zahn um zahn (hajo gies, deutschland 1985)

Veröffentlicht: Oktober 14, 2015 in Film
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s-l1000Die Bronx, Duisburg. Ruinöse, braun in den Himmel stechende Backsteinbauten, staubige Straßen, zerbrochene oder blind gewordene Fensterscheiben. Ein Mob streift durch die Straßen, Plakate werden in die Luft gereckt, Motorradbanden gesellen sich dazu. DIe Polizei marschiert auf, bezieht Stellung für den bevorstehenden Kampf. Blick in eine schäbige Eckkneipe. Auf dem Barhocker am Tresen hängt ein Mann vornübergebeut, die Ellbogen auf dem Tresen. Wildes, dunkelblondes Haar, Schnurrbart, sandfarbener Anorak, Jeans, Cowboystiefel. Es ist Schimanski (Götz George) und er wartet auf etwas, eine Eingebung, ein Zeichen, während draußen der Sturm heraufzieht. Dann erscheint eine Silhouette in der Tür: Es ist sein Kollege Thanner (Eberhard Feik), Zeit für Schimanski aufzubrechen. Er drückt eine Zitrone in ein Taschentuch, wirft dem Kollegen auch eine zu. ihn auffordernd, es ihm gleichzutun, drückt sich das Tuch aufs Gesicht und stürzt hinaus in die wabernden Tränengaswolken.

Der Startschuss für das erste Kinoabenteuer des Fernsehkommissars Schimanski (Götz George) hätte eindrucksvoller nicht sein können. Man fühlt sich an die ikonischen Momente erinnert, die die großen Italowestern ihren Antihelden zur Einführung gönnen, das Setting, die ganze Szenerie lässt an den Endzeitfilm denken, der seine Dystopie aber nicht 1.000, nicht 500 und auch nicht 100 Jahre in die Zukunft verlegt. sondern auf den morgigen Tag datiert. Und das kommt nicht von ungefähr: ZAHN UM ZAHN bezieht sich auf die damals den Krupp-Standort Duisburg erschütternden Schließungen diverser Stahlwerke, die nicht nur Arbeitslose im vierstelligen Bereich und die sprichwörtliche Entvölkerung ganzer Stadtteile zur Folge hatten, sondern auch einen hart geführten Arbeitskampf nach sich zogen, in dem sich Arbeiter aus dem ganzen Ruhrgebiet miteinander solidarisierten. Dieser Hintergrund ist in Gies‘ Film Ausgangspunkt für Ermittlungen, die Schimanski bis nach Marseille führen.

ZAHN UM ZAHN stellt den überaus gelungenen Versuch eines deutschen Actionfilms dar: Die Grenzen, die Schimanski im Tatort-Format im Fernsehen noch gesetzt waren, werden hier durchbrochen, geografisch wie strukturell, der Prolo-Cop mit der Schnodderschnauze seines Amtes enthoben, um wie die Helden des Actionfilms auf eigene Faust vorzugehen, mit all den Keilereien, Schießereien, Explosionen und Verfolgungsjagden, die das in diesem Genre in der Regel nach sich zieht. ZAHN UM ZAHN geht hohes Tempo und der Versuch, großes Actionkino im amerikanischen Stil zu machen, fällt sehr überzeugend aus. Neben der versierten Inszenierung von Gies und dem einmaligen Lokalkolorit des Ruhrpotts (den der Film leider bald hinter sich lässt) liegt das natürlich vor allem an George als Schimanski, der hier beweist, dass es in Deutschland wahrscheinlich keinen einzigen Darsteller gab, der dem Stellenprofil des „deutschen Actionhelden“ so idealtypisch entsprach wie er. Schon in den Karl-May-Filmen der Sechzigerjahre hatte er nicht nur den nötigen athletischen gebauten Körper vorzuweisen, sondern eben auch das Talent, ihn einzusetzen. Wenn George sich prügelte, durch die Gegend sprang oder stürzte, hatte das immer eine beinahe tänzerische Qualität, jenes nötige Quäntchen Theatralik, das ihn von bloßen Kraftprotzen oder uncharismatischen Stuntmen abhob. Auch in ZAHN UM ZAHN trifft George immer genau jenes richtige Maß an „Zuviel“, wie es die Superstars des Hollywood’schen Männerfilms zur Kunstform erhoben haben, erreicht sein Spiel diese Hyperrealität, die es braucht, um auch absurdeste Stunts noch realistisch erscheinen zu lassen. Ich glaube tatsächlich, dass George das Zeug dazu gehabt hätte, es „drüben“ zu schaffen. Wahrscheinlich hätte er nicht den Status erlangt, den er hier ohne Frage genoss, aber man kann ihm dieses gewisse Etwas, das den guten  Schauspieler eben vom Star unterscheidet und das in unseren Breiten eigentlich kaum vertreten ist, nicht absprechen. Mir fällt kein anderer deutscher Schauspieler aus den letzten 20, 30 Jahren ein, der ihm in dieser Hinsicht das Wasser reichen könnte. Und dabei mag ich ihn als Mensch noch nicht einmal.

ZAHN UM ZAHN markiert den Gipfelpunkt der Popularität Schimanskis und Gies‘ Film zeigt, dass die Figur zu jenem Zeitpunkt für das Fernsehen eigentlich schon fast zu groß geworden war. In der zeitgenössischen Presse firmierte Georges Schimi gleich neben Stallone und Schwarzenegger, die zeitgleich einen Zweikampf um den Actionhelden-Thron schlugen und zumindest an den deutschen Kinokassen plötzlich Konkurrenz bekamen. Eine schöne Underdog-Geschichte, die zu Schimanski passt wie die Faust aufs Auge. Oder eben auf die Faust.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Ach Olli, für solche Texte lieb‘ ich Dich.

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