mutant hunt (tim kincaid, usa 1987)

Veröffentlicht: September 4, 2014 in Film
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MUTANT HUNT ist eine umgekehrte filmische Neutronenbombe. Kein Zuschauer stirbt, aber am Ende liegt alles in Trümmern: der Glaube an den eigenen Verstand, Vorstellungen von Logik, Bedeutung und Kausalität sowie der Sinn für Ästhetik. Was genau da in den knapp 75 Minuten passierte, hätte ich schon während des laufenden Films nicht mehr beantworten können, hätte mich denn jemand danach gefragt. Irgendwie geht es um eine Armee von Cyborgs, die durch die Verabreichung einer Sexdroge namens Euphoron durch einen machthungrigen mad scientist namens „Z“ zu unkontrollierbaren Killern werden, und um den Kampf zweier wackerer Teufelskerle (Rick Gianasi & Ron Reynaldi) gegen diese überschaubare Bedrohung. Aber diese nun nicht gerade vor größere kognitive Herausforderungen stellende Geschichte wird von Regisseur Tim Kincaid so energielos und unkonzentriert erzählt, dass man sich einer komplexen filmischen Parabel über die Sinnlosigkeit des Seins gegenüber wähnt. MUTANT HUNT ist definitiv einer der groteskeren Filme, die ich in den vergangenen Jahren gesehen habe, und wenn es mir auch unmöglich war, mich auf das Treiben wirklich zu konzentrieren, so hat dieses Werk aus den Abgründen der Videohistorie mein Herz doch im Sturm erobert.

Da ist zunächst der Look des ganzen Films: Man riecht förmlich den Staub, den er in den letzten drei Dekaden angesetzt hat, alles wirkt schmuddelig und billig plastikmäßig, allerdings ohne jene klinische Überstyltheit, die man sonst mit Plastik assoziiert. Das hier ist eher das abgegrabbelte Billigplastik, das leicht angekokelt in Form schimmliger Kanister am Ufer verschmutzter Flussläufe angespült wird, das Plastik, aus dem gesundheitsschädliches Billigspielzeug gefertigt wird, das man in den Auslagen dubioser Import/Export-Shops findet. Dazu spielt MUTANT HUNT bis auf eine kurze Szene ausschließlich nachts und selbst während der zahlreichen Außenszenen bleiben die Settings stets menschenleer. Man hat den Eindruck, Kincaid habe sein Werk in einer unbevölkerten Paralleldimension gedreht oder aber zumindest so an jeglichem normalen städtischen Leben vorbei, dass er mit seiner Kamera niemandem aufgefallen ist. Um dieses Maß an Befremdlichkeit zu erreichen, hat so mancher Hollywood-Produzent schon Millionen berappt, hier ist es quasi nebenbei gelungen. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass die Darsteller nach Drehschluss nach Hause gefahren sind, dass sie ihren Ehepartner angerufen und mit ihm über ihren Tag gesprochen haben. („Hi babe. Had a rough day today. We filmed the scene where I had to fight the cyborg. I had to wear only my undies. Sometimes I don’t know, if I’m cut out for this job. It really gets to me. But when I come back, I use my paycheck to invite you to McDonald’s! And let’s take the kids, too! It will be awesome! Oh, how I miss you.“) Oder dass sie sich überlegt haben, was sie ihrer Mutter zum Geburtstag kaufen sollen. Dass sie heute ihren Kindern erzählen, wie sie damals diesen verrückten Film gedreht haben, mit den Cyborgs und so. Dass das ein Bestandteil auch nur einer Biografie eines real existierenden menschlichen Individuums ist. Es hilft natürlich immens, dass Kincaid so inszeniert, als habe er noch nie zuvor einen Film gesehen. Die Actionsequenzen sind alle vollkommen statisch, wirken als spielten sie unter Wasser. In einer Szene attackiert einer der Cyborgs – die allesamt aussehen wie traurige Fans von Front 242 – den Helden des Films im Bildhintergrund, während seine Partnerin im Bildvordergrund sich das Geschehen wie gelähmt anschaut. In einer anderen Szene ist es umgekehrt: Vorn vergeht sich eine der amoklaufenden Maschinen an einem Protagonisten, während der Held im Hintergrund darüber sinniert, welches der an seiner Wand drapierten Messer er denn für den Kampf verwenden will. Auf seine Wohnung muss genauer eingegangen werden: Ein Quader mit geweißten Backsteinmauern. Mit dem Kopfteil an die Mitte einer Wand geschoben ein schmales Bett, darüber, als einziges Zugeständnis an Mensch- und Wohnlichkeit, ein bunt gestreifter Läufer. Ökonomisch über die restlichen kargen Wände verteilt, eine  stattliche Sammlung an Schusswaffen, Schlagstöcken, Messern und Macheten. Und in einer Ecke das Heldenäquivalent zur Bibliothek: der Sandsack. Der „Held“, der so haust, heißt Matt Riker, doch trotz dieses Namens, der einen förmlich dazu zwingt, ihn mit erhobener Faust im Chor zu skandieren, macht er sich keine Hoffnungen mehr auf die Zuwendung der Masse. Er lebt so in den Tag hinein, tritt ab und zu mal einen Cyborg in die Ecke, vögelt mal eine Ische unterm Läufer, mal eine andere auf dem Teppich (der aber in einer anderen Wohnung liegt) und rettet die Welt eher so im Vorbeigehen. In der ersten Szene, in der wir ihn sehen, trägt er nur eine weiße Unterhose Marke „Liebestöter“ (siehe Telefonat oben), aber weder kommt darin eine rotzige Scheiß-egal-Haltung zum Vorschein noch soll sie seine ausgebrannte  White-Trashigkeit suggerieren. Matt Riker trägt eben einfach solche Unterhosen. Sie sind bequem, drücken nicht, legen sich auch nach vielen Wäschen noch an wie eine zweite Haut, sind zudem absolut zeitlos in ihrer Schlichtheit. Wie sollte er denn ahnen, dass nach Feierabend noch ungebetene Gäste vorbeikommen? Sein Kumpel Johnny Felix ist der quirligere der beiden, wahrscheinlich weil er ein Latino mit Schnurrbart ist. Er hat ein Armband, das ihm den Umriss von Manhattan zeigt sowie den Standort der Leute, mit denen er telefoniert. Einmal ruft ihn eine Kollegin um Hilfe und er antwortet ihr nach einem kurzen Blick auf sein Navi: „I’ll be there in 85 seconds.“ Dann nimmt er noch eine handvoll Nudeln aus seiner Takeaway-Schachtel vom Chinesen und rennt wie von der Tarantel gestochen los, um seine Feierabendration Whoop ass zu verteilen.

