orca (michael anderson, usa/niederlande 1977)

Veröffentlicht: Juni 21, 2015 in Film
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Noch so ein seit zig Jahren nicht mehr gesehener Kindheitsklassiker. Den saftige Profite versprechenden Tierhorror-Trend, den Spielberg mit JAWS losgetreten hatte, konnte Produzent Dino de Laurentiis natürlich nicht an sich vorüberziehen lassen und fertigte dieses „Konkurrenzprodukt“ auf die ihm eigene unvergleichliche Art und Weise. Wie auch JAWS: THE REVENGE ist ORCA über die Jahre beliebte Zielscheibe schadenfrohen Spotts geworden: Der Film treibt die oft verlachte Anthropomorphisierung von Sargents drittem Hai-Sequel zehn Jahre vor diesem in ungeahnte Höhen, schlägt untermalt von Ennio Morricones herzzerreißender Musik einen melodramatischen Ton an, der ihn zu einer Art MORTE A VENEZIA des Tierhorrorfilms macht, und schwingt sich auch noch zu einer mit den Mitteln des Arthaus-Kinos realisierten Meditation über die Verbrechen des Menschen an einer Umwelt empor. Unter der Regie des Briten Michael Anderson (u. a. AROUND THE WORLD IN 80 DAYS und LOGAN’S RUN), der mit dem irischen Hauptdarsteller und berüchtigten Saufbold Richard Harris (der sich während der Dreharbeiten am Riemen riss) fast 20 Jahre zuvor bereits THE WRECK OF THE MARY DEARE gedreht hatte, avanciert ORCA zu einer hochgradig seltsamen Mischung aus Monsterfilm, Mystery, Tragödie, Trivialschwulst und Message Piece, deren Kuriositäten den Zuschauer in rasanter Abfolge treffen.

ORCA beginnt mit den Bildern vom einträchtigen Miteinander zweier Killerwale, die man als Tierporno bezeichnen müsste, wäre dieser Begriff nicht einer ganz anderen Art von Film vorbehalten, und kulminiert in einem kitschigen Sonnenuntergangspaorama mit springenden Walen, das in den Achtzigerjahren als Fototapetenmotiv sicherlich Rekordumsätze eingefahren hätte. Der Film wendet sich danach Captain Nolan (Richard Harris) zu, einem Mann von altem Schrot und Korn, der jedes Tier erlegt, wenn es ihm nur genug Kohle bringt. Als er sieht, wie ein Orca einen weißen Hai mit einem beherzten Bodycheck erledigt, will er einen solchen Wal einfangen (als Rache für dieses Sakrileg durfte der Weiße Hai in JAWS 2 einen Orca erlegen). Die wunderschöne Wissenschaftlerin Rachel Bedford (Charlotte Rampling) ist entsetzt: Nicht nur, weil sie die Jagd auf Tiere verabscheuenswert findet, sondern auch, weil sie weiß, wozu ein Orca in der Lage ist. Damit auch der Zuschauer informiert ist, setzt es eine mehrminütige Vorlesung Rachels, bei der sie die Titelkreatur nachdrücklich zum geheimen Herrscher der Welt stilisiert, nebenbei zum intelligentesten Lebewesen des Erdenrunds mit waren Superkräften. In seinen Gesängen, mit denen sich die Wale über den gesamten Erdball verständigen können, verbergen sich angeblich 15 Millionen Informationen, die die Bibel mit ihren läppischen 4 Millionen zum Lesebuch für Lernbehinderte verkommen lassen. Der superintelligente Orca verfüge außerdem über ein untrügliches Erinnerungsvermögen, sei treuer als Lassie und dabei so nachtragend wie eine ganze Elefantenherde. Man fühlt sich ein bisschen an einen Steven-Seagal-Film erinnert, in denen es ja auch immer mindestens eine Szene gibt, in denen eine Nebenfigur den Helden in höchsten Tönen und saftigen Metaphern beschreibt, dass man dahinter durchaus ein sexuelles Interesse vermuten könnte. Überhaupt lässt sich ORCA als tierischer Seagal-Film mit umgekehrten Vorzeichen lesen: Nolan erlegt nämlich das schwangere Weibchen des Wals und beschwört so dessen Zorn herauf. Im Folgenden terrorisiert das Tier das neufundländische Fischerdörfchen, in dem Nolan residiert, um dessen Bewohner gegen den knurrigen Seemann aufzubringen, der den Konflikt zunächst einfach aussitzen möchte. Irgendwann jedoch, als mehrere seiner Freunde dem Wal zum Opfer gefallen sind, akzeptiert er sein Schicksal und stellt sich dem Tier: Weit draußen im arktischen Meer kommt es zum Showdown …

