15. hofbauer-kongress: die perle der karibik (manfred stelzer, deutschland 1981)

Veröffentlicht: Januar 11, 2016 in Film
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die_perle_der_karibikWeil ich den Ankündigungstext für diesen Film nicht mehr in Erinnerung hatte, begann mein letzter Kongresstag mit einem ungeschickten Stolpern. Ich erwartete einen deutschen Karibikfilm aus den Sechzigern, ein buntes Exotismus-Vehikel mit prächtigen Technicolorfarben und säuselnder Musik, stattdessen bekam ich einen Fernsehfilm aus den frühen Achtzigern, eine Satire, die sich auf zwar durchaus humorvolle Art und Weise mit dem bitteren Thema „Katalogheirat“ auseinandersetzt, aber gleichtzeitig einen reichlich deprimierenden Blick auf die deutsche Mittelklassenherrlichkeit mit Plattenbauwohnung, Couchgarnitur und totaler Fantasie- und Geistlosigkeit wirft. Mein Desorientierung währte nur kurz, war aber trotzdem der ideale Modus, um in einen überaus denkwürdigen letzten Tag eines insgesamt (wieder einmal) grandios kuratierten und wie immer auch menschlich wunderbaren Kongresses zu starten.

Diethard (Diethard Wendtland) ist 41, Handelsvertreter für Lexika und Lehrbücher. Er trägt eine Hornbrille, Seitenscheitel und braune Anzüge, hat sich eine Wohnung in einem noch nicht fertig gebauten Betonmonstrum in Berlin geleistet, zu Sonderkonditionen dazu die passende Einrichtung. Mahagonischränkchen, Mamortisch, Einbauküche, Bett für zwei, alles da, nur die passende Frau fehlt noch zur Perfektion. Als er bei der Arbeit einen Mann trifft, der sich aus dem Katalog eines Heiratsvermittlers (Alfred Edel) eine hübsche Asiatin ausgesucht hat, die ihm ohne Widerrede Sake und Krabbenchips serviert, weiß er, wie er an die noch fehlende Gattin kommt. Hübsch soll sie sein, gut gebaut und mit großen dunklen Augen, bloß keine Schlitzaugen, und so kommt dann nach einigen Formalitäten Beanboat Banani (Alisa Saltzman) bei ihm an, die titelgebende „Perle der Karibik“. Aber das Leben mit der neuen Ehefrau ist keinesfalls so paradiesisch, wie Diethard sich das ausgemalt hat, denn die neue Frau tut sich ziemlich schwer, sich ins deutsche Spießbürgerleben und in die Rolle als Dienerin des deutschen Mannes einzufinden.

Manfred Stelzer hatte sich Mitte bis Ende der Siebzigerjahre einen Namen als Dokumentarfilmer gemacht – vor allem über seinen MONARCH, der einen Geldautomatenzocker bei seiner Passion begleitet, hört man nur Gutes -, bevor er mit DIE PERLE DER KARIBIK sein Spielfilmdebüt ablieferte. Dem dokumentarischen Stil blieb er treu: Mit distanziert beobachtender Kamera folgt er dem schildkrötigen Diethard durchs Leben, fängt ihn bei der Arbeit ein, bei der Bewältigung des Alltags, bei den Kameraden in der Kneipe und natürlich bei den Vorbereitungen zur Heirat. Stelzer greift auf Amateurdarsteller zurück, die er nur minimal inszeniert, und so den Eindruck erweckt, „echte“ Menschen abzufilmen, verzichtet auf einen herkömmlichen Plot, zeichnet lediglich die (vorhersehbare) Entwicklung der Ehe nach, die aber eigentlich nicht das Hauptthema des Films, vielmehr das perfekte Bild ist, das Stelzer braucht, um seine Kritik am männlich-deutschen Spießerleben auf den Punkt zu bringen. Diethard behandelt das Leben wie ein Panini-Klebebildchenalbum: Nach und nach werden Lücken gefüllt, mit dem Ziel, das irgendwann alles „vollständig“ ist. Die Bedürfnisse, die Diethard da stillt, sind überwiegend materieller Natur und werden von außen diktiert. Diethard braucht diese Sachen nicht wirklich, er glaubt lediglich, dass er sie zum Glück haben muss. Und das ist charakteristisch für sein Leben: Immer müssen da irgendwelche Regeln eingehalten, Dinge auf eine ganz bestimmte, eben die „übliche“, die „deutsche“ Art und Weise gemacht werden, und jede Abweichung kommt einer Sabotage, einem Verrat gleich. Diese Lebenshaltung lässt logischerweise auch die Ehe zu Beanboat scheitern, die aus einer ganz anderen Welt kommt, sich mit dem Setzkastenleben von Diethard (und dem beschissenen Wetter) nicht anfreunden mag, aber sie ist auch der Grund, warum diese Katalogheirat überhaupt angestrebt wird. Eine Ehefrau ist auch nur ein weiterer Einrichtungsgegenstand, ein Ding, das einen Nutzen zu erfüllen hat (nämlich den Haushalt zu schmeißen, während Diethard arbeiten geht, und ihm Gesellschaft zu leisten). Man entscheidet sich nicht dazu, zu heiraten, weil man jemanden getroffen hat, mit dem man sein Leben teilen möchte, man will heiraten, weil das eben „dazugehört“, und sucht dann die passende Person dazu. Am besten ist es natürlich, wenn man dieses mühsame und lästige Gesellschaftsspielchen vom Kennen- und Liebenlernen gleich ganz weglassen und seine Frau aus dem Katalog auswählen kann. Die Frage, ob sie ihn denn auch gut findet, stellt sich gar nicht.