Die Cyborgs bleiben nur eins der zahlreichen Mysterien des Films. Sie sollen wohl eigentlich freundliche Helferlein sein, doch mit ihren rasierten Kurzhaarfrisuren, den Sonnenbrillen und der schwarzen Kleidung sehen sie von Anfang an ausgesprochen militant aus. Ihr erster Amoklauf richtet sich gegen ein sinnlos in einer kargen Halle stehendes leeres Regal, dass sie mit der Inbrunst tollwütiger Hyänen auseinandernehmen und dann erschöpft zusammenbrechen. Immer wieder ist die Rede davon, dass Euphoron eine Sexdroge sei, doch eigentlich benehmen sich die Cyborgs auf Euphoron genau so, wie man das von Cyborgs eben erwartet: Sie laufen stoisch umher, greifen entschlossen ihre Zielperson an und hacken sich völlig schmerzfrei den funkensprühenden Arm ab, wenn sie mit einer Handschelle festgekettet werden. Die Droge macht sie anscheinend angriffslustig, aber sie sind nicht sonderlich effektiv. Eine Frau kann sich ihrem Zugriff entziehen, indem sie einen Stuhl umkippt. Ich bezweifle, dass das den T-1000 besonders beeindruckt hätte. Aber gut, der hatte auch kein Euphoron geschluckt und bekanntlich heißt es ja „Dumm fickt gut.“ Es passiert eine Menge Zeug, das ich nicht verstanden habe, und das liegt auch daran, dass sich Kincaid nicht mit einer stulligen kleinen Actionstory begnügt. In den rammdösigen Dialogen wird Exposition bewältigt als befände man sich in einem Historienfilm oder als habe der Drehbuchschreiber zu viel Tolkien gelesen. Als eine Nebenfigur von den Schurken des Schurkenkonzerns Inteltrax festgenommen wird, beschließen die Helden nicht schnell, sie rauszuhauen, sondern diskutieren stattdessen erst die juristische Rechtmäßigkeit dieser Tat. Dabei gibt es diesen Dialog, der mein persönliches Highlight des Films markiert: „Inteltrax has a government contract. It can hold anyone for 72 hours since the federation act of …“ „…of two years ago, ever since the space shuttle sex murders.“ Allein für die Erwähnung der „Space Shuttle Sex Murders“ liebe ich MUTANT HUNT. Es stellt sich zwar die Frage, warum Kincaid nicht lieber deren Geschichte verfilmt hat, anstatt sich mit Matt Riker im Kampf gegen die Blechdosenarmee herumzuschlagen, aber sich einen solchen Knaller für eine hingeworfene Dialogzeile aufzusparen, zeugt durchaus von Klasse – und eben einer gewissen Kreativität, die man MUTANT HUNT aller frappierenden Unzulänglichkeiten zum Trotz nicht absprechen kann. Ich glaube, Kincaid hatte ziemlich viel Spaß bei den Dreharbeiten und hat sich keine Illusionen über das Endergebnis gemacht. Genau wie Matt Riker.