Ob man ORCA für ausgemachten, geschmacksverirrten Unfug hält oder ihn als exzentrische, expressive Ausnahmeerscheinung des weitestgehend gleichförmigen Subgenres des Tierhorrorfilms betrachtet, hängt entscheidend davon ab, wie sehr man sich auf ihn einzulassen vermag. Wer reißerische Action und Thrill sucht, den wird der schwermütige, mit geradezu heiligem Ernst erzählte Film vermutlich zu Tode langweilen. Es ist eben jene bleischwere Atmosphäre, unterstützt von der kargen, kalten Kulisse des neufundländischen Fischerdörfchens und der bizarren Eisbgerformationen des Polarmeers, die ORCA in erster Linie auszeichnet und ihn zum existenzialistischen Drama mit mythologischen Untertönen macht. An seine im Exploitationkino liegenden Ursprünge erinnern noch einige pralle Geschmacklosigkeiten wie die Fehlgeburt des Walweibchens oder der Beinverlust Bo Dereks, die überbordende Emotionalität, mit der Anderson und vor allem Morricone den Film aufladen, und das notdürftig übergeworfene Deckmäntelchen der Ökologie. Zusammen mit der dialoglastigen Steifheit, die den Film im Unterschied zur exploitationtypischen Konzentration auf Aktion wesentlich prägt, eher an klassische Dramenadaptionen erinnert und ihm eine gewisse Artifizialität verleiht, ergibt sich eine höchst eigenwillige, aber ungemein reizvolle Mischung, der zumindest ich mich nur schwerlich entziehen kann. Wie die auf reine Sprachflächen reduzierten Figuren da ins Bild treten und ihre Monologzeilen deklamieren, wie Charlotte Rampling am Schluss in ihren Designerroben über die Eisschollen rennt, wie ihr Voice-over die Walhatz zur schicksalhaften Konfrontation mit dem göttlichen Charakter der Natur überhöht, mögen manche für „schlechte“ Inszenierung halten, für mich hingegen stimmt in diesem Film einfach alles, selbst wenn es komplett falsch ist.

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Kommentare
  1. peter sagt:

    Ihr habt schon Urlaub am Meer gemacht, stimmts? 🙂

    • Oliver sagt:

      Ja, aber das hatte damit nicht unbedingt etwas zu tun. JAWS 2 habe ich kürzlich bei einem Freund angefangen und das dann als Anlass genommen, die ganze Serie noch einmal zu schauen. ORCA ist mir bei der Gelegenheit dann auch eingefallen.

  2. Chrisch sagt:

    Ich habe ORCA stets als expressive Ausnahmeerscheinung angesehen und ihn schon zwei, drei Mal mit großem Genuss geschaut.

    Es fällt mir aber zugegebenermaßen ungemein schwer, mich dem wundervollen Morricone-Score zu entziehen, der für mich einen großen Teil des Reizes an dem Film ausmacht, da die melancholischen, anrührenden Klänge manche Szenen zu unvergesslichen für mich machen.

    Aber mit den Scores ist es so eine Sache. Ich ärgere mich mich beispielsweise jedes Mal, dass eine der schönsten Kompositionen der Achtzigerjahre – nämlich jene zu CONAN – Einzug in einen für mich ob der unfreiwilligen Komik und damit einhergehenden Lächerlichkeit ungenießbaren Film gehalten hat.

    Dieser bombastische Komposition hätte einen anderen Film verdient gehabt. Ein Epos, welches man ernst nehmen kann.

