftspartner Kranz (Philipp Moog) ihn umbringen wolle. Beim Besuch bei Kranz findet Derrick jedoch einen sympathischen jungen Mann vor, dem der Tod des Freundes sehr nachzugehen scheint. Bei weiteren Ermittlungen macht Derrick Bekanntschaft mit Kranz‘ Clique zu der auch die Krankenschwester Via (Beate Finckh) gehört, die die schwerkranke sowie steinreiche Frau von Wedel (Alice Treff) pflegt. Und die hat Kranz und Konsorten ihr gesamtes Vermögen überschrieben …

Nach vielen guten und sehr guten Episoden ist diese hier eher wieder als durchschnittlich zu bezeichnen. Es fehlen echte Überraschungen, sowohl der Kriminalfall – bezeichnend, dass er sich mehr oder weniger von selbst löst – als auch die Charaktere sind ziemlich uninteressant. Komisch, dass Christoph Waltz hier eine total nichtssagenden Rolle abbekommen hat, mit vielleicht einer Dialogzeile, nachdem er zwei Jahre zuvor in (der allerdings ebenfalls nicht so tollen Folge) „Schonzeit für Mörder“ bereits eine Hauptrolle in DERRICK bekleiden durfte. Moog hingegen war in „Mordfall Goos“ (siehe oben) noch Derricks jungblutiger, heißsporniger Untergebener. Er sollte sich in den kommenden Jahren ins Stammrepertoire der Serie spielen, mit immerhin 16 Einsätzen. Die meisten kennen vermutlich seine Stimme, denn neben seinen TV-Einsätzen ist er heute als gut beschäftigter Synchronsprecher von u. a. Guy Pearce, Owen Wilson, Ewan McGregor oder Orlando Bloom unterwegs. Ihr seht schon, wie ich Zeilen schinde. Aus einem nicht ganz unerheblichen Grund ist „Mord inklusive“ dann aber doch wieder sehenswert: Harry hat nämlich eine Liebesszene mit der „zärtlichen Cousine“ Anja Schüte! Er erobert sie natürlich mit Hintergedanken – sie ist Kranz‘ Schwester -, schmeißt sich an sie ran, indem er erst ihr Auto repariert, das er zuvor höchstselbst manipuliert hatte und schenkt ihr dann eine selbst aufgenommene Sade-Kassette, der alte Charmeur. Dass er dann mit einem potthässlichen, in Neonfarben bedruckten Shirt mit der Aufschrift „Cricket“ neben ihr im Bett liegt, während sie ihre einst von Weichzeichner-Veteran David Hamilton in Szene gesetzten Brüste zeigt, habe ich als harten Stilbruch und ästhetisches Verbrechen empfunden. Ach so, die Kamera bediente Franz X. Lederle, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren zusammen mit Regisseur Ashley manche Sau durchs Bahnhofskino trieb.

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Episode 169: Die Mordsache Druse (Alfred Weidenmann, 1988)

Der Modefotograf Bernd Druse (Jochen Horst) will seiner Freundin, der Modedesignerin Lore Hauk (Birgit Doll) helfen, vom Heroin wegzukommen. Aus diesem Grund stellt er ihrem Stammdealer Armin Rasche (Edgar Selge) nach und wird wenig später von zwei Männern erstochen: Er verstirbt, als er Lore mit letzter Kraft aus einer Telefonzelle anruft. Lores Vater (Charles Brauer), ein Alkoholiker, rät seiner Tochter, Stillschweigen zu bewahren. Rasche, der ebenfalls von dem Mord erfährt, sieht sich und sein Geschäft in Gefahr und überlässt seiner Kundin gleich einen guten Vorrat der Droge. Derweil nehmen Derrick und Harry Klein die Ermittlungen auf.

Es gibt vier Sorten von guten DERRICK-Folgen: Die einen verfügen über ein geschliffenes, wendungsreiches Script von Reinecker. Andere begeistern mit interessanten, ungewöhnlichen Figuren und den Darstellern, die sie zum Leben erwecken. Wieder andere bauen auf Atmosphäre oder verwirren mit rätselhaften Einfällen. Und im Idealfall verbinden sich all diese Faktoren. „Die Mordsache Druse“ hat leider nahezu gar nichts. Es gibt mehrere Ideen und Ansätze, aber keiner wird halbwegs befriedigend entwickelt. Spannung kommt nicht auf, weil es keine Fallhöhe gibt. Die Auflösung fällt den Ermittlern so in den Schoß, ohne dass sie sich besonders anstrengen müssten. Positiv hervorzuheben ist am ehesten noch Edgar Selge, heute ja selbst Fernsehkommissar, aber seine Figur bleibt unterentwickelt. Birgit Doll gibt als Lore Hauk die wohl gesündeste Heroinsüchtige der TV-Geschichte und die Beziehung zu ihrer Mutter (Karin Anselm) erinnert etwas an das KOMMISSAR-Meisterwerk „Grau-roter Morgen“. Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten verdeutlichen aber nur, wie unbefriedigend das hier alles ist. Sky DuMont ist der Oberschurke, hat aber nur zwei kurze Szenen, in denen er sich darauf beschränkt, dieses selbstverliebt-blasierte Lächeln aufzusetzen, mit dem er durch das Gros seiner DERRICK-Folgen auf Autopilot manövriert. Die mit einigem Abstand schwächste Folge seit geraumer Zeit.

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Episode 170: Eine Art Mord (Günter Gräwert, 1988)

Nach 18-jähriger Haftstrafe nimmt der Raubmörder Werner Rutger (Siegfried Lowitz) als erstes Kontakt zu seinem Sohn Karl (Manfred Zapatka) auf. Der ist mittlerweile Oberstudienrat und legt großen Wert darauf, nichts mehr mit dem Vater zu tun haben zu wollen. Rutger akzeptiert, lässt aber dennoch nicht locker. Der Grund: Er vermutet, dass der Sohn sich die eine Million D-Mark, die er nach seinem Bruch in einem Wald vergraben hatte, unter den Nagel gerissen hat. Und er hat große Lust darauf, den „feinen Herrn“ für seine Scheinheiligkeit bloßzustellen …

Das Ende kommt wie so oft etwas überstürzt: Manchmal wirkt es so, als habe Reinecker eigentlich für vollwertige Spielfilme geschrieben und wenn ihm dann einfiel, dass ihm ja nur knapp 60 Minuten zur Verfügung stehen, einfach aufgehört. Der Freude tut das in diesem Fall keinen echten Abbruch. „Eine Art Mord“ lebt ganz von der Darbietung Lowitz‘, der als Rutger seine besten Jahre im Bau verbringen musste und nun müde und alt ins Leben zurückschlurft. Jede Szene mit ihm ist ein Highlight, aber besonders schön, ist sein ernüchterter Kommentar, als er eine junge Prostituierte (Ute Willing hat nach längerer DERRICK-Abstinenz mal wieder eine kleine Rolle) nach dem gemeinsamen Schäferstündchen an der Rezeption seiner Pension verabschiedet: „Das ist auch nicht mehr so wie früher“, sagt er nur und erntet dafür ein verständnisvolles Lachen seiner Gastwirtin. Manfred Zapatka läuft ebenfalls zu großer Form auf: Er ist ganz aufbrausende, schwitzige Nervosität und fühlt sich sichtlich unwohl, als er dem ihm aus mehreren Gründen unangenehmen Vater gegenübertreten muss. Man leidet als Zuschauer einerseits mit ihm, andererseits möchte man ihm eine kräftige Backpfeife verpassen, damit er sich mal entspannt. Zapatka ist mit seinem kantigen Gesicht, der zum Zerreißen gespannt wirkenden Haut und den dünnen Lippen perfekt für dieses vibrierende, unter enormem Druck stehende Etwas. Der Kontrast zwischen den beiden, da der alte, gebeugte Mann, den nichts mehr aus der Ruhe bringen kann, hier der schwitzende Zappelphilipp, der alles zu verlieren hat, ist der Motor von Reineckers Episode. Und wie er es dreht, dass der alte Rutger am Ende noch trauriger in den Lebensabend schreitet, ist schon toll. Gern hätte man noch mehr von Lowitz gesehen, wie er versucht, sich nach 18 Jahren im Leben zurechtzufinden, aber nach einer Stunde ist es eben vorbei.

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Episode 127: Wer erschoss Asmy? (Jürgen Goslar, 1984)

Der letzte Eintrag in dieser Reihe ist über ein Jahr alt. Diese Episode von Jürgen Goslar, in der Anne und David Bennent ein Geschwisterpaar spielen, das in einen Mordfall verwickelt wird, hatte ich noch damals gesehen – und dann nichts darüber geschrieben. Verlässliche Auskunft kann ich darüber nicht mehr geben, aber ich glaube, ich fand die Episode nur so mittelprächtig, auch wenn Bennent als Zigaretten rauchendes, altersweises Kind mit Schiebermütze dafür sorgt, dass sie nicht allzu „normal“ ist.

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Episode 128: Das tödliche Schweigen (Theodor Grädler, 1985)

Derrick erhält zu Hause einen Anruf: Eine junge Frau namens Helga Södern bittet um Hilfe, sie werde von zwei Männern bedroht. Als Derrick und Harry – der Gehilfe lässt extra einen Science-Fiction-Film im Kino sausen – bei der Dame (Irina Wanka) nach dem Rechten sehen, ist angeblich alles in Ordnung: Das jedenfalls behauptet Udo (Jacques Breuer), der vorlaute Freund der Frau. Wenige Stunden später werden Derrick und Harry zum Tatort eines Mordes gerufen: Eine ältere Frau erlitt bei einem Angriff von wahrscheinlich zwei Männern in ihrer Wohnung einen Herzanfall. Der Sohn (Arthur Brauss) ist ratlos. Eine Eingebung von Harry bringt den entscheidenden Tipp: Helga Södern war eine Arbeitskollegin der Toten …

Eigentlich keine spektakuläre Folge, aber sie hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Erstens weil der Fall gegen Ende eine Dimension annimmt, die über Einzelschicksale hinausgeht, zweitens weil das Setting einer stillgelegten, ruinösen Chemiefabrik, die da im Münchener Spätherbst vor sich hin modert, einfach wahnsinnig stark ist.

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Episode 129: Ein unheimlicher Abgang (Jürgen Goslar, 1985)

Der Anlageberater Diebolz (Dirk Galuba) jagt sich mit seinem Boot auf dem Starnberger See in die Luft. Grund dazu hatte er: Das eigene Unternehmen war tief verschuldet, seine Gattin Liane (Christiane Krüger) hat eine Affäre mit seinem Freund Kolewski (Peter Bongartz). Als es um die Identifizierung des Toten geht, erkennen alle Diebolz wieder. Was sie nicht wissen: Der erlag nicht etwa den Verbrennungen, sondern wurde zuvor erschlagen. Aber das ist nicht die einzige große Überraschung des Falls: Der Tote ist nämlich gar nicht Diebolz, wie Derrick herausfindet. Warum aber identifizierten ihn seine Angehörigen dann auf dem Seziertisch?

Der Fall ist wendungsreich genug, um über die volle Laufzeit das Interesse wachzuhalten. Dazu kommt wieder einmal das bitterböse Drehbuch von Reinecker, der das Bürgertum so sehr hasst, dass er seine Mitglieder selbst dann noch in alle ihrer Verlogenheit bloßstellt, wenn sie eigentlich unschuldig sind.

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Episode 130: Schwester Hilde (Theodor Grädler, 1985)

Anita Henk (Susanne Uhlen) ist dem Rotlichtmilieu Hamburgs erfolgreich entflohen und hat sich in München eine neue Existenz aufgebaut – samt neuem Liebhaber und Ehemann in spe (Ekkehard Belle). Doch dann findet Kusich (Andreas Fricsay), ihr ehemaliger Zuhälter, sie wieder und will sie mit zurück nach Hamburg nehmen. Anita ruft Schwester Hilde (Inge Meysel) an, die ihr damals geholfen hatte, ein neues Leben anzufangen. Die alte Dame kommt sofort nach München, um den Loddel von seinen Plänen abzubringen. Wenig später ist er tot …

Der Auftritt von Inge Meysel in der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Fernsehserie war damals wahrscheinlich das, was man heutzutage ein „TV-Event“ nennen würde. Ich, der ich die alte Dame immer eher anstrengend fand, sehe hier trotzdem nur eine eher mittelmäßige Episode, die durch den vermeintlichen Besetzungscoup nicht unbedingt besser wird, auch wenn die Meysel zugegebenermaßen überzeugend agiert. Noch besser hat mir aber Andreas Fricsay gefallen, der mit platinbloner Vokuhila-Dauerwelle an seine markige Rolle in ZWEI NASEN TANKEN SUPER erinnert.

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Episode 131: Lange Nacht für Derrick (Dietrich Haugk, 1985)

Der etwas weichliche Anwalt Dr. Bomann (Klaus Schwarzkopf) steht vor der unangenehmen Aufgabe, den brutalen Berufsverbrecher Rotter (Wilfried Baasner) zu verteidigen. Der Kriminelle erwartet trotz erdrückender Beweislage nichts Geringeres als einen Freispruch. Er scheint zu ahnen, dass daraus nichts wird, denn einen Tag vor Urteilsverkündung wird Bomanns Tochter (Marion Kracht) entführt. Bomann soll seinem Klienten vor der Verhandlung eine Waffe überreichen und ihm so zur Flucht verhelfen.

LANGE NACHT FÜR DERRICK verlässt wieder einmal die ausgetretenen Pfade, die die Serie nach über zehn Jahren zumeist beschreitet und verdichtet die Ereignisse auf einen Zeitraum von wenigen Stunden und die zwei Räume der Mordkommission, in denen Derrick und seine Leute einen HInweis auf den Verbleib der Komplizen von Rotter finden müssen, um die Katastrophe zu verhindern. Auf Dietrich Haugk, der einige der besten DERRICK-Folgen auf dem Kerbholz hat, ist dabei Verlass. Die Beschränkungen von Zeit und Raum weiß er perfekt zu nutzen. Die Episode erinnert ein wenig an Dominik Grafs FAHNDER-Episode BIS ANS ENDE DER NACHT (die einige Jahre später ausgestrahlt wurde), was jeder meiner Leser als großes Lob zu verstehen weiß.

