banlieue 13: ultimatum (patrick alessandrin, frankreich 2009)

Veröffentlicht: November 26, 2009 in Film
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Paris 2013: Trotz der gut gemeinten Absichtserklärungen am Ende des ersten Teils hat sich nichts geändert: Distrikt 13 ist nach wie vor von einer hohen Mauer umgeben, seine Bewohner sind mehr oder weniger sich selbst überlassen und das Ghetto wird immer noch von vielen als Schandfleck angesehen, der ausgemerzt werden muss. Etwa von dem finsteren Geheimdienstchef Gassman (Daniel Duval): Der fingiert einen von Ghettoeinwohnern verübten Polizistenmord, spielt Aufnahmen davon der Presse zu und bereitet so den Boden für bürgerkriegsartige Zustände. Dem vernünftigen, aber letztlich auch hilf- und alternativlosen Präsidenten (Philippe Torreton) bleibt nichts anderes übrig, als dem Vorschlag einer Bombardierung des Viertels nachzugeben – und damit auch den eigennützigen Immobilienplänen Gassmans. Doch da sind ja noch der Ghettobewohner Leito (David Belle) und sein Freund, der Cop Damien Tomasso (Cyril Raffaelli), der von Gassman in weiser Voraussicht aus dem Verkehr gezogen wurde: Gemeinsam mit den Anführern der verschiedenen Gangs holen sie aus zum Gegenschlag …

„Bilder sagen mehr als tausend Worte“ heißt es in BANLIEUE 13: ULTIMATUM einmal und man kommt kaum umhin, diese Redewendung in Bezug zu setzen zu jener spektakulären Kampfszene, in der Damien sich einer ganzen Schar von Bösewichtern erwehren muss und dabei „nur“ mit einem millionenschweren Van-Gogh-Gemälde bewaffnet ist, das natürlich keinen Kratzer abbekommen darf. Ich verzichte jetzt darauf, die Implikationen dieses Bildes aufzulisten, weil es einen Großteil des Reizes von BANLIEUE 13: ULTIMATUM ausmacht, seine Doppel- und Mehrfachcodierungen wirken zu lassen. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“: Besson hat diese Redewendung verinnerlicht und spitzt deshalb komplexe gesellschaftliche, politische, kulturelle und soziale Sachverhalte in Bildern zu, die sich ganz intuitiv erfassen lassen: eine von einer hohen Mauer umgebene Stadt in der Stadt, ein Mann, der an dieser Mauer entlang läuft und in regelmäßigen Abständen Löcher hineinsprengt. Der Mann ist Leito, der im Sequel als Seher und Aufklärer fungiert (einmal schaut er wie der über Gotham wachende Batman über sein Viertel): Um den Menschen die Augen zu öffnen, öffnet er die Mauer um sie herum – stößt damit jedoch längst nicht nur auf positive Resonanzen. Der Anführer einer Bande Afrikaner bringt das Dilemma auf den Punkt: Innerhalb der Mauern ist er ein König, außerhalb nur einer von vielen. Warum also die Mauer abreißen? Zumal die Probleme überhaupt immer erst dann zu eskalieren scheinen, wenn sich das Innen und das Außen begegnen, die Mauer kurz durchlässig wird und das beiderseitige Unverständnis ungebremst aufeinanderprallt. BANLIEUE 13: ULTIMATUM ist dann auch ein Film, der es sich zum Ziel gemacht hat, dieses weltumspannende Unverständnis aufzulösen. Konnte man den Vorgänger noch als Reaktion auf die stets neu ausbrechenden Aufstände in den Pariser Banlieus und also als explizit französische Reaktion verstehen, schlägt das Sequel eine universellere Richtung ein, indem es das Ghetto als Welt in der Nussschale zeichnet, die die verschiedensten Ethnien beherbergt, die in erstaunlich friedlicher Koexistenz miteinander leben und sich am Schluss vereinigen, um ihren Distrikt 13 zu retten – prekärerweise gegen kapitalistische Immobilienspekulationen und einen Konzern namens – i kid you not – „Harriburton“.

Der Schluss ist bemerkenswert, weil er die Methode des Films auf den Punkt bringt, obwohl er von dieser abzuweichen scheint: Nachdem der von Gassman intendierte Bombenangriff auf das evakuierte Ghetto in letzter Sekunde abgewehrt werden konnte, erfolgt er doch, diesmal aber auf den ausdrücklichen Willen der Ganganführer und also unter gänzlich anderen Vorzeichen. Nicht Auslöschung soll die Sprengung nun bedeuten, sondern Neuanfang. „Bilder sagen mehr als tausend Worte“ sagt dieser Film und verzichtet deshalb im entscheidenden Moment auf diese. Nur die Geräusche der finalen Spengung, die es vorher noch abzuwenden galt und die das Signal der Niederlage bedeutet hätten, sind zu hören, signalisieren nun aber – auch wenn das Licht ebenso bedrohlich flackert – den Startschuss für eine bessere Zukunft, in der sich die Menschen die Hand reichen. Es ist nicht nur das Bild, das spricht, sondern auch sein Rahmen.

