texas – doc snyder hält die welt in atem (ralph huettner/helge schneider, deutschland 1993)

Veröffentlicht: August 4, 2013 in Film
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Der Helge-Schneider-Hype der mittleren Neunzigerjahre war eine merkwürdige Sache. Wieso Schneider, der 1993, als TEXAS in die Kinos kam, schon ein Entertainment-Veteran war, ohne in dieser Zeit jemals zum Mainstream durchgedrungen zu sein, plötzlich zum Massenphänomen wurde, ist heute nicht mehr so einfach nachzuvollziehen. Ein paar kuriose Fernsehauftritte machten ihn zur Marke, die vor dem Film veröffentlichte Single „Katzeklo“ verstärkte das Interesse noch und als Schneiders heiß erwarteter Film dann mit perfektem Timing keine Woche zu früh oder zu spät erschien, war das Kino voll mit Schneider-Enthusiasten, die sich mit Riesensombreros auf ihren Sitzen niederließen. Was dann geschah, ist eigentlich ein Märchen. Schneider lieferte nämlich nicht das Pendant zu jenen Filmen, mit denen deutsche Komiker in den Jahrzehnten zuvor den Zenith ihres Schaffens markiert zu markieren pflegten, bevor sie sich in die Normalität zurückzogen: Typisch deutsche „Lustspiele“, in denen der „Star“ seine Marotten zelebrieren und sich zwischen zalhreichen Gaststars aus „Funk und Fernsehen“ tummeln durfte. Schneider riss seine Gags nicht im Gewand einer brav den Bedürfnissen des Massenpublikums angepassten Durchschnittskomödie. Ja, eigentlich gab es in TEXAS überhaupt keine „Gags“ im eigentlichen Sinne. Stattdessen Improvisationstheater, vergeigte, aber dringelassene Takes, Laiendarsteller, Dialogzeilen zwischen ungeschöntem Alltagssprech und bizarrer Wortkunst, karge Kulissen, schlechte Masken und Requisiten und ein „Plot“, der aufs Extremste skelettiert worden war. Was viele sicherlich als Publikumsverarsche betrachteten, weil sie sich um das Lacherlebnis betrogen fühlten, das sie erwartet hatten, war ein postmodernes Kunstwerk, dessen Schönheit zu erkennen man ein offenes Auge brauchte.

Die xte Sichtung dieses Films bei einem Besuch bei meinem Kumpel Frank, selbst glühender Verehrer von Schneiders Kunst, fand im Anschluss an eine Diskussion über den Status quo des Hollywood-Kinos statt. Richtigerweise war es eigentlich keine Diskussion, sondern eher eine Verständigung, weil der Zustand des US-amerikanischen Mainstreamkino heute kaum noch kontroverse Positionen zulässt. Wir waren uns jedenfalls schnell einig darüber, dass riskante, individuelle, künstlerisch eigenständige und herausfordernde Werke derzeit von Hollywood eher nicht mehr erwartet werden dürfen. Zu sehr sind die Geschäftsleute und Manager, die es sich heute in den Führungsetagen der großen Studios bequem gemacht haben, auf sichere Investitionen und Gewinnmaximierung durch Zielgruppenoptimierung bedacht, als dass sie das OK zu einem Film gäben, ohne sich vorher doppelt und dreifach abgesichert zu haben. Kaum ein Film wird heute noch gedreht, der nicht schon eine bestehende, zalungswillige Fanschar mitbringt. Originaldrehbücher machen nur noch einen Bruchteil aller verwirklichten Drehbücher aus. Was wir stattdessen zu sehen bekommen, sind Remakes erfolgreicher Klassiker, Comic-, Computerspiel- oder Serienverfilmungen, Fortsetzungen, Spin-offs oder Reboots von ebensolchen. Für sich betrachtet noch kein Drama, wenn diese Filme dann wenigstens eine gewisse Risikobereitschaft erkennen ließen. Aber dann wird, um mal ein aktuelles Beispiel zu nennen, THE WOLVERINE für 13-Jährige zurechtgestutzt, die Figur für all jene, denen sie etwas bedeutet, ihres eigentlichen Reizes beraubt. Das Traurige daran ist, dass die Qualität längst kein entscheidender Faktor mehr ist: Der Kinobesuch ist ein gesellschaftliches Event, bei dem der eigentliche Film auch nur noch eine von vielen austauschbaren Variablen ist. Man hakt den Film ab und geht 4 Wochen später wieder ins Kino, weil man das ja immer so gemacht hat. Man hat sich daran gewöhnt, dass man nicht mehr begeistert, berauscht und gefordert wird. Wenn ein Film nicht ffensiv nervt, ist man ja meist schon zufrieden.