    Mal eine andere Sache:
    Ich bin immer sehr am Sammel- bzw. Nichtsammelverhalten von Filmliebhabern interessiert. Gehörst du noch zu den traditionellen Videothekengängern, nutzt du Video-on-Demand oder hast du selbst eine große Filmsammlung?

    • Oliver sagt:

      Also, ich finde ja überhaupt nicht, dass CONAN unfreiwillig komisch ist. Der Film ist für mich ungemein brachial und in seiner Vormoralität ungemein böse. Die wenigen Lacher, die er produziert, würde ich allesamt auf der Seite der freiwilligen Komik einsortieren. Auch wenn ich für diese Erkenntnis eine Weile gebraucht habe: Eine der unerreichten Großtaten des populären US-Kinos der Achtzigerjahre.

      Ich bin passionierter, wenn nicht gar manischer Sammler und besitze ca. 4.000 DVDs/Blu-rays. Fast alles, was ich sehen will, kaufe ich mir. Auf andere Quellen greife ich eigentlich nur zurück, wenn es nicht anders geht. VOD nutze ich überhaupt nicht.

  3. Chrisch sagt:

    Dieser Clip verdeutlicht ganz gut mein Problem mit der unfreiwilligen Komik des Streifens:

    Sicher, die präsentierten Szenen repräsentieren nicht den ganzen Film. Aber er vermag es dennoch zu verdeutlichen, wo mein Problem mit dem Film anzusiedeln ist: Bei Schwarzenegger.

    Arnold Schwarzenegger war für mich seit jeher gleichsam Faszinosum wie Mysterium.
    Gefällt er mir in Filmen ausnehmend gut, die entweder nicht bierernst (PHANTOM KOMMANDO) daherkommen oder ihn andererseits nicht zum alles vereinnahmenden Hauptprotagonisten werden lassen (PREDATOR), bin ich bis heute ratlos, was ihn zu so einem ikonenhaften Darsteller und prominenten Akteur der Popkultur hat werden lassen.

    Filme wie TERMINATOR oder DER CITY HAI kann ich mir partout nicht im O-Ton anschauen. Der grausame Dialekt und die damit einhergehenden sowie unfreiwillige Komik generierenden Defizite in Sachen Aussprache, die der gute Arnie mit großer Verve dem Zuschauer entgegen prustet, sind schlicht zuviel für mich.

    Jene Filme muss ich mir stets in synchronisierter Fassung anschauen, um sie schätzen und objektiv bewerten zu können. Ich frage mich immer, ob auch die „ernsten“ Filme mit Arnie in Amerika mit einem Schmunzeln im Gesicht seitens der Zuschauerschaft konsumiert worden sind oder ob er es tatsächlich vermochte jene Leute mit seinem „Spiel“ gänzlich zu überzeugen. Letzteres ist ihm bei mir seltenst gelungen.

    Meine Historie mit CONAN ist aber auch eine äußerst merkwürdige. Nach der ersten Sichtung war ich begeistert. Als ich ihn dann voller Vorfreude ein paar Jahre später erneut anschauen wollte, stieß mir die weiter oben mokierte unfreiwillige Komik böse auf. So auch nach der dritten und bis dato letzten Sichtung.
    Aber es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass mich der Film irgendwann vielleicht doch für sich einnehmen kann. So ganz gefällt es mir nämlich nicht, ihn nicht zu mögen.

    Achja, man munkelt, dass du demnächst eventuell den ein oder anderen Audiokommentar aufnehmen wirst. Ist da – sofern du dich dazu äußern kannst und willst – etwas dran?

    • Oliver sagt:

      Warum Arnie so populär werden konnte, hast du schon ganz gut selbst erwähnt: Weil er sich – im Gegensatz zu Stallone – selbst nie ganz ernst nahm, konnte er auch bei solchen Zuschauern punkten, denen seine Filme sonst vielleicht zu blöd gewesen wären. Sein Akzent hat ihm wahrscheinlich sogar eher geholfen. Es wurde eine Art Markenzeichen, das ihn unverwechselbar machte. Außerdem wirkte es ungemein entwaffnend, dass dieser Hüne sich trotz des radebrechenden Akzents nicht dubben ließ.

