die schönen wilden von ibiza (siggi götz, deutschland 1980)

Veröffentlicht: Juli 27, 2014 in Film
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Schonen_Wilden_Ibiza_(1980)Mike, Susi, Poldi, Gilda, Nadja, Ajita, Muschi, Juppy, Bob, Bosso: So heißen die Figuren, die diesen Film bevölkern. Nachnamen gibt es nicht, und das hat seinen Grund. Gesellschaftliche Normen und sozial konstruierte Identitäten spielen in den Tagen und Nächten in Ibiza, wo Götz‘ Film spielt, keine Rolle. Was zählt, das sind der funktionierende, in jugendlicher Blüte strahlende Körper und die Bereitschaft, alle jene Zwänge fallenzulassen, in die man zu Hause, irgendwo dahinten, hinter der Sonne, die verheißungsvoll und rot glühend im Mittelmeer versinkt, hoffnungslos eingebunden ist. Und natürlich der Beat, der einen immer weiter treibt, immer weiter, durch die Nacht bis in den nächsten Morgen. Es gibt viele Filme, die von der Jugend erzählen, von ihrer Getriebenheit, der nie abgeschlossenen Suche nach dem nächsten Kick, dem vollendeten Glück, dem perfekten Moment. Aber nur wenige haben das in dieser Reinheit geschafft wie Siggi Götz in DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA.

Mike (Régis Porte) und seine Freundin Susi (Tanja Spiess) – die beiden geben sich als Ehepaar aus – sind gerade auf Ibiza angekommen, da gibt es schon Probleme. Ihr Zimmer wurde bereits vergeben und auf der Suche nach Ersatz wird ihnen all ihr Hab und Gut geraubt. Sie finden Unterschlupf bei Susis altem Freund, dessen „Villa“ sich als notdürftig zusammengezimmerte Strandhütte entpuppt und finden Anschluss an eine bunte Clique Vergnügungssüchtiger, mit denen sie im Folgenden die Nächte unsicher machen, tanzen, trinken, feiern und in immer neuen Konstellationen miteinander im Bett landen. Konflikte sind vorprogrammiert, aber nie von Dauer: Selbst als die Strandhütte des homosexuellen Sonnyboys von einem wütenden Vater niedergebrannt wird, währt die Trauer nur kurz. Es bleibt keine Zeit, Trübsal zu blasen. Und wenn Mike und Susi nach diversen Eifersüchteleien am Ende ihr Geld wiederhaben und ihren ursprünglich geplanten Urlaub antreten wollen, da merken sie, dass sie nach dem Erlebten für die sauber abgesteckten Freuden des Pauschaltourismus verloren sind. Es ist dieses totale Unterwerfung unter die Idee jugendlicher Selbstverwirklichung, die zu 100 % geglückte Horizontverschiebung, die Götz‘ Film auszeichnet: Während Mike und Susi etwa im US-amerikanischen Teeniefilm am Ende „erwachsen“ geworden wären, in den sicheren Hafen von Kapitalismus, Monogamie und Ehe überführt worden, so sind sie gerade diesen erst einmal entflohen. Die Zeit, sesshaft zu werden, kommt noch früh genug.

DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA ruht gewissermaßen in seiner Ruhelosigkeit. Der Weg ist das Ziel. Und so lässt sich Götz‘ Regie niemals von einem Plot einspannen, sondern das Tempo von der Ausdauer seiner jugendlichen Protagonisten, der Wahl ihrer Fortbewegungsmittel und dem Rhythmus der Musik bestimmen. Dieses Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben, sich ohne Plan treiben zu lassen, spontanen Impulsen und Stimmungen zu folgen, das Gefühl, dass die Tage ineinanderbluten, in der Hitze, unter der gleißenden Sonne miteinander verschmelzen, fängt der Film nahezu perfekt ein. Die Hits, die ganz im Stile der Produktionsfirma LISA sehr zeitfüllend und zentral zum Einsatz kommen (u. a. „Funkytown“ von Lipps Inc. und „Play the Game“ von Queen), erstaunen zunächst ob ihrer Bekanntheit und der großen Namen, doch relativiert sich der Eindruck, wenn sie sich ab der Hälfte der Spielzeit allesamt wiederholen. Auch das passt letztlich wunderbar zum Geist des Films: Es ist auch die endlose Wiederholung der immergleichen Rituale, die die Jugend als Aneinanderreihung endloser Deja-Vus und somit als Zustand jeder Aufhebung von Zeit buchstäblich endlos erscheinen lässt. Wir wissen, dass dem nicht so ist, und betrachten die Unschuld und Naivität, mit der sich die Protagonisten da ins Leben schmeißen, mit sanft stechender Nostalgie. Those were the days …

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