the gravy train (jack starrett, usa 1974)

Veröffentlicht: März 18, 2017 in Film
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Vielleicht ist es nur ein oberflächlicher Eindruck, der einer genaueren Betrachtung nicht standhielte: Im aktuellen Hollywood-Film spielen Menschen, die außerhalb der großen Metropolen leben, eigentlich keine Rolle mehr, außer in diversen Subgenres, in die sie gewissermaßen ausgegrenzt wurden. Der Trend geht natürlich mit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einher: Dass die Bewohner der maroden Industriestädte im Mittelwesten so begeistert für Trump stimmten, hatte gewiss nichts damit zu tun, dass sie sich auf der Kinoleinwand unterrepräsentiert sehen, aber ihre Situation hat dieselben Ursachen. Jack Starretts THE GRAVY TRAIN (auch bekannt als THE DION BROTHERS) ist heute nahezu völlig vergessen, ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber er ist ein schönes Beispiel für die tragikomischen Loserdramen um Landeier, die den tristen Verhältnisse zu entkommen versuchen, die sich noch in den Siebzigerjahren regelmäßig der Bevölkerung zwischen New York, Los Angeles und Chicago annahmen. Es ist ein toller Film und mir ist es völlig schleierhaft, warum er nicht häufiger Erwähnung findet. Das trüffelsuchende Cineastenschwein frohlockt natürlich: Immer wieder schön, wenn man etwas entdecken kann, was sonst unter dem Radar durchfliegt.

THE GRAVY TRAIN handelt von den beiden Brüdern Calvin (Stacy Keach) und Rut Dion (Frederic Forrest). Sie fristen ihr Dasein mit dreckigen Jobs in einem Kaff in West Virginia, das keinerlei Perspektive bietet. Bis Calvin eines Tages mit dem Plan um die Ecke kommt, das „beste Seafood-Restaurant in DC“ zu eröffnen. Das Geld dafür, das muss er gar nicht erst lang erklären, soll ihr Anteil an einem Überfall auf einen Geldtransporter bringen. Der Überfall verläuft trotz haarsträubend amateurhafter Ausführung erfolgreich, doch dann warten die Brüder vergeblich auf ihr Geld: Ihr Auftraggeber Tony (Barry Primus) hat sie nicht nur hintergangen, sondern ihnen auch noch die Polizei auf den Hals gehetzt. Es beginnt die Suche nach dem Verräter und dem Geld …

THE GRAVY TRAIN vereint auf sehr gekonnte Art und Weise Elemente des damals reüssierenden harten Crime- und Copfilms (Clint Eastwood wird einmal explizit erwähnt), des tragischen Sozialdramas wie es vom New Hollywood häufiger aufgegriffen worden war und der munteren Fish-out-of-Water Komödie. Keach und Forrest sind toll als naive hicks, die völlig verblendet ins große Abenteuer stürzen. Keach übernimmt den Part des selbstbewussten, „weltgewandten“ Anführers, Forrest ist der leicht zu begeisternde, etwas einfältige Trottel, der seinem Bruder überall hin folgen würde. Schon die Idee Calvins, ein feines Restaurant eröffnen zu wollen, ist absurd und fehlgeleitet, was sich bestätigt, als er dann das entwirft, was er für eine geeignete Speisekarte eines solchen Etablissements hält: sein Highlight ist mit Käse überbackener Aal. Später im Film gibt es eine Szene, in der die beiden Brüder ein Nobelrestaurant entern, Fritten zu ihren Gourmetgerichten und natürlich den teuerstes Wein bestellen, den es gibt. Als Zuschauer weiß man schnell, dass das alles nicht gut ausgehen kann, aber man fiebert mit den beiden mit, die grundsätzlich keine schlechten Kerle sind und eine Chance verdient haben. Der Film verliert seinen munteren Ton auch dann noch nicht, als der erste ihrer Partner sein Leben lässt, genauso wenig wie den Dions klar wird, dass sie sich auf etwas eingelassen haben, das eine Nummer zu groß für sie ist. Zu erfüllt sind sie von ihrem Wunsch, den amerikanischen Traum zu leben und eine Fahrt auf dem „gravy train“ zu buchen, der sie an lästiger Arbeit vorbei geradewegs zum Reichtum führen soll.

Der Film mündet dann in ein wirklich wahnsinniges Finale, das die selbstmörderischen Tendenzen der Brüder gnadenlos offenlegt. Die Jagd auf ihren Anteil führt sie in ein Gebäude, das gerade abgerissen wird. Während sie also Tony und seinem Killer hinterherhetzen, bricht um sie herum förmlich die Welt zusammen. Wände werden von einer Abrissbirne weggerissen, mehr als einmal bricht den Charakteren sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weg und gähnende Abgründe tun sich plötzlich unter ihnen auf. Das ganze natürlich ohne die visuellen Effekte realisiert, die das, was einem da ein ums andere Mal die Luft wegbleiben lässt, heute vollkommen gefahrlos ermöglichen würden. Anstatt ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu erkennen, dass sie ihr Leben riskieren, denken die Dions nur an die Kohle – mit den erwartbaren Konsequenzen für einen von ihnen. Auch der gravy train kann von den Schienen abkommen, wenn man die Kontrolle über ihn verliert.