DIE PERLE DER KARIBIK ist abwechselnd zum Brüllen komisch, dann wieder ernüchternd bis erschreckend, tieftraurig und absolut hoffnungslos. Diethard ist ein Un-Mensch im Wortsinn, nicht wirklich böse, aber geradezu krankhaft humorlos, ungebildet, ohne jede Empathie, ohne Herz und Seele, ein bewusstseinslos durch eine triste Welt wuselndes Insekt. Aber irgendwie kann er einem auch Leid tun: Er hat keinerlei Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll, für die Anforderungen, die eine Freundschaft oder gar die Liebe stellt, ist er überhaupt nicht vorbereitet. Wie er am Ende in seiner nun wieder leeren Wohnung sitzt, ein langweiliges, sinnloses Leben in Einsamkeit vor sich, das ist schon schmerzhaft. Diethard ist das Zerrbild des kleinen Angestellten, der auf die Verlockungen, die ihm die Werbung anpreist, hereinfällt, nur noch dazu da ist, zu funktionieren, und irgendwann auf ein verschwendetes Leben zurückblickt. Die Rolle von Beanboat ist schwieriger zu definieren. Zunächst scheint sie nur das Opfer eines perversen Brauchs der Industrienationen zu sein, aber sie bricht aus diesem starren Korsett schnell aus und verwandelt sich dann in eine Art Engelsfigur, die dazu da ist, Diethard die Augen zu öffnen. Es gelingt natürlich nicht, weil Diethard bereits „fertig“ ist, nicht mehr in der Lage, sich auf andere Lebensentwürfe einzulassen oder auch nur darauf, alte Gewohnheiten abzulegen. Stattdessen versucht er, alles, was anders ist an ihr und sein Leben bereichern könnte, auszutreiben. Beanboat durchschaut das alles, aber bevor sie vor Langeweile umkommt, macht sie das Spielchen ein bisschen mit und amüsiert sich über die Kleingeistigkeit, die sie umgibt.

DIE PERLE DER KARIBIK erinnert zunächst stark an eine Verlängerung von Gerhard Polts berühmtem Mai-Ling-Sketch, geht dann aber andere Wege. Vielleicht ist er im Kontrast zwischen dem steifen, hölzernen Diethard und der Musik, Tanz und die freie Natur liebenden Beanboat ein bisschen zu schematisch. Ihre Figur ist offensichtlich in erster Linie nach den Anforderungen der Handlung gestaltet, auch wenn sie einige wunderschöne Szenen bekommt, in denen sie zum Leben erwacht: Einmal liegt sie allein im Bett und lässt ihre vernachlässigten und eingesperrten Brüste miteinander reden. Auch Diethard ist natürlich zuerst eine Karikatur, aber auch hier gibt es Brüche, etwa wie er, der doch sonst so akkurat ist, immer wieder in umgangssprachliche Vulgarismen verfällt. Und am Ende scheint er doch zu merken, was in seinem Leben falsch läuft, nur ist es da bereits zu spät. Stelzer ist mit DIE PERLE DER KARIBIK ein Film gelungen, der die in den letzten zehn, 15 Jahren zu großer Popularität gereiften Strategien der Fremdscham-Komödie vorwegnimmt und ein ziemlich erschreckendes Bild des seelischen Verfalls in der BRD zeichnet. Die Plattenbau-Monstrositäten, die da aus dem Boden getsampft werden, sind schon vor der Fertigstellung Ruinen der Zivilisation. Hier leben? Nein, danke.

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