      Zum Thema AK: Ja, da ist was dran. Da das Label selbst schon mit meinem Namen wirbt, schätze ich, dass ich das auch hier preisgeben kann: Ich werde mit Pelle Felsch zusammen einen AK für die nächste Ausgabe der Edition Deutsche Vita von Subkultur machen. Der Titel ist DIE ENGEL VON ST. PAULI von Rolf Olsen. Wenn das gut klappt, sollen weitere folgen. Wann es aber tatsächlich soweit ist, steht noch nicht ganz fest.

  4. Chrisch sagt:

    Da sagst du was. Den habe ich mir – als großer Freund der EDV – doch tatsächlich bereits vorbestellt.

    Bin gespannt!

    Ich hoffe übrigens inständig, dass Subkultur irgendwann DIE BRUT DES BÖSEN innerhalb der EDV adeln wird.

  5. Marcos sagt:

    Erstaunlich an der ganzen Sache ist ja, dass Stallone weltweit kommerziell im Gesamten betrachtet, erfolgreicher war (obwohl seine Filme weder inhaltlich noch freigabetechnich so häufig die Familienklientel angesprochen haben wie Arnie). Ich habe das Gefühl, genau dieses „sich nicht ganz ernst nehmen“ steht Arnie heute im Weg überhaupt noch ernst genommen zu werden. Niemand will mehr einen Arnie-Film sehen. Die Einspielergebnisse von THE LAST STAND, SABOTAGE, MAGGIE und auch ESCAPE PLAN, zumindest in den USA, sind das desaströseste Flop-Gefolge, welches ein Hollywood-Star von dem Format je vorzuweisen hatte. Stallone hat, hauptsächlich natürlich durch seine clevere Expandables-Idee, in den letzten 3 Jahren über 700 Millionen Dollar am Box Office gemacht, Arnie 200 (und auch nur wenn man seine Kollaboration mit Sly dazurechnet, ohne die läg er bei 60 Millionen). Aber das Wiederbeleben des Terminators-Franchises ermöglicht es Arnie vielleicht mal wieder einen Hit zu landen, auch wenn man bei „Genisys“ wohl nicht mehr von einem Arnie-Film sprechen kann. Auf den bin ich übrigens gespannt.

    • Oliver sagt:

      Schwieriges Thema, diese Stallone/Schwarzenegger-Sache. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass Schwarzenegger beliebter ist, aber es kann natürlich sein, dass sich das nicht so in Besucherzahlen niederschlägt. Er scheint mir mehr als Stallone so eine Celebrity-Ich-AG zu sein, die neben der reinen Schauspieltätigkeit medial immer wieder für Geschichten und Gesprächsstoff sorgt. Er war ja nie wirklich „Schauspieler“, sondern immer so ein Gesamtkunstwerk, das eben auch Filme machte. Stallone tritt eigentlich nur in Erscheinung, wenn es gilt einen neuen Film zu bewerben, ansonsten hält er sich eher zurück, zumindest ist das mein Eindruck.

      Ich denke aber schon, dass man sagen kann, dass Arnie Sly in den Neunzigern den Rang abgelaufen hatte – eben weil er durch die Distanz zu sich selbst, die Artifizialität der Marke „Schwarzenegger“ besser zu den Filmen jener Zeit passte, auch die heute weitestgehend vergessen sind. Die humoristische Nummer hat bei Stallone ja nie so funktioniert, wahrscheinlich weil sie zu sehr nach Kalkül aussah. Wenn Sly eine Komödie machte, steckte dahinter das Bedürfnis, das Spektrum zu erweitern, sich neue Zuschauerschichten zu erschließen. Das hat Arnie mit TWINS und KINDERGARTEN-COP zwar auch gemacht, aber es wirkte irgendwie organischer. Slys Flopfolge von D-TOX, AVENGING ANGELO, DRIVEN und GET CARTER dürfte doch auch nicht gerade schmeichelhaft gewesen sein, oder vertue ich mich da bei der Einschätzung der Filme?