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Episode 132: Kranzniederlegung (Zbynek Brynych, 1985)

Der abgewrackte Gerichtsreporter Trosse (Herbert Stass) sucht Derrick auf: Er weist den Kriminalbeamten auf den jungen Heinz Lissner (Eduard Erne) hin, dem er einen Mord zutraut. Die Freundin des Jungen ist den Drogen zum Opfer gefallen und Heinz nun fest entschlossen, ihren Tod zu rächen.

Keine der Glanzstunden von Brynych: Die Folge bleibt in erster Linie wegen Trosse bzw. Stasses Darbietung im Gedächtnis, der Kriminalfall verblasst dagegen. Derrick und der vom Alkohol gezeichnete Ex-Reporter haben einige starke gemeinsame Szenen, die interessanter sind als die blutleer bleibende Selbstjustizgeschichte. Auf der Habenseite stehen aber einige Impressionen aus dem Münchener Nachtleben inklusive Breakdance, tanzenden Djs und Rollschuhdisko. Das will man dann doch nicht verpasst haben.

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Episode 133: Tod eines jungen Mädchens (Theodro Grädler, 1985)

Eine Inhaltsangabe verkneife ich mir, denn die Episode ist ungefähr so einfallsreich, wie das der Titel bereits vermuten oder eher befürchten lässt. Wenn es einen Standard-DERRICK-Plot gibt, dann diesen: Hübsches Mädchen wird umgebracht, als sie sich verweigert, verlogene Großbürger decken sich gegenseitig. Um das Klischee perfekt zu machen, ist Pierre Franckh als rückgratloser Sohn dabei, der gegen seinen eigenen Impuls dem schmierigen Onkel ein Alibi verschaffen muss. Dieser Onkel reißt es dann wieder raus: Claus Biederstädt ist einfach perfekt in der Rolle. Absolut hassenswert darin, wie er chefmäßig das Ruder übernimmt, um sicherzustellen, dass ihm nichts passiert. Ach ja, Peter Kuiper und Hans Korte sind auch dabei und tun das, was sie immer tun. Das ist gut so.

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Episode 134: Die Tänzerin (Zbynek Brynych, 1985)

Beim Versuch, die Internatsschülerin Katrin May (Dietlinde Turban) zu erschießen, wird der Mörder überrascht und bringt stattdessen den Hausmeister um. Es stellt sich heraus, dass Katrin eine Affäre mit dem Geschäftsmann Dr. Rohner (Heinz Bennent) hatte. Somit kommen gleich zwei Verdächtige in Frage: Rohners Gattin, eine ehemalige Tänzerin (Ingrid Andree), und Katrins Ex-Freund (Robert Jarczyk).

Die Hoffnung, Brynych habe Argentos PHENOMENA in einer DERRICK-Folge vorweggenommen, bewahrheitet sich leider nicht. Auch sonst ist die Episode kein Highlight, lediglich leicht gehobener Durchschnitt. Heinz Bennent ist tatsächlich sehr bewegend als alternder Herr, der neues Liebesglück findet und dabei aufblüht. Schön ist auch der Auftritt eines sich betont seriös gebenden Privatdetektivs (Peter Moland), der von Derrick in dessen unnachahmlich autoritärer Art in seinem Enthusiasmus gleich auf Maß zurechtgestutzt wird.

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Episode 135: Familie im Feuer (Zbynek Brynych, 1985)

Familie Bohl hat eine echte Pechsträhne: Tochter Anna (Beate Finckh) sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl, Vater Walter (Henry van Lyck) ist arbeitslos, genauso wie Sohn Ulrich (Hans Georg Panczak), und die Mutter Thea (Ida Krottendorf) ist ausgezogen, weil ihr Mann sich in zwielichtigen Kneipen herumtreibt. Dabei hat er den Schwerverbrecher Weiler (Dirk Galuba) kennen gelernt, der ihn zu einem Bruch überredet. Bevor es losgehen kann, wird Weiler jedoch erschossen. Der Verdacht der Bohls fällt auf Anna und es gilt, sie vor Derrick zu schützen …

Brynych zeigt in der Episode sehr schön, wie eine kurz vor der Implosion stehende Familie durch den neuen Konfliktfall wieder zusammenrückt. Es ist seinem eigenen Inszenierungsstil, aber auch Reineckers plakativer Drehbuch-Prosa und Panczaks zum Overacting neigenden Spiel zu verdanken, dass „Familie im Feuer“ in den Szenen, in denen das neue Familienglück gezeigt wird, übers Ziel etwas hinausschießt. Trotzdem: Gehobener Durchschnitt, nicht zuletzt weil Henry van Lyck exzellent und Dirk Galuba einfach ein Riesenarsch ist. Detail zum Kopfschütteln: Die Poster 1985 gnadenlos überkommener Blues- und Jazzrock-Kapellen im Zimmer des „Musikfans“ Ulrich (das Plakat von „Jon Hiseman’s Tempest“ konnte man schon in DERRICK-Episoden aus den Siebzigern bewundern).

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Episode 136: An einem Montagmorgen (Jürgen Goslar, Deutschland 1986)

Drei Bankräuber verunglücken bei der Flucht mit dem Wagen und retten sich in eine nahegelegene Wohnsiedlung, wo sie ins Haus der Familie Heilmann eindringen …

Wieder einmal ein Episode, die vom klassischen „Whydunit“, das die Serie sonst beschäftigt, abweicht. Abwechslung ist immer willkommen und diese Folge profitiert erheblich davon, dass sie etwas anderes versucht, auch wenn sie dabei nicht übermäßig spektakulär ist. Die Exposition im Stile von „Aktenzeichen XY“ mutet ein bisschen bemüht an, aber der Rest ist von Goslar dann doch recht spannende inszeniert. Wilfried Baasner ist ein erstklassiger Schurke, von dem es in Zukunft hoffentlich noch mehr zu sehen gibt.

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Episode 137: Naujocks trauriges Ende (Alfred Vohrer, 1986)

Der Geschäftsmann Naujocks wird erschossen, als er mit seiner Geliebten aus der Wohnung kommt, die ihm sein Freund Tass (Karl Heinz Vosgerau) als Liebesnest zur Verfügung gestellt hat …

Die fragwürdigen sexuellen Gelüste älterer Herren haben DERRICK schon häufiger beschäftigt, so auch hier. Der freundliche Herr Tass etwa hält es für selbstverständlich, eine Liebesbeziehung mit seiner Stieftochter (Sissy Höfferer) zu führen. Und sein Kumpel Naujocks verlustiert sich mit der Tochter seines Fahrers. Alles gar kein Problem? Denkste. Deutlich angepisster ob dieses Verfalls der Sitten ist Tass‘ Stiefsohn Walter, gegeben von einem Sascha Hehn mit zurückgeschleimten Haaren. Der war bestimmt nur sauer, dass das Drehbuch ihn nicht zum Stich kommen ließ.

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Episode 138: Geheimnis im Hochhaus (Wolfgang Becker, 1986)

Der Maler und Fixer Erich (Ekkehard Belle) braucht dringend Geld, also bricht er in eine Wohnung ein. Zu seinem Entsetzen findet er dort den Leichnam einer jungen Frau: Als er Stimmen hört, kann er gerade noch fliehen. Nach einem Geständnis bei der Polizei ist die Leiche verschwunden und der Wohnungsbesitzer Hauweg (Gerd Baltus) zeigt sich überrascht. Derrick glaubt dem Drogenabhängigen, obwohl es keinen Beweis für dessen Aussage gibt …

Eine schöne Episode, in der Ekkehard Belle, der Mann mit dem Babyface und dem unvorteilhaften Wuschelkopf, sich endlich einmal beweisen kann. (Heute wissen wir, was er draufhat: Er ist immerhin die deutsche Synchronstimme von Steven Seagal.) Die Geschichte ist durchweg interessant, zumal sie nicht sklavisch am Kriminalfall klebt, sondern sich dem Schicksal des Fixers annimmt und Derrick die Gelegenheit gibt, seine menschliche Seite zu zeigen. Sehr gut ist auch Traugott Buhre als Erichs gehbehinderter Vater, der gesteht, er lasse sich von seinem Sohn waschen, damit der wenigstens noch eine tägliche Verpflichtung habe. Diana Körner und Bernd Herzsprung sind etwas verschenkt, Hans Peter Hallwachs zeigt dafür endloses Potenzial als oberschmieriger Zuhälter, der sich als „Unternehmensberater“ ausgibt.

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lilliEpisode 38: Grau-roter Morgen (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Am Ufer der Isar wird die junge heroinabhängige Sibylle Laresser (Sabine Sinjen) tot aufgefunden – erschossen vom anderen Ufer aus. Die Ermittlungen führen Kommissar Keller zunächst in die Wohnung der Toten, die dort gemeinsam mit ihrer Mutter Hilde (Lilli Palmer) lebte. Diese hatte während der vergangenen 12 Monate verzweifelt versucht, ihre Tochter von den Drogen wegzubringen und dafür sogar ihren Ehemann (Hans Caninenberg) in Augsburg zurückgelassen …

Die Ermittlungsarbeit und überhaupt die Kriminalbeamten um Kommissar Keller treten in dieser fantastischen Episode deutlich in den Hintergrund. Mehr als um die Frage, wer Sibylle umgebracht hat, geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung und um die Frage, wie man die Liebe zu seinem Kind aufrechterhalten kann, wenn dieses sich für den Tod entschieden hat. Lilli Palmer liefert als liebe- und aufopferungsvolle, letztlich aber hilflose Mutter eine schauspielerische Tour de force, ohne jemals zu overacten oder auf die Tränendrüse zu drücken. Es lässt wohl nur den abgezocktesten Zuschauer kalt, wenn sie berichtet, wie sie ihrer Tochter den ersehnten Schuss setzte, weil diese einfach nicht mehr in der Lage war, ihre Venen zu treffen. Wenn sie von einem Dealer, dem sie auf dem Kneipenklo ein paar Ampullen Morphium abkauft, niedergeschlagen und ausgeraubt wird. Oder wenn sie ihre benommene Tochter nach stundenlanger verzweifelter Suche nachts zwischen lauter anderen Drogenabhängigen halb benommen im Monopteros-Tempel findet.

Reinecker kehrt mit seinem Drehbuch zum Stil von „Der Papierblumenmörder“ zurück, was bedeutet, dass es hier eher um den Blick auf das Innenleben einer seiner Figuren geht. Dort war es das um das Verständnis der Erwachsenen ringende Heimkind, hier die verzweifelt um das Leben ihrer Tochter kämpfende Mutter, die langsam aber sicher erkennen muss, dass es für ihr Kind keine Rettung gibt. Grädler inszeniert freilich nicht mit der kreativen Wildheit Brynychs, aber das muss er in diesem Fall auch nicht. Die Schmerzen der Mutter brauchen keine formale Verstärkung, es reicht, dass er seiner grandios aufspielenden Hauptfigur die Bühne bereitet. DER KOMMISSAR neigte in der Vergangenheit, wenn es um Drogen ging, zum altvorderlichen Spießertum, aber hier hält sich Keller mit seinen Vorverurteilungen dankenswerterweise zurück. Jedes Moralisieren ist fehl am Platze, wenn es um das Leid einer Mutter geht, die ihrem Kind beim Sterben auf Raten zusehen muss. Ein Meisterwerk deutscher Fernsehunterhaltung. Auch nach fast 50 Jahren noch.

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blumenEpisode 39: Als die Blumen Trauer trugen (Dietrich Haugk, Deutschland 1971)

Dr. Trotta (Paul Hoffmann) wird in seinem Haus erschossen. Auf seinem Plattenteller kreiste in den Wochen vor seinem Tod die Platte einer Münchener Beat-Combo (Heino Czechner, Klaus Wildbolz, Tommi Piper, Klaus Höring, Thomas Egg), deren Sängerin Jeanie (Silvia Lukan) selbst kurze Zeit zuvor nach einer missglückten Abtreibung ums Leben gekommen war …

„Als die Blumen Trauer trugen“ hat das Problem, ganz ähnlich aufgebaut zu sein wie die unmittelbar vorangegangene und emotional einfach niederschmetterndere Episode. Auch hier dringt der Zuschauer mittels Rückblenden tief in die Beziehung der männlichen Akteure zu der romantisch verklärten Sängerin ein, die von allen förmlich angebetet wurde. Die Identifizierung des Mörders ist eigentlich nebensächlich gegenüber dem Schmerz, den alle angesichts des Verlusts des „manic pixie dream girls“ spüren und der auch durch die Bestrafung des Täters nicht gelindert werden kann. Im Gedächtnis bleibt auf jeden Fall der Song, der da immer wieder erklingt, mit seiner fremdartigen, aber sofort einnehmenden Gesangsmelodie, in der sich Lebensfreude und eine tiefe Melancholie freundschaftlich die Hand reichen, auf eine Art und Weise, die der deutsche Schlager der frühen Siebzigerjahre perfektioniert hatte.

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Episode 40: Der Tod des Herrn Kurusch (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Herr Kurusch (Wolfgang Büttner) ist der bei allen Mietern verhasste Hausbesitzer, der jeden Monat persönlich die Miete einsammelt und sich trotz seines Reichtums nur eine bescheidene Wohnung gönnt. Der Student Ewald Lerche (Volkert Kraeft) fasst mit seiner Freundin Helga (Christiane Krüger) den Entschluss, den Mann in seiner Wohnung mit einem Hammer zu erschlagen und ihm das Geld abzunehmen. Vor Ort muss er aber feststellen, dass ihm jemand unmittelbar zuvor gekommen ist. Er lässt vor Schreck den Hammer fallen und flieht, wobei er von der Nichte des Toten, Annemarie Kurusch (Cornelia Froboess), gesehen wird. Er ist nun der Tatverdächtige Nummer eins und alle Indizien sprechen gegen ihn. Er ringt Keller die Möglichkeit ab, eigene Ermittlungen anzustellen …

Mit dieser Episode begibt sich Grädler zwar wieder auf vertrautes Krimiterrain, aber „Der Tod des Herrn Kurusch“ ist trotzdem toll, weil Reinecker einfach ein gutes Drehbuch geschrieben hat. Der Fall ist spannend, weil man sich gut mit der misslichen Lage, in der sich Lerche befindet, identifizieren kann. Die Sympathien fliegen ihm zu, obwohl er ja ein ziemlich jämmerlicher Typ ist: Keller hat durchaus Recht, ihm mit unverhohlener Verachtung zu begegnen. Dass Lerche „unschuldig“ ist, ist ja eher einem dummen Zufall geschuldet, als der charakterlichen Tadellosigkeit dieses Feiglings, der sich für ziemlich oberschlau hält, durch eine Verkettung dummer Fehler aber schließlich doch als Mordverdächtiger dasteht. Cornelia Froboess gibt wieder mal eine ihrer irgendwie unsympathisch-verknöcherten Besserwisserinnen, bei denen ich nie weiß, ob diese Figuren wirklich so sein sollen oder ob die Froboess einfach nicht anders kann.

