les tribulations d’un chinois en chine (philippe de broca, frankreich/italien 1965)

Veröffentlicht: Dezember 30, 2014 in Film
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Wie schade, dass ich diesen Film gestern zum ersten Mal gesehen habe. Hätte ich ihn bereits als Kind gesehen, wäre er mir heute, nach Dutzenden via VHS-Tape zelebrierter Sichtungen unweigerlich in jede Pore gedrungen. Die freie Adaption eines Jules-Verne-Romans bringt ja alles mit, was Jungsherzen in den Achtzigerjahren höher schlagen ließ: einen umwerfenden, unwiderstehlichen Bebel auf dem Gipfel seiner Spitzbübischkeit, eine atemberaubend kurvenreiche Ursula Andress, farbenprächtige exotische Kulissen, trottelige Sidekicks und finstere Finstermänner, ausufernde Verfolgungsjagden, spektakuläre Slapstick-Choreografien, freche Sprüche und das alle in einer nicht abreißenden, stattdessen immer rasanter werdenden Folge. Auch mein 38-jähriges Selbst war schlichtweg begeistert von diesem herrlichen Sonntagnachmittags-Film, dem unnachahmlichen Sechzigerjahre-Flair und de Brocas spritziger Inszenierung, die in ihrer Verbindung von wüstem Körperhumor, anarchischer Actionsequenzen, jugendlicher Romantik und humanistisch geprägter Poesie auch heute noch nur wenig Konkurrenz hat. Doch trotz dieser Begeisterung werde ich mit LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE niemals diese Erinnerungen verbinden, die Kindheitslieblingen erst diese mystische Aura verleihen, die auch Jahrzehnte später noch in der Lage ist, ganz konkrete Sinneseindrücke zu reaktivieren und einen wie eine Zeitmaschine in die Vergangenheit zu schicken. Ich möchte Philippe de Brocas Film nicht nur kennen, mögen, lieben: Ich möchte ihn in meinem Blut, meiner DNA haben. Ich will, dass er ein Teil von mir ist. Es ist so ein Film, von dem man sich das wünscht.

Für den Zuschauer im 21. Jahrhundert kommt LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE sowieso mit einer verschreibungspflichtigen Dosis Nostalgie daher, auch wenn man noch keine autobiografische Verbindung zu ihm hat. Die Zeit für solche ausschweifenden Technicolor-Abenteuerfilme, die demjenigen, der die Kinokarte löste, gewissermaßen die totale Entertainment-Rundumversorgung lieferten, ist genauso lange vorbei wie die von Belmondo, der seinen Kollegen aus Hollywood problemlos von Europa aus die Stirn bot, bevorzugt in solchen französisch-italienischen Wunderwerken, die mit Stolz und Traditionsbewusstsein auf ein langes filmisches Erbe zurückblickten – und ihrerseits ihren Einfluss hinterließen. Man kann mir jedenfalls nicht erzählen, dass Peter Bogdanovich bei WHAT’S UP DOC? im Hinterkopf nicht auch ein bisschen an Philippe de Brocas Film dachte: Die traditionellen chinesischen Verkleidungen, in denen Bebels Arthur und seine Alexandrine (Ursula Andress) irgendwann rumlaufen, die einer Lawine gleichende Handlungsstruktur, die immer mehr Figuren fortreißt, die Gegenüberstellung der unangepassten, abenteuerlustigen Striptease-Tänzerin und der langweiligen Verlobten findet man jedenfalls auch in Bogdanovichs Masterpiece.

Wie jenes fasziniert LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE mit seiner nahtlosen In-Eins-Setzung von Anarchie, Spontaneität und Kontrollverlust auf der einen, erzählerischer Ökonomie, punktgenauem Timing und allzeitiger inszenatorischer Kontrolle auf der anderen Seite. Aus Hongkong begibt sich der Film nach Indien und auf den Himalaja, zurück nach Hongkong, auf ein Schiff, an die malerische Küste Thailands und in den Urwald, ohne jemals seine Linie zu verlieren. Die Killer, die Arthur vermeintlich den Garaus machen wollen, entpuppen sich als wohlmeinende, aber tolpatschige Angestellte der Versicherung – neben Bebels beachtlichem Talent für körperliche Verrenkungen sind sie es, die die direkte Verbindungslinie zu den chaotischen Slapstickeinlagen der Marx Brothers knüpfen (und vielleicht sogar die Comicfiguren Clever & Smart inspirierten?) –, und die Kunde, dass Arthur mitnichten in akuter Lebensgefahr schwebt, veranlasst sogleich seine Schwiegermutter ihm ein paar gedungene Mörder auf den Hals zu hetzen. Die sich ergebende Hatz kulminiert in einer turbulenten Verfolgungsjagd und dann in der Zerstörung einer alten Festungsanlage. Erst kurz vor Schluss kehrt an den malerischen Stränden von Thailand etwas Ruhe ein. Ein fast surreales Element hält nun Einzug (diese Musik!) und der Film verwandelt sich in eine handfeste Liebesutopie, jenseits von Raum und Zeit in einem Zustand der Schwerelosigkeit suspendiert, bevor das Chaos wieder losbricht. Es ist schwer, über LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE zu schreiben, ohne dabei in uferlose Aufzählungen zu verfallen, weil de Brocas Film vor witzigen Figuren und Episoden, Eindrücken, Ideen, Bildern, hingeworfenen One-Linern, losen Enden und potenziellen Anfängen nur so überläuft, ohne dabei jedoch zur bloßen Nummernrevue zu verkommen – ein unerklärliches Wunder. In Arthurs selbstverliebter Haartolle kommt der Film ganz zu sich: Ein eigentlich überflüssiger Manierismus, immer da, selten bedeutsam, aber durchweg charaktervoll, stets exzentrisch-verspielt und deshalb unvergesslich. Wenn LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE nach 105 übervollen Minuten sein Ende findet, wird die Trauer darüber durch die Rückkehr dieser Haartolle, derer Arthur sich zu Beginn seines Abenteuers entledigt hatte, erheblich geschmälert.

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