Jack Starrett ist kein besungener Name, auch wenn der Mann ein paar schöne Sachen gemacht hat: die Blaxploitation-Klassiker SLAUGHTER oder CLEOPATRA JONES wären zu nennen oder das putzige Okkultismus-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL. Einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte hat er auf jeden Fall als das einzige Todesopfer in Ted Kotcheffs Klassiker FIRST BLOOD. Er ist auch hier in einer kleinen Rolle zu sehen, ganz am Anfang in einer Fernsehsendung, die sich Rut ansieht, spricht er als „gentleman rancher“ vom „gravy train“ und davon, dass das Geld in den USA buchstäblich auf der Straße liege. Ich könnte mir vorstellen, dass THE GRAVY TRAIN sein bester Film ist. Haltet Ausschau danach!

 

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Kommentare
  1. Wolfgang Jahn sagt:

    Ja, das ist ein wirklich GROSSARTIGER Film, ich wuerde ihn auf die gleiche Stufe wie RACE WITH THE DEVIL stellen, den ich fuer ebenso gelungen halte, und fuer beide diese – gerne als „klein“ (weil billig) bezeichneten – Meisterwerke hat sich Jack Starrett seinen Platz in der Filmgeschichte verdient.

    Dieses Kleinod ist besser bekannt als „THE DION BROTHERS“, aber „THE GRAVY TRAIN“ beschreibt den Inhalt wohl besser, denn es bedeutet „fuer Nichts bezahlt werden“, „gravy“ bedeutet etwas gang ganz Leckeres und auf den „gravy train“ aufspringen heisst mit dem Zug mitfahren, der nach Oben fuehrt, wo man nichts tut aber alles bekommt. Dort wollen die Dion Brothers hin, aber damals wie heute ist das fuer die Porträtierten praktisch unmoeglich. Schade, aber ein ganz ganz toller Film!!

  2. Faniel Dranz sagt:

    …und „Gravyty“ eine besonders schwere Soße. 😀

  3. Wolfgang Jahn sagt:

    eigentlich FETT, als es noch nicht diesen negativen Beigeschmack hatte, denn gutes Fett gibt dem Gericht erst seinen Geschmack … aber heute ist das ja was ganz ganz Schlimmes, obwohl nicht so sehr FETT fett macht, sondern der Zucker, der in jedem und allem versteckt drinnen ist. „low fat“ % viel Zucker, da ist mir gravy lieber. 🙂

    • Oliver sagt:

      French Fries with Gravy ist ein beliebtes Gericht in Montreal: Dort werden Pommes mit Käsesauce gereicht.

      • Wolfgang Jahn sagt:

        Toll, was man alles lernt/erfährt, wenn man Filme bespricht. 🙂

        STACY KEACH ist uebrigens eine Fundgrube, wenn es um „lost gems“ geht, ich sage nur END OF THE ROAD, TRAVELING EXECUTIONER, FAT CITY (kennst Du sicher), THE SQUEEZE (1977) – kennst Du den?? – und ROADGAMES (gut, das ist bereits 1981, aber typisch 70er) … da gibt es noch Einiges zu entdecken!

      • Oliver sagt:

        THE SQUEEZE habe ich tatsächlic gestern gesehen, ROAD GAMES tseht auf der Warteliste. FAT CITY kenne ich nicht, die anderen beiden auch nicht. Werde mal die Augen offen halten. 🙂

      • Wolfgang Jahn sagt:

        >>>THE SQUEEZE habe ich tatsächlic gestern gesehen,<<>>ROAD GAMES tseht auf der Warteliste. FAT CITY kenne ich nicht, die anderen beiden auch nicht. Werde mal die Augen offen halten.<<<

        Na da hst Du dann noch einige tolle Filme vor Dir!

        FAT CITY ist von den genannten der Beste, ein klassisches Loser-Drama aus dem Boxgeschäft, und zwar aus dem Box-Geschäft am ganz unteren Ende, wo´s auch bei einem Sieg fast Nichts zu holen gibt. Tolle Charakterstudie mit einem ganz jungen Jeff Bridges, zusammen mit WISE BLOOD ("Any film that features both Harry Dean Stanton and Ned Beatty as scam artists and its tale about religious hypocrisy borders on madness, is one not to be missed") der beste John ("Jhon :-)") Huston der 70er (gleich dahinter kommt aber schon THE MAN WHO WOULD BE KING)!

        Und wenn Du mal Zeit hast, schau Dir unbedingt auch WAKE IN FRIGHT an, das Trinkerdrama to end all Trinkerdramas, ein unglaublich trostloser Film, den der Kanadier Ted Kotcheff mit grossteils englischer Besetzung in Australien (!) gedreht hat und der wohl zu Recht als bester australischer Film aller Zeiten gilt (mir fällt jedenfalls keiner ein, der da heranreicht). Nach der Urauffuehrung und einigem Erfolg in Cannes geriet er Jahrzehnte in Vergessenheit und wäre fast verloren gegangen, Gottseidank konnte ein Negativ vor dem Vernichten gerettet werden, sodass der Film heute nach digitaler Restaurierung in seiner ganzen "Pracht" bewundert werden kann … Wuerde mich interessieren, was Du zu dem schreibst.

        http://www.imdb.com/title/tt0067541/mediaviewer/rm2685251072

        Und wenn wir bei Trinkerfilmen sind, da gibt es noch einen, ebenfalls mit dem grossen Donald Pleasence, diesmal ein kanadischer, nämlich WEDDING IN WHITE (man wuerde hinter diesem Titel nie das vermuten, was da kommt …).

        Viel Spass mein Entdecken vieler weiterer "lost gems"! 🙂

  4. Wolfgang Jahn sagt:

    Auf den TOLLEN Text achten, der passt auch gut zu diesem Film und seinen hicks/underdogs.

    Tolel Sängerin, tolle Stimme, leider bereits verstorben. .-(

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