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Episode 41: Kellner Windeck (Erik Ode, Deutschland 1971)

In einem Brunnen findet man den Kellner Windeck (Michael Verhoeven). Er wurde hinterrücks erwürgt und in den Brunnen gestoßen, irgendjemand hat ihm nach dem Tod noch die Schuhe ausgezogen und fein säuberlich auf den Boden gestellt. Bei den Ermittlungen finden Keller und seine Leute heraus, dass Windeck echten Schneid bei den Frauen hatte: Gleich mehrere vergießen ehrlich gemeinte Tränen um den sensiblen, zärtlichen Mann. Als Tatverdächtige kommen sofort drei Männer in Frage, die mit seinem Charme nicht mithalten konnten: sein Arbeitgeber Millinger (Claus Biederstaedt), der fiese Gruber (Hans Korte) und Erich Lorenz (Thomas Frey), der Sohn von Windecks Vermieterin (Angela Salloker) …

Die Episode ist nicht besonders aufregend, wirkt aber unvermindert aktuell, was ja nun eine irgendwie traurige Erkenntnis ist. Männer sind zu einem überwiegenden Teil Machoarschgeigen, die Frauen besitzen wollen, dann aber nichts mehr mit ihnen anzufangen wissen. Ein „Frauenversteher“ wie Windeck muss ihnen ein Dorn im Auge sein. Seiner vermeintlichen „Weichheit“ haben sie nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen, außer natürlich roher Gewalt.

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asylEpisode 42: Ein rätselhafter Mord (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Ein Student wird auf offener Straße erschossen, als er die Wohnung seiner Freundin (Donata Höffer) verlässt. Die Obduktion ergibt, dass der Schuss aus dem ersten Stock eines Mietshauses abgegeben worden sein muss. Zwei Männer kommen für den Mord in Frage: Der Waffensammler Wilfried Kaiser (Thomas Astan), dessen Vater (Herbert Fleischmann) mehrere türkische Gastarbeiter in einer Abstellkammer wohnen lässt, und der Student Heymann (Manfred Seipold), der bei der strengen Frau Bassmann (Maria Wimmer) zur Untermiete lebt …

Es sind eher kleinere Details, die hier interessant sind, vor allem natürlich die Zeichnung des morbiden Wilfried: Dessen Zimmer ist übersät mit Italowestern-Plakaten („Lasst uns töten, Compañeros!“) und auf dem Plattenteller kreist Morricones „C’era una volta il West“ mit deutschem Voice-over, was Kommissar Keller, den alten Spießer, dazu veranlasst, die Augen ganz fest zusammenzukneifen. Der Exkurs zum Thema illegale Gastarbeiter ist auch ein schönes Zeitzeugnis, während die Gelassenheit, mit der Keller und Co. das Geständnis der erwachsenen Frau Schöne (Eva Ingeborg Scholz) aufnehmen, ein Verhältnis mit dem 16-jährigen Nachbarsjungen zu unterhalten, eher verwundert. Die Auflösung hat Reinecker geradwegs aus der Schublade mit der Aufschrift „Küchenpychologie“ gezogen. Und der Soundtrack wird größtenteils von Creedence Clearwater Revival bestritten, was super ist. Alles in allem unterhaltsam, aber kein Meilenstein.

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traumEpisode 43: Traum eines Wahnsinnigen (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Bevor er aus der Nervenheilanstalt fliehen kann, bringt der Verrückte Kabisch noch zwei Menschen um. Gemeinsam mit seinem Arzt Dr. Hochstätter (Curd Jürgens) heften sich Keller und Co. an die Fersen des Mörders. Sie erwarten, dass er die Artistin Eva Raßner (Christine Kaufmann) aufsucht, die er einst umbringen wollte. Gemeinsam mit ihrem Gatten (Günter Stoll) weilt sie in München, weil dort gerade der Zirkus gastiert. Das Problem: Niemand weiß wie Kabisch aussieht, denn dessen Spezialität waren stets seine Maskierungs- und Schauspielkünste …

Hier wird ganz, ganz tief in die Exploitationkiste gegriffen und heraus kommt eine herrlich pulpige Episode, die zu allem Überfluss auch noch fantastisch besetzt ist. Curd Jürgens gibt erwartungsgemäß alles als Arzt, der bei der Behandlung eines kriminellen Masterminds die Grenze zum Wahnsinn höchstselbst überschritten hat. Seine mit unverhohlener Bewunderung für den Irren vorgetragenen Exegesen über dessen Philosophie sind eine echte Schau, entlocken dem nüchternen Keller mehr als nur ein befremdetes Augenrollen. Die Idee mit den Masken ist natürlich auch super, eine schöne Reminiszenz an die Gruselkrimis der Sechzigerjahre, deren Ausläufer zu Beginn der Siebzigerjahre ja immer noch in den Lichtspielhäusern der Nation zu bewundern waren. Man erkennt recht schnell, wer der Täter sein muss, weil Schnauz und Hasenzähne ein bisschen arg angeklebt aussehen, aber die Auflösung ist dann doch ganz hübsch. Horst Frank taucht gleich mehrfach auf und ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte ihn in allen seinen Verkleidungen erkannt. Geiler Pulp!

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Episode 44: Die Tote im Park (Wolfgang Staudte, Deutschland 1972)

Im Englischen Garten wird die Edelpostituierte Erika Halonde (Gaby Gasser) tot aufgefunden. Sie gehörte zum Zuhälter Rotter (Manfred Spies), der darüber erbost war, dass sie ein Verhältnis mit dem Nachtclub-Betreiber Dewanger (Siegfried Wischnewski) hatte. Bei den Ermittlungen bekommt Keller Unterstützung von Gerti Halonde (Heidelinde Weis), selbst eine Prostituierte, die zur Untermiete bei dem schwerkranken Erich Felz (Siegfried Lowitz) lebt. Als Gertis Vater (Martin Held) nach München kommt, hat sie ein Problem, denn er soll natürlich nicht erfahren, welchem Beruf sie nachgeht …

Eher mittelprächtige Folge, die aber von ihrer Milieudarstellung und dem gewohnt tollen Spiel von Heidelinde Weis profitiert. Die Szene, in der der fiese Rotter sie vor ihrem Vater als „Nutte“ bloßstellt und es plötzlich totenstill im zuvor noch pulsierenden Nachtclub wird, ist toll. Und Lowitz übt schon einmal für seine Rolle in der späteren DERRICK-Episode „Stiftungsfest“. Sonst fällt mir nichts ein.

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Episode 45: Schwester Ignatia (Dietrich Haugk, Deutschland 1972)

Die Ordensschwester Ignatia (Maria Becker) erkennt unter den jugendlichen Einbrechern, die nachts aus der Villa eines Millionärs fliehen, Jürgen Gebhardt (Volker Eckstein), in dessen Elternhaus sie zur Pflege seiner schwer kranken Mutter (Berta Drews) ein- und ausgeht. Sie schützt den Jungen, indem sie eine klare Aussage verweigert …

Mit „Schwester Ignatia“ vergeigt Reinecker erhebliches Potenzial: Die Tatsache, dass die Nonne einen Täter deckt, spielt für den Ermittlungserfolg eigentlich kaum eine Rolle, weil Keller und Partner auf ihren Hinweis kaum angewiesen sind. Der eigentliche Täter stellt sich schon ausreichend dumm an, aber wer will es ihm auch verdenken. Wieder einmal geht es hier um höchst fragwürdige Beziehungsspiele, bei denen ein verweichlichter Ehemann solange gute Miene zum bösen Spiel macht, bis die Wildsau mit ihm durchgeht. Passend dazu wird seine Ehefrau von der blonden Quasischwedin Ini Assmann gegeben, deren kurze Filmografie mit Titeln wie DER NÄCHSTE HERR, DIESELBE DAME, CARRERA – DAS GEHEIMNIS DER BLONDEN KATZE, PUDELNACKT IN OBERBAYERN, HUGO, DER WEIBERSCHRECK, BLONDE KÖDER FÜR DEN MÖRDER und SCHULMÄDCHEN-REPORT 6. TEIL: WAS ELTERN GERN VERTUSCHEN MÖCHTEN sehr aufschlussreich bestückt ist. Sie sagt in der ganzen Episode kein Wort, steigt ständig aus dem Pool oder klettert hinein und ist reichlich lazy als personifizierte Sünde gezeichnet.

Sein Ringelmann-Debüt gibt Volker Eckstein, hier mal nicht als blässlicher Softie, sondern als Halbstarker, der von der strengen Ignatia als Gegenleistung für ihr Schweigen auf den Pfad der Tugend geführt wird. Die Folge ist am besten, wenn sie sich der Zeichnung eines höchst banalen sozialen Elends widmet: Jürgens Mutter liegt schwitzend im Bett, ihrem Tod entgegenjammernd, der Vater ist ständig besoffen und völlig ohnmächtig, der Sohnemann will einfach nur weg. Nebenbei spielt Jan Hendriks noch einen arbeitslosen Vater, der ständig seine kleine Tochter verdrischt. Am Ende fällt Schwester Ignatia mit dem Fahrrad auf die Schnauze, als wolle Reinecker auch ihr noch einen mitgeben. Seltsam.

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Episode 46: Überlegungen eines Mörders (Dietrich Haugk, Deutschland 1972)

Auf Erika (Grit Böttcher), die junge Gattin des Unternehmers Hubert Taveller (Harry Meyen), wird ein Mordanschlag verübt. Die junge Frau hatte keinen besonders guten Stand in der Familie, wie Kommissar Keller schnell herausfindet. Sowohl Nora (Claudia Butenuth), Tavellers Tochter aus erster Ehe, als auch seine Ex-Gattin Irene (Nadja Tiller) halten wenig von ihr. Und dann ist da ja auch noch die Hausdienerin Franziska (Christiane Rücker), mit der der Hausherr ein Verhältnis hat …

Ja, nu. Die schöne Besetzung kann nicht ganz verhindern, dass ÜBERLEGUNGEN EINES MÖRDERS den Eindruck macht, als habe Reinecker sie zwischen zweitem Frühstück und Mittagsschläfchen geschrieben. Nicht schlecht, aber vergleichbare Fälle hat man zu diesem Zeitpunkt schon x-mal gesehen.

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schulmaedchenEpisode 47: Tod eines Schulmädchens (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Die Schülerin Kirsten Benda (Helga Anders) wird abends vor einer bekannten Spielhalle erschossen. Bei den Ermittlungen an ihrer Schule finden Keller uns seine Männer heraus, dass die Klassensprecherin bei Lehrern und Schulleitung (Wolfgang Preiss) höchst unbeliebt war: Sie galt ihnen als aufmüpfig, unmoralisch, ja sogar „böse“. Ihr Klassenlehrer Gebhardt (Heinz Bennent) wollte wegen ihr sogar den Beruf aufgeben. Nun, nach ihrem Tod, ist er aber plötzlich ganz anderer Meinung über sie …

Generationenkonflikt à la Reinecker: Schon die Jacke der Benda reicht aus, um den Stab über der Schülerin zu brechen. Wer sich so unweiblich anzieht, der muss mit dem Teufel im Bunde sein. Die Rückblendenstrategie ist hier besonders geschickt, weil ihre einzelnen Segmente den krassen Widerspruch zwischen den Aussagen der Erwachsenen über die ach so verkommene Kirsten und deren wirklichem Verhalten offenlegen. Man ist es schlicht und ergreifend nicht gewohnt, dass eine Jugendlich einen eigenen Willen zeigt, Antworten einfordert oder gar mit Argumenten überzeugt werden möchte, anstatt bloß willige Befehlsempfängerin zu sein. Es ist frappierend, dass niemand wirklich sagen kann, was sich dieser Satansbraten eigentlich hat zu Schulden kommen lassen: Aber auch, dass weder Keller noch seine Leute jemals wirklich danach fragen. Was Erwachsene über Jugendliche sagen, hat eben doch mehr Gewicht.

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tanzEpisode 48: Toter gesucht (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Der Ladenbesitzer Berneis (Bernrad Wicki) fängt Kommissar Keller eines Morgens aufgeregt ab. Er glaubt, sein Sohn Franz (Christopn Bantzer) habe einen Mord begangen, weil er am Vorabend mit einem blutverschmierten Hemd nach Hause gekommen sei. Keller glaubt dem Mann, zumal sich Indizien auf ein dunkles Geheimnis des Sohnes häufen. Nur eine Leiche fehlt …

Eine schöne, wenn auch nicht unbedingt spektakuläre Folge. Bernhard Wicki ist wunderbar mit seinem Rauschebart, dem Hut und dem ständigen Kippenrauchen, wie er seinen Nachbarn Keller da auf offener Straße abfängt, ihn zu einer konspirativen Sitzung in die kleine Küche hinter seinem Gemischtwaren holt und sich dann ständig selbst unterbricht, um sich zu vergewissern, dass sein inkriminierter Sohn nicht die Treppe herunterkommt. Der Kommissar ermittelt gewissermaßen auf eigene Faust, sehr zum Unverständnis seiner jüngeren Untergebenen, die angesichts des Mangels einer Leiche an seinem Verstand zu zweifeln beginnen. Aber Keller kann sich natürlich auf seine untrügliche Intuition verlassen, Er weiß, dass Franz Dreck am Stecken hat und weil ihm die Beweise fehlen, tut er das, was Oberinspektor Derrick später zur Kunstform erheben sollte: Er geht dem Täter mit seinen ständigen Überraschungsbesuchen gnadenlos auf die Nerven.