  6. Marcos sagt:

    Ja, in den 90ern war Arnie erfolgreicher als Sly, da hat er ihn, zumeist mit Familienentertainment, überholt und das ist auch das was den Leuten in den Köpfen geblieben ist. Ich hab mich mal gefragt, ob das Vergessen, dass Sly in den 80ern erfolgreicher war (das Verhältnis von Filmen, welche in den 80ern die 100-Millionen-Dollar-Grenze durchbrochen haben, liegt 9:1 für Sly, in den 90ern 8:6 bei Arnie) vielleicht etwas mit dem historischen Wandel zu tun haben und damit meine ich jetzt nicht nur die allseits bekannte Verdammnis der Rambo-Filme, wegen ihrer angeblich reaktionären Gesinnung und Vorzeige-Filme der Reagan-Ära, sondern ob es mit dem noch viel tiefer gehenden Bedürfnis der Menschen zusammenhängt, sich von den Ereignissen des Kalten Krieges zu distanzieren und auch den Dingen, die in einer indirekten Verbindung dazu stehen. Also eine Art tiefenpsychologischer Vorgang der Verdrängung.

    Dieser Celebrity-Ich-AG-Aspekt (herrlicher Ausdruck) ist bei Arnie auf jeden Fall ausgeprägter, jedoch nimmt man Arnie aufgrund seiner österreichischen Herkunft im deutschsprachigen Raum auch immer noch ein Stück intensiver war. Im asiatischen, oder auch südamerikanischen Raum scheint ein Stallone viel populärer, weil die Identifikation für viele dort mehr gegeben scheint als mit den kantigen Hauklotz aus der Steiermark. Vor allem bei den Promotion-Besuchen in den Favelas in Brasilien wurde Stallone in den abgeranzten Trainingshallen wie ein Gott gefeiert (einer von uns). Da rührt wahrscheinlich auch die Popularität her, während Arnie ein archetypischer Gewinner ist.

    Ja, die Flop-Folge von GET CARTER bis D-TOX ist auch eindrucksvoll. Aber DRIVEN hat inflationsbereinigt immerhin noch knapp 100-Millionen eingespielt. D-TOX und AVENGING ANGELO waren Produktionen des „stupid german money“ und wahrscheinlich – nur Gerüchte – Steuerabschreibungsprodukte (Sly konnte es egal sein, er bekam ein Vermögen als Gage). Der Flop von THE LAST STAND (45 Millionen), der überall, auch auf dem deutschen Kinoplakat, als DAS Comeback des Jahres angekündigt wurde, holte mich irgendwie in die Realität zurück, das diese Zeiten, trotz aller Expendables-und-was-weiß-ich-Retro-Bemühungen, endgültig vorbei sind bzw. sich nicht auch nur annähernd wie früher wiederbeleben lassen. Die Flops SHOOTOUT mit Sly, oder Stathams Filme, die grundsätzlich alle irgendwo zwischen 40 und 60 Millionen weltweitem Einspielergebnis herum dümpeln, stützten diesen Eindruck.

    • Oliver sagt:

      Diese Verdrängungsthese hat was, auch wenn ich das vielleicht anders formulieren würde: Filme wie THE TERMINATOR oder CONAN sind weniger stark in ihrer Zeit verhaftet sind und lassen sich auch in heutigen Sichtungen ohne allzu großes Vorwissen verstehen. Das funktioniert mit den RAMBO-Filmen oder auch ROCKY IV fast gar nicht. Der Zugang fällt schwerer, so wie sich manche Leute heute keine Schwarzweißfilme mehr angucken können. Dann kommt möglicherweise noch ein einfacher Sympathieaspekt hinzu: Stallone begann als „einer von uns“, wie du schreibst, entwickelte sich dann aber zum neureichen Megastar, mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen. Die ROCKY-Serie thematisiert das ja wunderbar, zeigt, wie plötzlich der ganze Kokolores, den das Geld mit sich bringt, wichtiger wird als das Boxen. Schwarzeneggers Verhältnis zu sich selbst ist in den Filmen entspannter, schon deshalb, weil er nie als Regisseur oder Drehbuchschreiber in Erscheinung getreten ist. Er war bestimmt nicht weniger eitel als Stallone, aber das ist in den Filmen nie so wirklich aufgefallen. Da begnügte er sich ja mit einfachen Rollen und der Darstellung des unbesiegbaren, etwas tumben Haudraufs, während Stallone selbst dann noch den Arbeiterklassenheld verkörperte, als er 12 Millionen Dollar Gage einstrich. Da büßte er an Glaubwürdigkeit bei den Leuten ein, denen er sich angeblich zugehörig fühlte.