Was bliebe sonst noch zu sagen? Es gibt den blechernen Synthiescore, den alle diese Filme haben. Kann mal jemand eine CD-Box mit Snythiesoundtracks von DTV-Schlock aus den Achtzigern kompilieren, bitte? Eine Szene spielt in einer Diskothek, deren Gäste aussehen wie ein Betriebsausflug der Anonymen Endzeitfilmkomparsen. Ein paar blutige Make-up-Effekte sind ganz hübsch geraten, jedenfalls besser als jene, die zeigen, wie die Cyborgs Go-go-Gadgetto-Arme bekommen, um weit entfernte Gegenstände zu erreichen. Eine Explosion ist in Zeitlupe gefilmt und wirkt somit, nach 70 Minuten Rumgeeier in dunklen Seitenstraßen, tatsächlich beeindruckend, auch wenn dabei kaum etwas kaputt geht. Eine Frau hört auf den Namen „Domina“ und steht in allen ihren Szenen rum und hält großspurige Reden. Einmal wird sie dabei durch ein im Bildvordergrund stehendes Glas gefilmt, sodass sie abwechselnd größer und kleiner erscheint. Welche Funktion sie für den Film hat, ist allerdings an mir vorübergegangen. Egal. Ich glaube, ich schaue ihn am Wochenende nochmal, dann allerdings angemessen betrunken und via Youtube, wo er in voller Länge abrufbar ist. Das sollte ein Fest werden. Und vielleicht verstehe ich dann auch, worum es eigentlich ging.

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Kommentare
  1. david sagt:

    Was für ein absolut großartiger Text!!!
    Spätestens beim „Betriebsausflug der Anonymen Endzeitfilmkomparsen“ wollte ich den Film unbedingt sehen. Aber auch die anschauliche Beschreibung des Plastiklooks, das imaginäre (weil eben nie stattgefundene 😉 Telefonat der Darsteller nach Hause. Oder die schöne, weil so treffende Formulierung: „dass Kincaid so inszeniert, als habe er noch nie zuvor einen Film gesehen“ – solche Filme finde ich eigentlich immer sehr spannend, weil bei ihnen das nicht-kalkulierte Unerwartete zu finden ist.
    Wie gesagt: ein wunderschöner Text, wenn nicht gar der schönste Text, den ich dieses Jahr hier bislang gelesen habe! Da ich gerade an einer Magenverstimmung rumkuriere, wird MUTANT HUNT vielleicht nicht heute Abend angeschaut (oder vielleicht doch?) – aber nächste Woche wird der DTV-Channel der Du-Röhre garantiert angeschaltet.

    • Oliver sagt:

      Vielen Dank für deinen netten Kommentar! Freut mich, dass dir das Lesen so viel Spaß gemacht hat wie mir das Schreiben. Gute Besserung und viel Vergnügen mit MUTANT HUNT! 🙂

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