14. hofbauer-kongress: martins feuer (bruno sukrow, deutschland 2013)

Veröffentlicht: Januar 8, 2015 in Film
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In den vergangenen Wochen hat sich das Werk des 87-jährigen Aachener Maschinenschlossers-gone-Filmregisseur Bruno Sukrow vom gut gehüteten Familiengeheimnis zum cineastischen Insidertipp gemausert. Rainer Knepperges verlieh seiner Begeisterung in einem schwärmerischen Blogeintrag Worte, Olaf Möller gelang es gar, einen Film des „Filmbastlers“ ins Programm des renommierten Filmfestivals Rotterdam zu hieven. Weil auch auf Hard Sensations regelmäßig über Sukrow und seine Filme geschrieben wird, im vergangenen September gar ein vielbeachtetes Interview dort erschien, möchte ich mich zur Einführung hier kurz fassen: Bruno Sukrow, früher begeisterter 8-mm-Urlaubsfilmer, stieß auf der Suche nach einem Hobby vor einigen Jahren auf das Animationsprogramm iClone, das es dem User gestattet, mithilfe vorgegebener oder zukaufbarer, dann beliebig kombinierbarer Figuren und Requisiten eigene Filme zu inszenieren. Seitdem bastelt Sukrow Tag und Nacht an diesem Programm, hat gewissermaßen ständig einen Film in der Mache. Die von seiner Vorliebe für pulpige Groschenheftromane inspirierten Werke – derzeit existieren wahrscheinlich um die 30 – werden abschließend von Sukrow höchstselbst und einem kleinen Kreis von Familienmitgliedern und Freunden synchronisiert und gelangen dann im kleinen Rahmen in Aachen zur Aufführung, nachdem sie jahrelang der Sukrow-Familie vorbehalten waren, quasi als fantasievollere Variante zum Diavortrag. Das ist für sich genommen schon eine wunderbare Geschichte, die Mut für das eigene Älterwerden macht: Noch besser wird sie dadurch, dass die Filme Sukrows – soweit ich das nach der Sichtung von MARTINS FEUER beurteilen kann – wirklich genauso toll sind, wie es bisherige Eingeweihte schon die ganze Zeit beschwören. Ich muss zugeben, zunächst skeptisch gewesen zu sein, ob Sukrows Filme auch für mich als Außenstehenden funktionieren würden. Auch etwas Angst schwang da mit, schließlich ist Alex Klotz, gewissermaßen Bruno Sukrows Max Brod, ein guter Freund und Kollege, den ich nur ungern verprellt hätte. Die Sorge erwies sich als unbegründet, denn MARTINS FEUER ist zauberhaft, in der internationalen Filmlandschaft absolut singulär und macht immense Lust auf weiteren Stoff.

Sehr geschickt und mit vielen kleinen biografischen Details und bedeutungsvollen Andeutungen gespickt, verbindet Sukrow die Geschichte um den an Albträumen von Hexenverbrennungen leidenden Martin mit einem klassischen Kriminalfall um den Mord an einem Psychologen. Sukrow zeigt ein beeindruckendes natürliches Erzähltalent, folgt jedoch nicht bloß etablierten Genreformeln, sondern weiß instinktiv, wann er diese zu beugen oder zu brechen hat. Der unorthodoxe, durch die Computersoftware bedingte visuelle Stil und die Amateursynchro mit heftigem mundartlichen Einschlag verleihen Sukrows Filmen darüber hinaus ihren unnachahmlichen, speziellen surrealistischen Charme. Die Figuren bewegen sich verlangsamt, wie unter Wasser, hier und da gibt es kleine Bugs, die die träumerische Atmosphäre noch verstärken. Im Stile alter B-Filmer muss Sukrow diese Fehler und Limitierungen in seine Arbeit einbinden oder aber um sie herumarbeiten. Das von der Software angebotene Inventar verleitet ihn oft zu kleinen Spielereien, in denen eine große Detailverliebtheit aber auch ein feiner Humor zutage treten, etwa wenn eine Ente in aller Seelenruhe und quietschvergnügt durch einen sonst drögen Establishing Shot watschelt. Oder wenn die einzige Kamerafahrt des Films, der Tracking Shot einer Fahrradfahrerin, in der von Sukrow unnachahmlich intonierten Dialogzeile „Ich fahre nur noch kurz Getränke holen!“ kulminiert. Humor ist überhaupt immens wichtig für MARTINS FEUER. Sukrow verfügt über die Fähigkeit zu gesunder Selbstironie, weiß um den kruden Charme seiner Bilderwelten und dass diese einer Prise Humor bedürfen. Dennoch hat man nie den Eindruck, da distanziere sich ein Filmemacher von seinem Werk, wolle sich gewissermaßen gegen den Vorwurf technischer Unzulänglichkeiten absichern. Der Regisseur weiß um die Grenzen, aber auch um die Stärken seiner Mittel und akzentuiert sie sehr geschickt. Das unterscheidet ihn auch von den unsäglichen Vertretern etwa des Amateur-Splatterfilms, die einfach drauflosdrehen und vom Zuschauer erwarten, er teile ihre Freude und Begeisterung am Selbermachen ganz automatisch. Bruno Sukrow geht auf seine Zuschauer zu, er lockt sie auf sein Narrenschiff und macht es ihnen leicht, sich auf seinen Stil einzulassen, ohne jedoch von diesem abzulenken. Vielleicht sind Avantgardismus und Unterhaltung noch nie eine so innige Bindung eingegangen wie in MARTINS FEUER.

 

Kommentare
  1. Alex sagt:

    Mit Max Brod verglichen werden – check. Schön, wenn sich Lebensziele minimieren. 😀
    Aber auch schön, daß du ebenfalls deine Freude hattest und es wie oft prima auf den Punkt bringst.

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