„Toter gesucht“ ist auch eine verhalten humorvolle Episode, weil sie Keller Gelegenheit gibt, den arroganten Schnösel gnadenlos abblitzen zu lassen. Und in einer ganz famosen Szene hört er sich mit wissendem Lächeln und in aller Seelenruhe die Beleidigungen des Morgenluft witternden Buben an. Es tut ein bisschen weh, weil sein Gegenüber auch ein ganz kleines bisschen Recht hat, wenn er Keller ein tristes Spießerleben vorwirft, aber der schluckt es runter, weil er genau weiß, wo das Großmaul in Bälde landen wird. Dann lässt er sich von dessen Freundin Anita (Eleonore Weisgerber) zu einem Tänzchen auffordern und was eigentlich als Demütigung gemeint ist, wird zum stillen Triumph des alten Mannes, der den Exkurs auf die Tanzfläche durchaus genießt.

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Episode 49: Ein Amoklauf (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Weißmann (Gerd Baltus) hat vor Jahren seinen Schwiegervater sowie seine beiden Kinder erschossen, als er herausfand, dass seine Gattin Hannelore (Krista Keller) ihn mit einem anderen Mann betrügt. Jetzt ist ihm die Flucht aus dem Gefängnis gelungen und Keller und seine Assistenten wissen, wo er hin will: Zu seiner alten Wohnung, wo Hannelore mit besagtem Mann, ihrem neuen Gatten (Götz George) lebt. Während Harry mit dem behandelnden Psychiater (Charles Regnier) in einer Kneipe gegenüber der Wohnung wartet, beschützt Walter die verängstigten Eheleute – und erfährt, was Weißmann damals die Sicherungen durchbrennen ließ …

Eine Belagerungsfolge, die viel Spannung aus ihrer einfachen Konstellation bezieht, auch wenn man ahnt, dass es nicht zu einem weiteren Amoklauf kommen wird. Wie auch in späteren DERRICK-Folgen wird hier wieder ein sehr seltsames und verdrehtes Bild einer „Liebes“-Beziehung gezeichnet: Was ging nur in Reineckers Kopf vor? George interpretiert seinen Neumann ausnahmsweise mal nicht als selbstbewussten Supermacho, sondern im Gegenteil als ziemlich jämmerlichen Feigling, der angesichts des möglichen Todes auf alle vor dem Pfarrer geleisteten Eheschwüre pfeift und nur daran denkt, sein Gewissen zu beruhigen und sauber davonzukommen. Ein ekelhafter Typ. Seine Gattin hingegen entspricht eher dem Typus der gefühlskalten und verantwortungslosen Schlampe, die ihren Mann einst mit perfider Schadenfreude und ohne schlechtes Gewissen hinterging und bizarrerweise keinerlei Probleme damit hat, weiterhin in der Wohnung zu leben, in der ihre eigenen Kindern einen gewaltsamen Tod fanden. Walters Gesichtszüge entgleisen mehr als einmal, ob der Darbietung der beiden, der er da beiwohnen darf.

Baltus als Amokläufer ist natürlich eine strategische Besetzung: Man assoziiert ihn ja eigentlich eher mit biederen Waschlappen der Marke Versicherungsvertreter oder Buchhalter – siehe seine Rolle in der DERRICK-Jahrhundertfolge „Tod des Wucherers“ -, aber in der frühen KOMMISSAR-Episode „Ratten der Großstadt“ agierte er durchaus überzeugend als gemeiner Prolet. Davon ist hier nicht mehr viel zu sehen, und weil von ihm keine echte Bedrohung ausgehen mag, erwartet man eigentlich, dass sich seine Unschuld an dem vergangenen Massaker herausstellt. Die Überraschung, mit der „Ein Amoklauf“ schließt, ist anderer Natur. Und verfehlt ihre Wirkung durchaus nicht. Natürlich ist auch Regnier wieder mal super.

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fricke2Episode 50: Der Tennisplatz (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Ein Obdachloser (Bruno Hübner) wird erschossen in einem geparkten Auto aufgefunden, an seinen Schuhen klebt rote Asche, wie man sie auf Tennisplätzen findet. Eine Spur finden Keller und Co. in einem Obdachlosenheim, wo der Mann anhand eines Fotos als Hugo Bechthold identifiziert wird. Sein Zimmergenosse Biebach (Rudolf Platte) berichtet Keller von Brunos letztem Tag. Anhand dieser Schilderungen gelingt es dem Kommissar tatsächlich den Ort zu finden, an dem der Obdachlose sein Leben verloren hat: Ein besitzerloser Tennisplatz, in dessen Nähe die Villa der Familie Prewall steht. Alles deutet darauf hin, dass der junge Andreas Prewall (Peter Fricker) der Mörder ist …

Reinecker frönt in „Der Tennisplatz“ wieder einmal seinem Menschenhass oder genauer: seiner Verachtung für die Oberschicht, die sich über die Schwächeren erhebt und voller Arroganz auf sie hinabschaut, sich ihrer Überlegenheit ganz sicher, die sich jedoch einzig auf ihre materielle Affluenz gründet. Das Ende ist harter Tobak: Die „feinen Herrschaften“ steigern sich in ihrem sadistischen Spiel mit dem armen, ahnungslosen Kerl in einen wahren Rausch, wie wild gewordene Affen feuern sie ihn an und demütigen sie ihn, bis schließlich die tödlichen Schüsse fallen. Ein bisschen forciert wirkt das schon, vor allem Frickes Charakter zeigt keinen einzigen positiven oder auch nur milde sympathischen Zug. Dass er die ganze Zeit mit seinem wortkargen Freund Jürgen (Roger Fritz) rumhängt, suggeriert seine Homosexualität, auch wenn Reinecker nie wirklich explizit wird.

Er erdet diese Übersteigerung damit, dass er in der Zeichnung seiner Schauplätze sehr abstrakt bleibt: Die Kneipe, in der Hugo seinen letzten Kassler aß (der Wirt ist natürlich wieder einmal Dirk Dautzenberg), der Tennisplatz und die Villa der Prewalls fügen sich nie zu einem schlüssigen geografischen Gesamtbild, es sind Settings, die im luftleeren Raum schweben und die ganze Geschichte so in den Rang einer bitteren Parabel erheben, anstatt sie wirklich in Bezug zur konkreten Realität der BRD anno ’72 zu setzen. Gerade das hat mir super gefallen.

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fluchtEpisode 51: Fluchtwege (Wolfgang Becker, Deutschland 1972)

Gabriele Bebra (Monica Bleibtreu) flieht aus einer Erziehunganstalt. Harald Steinhoff (Joachim Ansorge) gabelt sie auf, verliebt sich in sie und lässt sie im Gartenhaus auf dem Grundstück seines wohlhabenden Vaters (Carl Lange) wohnen. Einige Zeit später findet man Gabrieles Vater (Michael Toost), einen Säufer, tot in seiner Wohnung und Gabriele taucht kurze Zeit später wieder in ihrem Heim auf. Ist sie die Mörderin? Und welche Rolle spielt ihr Bruder Gerd (Martin Semmelrogge)?

Eine dramatische Episode, angesiedelt im Spannungsfeld zwischen tristem, prekärem Kleinbürgermilieu ohne Hoffnung, geprägt von Alkohol, häuslichem Missbrauch und Erziehungsheimen, und wohlhabendem Bürgertum, das zwar mit Wohlstand, aber ohne Empathie ausgestattet ist. Die Szenen im Heim, wo Gabriele nach ihrer freiwilligen Rückkehr zur Strafe für ihre Flucht in „Isolationshaft“ in den Keller gesperrt wird, sind nicht die einzigen, die an COOL HAND LUKE und vergleichbare Knastfilme erinnern. Reinecker trägt vielleicht etwas dick auf mit der Darstellung des Bebra’schen Familienalltags und Carl Lange auf der anderen Seite ist auch nicht gerade für Ambivalenz eingestellt worden, aber Monica Bleibtreu sorgt mit ihrer zurückhaltenden Darbietung für den nötigen Realismus. So wie sich Harald spontan in sie verliebt, als sie ihre Heimschuhe auszieht und wegwirft, geht das auch dem Zuschauer. Man könnte den Rest seiner Tage damit verbringen, ihr dabei zuzuschauen, wie sie tagsüber im Bett liegt und Zigaretten raucht.

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humorEpisode 52: Das Ende eines Humoristen (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Erwin Waldermann (Hanns Ernst Jäger) lebt in der Vergangenheit: Immer noch tritt er regelmäßig auf und erzählt seine 30 Jahre alten Witze, die aber nur noch das genügsamste Kneipenpublikum aus der Reserve zu locken vermögen, und träumt von den angeblich glorreichen Tagen, als er vor ausverkauften Sälen in den Kurorten Travemünde oder Baden-Baden tosenden Beifall erhielt. Als seine Tochter Ursula (Christiane Schröder) ermordet wird, die als seine Managerin fungierte, obwohl sie seine Witze furchtbar fand, bricht Waldermann zusammen …

Oh – mein – Gott. „Das Ende eines Humoristen“ muss eine der bittersten Serien- bzw. Filmerfahrungen sein, die ich machen durfte. Die Figur des jämmerlichen Kalauererzählers, der mit seiner pomadigen Darbietung wie ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten anmutet, sich Abend für Abend selbst der Lächerlichkeit preisgibt, ohne zu merken, wie armselig seine Nummern sind, stürzt den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Man hat Mitleid mit ihm, auf der anderen Seite mag man ihm seinen Realitätsverlust nach einiger Zeit einfach nicht mehr nachsehen. Genau darum geht es auch: Wie kann man jemanden lieben, der einen so miserablen Sinn für Humor hat? Der einfach nicht einsehen will, dass das, was er tut, schlecht, ja unerträglich ist? Der Begeisterung und Teilnahme einfordert, obwohl man sich nur noch abwenden möchte? Reinecker und Grädler geben keine Antwort darauf, und sowohl Ursula wie auch Waldermanns Untermieter Sorge (Alfred Balthoff) müssen als Musterbeispiele christlicher Nächstenliebe gelten, wie sie diesem Verblendeten die Treue halten, sich immer und immer wieder seine grausamen Witzchen anhören. Keller und Co. verstehen es natürlich nicht, als Sorge einmal, als Waldhoff das Zimmer verlässt, die Fassade des fürsorglichen Freundes fallenlässt und seinem Ekel Luft verschafft: Er sei doch Waldermanns Freund? Der Zuschauer ist da schon einen Schritt weiter und weiß, wie es in Sorge aussehen muss.

Aber natürlich reißt einen die Auflösung doch von den Füßen. So sehr man Waldermann auch zurufen möchte, er solle endlich aufhören, so wenig wünscht man ihm dieses Schicksal. Am Ende der Episode ist von ihm nichts mehr übrig. Ich hingegen werde Waldermann nie mehr vergessen.

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drogenEpsiode 53: Mykonos (Jürgen Goslar, Deutschland 1972)

Charlotte (Maresa Hörbiger) und Robert (Bernd Herzsprung) sind mit Drogen im Kofferraum aus Mykonos nach München gekommen, um sich ein paar Tausend Mark für das Leben auf der griechischen Insel zu verdienen. Doch Robert wird bei dem Deal ermordet. Die Spur führt Keller und seine Assistenten in die Drogenszene, in der der Dealer Manni Geckow (Ullrich Haupt) in großem Stil die Fäden zieht …

DER KOMMISSAR geht MIAMI VICE! Naja, nicht ganz, aber ein paar Parallelen kann man durchaus ziehen. Zum Beispiel, wenn Harry im engen T-Shirt und Jeans undercover im „Nirwana“ auftaucht, Fragen stellt und eine heroinsüchtige 13-Jährige mitnimmt. Oder wenn Geckow in seiner Münchener Villa zwischen lauter gut aussehenden Frauen herumscharwenzelt und am Ende ein rauschendes Fest gibt. Unterschiede kann man aber auch festmachen: Während Drogen in der amerikanischen Hitserie längst im Mainstream angekommen sind, regiert hier doch überwiegend erst Ahnungslosigkeit und dann das blanke Entsetzen. Geckow gerät in großäugige Panik, als das Geheimnis seines Wohlstands ans Licht zu kommen droht, und seine Gäste können es kaum glauben, wo sie da reingeraten sind. Goslar bringt in seinem KOMMISSAR-Debüt durchaus etwas Amerikanisches mit ein, was zum Sujet gut passt. Das Finale ist fast schon Action.

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Episode 54: Blinde Spiele (Theodor Grädler, Deutschland 1972)

Gerhard Rauda (Robert Freitag) wird erschossen in einem Boot auf dem Starnberger See treibend aufgefunden. Bei den Ermittlungen findet Keller heraus, dass der verheiratete Mann regelmäßig andere Frauen in sein Bootshaus einlud; Affären, von denen seine Gattin (Anaid Iplicjian) nicht nur wusste, sie war sogar mit seiner Geliebten Erika Kerrut (Anna von Koczian) befreundet. Und jene machte wiederum aus ihrer Affäre mit Rauda vor ihrem Gatten (Hellmut Lange) kein Geheimnis, der sich zum Ausgleich mit dem Hausmädchen (Beatrice Norden) verlustierte. Nur die beiden Kinder (Pierre Franckh und Katharina Seyfert), die sahen das alles nicht so locker wie die Erwachsenen …

Zunächst mal erstaunt die Offenherzigkeit, mit der die Themen Polygamie und offene Beziehungen hier verhandelt werden. Aber natürlich geht es Reinecker nicht darum, alternative Lebenskonzepte zu propagieren, weshalb das ungehemmte Liebesglück auch geradwegs in die Katastrophe führen muss. Selbst wenn das Motiv nicht Eifersucht ist: Es ist unzweifelhaft, dass Reinecker meint, die Raudas und Kerruts haben mit dem Mord nur die Rechnung für ihr unmoralisches Handeln erhalten. Der schöne, utopische Schein zeigt aber vorher schon Risse: Ganz so cool, wie sie tun, sind die Kerruts mit den Affären des jeweiligen Partners dann doch nicht, irgendwann kommt es zum gepfefferten Streit vor den Kriminalbeamten, die sich das selbstzufriedene Grinsen nicht ganz verkneifen können. Keller möchte man für seine dämliche Borniertheit, mit der er die Lebens- und Liebeskonzepte der beiden Paare als größenwahnsinnig und fehlgeleitet bezeichnet, bloß weil er sich nichts anderes vorstellen kann, feste vors Schienbein treten oder ihm einen Cognac in seine ledrige Spießerfresse mit den Schweinsaugen schütten.