Was hat das mit TEXAS zu tun? Nun, der Film zeigt, wie Kino auch gehen kann: Vielleicht hätte man auch einen „glatten“, optimierten Helge-Schneider-Film machen können, einen, der die Laufkundschaft (sprich: die Masse) zufriedengestellt und nicht veprellt hätte. Die Frage ist, was man damit gewonnen hätte. Vielleicht wären TEXAS und seine Nachfolger noch erfolgreicher gewesen (PRAXIS DR. HASENBEIN lief vier Jahre später schon nur noch vor einer eingeschworenen Fanschar im kleinen Saal des Krefelder Kinos, in dem ich ihn sah), aber wären so Filme entstanden, die einen auch heute noch verzaubern? Wohl kaum. TEXAS ist auch deshalb so schön, weil er zeigt, was Mut und Integrität bedeuten. Es ist genau der Film geworden, den Helge Schneider machen wollte (glaube ich zumindest). Er hatte sicherlich die Gunst der Stunde auf seiner Seite, großer Zuschauerandrang war ihm sowieso sicher, aber Schneider war bereit, den Massen vor den Kopf zu stoßen. Das war nicht seine Intention, aber es war ihm gewissermaßen egal, wie die Reaktionen auf seinen Film sein würden. Und er konnte sich das leisten, weil er kein 200-Millionen-DM-Budget einspielen musste. Man muss sich fragen, ob nicht hier die Zukunft des Kinos liegt: Bei den kleinen Filmen, deren finanzielles Scheitern nicht den Ruin aller Beteiligten bedeutet, und die deshalb keine Rücksicht zu nehmen brauchen. TEXAS begeistert mich auch 20 Jahre nach Erscheinen noch, er bringt mich immer noch zum lachen, überrascht und verzaubert mich. Ich bezweifle, dass ich mich an Marvel-Verfilmung Nr. 38 nach so vielen Jahren überhaupt noch erinnere.

Kommentare
  1. Thimmon sagt:

    „Wir waren uns jedenfalls schnell einig darüber, dass riskante, individuelle, künstlerisch eigenständige und herausfordernde Werke derzeit von Hollywood eher nicht mehr erwartet werden dürfen.“

    Och, das ist mir zu pauschal. Was ist mit Filmen wie „Only God Forgives“, „I Melt With you“, „Gone Baby Gone“ oder „Killer Joe“? Hollywood ist definitiv noch zu großem imstande. Man muss heutzutage nur genauer hinschauen

    • Oliver sagt:

      Stimmt, Pauschalurteile sind gefährlich. Aber die genannten Filme sind meines Wissens nach mit Ausnahme von GONE BABY GONE Indieproduktionen und entstammen nicht dem Studiosystem. ONLY GOD FORGIVES ist sogar nur US-coproduziert. Mit „Hollywood“ meine ich nicht den Ort, sondern die Studioindustrie. Und die ist nun einmal hauptsächlich damit beschäftigt, das nächste Hit-Franchise zu finden. Ausnahmen gibt es immer, aber sie bestätigen derzeit die Regel. Um genau zu sein widersprichst du mir also nicht, sondern bestätigst mich sogar, denn keiner der von dir aufgezählten Filme ist eine der größenwahnsinnigen Eventproduktionen, gegen die sich meine Kritik in erster Linie richtet und für die „Hollywood“ bekannt ist.

  2. Thimmon sagt:

    Wobei das mit den Indieproduktionen so eine Sache ist. Ich glaube es war Uwe Boll, der es einmal auf den Punkt brachte und sinngemäß so etwas sagte wie: Das was uns heutzutage als Indieproduktion verkauft wird (zB Filme wie Juno) sind keine. Hinter den „Indie“ Produktionen stehen die großen Produktionsstätten und promoten und fördern einen „Indiefilm“ wie Juno dann hinter den Kulissen schon einmal mit 40-60 Mio. Dollar. Ob man da dann noch von Indiefilmen reden kann ist mehr als zweifelhaft.

    Selbst die allgemein „bekannten“ Indiefilme sind in aller Regel Produkte der großen Studios (welche sie nur als Indie bewerben. Ist ja irgendwie schick). Und da recht viele dieser Indiefilme, welche eigentlich gar keine sind manches Mal ziemlich gut sind, verweigere ich mich einer kategorischen Verteufelung des gegenwärtigen Hollywood.

    Zumal auch die Umdenken müssen, was ihre so geliebten Blockbuster angeht. Was damals funktionierte, tut es heute nicht mehr.

    Immer mehr „sicherebankproduktionen“ floppen. After Earth, White House Down, Jack Giants, Lone Ranger, Pacific Rim, John Carter und und und

    • Oliver sagt:

      Indiekino: Ja, das stimmt wohl. Aber der Unterschied von meinetwegen zweistelligen zu dreistelligen Millionenbeträgen an Produktionskosten ist ja nun kein Pappenstiel. Das ist doch genau das, was ich meine: Geringeres finanzielles Risiko bürgt eben für gewisse künstlerische Chancen, die ein Film dessen Marketingkosten schon 100 Millionen verschlingen, nicht hat. Nichts anderes sage ich. Vielleicht hätte ich gleich von Mainstream oder Blockbusterkino reden sollen und mein Verweis auf das Studiosystem war unpräzise.

      Ich behaupte auch nicht, dass Hollywood ein für allemal erledigt ist. Wie käme ich dazu. Es ist aber nun einmal ziemlich offensichtich, dass sich das, was derzeit die Multiplexe bespielt zu einem großen Teil durch Idenlosigkeit auszeichnet, die durch Megalomanie kompensiert werden soll. Da ist nur ganz, ganz wenig Platz für Stil oder Vision.

      Das sage ich keinesfalls als Mainstream-Kino-Hasser. Wenn du mein Blog liest, wirst du übrigens feststellen, dass ich Hollywood keineswegs verteufele. Der Großteil dessen, was ich schaue, kommt aus den USA. Und ich stehe auch dem Blockbusterkino wohlwollend gegenüber. Nur haben diese Filme leider eine Halbwertzeit von wenigen Jahren. Das war früher anders.

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