friday the 13th (sean s. cunningham, usa 1980)

Veröffentlicht: Mai 20, 2015 in Film
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Dieser Text hat mich vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass der Startschuss für die berühmteste und erfolgreichste Slasherfilm-Serie dieses Jahr seinen 35 Geburtstag feiert. Ein Superanlass, mit meinem „Reihen-Special“ weiterzumachen, zumal ich die FRIDAY THE 13TH-Filme, die ich abgöttisch liebe, sowieso mal wieder von vorn bis hinten durchgucken wollte. In meiner gut zehnjährigen Filmschreiberlaufbahn habe ich tatsächlich noch kein einziges Mal über die Jason-Voorhees-Mordsaga geschrieben, was ein untragbarer Zustand ist, dem dringend Abhilfe geschaffen werden muss. Bevor ich mich dem Film selbst zuwende, immer noch eine der ertragreichsten Indie-Produktionen der Filmgeschichte, die weltweit das Zigfache ihres bescheidenen Budgets einspielte, muss ich aber kurz auf meine persönliche Beziehung zur Reihe eingehen. Anders lässt sich meine Liebe für diese Filme kaum verstehen.

Ganz wichtig: FRIDAY THE 13TH und der Killer mit der Eishockeymaske waren mir schon Jahre bevor ich tatsächlich den ersten Film zu Gesicht bekam ein Begriff. Zuerst war da das miese C64-Computerspiel, das damals zur Veröffentlichung von Joseph Zitos viertem Teil erschien und dessen Plakatmotiv als Cover hatte. Es verfügte, wie viele Computerspiel-Adaptionen von Filmen über ein miserables Gameplay und eine selbst an den damaligen Möglichkeiten gemessene unterdurchschnittliche Grafik. Trotzdem hatte es eine gewisse verstörende Qualität: Immer, wenn der Killer im Spiel zugeschlagen hatte, gab das Spiel ohne jede Vorwarnung ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich, das einem unweigerlich die Nackenhaare hochstellte und einen während des Spiels in einen Zustand permanenter Anspannung versetzte. Später dann, ich muss 11 oder 12 gewesen sein, erzählte mir ein Klassenkamerad von eben jenem FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER und ich ließ mir von ihm auf dem Schulhof minutiös alle Mordszenen beschreiben. Monster und Horrorfilme hatten seit meiner Kindheit einen immensen Reiz auf mich ausgeübt, gleichzeitig hatte ich aber großen Respekt vor ihnen und traute mich nicht so recht an sie heran. Berichte wie die meines Schulfreundes waren gewissermaßen meine Ersatzdroge und sie ließen die Filme in meiner Vorstellung bedrohlich anwachsen. In den blutigsten Farben malte ich mir diesen unerhörten FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER aus und verlieh ihm so einen unerreichbaren Legendenstatus. Etwas später verschlang ich dann die Hasstiraden, die ihnen die Autoren Hahn/Jansen den Filmen in ihrem Horrorfilm-Lexikon angedeihen ließen und blätterte verzückt in den Ausgaben der Fangoria, die ich in einem örtlichen Comicladen ausfindig gemacht hatte. In jenen Jahren gegen Ende der Achtziger war Jason nichts anderes als ein Popstar und jedes neue Sequel erhielt in dem amerikanischen Horrormagazin seinen ausladend bebilderten Artikel. Im Fokus standen dabei nicht nur die Bilder des hünenhaften Kilelrs selbst, sondern auch seiner grausamen Mordtaten. Meine Vorstellungen von einst wurden nun grafisch unterfüttert: Diese Filme, in denen ein stummer, entmenschlichter Koloss ohne jede Zurückhaltung und mit bestialischer Kreativität Teenie um Teenie abschlachtete, mussten wahrhaftig das Brutalste auf Erden sein. Die Serie wurde für mich zum Inbegriff bösen, blutigen, verstörenden und lustigerweise erwachsenen Horrorkinos.