Aber letztlich ist es ja genau dieses beständige Schwanken zwischen bilderstürmerischer Modernität und graubrauner Piefigkeit, das an DER KOMMISSAR so fasziniert, weshalb „Blinde Spiele“ natürlich auch keine ärgerliche, sondern im Gegenteil eine supertolle Episode ist.

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Episode 55: Rudek (Charles Regnier, Deutschland 1973)

Der Geschäftsmann Doberg (Siegfried Lowitz) nimmt seinen Kollegen Rudek (Ernst Schröder) mit in das exklusive Bordell von Derrick (Sky Dumont). Dort fällt Rudek aus allen Wolken: Eine der beiden Prostituierten ist seine Tochter Ursula (Ilona Grübel). Außer sich verlässt er mit dem Mädchen die Wohnung und lässt Doberg und Heide (Hildegard Krekel) allein zurück. Am nächsten Morgen ist Derrick tot …

Reinecker nimmt mal wieder die spießbürgerliche Moral aufs Korn: Rudek nimmt zwar für sich in Anspruch, jederzeit in ein Bordell gehen und sich dort von jungen Mädchen verwöhnen lassen zu können, aber wenn es dann die eigene Tochter ist, die er da vorfindet, dann ist das natürlich doch nicht mehr so Ok. Lowitz gibt mal wieder einen seiner altväterlichen Lustmolche und haut den Kollegen im Verlauf der Episode ganz schön in die Pfanne, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen. Klaus Schwarzkopf spielt den drückebergerischen Nachbarn Hauffe, der sich laut Ehefrau (Edda Seipel) gern bei Derrick aufhielt. Die beste Szene ist das Zwiegespräch zwischen dem angespannten Rudel und seiner Tochter, bei der die Ehefrau und Mutter sorgenvoll hinter einer Glastür warten muss, nicht wissend, was eigentlich vorgefallen ist. Regniers Inszenierung ist dunkel, betont die schattenhafte Schwärze des Mietshauses und der Wohnung Derricks. Schön.

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klettEpisode 25: Der Mord an Frau Klett (Dietrich Haugk, Deutschland 1970)

In einem Müllcontainer findet ein Obdachloser auf der Suche nach Essbarem die Leiche einer älteren Dame. Kommissar Keller und seine Leute identifizieren sie schnell als Frau Klett (Else Knott) und machen die Wohnung ausfindig, in der sie zur Untermiete lebte. Doch ansonsten ist nichts über sie in Erfahrung zu bringen. Auch als ihr Sohn Willi (Vadim Glowna) auftaucht, gibt es nur mehr Fragen und keine Antworten …

Eine Episode voller Hoffnungslosigkeit und Tristesse. Es beginnt mit dem Bild des Obdachlosen, der Hinterhöfe und Mülltonnen nach Verwertbarem durchsucht, setzt sich mit der Frauenleiche in der Mülltonne fort und endet beim Schicksal der weiteren Figuren, allesamt vom Leben Betrogene und Vergessene. Da ist etwa der 64-jährige Herr Wachsner (Alfred Balthoff), bei dem das Opfer zur Untermiete wohnte, Kellner in einer schäbigen Pinte, die wenigen verbliebenen Haare mit Brllantine am kohkopfartigen Schädel festgeklebt, der bei seinem Job laut eigenem Bekunden einmal um die Welt gelaufen ist und in Angst einer Zukunft in bitterer Armut und Einsamkeit entgegensieht. Oder eben das Opfer, eine traurig dreinblickende Frau ohne Freunde oder Erfüllung – das einzige, was man bei ihr findet, ist die Nummer der Telefonseelsorge – und einer Familie, die nichts über sie zu sagen weiß. Ihr Mann (Hanns Ernst Jäger) lebt unter einer Brücke und seinen Lebensunterhalt bestreitet er damit, vor dem Zoo Tierstimmen zu imitieren. Das desolate Bild einer im Verschwinden begriffenen Generation hinterlässt auch bei den Protagonisten seine Wirkung: Klein sagt einmal, er habe jetzt erst begriffen, wie furchtbar Mord sei, Keller selbst wird mehr als einmal eingefangen wie er wortlos und in sich versunken nachdenkt, dem sonst so coolen Heines macht die Eigenschaftslosigkeit der Klett sogar Angst.

Es ist eine blöde Phrase, aber „Der Mord an Frau Klett“ scheint mir mit seiner Thematisierung von Altersarmut nach 45 Jahren zu neuer Aktualität zu gelangen, schließlich dürfen sich Millionen von Deutschen, die nicht das nötige Kleingeld für eine private Altersvorsorge haben, mit der Idee befassen. Der Unterschied liegt wohl vor allem in den Gesichtern. In der furchigen Visage eines Herr Wachsner spiegeln sich die Entbehrungen der Kriegsjahre und jahrzehntelanger körperlicher Arbeit, während eine Frau Klett oder ihre Nachbarin Frau Schilp (Hilde Volk) durch ihre „Gattenlosigkeit“ stigmatisiert sind. Ihr ganzes Leben bestand aus Kummer. Dieser hat sich tief in die Mikrostruktur von Haugks Folge eingegraben. Wenn er am Ende zum Kriminalfall zurückkehrt, wirkt das wie ein Exkurs, es ist nur eine Fußnote.

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Episode 26: Die kleine Schubelik (Georg Tressler, Deutschland 1970)

Schubelik, ein bekannter Säufer, wird tot im Bett seiner Wohnung aufgefunden, Frau und Tochter sind vorerst verschwunden. Kommissar Keller findet schnell heraus, dass der Tote vor seinem Tod mit seinen Saufkumpanen Klenze (Peter Kuiper), der regelmäßig seine Frau Irma (Margarethe von Trotta) verdrischt, und Pölich (Josef Fröhlich) gezecht hatte. Schubeliks Frau (Erni Mangold) zeigt sich über den Tod des Gatten überhaupt nicht schockiert, eher im Gegenteil. Und was hat seine Tochter Inge (Susanne Schaefer), die vom Nachbarn Arnim (Thomas Piper) in Schutz genommen wird, mit allem zu tun?

Der deprimierende Blick in das Schicksal von Menschen aus der unteren Gesellschaftsschicht, den Dietrich Haugk schon in der vorangegangenen Episode geworfen hatte, wird dem Zuschauer auch hier aufgezwungen. Besonders sticht der fiese Klenze hervor, ein selbstbewusster Macho, der es gar nicht für nötig hält, seine Verachtung für Schwächere zu verbergen und meint, er würde damit beeindrucken, wenn er mit der bloßen Hand einen Nagel aus einer Wand zieht. Er ist gewissermaßen das Spiegelbild des Toten, über den man die anderen Figuren nur reden hört: Und man ahnt, was für ein Schwein auch der gewesen sein muss. Tresslers Folge besticht mit ihren Charakterzeichnungen und dem Gespür für das Milieu, in dem er sich bewegt. Keller und seine Männer heimsen mit ihrem Mitgefühl für die verschiedenen Opfer Sympathiepunkte ein und dem Täter kann man nicht wirklich böse sein.

Ich hatte schon einmal erwähnt, dass es bei DER KOMMISSAR oft um böse Vaterfiguren geht und „Die kleine Schubelik“ ist ein Paradebeispiel dafür. Ich würde sogar noch weiter gehen: Der Begriff „Vater“ hat seine Bedeutung hier völlig verloren. Es gibt nur noch empathielose, gewaltgeile und dumme Männer.

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Episode 27: Anonymer Anruf (Helmut Käutner, Deutschland 1970)

Der mittellose Student Gersdorf (Martin Lüttge) erhält einen anonymen Anruf, der seiner Gattin Susanne (Gerlinde Locker) eine Affäre mit Gregor Stein, dem Onkel Gersdorfs, nachsagt. Gersdorf macht sich sofort auf zum Haus Steins, der erschossen wird, kaum dass der Student dort eingetroffen ist. Alles spricht für einen Rachemord Gersdorfs, zumal auch dessen Pistole am Tatort gefunden wird, aber der Mann behauptet, hereingelegt worden zu sein. Wer wusste von der Affäre von Gersdorfs Frau mit einem Geschäftspartner Steins? Hatte Ahlsorf (Friedrich Joloff) etwas damit zu tun, der von Stein um seinen ganzen Besitz gebracht worden war?

Käutners Episode „Anonymer Anruf“ ist, wenn ich richtig informiert bin, aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Box enthalten. Es hat also nichts mit dem etwas pikanten Thema der Gelegenheitsprostitution zu tun, von der der eklige Geschäftsmann Schröder (Paul Edwin Roth) sagt, das mache heutzutage ja jeder. Es ist das wahrscheinlich interessanteste Element der Folge, die auffallend konservativ ist. Sogar der längst überwunden geglaubte Brauch Kellers der Anfangstage, alle Verdächtigen zu versammeln, vor ihnen den genauen Tathergang zu rekapitulieren und am Ende den Täter zu enttarnen, wird hier wiederaufgegriffen. Trotzdem ist „Anonymer Anruf“ ganz unterhaltsam, was nicht zuletzt an der Besetzung liegt. Neben den genannten sind auch Jürgen Goslar und Dunja Rajter zu sehen.

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wienEpisode 28: Drei Tote reisen nach Wien (Dietrich Haugk, Deutschland 1970)

Erwin Bessmer (Herbert Steinmetz) erhält einen Anruf aus Wien, wo er sich am Wochenende zuvor mit seinen Jugendfreunden Sasse (Hans Caninenberg) und Roth (Dieter Borsche) vergnügt hat, bei dem ihm mitgeteilt wird, dass man ihn erschießen werde. Wenig später wird die Drohung wahr gemacht und Bessmer in einer Telefonzelle ermordet. Sasse und Roth fürchten nun ebenfall um ihr Leben. Hat die attraktive Katja (Kitty Speiser), die sie mit ins Hotel genommen haben, etwas mit dem Mord zu tun?

Von Beginn an ahnt man, dass „Drei Tote reisen nach Wien“ eine besondere Folge wird. Wie Bessmer in der Telefonzelle durch einen Schuss ins Gesicht getötet wird, ist schon ein besonders happiger Moment, der deutsche Fernsehzuschauer damals in ihrem Ohrensessel kräftig durchgeschüttelt haben dürfte. Regieeinfälle wie jener, die Begegnung zwischen den drei Herren und der jungen Frau in einem Wiener Biergarten als Standbild-Montage festzuhalten, lassen den Weggang von Brynych verschmerzen. Und das Treffen zwischen Keller und seinem Wiener Kollegen Marek (Fritz Eckhardt), der deutschen Zuschauern aus dem TATORT bekannt war, ist so ein postmoderner Crossover-Moment, den man in einer deutschen Krimiserie aus den frühen Siebzigern eher nicht erwartet hat. Richtig durch die Decke geht Haugks Episode aber, weil das Thema so herrlich schmierig ist: Wie diese feinen Herren sich nacheinander von der jungen Frau bedienen lassen, sich beim fliegenden Wechsel zugrinsen und triumphierende Gesten machen, ist schon reichlich ekelhaft. Und es ist ein Vergnügen Sasses Ehefrau (Hilde Weissner) dabei zuzusehen, wie sie ihrem spießigen Mann die Untreue und Feigheit aufs Brot schmiert und der sich vor ihr windet, in Angst und Selbstmitleid zerfließend. Natürlich kommt alles ganz anders, aber man gönnt den dreien jede Sekunde, in der sie kaltschwießig um ihr Leben fürchten.

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moorEpisode 29: Der Moormörder (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Im Moor wird eine Frauenleiche gefunden. In der Nähe befinden sich der Zweitwohnsitz des erfolgreichen Chirurgen Dr. Strobel (Charles Regnier)  sowie der marode Gasthof von Hässler (Harald Leipnitz). Beide wollen weder etwas gehört noch überhaupt eine fremde Person bemerkt haben. Doch dann stellt sich heraus, dass Strobel Stammgast in dem Tanzlokal war, dass auch das Opfer regelmäßig aufsuchte …

Charles Regnier. Ich mag ihn, sein Gesicht, seine Stimme und wie sie in Relation zu seinem Körper steht. Er erinnert mich auch an irgendjemanden von heute, aber ich komme nicht drauf, an wen. Er wirkt auf mich immer ein wenig so, als halte er alles um ihn herum für eine Komödie. Im positiven Sinne, nicht weil er nichts ernst nimmt, sondern weil das seine Weltsicht ist. Im wunderbaren DER WÜRGER VOM TOWER, wo er auch noch eine Doppelrolle spielt, gestikuliert er einmal im Bildhintergrund herum, anscheinend in Richtung Regisseur, aber es wurde einfach dringelassen. Hier erwartete ich auch zu jeder Sekunde, dass er etwas Vergleichbares macht, eiine Grimasse schneidet oder in eine spontane Tanzeinlage ausbricht, aber es ist ihm gelungen, seine Impulse im Zaum zu halten. Ich tue ihm bestimmt Unrecht, aber er bringt ein Element der konstanten Unsicherheit in Beckers Episode ein, die sonst eher geradlinig ist und in erster Linie durch ihr Wallace-Sujet besticht. Gerade auch, weil es wieder einmal um eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung geht und Regnier absolut nicht der Typ für diese preußischen Patriarchen ist, die mit eiserner Hand regieren und niemals Schwäche zeigen. Er bringt eine ganz neue Dynamik in den klassisch aufbereiteten Krimistoff. Ich mag ihn einfach.