  7. Marcos sagt:

    Ja, der Zeitbezug spielt bei ihren Filmen eine große Rolle und bei denen Slys aus den 80ern im Besonderen. Meine Überlegung ging jetzt auch mehr in die Richtung von Dissoziationsaspekten bei der Identifikation und dem gleichzeitigen Hass des bewunderten Objektes aufgrund der Bindungsüberlegungen von Melanie Klein und Bowlby. Also ich meinte das mit „tiefenpsychologisch“ im fachdefinierten Sinne einer wissenschaftlichen Überlegung bzgl. des „Abwehrverhaltens“ der Personen gegenüber der Filme, die sie selbst noch wenige Jahre zuvor zu Welterfolgen haben werden lassen. Als ich mich vor einiger Zeit mit Klein und Bowlby beschäftigt habe, kam mir dieser Gedanke.

    Dass Filme aufgrund von Profanitäten (andere Moder, andere Haare, S/W usw.) abgelehnt werden, ist leider eine traurige Wahrheit dieser Kunstform. Und trotzdem werden nachfolgende Generationen, wie Achternbusch meinte, in ihnen, aufgrund ihres abbildenden Charakters, am deutlichsten sehen, dass wir Menschen gewesen sind.

    Was Du an Sly so schön beschreibst, die ganzen Aufs und Abs, haben uns natürlich auch irgendwie das Gefühl gegeben, an seinem Leben beteiligt zu sein. Arnie blieb da häufig die Oberfläche, nach der sich viele wohl so sehnen. Wer will sich heutzutage schon mit einem Verlierertypen identifizieren, der zwar im abgesteckten Raum seiner Geschichte einen Sieg erringt, aber gegenüber der Gesellschaft immer ein Verlierer oder Außenseiter bleibt. In den 80ern boten Arnies Figuren noch nicht viel Identifikationspotenzial (eine Maschine, ein Barbar, John Matrix), aber er schaffte es zu einem eigenen System zu werden, mehr als Sly dies geschafft hat. Darum steht und fällt die Sache für Arnie mit ihm. THE LAST STAND hatte mir übrigens ganz gut gefallen und SABOTAGE, den ich mir jetzt zum zweiten Mal angesehen habe, wandelt sich langsam zu einem hervorragend.

    • Oliver sagt:

      Gerade diese Abwesenheit des konkreten Identifikationspotenzials ist es vielleicht, die es Arnie ermöglichte, über 3 Jahrzehnte derselbe zu bleiben. Er war immer mehr menschlicher Spezialeffekt als Charakter. Deshalb ist der Terminator für ihn wahrscheinlich das, was Rocky für Stallone ist: Die Rolle, die die reinste Übertragung seiner Persona auf die Leinwand ist.

      THE LAST STAND fand ich ganz OK, aber auch irgendwie enttäuschend, weil der ganze Altersaspekt kaum thematisiert wurde und letztlich lediglich für Gags der Marke „I’m too old for this shit“ herhalten musste. SABOTAGE müsste ich nochmal sehen, den fand ich aber deutlich interessanter. Richtig schön fand ich ESCAPE PLAN.

  8. Marcos sagt:

    Wie Nadine (die Künstlerin, die Du mal bei uns kennen gelernt hast) mal über Stallones Nicht-Rocky-Filme meinte: Irgendwie hat er wohl immer versucht Rocky in seine anderen Filme reinzupressen. Und das will nicht immer funktionieren.

    ESCAPE PLAN mochte ich auch. Da war auch wieder spürbar, dass Stallone, wenn er mit Arnie zusammen ist, unter dem McQueen-/Bronson-Syndrom leidet.

    Mein persönlicher Liebling ist von den neueren Filmen, neben SABOTAGE, jedoch Walter Hills SHOOTOUT. Schon allein, weil Hill endlich mal wieder was fürs Kino gemacht hat und Sly so herrlich anachronistisch furztrocken rüberkommt.

