hickey & boggs (robert culp, usa 1972)

Veröffentlicht: Februar 11, 2013 in Film
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Al Hickey (Bill Cosby) und Frank Boggs (Robert Culp), zwei ausgebrannte Privatdetektive, haben alle Mühe, das Geld für ihre laufenden Rechnungen zusammenkratzen. Beide haben ihre Frauen verloren, Boggs ertränkt seine Trauer darüber im Alkohol, Hickey sucht die Versöhnung mit der Verflossenen. Ein neuer Auftrag kommt beiden sehr gelegen: Der homosexuelle Rice (Lester Fletcher) engagiert sie, um eine Frau ausfindig zu machen – eine Privatangelegenheit, wie er vorgibt. Doch die Privatdetektive bemerken bald, dass sie nicht die einzigen sind, die Interesse an der Dame haben. Kein Wunder: Sie ist im Besitz eines prall mit Geld aus einem Bankraub gefüllten Koffers, der eigentlich dem Gangsterboss Brill (Robert Mandan) gehört. Während sie in L.A. einen Abnehmer für die heiße Ware sucht, setzt Brill seine Killer auf sie und alle möglichen Interessenten an. Und Hickey und Boggs befinden sich mitten in der Schusslinie zwischen den Parteien …

Nach Sichtung dieses Films fragt man sich unweigerlich, wie viele Perlen des Crimefilms die Siebzigerjahre eigentlich noch bereithalten, wie viele Filme, von denen man vielleicht noch nie vorher gehört hat, darauf warten, geborgen zu werden. HICKEY & BOGGS war bei Erscheinen wahrscheinlich keine ganz kleine Nummer, vereinte er mit Cosby und Culp doch immerhin die beiden Stars der beliebten Fernsehserie I SPY erneut vor der Kamera. Cosby hatte zudem in der Zwischenzeit seine erste eigene Fernsehshow bekommen und war auf dem besten Weg, ein absoluter Superstar zu werden. HICKEY & BOGGS konnte leider weder bei den Kritikern noch an der Kinokasse großen Eindruck hinterlassen und geriet schnell in Vergessenheit. (In Deutschland, wo er unter dem Titel MAGNUM HEAT gelaufen war, wurde er erst 1988 auf Video veröffentlicht.) Heimlich, still und leise erlebte er im vergangenen Jahr seine „Wiedergeburt“ im DVD-Zeitalter über die On-Demand-Schiene von MGM als schmucklose Bare-Bones-DVD-R, immerhin aber in guter Qualität. Dabei ist HICKEY & BOGGS – wie etwa auch Peter Hyams‘ BUSTING, der ein ähnliches Schicksal erfahren hat – ein potenzieller Kultfilm, den man sich gut in einer schicken Collector’s Edition im Pappschuber, mit Booklet und zahlreichen Extras vorstellen kann. Wer auf den staubtrockenen Crimefilm der Siebzigerjahre steht, würde damit definitiv glücklich werden.