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alberti6Episode 30: Besuch bei Alberti (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Firmenchef Alberti (Carl Lange) legt großen Wert darauf, dass sein Angestellter Sidessen (Klaus Schwarzkopf) nicht sieht, welchen Besuch er nach Feierabend noch im Büro empfängt. Weil Sidessen aber etwas vergessen hat, kehrt er noch einmal um – und findet seinen Chef tot vor. Der Mörder kann nicht weit weg sein und Sidessen hechtet ihm hinterher, doch dann ist der Flüchtende verschwunden und da, wo er eigentlich sein sollte, steht Brink (Herbert Mensching), Albertis Schwager, ein unsicherer, zurückhaltender, beinahe ängstlicher Mensch, der von seinem Verwandten übel gedemütigt wurde …

Manchmal sind es eher kleine Details oder einzelne Figuren, die die KOMMISSAR-Folgen auszeichnen. „Besuch bei Alberti“ ist inhaltlich eher uninteressant, der Fall, den es für Keller und Kollegen zu klären gibt, ist unspektakulär, es gibt keine ausgefallenen Regieeinfälle oder wüsten Sleazeschübe – dafür war Staudte wohl nicht der richtige. Aber die Folge entwickelt sich zum slow burner, weil Brink in der Darstellung vom leider viel zu früh verstorbenen Herbert Mensching ein einziges Faszinosum ist und die Neugier, die Keller diesem rätselhaften Menschen entgegenbringt, einige wunderbar intime Szenen hervorbringt. Ich habe die ganze Zeit überlegt, woher ich Mensching kenne, ohne Erfolg. Beim Blick auf seine Filmografie fiel mir dann auf, dass ich ihn erst vor einigen Wochen in der DERRICK-Folge „Der L-Faktor“ gesehen habe. Dort spielt er einen völlig anderen Typen, einen erfolgreichen Wissenschaftler und Machtmenschen, das völlige Gegenteil von Brink, der von sich selbst sagt „keine Fähigkeiten“ zu haben. Und er spielt beide so überzeugend, dass man nicht darauf kommt, dass sich dahinter ein und derselbe Schauspieler verbirgt, auch wenn das Gesicht eben dasselbe ist.

Ein wichtiger Strang von „Besuch bei Alberti“ verfolgt Keller bei seinem Versuch dahinterzukommen, wer dieser Brink ist, ob er der Mörder sein könnte. Er begleitet ihn nach Hause, auf dem Weg holt sich Brink drei Flaschen Bier in einer Eckkneipe. Dann sitzen die beiden Männer zusammen, Brink erzählt von seinem Leben, Keller hört zu. Immer wieder fragt Brink ihn, ob Keller ihn für den Mörder halte, und Keller weiß es nicht, sagt das auch. Aber Brink bleibt ganz ruhig. Man hat Mitleid mit ihm, weil er in seinem Verlierertum sehr sympathisch ist – und ja, auch irgendwie gefestigt. Er weiß, wer und was er ist und hat sich damit abgefunden. Er scheint, wie der karrieregeile Sidessen einmal sagt, tatsächlich viel zu wenig entschlussfreudig, um einen Mord begehen zu können. Dann aber sieht man da ein kurzes Blitzen in seinen Augen: Vielleicht wartet er nur auf den richtigen Zeitpunkt, um allen zeigen zu können, wozu er wirklich fähig ist.

Herbert Mensching ist leider 1981 im Alter von nur 53 Jahren gestorben. Ich habe einen tollen Nachruf gefunden, der anlässlich seines Todes damals in der Zeit erschien, der sehr gut zu seiner Leistung in „Besuch bei Alberti“ passt. Aus einer mittelmäßigen Folge macht er mit seinem Spiel ein Ereignis.

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tanzEpisode 31: Ende eines Tanzvergnügens (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Der Schneider Hans Stoltze wird vor seinem Haus erschlagen, nachdem er mit seiner Freundin Ilo Kusche (Alexandra Marischka) in einem „Beatschuppen“ war. Seine Schwester Lisa (Gisela Peltzer) ist völlig aufgelöst und äußert gegenüber Keller die Vermutung, dass das Mädchen etwas mit dem Tod zu tun habe. Die auffallend attraktive, schweigsame Ilo wird von ihrem Vater (Dirk Dautzenberg) behütet wie ein rohes Ei und kann sich über Verehrer nicht beklagen: Da sind Bigge (Wolfgang Schneider), ein Angestellter von Stoltze, und Barbosse (Karl Michael Vogler), in dessen Boutique Ilo arbeitet …

Was in den ersten Episoden von DER KOMMISSAR die finale Ansprache Kellers vor versammeltem Verdächtigenfeld war, ist zu diesem Zeitpunkt die Rückblende. In „Ende eines Tanzvergnügens“ wird sie im entscheidenden Moment sogar angehalten, während der Voice-over weiterläuft. Es ist das einzige Gimmick einer Episode, die wie die vorangegangenen Arbeiten Staudtes eher durch ihre detaillierten Charakterzeichnungen und genauen Beobachtungen besticht. Im Mittelpunkt steht die betörend schöne Ilo als geheimnisvolle Chiffre – ein Mädchen ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, man erfährt nichts über sie, außer dass sie hübsch ist und ihr die Männerherzen zufliegen. Und dann diese Männer um sie herum, allen voran der Vater, der sie umgarnt wie ein Zuhälter sein bestes Pferd im Stall, genau wissend, dass sich ihre Schönheit für ihn in bare Münze umwandeln lässt. Der feine Boutiquenbesitzer Barbosse ist genau nach seinem Geschmack, ein Mann, der mit seinem Geld hausieren geht, für seine Gattin (großartig: Ellen Umlauf) aber nur noch Verachtung übrig hat. Toll ist auch der eher unbekannt gebliebene Wolfgang Schneider: Wie er zu Hause kurz vor dem ersehnten Date mit Ilo eine heiße Scheibe auflegt, sich sein bestes Jackett anzieht und dabei einen Triumphtanz auf den Teppich legt, ist ein weiteres Highlight in dieser Episode, die dann später noch „Paranoid“ von Black Sabbath abfeuert, zu dem Ilo mit geschlossenen Augen über die Tanzfläche schwoft wie ein arroganter Engel. Es ist die Summe Momente wie dieser, die „Ende eines Tanzvergnügens“ zu einem weiteren Gewinner von Staudte machen.

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anhalterEpisode 32: Die Anhalterin (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Die Studentin Irmgard Lentz (Helga Lehner) wird tot an einem Bahngleis aufgefunden. Kurz zuvor war sie, wie fast jeden Samstag, als Anhalterin mit einem Lkw Richtung Stuttgart aufgebrochen. Wie Keller und Kollegen von ihrer Schwester Erika (Karin Baal) in Erfahrung bringen, hatte sie sich mit einem Fahrer sogar angefreundet. Während die Kriminalbeamten in der Spedition von Egon Schmett (Max Mairich) ermitteln und dessen Fahrer verhören, stellt sich Erika an die Autobahn in der Hoffnung bei jenem Fahrer zu landen, der ihre Schwester auf dem Gewissen hat …

Diese Episode hat nicht so viel für mich getan. Sie ist nicht besonders spannend, weil Karin Baal ihrer Erika viel zu viel Entschlossenheit und Autorität mitgibt, als dass man sich wirklich um sie sorgen müsste, das Drehbuch sich außerdem – der Konvention der Serie geschuldet – gar nicht traut, den Täter frühzeitig preiszugeben. Und dann wieder zu geradlinig, um von überraschenden Wendungen aus der Bahn geworfen zu werden. So bleiben eigentlich nur zwei Eindrücke/Szenen/Sequenzen hängen: der Auftakt, bei dem die Kamera Irmgard im morgendlichen Berufsverkehr verfolgt und der mit einem Blick aus eine fahrenden Zug auf einen rennenden Mann endet, der ihren leblosen Körper auf den Armen trägt, und die Schlusseinstellung, mit der dem Mörder soeben entronnenen Erika, die ins leere blickend an der Leitplanke der Autobahn steht, während die Kamera von ihr wegfährt. Aus ihrer geisterhaften Präsenz am Rande des grauen Asphaltbandes hätte man mehr machen können, als diese insgesamt überraschungsarme Folge. Sogar Werner Pochath ist verschenkt – trotz mal wieder absurdem Haarteil.

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Episode 33: Lagankes Verwandte (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Laganke, Besitzer eines Juweliergeschäfts, wird bei dem Versuch, einen Einbrecher zu stellen, ermordet. Die Hauptverdächtigen sind Lagankes Bruder Joachim (Josef Meinrad), der beim Tod der Eltern und dem anschließenden Erbe einst der Benachteiligte war und in der Villa des Bruders zur Untermiete wohnt, und Sohn Michael (Ralf Schermuly), der gehört wurde, wie er in seiner Wohnung den genauen Tathergang voraussagte. Die beiden sind überzeugt, dass der jeweils andere der Schuldige ist …

Der Clou der Folge ist, dass sich ein ganz anderer als der eigentliche Täter erweist, die beiden Verdächtigen aber am Ende trotzdem die Arschlöcher der Folge sind – eigentich sogar fast noch mehr, als wenn sie selbst Hand angelegt hätten. Susanne Uhlen spielt ein enigmatisches Mädchen, Michaels Freudin, das die ganze Folge über nichts anderes macht, als mit großen Augen in die Kamera zu schauen: Am Ende geht sie einfach mit einem anderen mit, aber nicht ohne in einer Kneipe noch einmal enthemmt getanzt zu haben. Mir hat die Einstellung der beiden Verdächtigen gut gefallen, die sich nach der Enttarnung des Mörders darüber freuen können, nun rechtmäßige Besitzer der Reichtümer des Toten zu sein. Den Menschen, der da gewaltsam seinem Ende zugeführt wurde, haben sie längst vergessen.

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Episode 34: Der Tote von Zimmer 17 (Wolfgang Becker, Deutschland 1971)

Der italienische Zimmerkellner Mario (Peter Chatel) wird gesehen, wie er mit blutigen Händen aus dem Zimmer eines Gastes kommt, dessen Leiche nur wenig später entdeckt wird. Dass der Tote ein Auge auf das Zimmermädchen Andrea (Hannelore Elsner) geworfen hatte, in die auch Mario verliebt war, erhärtet den Verdacht. Doch Kommissar Keller hat berechtigte Zweifel an der Schuld des zurückhaltenden Mannes …

Ganz interessant, weil die ganze Folge in den Räumlichkeiten des Hotels spielt und Harry Klein undercover als Zimmerkellner arbeitet. Die Folge ist auch gut besetzt mit Peter Pasetti, Hans Quest, Hans Schweikart und Joseph Offenbach, aber insgesamt eher Standard. Der Blick auf den traurigen Alltag, der unter dürftigen Bedingungen lebenden Zimmerkellner und den Alltagsrassismus, der dem italienischen Gastarbeiter entgegenschlägt, ist aus heutiger Perspektive sehr erhellend – ein schönes Beispiel für die Gesellschaftskritik, die Reinecker in seinen Drehbüchern eher en passant entwickelt.

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lisaEpisode 35: Lisa Bassenges Mörder (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

Der Lokomotivführer Leo Bader (Klausjürgen Wussow) hat eine Beziehung mit der lebenslustigen Lisa Bassenge (Diana Körner), die ihn immer nackt am Fenster ihrer Wohnung an den Bahngleisen erwartet. Eines Tages findet Leo sie tot auf. Noch entsetzter über ihren Tod scheint aber sein gehbehinderter Bruder Alfred (Boy Gobert), der Keller fortan fleißig bei seinen Ermittlungen unterstützt.

„Lisa Bassenges Mörder“ ist nach den beiden vergangenen, eher herkömmlich gestrickten Episoden wieder ein Beispiel für die Verstrahlungsattacken, die Reinecker bisweilen aus der Feder flossen. Sein Alfred Bader dürfte eine der schrägeren Figuren sein, die er erdachte und die Struktur der Folge, die immer wieder durch Rückblenden aufgebrochen wird, passt dazu. Diana Körner darf als Lisa Bassenge eine Art positiver Femme fatale spielen: Eine Frau, deren sexuelle Freizügigkeit Männer nicht so sehr unterwirft wie sie selbst beflügelt. Alfred gesteht freimütig, die Freundin seines Bruders nur dreimal gesehen zu haben, sie aber trotzdem sehr gut zu kennen – und zu lieben. Die Besessenheit der Figur für die junge Frau ist befremdlich und trägt die Episode, auch wenn Boy Gobert es nicht so ganz gelingt, diese Obsession wirklich glaubhaft zu machen. Ein Unterschied zum zuletzt von mir gefeierten Herbert Mensching, bei dem man nie das Gefühl hatte, er spiele eine Rolle. Gobert stattet seinen Alfred mit allerlei Ticks aus, die umso mehr auffallen, als Klausjürgen Wussow, selbst nicht gerade als Ausbund der schauspielerischen Ökonomie bekannt, neben ihm gnadenlos zurückschraubt. Wahrscheinlich wäre sonst die Bildröhre explodiert. Gert Haucke hat einen schönen Auftritt als Spanner in der Nachbarwohnung.

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todEpisode 36: Tod eines Ladenbesitzers (Wolfgang Staudte, Deutschland 1971)

In einer Kleinstadt wird der Inhaber eines Kramladens erschlagen, kurz nachdem er einen alten Mann unsanft hinausgeworfen hat. Der alte Mann ist ein Bewohner des in der Nähe gelegenen Altersheims, das von dem betrügerischen Sierich (Werner Kreindl) geleitet wird, der die alten Männer wie Gefangene behandelt und nur wenig Respekt oder Achtung für sie übrig hat. Auch der Tote hat bei den Rentnern einen einschlägigen Ruf. Keller ist schnell davon überzeugt, dass die Alten hinter dem Mord stecken: Der intelligente Ohlers (Curt Bois) scheint der Anführer zu sein. Und dann mehren sich die Zeiten, dass ein zweiter Mord bevorsteht …

Meisterwerk! Die Folge mit dem unscheinbaren Titel kokettiert ganz eindeutig mit dem Horrorfilm und die Szenen mit den ziellos im Park des Altenheims umherirrenden Rentnern erinnern Kenner heute ganz ohne Frage an George Romeros DAWN OF THE DEAD – damalige Zuschauer assoziierten vielleicht eher Hitchcocks THE BIRDS: Beides ist legitim. Die vermeintlich harmlosen Greise in ihren grauen Mänteln und Hüten werden sehr geschickt als unterschätzte Bedrohung aufgebaut: Wenn der freundliche Voss (Hans Hermann Schaufuß) ganz sachlich erklärt, er wisse, wie ein Todesschrei klinge, dann fällt einem wieder ein, über welchen „Wissensvorsprung“ die auf einmal gar nicht mehr so putzigen Opas verfügen und man ahnt, wozu sie einst einmal fähig waren. Das steckt ja eh in vielen Folgen von DER KOMMISSAR oder DERRICK mit: Man schaut da mitunter Menschen zu, die im Zweiten Weltkrieg munter mitgemischt haben.