    • Oliver sagt:

      Absolut. Ich habe ja eh ein Faible für diese Altherren-Comebackfilme, die gerade so weit hinter den turmhohen Erwartungen zurückbleiben, dass man nicht von einer Enttäuschung sprechen muss, aber bei denen man trotzdem diese Entspanntheit und das Desinteresse daran bemerkt, jemandem etwas zu beweisen, das sich nur echte Veteranen leisten können.

  9. Chrisch sagt:

    „Dass Filme aufgrund von Profanitäten (andere Moder, andere Haare, S/W usw.) abgelehnt werden, ist leider eine traurige Wahrheit dieser Kunstform. Und trotzdem werden nachfolgende Generationen, wie Achternbusch meinte, in ihnen, aufgrund ihres abbildenden Charakters, am deutlichsten sehen, dass wir Menschen gewesen sind.“

    Hier kann ich der conclusio nicht ganz folgen, da sie sich nicht aus dem vorangegangen abzuleiten scheint.
    Warum führt die Auseinandersetzung mit dem abbildenden Charakter von Profanitäten zu dieser Erkenntnis?

    Und auf was bezieht sich diese Erkenntnis? Mensch als diachrones zeitübergreifendes Wesen oder von welchem „Menschen“, den es zu erkennen gilt, sprechen wir?

  10. Marcos sagt:

    Das ist keine Conclusio, sondern, nachdem ich einen Absatz gemacht habe, ein Aufgreifen von Ollis Aussage, dass Menschen sich an offensichtlichen Dingen stören können wie denen, dass historische Hintergründe sich geändert haben, Filme nicht mehr ad hoc verstehbar sind, Schauspieler ein anderes Image haben oder ein Film S/W ist und allein das bereits dazu führt, dass sie sich nicht mehr auf den Film einlassen wollen. Eine Identifikationsbereitschaft wird dadurch verunmöglicht bzw. ist wie eine Abwehrreaktion, damit man sich gar nicht erst weiter damit beschäftigen muss. Was tieferliegend die wahren Motive sein mögen, lässt sich nicht so ohne weiteres aufgrund solcher Offensichtlichkeiten ableiten.

  11. Chrisch sagt:

    Das habe ich erfasst und darauf bezog sich meine Frage nicht. Es ging mir um „…am deutlichsten sehen, dass wir Menschen gewesen sind.“

    Dieser Satz klingt schön, aber ich sehe den Punkt nicht. Wer blickt aus welchem Grund retrospektiv zurück, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass wir Menschen gewesen sind?

    Warum sollte X erst erkennen müssen, dass wir Menschen gewesen sind? Hat X das vergessen?

    Und wie passt das „wir“ dort hinein? Hat dann das Ich, welches vom Wir spricht, vergessen, dass es selbst ein Mensch ist?

  12. Marcos sagt:

    Ach so, Du beziehst Dich auf das frei zitierte Achternbusch-Zitat. Da ging es mir mehr darum, dass, eben weil viele Menschen aufgrund von Oberflächlichkeiten oft schon nichts mehr mit Filmen anfangen können, die einige Jahre alt sind, sie anhand des fotografischen Bildes konkret erkennen können, dass wir Menschen waren. Nicht in der Abstraktion der Vorstellung, die wir bemühen müssen, wenn wir uns mit nicht mehr zeitgenössischer Literatur, Malerei, Bildhauerei und dergl. beschäftigen, sondern wir tatsächlich sehen, dass diese Menschen von vor 100 Jahren genauso zwei Arme und zwei Beine hatten wie wir.

    Denn ja, der Mensch einer jeden Zeit neigt dazu ontogenetisch über die Welt zu urteilen, sich nicht klar zu machen, dass die Menschen vor seiner Geburt auch Menschen waren, mit den gleichen Bedürfnissen, Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen und Sehnsüchten. Diese Distanz zu vorangegangenen Generationen aufzubauen und – philosophisch gesehen – zum Menschen an sich, ist eine genuine menschliche Eigenschaft, die allenfalls durch einen kognitiven Mehraufwand, sei es durch Empathie oder Intellekt, beseitigt wird.

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