BANLIEUE 13: ULTIMATUM ist für mich einer der besten Filme des Jahres, auf ähnlich hohem Niveau wie sein Vorgänger angesiedelt und – abstrahiert man vom nackten Plot, der sich von jenem des ersten Teils kaum unterscheidet – hinsichtlich seiner Gesamtkonzeption sogar noch etwas interessanter als dieser. Außerdem gefällt, dass er statt eines ätzenden Zynismus, der ja letztlich auch nur den Status quo festigt, ungebremste Hoffnung vermittelt, die im Finale schon fast in Kitsch umschlägt. Der Film verkraftet das, weil er stets äußerst pointiert ist und deshalb auch jene Szene in einem anderen Licht erscheint, in der Leito seinen flammenden Appell an den Präsidenten richtet, der nichts von der väterlichen Gönnerhaftigkeit aufweist, mit der Filmpräsidenten sonst im Übermaß geschlagen sind, und deshalb einfach nur zuhört. Es sind die vielen erzählerischen und gestalterischen Details und ihre sinnhafte Verbindung, die diesen Film die Grenzen des reinen Genrekinos überschreiten lassen – und Sätze wie jener, den Drehbuchautor Besson dem Supercop Damien Tommaso in den Mund legt: „Meine Bibel ist der Code civil.“ Manchmal müssen es eben nur die richtigen Worte sein …

Kommentare
  1. Marcus sagt:

    Werter Oliver!

    Das von dir richtigerweise als „Zusammenhalt in der Nußschale“ erkannte Motiv ist ja genau das Gefährliche an einem Film wie B13:U: der will dem Zuschauer nämlich diese verquere (Film-)Realität als bare Münze verkaufen. Im echten Leben will dieser Zusammenhalt verschiedener Ethnien nämlich nicht funktionieren. Der Film schlägt sich, wenn auch sehr plump, eindeutig auf die Seite der Nußschalen-Bewohner, siedelt das Feindbild „draußen“ an und kehrt dabei aber unter den Teppich, dass es letztlich die Banlieue-Bewohner selbst waren, die solche Bezirke erst zu Ghettos haben wachsen lassen (siehe „Broken Windows“-Theorie).
    Ich würde sogar soweit gehen, dass B13:U – schon weil er äußerst unterhaltsam und rasant inszeniert ist – Feindbilder geradezu schürt, oder um es noch spitzer zu sagen: der steht bei denen, die in Berlin dieses Jahr schon 250 Autos angezündet haben, bestimmt ganz hoch im Kurs.

    Liebe Grüße

    Marcus

    • Oliver sagt:

      Hi Marcus,

      nun, wenn ich B13: ULTIMATUM so gesehen hätte wie du, würde ich ihn vielleicht auch als „gefährlich“ titulieren – auch wenn ich das eigentlich für ein unlauteres rhetosiches Mittel halte, mit dem man seine Meinung künstlich legitimiert: Es stellt sich eh die Frage, ob und wie Filme tatsächlich „gefährlich“ sein können; gerade ein Film wie dieser, der in Deutschland gleich nur auf DVD erscheint und wahrscheinlich maximal fünfstellige Besucherzahlen verzeichnet, dürfte kaum für bleibende Schäden sorgen.

      Aber auch so nicht: Denn B13: U betreibt keine „Verklärung“, wie du das beschreibst. Der Film schildert keine realen Zustände und ist m. E. klar als Überspitzung zu erkennen. Du sprichst über das „Draußen“ des Films, das „böse“ ist. Das Draußen gibt es in beiden Filmen ja gar nicht wirklich. Es gibt außerhalb der Mauern nur korrupte und weniger korrupte Staatsdiener; das „gemeine“ Volk spielt gar keine Rolle, stellt allenfalls Passanten, die mal ins Bild gucken. Diese Dualität von „guten Ghettobewohnern“ und „bösen Bürgern“, die du gesehen haben willst, existiert in beiden Filmen gar nicht. Und von einer Verklärung des Banlieues kann kaum die Rede sein. Es bleibt ja außer Frage, das die dort herrschenden Zustände kein großer Spaß sind.

      Beide BANLIEUE-Filme machen einen recht einfachen Vergleich auf: Wir alle sind letztlich Banlieue-Bewohner (das ist ja auch eine ziemlich bunte Gemeinschaft, wie du gemerkt haben dürftest), die sich gegen verscheidene Repressalien zu wehren bzw. mit diesen umzugehen haben Wenn überhaupt, dann könnte man beiden Filmen eine Art Politikpessimismus unterstellen, aber ganz sicher keine Unterstützung von Brandstiftern etc, wie du das gesehen haben willst.

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