Das reicht schon für denkwürdiges Fernsehentertainment: Werner Kreindl setzt als erst arschiger, dann zunehmend nervöser Sierich noch einen drauf. Ein Dialog zwischen Keller und einer alten Frau, die ihm erzählt, was es bedeutet, alt zu sein und von den jüngeren Menschen entweder bemitleidet oder aber gar nicht mehr gesehen zu werden, kommt in diesem Kontext nicht eben überraschend, trifft aber trotzdem ins Schwarze, weil Staudte alles in kontrastreiche Schwarzweißbilder kleidet, in deren Schatten sich der Tod versteckt. Am Ende werden die Mörder überführt. Es schockt sie nicht. Was macht es für einen Unterschied, ob man nun in dem einen oder dem anderen Knast einsitzt? Während die Schlussmelodie läuft, packen sie ihre Koffer, fast freudig über den bevorstehenden Tapetenwechsel.

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huebnerEpisode 37: Die andere Seite der Straße (Theodor Grädler, Deutschland 1971)

Auf offener Straße wird ein Mann im Beisein seiner Nachbarn (u. a. Gerd Baltus, Bruno Hübner und Klaus Höhne) erschossen. Doch die behaupten anschließend steif und fest, niemanden gesehen zu haben. Sie haben Angst: Denn am Ende der Straße ist ein berüchtigte Gangsterkneipe, und aus der kommt wohl auch der Mörder.

Reinecker bewegt sich mit seiner Geschichte diesmal tief ins Milieu, in einer Straße, deren Bewohner Angst vor dem Gesindel vor ihrer Wohnungstür haben, in einfachen Verhältnissen leben und sich davor fürchten, auch diese noch zu verlieren. Eine wichtige Rolle spielt der alte Galusch (Bruno Hübner), der Hausmeister, der einst von seiner Frau verlassen wurde und nun mit seiner Enkeltochter Eva (Christine Ostermayer) zusammenlebt. Die gemeinsamen Szenen der beiden sind der emotionale Anker der Folge und ungemein anrührend. Die einfache Arbeiterwohnung, auf deren Herd der zerknautschte, vom Leben betrogene Mann da abends seine Suppe anrührt, erinnerte mich nicht wenig an die Wohnung meines Großonkels, in der ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Kindheit zugebracht habe. Hübner ist brillant in der Rolle, und er hat eines dieser Gesichter, die es heute nicht mehr gibt, in die sich jahrzehntelange Entbehrungen eingegraben haben und die mehr als alles andere der Schwerkraft zu unterliegen scheinen. Wenn er da seinen ganzen Mut zusammengreift, nachdem seine Enkelin ihm erzählt hat, dass seine Gattin ihn immer für „zu dämlich für Geld“ hielt, und in die Gangsterkneipe schreitet, einen Deal planend, von dem der Zuschauer instinktiv weiß, dass es sein erster und letzter sein wird, möchte man ihm zurufen, sich ihm in den Weg stellen, ihn trösten, irgendwas tun, um ihn von seinem dummen Vorhaben abzubringen. Später begreift seine Enkelin wie verletzend ihre achtlos hingeworfene Bemerkung war, wie sehr sie die Würde und Selbstachtung eines ohnehin schon gebeutelten Mannes damit noch weiter ausgehöhlt hatte. Aber da ist es schon zu spät. Sein Tod hallt nach und „Die andere Seite der Straße“ wiegt auch wegen ihm schwerer als andere.

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1Episode 18: Dr. Meinhardts trauriges Ende (Michael Verhoeven, Deutschland 1970)

Dr. Meinhardt wird morgens tot auf der Terrasse vor seinem Haus aufgefunden: Man hat ihn offensichtlich aus dem Fenster des ersten Stockes gestoßen. Die Haushälterin Frau Wienand (Luise Ullrich) berichtet von einem Treffen des Toten mit seinen Freunden am Vorabend, Dr. Bibeina (Richard Münch) und Dr. Crantz (Karl John). Doch im Wohnzimmer Meinhardts findet Kommissar Keller Spuren einer weiteren Person, einer Frau …

Vielleicht mussten die Produzenten ihr Publikum nach drei surrealen Brynych-Folgen mit etwas deutscher Krimiklassik versöhnen. Michael Verhoeven, damals gerade knapp über 30, inszeniert eher unauffällig, Herbert Reinecker reaktiviert sogar den schon für ad acta gelegten Brauch der finalen Verdächtigenversammlung und der Keller’schen Poirot-Annäherung. Dass das Ende von Meinhardt besonders „traurig“ ist, wie es der Titel besagt, macht vor allem der schwermütige Score klar, ansonsten erfährt man aufgrund der Strategie Reineckers, mit dem Leichenfund zu beginnen, nur aus zweiter Hand über ihn. So bleibt alles auf Distanz, die Episode fliegt so vorbei. Die schönste Szene zeigt Keller an seinem Hochzeitstag mit seiner Gattin in einem feinen Restaurant, wo er beim Essen einfach nicht aufhören kann, an seinen Fall zu denken. Natürlich kommt ihm genau dort die entscheidende Idee und seine Ehefrau trägt es mit Fassung und Humor. Es steckt auch wieder einmal etwas Generationenkonflikt im Drehbuch, aber echte Wirkung hat das bei mir nicht erzielt. Vielleicht war ich auch zu müde.

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4Episode 19: In letzter Minute (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Nach sechs Jahren Haft wegen Totschlags wird Kossitz (Heinz Reincke) auf freien Fuß gesetzt. Kommissar Keller und seine Männer sind sofort in Hab-Acht-Stellung, denn bei seiner Verurteilung hatte Kossitz seinen besten Freund Limpert (Peter Eschberg) und seine Gattin Erna (Maria Sebaldt), die ihn verraten hatten, bedroht. Zwar ist Limpert längst mit Hilde (Gisela Uhlen), der Ex-Frau des damaligen Opfers zusammen, doch der Zorn scheint noch nicht verflogen. Keller vermutet, dass der Grund für den Rachedurst ein ganz anderer ist: Vielleicht war Kossitz gar nicht der Täter …

An das etwas behäbige Tempo vorangegangener Episoden erinnert hier eigentlich nur noch der Titel: „In letzter Minute“ würde heute, in unserer beschleunigten Welt garantiert „In letzter Sekunde“ heißen. Sonst tritt Becker aber ziemlich auf die Tube und nähert sich dem ungefähr zur selben Zeit aufkeimenden deutschen Sleaze von Olsen und Kollegen an, an den ja auch Heinz Reincke erinnert, der hier mal nicht die gutmütige Frohnatur spielt, aber mit dazu beiträgt, dass diese Episode als alkoholreichste in die Geschichte einging. Vertraut man dem Eintrag bei Wikipedia werden insgesamt 27 Drinks gekippt, so viel wie später nie wieder. Passend dazu zoomt und schaukelt die Kamera in den Szenen im Club der Ganoven, in dem ein Lester Wilson nebst schwofenden Tänzerinnen auftritt, wie auf hoher See. Zum Ausgleich für diesen Exzess stirbt dann immerhin mal keiner. Auch das Script ist sehr geschickt, verbindet die Frage nach dem wahren Täter mit dem nervösen Warten aller darauf, dass Kossitz zuschlägt. Das summiert sich am Ende zu einem weiteren Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

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Episode 20: Messer im Rücken (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Ein Taxifahrer sammelt einen an der Straße stehenden Mann auf. Nur wenige Sekunden später stirbt er auf der Rückbank an den Folgen eines Messerstichs. Der Tote erweist sich als Geschäftsmann Traufer, dessen Ehefrau Maria (Christiane Krüger) ein Verhältnis mit dem Halbstarken Ingo (Jörg Pleva) hatte, Sohn des Säufers Hugo Blasek (Helmut Käutner), der über der Kneipe wohnt, vor der Traufer den tödlichen Messerstich erlitten haben muss. Traufers Schwager Gernot (Herbert Bötticher) und seine Gattin Margareta (Ursula Lingen) waren nur wenig begeistert von der Beziehung Marias …

Dass Wolfgang Staudte die Episode inszenierte, weckt Hoffnungen, die die Folge nicht ganz einzulösen vermag. Unmittelbar nach „In letzter Minute“ wirkt sie doppelt so behäbig wie sie eigentlich ist, die jugendlichen Halbstarken, die ein paarmal ins Bild gerückt werden, will Staudte ganz offenkundig nicht als Sündenböcke verbraten, wie es das Drehbuch von Reinecker wohl im Sinn hatte. So entspinnt sich ein leidlich interessanter Fall, wie er nach 19 Episoden bereits zum Standard gehört. Herausragend ist lediglich die Figur des Hugo Blasek, von Staudtes Regiekollegen Käutner mit wunderbarer Lakonie, Zurückhaltung und schlurfiger Gemütlichkeit verkörpert, die die Figur vom Klischee zum lebendigen Original macht.

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6Episode 21: … wie die Wölfe (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Eine alte Frau, Bewohnerin eines heruntergekommenen Mehrparteienhauses, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass sie kurz zuvor 3.000 DM beim Lotto gewonnen hatte, und ihre Mitbewohner allesamt in mehr oder weniger akuter Geldnot stecken. Erster Verdächtiger ist der Alkoholiker Gassner, bei dem ein 500-Mark-Schein aus dem Besitz der alten Dame gefunden wird. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Keller und seiner Männer den schicksalhaften Abend für ihn nach …

Staudtes zweite KOMMISSAR-Episode ist die schon bei „Messer im Rücken“ erhoffte Meisterleistung: Das Szenario ist dem aus Haugks meisterlicher Folge „Das Ungeheuer“ nicht unähnlich. Hier wie dort haben es Keller und sein Ermittler mit einem gesellschaftlichen Mikrokosmos zu tun, der sich ihnen in all seiner spießigen Hässlichkeit darbietet. Alle trachteten sie der alten Frau nach dem Geld, versuchten es ihr bei jeder Gelegenheit abzuluchsen. Besonders schlimm ist Frau Beilke (Grete Mosheim), die idealtypisch die neugierige, verleumderische Nachbarin verkörpert und nie weit von Keller entfernt ist, um ihm ihre Beobachtungen und Vermutungen brühwarm mitzuteilen – und natürlich bloß keinen Ermittlungsfortschritt zu verpassen. Tappert ist fantastisch in einer Rolle, die seinem wenige Jahre später erschaffenen eiskalten Derrick diametral entgegengesetzt ist: Gassner ist ein unsicherer, jämmerlicher, aber auch hoffnungslos harmloser Verlierer, der in seiner ganzen Jämmerlichkeit zum großen Helfer der Wahrheit wird. Das hat schon fast psychoanalytische Qualitäten wie sich Keller seiner annimmt und ihm dabei hilft, den Schleier des Suffs abzuwerfen und endlich klar zu sehen.

Staudte inszeniert sehr effektiv: Es hilft immens, dass die Episode die Räumlichkeiten des Mietshauses fast gar nicht verlässt und annähernd in Echtzeit erzählt ist. Toll!

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Episode 22: Tod eines Klavierspielers (Michael Kehlmann, Deutschland 1970)

Eine Standardfolge, die ich nicht besonders interessant fand. Nur Günther Ungeheuer als Berufskrimineller ist wie fast immer toll.

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7Episode 23: Tödlicher Irrtum (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Ein Mörder beichtet einem Pfarrer einen Mord. Doch Frau Dönhoff (Agnes Fink), sein angebliches Opfer, ist noch am Leben. Als ihrer Haushelferin tot in einem Zimmer aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder einer Verwechslung erlegen ist – und möglicherweise erneut zuschlagen wird. Er muss zudem aus dem Haus der Dönhoff kommen, die gleich mehrere Männer zur Untermiete wohnen hat …

Die Idee ist ganz hübsch und die Szenen um den Pfarrer beschwören den Charme der im vorangegangenen Jahrzehnt so erfolgreich gelaufenen Wallace-Filme. Ansonsten gefällt vor allem die Besetzung: Anton Diffring gibt den eitlen Roland Sauter, der die Dönhoff zugunsten einer jüngeren Frau hat sitzen lassen, Georg Konrad den mürrischen Heider, Ullrich Haupt Döhoffs Ex-Gatten Benno, der nicht damit einverstanden ist, wie sie ihren leiblichen Sohn (Thomas Astan) behandelt. Es ist eines dieser klassischen Whodunit-Szenarien, das hier aber etwas interessanter ist als sonst, weil die Ermittlungsarbeit in nicht unbeträchtlicher Weise daraus besteht, auf eine zweiten Versuch des Mörders zu warten.