Ich hätte eigentlich maßlos enttäuscht sein müssen, als ich dann irgendwann, Jahre später, den ersten Jason-Film zu Gesicht bekam. Aber das war nicht der Fall. Auch wenn die Reihe streng genommen einen mit jedem Eintrag debiler werdendem Kindergeburtstag gleicht, hatte sie in meiner Vorstellung längst eine mythische Kraft angenommen, die die Filme selbst  infiltrierte. Wenn Jason stumm und mit stoischer Gelassenheit durchs Unterholz pflügte, sich mit der Machete durch Horden von gehirnamputierten US-Boys und -Girls schlachtete, dann verkörperte dieses Bild für mich eine geradezu archaische Urgewalt, die an Urängste rührte, die die Filme tatsächlich nur sehr unzureichend bedienten. Dennoch spielten sie für meine Filmsozialisation eine kaum zu unterschätzende Rolle: Wochenlang tingelte ich mit meinem ebenso Jason-versessenen Kumpel durch die Krefelder Videotheken, um dort die noch fehlenden Teile aufzutreiben. Als uns klar wurde, warum wir den dritten und vierten Eintrag einfach nicht finden konnten, ergab sich der Kontakt zu jener legendären Venloer Videothek, in der wir dann ein gutes Jahr lang unsere Wochenenden verbrachten und uns fühlten wie der kleine Junge, der im Süßigkeitenladen eingeschlossen wird. Wir waren wegen FRIDAY THE 13TH PART 3 und FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER gekommen (und natürlich wegen der ungeschnittenen Fassungen der anderen Teile) und verließen sie mit bergeweise bei uns gekürztem, beschlagnahmtem oder schlicht nicht erhältlichen Stoff. Ich entdeckte viele, viele Filme, die unendlich viel besser waren als die tumben Späße um Jason Voorhees, aber ihren Platz in meinem Herzen haben die trotzdem immer behalten.

Was mich nun endlich zum ersten Teil bringt, in dem der eigentliche Held der Reihe bekanntermaßen gar nicht auftaucht bzw. nur ganz kurz zum Schluss. Wenn es darum geht, den Ursprung des Slasherfilms zu benennen, verweisen Experten gern auf Bavas REAZIONE A CATENA oder auf Bob Clarks BLACK CHRISTMAS, wenn sie weniger originell sind, natürlich auf Carpenters HALLOWEEN. Alle diese Einwürfe sind richtig, aber erst Sean S. Cunningham dachte deren Ideen zu Ende und entwarf den Slasherfilm als teeniezentrierte Nummernrevue mit viel Raum für Zoten, zahmen Sex, blutige Morde und einen Killer, der neben einer dekorativen Maske auch einen ebensolchen Dachschaden mit sich herumträgt. Mit einer Ausnahme: Der Fokus von FRIDAY THE 13TH liegt ohne jeden Zweifel auf seinem Final Girl Alice (Adrienne King) und noch nicht auf den Untaten des Killers, der erst im Laufe der nächsten 9 bzw. 10 (FREDDY VS. JASON) bzw. 11 (Nispel-Reboot) bzw. 12 (angekündigtes Remake) Filme immer mehr zum eigentlichen Star der Show wird. Eigentlich ist FRIDAY THE 13TH ein recht altbackener Whodunit, allerdings einer, der sich nur wenig für das Legen falscher Spuren, das Etablieren von Verdächtigen und die Jagd nach clues interessiert. Das Tempo ist aufreizend langsam, der Film trotz seines rustikalen Settings etwas leblos und echte Spannung kommt eigentlich nie auf – schon gar nicht nach gefühlten 28 Sichtungen. Die gefeierten Make-up-Effekte von Tom Savini sind der Rede eigentlich nicht wert, da sie überaus sparsam zum Einsatz kommen und außerdem ziemlich fadenscheinig sind. Das Ende ist natürlich toll, genau wie Harry Manfredinis lebhafter Score, der so klingt, als hätten die Looney Toons einen Score von Bernard Herrmann gecovert. Trotzdem mag ich den Film und das nicht nur, weil er sich wie eine perfekt eingetragene, schlabbrige Jogginghose anfühlt, die mich seit Jahren begleitet. Lustigerweise ist es vor allem die gemütliche erste Hälfte des Films, die mich für ihn einnimmt, die Anreise in das marode Camp, die Begrüßung durch die argwöhnischen Hillbillies, die Etablierung der Subjektiven, der Müßiggang der Teenies und ihre idiotischen Spielchen. Wenn sie dann weggemeuchelt werden, empfinde ich ganz entgegen der klischierten Meinung, nach der man ihren Tod angeblich herbeisehnt und bejubelt, eine gewisse Traurigkeit. Nicht, weil es sich um solch faszinierende, sympathische Charaktere handelte, sondern gerade weil ihre Identitätslosigkeit den Film so wunderbar leicht gemacht hat. Und machen wir uns nichts vor: Wir alle waren mit 17, 18 ziemlich unerträglich, bestenfalls langweilig und hätten uns in das FRIDAY THE 13TH-Figurenensemble bestens eingefügt. Wahrscheinlich hätte es mit uns sogar weniger Sex gegeben.

