14. hofbauer-kongress: gyûnyû-ya frankie (kô nakahira, japan 1956)

Veröffentlicht: Januar 7, 2015 in Film
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10425006_687821931333044_4206258642805765940_nRyuheita (Furanki Sakai) ist ein gutmütiger Einfaltspinsel, den das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Pflichten und Aufgaben aus seiner behüteten ländlichen Provinz in die Hauptstadt Tokio verschlagen. Die Hoffnungen seines Großvaters (Furanki Sakai), der Familie und des ganzen Dorfes lasten schwer auf den Schultern des jungen Mannes, der so gar nichts Heldenhaftes oder auch nur Souveränes ausstrahlt. In Tokio soll er das darbende Milchgeschäft der Verwandten wieder auf Vordermann bringen: Nicht nur sitzt die Konkurrenz von „Bulldog Dairy“ ihnen im Nacken, man steht auch beim großtuerischen „Schriftsteller“ Kintaro (Toshiyuki Ichimura) in der Kreide. Glaubt man zumindest, denn eigentlich es ist noch schlimmer: Kintaros vermeintliches Vermögen ist nämlich auch nur geliehen und zwar ausgerechnet beim Chef der Konkurrenz. Und dessen Geliebte kann es kaum erwarten, das kleine Geschäft von Ryuheitas Familie in eine Bar zu verwandeln …

GYÛNYÛ-YA FRANKIE (internationaler Titel: MILKMAN FRANKIE) ist eine zauberhafte, naiv-verträumte und wie aus der Zeit gefallene kleine Komödie, die ganz auf ihren stämmigen Hauptdarsteller, seine bemitleidenswerte Gestalt und sein an alte Größen des Stummfilm-Kinos erinnerndes komisches Geschick zugeschnitten ist, aber darüber hinaus auch mit einigen wunderbaren Regieeinfällen aufwartet. Die Geschichte um das Landei, das in die Großstadt kommt, von den Errungenschaften der Zivilisation zuvor bestenfalls einmal gehört hat und sich mit völliger Ahnungslosigkeit, aber größtem Enthusiasmus an die eigentlich aussichtslose Aufgabe der Rettung des Familienunternehmens macht, nutzt der Regisseur in seinem vierten Spielfilm für zahlreiche herzerwärmende Slapstick-Einlagen und weiß dabei das komische Potenzial, das aus dem kulturellen Frontalzusammenprall von Landei und Großstadtvolk erwächst, perfekt auszuschöpfen. Die Sympathie des Zuschauers erobert Sakai nahezu mühelos, weckt mit seinem entwaffnend treudoofen Gesichtsausdruck und dem Eifer, mit dem er sich in ins Milchmann-Business wirft, als sei es eine heilige Mission, Beschützerinstinkte. Dem unvermeidlichen Happy-End fiebert man vielleicht nicht unbedingt entgegen, dafür ist GYÛYÛ-YA FRANKIE einfach zu lieb und entspannt, trotzdem ist es lange her, dass mich das finale Glück einer Filmfigur so erfüllt und befriedigt hat. Und überhaupt: Die knapp 85 Minuten rauschten nur so an mir vorbei.

Kô Nakahira hält das Tempo hoch, ohne jedoch einen wirklich „schnellen“ Film gedreht zu haben, bietet aber gleich mehrere liebenswerte Figuren, amüsante Exkurse und eben umwerfend choreografierten Slapstick-Sequenzen. Ganz toll ist etwa Toshiyuki Ichimura als Aufschneider Kintaro: Sein poetischen Ambitionen entpuppen sich angesichts seiner sprachlich minderbemittelten Ergüsse schnell als Seifenblasen, genauso wie seine finanzielle Affluenz. Seine Prahlerei wird jedoch nicht als bösartig, sondern vielmehr als Zeichen seiner Schwäche interpretiert, die das vermeintliche Vorbild vielmehr zu einem Verwandten Ryuheitas macht. In einer wunderbaren Szene plant er die Geliebte des Konkurrenten, die sich über ihn lustig macht und droht, ihn auffliegen zu lassen, mit Schlaftabletten zu betäuben. In religiös aufgeladenen Bildern träumt er insgeheim schon davon, die hilflose Frau, die für ihn unerreichbar ist, auf sein Bett zu werfen und sich an ihr zu vergehen, doch sein todsicheres Pech lässt ihn auch diesmal nicht im Stich und die Schlaftabletten landen in seinem Magen, statt in dem der Frau. Schön ist auch eine Montage-Sequenz, die einen Brief Ryuheitas an seinen Großvater illustriert und seine Fortschritte als Milchmann schildert. Wie im Märchen bringt Ryuheita nicht nur die Milch, sondern fungiert für die Einwohner seines Bezirks als Mädchen für alles, das Briefe zustellt, betrunkene Ehemänner heimbringt, Einkäufe erledigt, Reparaturen ausführt und so seine Kundschaft stetig vergrößert. Das Ganze kulminiert in einem Ausflug, den sein kleiner Betrieb zu einem Bauernhof unternimmt. Zusammen mit seiner Verwandten schenkt er Milch aus und singt ein heiteres Liedchen für die breit grinsend schunkelnden Gäste, bis sie auf einmal von Pfeilen beschossen werden. Die Panik weicht schnell der Euphorie, denn nebenan wird nur ein Japan-Western samt Pappkulissen gedreht.

Spätestens in dieser Szene wurde mir dann ganz klar, was diese hinreißend harmlose, herzensgute Komödie so besonders macht: GYÛNYÛ-YA FRANKIE ist Kino in Reinkultur und gewissermaßen guter, alter Tradition, ein Film, der nicht auf Erleuchtung und Erhöhung aus ist, sondern mit großem Selbstbewusstsein die befreiende Wirkung und humanistische Bedeutung des Prinzips „Eskapismus“ zelebriert. Der Milchmann Frankie ist einer von uns und es ist einfach gut, ihn für uns triumphieren zu sehen.

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