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8Episode 24: Eine Kugel für den Kommissar (Erik Ode, Deutschland 1970)

Auf Kommissar Keller wird geschossen, direkt vor seinem Haus. Es ist nur ein Streifschuss, aber ein kurz darauf eingehender Anruf des Täters macht klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Während sich Grabert, Heines und Klein in der Münchener Kneipenszene umhören, begibt sich auch Kellers Ehefrau auf Tätersuche. Der Spitzel Diebach (Harald Juhnke) nimmt sich ihrer an …

Die von Ode höchstselbst inszenierte Episode ist eine schöne Mischung aus allem, was die Serie bis zu diesem Zeitpunkt in ihren besten Momenten auszeichnete. Da ist die mild-chauvinistische Kumpelei zwischen Keller und seinen „Söhnen“, die sich nach dem Attentat bei ihm sogleich bei ihm einquartieren, mit ihm Schnäpschen trinken und so gar keinen beamtischen Eindruck machen, die großzügig-milddtätige Herablassung Kellers gegenüber seinem Eheweib, die psychotronischen Elemente, wie etwa eine Billardkeilerei zwischen Grabert und dem verdächtigen Rosser (Klaus Löwitsch) oder die „Milieustudie“ mit dem verängstigten Diebach und ein durchaus angenehmer Humor, der natürlich Platz lässt für herrlich angegraute Dialoge über „brandneue Aufnahmen“ und „heiße Nummern“. Die Handlungsstruktur der Folge ist hingegen eher ungewöhnlich mit seinen zwei nebeneinander herlaufenden Strängen und hätte so richtig wegweisend sein können, hätte man die sich anbietende Gefahrenssituation für Kellers Gattin auf die Spitze getrieben. Stattdessen geht alles überaus glücklich und ohne echte Bedrohung für sie aus. Das Finale ist dann aber dennoch erstaunlich zupackend und beinahe noiresk. Insgesamt eine starke Folge, die ich Ode so gewiss nicht zugetraut hätte.

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Die bis heute lebendige deutsche Fernsehkrimi-Tradition begann nicht erst mit DER KOMMISSAR. Schon vorher hatte es verschiedene Formate gegeben, von denen die von Jürgen Roland und Wolfgang Menger erdachte Serie STAHLNETZ möglicherweise die bekannteste war. Und Erik Ode, der in DER KOMMISSAR den Titelhelden Keller spielte, war zuvor schon einige Male in DAS KRIMINALMUSEUM zu sehen gewesen, der ersten vom ZDF produzierten Krimiserie. Wohl aber begann mit DER KOMMISSAR die Tradition der starken Ermittlerfiguren und, wenn man den TV-Historikern glauben mag, der Psychologisierung. Keller folgten der ebenfalls von Herbert Reinecker erdachte Stephan Derrick, Erwin Köster und seine Nachfolger in DER ALTE, aber auch die ARD-Produktion TATORT mit ihren wechselnden Ermittlern sowie Dutzende weiterer Kriminalbeamten und Detektive mit ihren Formaten, aber nur wenige von ihnen brannten sich als Figur so stark ein ins kollektive deutsche Gedächtnis wie Odes Keller, der Übervater der deutschen Nachkriegsgeneration, der Gerechtigkeit brachte, aber immer auch Verständnis für die Umstände, die ganz normale Menschen zu Mördern machte.

Während Stephan Derrick fünf Jahre später wie ein vom Staat geschickter Racheengel mit unnachgiebigem Ehrgeiz und dem Furor des Gerechten über die kleinen Sünder kam, da interpretierte Ode seinen Keller als freundlich-salomonischen Hirten, der dafür sorgte, dass seiner Herde kein Schaden wiederfuhr. Mit seinen Assistenten Grabert (Günther Schramm), Heines (Reinhard Glemnitz) und Klein (Fritz Wepper) verband ihn eine ebenson väterliche Beziehung, die Gattin, die ihm in einigen frühen Folgen Medizin ans Krankenbett brachte, das Essen zubereitete und ihm ein offenes Ohr schenkte, konnte bald weichen, weil dieser Keller sein Privatleben für die Bundesrepubik geopfert hatte und in seinem nach Linoleum duftenden Büro alles hatte, was er brauchte. Sein Berufsalltag mit den folgsam-fleißigen Assistenten erinnert ein bisschen an die frauenlose Heiterkeit der Cartwrights auf der Ponderosa. Man lacht gemeinsam, erfreut sich an der eigenen Gerissenheit, sagt zu Tabak und Alkohol niemals nein, weil das der Treibstoff ist, der nimmermüde Staatsdiener am Laufen hält. Frauen wie die alte Vorzimmerdame Rehbein (Helma Seitz) sind entweder zum Kaffeekochen da oder, im Falle der Polizistin Helga Lauer (Emely Reuer) bloßes Eye Candy für den Zuschauer, damit der nicht am Testosteronüberschuss verendet.

Die ersten Folgen – die meisten der in diesem Text enthaltenen – folgen einer zunächst fest gefügten Struktur. Die Episoden beginnen mit dem Fund einer Leiche. Danach fangen die Ermittlungen von Keller und seinen Männern an, die das Feld der Verdächtigen sondieren, bevor am Ende alle in einem Raum versammelt werden, in dem Keller im Stile alter Meisterdetektive den Mörder enttarnt. Der Ton ist heiterer und ausgelassener als bei DERRICK, weniger schadenfoh und zynisch, und das Schwarzweiß der Serie auch sonst programmatisch: Gut und Böse sind ziemlich klar auseinanderzuhalten, während es bei DERRICK in unzähligen Schattierungen von Braun, Beige, Grau und Grün ineinanderfließt.

Episode 01: Toter Herr im Regen (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Ein wohlhabender Mann wird tot im Rinnstein einer schlechten Münchener Gegend aufgefunden. Bei den Ermittlungen finden Keller und Co. hinaus, dass es um Dr. Steiner handelt, einen Mann, der bei seinen erwachsenen Kindern verhasst ist und seiner Geliebten immer wieder mit sadistischen Streichen zusetzte. Im Haus, vor dem er ermordet wurde, lebt ein Teenagermädchen, mit der er seine Partnerin betrog. Eines von vielen Beispielen für Reineckers Drehbücher um hassenswerte Vaterfiguren. Eine Tradition, die im KOMMISSAR und auch in DERRICK weiterleben wird.

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Episode 02: Das Messer im Geldschrank (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Die Putzfrau findet beim Saubermachen in einem Nachtclub ein totes Animiermädchen. Wer war ihr Mörder? Der Clubbesitzer Brandic (Lukas Ammann), der nur am Geld interessiert ist, sein gutaussehender, aber vorbestrafter Bruder Juri (Michael Maien), der Kellner Sommer (Wolfgang Völz), der sich mit seinem kargen Gehalt einen teuren Sportwagen leisten kann, der mysteriöse Pianist Benitz (Herbert Bötticher) oder die Mitbewohnerin und Kollegin des Opfers, die blonde Schöne Marion (Ann Smyrner)? Höhepunkt der Episode ist ein Spaziergang Kellers mit der jungen Blondine, der in den frühen Morgenstunden bei einem Schnäpschen in ihrem Appartement endet. Kellers melancholischer Blick scheint die romantischen Möglichkeiten, die sich bieten, zu spiegeln, aber natürlich bleibt er standhaft. Und scharfsinnig.

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Episode 03: Ratten der Großstadt (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Der Wirt einer Pinte am Großmarkt wird tot aufgefunden. Zu den Verdächtigen zählt die Bande um Krass (Horst Frank): Der Säufer Bender (Gerd Baltus), Palle (Fred Haltiner), Krüger (Klaus Schwarzkopf) und der etwas irre Mozart (Werner Pochath) gingen in der Bierschwemme ein und aus. Grabert wird als Ex-Knacki in der Gang eingeschleust, um etwas herauszufinden. Irgendwann redet Bender und belastet Mozart. Doch Keller glaubt nicht an die Schuld des armen Tropfs. Baltus ist grandios als versoffener Asi Bender, Pochath brilliert in einer seiner vielen Außenseiterrollen. Wie ein Kind stolziert er in Badehose durch das Wasser der Isar, seine Kumpels wie ein Kind den Papa immer wieder um Aufmerksamkeit anbettelnd.

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Episode 04: Die Tote im Dornbusch (Georg Tressler, Deutschland 1969)

Diesmal führen die Mordermittlungen Keller und Co. in eine Raststätte: Die Gattin des Besitzers Panofsky (Paul Albert Krumm) wurde tot aufgefunden, an der Autobahn entsorgt von dem Lkw-Fahrer Wiegand (Arthur Brauss). Die Tote war nach etlichen Zeugenaussagen von loser Moral und unterhielt vor den Augen ihres Mannes zahllose Liebschaften. War es Mord aus Eifersucht? Lust und offen ausgelebte Sexualität sind Mysterien, die Keller und seine Männer, aber auch die gesamte deutsche Gesellschaft noch nicht wirklich verstehen. Es brodelt unter der Oberfläche, die mit der Extraportion Bleiche und Stärke blütenweiß und faltenfrei gehalten wird wie ein Leichentuch.

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Episode 05: Ein Mädchen meldet sich nicht mehr (Theodor Grädler, Deutschland 1969)

Es verschlägt Keller und Assistenten ins Studentenumfeld und die Drogenszene. Die Tote verkehrte in einschlägigen Lokalen – u. a. im Etablissment von Proschitz (Günther Ungeheuer) – und wollte ihren Freund Tanieff (Peter Chatel) vom Marihuana wegbringen, dem dieser rettungslos verfallen war. Die Episode ist ein einziges Absurdion, von Kellers Aussage „Die Intoxikation ist unverkennbar!“, als er einem Marihuana-„Süchtigen“ in die Augen schaut, über die Frage, ob Tanieff sein „Marichuana“ trinke oder esse, bis hin zur Vorführung eines Joints: einer kleinen Zigarette mit einer weißen Kapsel drin. Wer kifft, der ist nicht mehr zurechnungsfähig, ein armer Tropf, der orientierungslos in der Welt herumirrt, bösen Drogenhändlern für immer ausgeliefert. Und „Reefers“ (was ein bisschen wie „Reval“ klingt) kauft man natürlich auf dem Klo vom dubiosen Rudolf Schündler. Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Hatte Reneicker wirklich keine Ahnung oder wollte er sein Publikum trollen? Besonders komisch ist die Merkbefreitheit der Tugendwächter, die über den Drogenabgrund schwadronieren, aber in einer Tour Cognac und Bier in sich hineinschütten und in einem Büro hocken, dessen Luft man schneiden kann.

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Episode 06: Die Pistole im Park (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Auf dem ausladenden Grundstück des reichen Geschäftsmannes Wegener (Peter van Eyck) wird dessen junger Gärtner erschossen – kurz nachdem jemand versucht hat, Wegener zu erpressen. Alle verhalten sich überaus merkwürdig, nicht zuletzt die Sekretärin Wegeners, die attraktive Hannelore Krems (Marianne Koch). Nur die Küchenfrau Frau Hicks (Rose Reneé Roth) zeigt so etwas wie ein Gewissen und vertraut sich Heines an, der für die Ermittlung in der Villa bleibt. Eine eher unaufregende Episode, aber die Koch ist supersexy und van Eyck thront mit gewohnt preußischer Souveränität über allem.

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Episode 07: Keiner hörte den Schuss (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Das Opfer ist diesmal ein Mann, der Rohdiamanten für den Juwelier de Croy (Wolf Rilla) transportieren sollte. Seine Ehefrau, das Modell Eva Kersky (Erika Pluhar) ist erstaunlich ungerührt ob der Todesnachricht. Was den Vater des Toten, den im Rollstuhl sitzenden Ernst Fritz Fürbringer, der die Schwiegertochter über alles hasst, überhaupt nicht wundert. Ist sie die Mörderin? Aber auch andere bieten sich als Tatverdächtige an, etwa der Vorbestrafte Blago (Michael Hinz), der von den Diamanten wusste. Highlight ist die bizarre Modenschau eines schwulen Designers, bei der auch Amanda Lear als Model mitwirkt. Und Erika Pluhar ist unfassbar sexy. Wie sie am Schluss nach der Enttarnung des Mörders kommentarlos  abzieht und die feine Patriarchengesellschaft keines Blickes mehr würdigt, ist unfassbar cool. Das muss sogar Keller würdigen, der liebe Onkel.

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Episode 08: Der Tod fährt 1. Klasse (Wolfgang Becker, Deutschland 1969)

Zum ersten Mal wird das Konzept gewandelt. Die Jagd nach einem Frauenmörder, der immer freitags im Zug von Dortmund nach München zuschlägt, gestaltet sich im Showdown überaus fiebrig. Grabert, Heines und Klein kämpfen an der Front, mit der langbeinigen Kollegin Lauer als Köder für die Bestie, aber es ist Keller, der die Identität des Killers aus der Distanz enttarnt. Beste Folge bis hierhin, mit toller Kameraarbeit im klaustrophobischen Finale, in dem geschickt mit Unschärfen gespielt wird. Und es gibt wieder einmal eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung. Deutschland nach dem Krieg. Die Papas kannten sich mit dem Vertuschen von dunklen Geheimnissen gut aus, die Söhne waren nur noch angeekelt.

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Episode 09: Geld von toten Kassierern (Georg Tressler, Deutschland 1969)

Bei einem Banküberfall wird der Direktor erschossen. Der Verdacht fällt sofort auf Kranz (Siegfried Lowitz), den Keller einst in den Bau brachte. Der ist erbost: Nie hatte er jemanden umgebracht. Die nächsten Banküberfälle folgen, immer auf Geldinstitute, die auf Kranz‘ einstiger Wunschliste standen. Wie schon in der DERRICK-Folge „Stiftungsfest“ beeindruckt Lowitz mit Berliner Schnauze als ehrenhafter Bankräuber. Die Szenen in seiner heruntergekommenen Wohnung, in der er seiner Minirock-tragenden Tochter Moralpredigten hält, bleiben im Gedächtnis, der Fall selbst ist nicht ganz so spannend.

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Episode 10: Schrei vor dem Fenster (Dietrich Haugk, Deutschland 1969)

Der Ehemann der Schauspielerin Irene Pauli (Maria Schell) wird erschossen aufgefunden. Der Hausmeister sieht noch den Sohn Berthold mit einer Waffe in der Hand wegrennen. Es entbrennt eine Jagd auf den Flüchtigen Mordverdächtigen, während die Pauli Keller und seine Männer verzweifelt von der Unschuld ihres Jungen überzeugen will. Für den Toten – einen Tyrann, den offensichtlich jeder hasste – interessiert sich hingegen kaum jemand. Das kennt man inzwischen. Die Folge, die in einer einzigen Nacht spielt und mit einer tollen handgehaltenen Einstellung beginnt, ist trotzdem eine der stärksten der ersten 10.

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