Das bringt mich zu einem weiteren Rezeptionsklischee, auf das ich hier abschließend eingehen will. Es ist längst zu einem Allgemeinplatz geworden, dass der Slasherfilm im Kern puritanisch sei, angetrieben von einem konservativen Moralverständnis. Der Killer ist nach dieser Lesart der reaktionäre Moralist, der alle, die vorehelichen Sex haben, Drogen nehmen oder sich sonst nicht zu benehmen wissen, gnadenlos bestraft. Man kann das so sehen, aber für mich greift diese Betrachtung zu kurz bzw. verkennt sie eine Wahrheit des Slasherfilms, die als Begründung gelten mag, warum diese Filme gerade bei Jugendlichen so erfolgreich waren. Auf einer eher bildlichen, gleichnishaften Ebene handelt der Slasherfilm nicht vom Konflikt zwischen freigeistigen Jugendlichen und strengen Erwachsenen, sondern von der enttäuschenden Durchschnittlichkeit der „teenage experience“. Man nehme die vorliegende Reihe: Da werden Kinder – als Gäste oder Angestellte – in ihren Sommerferien in einem maroden Sommercamp abgeladen, das einst Schauplatz diverser tragischer Unglücksfälle war. Der „Spaß“ dort besteht in doofen Scherzen, lustlosen Spielchen und meist ergebnislos bleibenden Flirts. Der herbeigesehnte Sex ist die Aufregung nur selten wert, die meisten gucken eh dumm aus der Wäsche. Und dann kommt auch noch ein Killer daher und setzt dem Ganzen die Krone auf. Wie ist Jason noch gleich gestorben? Noch vor Erreichen der Geschlechtsreife ist er abgesoffen, weil die Aufpasser sich ineinander verbissen hatten. In den Sequels stapft er nun traurig und faulend durch den dunklen Tann, schaut den Jungen und Schönen bei einem Vergnügen zu, das ihm immer vorenthalten geblieben ist. In jedem Film gibt es einen Seelenverwandten, einen Außenseiter, einen Dicken, Beschränkten, Verblödeten, der nicht zum Schuss kommt. Das sind die eigentlichen Helden der Reihe, die Figuren, denen die Sympathie gilt, und zwar nicht, weil sie enthaltsam sind, sondern weil wir uns mit ihrer Traurigkeit identifizieren. Der vordergründige Spaß, den die Kiddies in Camp Crystal Lake haben, ist doch höchst defizitär. Wahrscheinlich wird man von morgens bis abends von Moskitos zerstochen, im schlimmsten Fall holt man sich einen Schlangenbiss. Aber natürlich sehen die Protagonisten das nicht so: Man beachte das erste Opfer in FRIDAY THE 13TH, die zukünftige Camp-Köchin, die ihren armseligen Job mit einer Euphorie antritt, als handelte es sich um den Startschuss für eine fulminante Weltkarriere. Oder das Funkeln in den Augen der Blondine, die als Abendvergnügen eine Runde „Strip-Monopoly“ vorschlägt. Kann man sich etwas Langweiligeres, Fehlgeleiteteres vorstellen? Kann man sich einen weniger adäquaten Weg vorstellen, seine Libido zu befriedigen? Eine unbeholfenere Art, einen Mann aus seinen Klamotten zu holen? Darum geht es: Nicht um die Bestrafung für die Sünde, sondern darum, dass man als Teenager erst kein Glück hat und dann auch noch Pech dazukommt.

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