14. hofbauer-kongress: la donna di notte (mino loy, italien 1962)

Veröffentlicht: Januar 8, 2015 in Film
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$T2eC16dHJGwE9n)yUsnQBRKi1Y(EKg~~60_57Ich habe mich bei der Eröffnung dieses Blogs vor nunmehr sieben Jahren dafür entschieden, Filme immer unter ihrem Originaltitel zu besprechen, ganz gleich welche Fassung ich tatsächlich gesehen habe. Bislang schien mir das ein legitimer, vertretbarer Brauch. Bei LA DONNA DI NOTTE, dem „Tristen Überraschungsfilm“ des 14. Hofbauer-Kongresses, ergeben sich durch diese Konvention aber Probleme für mich, mehr als bei den meisten anderen durch Klamauksynchronisation „verfälschten“ Filmen. Es handelt sich um einen Revuefilm, eine bunte Zusammenstellung verschiedener Tanz-, Gesangs-, Musiknummern und Folkloreeinlagen aus aller Welt, denen man in der deutschen Fassung eine solch idiotische narrative Klammer verliehen hat, dass ich ein schlechtes Gewissen dabei bekomme, meinen Text dem armen Mino Loy in die Schuhe schieben zu müssen. In der KÄUFLICHE NÄCHTE betitelten deutschen Fassung stellt sich Klaus Havenstein via Voice-over-Kommentar als „Reiseleiter“ vor, der eine fünfköpfige Touristenschar – und den Zuschauer – in den folgenden 90 Minuten in die Vergnügungszentren der Welt begleiten will. Bei diesen Touristen handelt es sich um fünf deutsche bzw. österreichische Komiker und Kabarettisten (mehrere von ihnen aus dem Dunstkreis der Münchener Lach- und Schießgesellschaft), die die folgenden Attraktionen mundartlich (im bayrischen, schwäbischen, sächsischen, Berliner und Wiener Idiom) kommentieren. Was zumindest theoretisch – und die entsprechende Klasse dieses Kommentars vorausgesetzt – lustig sein könnte, wird in der Realität zum Stahlbad dumpfer rassistischer und sexistischer Klischees, endloser unwitziger Wiederholungen und lieblos hingeschluderter One-Liner, die den Eindruck, die Synchro sei innerhalb weniger Stunden in einem einzigen Take ohne jede Vorbereitung entstanden, zu keiner Zeit verbergen können. Da beteuern die Reisenden immer wieder in ihrer bornierten deutschen Art, dass es ja zu Hause („in Tuttlingen“) viel lustiger sei, fordern die Männer, dass es doch jetzt endlich einmal wieder nackte Mädchen geben solle, während die weibliche Komikerin in ihrer Rolle als verständnisvolle Dame einräumt, dass das doch jetzt auch ganz hübsch sei. Am schlimmsten ist sicherlich die Diffamierung japanischer Tänzerinnen als „Japsinnen“, aber eigentlich macht es keinen Sinn einzelne Entgleisungen besonders herauszustellen: Die ganze Darbietung ist eine einzige Beleidigung für jeden halbwegs denkenden, aufgeklärten Menschen. Schockierend, was 1962 noch als harmlose Unterhaltung durchgehen konnte. Andererseits: Ich bezweifle, dass irgendjemand, der damals die Kinokarte für diesen Film löste, wirklich glücklich das Kino verließ. Es ist wirklich so schlecht.

Dabei ist das kompilierte Material eigentlich ganz hübsch, bunt, abwechslungsreich und einigermaßen rasant, sodass man bei Nichtgefallen nicht allzu lang auf Besserung warten muss. (Ein Auftritt der Louis-Prima-Band in Las Vegas, ein glänzendes Beispiel unnachahmlichen US-amerikanischen Showmanships, und ein heftiger Muay-Thai-Messerkampf waren für mich die Highlights.) In voller Breite kommen einige der besonders aufwändigen Tanznummer hervorragend zur Geltung und die Farben springen dem Betrachter nur so entgegen. Dennoch stellt sich  bei einem solchen Film über die Laufzeit von 90 Minuten fast zwangsläufig irgendwann Ermüdung ein. Und so bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob die deutsche Schreckenssynchro dem schönen, aber eben auch irgendwie beliebigen Bildmaterial wirklich nur schadet. Ganz sicher wird KÄUFLICHE NÄCHTE erst mit dieser halbgaren, unterentwickelten Prämisse, den unerträglich dummen Sprüchen, verbalen Geschmacklosigkeiten und dem unverhohlenen Zynismus, der sich in der ganzen Schlampigkeit der Darbietung widerspiegelt, zum gewichtigen Beitrag zur Beyond-Belief-Kategorie. Sonst wäre er lediglich ein ganz hübscher, aber eben auch hoffnungslos überkommener und natürlich vollkommen beliebiger Bilderbogen. Nicht, dass es nicht auch jenseits der Tonspur Anlass zum Leiden gäbe: Ein Ausflug in das staubige, braungraue, nach Bohnerwachs riechende Interieur des Berliner Café Resi, in dem sich die nicht durchgehend entnazifizierte deutsche Silberlöckchenmafia beim Tanztee in den Hirntod schwoft, entlockte mir in den Tiefen meiner Eingeweide aus Schmerz geformte Seufzer, und die Stripteasenummer einer Holzmarionette wird mich wahrscheinlich irgendwann in einem fieberhaften Albtraum heimsuchen und schweißgebadet aufspringen lassen. Nachdem das Elend überstanden war, waren nicht wenige Kongressteilnehmer, darunter auch ich, der Meinung, der triste und der stählerne Überraschungsfilm seien vertauscht worden. Viel härter als KÄUFLICHE NÄCHTE kann es nicht mehr kommen. Frühes deutsches Terrorkino mit akuter Verblödungsgefahr.

 

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