L.A. ist hier zwar sonnig, vor allem aber schmutzig und runtergekommen, die Sonne taucht alles in ein bleiches Licht. Hickey und Boggs hängen in schäbigen Bars rum, wenn sie nicht in ihrem deprimierenden Büro sitzen. Tagein, tagaus tragen sie denselben Anzug, Hickey kaut auf stinkigen Zigarren hrum, Boggs säuft Schnaps aus der Pulle. Zu ihren rar gesäten Aufträgen fahren sie mit einer maroden Rostlaube und um sich das Geld für die Parkuhr zu sparen, haben sie immer eine Papiertüte mit der Auschrift „Out of Order“ zur Hand. Der ganze Film hat etwas zutiefst Deprimierendes. Er zeigt eine Menschheit, die unter prekären Umständen lebt: Niemand ist glücklich und wenn doch, dann hat er garantiert Dreck am Stecken. HICKEY & BOGGS beginnt kongenial mit der gesuchten Frau, die – noch bevor man irgendeine Ahnung hat, worum es im Folgenden gehen wird – die Mutter Gottes um Hilfe anfleht: „Madre de dios, protect us all.“ Dieses Flehen um Hilfe für eine unbestimmten erste Person Plural wird den ganzen folgenden Film prägen, dessen Krimigeschichte zur existenziellen Parabel transzendiert wird. HICKEY & BOGGS ist ein Film über den Kampf des einfachen Bürgers, der sein Leben dafür riskieren muss, seinen Unterhalt zu bestreiten; jeder Versuch, etwas vom Kuchen abzubekommen, endet in Leid und Tod. Doch trotz dieser wenig optimistischen Weltsicht ist Culps Film niemals depressiv, zynisch oder resignativ. Da ist auch ein leiser, lakonischer Humor am Werk, der das Ganze erträglich macht. Und die Freundschaft der beiden Partner, die sich immer wieder gegenseitig aus der Scheiße ziehen. Jeder Tag ist ein Kampf, lass ihn uns angehen!

Die Kritik bemängelte damals nicht zuletzt Walter Hills Drehbuch: Es sei zu komplex und selbstzweckhaft überfrachtet, zu arm an Charakterzeichnungen. Vorwürfe, die sich meines Erachtens nach kaum aufrechterhalten lassen, denn es ist nicht zuletzt die Undurchsichtigkeit, die HICKEY & BOGGS seine Spannung verleiht – und zudem den Eindruck unterstreicht, dass alle blind für das große Ganze in der Welt umherirren. Stück für Stück und unter fast vollständigem Verzicht auf expositionelle Dialoge entfaltet sich das Ausmaß des Falles vor den Augen des Zuschauers, der den beiden Helden immer nur ein kleines Stück voraus ist. Seine Charaktere mögen nicht bis ins Detail ausgefeilt sein: Aber das ist auch nicht nötig, wir verstehen sie auch so. Auch Robert Culps Inszenierung lässt deutlich mehr Potenzial erkennen, als ihm zugestanden wurde: HICKEY & BOGGS blieb sein einziger Spielfilm. Er zeigt ein ungalublich gutes Auge für ausgefallene Bildkompositionen und hat großen Anteil daran, dass der Film nicht nur spannend ist, sondern auch emotional nachhallt. Doch natürlich steht und fällt ein solcher Film mit seinen Set Pieces: Das Geduldsspiel verschiedener Parteien mit verschiedenen Zielen, die sich an unterschiedlichen Treppenaufgängen im menschenleeren Stadion der LA Rams ist ein Höhepunkt von fast hitchcock’scher Qualität; der Shootout zum Finale reichlich bleihaltig – aber eben auch nicht ohne die menschliche Note, die uns das Morden überhaupt erst nahebringt. Das Liebespaar, das den großen Coup geplant hatte, um seinen armseligen Lebensumständen zu entkommen und dazu auch den Tod in Kauf nahm, verendet im Sand, sich umarmend. In Liebe vereint. Hickey und Boggs haben nur sich selbst. Aber immerhin.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich muss den unbedingt endlich mal sehen. Ich habe eh gerade meine privaten „Walter Hill Wochen“ eingeleitet.
    In freudiger erwartung auf „Bullet to the Head“. Mir egal was die Kritiker schreiben.
    Schon mal wieder Hard Times, Southern Comfort, The Warriors und Streets of Fire gesehen.
    Hatte immer die Hoffnung das Culp´s Film von irgendwem eine würdigere DVD Veröffentlichung spendiert bekommt, aber da kann ich wohl lange warten.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Ist zwar off topic, aber wenn wir schon von heiss ersehnten DVD Veröffentlichungen träumen…

    http://blogs.indiewire.com/theplaylist/william-friedkin-says-sorcerer-finally-getting-digital-transfer-but-wont-be-on-criterion-20130212

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