2 ou 3 choses que je sais d’elle (jean-luc godard, frankreich 1967)

Veröffentlicht: Februar 4, 2011 in Film
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„Sprache ist das Haus, in dem der Mensch wohnt“, sagt Juliette Jeanson/Marina Vlady einmal, die drei Themen des Films damit auf kürzestem Wege in semantische Verbindung bringend: den Menschen im Kapitalismus, seine Heimat und seine Sprache. In seinem essayistischen Film, den Godard via geflüsterter Voice-over-Kommentare begleitet, beobachtet er, wie sich mit dem Wandel der Stadt Paris auch die Sprache und durch diese also letztlich auch der Mensch verändert. Juliette Jeanson ist die „grüne Witwe“, die in Abwesenheit des berufstätigen Mannes anschaffen geht, um den in der Werbung und den Medien als erstrebenswert empfundenen Lebensstil finanzieren zu können, und sie fungiert als Projektionsfläche für den von Godard im Off geführten Diskurs um Geld, Marketing, Politik, die Verlockungen der Konsumgesellschaft, Ästhetik und letztlich die Möglichkeit von Erkenntnis und Ausdruck. Wie teilt man sich und seine Empfindungen noch mit, wenn Sprache immer mehr zum bloßen Etikett gerinnt? Gibt es überhaupt noch originäre Empfindungen und Eindrücke, wenn es keine unvorbelasteten Begriffe mehr gibt? Fragen, die letztlich auch Godard und seine Kunst betreffen. Wie findet man die richtigen Bilder? Und gibt es diese überhaupt?

Nach MADE IN U.S.A setzt Godard den dort eingeschlagenen Weg konsequent fort, verzichtet diesmal aber ganz auf eine auch nur noch in Fragmenten existierende Handlung. Auch Charaktere, die im Vorgänger zumindest noch als Illusion vorhanden waren, sucht man in 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE vergeblich: Gleich in der ersten Szene stellt er seine Hauptdarstellerin Marina Vlady als Schauspielerin vor, die die Juliette Jeanson nur spielt und die wendet sich im Verlauf des Films mehrfach direkt an den Zuschauer. Auch Dialoge gibt es nur dem Anschein nach: Godard übermittelte seinen Schauspielern via Knopf im Ohr, was sie sagen sollte oder stellte ihnen Fragen, auf die sie antworten mussten (das erinnert an MASCULIN FÉMININ). Alle Figuren sind letztlich bloß Sprachflächen, Lautsprecher für den Regisseur im Hintergrund. Und der webt mithilfe von Kameramann Raoul Coutard ein sehr dichtes – und nebenbei wunderschön anzusehendes – Bild, das sich komplett in sich selbst erschöpft: Es bezieht sich zwar auf die Welt des Jahres 1966/67, emanzipiert sich aber von dieser, indem es ihr den Gehorsam verweigert. 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE ist Signifikat und Signifikant zugleich, wie der Bläschenwirbel in der Espressotasse.

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